DieNeuweltaffen oderBreitnasenaffen (Platyrrhini) sind eine Verwandtschaftsgruppe derPrimaten. Sie fassen alle ursprünglichen Primaten desamerikanischen Kontinents zusammen. Gemeinsam mit denAltweltaffen bilden sie die Gruppe derAffen. Insgesamt gehören zu den Neuweltaffen etwa 175 Arten in 20 Gattungen und 5 Familien.[1]
DieKrallenaffen (hier derWeißkopf-Büschelaffe) weichen in einigen Merkmalen wie den Krallen, den Zähnen und der Fortpflanzung von den übrigen Neuweltaffen ab.Nur bei den Neuweltaffen ist es bei einigen Arten zur Entwicklung eines Greifschwanzes gekommen – hier einGehaubter Kapuziner.
Neuweltaffen sind im Schnitt etwas kleiner als Altweltaffen, ihr Gewicht reicht von 100 Gramm (Zwergseidenäffchen) bis zu 15 Kilogramm (Spinnenaffen). Alle Arten sind an eine baumbewohnende Lebensweise angepasst, die Hinterbeine sind etwas länger als die Vorderbeine. Extreme Gliedmaßenproportionen, wie sie bei anderen Primatentaxa vorkommen, sind bei ihnen nicht bekannt. Der Schwanz ist mit Ausnahme derUakaris relativ lang, Neuweltaffen sind die einzigen Primaten, bei denen einige Vertreter (insbesondere dieKlammerschwanzaffen) einen Greifschwanz entwickelt haben. DieDaumen sind in den meisten Fällen nichtopponierbar.
Neuweltaffen haben eine breite Nase, deren Löcher nach außen gerichtet sind. Im Gegensatz zu den Altweltaffen haben sie keinen knöchernenGehörgang und es sind noch dreiPrämolaren vorhanden. Die meisten Vertreter haben auch dreiMolaren, nur bei den meistenKrallenaffen ist die Zahl der Molaren in Zusammenhang mit der Verzwergung reduziert. Daraus ergibt sich folgendeZahnformel:I2 C1 P3 M2/3, insgesamt also 32 oder 36 Zähne.
Neuweltaffen weisen eine geringere ökologische Bandbreite als die Altweltaffen auf. Alle Arten sind Waldbewohner, die sich die meiste Zeit auf den Bäumen aufhalten und sehr selten auf den Boden kommen. Möglicherweise bildeten aber einige Arten wie der ausgestorbeneKuba-Affe auch eine teils terrestrische Lebensweise aus, was bei den heute lebenden Neuweltaffen nicht mehr vorkommt.[2] Die meisten Arten sind tagaktiv, lediglich bei denNachtaffen hat sich eine nachtaktive Lebensweise entwickelt.
Auch die Ernährung ist variabel, die größeren Arten sind häufig reine Pflanzenfresser, die kleineren nehmen auch Insekten und andere Kleintiere zu sich.
Die frühere Zweiteilung inKrallenaffen (Callitrichidae) und „Nicht-Krallenaffen“ (Cebidae) hat sich als inkorrekt herausgestellt, da einige Vertreter der Nicht-Krallenaffen näher mit den Krallenaffen verwandt sind als untereinander. Heute werden die Neuweltaffen in bis zu fünf Familien unterteilt (die folgende Liste gibt die Systematik bis zur Gattungsebene wieder):
Innere Systematik der Neuweltaffen nach Schneider et al. 2015[3]
Die ersten drei Gruppen bilden eine gut belegte gemeinsame Abstammungslinie. Manchmal werden dementsprechend Krallen- und/oder Nachtaffen in die Kapuzinerartigen (Cebidae) eingefügt.
Die mit * gekennzeichneten Gruppen sind rezent und fossil in Südamerika belegt
Entwicklungsgeschichtlich stellen die Altweltaffen dasSchwestertaxon der Neuweltaffen dar. Wie die Vorfahren dieser Tiere nach Amerika gekommen sind, ist nicht restlos geklärt. Möglicherweise sind sie auf pflanzenbestandenenschwimmenden Inseln, die sich vonMangroven gelöst haben, über den damals viel schmalerenAtlantik getrieben worden. Dieser Vorgang fand vermutlich imEozän statt. Gleichzeitig mit den Vorfahren der Neuweltaffen kamen auch Vertreter anderer Affenlinien in Südamerika an. Hierbei handelt es sich um dieEosimiidae, dieParapithecidae und dieOligopithecidae. Alle drei sind heute erloschen. Zu den Eosimiidae wirdAshaninkacebus gezählt, dessen Reste in Form von Zähnen amRio Juruá im westlichenAmazonastiefland inBrasilien entdeckt wurden und auf einen sehr kleinen Angehörigen hinweisen. Das eigentliche Verbreitungsgebiet der Gruppe umfasste das heutigeEurasien undNordamerika. Die Parapithecidae wiederum stammen ursprünglich ausNordafrika. In Südamerika kamen einzelne Zähne vonUcayalipithecus an der Lokalität Santa Rosa inPeru, ebenfalls im westlichen Amazonastiefland zu Tage. Für beide Fundstellen wird ein Alter von rund 35 bis 32 Millionen Jahren angenommen, womit sie in den Übergang vom Eozän zumOligozän gehören. Von Santa Rosa stammen auch einzelne Zähnen, die unter dem GattungsnamenPerupithecus beschrieben wurden. Die Form galt ursprünglich als primitiver Vertreter der Neuweltaffen, steht allerdings wahrscheinlich den wiederum einst nordafrikanisch verbreiteten Oligopithecidae näher. WährendUcayalipithecus deutlich spezialisiert ist, könnenAshaninkacebus undPerupithecus aufgrund ihrer Zahnmorphologie durchaus in einer basalen Position zu den Neuweltaffen stehen und somit eine Art Ausgangsgruppe bilden.[6][7][5]
Die nach gegenwärtigem Stand eindeutig ältesten Neuweltaffenfossilien stammen mitBranisella undSzalatavus aus denSalla Beds in Bolivien[8][9] sowie mitCanaanimico aus derChambira-Formation wiederum im Amazonasgebiet Perus,[10] sie sind 10 Millionen Jahre jünger als die ältesten Affenfunde in Südamerika und werden in das Obere Oligozän datiert. Aus dem Unteren und MittlerenMiozän liegen mehrere Formen aus dem südlichen Teil Südamerikas vor. Zu ihnen gehörenChilecebus,Tremacebus,Dolichocebus,Homunculus oderCarlocebus. Sie traten dort vor etwa 20 Millionen Jahren erstmals auf, verschwanden aber wenig später wieder. Es wird teilweise angenommen, dass es sich um eineStammgruppe früher Neuweltaffen handelt, andere Autoren sehen sie dagegen in die Linien der heutigen Vertreter eingebettet.[11][10] In die Phase gehört auchParvimico, ein ursprünglicher Angehöriger der Neuweltaffen aus dem peruanischen Vorandengebiet mit unklaren Verwandtschaftsverhältnissen, der aber mit einem geschätzten Körpergewicht von rund 240 g den kleinsten bisher bekannten Fossilvertreter der Gruppe repräsentiert.[12]
Etwa in den gleichen Zeitrahmen wie die frühenpatagonischen Funde lassen sich Nachweise der Neuweltaffen aus dem nördlichen Teil des heutigen Doppelkontinents einstufen. Das bisher früheste Fossilmaterial dort besteht aus einigen Einzelzähnen vonPanamacebus aus derLas-Cascadas-Formation im Becken desPanama-Kanals, deren Ablagerungen in das Untere Miozän vor 20,9 Millionen Jahren datieren. Es handelt sich um einen kleineren Vertreter der Neuweltaffen mit einem Gewicht von rund 2,7 kg, der in einem engeren Verwandtschaftsverhältnis zu den heutigenKapuzineraffen steht. Auch hier ist eine Ausbreitung über den Seeweg anzunehmen, Nord- und Südamerika waren zu jener Zeit durch eine enge Meeresstraße getrennt.[13]
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