DieNeogotik (vonaltgriechischνέοςnéos, deutsch‚neu‘) oderNeugotik ist ein auf dieGotik zurückgreifenderhistoristischer Kunst- und Architekturstil des 19. Jahrhunderts. Die Neugotik (Adjektiv dazu:neugotisch) zählt zu den frühesten stilistischen Unterarten des Historismus, der auf verschiedene Kunst- und Architekturstile der vorausgegangenen zwei Jahrtausende in diversen Kulturen zurückgriff, nachdem sich zuvor derKlassizismus an derAntike, vor allem amgriechischen undrömischen Tempelbau, orientiert hatte. In ihrer Folge entstanden auch dieNeoromanik und dieNeorenaissance.
Im Mittelpunkt der Verbreitung der Neugotik stand ein umfassendes Bau- und Einrichtungsprogramm, das bis in die Literatur und den Lebensstil Einzug hielt. DieFormensprache der Neugotik orientierte sich an einem idealisierten Mittelalterbild. Ihre Blüte hatte sie in der Zeit von 1830 bis 1900. Unter der Auffassung, an Freiheit und Geisteskultur mittelalterlicher Städte anzuknüpfen, errichtete man in neugotischem Stil vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten, aber auch andere öffentliche Bauten wie Postämter, Schulen, Brücken oder Bahnhöfe.
NachErwin Panofsky war dasGothic Revival, wie es im Englischen genannt wird, von einerromantischen Sehnsucht nach einer nicht mehr zurückzuholenden Vergangenheit geprägt, wohingegen dieRenaissance danach getrachtet habe, dem Alten eine neue Zukunft abzugewinnen.[1]
In Deutschland führte die Neugotik einerseits zur „verfälschenden“ Überarbeitung originaler Bausubstanz, wobei original gotische ebenso wie barocke und andere ältere Bauten ohne jegliche Bedenken „neogotisiert“ wurden, andererseits konnten infolge des neu geweckten Interesses an den mittelalterlichen Stilen viele originale Bauwerke gerettet und renoviert werden, die man in vorausgegangenen Epochen weder geschätzt noch gepflegt hatte und die nur durch Zufall und Mangel an Mitteln, sie zu ersetzen, die Zeiten überstanden hatten. Die Neugotik erlosch in Deutschland weitgehend mit demErsten Weltkrieg, wurde aber danach teilweise vomHeimatschutz-Stil sublimiert. In manchen anderen Ländern wurden neugotische Kirchen vereinzelt noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet.
Neben enger Orientierung an mittelalterlichen Vorbildern wurden Bauten errichtet, deren Proportionen demRokoko oder demKlassizismus entsprachen, die aber mit gotischem Dekor ausgestattet waren. Im Englischen wird dieser Stil alsGothick (mit ‚-ck‘) bezeichnet. Typische Wohnbauten aus der Frühzeit der Neugotik sind das LandhausStrawberry Hill (Umbau ab 1749) des Schriftstellers und PolitikersHorace Walpole und das LandhausFonthill Abbey des ExzentrikersWilliam Beckford (1790er Jahre). Aber erst in den 1830er Jahren war der maßgebliche Durchbruch zu verzeichnen. WieGünther Binding in seinem Buch über Maßwerke[2] erwähnt, war im 19. Jahrhundert die englische Erforschung der Architekturgeschichte wesentlich durch das Bestreben motiviert, mittelalterliche Gotik stilecht nachzubauen.
Als größtes Gebäude in diesem Stil wurde zwischen 1840 und 1870 derPalace of Westminster von SirCharles Barry (1795–1860) unter Mitarbeit vonAugustus Welby Pugin (1812–1852), eines weiteren führenden Neugotikers Großbritanniens, errichtet.[3] Weitere bedeutende Architekten warenThomas Rickman (1776–1841),George Gilbert Scott (1811–1878),William Butterfield (1814–1900) undJohn Loughborough Pearson (1817–1897). Ein früher Vertreter war der SchotteJames Gillespie Graham (1776–1855), der vor allem Gebäude imScottish gothic style, der schottischen Spielart der Neugotik, entwarf. Noch nach Mitte des 20. Jahrhunderts erhielten in England mittelalterliche Kirchen neugotische Erweiterungen, das konnte ein zusätzliches Seitenschiff sein, oder ein großer mehrschiffiger Neubau an einem kleinen einschiffigen Ausgangsbau.
Auch in Deutschland gab es Rückgriffe auf ältere Gotik (im Unterschied zur späte Gotik fortschreibendenNachgotik), die weniger modische Laune als vielmehr restaurative Demonstration waren. Ein Beispiel für frühe Neugotik und frühe Neuromanik in diesem Sinne ist dieJesuitenkircheNamen-Jesu inBonn: Die Fassade zwischen den Türmen ist mit ihren antikisierendenPilastern und ihrer gebrochenen Attika zweifellosbarock, aber das Maßwerk ihrer Spitzbogenfenster ist kein spätgotischesFlamboyant, sondern zitiertHochgotik, und die Schallöffnungen der Türme zitierenRomanik. Innen sind zwar Altäre und Kanzel barock, aber die schlichtenKreuzrippengewölbe sind früh- bis hochgotisch, sie sind nicht spätgotisch figuriert und erst recht nicht mit barockemStuck zugepflastert.
Für die Gotik-Rezeption in Deutschland istJohann Wolfgang von Goethes 1773 veröffentlichter AufsatzVon Deutscher Baukunst von besonderer Bedeutung. Goethe beschrieb den deutschen BaumeisterErwin von Steinbach als angeblich alleinigen Erbauer desStraßburger Münsters sowie alsGenie und weckte schwärmerische Begeisterung für die damals noch weitgehend verachtetegotische Architektur, die nun als deutsche Baukunst verstanden und positiv bewertet wurde. Dass die gotische Baukunst historisch aus Frankreich stammte, war Goethe nicht bekannt. In der Folgezeit wurde die französische Herkunft vonnationalistischen Anhängern einer vermeintlich „deutschen“ Gotik jahrzehntelang bestritten oder auch ignoriert.
DieRomantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte in Deutschland zu einer Begeisterung für die mittelalterlichen Bauwerke, insbesondere für die großen Dome der Gotik und die Burgen. Wichtige Zeugnisse hierfür sindFriedrich Schlegels AufsatzGrundzüge der gotischen Baukunst, oder auch die romantischenLandschaftsbilder vonCaspar David Friedrich,Carl Gustav Carus,Julius von Leypold und dem vor allem als Architekt des Klassizismus bekanntenKarl Friedrich Schinkel. Im Zuge dieser neuen Mode konnten auch alte Bauruinen wie derKölner Dom (Wiederaufnahme des Baus 1846, Fertigstellung 1880) nach den Plänen des Mittelalters vollendet werden. Ähnlich ist es mit der Komplettierung desUlmer Münsters (Fertigstellung des Westturmes 1890), das im Mittelalter unvollendet abgeschlossen worden war, aber durchaus nicht als Bauruine. Andere gotische Kirchen wurden purifiziert, das heißt, von nachträglichen Änderungen nachfolgender Stilepochen befreit, vervollständigt und von vermeintlichen Fehlern bereinigt. Die Vollendungen verwendeten die originalen Baupläne, es sind also aus kunsthistorischer Sicht noch (zum überwiegenden Teil) Bauwerke der mittelalterlichen Gotik.
Eine große Zahl mittelalterlicher Kirchen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem sehr schlechten Erhaltungszustand. Viele wurden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit neugotischen Veränderungen erneuert, etliche in neugotischem Stil völlig ersetzt. Im niedersächsischen Bereich entstanden die Neubauten oft unter der Leitung von Conrad Wilhelm Hase. Mancherorts erhielt er aber vom Vorgängerbau mehr, als seine Auftraggeber gewünscht hatten.
Für neue Kirchen- und Profanbauten in den wachsenden Städten griff man gerne auf die gotische Architektur zurück und komponierte mit Formelementen aus dem reichen Erbe vorhandener Bauwerke eine neue idealisierte Architektur, die Neugotik. Dass dabei Formen des Kirchenbaus auch für Profanbauten verwendet wurden, ist keine neuzeitliche Wendung. Herausragende Beispiele für neugotische Repräsentationsbauten sind die Rathäuser in Großstädten wieWien,München und dem BerlinerBezirk Köpenick aber auch Mittelstädten wieHof undWeimar.
In dem einzigartigen historistischen Ensemble derHamburgerSpeicherstadt gibt es Beispiele der Neuromanik, Neugotik undNeorenaissance. In sehr vielen der Lagerhausfassaden sind die Elemente verschiedener Stile kombiniert,Eklektizismus.
Für die Innenausstattung, insbesondereAltäre undKanzeln der neuen und purifizierten Kirchen schuf man aufwändig geschnitzte Werke, die sich an die Elemente der Architektur anlehnen, aber ohne Vorbild waren. Diese Werke nannte man später abwertendSchreinergotik.
Die Glasmalerei erlebte ebenfalls eine neue Blüte, allerdings sind die neuen Werke realistischer und naturalistischer als die historischen Vorbilder. Viele derartige Ausstattungsgegenstände der Kirchen wurden ab 1960 aus Verachtung für die nachgemachten Stile wieder entfernt und zerstört.
Die Begeisterung für gotische Formen ließ im Deutschen Kaiserreich wieder nach, nachdem bekannt wurde, dass die Gotik keine deutsche, sondern ursprünglich eine französische Stilrichtung ist. Den gesuchten, typisch deutschen Stil glaubte man in derRomanik gefunden zu haben, worauf sich der Schwerpunkt auf romanische Formen verlagerte und dieNeuromanik ihre Blüte erlebte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es inNürnberg als lokale Besonderheit eine besondere Ausprägung der Neugotik, denNürnberger Stil, der an die hoch- und spätgotische Bautradition der Stadt anzuknüpfen versuchte. Zu den letzten Beispielen in Deutschland gehört die 1906 geweihtePaulskirche inMünchen vonGeorg von Hauberrisser. Auch die Martinus-Kirche inOlpe (geweiht 1909) ist im neugotischen Stil erbaut.
ImZweiten Weltkrieg waren neugotische Bauten besonders im deutschen Sprachraum massiven Zerstörungen ausgesetzt. Fast alle bedeutenden neugotischen Kathedralen blieben jedoch vom Zusammensturz verschont, auch wenn die Dachstühle vielerorts ausbrannten. Eine Ausnahme bildet hier dieNikolaikirche inHamburg, deren Schiffe nach den verheerenden Bombenangriffen der „Operation Gomorrha“ im Sommer 1943 zwar noch standen, deren Ruine aber im Jahr 1951 trotz Bürgerprotesten abgebrochen wurde. Nur der Turm ragt heute noch 147 m hoch aus dem Häusermeer (dasUlmer Münster ist nur 14 m höher). Er lässt die Größe der zerstörten Kirche erahnen, die sicherlich als eine der größten und prächtigsten gelten kann, die allein im Stil der Neugotik (ohne Teilstücke aus dem Mittelalter) erbaut worden sind.
Eine der herausragenden neugotischen Fertigstellungsaktionen mittelalterlicher Kathedralbauten betraf denVeitsdom. Hier war esVáclav Michal Pešina († 1859),Kanoniker am Veitsdom, der als Initiator des Weiterbaus im 19. Jahrhundert tätig war. Im Jahr 1859 wurde der Prager Dombauverein gegründet und 1861 begannen die Arbeiten.[8] Erster Dombaumeister dieser zweiten Bauphase warJoseph Kranner, ein Vertreter der Neogotik. 1873 wurdeJosef Mocker, ebenfalls ein Neogotiker, mit der Fertigstellung des Veitsdoms beauftragt. Von ihm stammt die umstrittene neogotische Westfassade mit ihren zwei Türmen. Der südliche, zur Stadt zugewandte Hauptturm wurde deswegen auch nicht mehr in seiner ursprünglich geplanten Form weitergeführt. Die endgültige Fertigstellung des Veitsdom nach mehrhundertjähriger Bauunterbrechung erfolgte 1929 durch Mockers NachfolgerKamil Hilbert. Am 29. September dieses Jahres wurde der Dom zum tausendjährigen Todestag desHl. Wenzel eingeweiht.[8] In bescheidenerem Ausmaß wurde auch die Brünner Domkirche um die Wende zum 20. Jahrhundert neugotisch verschönert. Zwischen 1889 und 1891 wurde dieKathedrale St. Peter und Paul (Brünn) um ein neogotisches Presbyterium erweitert und ein mächtiger Altar im gleichen Stil hinzugefügt. Auch die Glasfenster mit Szenen aus dem Leben der Kirchenpatrone stammen aus dieser Zeit. Die heutewahrzeichenhaften Türme wurden 1901–1909 durch den Wiener ArchitektenAugust Kirstein († 1939) erbaut.
Die Neogotik als Symbol nationalen (Wieder-)Aufstiegs spielte auch in Ungarn eine bedeutende Rolle. Zwischen 1873 und 1896 wurden etwa an derMatthiaskirche vonBudapest großzügige Umbauten und Erweiterungen nach Plänen vonFrigyes Schulek vorgenommen. ImZweiten Weltkrieg wurde die Matthiaskirche schwer beschädigt, jedoch 1950–1960 nach den Originalplänen von Schulek wieder aufgebaut. Der wohl größte neugotische Bau Ungarns ist das von 1885 bis 1904 errichteteParlamentsgebäude in Budapest. Die Wahl des Stils ist sicherlich vom Londoner Vorbild inspiriert, der Baukörper und die Aufteilung der Hauptfassade aber auch vom klassizistischenKapitol inWashington, D.C. beeinflusst.
Als erste neugotische Kirche in Frankreich wurde 1844 dieBasilika Notre-Dame de Bonsecours in der Normandie fertiggestellt. Einige bedeutende neugotische Kirchen sind Ersatzbauten für mittelalterliche Vorgänger, die erhalten aber baufällig oder auch nur zu klein geworden waren. Dazu gehört dieBasilika Saint-Epvre (1864–1871) inNancy inLothringen. An der Kirche St-Christophe inTourcoing nahe der belgischen Grenze sind nur noch Teile der Chorseitenschiffe mittelalterlich, die ganz übrige Kirche eine neugotische Neuschöpfung. In Frankreich war es der ArchitekturhistorikerEugène Viollet-le-Duc, der den Standpunkt vertrat, wer den Geist verstanden hätte, in dem ein Gebäude im Mittelalter errichtet worden war, dürfe es in diesem Geist vervollkommnen.[9] Fragwürdige Vermengungen von Rekonstruktion mittelalterlicher Bauten und neugotischen Zutaten gab es allerdings auch in anderen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland.
InBelgien hatten imErsten Weltkrieg vor allem die nordwestlichen Landesteile als Hauptkriegsschauplatz extreme Verwüstungen erlitten.Beim Wiederaufbau wurden mancherorts Kirchen auch dort in gotischen Formen errichtet, wo der Vorgängerbau ganz anders ausgesehen hatte, manchmal als vereinfachter Wiederaufbau nach demAchtzigjährigen Krieg des 16./17. Jahrhunderts, wie die Sint-Bavokerk in Westrozebeke,Gemeinde Staden, oder auch als Neubau wie die Sint-Godelievekerk (OE 23326) in Beitem, GemeindeRoeselare, beide inWestflandern.
In denNiederlanden hatte sich während des Unabhängigkeitskampfes gegen diespanischen Habsburger derCalvinismus als Staatsreligion durchgesetzt. Die in manchen Provinzen durchaus zahlreichenKatholiken hielten bis zur ZeitNapoleons ihre Messen im Untergrund. Nach ihrer Emanzipation errichteten sie allerorten Kirchen, die oft dasPatrozinium trugen, das vor der Reformation die nun protestantische Kirche des Ortes gehabt hatte. Diese katholischen Kirchen in den Niederlanden wurden zumeist in neugotischem Stil errichtet, teilweise nach zunächst einfacheren Bauten.
In der nordamerikanischen Architektur spielte die Neugotik eine große Rolle im Kirchenbau. In den ersten derartigen Kirchen wurden gotische Formen verwendet, ohne mittelalterliche Gotik vollständig zu kopieren. Ein frühes Beispiel ehrgeiziger Neugotik ist dieanglikanischeTrinity Church inNew York, erbaut 1839–46 vonRichard Upjohn. Die Entwicklung griff sodann auf andere Gebäudearten über. Bis 1852 ließ sich der New Yorker SchauspielerEdwin Forrest als Landsitz die neugotische Nachbildung einer Burg namensFonthill Castle errichten. Die 1888 begonnene anglikanische KathedraleSt. John the Divine inNew York, ab 1911 fortgeführt von Ralph Adams Cram, ist unvollendet, nachdem 1999 die Bauarbeiten vorläufig eingestellt worden waren (Angesichts der vielen unvollendeten mittelalterlichen Bauten hat das etwas von Stilechtheit.). Von Cram, Goodhue & Ferguson wurde 1907 St. Thomas an der Fifth Avenue begonnen. Neben den Kirchen waren es bevorzugt Universitätsbauten, die sich der neugotischen Formensprache bedienten, so derHarkness Tower derYale University, 1917–21 von James Gamble Rogers. An derUniversity of Pittsburgh übertrifft der 1929–37 von Charles Z. Klauder errichtete Turmbau derCathedral of Learning an Höhe bewusst denUlmer Münsterturm.[10]
Für viele der weltweit ersten Geschäftshochhäuser, die um 1910 bis 1920 in Städten wie New York oderChicago entstanden, bediente man sich gotischer Architekturformen. Nicht zufällig erinnert derTribune Tower in Chicago stark an den Hauptturm derKathedrale von Rouen. BeimWoolworth Building (vollendet 1913, in New York City) vonCass Gilbert ist sogar im Grunde eine Kathedrale inklusive ihrer Seitenschiffe als modernes Bürohochhaus verwirklicht worden.
In Kanada wurde die Neugotik zum bestimmenden Architekturstil für Regierungsgebäude in beinahe allen Provinzen. So sind zahlreiche Gebäude in der BundeshauptstadtOttawa, darunter dieParlamentsgebäude, die von 1859 bis 1876 errichtet wurden, im Stil der Neugotik gestaltet. Der Architekt war der renommierte Thomas W. Fuller, der zudem 1881 zumChief Dominion Architect ernannt wurde.[11]
Die venezianische Gotik war einer der bevorzugten Stile für öffentliche Bauten in Britisch-Indien. In den britischen Kolonien wurde der neogotische Stil auch mit einheimischer Architektur verquickt, beispielsweise beimChhatrapati Shivaji Terminus, 1878–1887 als Victoria Station errichtet. Das Empfangsgebäude ist eines der größten der Welt und seit 2004UNESCO-Weltkulturerbe. Kirchen wurden hingegen gerne in Anlehnung an britische Formen der Gotik errichtet.
Inspiriert von den neugotischen Bauten in Großbritannien entstand auch in den britischen KolonienAustralien undNeuseeland eine Reihe von neugotischen Bauten. Zu den bekanntesten Architekten, die Bauwerke in diesem Stil realisierten, gehören Benjamin Mountford undRobert Lawson. Insbesondere Kirchen wie dieFirst Church of Otago inDunedin wurden im neugotischen Stil errichtet. Auch bei einer Reihe von Wohnhäusern wurden zumindest Elemente der Neugotik eingearbeitet. So erinnert bei derVillaLarnach Castle, die Robert Lawson für einen neuseeländischen Politiker und Geschäftsmann errichtete, der Mittelteil an eine Burg. Umgeben ist dieser Teil jedoch von einer zweistöckigen verglasten Veranda, bei der die Träger aus Gusseisen sind. Die erst 2008 nach 108 Jahren Bauzeit fertiggestellteSt John’s Cathedral in Brisbane ist der letzte gebaute neugotische Dom der Welt.
Georg Germann:Neugotik. Geschichte ihrer Architekturtheorie. Stuttgart 1974.
Claudia Grund:Deutschsprachige Vorlagenwerke des 19. Jahrhunderts zur Neuromanik und Neugotik =Kataloge der Universitätsbibliothek Eichstätt 2. Harrasowitz, Wiesbaden 1997,ISBN 3-447-03852-7
Nikolas Werner Jacobs:Stil und Historizität. Philipp Hoffmanns Gotikrezeption und ihre Bedeutung für sein baukünstlerisches Werk. In:Nassauische Annalen. Bd. 125 (2014), S. 185–225.
Daniela Roberts:Projektionsfläche Garten – Kontextualisierung von Innen- und Außenraum im englischen Gothic Revival 1750–1815. In:Die Gartenkunst. 2020/2, S. 371–386.
Peter Vormweg:Die Neugotik im westfälischen Kirchenbau. Verlag Josef Fink, 2013,ISBN 978-3-89870-821-0.
Markus Jäger, Thorsten Albrecht, Jan Wilhelm Huntebrinker (Hg.):Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) Architekt, Hochschullehrer, Konsistorialbaumeister, Denkmalpfleger, Michael Imhof Verlag, 2019,ISBN 978-3-7319-0904-0