Im späten 20. Jahrhundert ist durch Einfluss derPopkultur eine Bedeutungsveränderung im Sinne eines ewigenGegenspielers, einesErzrivalen, einer Art persönlichenTodesengels, eines Todfeindes, eines nicht personifizierten Todbringers oder einer tödlichen Bedrohung eingetreten. Die Aussage „Ich bin deine Nemesis“ wird als „Ich bin dein Untergang“ statt als „Du bekommst, was du verdienst“ interpretiert.
Nemesis ist eine Tochter derNyx („Nacht“), entweder nur aus dieser geboren[1] oder die Tochter der Nyx und desErebos[2] bzw. Tochter desOkeanos.[3]
Zeus paarte sich mit Nemesis in der Gestalt einesSchwans, nachdem sie zunächst aus Scham und gerechtem Zorn vor seinen Nachstellungen geflüchtet war. Auf ihrer Flucht über das Meer verwandelte sie sich in einen Fisch, am Rand der Erde angelangt, schließlich in eine Ente oder Gans, mit der Zeus als Schwan dieHelena zeugte, um deretwillen schließlich derTrojanische Krieg geführt wurde.[4]
In einer anderen Version der Geschichte spieltAphrodite die Nemesis Zeus zu, indem sie sich alsAdler auf den Schwan stürzt, der sich in den Schoß der Nemesis „flüchten“ kann. In beiden Erzählungen wird das Ei zuLeda gebracht, die Helena aufzieht – wenngleich sie nicht selbst die Mutter Helenas ist.Schwan undAdler wurden zu den entsprechenden Sternbildern.[5]
Ihre Attribute sind mannigfach. Unter anderem hält sie einen Zweig vomApfelbaum in der Hand und wird von einemGreif begleitet.Wie die Erinys alsErinnyen kann auch Nemesis in der Mehrzahl(Nemeseis) angerufen werden.Zwei Nemeseis wurden inSmyrna verehrt, die bei dem dortigen HeiligtumAlexander dem Großen im Traum erschienen, als er erschöpft von der Jagd unter einerPlatane schlief: Sie forderten ihn zur Neugründung der Stadt Smyrna auf, wo sich ihre älteste Kultstätte befand. Das Orakel desApollon zu Klaros bestätigte den Auftrag.[8]
Dass im Unterschied zum modernen Verständnis die Göttin Nemesis mehr Richterin als Rächerin ist, macht derOrphische Hymnos „An Nemesis“ deutlich:
Ich rufe Dich, Nemesis! Höchste! Göttlich waltende Königin! Allsehende, Du überschaust Der vielstämmigen Sterblichen Leben. Ewige, Heilige, Deine Freude Sind allein die Gerechten. Aber Du hassest der Rede Glast, Den bunt schillernden, immer wankenden, Den die Menschen scheuen, die dem drückenden Joch Ihren Nacken gebeugt. Aller Menschen Meinung kennst Du, Und nimmer entzieht sich Dir die Seele Hochmütig und stolz Auf den verschwommenen Schwall der Worte. In alles schaust Du hinein, Allem lauschend, alles entscheidend. Dein ist der Menschen Gericht. […][9]
„Es ist des Wohllauts mächtige Gottheit,/ die zum geselligen Tanz ordnet den tobenden Sprung, /die, der Nemesis gleich, an des Rhythmus goldenem Zügel / lenkt die brausende Lust und die verwilderte zähmt.“
Daniela Bonanno:Nemesis. Rappresentazioni e pratiche cultuali nella Grecia antica (=Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge, Bd. 85). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2023,ISBN 978-3-515-13492-7. – Rezension von Emma Stafford, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 5,15.05.2025
Noel Deeves Robertson:Nemesis. The history of a Social and Religious Idea in Early Greece. Ithaca N.Y 1964,OCLC638349797 (Philosophische Dissertation, Cornell University, Ithaca NY, 1964).
Mary Scott:Aidos and Nemesis in the Works of Homer, and their relevance to Social or Co-operative Values. In:Acta Classica. Bd. 23, Nr. 1, 1980,ISSN0065-1141, S. 13–35, (Digitalisat (PDF; 1,54 MB)).
Hermann Posnansky:Nemesis und Adrasteia. Eine mythologisch-archäologische Abhandlung (=Breslauer philologische Abhandlungen. Band 5, Heft 2,ISSN0866-9155), Koebner, Breslau 1890, (Digitalisat).
Marion Tradler:Die Ikonographie der Nemesis. Mainz 1998DNB959198660 Dissertation, Universität, Mainz, 1998