DerNationalstaat ist einStaatsmodell,[1] das auf derIdee undSouveränität derNation beruht. Im BegriffNationalstaat fällt das Staatsgebilde mit dem Begriff der Nation zusammen.[2]Sprachliche,kulturelle oderethnischeHomogenität werden im Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung und Ziel eines (reinen) Nationalstaates benannt. Die Ideen der Nation und des Nationalstaats werden auch alsKonstrukte bezeichnet.
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Der Nationalstaat setzt einenStaat und eine Nation voraus. Beide sind aus historischen Entwicklungen entstanden und keine „natürliche“ Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Entstehende Nationalstaaten sollen – so die Anhänger der Nationalstaatsidee – die wesentlichen Teile des staatstragenden und meist auch namensgebendenVolkes (Titularnation) in sich vereinen (vgl.Selbstbestimmungsrecht der Völker). Dabei soll der staatstragende Teil derBevölkerung sich einer gemeinsamenKultur oderTradition verbunden fühlen.Idealtypisch gehören einem Nationalstaatalle Angehörigen eines Volkes und auchnur Angehörige dieses Volkes oder Kulturkreises an.
Dem Typus desgesellschaftlich einheitlichen Nationalstaates weitgehend angenähert sind heute zum Beispiel die InselstaatenJapan undIsland.[3] Weitaus komplizierter wird es für entstehende, sich als Nationalstaaten begreifende Staaten, wenn sich die Siedlungsgebiete verschiedener Völker überlappen. In diesem Fall kann der Versuch der Nationalstaatsgründung in einen Krieg ausarten, wenn Völker in den überlappenden Siedlungsgebieten ihren jeweiligen Nationalstaat auf demselben Territorium gründen wollen (z. B.Deutsch-Dänischer Krieg,Balkankriege,Nahostkonflikt). Konflikte können auch entstehen, wenn einzelne Völker mit ihrem Siedlungsgebiet aus einem integrierten Vielvölkerstaat austreten wollen. Man spricht dann von Separatismus oderSezession. Solches Streben nachSouveränität des eigenen Siedlungsbereichs und nach Emanzipation des eigenen Volkes findet sich regelmäßig dort, wo ein Volk eines von einem größeren Volk dominierten Vielvölkerstaats sich, seine Interessen oder seine Kultur als unterdrückt, unterrepräsentiert oder bedroht sieht. Da eine Trennung beziehungsweise Verkleinerung des Staatsgebietes meist nicht im Interesse des Vielvölkerstaates ist, kann der Interessenkonflikt zwischen den Völkern zu Bürgerkrieg (z. B.Jugoslawienkriege), Repression (z. B.Kurdistan), selten auch zu einem friedlichen Lösungsversuch (z. B.Québec,Drusen inIsrael) führen.
DerNationalismus ist eine Entwicklung der europäischenNeuzeit. Vorläufer der Nationalstaaten im europäischenMittelalter warenPersonalverbände, die aufgrund ihrer Orientierung und Abhängigkeit auf einenHerrscher, eineDynastie oder einengenossenschaftlich organisierten Herrschaftsverband auf die Kriterien, die einen Staat ausmachen, weitgehend verzichten konnten. Sie stabilisierten sich über die persönliche Bindung zwischen Herrschenden und Untertanen. Frühe Formen eines Nationalbewusstseins entwickelten sich in der Zeit derKreuzzüge, insbesondere in Frankreich unterLudwig VI. (1081–1137) und seit demAlbigenserkreuzzug unter einer vorherrschendenNationalreligion. Eine Ebene internationalerDiplomatie und eine frühe Form nationalstaatlichen Handelns bildete derWestfälische Friede von 1648, in dem sich mit dem Konzept desWestfälischen Systems Staaten alssouveräne Subjekte desVölkerrechts zu etablieren begannen.
Wo eine nennenswerte Anzahl Bürger eines Nationalstaates einem anderen Volk als dem tragendenStaatsvolk angehört, spricht man von einer Minderheit. Ideologische oder auch ethnische Minderheiten haben besonders in zentralistischen Staaten einen starken Drang nachAutonomie. Je nach Schweregrad vonZentralismus und Autonomiewunsch kann es zu unterschiedlich ausgeprägten Konflikten bzw. deren Lösung kommen.
Im Falle der Dänen inSüd- und der Deutschen inNordschleswig fühlen die Menschen sich kulturell einer Nachbarnation verbunden. Solchenationalen Minderheiten entstehen in Grenzgebieten, wenn nationale Grenzen zu Zeiten gebildet wurden, als der Begriff derNationalität noch nicht bestand oder wenn – wie bei diesem Beispiel – gemischte Siedlungsgebiete bestehen, die räumlich nicht getrennt werden konnten beziehungsweise auf eine gewaltsame Teilung (durchZwangsumsiedlung oderVertreibung) verzichtet wurde.
Die Sorben bilden alswestslawisches Volk eine Minderheit, die weitgehend geschlossen auf deutschem Staatsgebiet lebt und nie einen eigenen Nationalstaat gebildet hat.
Die Kurden leben dagegen als Minderheiten in mehreren Staaten, darunter der Türkei,Iran,Syrien und demIrak, ohne jemals einen eigenen Nationalstaat gebildet zu haben.
Saturierte (gesättigte) Nationalstaaten sollten eigentlich sehr friedliche Staaten sein. Sie haben keine Ansprüche an andere Länder und auch keinSendungsbewusstsein, das zu Eroberungsplänen führen kann.
Assimilation findet in der Regel im Laufe der Zeit immer statt, wenn die Minderheit kein Interesse hat, nicht groß genug ist oder nicht genug Durchsetzungskraft gegenüber der Mehrheit hat, einen eigenen Nationalstaat zu bilden oder sich dem Nationalstaat ihrer Nation anzuschließen. Im Laufe der Generationen ändert sich dieMuttersprache und damit auch Nationalität, kulturelles Zugehörigkeitsgefühl und eigene Identität. Ein Beispiel dafür sindElsässer undLothringer.
Bei Staaten mit unsicherem Umgang mit der eigenen Identität kann es zu Assimilationsdruck gegenüber der Minderheit kommen.
Separatismus ist der Drang der Bevölkerungsgruppe eines Nationalstaates aufgrund eigenständiger Kultur oder einer gegenüber der staatstragenden Ethnie unterschiedlichen Ethnizität einen eigenen Staat zu bilden oder sich einem anderen Staat anzuschließen. Beispiele hierfür sind dieBasken,Katalanen,Kurden,Albaner oder dieUiguren.
Zwischen den BegriffenSeparatismus undNationalismus besteht häufig nur ein perspektivischer Unterschied, abhängig vom Standpunkt des bestehenden Staates oder der Abspaltungsbefürworter.
Leben außerhalb der Grenzen des Nationalstaates Angehörige der staatstragenden Nation, können sich auch daraus politische Probleme ergeben. Bewohnen sie ein geschlossenes Gebiet, kann das zu der Forderung führen, dieses dem Nationalstaat anzuschließen, zum Beispiel seitensIrlands bezüglichNordirland. Hierfür steht der Begriff desIrredentismus (von dem italienischenirredenta für „unerlöst“).[4] Bewohnen sie kein geschlossenes Gebiet, kann das zu Rückführungsaktionen führen. Ein Beispiel sind dieSpätaussiedler inDeutschland.
Es wird bezweifelt, dass die Begriffsdefinition einerNation über gemeinsame Merkmale wieSprache, Tradition,Sitten,Bräuche oderAbstammung vollumfänglich erfüllt werden kann.[5]
Soziologen kritisieren die Vorstellung, alle Dauerbewohner eines Staates müssten ausschließlich Teil der zugehörigen Nation sein, sich zumindest aber bemühen, es zu werden. Gerade im Kontext zunehmendermixing cultures innerhalb jugendlicher Lebenswelten erschienen an nationalstaatlichen Kategorien orientierte Vorstellungen gesellschaftlicher und politischer Bildung wenig passgenau. Die zentrale Strategie für die Entwicklung des Nationalstaats sei die Homogenisierung von Sprache, Bildung und Lebensformen. Die Lebensarrangements Jugendlicher und junger Erwachsener mitMigrationshintergrund zeigten jedoch deutlich die integrierende Kraft einesDiversity Management, daspolitische Partizipation auf der Grundlage hybridisierter (Mehrfach-)Zugehörigkeiten begünstige.[6]
Als alternatives staatsbürgerschaftliches Konzept hat sich derVerfassungspatriotismus entwickelt. In der sozialwissenschaftlichen Literatur werden die BegriffeStaatsnation,Willensnation undKulturnation unterschieden.
Bassam Tibi:Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Islam und panarabischer Nationalismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987,ISBN 3-518-28250-6.
Alfred Schobert, Siegfried Jäger (Hg.):Mythos Identität. Fiktion mit Folgen. Unrast, Münster 2004,ISBN 3-89771-735-2 (= Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung:Edition DISS, Band 6).(international angelegter Überblick über Nationen- und Identitätenbildung)
↑Rüdiger Voigt:Weltordnungspolitik. Wiesbaden 2005,ISBN 3-531-14859-1, S. 177 f.; Stefan Heyms, Doris Lindner:„Schreiben für ein besseres Deutschland“. Nationenkonzepte in der deutschen Geschichte und ihre literarische Gestaltung in den Werken. Würzburg 2002,ISBN 3-8260-2257-2, S. 21.
↑Vgl.Duden,Deutsches Universalwörterbuch, 5. Auflage, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2003, Stichwort „Nationalstaat“.
↑David Chiavacci:Japans neue Immigrationspolitik. Ostasiatisches Umfeld, ideelle Diversität und institutionelle Fragmentierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, S. 35; Klaus Antoni:Legitimation staatlicher Macht: Das Erbe der kokutai-Ideologie. In:Gesine Foljanty-Jost, Anna-Maria Thränhardt (Hrsg.):Der schlanke japanische Staat. Vorbild oder Schreckbild? Springer, Wiesbaden 1995, S. 48–68, hier S. 66; Kevin P. Smith:Landnάm: The Settlement of Iceland in Archaeological and Historical Perspective. World Archaeology 26, Nr. 3 (Colonization of Islands), 1995, S. 319–347, hier S. 339.
↑Vgl.Karl Vocelka:Die Familien Habsburg und Habsburg-Lothringen. Politik – Kultur – Mentalität, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2010,S. 51.
↑Eric J. Hobsbawm:Nationen und Nationalismus: Mythos und Realität seit 1780. Campus, Frankfurt am Main 2005, S. 16.
↑Hans-Joachim Roth:Lebenssituation und politische Positionierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund – einige Thesen. In:Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 5, 26. Januar 2009 (online).