Historische Bedeutung von „Naher Osten“: Gebiete desOsmanischen Reiches außerhalb Europas von 1830 bis 1920
Der BegriffNaher Osten ist von einer europäischen Perspektive geprägt, die auf die desRömischen Reiches zurückgeht. Nach der endgültigenReichsteilung von 395 n. Chr. entstanden dasWeströmische Reich (Imperium Romanum Occidentalis) und dasOströmische Reich (Imperium Romanum Orientalis). Nach dem Ende des Weströmischen Reiches etwa um 476 n. Chr. vererbte sich der Titel „Kaiser des Abendlandes“(occidentalis) in das ReichKarls des Großen, das spätere „Heilige Römische Reich“, wohingegen deroströmische Kaiser den Nebentitel „Kaiser des Morgenlandes“(orientalis) trug. Es handelte sich daher um ein Rom-zentriertes Weltbild,[2] das in den Gebieten der römischen Nachfolgestaaten in Europa sowie imislamischen Reich[3] übernommen wurde. Aus dieser Sicht liegen die Länder des Nahen Ostens im „Osten“, wodurch weitreichende Überlappungen mit den Begriffen „Vorderasien“, „Orient“ und „Vorderer Orient“ bestehen.
Im Deutschen wird zwischen dem Nahen Osten, demMittleren Osten (Südasien,Afghanistan und oft auch Iran) und demFernen Osten (Ost- undSüdostasien) unterschieden. Verwirrung stiftet manchmal, dass die Region des Nahen Ostens im Englischen alsMiddle East und in vielen nahöstlichen Sprachen entsprechend übersetzt als „Mittlerer Osten“ bezeichnet wird, darunterarabisch الشرق الأوسط asch-scharq al-awsat,DMGaš-šarq al-ausaṭ,hebräischהמזרח התיכוןhaMizrach haTichon,türkischOrta Doğu,kurdischrojhilata navîn undpersisch خاور میانه,DMGḫāwar-e miyāne.Die G8-Definition vonMiddle East bezieht sogar das gesamte Nordafrika (Mittelmeeranrainerstaaten) mit ein.
Im Englischen existiert nebenMiddle East auch der BegriffNear East („Naher Osten“), der ursprünglich dem historischen Nahost-Begriff entsprach. Der britische BegriffNear East wurde ab etwa 1850 bis zum Ende des Osmanenreiches für denBalkan und dasOsmanische Reich ohne Iran benutzt.Middle East bezeichnete damals das Gebiet von Iran über Afghanistan und denKaukasus bis nachZentralasien. Wenn der Begriff „Near East“ heute noch verwendet wird, dann in nicht genau festgelegter Bedeutung. Viele benutzen ihn synonym mit „Middle East“, das amerikanische Wörterbuch Merriam Webster definiert ihn als die Länder in Südwestasien und Nordostafrika vonLibyen bisAfghanistan,[4] und Archäologen, Geographen und Historiker verstehen darunter vor allemAnatolien, dieLevante undMesopotamien.
In einem eher religiös-kulturellen Sinne wird meistOrient oderMorgenland für das Gebiet des Mittleren und Nahen Ostens im politischen oder geographischen Sinne verwendet; derVordere Orient ist dabei unscharf entsprechend derNahe Osten. DieWelt des Orients beschäftigte viele europäische Dichter und Schriftsteller, siehe zum BeispielJohann Wolfgang von GoethesWest-östlicher Divan,Hermann Hesses RomanDie Morgenlandfahrt oder die abenteuerlichen Orient-Erzählungen desHermann von Pückler-Muskau, dieBestseller waren und zur Erzählfigur desMünchhausen führten. Der Orient istkultur- undsittengeschichtlich eine Ansammlung von gegenteiligen Zuschreibungen und fantastischen Vorstellungen im Spiegelbild westlicher Kultur. Man kann sagen, dass der Orient in diesem religiös-kulturgeschichtlichen Sinne das ist, was derOkzident, dasAbendland, nicht ist.
Volker Perthes:Vom Krieg zur Konkurrenz – Regionale Politik und die Suche nach einer neuen arabisch-nahöstlichen Ordnung. Nomos Verlag, 2000,ISBN 3-7890-6712-1.
Volker Perthes:Geheime Gärten – Die neue arabische Welt. Goldmann, München 2003,ISBN 3-442-15274-7.
Jeremy Salt:The Unmaking of the Middle East. A History of Western Disorder in Arab Lands. University of California Press, 2008,ISBN 978-0-520-26170-9.
Jack M. Sasson (Hrsg.):Civilizations of the Ancient Near East. 4 Bände. New York 1995.
Alfred Schlicht:Die Araber und Europa. Kohlhammer, Stuttgart 2008.
↑Noch in der heutigenarabischen Welt wird zwischen „dem Ort des Sonnenaufgangs“ (arabisch المشرق,DMGal-Mašriq) östlich vom heutigen Libyen und „dem Ort des Sonnenuntergangs“ (arabisch المغرب,DMGal-Maġrib) westlich von Ägypten unterschieden, wobei diese geografische Trennlinie annähernd der Vorgängergrenzlinie zwischen dem West- und Oströmischen Reich nach dessen Teilung nach 395 n. Chr. entspricht.