Im März 2015 erfuhr sie im Flüchtlingslager vomSonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak, einem Landessonderkontingent des LandesBaden-Württemberg, das 1.000 traumatisierten Frauen und Kindern aus demNordirak die Chance auf psychotherapeutische Betreuung und einen neuen Anfang in Deutschland gab. Murad bewarb sich gemeinsam mit ihrer Schwester erfolgreich um Aufnahme in das Programm. Sie lebt seitdem anonym in Baden-Württemberg; zunächst zwei Jahre in einerGemeinschaftsunterkunft inHeilbronn, wo sie zwei Monate lang eine Vorbereitungsklasse der Johann-Jakob-Widmann-Schule besuchte, und seit Anfang 2017 im GroßraumStuttgart, wo sie zeitweise ein Büro unterhält.[9]
Nadia Murad empfängt den „Preis für den Frieden“ in Barcelona.Ein Plakat der Aussage von Nadia Murad vor dem UN-Sicherheitsrat am jesidischen Heiligtum in Lalisch, Irakisch-Kurdistan
Bereits früh sprach sie öffentlich über das Erlebte und über das Schicksal ihres Volkes, darunter im Dezember 2015 auch vor demSicherheitsrat der Vereinten Nationen. Am 16. September 2016 wurde sie dafür inNew York vonUN-GeneralsekretärBan Ki-Moon als „kämpferische und rastlose Verfechterin des jesidischen Volkes“ ausgezeichnet und zur Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel desBüros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) ernannt. „Die Jesidin hat in Händen der Terrormiliz unsäglichen Missbrauch und Menschenrechtsverletzungen erlitten und großen Mut dabei bewiesen, nun gegen solche Verbrechen anzukämpfen“, begründete Ban die Ernennung.
Murad kämpft seit Ende ihrer Gefangenschaft und ihrer Flucht nachDeutschland für die Anerkennung desVölkermordes an den Jesiden und spricht insbesondere die Situation der Frauen in Gefangenschaft an. Sie mahnt die internationale Gemeinschaft, nicht tatenlos zu bleiben, und setzt sich für eine internationale Strafverfolgung der IS-Verbrechen ein. „Der Islamische Staat will die organisierte Zerstörung des jesidischen Volkes“, sagte sie.[10] Seit September 2016 wird sie dabei von ihrer AnwältinAmal Clooney unterstützt, die die IS-Verbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen möchte.[11][12] Insgesamt wurden etwa 6500 Jesiden entführt, darunter 3500 Frauen und Mädchen, von denen noch immer 1700 in IS-Gewalt sind. Knapp 1300 Personen gelten als vom IS getötet, 2700 Kinder wurden zu Waisen.[13]
Im August 2024 jährte sich zum zehnten Mal der Beginn des Völkermords. Am 3. Juli wurde in der Stuttgarter Staatsgalerie der Opfer des Völkermords an den Jesiden gedacht. Zusammen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann enthüllte Murad eine Statue, die an das Leid der Jesiden erinnern soll. Die Skulptur stellt eine Mutter und ihre Kinder dar und die sie verbindende Waage weist aufJustitia hin. Inspiriert sei die Statue von einer Jesidin, die das erste Urteil in Deutschland gegen ein IS-Mitglied erstritt. Ein Jahr lang soll die Statue durch Europa reisen.[14]
Nachdem irakische Politiker ihre Unterstützung bei der Nominierung Nadia Murads zugesichert hatten, reichte dernorwegische PolitikerAudun Lysbakken nach einem Treffen mit Murad beim fünfköpfigen Nobelpreis-Komitee die Nominierung offiziell ein. „Wir möchten einen Friedenspreis, der die Welt dazu aufrüttelt, gegensexuelle Gewalt als Waffe im Krieg zu kämpfen“, erklärte Lysbakken gegenüber derNachrichtenagentur AP. Sie erhielt diese höchste Auszeichnung jedoch 2016 noch nicht.
Am 5. Oktober 2018 wurde Murad der Friedensnobelpreis 2018 zugesprochen.[17] Am 10. Dezember 2018 erhielt sie inOslo gemeinsam mitDenis Mukwege denFriedensnobelpreis.[4]
zus. mit Jenna Krajeski:Ich bin eure Stimme: Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft. Knaur, München 2017,ISBN 978-3-426-21429-9.
zus. mit Jenna Krajeski:The Last Girl: My Story of Captivity, and My Fight Against the Islamic State. Virago, London 2017,ISBN 978-0-349-00974-2 (englisch).
Mareike Graepel, Jan Hendrik Ax:Change is female. Frauen, die heute schon Geschichte schreiben. Knesebeck, München 2023,ISBN 978-3-95728-632-1, S. 108–113.
↑Haroon Siddique:Nobel peace prize 2018 won by Denis Mukwege and Nadia Murad – live updates. In:The Guardian. 5. Oktober 2018,ISSN0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 5. Oktober 2018]).