
EinMusen-Almanach ist eineliterarische Publikationsform, die sich um 1770 in Deutschland etablierte und auch im19. Jahrhundert sehr beliebt war.
Vorbild der in Göttingen und Leipzig erschienenen ersten deutschen Musen-Almanache war sowohl im Inhalt als auch im Titel der seit 1765 inParis beim VerlegerDelalain erscheinende, vonClaude-Sixte Sautreau de Marsy herausgegebeneAlmanach des Muses. Inhalt dieses und der nachfolgendenAlmanache waren zum einen literarische Notizen und Rezensionen, zum anderen Erstveröffentlichungen neuer (meist kurzer) Gedichte.
Der bekanntere unter den beiden ersten deutschen Musen-Almanachen war der vonJohann Christian Dieterich ab 1770 verlegteGöttinger Musenalmanach (GMA), der bis zum Jahre 1802 inGöttingen (und danach noch bis 1805 an anderen Verlagsorten) erschien. Die Anregung zu dieser Publikation kam vom Göttinger MathematikerAbraham Gotthelf Kästner, Herausgeber des GMA warHeinrich Christian Boie (gemeinsam mitFriedrich Wilhelm Gotter).
Schon bald wurde der GMA das Sprachrohr der dichtenden Studenten desGöttinger Hainbunds:Johann Heinrich Voß,Ludwig Hölty,Johann Martin Miller und sein VetterGottlob Dietrich Miller,Johann Friedrich Hahn,Johann Thomas Ludwig Wehrs, späterJohann Anton Leisewitz und andere. Nach Herausgabe des Almanachs auf das Jahr 1774 übertrug Boie die Redaktion an Voß, der allerdings bald nach Hamburg umzog (und dort einen eigenen konkurrierenden Almanach herausgab). Daraufhin wurde im Frühjahr 1775Leopold Friedrich Günther von Goeckingk der neue Herausgeber. Ab 1776 warGottfried August Bürger Mitherausgeber, ab 1779 dann alleiniger Herausgeber. Nach Bürgers Tod übernahm 1795Karl Reinhard die Redaktion.
Zeitgleich erschien inLeipzig derLeipziger Almanach der deutschen Musen (AdM). Der VerlegerEngelhard Benjamin Schwickert, damals als Raubdrucker berüchtigt, kopierte mehr als nur die Idee des Dieterich’schen Musen-Almanachs und brachte es tatsächlich fertig, seine erste Ausgabe (einschließlich 19 aus dem Göttinger Musenalmanach 1770 „geraubter“ Beiträge) nochvor dem Erscheinen des „Originals“ zu veröffentlichen: seinAlmanach auf das Jahr 1770 erschien bereits 1769. Herausgeber des Leipziger Almanachs warChristian Heinrich Schmid, veröffentlicht wurden unter anderem Werke vonFriedrich Gottlieb Klopstock,Christian Fürchtegott Gellert,Johann Wilhelm Ludwig Gleim undKarl Wilhelm Ramler. Ab 1776 erschien das Werk unter dem neuen TitelLeipziger Musen-Almanach (HerausgeberFriedrich Traugott Hase), ab 1782 übernahm Verleger Schwickert den Herausgeberposten. Die letzte Ausgabe erschien im Jahre 1787.
Der dritte deutsche Musen-Almanach war der vonJohann Heinrich Voß (nach seinem Umzug nach Hamburg) herausgegebeneHamburger Musenalmanach. Die erste Ausgabe, von Voß 1776 noch im Selbstverlag herausgebracht, wurde ein finanzieller Verlust; für das Jahr 1777 fand Voß dann den Hamburger VerlegerCarl Ernst Bohn, der die weiteren Bände veröffentlichte. Über die gesamte Zeitspanne war Voß Herausgeber der (daher auchVossischer Musenalmanach genannten) Bände, von 1779 bis 1786 allerdings gemeinsam mit Goeckingk.
Ab 1777 erschien auch einWienerischer Musenalmanach (seit 1786 unter dem TitelWiener Musen-Almanach), der zum Sprachrohr junger Autoren der österreichischen Aufklärung wurde. Herausgeber war zunächstJoseph Franz von Ratschky, Mitherausgeber ab 1781Aloys Blumauer, später auchGottlieb Leon (1757–1830) undMartin Joseph Prandstätter. Die letzte Ausgabe wurde 1796 veröffentlicht.Andere ähnliche Almanache waren von geringerem Erfolg, auchFriedrich Schillers 1782 nur einmalig veröffentlichteAnthologie.

Zur bekanntesten Sammlung dieser Art wurde dann Schillers zweiter Versuch: Der von 1796 bis 1800 von ihm herausgegebeneMusenalmanach. Die ersten Bände erschienen bei dem HofbuchhändlerSalomo Michaelis in Neustrelitz. Namhafte Kollegen Schillers wieJohann Wolfgang Goethe,Johann Gottfried Herder,Ludwig Tieck,Friedrich Hölderlin undAugust Wilhelm Schlegel schrieben für seinen Almanach. Schiller selbst veröffentlichte in seinemMusenalmanach für das Jahr 1797 die gemeinsam mit Goethe verfasstenXenien, in denen sie literarische Missstände verspotteten, und imMusenalmanach für das Jahr 1798 einige Balladen, darunter auch denRitter Toggenburg.
Auf Schillers Almanach folgten die Musenalmanache vonAugust Wilhelm Schlegel undLudwig Tieck (Tübingen 1802), vonJohann Bernhard Vermehren (Leipzig 1802 und Jena 1803), derMusenalmanach vonAdelbert von Chamisso undKarl August Varnhagen von Ense (1804–1806), dasPoetische Taschenbuch vonFriedrich Schlegel (Berlin 1805–1806) und der Musenalmanach vonLeo von Seckendorf (Regensburg 1807–1808).Diese Form der Musenalmanache wurde bald durch dasTaschenbuch verdrängt.
Erst als diese Literatur alles Metrische, diePoesie, aus ihrem Inhalt verdrängte, entstand wieder ein Bedarf für Sammlungen, die das beste Neue aus dem Gebiet derlyrischen und der lyrisch-epischen Poesie in Auswahl herausgaben.So erschienen 1830 zwei Musenalmanache nebeneinander: der eine vonJohann Amadeus Wendt in Leipzig (1830–1839) herausgegeben, seit 1833 von Chamisso undGustav Schwab übernommen, erschien alsDeutscher Musenalmanach bis 1841, zuletzt vonTheodor Echtermeyer undArnold Ruge herausgegeben,[1] der andere alsBerliner Musen-Almanach vonMoritz Veit herausgegeben, erlebte nur zwei Jahrgänge (1830–1831).
Danach erschienen noch eine Reihe weiterer kurzlebiger Musenalmanache, soEmil WebersNorddeutscher Musen-Almanach (Hannover, 1857–58), derOst- und Westpreussische Musenalmanach (späterPreussischer Almanach, Königsberg und Berlin, 1856–63) sowie Almanache von Vertretern der „jüngstdeutschen Lyrik“ und von Studenten. InSchwerin erschien Ende der zwanziger/Anfang der dreißiger Jahre der Schweriner Musen-Almanach (1927 bis 1929) bzw. der Mecklenburgische Musen-Almanach (1930 bis 1933), herausgegeben und verlegt vonChristoph Dittmer im Lyra-Verlag.



Die Tradition der Musenalmanache wurde von der akademischen Jugend aufgenommen und fortgesetzt. Sie hat seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts, während des ganzen 19. Jahrhunderts und bis ins 20. Jahrhundert hinein – neben vereinzelten studentischen Gedichtsammlungen – eine Reihestudentischer Musenalmanache hervorgebracht, wenn auch selten als echtePeriodika. Diese Veröffentlichungenminorer Dichtung erschienen in verschiedenen Universitätsstädten des deutschen Sprachgebiets. Sie gaben den jungen Autoren Gelegenheit, sich mit ihren„Etüden poetischer Nebenstunden“[2] einem breiteren Publikum vorzustellen. Ihre Werke, die„keinen Anspruch erheben […], etwas Vollendetes und Ausgereiftes zu bieten“[3] wurden in der Regel mit Wohlwollen betrachtet, da sie„durchgehends die Schutzmarke der Jugendlichkeit ihrer Verfasser an der Stirn“[4] trugen.
Die Gedichttexte sind als historische Dokumente sozial-ästhetischer Tradierung bemerkenswert, durch diepoetologischeNormen als sog.Abweichungsregularitäten von deneingeschliffenen Systemen desTrivialen[5] beschreibbar werden und deren literatur-ästhetische Veränderungen in der Zeit – von der singulärenMetapher zum massenhaftenKlischee – sich belegen undempirisch-quantitativ analysieren lassen.[6]
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