Multimenge ist ein Begriff, der denMengenbegriff aus derMengenlehre variiert. Die Besonderheit von Multimengen gegenüber dem gewöhnlichen Mengenbegriff besteht darin, dass die Elemente einer Multimenge mehrfach vorkommen können. Dementsprechend haben auch die für Multimengen verwendeten Mengenoperationen eine modifizierte Bedeutung.
In derInformatik stellen Multimengen (dort auch engl.Multiset oderBag genannt) eine nützliche Datenstruktur dar. Beispielsweise behandelt die DatenbankspracheSQL Tabellen standardmäßig als Multimengen.
EineMultimenge
über einerMenge
ist eine Abbildung von
in die Menge dernatürlichen Zahlen
. Die Zahl
gibt an, wie oft das Element
in der Multimenge
vorkommt. Die Menge aller Multimengen über
kann als
geschrieben werden. Im Weiteren wird jedoch, um vertikalen Platz zu sparen,
verwendet.
Diereduzierte Grundmenge (engl.support) einer Multimenge
über
ist die Menge
der relevanten Elemente von
, in Formeln:
.
Eine Multimenge
heißtTeil(multi)menge einer Multimenge
, wenn jedes Element der reduziertenGrundmenge von
in
mindestens so häufig vorkommt wie in
. Formal:
.
Zwei Multimengen
und
sind gleich, wenn ihre reduzierten Grundmengen gleich sind und die Vielfachheiten übereinstimmen. Sie sind dann auch in beiden Richtungen Teilmultimengen voneinander.
Obige Definition mit Zulassung des (eigentlich irrelevanten) 0-Wertes ist eine Verallgemeinerung derIndikatorfunktion bei den gewöhnlichen Mengen. Sie ermöglicht die Bereitstellung eines „Universums“ als Grundmenge, auf welches alle fraglichen Multimengen bezogen werden, und vereinfacht in der Folge Handhabung und Vergleich.
Anschaulich ist eine Multimenge eine Menge, in der jedes Element beliebig oft vorkommen kann. Mengen sind in diesem Sinne ein Spezialfall von Multimengen, bei denen jedes Element nur genau einmal vorkommt.
Man notiert Multimengen wie Mengen explizit mit geschweiften Klammern und schreibt ein Element so oft hinein, wie es in der Multimenge vorkommt.Um Multimengen von normalen Mengen zu unterscheiden, wird bei ihrer Aufzählung gelegentlich auch ein kleines
(für engl.bag) als Index angefügt.Einige Autoren benutzen stattdessen modifizierte Klammern:
.[1]Unicode stellt öffnende und schließende Multimengen-Klammern U+27C5 ⟅LEFT S-SHAPED BAG DELIMITER und U+27C6 ⟆RIGHT S-SHAPED BAG DELIMITER bereit.
Im Vergleich:



Es sei
die Multimenge über
mit
,
und
. Dann schreibt man also
oder
oder
.
Man nehme einen Würfel und würfele 20-mal hintereinander. Dann kann es sein, dass man
- 3-mal eine 1
- 2-mal eine 2
- 4-mal eine 3
- 5-mal eine 4
- 3-mal eine 5 und
- 3-mal eine 6
geworfen hat. Die Grundmenge ist dann
; die Vielfachheit der
ist 4; also
. Die Multimenge listet jeden Wurf auf, wobei die Reihenfolge außer Acht gelassen wird:

Ein anderes Beispiel ist etwa die Primfaktorzerlegung von 120:

Sie lässt sich als Multimenge
interpretieren.
Die Anzahl der
-elementigen Multimengen über einer
-elementigen Menge
wird (analog zu denBinomialkoeffizienten) als
bezeichnet. Dies lässt sich gut als Binomialkoeffizient ausdrücken:

solange
und
. Falls
, so ist die kombinatorische Größe sinnvoll definiert als
. In allen anderen Fällen ist sie gleich
.
Dies gibt die Anzahl der möglichen Ausgänge beim Ziehen von unterscheidbaren Kugeln aus einerUrne an, wenn die Reihenfolge nicht beachtet wird und jede gezogene Kugel wieder in die Urne zurückgelegt wird, nachdem sie gezogen wurde (sieheKombination mit Wiederholung).
Werden aus einer Urne mit 5 Kugeln nacheinander 10 gezogen, wobei jede gezogene Kugel wieder zurückgelegt wird, so gibt es

mögliche Kombinationen, wenn die Reihenfolge der gezogenen Kugeln nicht beachtet wird.
Bezeichne mit
die Anzahl der möglichen Multimengen über einer
-elementigen Menge
, sodass jeder Elementtyp
mindestens
-mal vorkommt. Dann ist es leicht zu sehen, dass es sich, sobald die insgesamt
obligatorischen Vorkommnisse von den
Multimengenobjekten entfernt sind, um eine kombinatorische Aufzählung der ersten Art handelt. Genauer gesagt:

Gemäß der o. s. Information gilt näher

solange
. Falls
, so ist die kombinatorische Größe sinnvoll definiert als
. In allen anderen Fällen ist sie gleich
.
Bezeichne mit
bzw.
die Anzahl der möglichen Multimengen über einer
-elementigen Menge
, so dass jeder Elementtyp
zwischen
und
Mal (bzw. zwischen
und
Mal) vorkommt. Dies wirdregelmäßige Kombination genannt. Mittels kombinatorischer Argumente erhält man die geschlossenen Form:

und analog für die
-Variante.Zur Herleitung[2] dieser kombinatorischen Größe betrachte man die Mengen


und erkennt sofort, dass
und
.Man sieht, dass
, sodass
. Mittels einer Bijektionskonstruktion beweist man außerdem, dass
für alle
mit
. Anhand dieser Erkenntnisse sowie derInklusion-Exlusion-Formel für die Kardinalität einer endlichen Vereinigung lässt sich die o. s. geschlossene Form berechnen. Analog kann man die
-Variante herleiten.
Um eine
-elementige Multiset über
Elementtypen summiert man über die Möglichkeiten für die
ersten Elementtypen gegeben die möglichen Werte für die Anzahl des letzten Elemententtyps. Mathematisch ausgedrückt bedeutet dies
.Die Summendarstellung der beschränkten kombinatorischen Größe ermöglicht nun die Berechnung ihrer kumulativen Summe:

Anhand der Mengen von Multimengen im o. s. Abschnitt, lässt sich ersehen, dass die Gesamtzahl der Multimengen über
Elementen sowie Kapazitätsbeschränkungen gegeben ist durch
.Dementsprechend kann man die komplementären Summen wie folgt bilden

Die o. s. Ergebnisse gelten analog für die
-Variante.Diese Summen sind u. a. bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten wichtig.
Die beschränkte kombinatorische Größe kommt vor, wenn
Typen von Objekten vorhanden sind, davon
bis
(bzw.
–
) Kopien pro Typ, und man berechnen will, wie viele
-Kombinationen man daraus selektieren kann (ohne Rücksicht auf die Reihenfolge). Beispielsituationen:(1.)
Kartenfarben, davon
Karten und
Anzahl der Karten. Dann ist
die Anzahl der möglichen Hände.(2.)
Anzahl der Molekülarten mit jeweils
Teilchen und
Anzahl der Teilchen, die in ein Gefäß fließen. Dann ist
die Anzahl der möglichen Mischungen.
Eine Multimenge über Multimengen über
kann unter Beachtung der Vielfachheiten vereinigt werden. Dies leistet
, mit

Eine Funktion
kann erweitert werden zu einer Funktion
, wobei

Zusammen mit
mit

haben wir es mit einerMonadenstruktur zu tun.
DerFunktor
sowie
lassen sich auch auf eine andere nützliche Operation zurückführen.
erweitert eine Funktion
zu einer Funktion
, und zwar durch

Mit Hilfe dieser Operation kann
und
gesetzt werden.
Die (große)Vereinigung zweier Multimengen über derselben Grundmenge
kann entweder direkt als

oder mittels

angegeben werden.
Alskleine Vereinigung zweier Multimengen wird die kleinste Multimenge
,
die beide umfasst, angesehen.
DerDurchschnitt zweier Multimengen über derselben Grundmenge
ist anwendungsspezifisch. Es gibt
, sowie
Die zweite Definition lässt sich auf obiges
zurückführen, wenn zusätzlich eine weitere Operation eingeführt wird. Sei
, dann ist
definiert durch
.
Der Durchschnitt im zweiten Sinne ergibt sich dann als
mit

Für dieDifferenz zweier Multimengen über derselben Grundmenge
gibt es ebenfalls mindestens zwei sinnvolle Definitionen.


Für beide gilt
und
. Welche die richtige ist, hängt vom Anwendungsfall ab.
Bemerkung:
Seien
Multimengen über den Primzahlen. Mit
und
als ausmultiplizierten Multimengen haben wir:
Behält man die im vorangegangenen Abschnitt definierten Operationen bei, erhält man durch Variation der Vielfachheitenmenge verwandte Strukturen.
- Reelle Vielfachheiten im Intervall
ergeben Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Die Multimengen-Grundmenge wird zur Menge möglicher Ereignisse. Die
-Operation rechnet Funktionen, die auf der Basis von eingetretenen Ereignissen Wahrscheinlichkeitsverteilungen anderer Ereignismengen erzeugen, in solche um, die mit Wahrscheinlichkeitsverteilungen als Eingabe umgehen können. Vergleiche auchFuzzymengen. - Lässt man für die Vielfachheiten Körperelemente zu und definiert zusätzlich eine Skalierung, werden Multimengen überA zu Vektoren eines Vektorraums mit einer Basis, die durchA indiziert wird.
verkörpert dabei die Tatsache, dass es für die Festlegung einer linearen Abbildung ausreicht, die Bilder der Basisvektoren festzulegen. Auf ähnliche Weise rechnet
Funktionen auf Basisindexpaaren in bilineare Abbildungen um.
- ↑Cristian S. Calude, Gheorghe Păun, Grzegorz Rozenberg, Arto Salomaa, Multiset Processing: Mathematical, Computer Science, and Molecular Computing Points of View Springer Verlag 2001,ISBN 3-540-43063-6, S. 105
- ↑John Riordan:An Introduction to Combinatorial Analysis. John Wiley & Sons Inc., 1958, Permutation and combinations,S. 16 (englisch).