Michael Tomasello beschäftigt sich mit derEvolution der menschlichenSprache, auch um den Unterschied zwischenMenschen undTieren zu beschreiben. Dies führte zu der Entwicklung des Konzeptes der geteilten Intentionalität (shared intentionality oder auchWir-Intentionalität):[4][5]
Die menschliche sprachliche Kommunikation ist aus der gestischen Kommunikation hervorgegangen.
Es gibt prinzipiell zwei verschiedene Artengestisch zu kommunizieren, Zeigegesten und ikonische Gesten.Ikonische Gesten wurden in derphylogenetischen Entwicklung des Menschen durch Sprache ersetzt, Zeigegesten werden zusätzlich verwendet.
Die gestische Kommunikation setzt ein Verstehen derIntentionen des Gegenübers voraus. Das Auffordern erfordert hierbei lediglich dasempraktische Verständnis dersubjektiven Intentionen des Gegenübers, Informieren und Teilen hingegen erfordern eine geteilte Intentionalität,mit anderen zusammen an kooperativen Aktivitäten mit geteilten Zielen und gemeinsamen Absichten teilzunehmen.Menschenaffen können Intentionen von anderen Affen und Menschen erfassen und kommunizieren gestisch, um aufzufordern. Aber nur Menschen kommunizieren zum Zweck des Informierens und des Teilens, weil nur sie Intentionen aufeinander abstimmen.
Das Teilen führte zu einem starken Gruppenzusammenhalt. Gruppenselektionsdruck führte zur Bildung vonGruppennormen.
Konventionale Sprachen gingen aus der gestischen Kommunikation hervor, wobei Zeigegesten weiter die sprachliche Kommunikation ergänzen. Ikonische Gesten wurden durch sprachliche Äußerungen ersetzt. Durch eineDrift (Gesten werden durch mangelndes Verständnis des gemeinsamen Hintergrunds in der Gemeinschaft falsch interpretiert, wobei sich nach und nach eine neue Bedeutung der Gesten durchsetzte) veränderten sich die Bedeutungen von Gesten, weg von einernatürlichen hin zu einer arbiträren Bedeutung.
Die Evolution von der auffordernden Kommunikation über die informierende Kommunikation zur teilenden Kommunikation ging einher mit einer zunehmenden Komplexität der zugehörigenGrammatiken. Seine Theorie steht im Gegensatz zur angeborenenUniversalgrammatik beiNoam Chomsky, da für ihn das Sprechen nur ein Fall von Kooperation und Kommunikation ist.[6]
Das Konzept beruht u. a. auf umfangreichen empirischen Studien zur Kommunikation von Menschenaffen, demSpracherwerb von Kindern und derGehörlosenkommunikation.
2011 zeichnete ihn dieJacobs Foundation mit dem Klaus J. Jacobs Forschungspreis aus, und von derBritish Academy erhielt er den Wiley Prize in Psychology.[9]
2015 erhielt er den Distinguished Scientific Contribution Award der American Psychological Association (APA), der zugleich die höchste wissenschaftliche Auszeichnung dieser Gesellschaft ist.[11]
Primate Cognition. mit Josep Call. Oxford University Press, 1997.ISBN 978-0-19-510624-4.
Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.ISBN 978-3-518-29427-7.
Constructing a Language: A Usage-Based Theory of Language Acquisition. Harvard University Press, 2005.ISBN 978-0-674-01764-1.
Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011.ISBN 978-3-518-29604-2. (Originaltitel: Origins of Human Communication.)
Warum wir kooperieren. Suhrkamp Verlag Berlin 2010.ISBN 978-3-518-26036-4. (Originaltitel: Why We Cooperate)
Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Berlin : Suhrkamp 2014,ISBN 978-3-518-58615-0. (Original: A Natural History of Human Thinking).[15]
Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder (Im Original erschienen unter dem TitelA Natural History of Human Morality) (Harvard University Press), Suhrkamp, Berlin 2016,ISBN 978-3-518-58695-2.
Becoming Human : A Theory of Ontogeny. Harvard University Press 2019.ISBN 0-674-98085-9. (dt.:Mensch werden : eine Theorie der Ontogenese. Suhrkamp 2020.ISBN 978-3-518-58750-8.)
The Evolution of Agency: Behavioral Organization from Lizards to Humans. The MIT Press 2022. (dt.:Die Evolution des Handelns: Von den Eidechsen zum Menschen. Suhrkamp 2024.ISBN 978-3-518-58812-3.)
Jörg Phil Friedrich:Die Evolution des Handelns von Michael Tomasello: Wir handeln wie ein Laubsauger. Was unterscheidet den Mensch von der Eidechse, fragt Michael Tomasello. In:der Freitag. 12. April 2024 (freitag.de).
Mathias Greffrath:Das Tier, das "Wir" sagt. Michael Tomasello sucht nach der Einzigartigkeit des Menschen und findet sie in dessen Kooperationsfähigkeit. In:Die Zeit. 8. April 2009 (zeit.de).
Jürgen Habermas:Es beginnt mit dem Zeigefinger. Rezension vonDie Ursprünge der menschlichen Kommunikation. In:Die Zeit. 10. Dezember 2009 (zeit.de).
↑Michael Tomasello, Malinda Carpenter, Josep Call, Tanya Behne, Henrike Moll:Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition. In:Behavioral and Brain Sciences. 28, 2005,doi:10.1017/S0140525X05000129. (online; PDF; 1,1 MB)