Barclay de Tolly entstammte einerdeutschbaltischen Familie mit schottischen Wurzeln (Clan Barclay), die im 17. Jahrhundert inLivland ihre Heimat gefunden hatte. Michael Andreas (Michael Bogdanowitsch) wurde 1761 als Sohn von Weinhold-Gotthard Barclay (1734–1781, russische Quellen gaben ihm den Namen Bogdan) und der Pfarrerstochter Margaret Elizabeth von Smitten (1733–1771) inPomautsch inPolen-Litauen geboren. Michael Andreas trat bereits mit 15 Jahren in dierussische Armee ein und nahm an den Kämpfen gegen dieTürken (1788–1789) und gegen dieSchweden undPolen (1790 und 1794) teil. Er wurde 1798Oberst und 1799 in den Rang einesGeneralmajors erhoben. Barclay de Tolly war Mitglied derAkademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt.
Am 1. Februar 1810 wurde er zum Kriegsminister ernannt; während dieser Zeit trug er durch Verdoppelung des Heeres und den Bau von Festungen wesentlich zur Stärkung der russischen Armee bei.
Mitte März 1812 verließ er St. Petersburg und begab sich nachWilna, um Anfang April den Befehl über die 1. russische Westarmee zu übernehmen. Dazwischen hielt er sich am 26. März bei seinem Cousin Augustus Wilhelm Barclay inRiga auf, um die Festungsanlagen der Stadt und die dort stationierten Truppen zu inspizieren. Die Angelegenheiten des Kriegsministers wurden von seinem Stellvertreter FürstAlexei Iwanowitsch Gortschakow zunächst in Vertretung und ab September 1812 in Person übernommen.
Nach dem Beginn des französischenRusslandfeldzuges von 1812 hatte Barclay de Tolly Ende Juni 1812 neben der 1. Westarmee den nominellen Oberbefehl über die gesamte russische Armee. Die zahlenmäßig unterlegenen russischen Streitkräfte hätten anfangs in offener Feldschlacht gegen dieGrande Armée der Franzosen nicht bestehen können. Barclays Strategie war es, die französische Hauptarmee unter Napoleon tief nach Russland hinein zu lassen, alle brauchbaren Magazine und Lebensmittel zu vernichten und dann aus dem Hinterhalt mit überfallartigen Gegenangriffen zu beginnen (Taktik derverbrannten Erde). Das Ausweichen und Zurückweichen sollte die russischen Truppen für die Entscheidung schlagkräftig erhalten. Ähnlich waren ein Jahrhundert zuvor die Schweden unterKarl XII. im weiten russischen Raum geschwächt und besiegt worden. Barclays Kritiker am Hof sahen in dieser Strategie jedoch keine Voraussicht, sondern ein Zeichen von Unentschlossenheit oder gar von Feigheit.[1] Insbesondere derBrand von Smolensk und der Verlust dieser alten russischen Metropole wurde Barclay von vielen Russen als Landesverrat durch einen „Deutschbalten“ ausgelegt. Kaiser Alexander I. wollte das bedrohte Moskau nicht ohne Kampf aufgeben und übertrug am 20. August den Oberbefehl an FürstMichail Kutusow. Der abberufene Barclay de Tolly wurde aber aufgrund seines persönlichen Mutes und seiner Tapferkeit im Kampf weiterhin gefeiert. In derSchlacht bei Borodino am 7. September noch als Armeeführer eingesetzt, verlor er im Kampf fünf Pferde unter sich; neun seiner zwölf Adjutanten wurden getötet oder verwundet. Für seinen persönlichen Einsatz wurde er mit demSt.-Georgs-Orden 2. Klasse ausgezeichnet. Anfang Oktober 1812 musste er die Armee aber aus gesundheitlichen Gründen verlassen.
Bereits 1813 begab er sich erneut in die Dienste der russischen Armee und nahm in denBefreiungskriegen an den Kämpfen beiThorn,Großgörschen undBautzen teil. Nach der Schlacht bei Bautzen (20./21. Mai 1813) wurde er erneut zum Oberbefehlshaber der russischen Truppen ernannt. Mitte Oktober 1813 führte er zusammen mit demGrafen von Wittgenstein die russische Armee in derVölkerschlacht bei Leipzig. Schon vorher, am 25. Mai 1813, hatte ihm der preußische KönigFriedrich Wilhelm III. denSchwarzen Adlerorden verliehen.[2] Seine Verbände erobertenLiebertwolkwitz, versuchten am 18. Oktober erfolglos, das strategisch wichtigeProbstheida zu erobern, erstürmten aber am 19. Oktober dasWindmühlen- und Sandtor in Leipzig. Barclay de Tolly war auch Oberbefehlshaber der russischen Armee bei ihrem Vormarsch nach Frankreich und nahm 1814 an derEinnahme von Paris teil.
Nach Ende der Kriegshandlungen wurde er aus dem Grafenstand zumFürsten erhoben. Er setzte sich inLivland, der Heimat seiner Frau, zur Ruhe und starb am 13. Maijul. /25. Mai1818greg.auf Gut Szieleitschen[3][4] etwa 1 Meile[5] (ca. 7 km) nördlich vonInsterburg (Preußen) auf einer Reise nach Karlsbad. Die Gerüchte, dass es sich um Giftmord handelte, haben sich als unbegründet erwiesen. Der Eintrag im Helmetschen Sterberegister nennt als Todesursache „Gallenstein“. Barclay de Tolly wurde einbalsamiert und nach Riga gebracht, wo am 30. Maijul. /11. Juni1818greg. eine große Trauerfeier abgehalten wurde und der Sarg bei derKronkirche St. Jakob aufgebahrt wurde.[6]
Barclay-de-Tolly-Denkmal in Sankt PetersburgBarclay-de-Tolly-Denkmal in Riga
1823 wurde in der Nähe des Gutes ein Mausoleum im klassizistischen Stil[9] errichtet, in dem Barclay de Tolly und seine am 17. Maijul. /29. Mai1828greg. verstorbene Ehefrau Helene Auguste Eleonore von Smitten (geb. 1770) beigesetzt sind. Auf dem ehemaligen Besitz des Guts Szieleitschen, seinem Sterbeort nördlich von Insterburg (heuteTschernjachowsk), hat sich am Ende einer kleinen Eichen-Allee ein über 4 m hohes Eisengussdenkmal in Form eines gleichseitigenZippus erhalten, das vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. veranlasst wurde. Der Würdigungstext lautet: „Dem edlen Feldherrn der den / Weg der Ehre durch Muth und / Tapferkeit in vielen Schlachten / sich bahnte und der im Kriege / zur Befreiung der Völker in den / Jahren 1813, 1814 und 1815 als / Anführer verschiedener Heere / in glorreichen Kämpfen siegte, / errichtete dieses Denkmal / König Friedrich Wilhelm III.“ Seit 2007 erinnert ein Reiterstandbild in Tschernjachowsk an den Feldherrn Barclay de Tolly.
Barclay de Tolly zu Ehren wurde eineBüste in derWalhalla aufgestellt; eine weitere Büste steht auf einem Denkmal des nach ihm benannten Platzes in der estnischen StadtDorpat. 1913 errichtete die Stadt Riga in den Parkanlagen auf derEsplanade zur Elisabethstraße hin einBarclay-de-Tolly-Denkmal mit einem fast fünf Meter hohen Bronzestandbild des Feldmarschalls. Es war von dem deutschen BildhauerWilhelm Wandschneider entworfen und in derKunstgießerei Lauchhammer gegossen worden.[10] Das Standbild ging bereits 1915 verloren, nachdem es vor der deutschen Besetzung aus der Stadt auf den britischen DampferSerbino gebracht worden war, der wiederum am 16. August durch das U-BootU 9 in derRigaer Bucht versenkt wurde. Nach einem erhaltenen Modell wurde 2002 das Standbild rekonstruiert und auf dem Originalsockel wieder aufgestellt.
Das 1868 veröffentlichte Weltliteratur-WerkKrieg und Frieden vonLeo Tolstoi trug wesentlich dazu bei, dass jahrzehntelang die Verdienste Barclay de Tollys um die Verteidigung Russlands gegen Napoleon fälschlicherweise (insbesondere in Russland)Kutusow zugeschrieben wurden. Tolstoi entsprach dabei der im 19. Jahrhundert einsetzenden Emanzipationsströmung in Russland, die zugunsten russischer Entwicklungen die Verdienste ausländischer Führungspersönlichkeiten zurückdrängen wollte (vgl.Russifizierung).
Alexander Puschkin widmete 1834 vor dem Hintergrund dieser Geschichtsrevision Barclay de Tolly sein GedichtDer Feldherr („Unglücksreicher Feldherr! Wie dein Schicksal dich so karg bedachte / Ob dein Herz dem fremden Lande Alles gleich zum Opfer brachte / ... / Jenes Volk, dem du zur Rettung von der Schande ausersehen / Wagt im frechen Übermut dein heilig Greisenhaupt zu schmähen“).
Da Barclays Familie Ende des 19. Jahrhunderts auszusterben drohte, wurde der Fürstentitel auf die Familie seiner Schwester übertragen (Alexander Barclay de Tolly-Weymarn).
Die russischeFluggesellschaftAeroflot hat einen Teil ihrerBoeing-777-Flotte nach Militärführern aus den Kriegen gegen Napoleon benannt. Die Maschine mit der Kennung VP-BGD - 41681 trägt den Namen M. Barklay-de-Tolly.[11]
DasMilitärhistorische Museum in Dresden widmete Barclay de Tolly zwischen 24.9.24 und 2.9.25 eine Sonderausstellung unter dem Titel "Napoleon muss untergehen"[12].
Die Familie Barclay de Tolly, In: Jakob Gottfried Frobeen:Rigasche Biographieen nebst einigen Familien-Nachrichten, Jubiläums-Feiern etc. Riga 1881,Seiten 146–147
↑Arne Mentzendorff:Baltische Lebenswege. Rätsel um Persönlichkeiten in Estland und Lettland. Neue Folge. Books on Demand, Norderstedt 2017,ISBN 978-3-7431-3284-9, S. 80.
↑Louis Schneider:Das Buch vom Schwarzen Adler (=Die preussischen Orden, Ehrenzeichen und Auszeichnungen, Bd. 9). Duncker, Berlin 1870, S. 206
↑Für die Ortsnamen in Preußisch-Litauen/Ostpreußen gibt es eine Vielzahl von Schreibweisen, in diesem Fall: Szieleitschen, Szileutschen, Schieleitschen. Unter den Nationalsozialisten wurde der Ort umbenannt in Landwehr. Er lag nördlich von Insterburg/Tschernjachowsk an der Straße von Kraupischken (1938 umbenannt in Breitenstein), heute Uljanowo.
↑„Das Denkmal des im J. 1818 verstorbenen Generals Barclay de Tolly ist nicht in Szielactschen sondern beim Dorfe Szieleutschen.“ O. W. L. Richter: Vaterländisches Archiv, für Wissenschaft, Kunst, Industrie und Agrikultur, oder Preußische Provinzial-Blätter, 21. Bd., März-Heft, Köningsberg 1839, S. 274 f. – Die Kritik von Richter bezieht sich auf: Historischer und geographischer Atlas von Europa, hrsg. von W. Fischer und F. W. Streit, 2. Bd., Berlin 1836, S. 243 f.: „Szielactschen, Rittergut, wo das Denkmal des hier 1818 gestorbenen russ. Generals Barclay de Tolly.“
↑[Christian Friedrich August] Hasse:Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaft und Künste. Hrsg.: J[ohann] S[amuel] Ersch und J[ohann] G[ottfried] Gruber. Teil 7, B - Barzelletten. Johann Friedrich Gleditsch, Leipzig 1821,S.372.