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Memento mori

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Dieser Artikel erläutert den lateinischen BegriffMemento mori; zu anderen Bedeutungen sieheMemento Mori (Begriffsklärung).
DasJüngste Gericht. Aus derBamberger Apokalypse, um 1000. Auftraggeber der Handschrift war entwederOtto III. oderHeinrich II.
BarockesEpitaph an der Dorfkirche inNebel (Amrum) mit Memento-Mori-Inschrift aus dem Jahr 1645 – Übersetzung: oben „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“ / unten „Gestern mir, heute dir“

Der AusdruckMemento mori ist ein Symbol derVergänglichkeit (Vanitas) aus dem antiken Rom, das bis heute verwendet wird. Er entstammt demLateinischen und bedeutet sinngemäß „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“ oder „Bedenke, dass du sterben musst“.[1]

Ein solcher Ausdruck ist typisch für diePhilosophie der Antike. Vielen antiken Philosophen galt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod als sehr wichtig, bspw.Demokrit,Plato und denStoikern. Der Ausdruck in der konkreten Formulierung „memento mori“ verbreitete sich aufgrund der Verwendung bei einem Ritual beiTriumphzügen im antiken Rom. Bei diesem Ritual stand oder ging hinter oder nahe dem siegreichen Feldherrn ein Begleiter, häufig ein Sklave. Manchmal hielt er einen Gold- oder Lorbeerkranz über den Kopf des Siegreichen. Er mahnte ihn ununterbrochen mit Worten wie „Memento mori.“ oder auch „Memento te hominem esse.“ („Bedenke, dass du ein Mensch bist.“) bzw. „Respice post te, hominem te esse memento.“ („Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.“)[2]

Historischer und geistesgeschichtlicher Hintergrund

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Ausschnitt aus dem HolzstichTotentanz (Hans Holbein der Jüngere, 1538). Holbein zeigt hier, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte.
Mors certa hora incerta (LeipzigerNeues Rathaus)

Nachdem gegen Ende desFrankenreichs während des sogenannten „Dunklen Jahrhunderts“ 882–962 das kirchliche Leben moralisch auf einen Tiefpunkt gesunken war und sich schwere Missstände entwickelt hatten,[3] führte in einer Gegenbewegung zu Beginn desHochmittelalters vor allem dieCluniazensische Reform zu einer gesteigerten Askese und Reinigung von allem Weltlichen innerhalb der Kirche, insbesondere in den Klöstern, mit einer zunehmendenMystik (am bekanntesten ist die BenediktinerinHildegard von Bingen).[4] Um die 150 Reformklöster wurden damals allein in Deutschland gegründet (europaweit waren es um die 2000), darunter vor allem im süddeutschen und österreichischen RaumSt. Blasien,Hirsau als Zentrum derHirsauer Reform,Melk undZwiefalten. Zentral war dabei vor allem der Gedanke derVanitas, aus dem zwangsläufig gefolgert wurde, es sei im Leben am wichtigsten, sich auf den Tod vorzubereiten und auf das darauf folgendeLetzte Gericht, um so das eigene Seelenheil zu gewährleisten. Ähnliche Ideen hat es auch später und in anderen Religionen immer wieder gegeben, doch selten in dieser absoluten Konsequenz.

Eine weitere Folge der Cluniazensischen Reform, als diese an Kraft verlor und Cluny zu einer sehr reichen Abtei geworden war mit den damit einhergehenden Dekadenzerscheinungen, war die Gründung deskontemplativ orientiertenZisterzienserordens ab 1112 mit dem Ziel, wieder streng nach derBenediktinerregel in Armut und nach dem allerdings erst im späten Mittelalter formulierten GrundsatzOra et labora zu leben. Entscheidend für das Aufblühen und die Expansion der Zisterzienser warBernhard von Clairvaux. Mehrere Päpste unterstützten die Reform, vor allemLeo IX.,Gregor VII.,Urban II. undPaschalis II., indes derInvestiturstreit mit dem deutschen König und späteren römischen KaiserHeinrich IV. tobte und politische Wirren mit mehrerenGegenpäpsten den Heiligen Stuhl erschütterten. Die drei letzten Päpste waren zuvor Mönche in derAbtei Cluny gewesen.[5]

Das katastrophale epidemischeAuftreten der Pest in Europa ab Mitte des 14. Jahrhunderts führte erneut zu einer Verstärkung des Memento-mori-Gedankens (dazuGeschichte der Pest). Auch in der bildenden Kunst finden sich vor allem an und in Kirchen- und Klosterbauten jener Zeit auffallend häufig Darstellungen des Memento mori. Typisch sindTotentanz-Darstellungen und späterPestsäulen.

Gebräuchlich ist auchMemento mortis („Gedenke des Todes“). Mit dem Motiv in Zusammenhang stehen Sinnsprüche wieMedia vita in morte sumus („Mitten im Leben sind wir im Tode“) oderMors certa hora incerta („Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“), beispielsweise auf derRathausuhr inLeipzig (um 1900). Allerdings zeigt sich hier wie auch in anderen Formen bereits eine nachcluniazensische Verflachung des ursprünglich tiefen philosophisch-theologischen Konzeptes der Cluniazensischen Reform zugunsten einer nur noch dekorativen Funktion.

Mittelalterliche Literatur

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Bereits in der Zeit derKarolinger hatte es hier und da Dichtungen mit vergleichbarer Thematik gegeben, die sich mitunter auch schon desEndreimes statt des altenStabreimes bedienten.[6] Doch erst im beginnenden Hochmittelalter wurde Memento mori mit der Cluniazensischen Reformbewegung für etwa 100 Jahre zur bestimmenden Grundidee. Zentral war innerhalb der Cluniazensischen Reform, dass die Kirche nun auch in der Sprache der Laien zu reden begann, also in Deutsch, nicht mehr in Latein. Entsprechend setzte nun einefrühmittelhochdeutsche Literatur ein, in deren Zentrum religiöse Texte standen und die von 1060 bis 1170 dauerte. De Boor schreibt: „Die asketischen Ideale des Mönchstums werden auch dem Laien als erstrebenswerte Lebensform gepredigt, und vor dem drohendenmemento mori und den ewigen Entscheidungen desLetzten Gerichtes wird ihm die Nichtigkeit alles Irdischen klargemacht und wird er zu einem Leben der Weltabkehr und Diesseitsverneinung aufgerufen.“ Die entsprechende Literatur wird daher auch „cluniazensisch“ genannt und eine ihrer wesentlichen Formen war die Reimpredigt.[7] Insgesamt sechs dieser großen, teils auch in Beichtform verfassten Reimpredigten sind uns erhalten: dasEzzolied, das zusammen mit dem Memento mori in derselben Ochsenhausener Handschrift überliefert ist,Himmel und Hölle (es enthält die berühmte Klage: „In der hello da ist tôt anô tôt“), dieWiener Genesis, dasAnnolied – dem Stil nach eineHeiligenvita – und zuletzt dasMerigarto, Rest eines Schöpfungsberichts mit der frühesten Darstellung Irlands.[8]

Die Reimpredigt „Memento mori“

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Die Qualen des 8. Höllenkreises im 18. Gesang derGöttlichen Komödie Dantes, dargestellt vonSandro Botticelli. Die dargestellten Strafen wie Verbrennen und Zerhacken wurden im Mittelalter durchaus wörtlich verstanden, und man versuchte dem durch Frömmigkeit möglichst zu entgehen.

Die Reimpredigt „Memento mori“ ist wie die Fassung S des Ezzoliedes in derOchsenhausener Handschrift überliefert und wurde um 1070 im Reformkloster Hirsau imfrühmittelhochdeutschenalemannischen Dialekt verfasst,[9] der mitunter, etwa von Braune, aber auch noch dem Althochdeutschen zugerechnet wird, da er eine Übergangsform darstellt. Das Gedicht ist fortlaufend geschrieben, jedoch in Strophen mit Reimpaaren gegliedert.[10]

Thema ist der ewige Gegensatz von Diesseits und Jenseits, Gott und Welt. Die Welt ist schlecht und voller Übel, sie ist vergänglich und durch den Tod bestimmt. Das gilt auch für alle Arten von weltlicher Ordnung mit arm und reich, edel oder niedrig. Der Mensch hat jedoch einen freien Willen, dieselbwala, der ihm von Gott gegeben wurde. Damit muss er sich im irdischen Leben bewähren mit Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Verschenken des Reichtumes. Das bedeutet aber keine Erziehung zum christlichen Gemeinschaftsleben wie das in Memento-mori-Predigten der cluniazensischen Spätzeit üblich wurde, sondern eine Form der Weltentsagung und Vorbereitung auf dasJüngste Gericht. Von Heilsgewissheit ist keine Rede mehr, was bleibt, ist nur die bange Furcht vor dem Schicksal nach dem Tod und der Endgültigkeit und Strenge des göttlichen Urteils, dem man sich zu unterwerfen hat.[11]

Friedhofsportal inRamsau mit der Aufschrift: „Gedenk o Mensch, daß du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ (Gen 3,19 EU)

Mit ursächlich für diese Haltung ist die theologische Inkonsequenz desNeuen Testamentes: Hier Sündenvergebung durch Christi Tod am Kreuz etwa in denRömer-,Galater- undKorintherbriefen desPaulus, dorteschatologische Androhung schrecklichster Höllenstrafen etwa in derOffenbarung des Johannes,[12] wie sie vor allem vonDante Alighieri in der 1307 begonnenenGöttlichen Komödie so drastisch geschildert werden, in deren Zentrum, der lange mühevolle Weg einer Seele zum himmlischen Heil steht.[13]

Der Memento-mori-Gedanke legt dabei die Betonung auf den nur durch enorme Anstrengungen des Menschen abzumildernden Strafcharakter und lässt den Erlösungsgedanken weitgehend unbeachtet. Während der Kirchengeschichte hat sich der Schwerpunkt zwischen diesen beiden Polen immer wieder einmal hin und her verschoben, doch selten so unerbittlich extrem wie hier. In derReformation war etwa die bereits vonAugustinus entworfeneRechtfertigungslehre das Zentrum der lutherischenGnadenlehre, und damit stand der Erlösungsgedanke im Mittelpunkt.[14]

Nachwirkungen

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In derspätcluniazensischen Periode sind asketische Memento-mori-Bußpredigten vor allem neben einigen unbedeutenderen Dichtern vom „Armen Hartmann“ und insbesondere in vollkommenerer Form vonHeinrich von Melk überliefert. Dabei entwickelt sich die Reimpredigt endgültig zu einer eigenen Gattung. Besonders Heinrich gibt dabei dem Gefühl einer Zeitenwende Ausdruck, in deren Verlauf die rein religiös bestimmte Lebenshaltung dem Aufziehen einer Kultur Platz macht, in der das Diesseits grundsätzlich bejaht wird: die höfische Kultur des Hochmittelalters, in deren Zentrum dann der sehr diesseitige, lebensbejahendeMinnesang stand, der allerdings der Dichtung der cluniazensischen Periode formal viel verdankt (z. B. dieStrophe und denEndreim). Heinrich führte das letzte Rückzugsgefecht der cluniazensischen Lebensrichtung gegen diesen von ihm als schlechte Sitte empfundene positive weltliche Sichtweise. Er wehrte sich vor allem gegen den erneuten Einbruch der drei Hauptlaster bei der Geistlichkeit:Habsucht,Simonie und üppigen Lebenswandel. In diesem Kampf, der ihn schließlich sogar zum Satiriker werden ließ, ersetzte er die rein aufs Jenseits zielende Memento-mori-Thematik immer mehr durch Sozialkritik, die bisher nur ein Seitenthema bei der Tadelung alles Weltlichen und dem Primat vonDemut undNächstenliebe gewesen war.[15]

Der vonVerdi und anderen kongenial vertonte hochmittelalterliche HymnusDies irae in lateinischer Sprache ist eine der bedeutendsten künstlerischen Bearbeitungen des Memento mori der Folgezeit überhaupt und war bis 1970liturgischer Teil der katholischen Totenmesse (Requiem). Als Autor giltThomas von Celano (* um 1190; † um 1260), Freund und Biograph vonFranz von Assisi. Das vermutlich vonThomas von Kempen verfasste spätmittelalterlicheSic transit gloria mundi entstammt wohl ebenfalls noch dieser nachwirkenden Geisteshaltung und zeigt Verwandtschaft mit demFortuna-Motiv.

Nach der Wiederbelebung während der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pestzüge degenerierte der Memento-mori-Gedanke nach und nach endgültig zum rein äußerlichen Motiv desAblasshandels, wie ihn zu Beginn des 16. Jahrhunderts besonders spektakulär der DominikanerJohann Tetzel mit dem Slogan „Sobald der Gülden im Becken klingt / im huy die Seel im Himmel springt“ betrieben hat und derart mit ein Auslöser derReformationMartin Luthers wurde. Kurzzeitig flackerte derVanitas- und Memento-mori-Gedanke nochmals im frühenBarock während der Schrecken desDreißigjährigen Krieges auf; ein bekanntes und eindrückliches Beispiel istAndreas Gryphius’ Gedicht „Vanitas! Vanitatum! Vanitas!“. Der Vanitas-Begriff geriet in derModerne weitgehend in Vergessenheit. Heute kennt auch dasBildungsbürgertum ihn kaum noch (bzw. rezipiert nur den Bedeutungsteil „Eitelkeit“, wohl beeinflusst durch das englische Wortvanity). In der Volksfrömmigkeit des 17. bis 19. Jahrhunderts vergegenwärtigten gegenständliche Darstellungen wie dasBetrachtungssärglein dasMemento mori in handgreiflicher Weise.

Obwohl in christlichen Zusammenhängen – zum Beispiel mit Bezug aufPsalm 90,12 – die Endlichkeit des Lebens immer wieder betont wird,[16] werden die Themen Sterben und Tod ansonsten öffentlich eher selten thematisiert. Als zum Beispiel am 12. Juni 2005 Apple-GründerSteve Jobs vor Absolventen derStanford-Universität in Kalifornien eine Memento-mori-Rede hielt (in der er seine ein Jahr zuvor entdeckte Krebserkrankung thematisierte) wurde diese Rede als denkwürdig rezipiert;[17] sein Satz “Death is very likely the single best invention of Life” (etwa: „der Tod ist die beste Erfindung des Lebens“)[18] wurde allgemein bekannt.

Memento mori in nichtchristlichen und historischen Religionen

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Voraussetzung war und ist dafür stets die Vorstellung eines wie immer geartetenTotengerichtes, wie es vor allem in denabrahamitischen Religionen Christentum und Islam existiert, aber auch in der Religion des alten Ägypten und dem Zoroastrismus in Erscheinung tritt. Totengericht ist hier eine Instanz, die nach gutem und bösem Verhalten im Leben, also moralisch urteilt, wobei gut und böse moralische relative und kulturspezifische Größen darstellen. Insgesamt fehlt zudem in allen unten aufgeführten Beispielen der grundlegendeVanitas-Gedanke weitgehend.

Was dieReligion des alten Ägypten angeht, so existiert dort zwar ein strenges Totengericht, dessen moralisches Konzept auch christliche Vorstellungen beeinflusst hat;[19] magische Formeln und Amulette, wie sie vor allem ab demNeuen Reich imTotenbuch beschrieben sind, ermöglichen es den Verstorbenen jedoch, dieses Gericht quasi auszutricksen, eine für die abrahamitischen Religionen geradezu perverse Vorstellung. Zudem finden ethische Verfehlungen nur relativ geringe Berücksichtigung, im Zentrum des Verfahrens vor dem Thron vonOsiris stehen vielmehr Vergehen in juristischem Sinn, Verletzung von Anstandsregeln, Übertretung von kultischen Vorschriften usw., also ein sogenanntesnegatives Sündenbekenntnis.[20]

DerTartaros dergriechischen Mythologie wiederum ist ein spezieller Strafort für Feinde (dieTitanen,Tantalos) und Konkurrenten der Götter selbst. DerHades hingegen wurde als einheitlicher und ewiger Aufenthaltsort aller Toten verstanden. Eine irgend geartete Memento-mori-Ideologie erübrigte sich damit. Hingegen begann die griechische Philosophie schon seitPindar,Heraklit undHesiod, vor allem aber beiPlaton in Buch 10 derPoliteia, zahlreiche Gedanken dazu zu entwickeln, die später teilweise auch im Christentum Eingang fanden.[21]

Nach einem alten römischen Brauch stand hinter einem siegreichen Feldherrn, für den einTriumphzug begangen wurde, ein Sklave oder Priester, der ihm einen Lorbeerkranz oder die goldene Eichenlaubkrone des Jupitertempels über den Kopf hielt und wiederholt mahnte: “Memento moriendum esse!” („Bedenke, dass du sterben musst!“, sinngemäß). Dies war mehr eine Warnung vor derHybris, sich gegenüber dem Volk für göttlich zu halten, weniger Erinnerung an die persönliche Vanitas.

Das Konzept derSeelenwanderung, wie es vor allem imHinduismus undBuddhismus zu finden ist (aber auch in der griechischen Philosophie), enthält zwar ähnliche Vorstellungen, die aber auf einem hierarchischen Weg zum Endziel desNirwana führen sollen (Dharma undKarma), und denen daher die Endgültigkeit des göttlichen Urteils fehlt. Das Böse als Begriff hat sich in diesen Religionen daher auch nicht alsethische Kategorie herausgebildet. Der Tod wird außerdem lediglich als Schlaf vor der Wiedergeburt betrachtet.[22]

DerZoroastrismus, in dessen Zentrum erstmals derfreie Wille des Menschen steht, kennt ein striktes Totengericht. Dessen Urteile führen zwar zur Bestrafung, die jedoch nicht endgültig ist, sondern durch den EndsiegAhura Mazdas über das BöseAhrimans egalisiert wird. Memento mori impliziert jedoch die unwiderrufliche Endgültigkeit einer Strafe, die es daher unbedingt zu vermeiden gilt.[23]

DemJudentum ist trotz derKabbala der Memento-mori-Gedanke ebenfalls recht fremd geblieben.[24]

ImIslam beruht die erste Prüfung durch den Todesengel nur in der Feststellung, ob der Verstorbene ein Muslim ist. Beim Jüngsten Gericht wird hingegen moralisch gewertet. Askese war hierbei jedoch weitgehend fremd, und ein Mönchtum wie im Christentum ist hier trotz der islamischen Mystik kaum entwickelt. Entscheidend dabei ist allerdings die strikte islamischePrädestinationslehre. Sie gab „keinen Raum für die Ausgestaltung eines autonomen Bösen, da das Böse nicht mit dem Seinsgrund des Menschen verknüpft wurde. Die christliche Tradition, die sehr eng mit dem Problem des in Sünde geborenen, von der Erbsünde belasteten Menschen verknüpft ist, ist kein islamisches Thema.“[25] DieTodessehnsucht islamistischerSelbstmordattentäter ist sogar das Gegenteil des Memento-mori-Gedankens, denn sie glauben, durch ihre Tat sei für sie alsMärtyrer (Schahid) das Paradies mit seinen Freuden auf direktem Wege und ohne Letztes Gericht sicher.[26] Der Literatur nach hat diese Haltung nur oberflächlich mit Religion zu tun, mehr mit einem modernen Identitätsdenken, das den individuellen Tod einer unsterblichen Idee unterordnet.[27]

Spätere Rezeption in Dichtung, Musik und Bildender Kunst

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Das Memento-mori-Motiv verblich mit der Zeit zum rein formalen Motto auf Grabsteinen, zum Sinnspruch in Todesanzeigen und erscheint schließlich nur noch als rein künstlerisches Motiv vonStillleben. Als Stilmotiv findet es sich in allen Epochen der Kunst. Typische Motive imVanitas-Stillleben sind faulende Früchte, mit Fliegen besetzte Granatäpfel, umgekippte Weingläser, Totenschädel und ähnliche, die Vergänglichkeit symbolisierende Objekte. Motivisch verwandt ist auch die Darstellung desTotentanzes, etwa vonHans Holbein dem Jüngeren,[28] oder desTodeszuges vonSpangenberg.

Die Idee desMemento mori zieht sich aber, wenn auch abgeschwächt und areligiös, bis in dieNeuzeit durch und findet sich hier z. B. beiSalvador Dalí, dem FotografenMan Ray oder demPop-Art-KünstlerWarhol. Filmisch wurde das Thema unter anderem vonIngmar Bergman 1957 inDas siebente Siegel und 1998 vonMartin Brest inRendezvous mit Joe Black behandelt. DieschwedischeRock-BandGhost griff das Konzept 2018 in ihrem TitelPro Memoria aus dem AlbumPrequelle auf, der den Hörer vor dem Hintergrund desSchwarzen Todes dazu anstößt, sich stets des Sterbens bewusst zu sein (“Don’t you forget about dying, don’t you forget about your friend death”).[29] Die US-amerikanische RockbandPolyphia benannte ihr im Jahre 2022 veröffentlichtes AlbumRemember That You Will Die, was eine Übersetzung ins Englische entspricht. Laut ihrem Gitarristen Tim Henson geht es darum, den Tag zu nutzen und Dinge zu erledigen, die erledigt werden müssen, bevor man es nicht mehr kann.[30] 2023 veröffentlichte die BandDepeche Mode ein Album mit dem NamenMemento Mori.

  • Mittelalterliches Fresko. Das Bild ist ein Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Kirche in Skibby auf Seeland in Dänemark und zeigt die Lebensfreude dreier junger Könige mit tigergescheckten Pferden, Jagdhunden und Falken und danach den Tod, dem sie entgegen reiten.
    MittelalterlichesFresko. Das Bild ist ein Ausschnitt aus dem Deckengemälde der Kirche inSkibby auf Seeland in Dänemark und zeigt die Lebensfreude dreier junger Könige mit tigergescheckten Pferden, Jagdhunden und Falken und danach den Tod, dem sie entgegen reiten.
  • Memento Mori an einem Rosenkranz aus dem frühen 16. Jahrhundert, Leben (Antlitz) und Tod (Schädel), gespalten an einem Kopf, als Amulett.
    Memento Mori an einem Rosenkranz aus dem frühen 16. Jahrhundert, Leben (Antlitz) und Tod (Schädel), gespalten an einem Kopf, alsAmulett.
  • Ein Ausstellungsstück im Schloss Ambras (Österreich). Gerippe, in starkem, tänzerischem Kontrapost dargestellt. Hans Leinberger zugeschrieben, im Inventarverzeichnis von 1596.
    Ein Ausstellungsstück imSchloss Ambras (Österreich). Gerippe, in starkem, tänzerischem Kontrapost dargestellt.Hans Leinberger zugeschrieben, im Inventarverzeichnis von 1596.
  • Stiftskirche St. Georg, Tübingen. Detail von einem der Grabmonumente: Memento mori. Dem Stil nach (Putte) aus dem Barock.
    Stiftskirche St. Georg, Tübingen. Detail von einem der Grabmonumente: Memento mori. Dem Stil nach (Putte) aus demBarock.
  • Paul Cézanne: Stillleben mit Schädel, 1895–1900
    Paul Cézanne:Stillleben mit Schädel, 1895–1900
  • Anita Rée: Stillleben mit Hebbels Totenmaske, 1915
    Anita Rée:Stillleben mit Hebbels Totenmaske, 1915

Siehe auch

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Literatur

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Weblinks

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Commons: Memento mori – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Erklärung der lateinischen Formen:memento =Imperativ (Befehlsform, „erinnere dich, sei dir bewusst“) vonmemini, meminisse;mori =InfinitivPassiv,Deponens („sterben“). Nach einer anderen Erklärung wärememento mori die Kurzform vonmemento moriendum esse (mit demGerundivum): „Bedenke, dass du sterben musst“.
  2. Bernhard Woytek:„Hominem te memento!“ Der mahnende Sklave im römischen Triumph und seine Ikonographie. In:Tyche.Band 30, 2015,S. 193–209,doi:10.15661/tyche.2015.030.16. 
  3. Rudolf Fischer-Wolpert:Lexikon der Päpste. Marix Verlag, Wiesbaden 2004,ISBN 3-937715-68-1, S. 175.
  4. Herbert A. Frenzel,Elisabeth Frenzel:Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Bd. I. 4. Aufl. dtv, München 1967, S. 17.
  5. Fischer-Wollpert, S. 65–71, 175f., 204ff.
  6. Helmut de Boor:Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung. Bd. 1. 4. Aufl. C.H. Beck, München 1949, S. 74ff.
  7. De Boor, S. 136ff.
  8. De Boor, S. 143–154.
  9. Memento mori – Text mit Übersetzung (Memento vom 16. November 2010 imInternet Archive)
  10. Wilhelm Braune:Althochdeutsches Lesebuch. 13. Aufl. bearb. v. Karl Helm. Max Niemeyer Verl., Tübingen 1958, S. 174.
  11. De Boor, S. 148.
  12. Kurt Hennig (Hrsg.):Jerusalemer Bibellexikon. 3. Aufl. Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1990,ISBN 3-7751-2367-9, S. 224f.
  13. Walter Jens (Hrsg.):Kindlers Neues Literaturlexikon. Kindler Verlag, München; Komet Verlag, Frechen 1988/1998,ISBN 3-89836-214-0, Bd. 1 S. 316.
  14. The NewEncyclopedia Britannica. 15. Aufl. Encyclopedia Britannica Inc., Chicago 1993,ISBN 0-85229-571-5, Bd. 6. S. 662.
  15. De Boor, S. 179–187.
  16. Frank Muchlinsky:Feierabendziegel mit Spruch,evangelisch.de; vgl.Feierabendziegel
  17. RP Online: „Der Tod ist die beste Erfindung“. 7. Oktober 2011, abgerufen am 28. Oktober 2021. 
  18. © Stanford University Stanford, California 94305 Copyright Complaints Trademark Notice: 'You've got to find what you love,' Jobs says. 14. Juni 2005, abgerufen am 28. Oktober 2021 (englisch). 
  19. Britannica, Bd. 24, S. 111.
  20. Wolfgang Helck, Eberhard Otto:Kleines Lexikon der Ägyptologie. 4. Aufl. Harrassowith Verlag, Wiesbaden 1999,ISBN 3-447-04027-0, S. 134f.
  21. Richard Cavendish, Trevor O. Ling:Mythologie. Eine illustrierte Weltgeschichte des mythisch-religiösen Denkens. Christian Verlag, München 1981,ISBN 3-88472-061-9, S. 134f.
  22. Britannica, Bd. 7, S. 175f; Johannes Laube: (Hrsg.):Das Böse in den Weltreligionen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003,ISBN 3-534-14985-8, S. 201; Richard Waterstone:Indien. Götter und Kosmos, Karma und Erleuchtung, Meditation und Yoga. Taschen-Verlag, Köln 2001,ISBN 3-8228-1335-4, S. 126f; Tom Lowenstein:Buddhismus. Taschen-Verlag, Köln 2001,ISBN 3-8228-1343-5, S. 16f.
  23. Monika Tworuschka, Udo Tworuschka:Religionen der Welt. In Geschichte und Gegenwart. Bassermann Verlag, München 1992/2000,ISBN 3-8094-5005-7, S. 251f; Gottfried Hierzenberger:Der Glaube in den alten Hochkulturen: Ägypten, Mesopotamien, Indoeuropäer, Altamerikaner. Lahn Verlag, Limburg 2003,ISBN 3-7867-8473-6, S. 91–98.
  24. Hennig, S. 224f.
  25. Laube, S. 131.
  26. Hughes, S. 463f.
  27. Talal Asad:On Suicide Bombing, New York: Columbia Univ. Press 2007, S. 96.
  28. Hans Georg Wehrens:Der Totentanz im alemannischen Sprachraum. „Muos ich doch dran – und weis nit wan“. Schnell & Steiner, Regensburg 2012, S. 14, 49ff. und 145ff.ISBN 978-3-7954-2563-0.
  29. Ghost – Pro Memoria. Abgerufen am 26. Oktober 2021. 
  30. Sam Law: How Polyphia helped bring virtuoso guitar music back with Remember That You Will Die. Alternative Press, abgerufen am 4. Oktober 2022 (englisch). 
Normdaten (Sachbegriff):GND:4169407-7 (GND Explorer,lobid,OGND,AKS)
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