Masturbation (auchOnanie,Selbstbefriedigung oderSolo-Sex[1]) bezeichnet eineStimulation der eigenen äußerenGeschlechtsorgane zum Erlangen von sexuellem Lustgewinn. Die Masturbation erfolgt meist manuell, es können jedoch auch verschiedene Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Sie führt in den meisten Fällen zumOrgasmus, muss aber nicht notwendigerweise darauf abzielen. Sie kann beispielsweise als Bestandteil des sexuellen Vorspiels allein der Steigerung der sexuellen Erregung dienen.
Etymologie und alternative Bezeichnungen
Das Wort ist abgeleitet vom lateinischen Verbmasturbari (masturbieren), dessenWortherkunft unsicher ist. Mögliche Erklärungen sind eine Zusammenziehung vonmanibus turbari bzw.manu turbari (sich mit den Händen / mit der Hand reizen) oder vonmanu stuprare (sich mit der Hand schänden),[2] weshalb in älterer Literatur auch die Form „Manustupration“ erscheint.[3] Belege im klassischen Latein gibt es für diese Form nicht.
Eine alternative Bezeichnung für Masturbation istOnanie, abgeleitet von derbiblischen GestaltOnan; dieser führte jedoch einenCoitus interruptus aus, um die Zeugung eines ihm unerwünschten Kindes zu vermeiden (1 Mos 38,1–11 EU); danach wurden Menschen, die masturbierten, auchOnanisten genannt.
Darüber hinaus gibt es zahlreichevulgärsprachliche Bezeichnungen[4] wie „wichsen“ oder bei Männern „sich einen runterholen“. Jugendliche haben u. a. durch die „Liberalisierung der Jugendsexualität“ ein breites sexualsprachliches Vokabular und laut Claus Buddeberg gegenüber der Vulgärsprache weit weniger Vorbehalte als Erwachsene.[5]
Formen
Im häufigsten Fall handelt es sich bei der Masturbation um eine geschlechtlicheSelbstbefriedigung, also eine Form derAutosexualität. Neben der häufigsten Form der Masturbation durch die Benutzung der Hand als Stimulationswerkzeug gibt es auch verschiedeneSexspielzeuge und Masturbationshilfen, die zur Unterstützung der Masturbation eingesetzt werden können.
Die häufigsten Formen sexueller Aktivität sind zum einen die Masturbation und zum anderen derGeschlechtsverkehr. Die Masturbation ist auch als gemeinsam mit einem Partner ausgeübteSexualpraktik beliebt, da bei vielen Menschen durch die Beobachtung des masturbierenden Partners diesexuelle Erregung gesteigert wird. Sie ist oft Teil desPettings und stellt eine Möglichkeit des „Safer Sex“ dar. Im weiteren Sinne kann auch die manuelle Befriedigung einer anderen Person (sogenannterHandjob) zur Masturbation gerechnet werden.
Hilfsmittel
Gemeinsame, partnerschaftliche Erregung; manuelle Befriedigung einer anderen Person als ("Quasi")-Masturbation
Gesundheitliche Aspekte
Masturbation als solche verursacht keine gesundheitlichen Schäden,[6] sondern wird im westlichen Kulturkreis heute eher als wichtiger Bestandteil der sexuellen Gesundheit angesehen.[7]
Masturbation wird als störend für andere Personen oder als Zeichen einer psychischen Störung gewertet, wenn sie öffentlich oder zwanghaft ausgeübt und zurSucht wird.[9][10][11][12] Vom psychologischen Standpunkt aus ist Suchtverhalten in jedem Lebensbereich mit Risiken und möglichen Gefährdungen der eigenen Person oder anderer verbunden, daher auch im Hinblick auf die Selbstbefriedigung.[13]
Einige Studien an Männern haben Belege gefunden, dass regelmäßige EjakulationenProstatabeschwerden vorbeugen können.[14][15] Dieser Zusammenhang wird in anderen Studien jedoch nicht bestätigt.[16]
Selten leiden Männer nach jedem Samenerguss, egal ob durch Masturbation oder Geschlechtsverkehr hervorgerufen, unter Symptomen desPostorgasmic Illness Syndroms.[17] Betroffene versuchen entsprechend, Ejakulationen zu vermeiden, um den Symptomen auszuweichen.
Techniken, Häufigkeit und Statistiken
In verschiedenen Studien geben ca. 90 % derMänner und ca. 86 % derFrauen an, regelmäßig zu masturbieren.[18] Es gibt auch Männer und Frauen, die darüber keine Auskunft geben möchten. Rechnet man eine angenommeneDunkelziffer hinzu, lässt sich generell sagen, dass nahezu alle Männer und ein Großteil der Frauen ab derPubertät unabhängig vom Alter regelmäßig masturbieren, mit sinkender Tendenz ab dem 50. Lebensjahr.[19]
Viele entdecken die Masturbation bereits in der frühen Pubertät, einige erst später und manche schon alsKleinkind.Jungen masturbieren gemäß mehreren Studien im Durchschnitt mit ungefähr elf bis zwölf Jahren zum ersten Mal;Mädchen masturbieren meist erst ab den spätenTeenagerjahren regelmäßig.[20][18] In der Pubertät ist der Anteil regelmäßig masturbierender Jungen sehr hoch und liegt bei den männlichen 15-jährigenJugendlichen bei nahe 100 %.[21][22] Die Häufigkeit beträgt dabei meist mehrmals die Woche bis mehrmals täglich; der Durchschnitt liegt bei etwa acht- bis neunmal die Woche.[21][22] Besonders in der Pubertät und vor allem bei männlichen Jugendlichen sindGruppenmasturbation und wechselseitige Masturbation nicht selten, hingegen masturbieren sie nur selten an öffentlichen Orten.[23]
Im Erwachsenenalter hängt die Häufigkeit unter anderem vom Alter, von der Einstellung zur Sexualität und vom Beziehungsstatus ab, von der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr und vom Grad der dabei erlebten Befriedigung.[24][25] Menschen im Erwachsenenalter masturbieren im Durchschnitt zwischen ein paar Mal im Monat bis ein paar Mal in der Woche, wobei Männer deutlich öfter als Frauen masturbieren.[26][25]
Grundsätzlich ziehen es 67 % der Frauen und 61 % der Männer vor, abends zu masturbieren, gefolgt von mitten am Tag und nachts. Von beiden Geschlechtern wird eine liegende Position favorisiert.[23] Der häufigste Ort ist bei beiden Geschlechtern das Bett.[23] Mit Zunahme des Pornografiekonsums werden auch Orte wie Schreibtischstuhl, Arbeitsplatz, Umkleidekabine oder Toilette häufiger genutzt.[27][28]
Masturbiert wird auf ganz unterschiedliche Weise. Mit den Händen und Fingern oder mit Hilfsmitteln werden die eigenenerogenen Zonen stimuliert. Dabei könnenGleitmittel die Reizung verbessern. Seit der Erfindung desVibrators gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein großer Markt für Masturbationshilfsmittel, wie Vibratoren undDildos,Masturbatoren undSexpuppen.
Durch optische und akustische Reize, die Erinnerung an solche, durchFantasien oder durch das Betrachten erotischer oder pornografischer Bilder oder Filme können die bei der Selbstbefriedigung empfundenen Lustgefühle gesteigert werden. Vermehrt verbreitet sich der Konsum vonPornografie, bei Männern jedoch stärker als bei Frauen. Mit der erhöhten Masturbations-Häufigkeit in der Pubertät ist auch der Pornografiekonsum in diesem Altersabschnitt überdurchschnittlich hoch, auch hier ist der Konsum von Pornografie bei Jungen signifikant stärker als bei Mädchen: 2009 ergab eine Umfrage, dass 85 % der 15-jährigen Jungen und 71 % der 15-jährigen Mädchen mindestens einmal Kontakt mit Pornografie hatten.[29] Im Durchschnitt beginnt der erste Kontakt zur Pornografie mit 14 Jahren, mit sinkender Tendenz: So gaben 14- und 15-jährige Jungen an, dass sie beim Erstkontakt im Durchschnitt 12,7 Jahre alt waren, bei den 16–17-Jährigen lag das Alter bei 14,1 Jahren, bei den 18–20-Jährigen bei 14,9 Jahren.[30] 2017 ergab eine Umfrage unter deutschen Jugendlichen, dass 21 Prozent aller männlichen Jugendlichen täglich Pornografie konsumieren, bei den gleichaltrigen Mädchen waren es sechs Prozent. In der gleichen Umfrage gaben 71 Prozent der Jungen und zehn Prozent der Mädchen an, mindestens wöchentlich Pornografie zu konsumieren.[31][32]
Männliche Masturbation
Masturbation mit zwei Händen, eine am Penisschaft und an der Eichel, die andere an der Peniswurzel. Deutlich erkennbar sind die Muskelkontraktionen während desmännlichen Orgasmus, die dieEjakulation bewirken.
Männer masturbieren üblicherweise durch Stimulation des Penis durch Bewegung der Vorhaut über den Penis und insbesondere dieEichel oder durch Streichen der Hand über das Glied oder beides.[33] Manche legen die zweite Hand an die Peniswurzel. Wesentlich seltener ist die Selbstbefriedigung durch das Reiben des Penis gegen einen weichen Gegenstand, etwa Matratze oder Kissen. Auchanale undurethrale Selbstbefriedigung sind selten.[34] Gelenkigen Männern ist auch dieorale Selbstbefriedigung –Autofellatio genannt – möglich. DerKinsey-Report nennt einen Anteil von 0,2 bis 0,3 % der männlichen Bevölkerung, der dazu in der Lage ist. Hingegen ist die Zahl der Männer, die dies wenigstens ausprobiert haben, wesentlich höher; auch ist dies ein nicht seltener Bestandteil masturbatorischer Traum-Phantasien. Kinsey vermutete hier einen animalischen Hintergrund, denn bei Primaten ist Autofellatio eine normale Form der sexuellen Betätigung.[34]
Die Masturbation beim Mann endet fast immer mit einer Ejakulation. Die meisten Männer ejakulieren dabei nach weniger als zwei Minuten – teils sogar nach zehn bis zwanzig Sekunden –, einige zögern den Orgasmus zur Steigerung der Lust deutlich hinaus, in Extremfällen bis zu über eine Stunde.[34]
Üblicherweise erfolgt bei Männern die Masturbation unter starker Beteiligung erotischerPhantasien.[34] Zunehmend ist zugleich ein steigender Konsum von Pornografie zu beobachten.
Männer masturbieren im Durchschnitt häufiger als Frauen, auch der Konsum von Pornografie ist bei Männern höher (siehe Abschnitt oben). Vor allem in der Pubertät masturbieren die meisten jungen Männer mindestens einmal täglich.
Weibliche Masturbation
Die weibliche Masturbation („Fingern“ genannt) kann mit einem oder mehreren Fingern geschehen
Die gebräuchlichste Form der Masturbation bei Frauen ist die Stimulation von Klitoris und Vulva mit der Hand (Fingern). Die meisten Frauen liegen bei der Masturbation auf dem Rücken.[35] Häufig wird zur Stimulation der Klitoris auch einVibrator verwendet. Nur relativ wenige Frauen führen beim Masturbieren ihre Finger oder Gegenstände wie Dildos in die Vagina ein; die Angaben dazu liegen in verschiedenen Studien bei unter 20 Prozent.[36] Laut Hite praktizieren etwa zwölf Prozent der Frauen zumindest manchmal vaginale Masturbation in Kombination mit klitoraler Stimulation und etwa zwei Prozent manchmal auch rein vaginale Masturbation.[35]
Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2006 besagt, dass 69 Prozent der schwedischen Frauen sich bevorzugt klitoral befriedigen, 28 Prozent bevorzugen eine Kombination aus klitoraler und vaginaler Masturbation und weniger als drei Prozent ausschließlich vaginale Masturbation.[37] Weitere weniger verbreitete Formen der Masturbation bei Frauen sind das Reiben der Vulva an weichen Gegenständen, das rhythmische Zusammenpressen der Oberschenkel und die Stimulation von Klitoris und Vulva mit Hilfe von Wasser.[35] Anale Stimulation wird von manchen Frauen zusätzlich zur klitoralen oder vaginalen Masturbation ausgeübt. Die orale Selbstbefriedigung – genanntAutocunnilingus – ist bei Frauen mit extrem wenigen Ausnahmen unmöglich.[38]
Während erotische Phantasien bei Männern sehr verbreitet sind, haben laut Kinsey nur die Hälfte der Frauen bei der Masturbation regelmäßig sexuelle Phantasien, für mehr als ein Drittel der Befragten ist Masturbation rein körperlich, laut Hite genießen sogar die meisten Frauen die Masturbation meist zwar physisch, nicht jedoch psychisch.[35] Die Phantasien der Frauen sind stärker als bei Männern auf die bereits erlebten Arten sexueller Handlungen beschränkt.[39] Anders als beim Geschlechtsverkehr erreichen bei der Masturbation sehr viele Frauen einenOrgasmus. In Kinseys Studien gaben 45 Prozent der Frauen an, durch Masturbation üblicherweise innerhalb von drei Minuten einen Orgasmus zu erreichen, weitere 25 Prozent in vier bis fünf Minuten, wobei viele der Frauen ihn mit Absicht hinauszögern. Viele Frauen geben darüber hinaus an, Masturbation bis zum Orgasmus zu nutzen, um die ablenkende sexuelle Erregung möglichst schnell abzubauen.[39] Da Masturbation die einfachste und zuverlässigste Methode darstellt, um einen weiblichen Orgasmus herbeizuführen, ist sie für dieErforschung weiblicher Orgasmen von großer Bedeutung.
Die verbreitete Ansicht, die Sexualität würde erst mit derPubertät entstehen, ist falsch.[33] Laut Kinsey haben etwa 19 % der Mädchen bereits vor der Pubertät masturbiert, teils schon im ersten Lebensjahr.[39] Sie erreichen dabei häufiger als Jungen entsprechenden Alters einen Orgasmus. Ältere Frauen masturbieren häufiger als junge, am meisten ist die Masturbation bei Frauen Mitte 40 verbreitet.[39] Erst bei den über 50-Jährigen ist eine Abnahme der Verbreitung festzustellen.[37] Die mittlere Häufigkeit der Masturbation ist über alle Altersstufen von 20 bis 55 Jahren fast konstant.[39] Kinsey gibt denMedian für masturbierende Singlefrauen mit einmal alle zwei bis drei Wochen an.[39] DieStreuung ist dabei – wie bei den meisten Sexualgrößen – bei Frauen wesentlich größer als bei Männern, so dass diedurchschnittliche Häufigkeit vermutlich bei etwa einmal pro Woche liegt.[39]
Betrachtungen
Medizingeschichtlich
Korsett zur Verhinderung der Masturbation, aus einem französischen Buch von ca. 1815Titelblatt von S.A.D. Tissot:Versuch von denen Krankheiten, welche aus der Selbstbeflekung entstehen (1760)
Im antikenGriechenland war Sexualität trotz moralischer Freizügigkeit kein tabuloses Thema. Es gab jedoch Vertreter desKynismus, die das Ziel hatten, zum Naturzustand zurückzukehren, „den sie in tierischen und kindlichen Verhaltensweisen gegenüber der Kultur, dem Anerzogenen (Paidéia) sahen“.[40] Einer ihrer Vertreter,Diogenes von Sinope, galt als Meister der Provokation; er sagte, als er sich öffentlich auf dem Marktplatz befriedigte: „Wenn man doch auch so den Bauch reiben könnte, um den Hunger zu stillen.“[41] Andere griechische Philosophen standen der Masturbation jedoch kritischer gegenüber als Diogenes.
Ab dem spätenMittelalter wurde sie genauso wie alle anderen Formen der Sexualität, die nicht ausschließlich der Fortpflanzung dienten, von derrömisch-katholischen Kirche alsSünde betrachtet und teilweise als widernatürlicheUnzucht. In der 1768 eingeführten und bis 1787 gültigenConstitutio Criminalis Theresiana wird sie im selben Paragrafen wie die anderen „Unkeuschheiten wider die Natur“ abgehandelt und es war mindestens eine angemesseneLeibesstrafe vorgesehen. Über den späteren französischen KönigLudwig XIII. (1601–1643) ist dagegen bekannt, dass dessen Leibarzt schrieb, Kindermädchen sollten zur „abendlichen Beruhigung“ Jungen im „Kitzeln des Penis“ unterweisen.
In derAufklärung erfuhr sie eine Brandmarkung als „soziale Gefahr“ und „unnatürliches Verhalten“ jenseits der rein religiösen Verurteilung.
Im Jahre 1712 erschien inEngland das vermutlich vom geschäftstüchtigenQuacksalber und SchriftstellerJohn Marten geschriebene und anonym veröffentlichtePamphletOnania: or, the Heinous Sin of Self-Pollution.[42] („Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung“), das nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde und große Verbreitung erfuhr. Darin wurde behauptet, dass exzessive Masturbation vielfältige Krankheiten wiePocken undTuberkulose verursachen könne. Bezeichnend ist, dass John Marten gleichzeitig zahlreiche kleineresoftpornografische Schriften veröffentlichte und inOnania eine von ihm erfundene „Medizin“ gegen die angeblich aus der Masturbation resultierenden Krankheiten anbot. Selbst die großen Aufklärer der Zeit glaubten dem anonym veröffentlichten Werk.Denis Diderot nahm die fragwürdigen Thesen unter dem ArtikeltitelManstupration ou Manustupration[43] sogar in seineEncyclopédie auf.
Im 18. und 19. Jahrhundert fand in der Folge in ganz Europa geradezu ein „Feldzug gegen die Masturbation“ statt. Es erschienen zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, die die angeblichen Gefahren der Masturbation anprangerten und Methoden zu ihrer Verhinderung anboten. Als Standardwerk kann die ab 1760 in vielfachen Auflagen verbreitete SchriftL’Onanisme. Dissertation sur les maladies produits par la masturbation[44] (Die Onanie. Abhandlung über Krankheiten durch Masturbation)[45] des Lausanner ArztesSamuel Auguste Tissot[46] gelten. Erst von jener Zeit an wurde die betreffende Bibelstelle überOnan nicht mehr alsCoitus interruptus begriffen. AuchChristoph Wilhelm Hufeland[47] sah die Onanie junger Männer als Ursache von krankhafter Schwäche an, ebenso – die damalige Ansicht aufgreifend –Heinrich von Kleist.[48]
Eine „Masturbationsfurcht“ gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts[49] vor allem im bürgerlichen Umfeld, aber nur selten in unteren Bevölkerungsschichten und in adeligen Kreisen. Die Medizin, insbesondere des 19. Jahrhunderts, unterstützte diese Vorstellungen mit Fehldeutungen verschiedener körperlicher Befindlichkeitsstörungen als Folge von zu häufiger Masturbation.[50][51] Solche falschen Vorstellungen kursierten bereits über Jahrhunderte,[50] beispielsweise, dass Selbstbefriedigung die gesunde geschlechtliche Entwicklung eines Knaben behindere und zuGehirnerweichung und Rückenmarksschwund führe. AuchKrebs,Lepra undWahnsinn sowie weitere psychiatrische Krankheitsbilder sollten angeblich die Folge der Masturbation sein.[50] Erst nachdemRobert Koch 1882 den Tuberkelbazillus entdeckt hatte, behaupten die Mediziner nicht mehr, dass Masturbieren Tuberkulose hervorrufe.
Neben gesundheitlichen Gefahren wurden auch moralische Argumente gegen die Masturbation vorgebracht: Sie seiegoistisch, verleite zurDisziplinlosigkeit, stelle ein „nutzloses Vergnügen“ dar und wurde mitunter als „sexueller Missbrauch“[52] bezeichnet. Die Masturbation fördere die Abkapselung des Masturbators von der Gesellschaft, da er zu seiner sexuellen Befriedigung keinen Partner benötigt. Masturbation wurde besonders von Erziehungspersonen bei ihrer Einflussnahme auf Kinder und Heranwachsende moralisch geächtet, verdammt und mit Angst auslösenden Behauptungen, beispielsweise dass man durch Masturbation krank werde,tabuisiert.
Sigmund Freud befasste sich eingehend mit der Masturbation als angebliche Ursache neurotischer Erkrankungen, insbesondere derNeurasthenie als sogenannterAktualneurose. Kindliche Masturbation sah er je nach Stand seiner Theorieentwicklung als Ausdruck einer vorhergehendenVerführung des Kindes oder im Rahmen der Theorie derinfantilen Sexualität als spontanes, entwicklungsbedingtes Geschehen an. Gelegentlich bezeichnete er die Masturbation als dieUrsucht, an deren Stelle später andere, erwachsenentypischeSüchte wie das Rauchen etwa träten. Als suchthaftes Verhalten aber spiele sie auch eineungeheure Rolle im Verständnis der (alsPsychoneurose beurteilten)Hysterie.[53] Die Frage der Schädlichkeit der Onanie war um 1912 Gegenstand einer Debatte derWiener Psychoanalytischen Vereinigung; Freud wendete sich resümierend gegen eine grundsätzliche Verharmlosung: In der Neurasthenie als direkte Folge, aber auch durch Verminderung der Potenz, Verweichlichung des Charakters durch Fixierung auf phantasierte Befriedigung statt realer Anstrengung und Stagnation der allgemeinen psychosexuellen Entwicklung disponiere die Selbstbefriedigung zurNeurose.[54] Noch kritischer bewertete in der DebatteViktor Tausk die Onanie, weil sie dem Onanisten „perverse Vorstellungen“ liefere, „die die infantilen Perversionsaffekte aktivieren, so dass eine Perversion, die etwa durch rechtzeitige normale Sexualbetätigung gut verdrängt worden wäre, durch die Onanie fixiert werden kann.“ Auf diese Weise könne die Onanie „zur Brücke der Neurose“ werden und „mit Hilfe der exhibitionistischen und Voyeur-Komponente des Geschlechtstriebes den Narzissmus zur vollen Intensität züchten.“[55][56]Otto Rank betonte die masochistische Bedeutung der Onanie und vertrat die Hypothese, dass die Onanie „eine Art unbewußter Selbstkastration“ sei, und wies dabei auf den gängigen Ausdruck „sich einen herunterreißen“ hin.[57]
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war der Glaube weit verbreitet, dassAkne durch Masturbation hervorgerufen werde. Die Hypothese konnte sich wohl deshalb so lange halten, weil sehr viele Jugendliche in derPubertät unter Akne leiden und gleichzeitig in der Pubertät auch häufig masturbieren (siehe auchCum hoc ergo propter hoc). Bis in die 1980er-Jahre wurde Masturbation auch in medizinischen Kreisen gelegentlich als unreife, im Erwachsenenalter als pathologische Form der Sexualität betrachtet.[58]
Heute ist es selbstverständlich geworden, Masturbation anzuwenden.[59][60]
Pädagogisch
Die Pädagogen der Aufklärung griffen im 18. Jahrhundert die medizinischen Argumente auf und verarbeiteten sie methodisch in ihren Lehrgeschichten. Namentlich aus den Reihen der Philanthropen (Villaume, Salzmann u. a.) kamen zahlreiche Monografien, die neben den vermeintlichen körperlichen Schäden auch die seelischen Verwüstungen darstellten, die die „Selbstschändung“ hervorrufe. Die Ursachen sahen die Pädagogen in einer nach ihrer Einschätzung verbreiteten verzärtelnden Erziehung und besonders in mangelhafter Hygiene, in zu weichen Betten, in falscher Ernährung, im Bewegungsmangel und in zu enger und zu warmer Kleidung.
Zu den Fehlern der häuslichenErziehung kämen die falschen Lehrinhalte in den Schulen. Ein Hauptübel seien die Literatur und die sogenannten „schönen Künste“. Das permanente Schmachten, das ständige Verliebtsein und Sehnen nach dem Glück setze falsche Akzente. Die Literatur des „Sturm und Drang“ wurde besonders geächtet. Aber auch die alten Griechen blieben nicht verschont.
Die größte Gefahr freilich sahen die Philanthropen im sozialen Umgang der Kinder. Die Ammen, die die Kleinen in der Frühzeit betreuten, legten oft das Fundament für eine dauerhafte Verführung. Kinderwärterinnen, Gouvernanten, Bedienstete, Knechte, Mägde, Friseure, Schneider und Tanzlehrer setzten die Fehlleitung der Kinder und Jugendlichen systematisch fort. Nicht ungenannt blieben auch die Lehrer im Haus und in der Schule. Als Mittel der Gegenwirkung empfahlen die Philanthropen indirekte und direkte Maßnahmen. Zu den indirekten zählte die allgemeine Korrektur der Erziehung. Dazu gehörten Selbstzucht und Askese als Leitprinzipien, die Mäßigung im Essen, Trinken und Schlafen. Abhärtung und hygienische Maßnahmen sowie eine Erziehung zur Schamhaftigkeit und der Erzeugung von Ekel bei geschlechtlichen Dingen.
Egal nun aber, wie das pädagogische Feld bestellt sei: Oberstes Prinzip der Erzieher müsse es sein, den Zögling ständig zu überwachen und zu kontrollieren. „Lasst ihn weder Tag noch Nacht allein; schlaft wenigstens in seinem Zimmer“, hatte Rousseau in seinemEmile empfohlen. Zu den direkten Maßnahmen zählten die sogenannten „wahren Geschichten“ aus dem Leben, in denen die Pädagogen die zahllosen leib-seelischen Gebrechen anschaulich an den Lebensläufen unglücklicher Jungen und Mädchen darstellten, die der Masturbation verfallen waren. Langes Siechtum und Tod waren nicht selten der Ausgang der Schreckensberichte, die die Jugendlichen wieder auf den Pfad der Tugend führen sollten.
Blieben diese Mittel ohne Wirkung, so empfahlen die Pädagogen das Anlegen von Fesselbändern, Gürteln und Leibchen. Als drastischste Maßnahme muss dieInfibulation bezeichnet werden. Darunter verstand man einen Draht, der durch die Vorhaut über die Eichel angelegt wurde.Joachim Heinrich Campe, bedeutender Pädagoge und Verleger der deutschen Aufklärung, propagierte diese Methode nachhaltig und konnte nur bedauern, dass die Infibulation „nur bei der einen Hälfte unserer Jugend“ anwendbar sei.
Zudem gab es Überlegungen, die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane operativ zu manipulieren. Die Maßnahmen reichten vom Vernähen der Vulva bis zur Klitorisbeschneidung (sieheweibliche Genitalverstümmelung). In die Pädagogik wurden solche Empfehlungen jedoch nicht aufgenommen. Konsens bestand unter den Erziehern, dass dem „Erkennen des Masturbanten“ große Bedeutung zukomme. Hierfür entwarfen sie einen systematischen Beobachtungsplan, der Kriterien auflistete, die den Sünder überführen sollten.[61]
Anthropologisch
InMuelos: A Stone Age Superstition about Sexuality rekonstruiert der US-AnthropologeWeston La Barre die Ursachen des weltweiten Aberglaubens, männliche Masturbation führe zur Minderung von Nervensubstanz, und entdeckt sie in einer primitiven Fehleinschätzung des Wesens menschlicher Hirnmasse, die nicht als Substrat für Informationsverarbeitung, sondern Kraftstoff vorgestellt werde.
Philosophisch
Der Philosoph der AufklärungImmanuel Kant sah Selbstbefriedigung als sittliche Verfehlung. Für ihn ist der natürliche Zweck des Sexualtriebs, dem nicht zuwidergehandelt werden dürfe, die Fortpflanzung. In seinerMetaphysik der Sitten legt er dar, dass die „wohllüstige Selbstschändung“ (d. h. die Masturbation) eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst sei, weil er seine eigene Persönlichkeit aufgebe, indem er sich selbst als reines Mittel zur Befriedigung seiner Triebe gebrauche.[62] Diese Selbstaufgabe erfordere nicht einmal Mut, sondern nur ein Nachgeben gegenüber dem Trieb, und wird deshalb von Kant als noch schlimmeres moralisches Vergehen bewertet als derSuizid.
Religiös
Schöpfungsmythen in den Religionen der Antike
Masturbation ist in antiken Religionen Teil mancher Schöpfungsmythen. Im altägyptischenHeliopolis hat sich der SchöpfungsgottAtum (Altes Reich) durch seinen Willen aus sich selbst heraus erschaffen, inTheben manifestiert sich dieser Wille in der Masturbation. Der Wind- und FruchtbarkeitsgottAmun schuf seinen SohnSchu (Beiname „Leben“, Gott des Sonnenlichts) und seine Tochter Tefnut (Symbol für Feuer, Beiname „Wahrheit“), indem er sich durch Masturbation selbst befruchtete.[63]Zarathustra befriedigt sich imKaspischen Meer, woAnahita, die Göttin des Wassers und der Fruchtbarkeit, seinen Samen empfängt und den Heiland austrägt.[64]
Judentum
Für das Judentum gelten die Gesetze und Regeln derThora, der fünf Bücher Mose (Pentateuch), mitsamt ihrer Auslegung durch denTalmud.
Die jüdischen Schriften äußern sich nicht eindeutig zur Masturbation. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Gott in der Bibel dem Volk Israel detaillierte Vorschriften zum Sexualverhalten macht (Lev 18,6–23 EU undLev 20,10–21 EU), dabei die Masturbation jedoch nicht ausdrücklich erwähnt. Es gibt rituelle Unreinheit, die den Menschen von der Begegnung mit Gott (z. B. im Gottesdienst) ausschließt. Samenerguss nachLev 15,16 LUT gilt im Judentum (wie auch Eiterfluss, krankhafte Blutung oder die weibliche Menstruation) als Verlust von Lebenskeimen bzw. Lebenskraft und verunreinigt so den Körper. Von der Sünde unterscheidet sich diese Unreinheit dadurch, dass Sünde nur durch Opfer beseitigt werden kann, Unreinheit erfordert demgegenüber rituelle Waschungen (Mikwe) und eine Wartezeit (meist bis zum nächsten Abend).[65]
DerKizzur Schulchan Aruch (ein populäreshalachisches Kompendium von 1834, das sich u. a. durch die ausschließliche Behandlung von häufig auftretenden rechtlichen Fragen des täglichen Lebens auszeichnet) sagt:
„Es ist verboten, nutzlos Samen zu verschwenden. Dies ist ein Verbrechen, das schwerer ist als alle anderen Verstöße gegen die Thora. Diejenigen, die masturbieren und so nutzlos Samen verschwenden, übertreten nicht nur ein strenges Gebot, sondern jemand, der das tut, muss auch mit dem Bann belegt werden. Über so jemanden steht geschrieben: ‚Deine Hände sind voll Blut‘ (Jesaja 1,15). Er ist somit einem Mörder gleich.“ (Kizzur Schulchan Aruch 151, 1)
Christentum
Formal gelten die jüdischen Schriften (dasAlte Testament, d. h. ohne die Auslegung durch den Talmud) für die Christen unverändert fort, denn Jesus (und später Paulus) erklären selbst, das Alte Testament sei nicht durch die Lehre Christi ab- oder aufgelöst, sondern lediglich durch die Gottes- und Nächstenliebe erfüllt worden (Mt 5,17–20 EU).[66] Viele jüdische Lehren haben dadurch einen anderen Stellenwert erhalten. Rituelle Waschungen sind im Christentum beispielsweise weitgehend unbekannt.
Vorbildfunktion Jesu
Jesus spricht sich in zahlreichen Situationen gegen das starre Befolgen von Gesetzen aus und stärkt im Gegenzug die Gewissensentscheidung des Einzelnen. So anerkennt Jesus die Ehescheidung nach dem Gesetz des Mose (Scheidebrief nach5. Mose 24,1-4 LUT, um schlimmeres Leid zu verhindern,Mt 19,8 LUT). Die Not der betroffenen Frau steht im Kontrast zu einem anderen Vergleich, beispielsweise den Pharisäern und Schriftgelehrten inMt 23 EU, für deren Scheinheiligkeit ewige Strafe droht. Diese Differenzierung legitimiert die Scheidung jedoch nicht, da sie im Widerspruch zum Ehebruchverbot (2. Mose 20,14 LUT) steht. Maßstab sind stattdessen höhere ethische Werte, die über dem geschriebenen Gesetz stehen, wie im Fall der Krankenheilung am Sabbat (Mk 3,1-6 LUT). Im Kontext dieser Bibelstellen stellt sich die Frage, wie der Mensch als Geschöpf und Ebenbild Gottes mit seiner Sexualität als einen der stärksten Triebe nach ethischen Maßstäben verantwortlich umgeht, ohne sich selbst, dem eigenen Ehepartner oder Dritten Schaden zuzufügen.
Bibelstellen zur Sexualität
Es gibt Bibelstellen, die mit der Masturbation in Zusammenhang gebracht werden. Die Interpretation ist umstritten. Meist wird die BibelstelleGen 38,8–10 LUT als Lehrmeinung gegen Masturbation zitiert. Allerdings bestraft GottOnan (daher der BegriffOnanie) nicht wegen Masturbation, auch nicht wegen desCoitus interruptus, sondern wegen des Nichtvollzugs des imJudentum vorgeschriebenenLevirats (Heirat der Witwe seines verstorbenen Bruders, um ihr Nachkommen zu gewähren, die sie im Alter versorgen und den Namen des Bruders weiterbestehen lassen).
Andere Bibelstellen befassen sich mit übersteigerten Grundbedürfnissen und kritisieren beispielsweise inGal 5,19–26 LUT Sucht und suchtähnliche Gewohnheiten. Nach1 Kor 6,12 LUT ist zwar alles erlaubt, aber nicht alles ist gut; man solle sich von nichts beherrschen lassen. Es geht um die Frage, inwiefern die betroffene Person noch über ihre eigenen Gefühle herrscht (1 Thess 4,3–5 LUT) und ob man „in seinem Herzen“ die Ehe mit einer anderen Person bricht (Mt 5,28 LUT). Außerdem gibt es teilweise die Auffassung, dass Sexualität generell in die Ehe gehöre:
„Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren.“ (1 Kor 7,9 LUT)
Nach rabbinischer Auslegung lag das heiratsfähige Alter bei 12 (Mädchen) beziehungsweise 13 (Jungen) Jahren, was nach Fritz Rienecker auf die frühere Pubertät in südlichen Ländern zurückzuführen sei.[67] Deshalb geht die Bibel nicht auf vorehelichen Geschlechtsverkehr ein und bezeichnet lediglich Untreue beziehungsweiseEhebruch als Sünde. Weiterhin warnt die Bibel inMt 5,27–28 LUT vor sexuellen Fantasien mit einem anderen als dem eigenen Ehepartner. Auch zur innerehelichen Selbstbefriedigung trifft die Bibel keine klare Aussage, jedoch sind die Eheleute nach1 Kor 7,4–5 LUT aufgefordert, sich einander nicht zu entziehen.
Lehrmeinungen christlicher Kirchen
Nach Auffassung derrömisch-katholischen Kirche, die die kirchliche Tradition als Grundlage für das Schriftverständnis sieht (Dei verbum: Verhältnis zwischen Tradition, Schrift und Lehramt), stelle Selbstbefriedigung als „absichtliche Erregung der Geschlechtsorgane, mit dem Ziel, geschlechtliche Lust hervorzurufen“ (KKK Nr. 2352),[68] wie auch jeglicher freiwillige, außereheliche „Gebrauch der Geschlechtskraft“ eine „in sich schwere ordnungswidrige Handlung“ dar.[69] Sie gehöre neben Pornographie und homosexuellen Praktiken zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen (KKK 2396).[68] Allerdings werden in der Seelsorge Faktoren wie „affektive Unreife, die Macht eingefleischter Gewohnheiten, Angstzustände und weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren“ berücksichtigt, „welche die moralische Schuld vermindern oder sogar auf ein Minimum beschränken können“.[68]
Für die evangelische Kirche galt ursprünglichLuthers Ansatz desSola scriptura mit der „Klarheit der Schrift“. ImGroßen Katechismus gilt in der Auslegung zum Sechsten Gebot die Ehe als die von Gott gestiftete Ordnung gegen Unkeuschheit, und Keuschheit sei das Ideal gegen „Büberei“ (hinterhältiges oder schurkisches Verhalten). Dass darunter auch Masturbation fällt, geht indirekt aus demAugsburger Bekenntnis Art. 23Vom Ehestand der Priester hervor: „Denn Gott hat … den Ehestand eingesetzt. Nur sehr wenige haben die besondere geistliche Gabe ohne Sünde ehelos zu leben.“[70] Heute verweist die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihrer von der Meinung der Autoren geprägten Online-Lebensberatung darauf, Glaube lebe aus dem Vertrauen auf Gott, und nicht aus der Einhaltung von Gesetzen. Sexualität sei eine Gabe Gottes, die genutzt werden solle, ohne dass sie jemandem schadet. Dies sei bei Masturbation nicht der Fall, sondern „im Gegenteil: wer sich mit seinem Körper auskennt, der kann auch in einer Partnerschaft offener und selbstbewusster über Sex sprechen – kann sagen, was er oder sie möchte und vor allem, was nicht!“[71] Sie lässt die Frage offen, ob Sexualität grundsätzlich in eine Ehe gehöre.
Auch in anderen christlichen Konfessionen und Gemeinschaften gehen die Meinungen zur Masturbation auseinander. Beklagt wird, dass das Fehlen einschlägiger Aussagen in der Bibel zur „Sprachlosigkeit in Gemeinden bei diesem Thema“ führe.[72] In Kirchen und Freikirchlichen Glaubensgemeinschaften, die eine konservative Sexualethik vertreten, dominiert die Auffassung, dass jegliche Sexualität der Ehe vorbehalten sei.[73] In Gemeinschaften, die das Thema differenziert betrachten, wird das Thema teilweise mit Pornografie in Verbindung gebracht. Ihre Rolle wird nicht einheitlich bewertet,[74][72] aber Einigkeit besteht meist darüber, dass mit Pornografie die Schwelle zur Sünde (im Sinne einer „Zielverfehlung“, also die Gemeinschaft mit Gott) überschritten sei.
Islam
Für Angehörige desIslam gilt nach wie vor fürjugendliche und erwachsene Männer ein religiös begründetes Masturbationsverbot mit nur wenigen Ausnahmeregelungen. Religiöse Vorschriften verlangen von Männern, wenn sie masturbiert haben, darüberReue zu empfinden. Religiöse Autoritäten lehren, dass sexuelle Handlungen bis zur Ejakulation nur mit Ehefrauen oder Sklavinnen stattfinden dürften.[75]
„1 Erfolg fürwahr krönt die Gläubigen, […]5 die ihre Sinnlichkeit im Zaum halten –6 Es sei denn mit ihren Gattinnen oder denen, die ihre Rechte besitzt, denn dann sind sie nicht zu tadeln;7 Die aber darüber hinaus Gelüste tragen, die sind die Übertreter“ (Sure 23, Verse 1 und 5–7)
„33 Und diejenigen, die keine (Gelegenheit) zur Ehe finden, sollen sich keusch halten, bis Allah sie aus Seiner Fülle reich macht. […]“
Keuschheit (keusch auslateinischconscius‚bewusst‘) wird im Wortsinne als „Mäßigung im Umgang mitSexualität“ verstanden, in anderen Koranstellen (Sure 17:32 zu Ehebruch;24:30 und33:35 zu Keuschheit) jedoch stets auf das ethische Handelnzwischen den Geschlechtern angewandt. Die traditionelleExegese bezieht jede andere Form der Sexualität mit ein. Es gibt eine Reihe vonHadithen, von denen sich einige auch zur Masturbation ablehnend äußern. Unter anderem wird Fasten zur Vermeidung von Sünde empfohlen.
BeiSchiiten ist Masturbation generell verboten, bei Sunniten ebenfalls mit unterschiedlichen Bewertungen zu Ausnahmefällen. Während Masturbation beiSchāfiʿiten undMalikiten generell verboten ist, kann sie beiHanafiten undHanbaliten im Einzelfall erlaubt sein, z. B. nach einer gescheiterten Ehebeziehung.[77][78] Es gibt beiMuslimen eine in der iranischen Sprache als „taqaandan“ bezeichnete Masturbationstechnik, bei der ein Teil des erigierten Penisschaftes absichtlich geknickt wird, um eine Lustempfindung auszulösen, aber auch um die Erektion zu beseitigen. Diese führt zu einer in anderen Kulturen nicht bestehenden hohen Häufigkeit vonPenisrupturen durch Masturbation.[79]
Im Unterschied zu vielen anderen Religionen sieht derDaoismus in der Masturbation keine „Sünde“, betrachtet aber die zum Samenerguss führende männliche Masturbation kritisch, weil sie durch die Verschwendung des Samens einen Verlust anQi verursache und zu Schwächung und Krankheit des Körpers führe. Die daoistisch korrekt – also ohne Ejakulation – ausgeführte Masturbation dagegen wird nicht nur toleriert, sondern sogar als für den Körper gesund angesehen.[80] (Siehe auch:Daoistische Sexualpraktiken, Abschnitt zur männlichen Ejakulation)
Masturbation im Tierreich
Masturbation ist im Tierreich weit verbreitet[81] und wurde beispielsweise bei zahlreichen Affenarten,[39][82] Hunden,[39] Kühen,[39] Pferden,[83] Walen,[82][84] Fledermäusen,[82] Schafen[82] sowie bei Vögeln[82] und bei Reptilien (beispielsweise Schildkröten[85]) beobachtet. Dies umfasst, anders als früher behauptet,[86] nicht nur domestizierte und inGefangenschaft lebende Tiere, sondern auch wilde Tiere beider Geschlechter in freier Natur.[82][87]
Für wissenschaftlich haltbare Aussagen über den selektiven Vorteil weiblicher Masturbation bei Primaten gibt es noch nicht ausreichend Daten. Männliche Masturbation mit Ejakulation dient dem Schutz vorInfektionskrankheiten sowie der Abstoßung von minderwertigemSperma. Männliche Masturbation ohne Ejakulation bietet Männchen niedrigeren Rangs zudem den Vorteil, im Falle einer Paarungschance schneller ejakulieren zu können (siehe auchVorzeitiger Samenerguss #Anthropologische Erklärung). Sie ist daher vor allem bei Primatenarten mit starker Konkurrenz zwischen den Männchen besonders häufig zu beobachten.[8]
Bei Bären wurde beobachtet, dass sie masturbieren, während sie anderen Bären bei der Paarung zusehen.[87]
Die dabei verwendeten Techniken sind vielfältig und umfassen beispielsweise die manuelle Stimulation mit Hand, Pfoten, Füßen oder Schwanz, Autofellatio, Reiben des Penis gegen den Bauch oder Gegenstände.[82] Auch das Herstellen von Werkzeugen, die der Masturbation dienen, ist bei einigen Arten bekannt.[82] Bei einigen Arten wurde eine spontane Ejakulation ohne vorhergehende körperliche Stimulation beobachtet.[82] Auch die Stimulation weiterererogener Zonen wie der Zitzen oder des Geweihs verschiedener Hirscharten kann beobachtet werden.[82] Bei weiblichen Säugetieren umfasst die Masturbation häufig die direkte oder indirekte Stimulation der bei allen Säugetieren vorhandenen Klitoris.[82]
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