
Mandala (Sanskritमण्डलmaṇḍala, deutsch‚Kreis‘) ist in derGeschichtswissenschaft eine Bezeichnung für das inSüdostasien bis ins 19. Jahrhundert vorherrschende politische Modell. In dieser Vorstaatenwelt[1] gab es keinesouveränenTerritorialstaaten, sondern eine Vielzahl lokaler oder regionaler Herrschaften, die in denTai-SprachenMüang und aufMalaiischKedatuan hießen. Deren Herrscher konnten in unterschiedlichen Graden der Abhängigkeit zu mächtigeren, übergeordneten Herrschern stehen, denen sietributpflichtig waren. Deren Einfluss nahm vom Zentrum zum Rand ihres Einflussbereichs graduell ab. Dabei wurde die Kontrolle eines bestimmten Territoriums für unwichtig erachtet, im Vordergrund stand das Beziehungsgeflecht zwischen Personen. Grenzlinien wurden nicht definiert, ein Gebiet konnte gleichzeitig zu mehreren sich überlappenden Einflussgebieten gehören. Wichtiger als die Abgrenzung eines Mandalas nach außen war die Orientierung auf sein Zentrum.
Das Mandala-Modell ist sowohl auf dasinsulare als auch auf die Tiefebenen und Täler deskontinentalen Südostasien anwendbar. Das InselreichSrivijaya (7. bis 13. Jahrhundert),Champa im heutigen Südvietnam (Blütezeit im 9. und 10. Jahrhundert), das Khmer-Reich vonAngkor (9. bis 15. Jahrhundert), in Birma dasReich von Bagan (11. bis 13. Jahrhundert) und derTaungu-Dynastie (16. bis 18. Jahrhundert),Majapahit (13. bis 15. Jahrhundert), die KönigreicheSukhothai (13. und 14. Jahrhundert) undAyutthaya im heutigen Thailand (14. bis 18. Jahrhundert) waren demnach keine einheitlichen „Reiche“, sondern Einflusszonen des jeweiligen Tributherrn.
Sie konnten in starken Phasen, wenn kleinere Zentren ihren Schutz suchten, expandieren und in Zeiten der Schwäche, wenn die untergeordneten Herrschaften in die Unabhängigkeit strebten, sich zusammenziehen („wie eine Ziehharmonika“, O. W. Wolters[2]) oder ganz kollabieren. Wenn eines der untergeordneten Zentren den Einfluss seines Oberherrn schwinden sah, konnte es sich unabhängig erklären, und wenn der Einfluss einer anderen Macht zunahm, sich dieser unterordnen. Frühere Tributbeziehungen konnten sich auch umkehren, wenn ein ehemaligerVasall stark an Macht gewann und sein früherer Schutzherr deutlich an Einfluss verlor.[3][4][5]
Von chinesischen und europäischen Zeitgenossen, die ein anderes Staatsverständnis hatten, wurden diese netzwerkartigen Gebilde, die von einem mächtigenOberherrscher abhängig waren, als einheitliche Flächenstaaten missverstanden. Die europäische Kartographie, die nur einheitliche Flächen mit fixen Grenzen kannte, verstärkte diese Fehlkonzeption.
Die Kriege im Südostasien der vorkolonialen Zeit dürfen in diesem Sinne auch nicht als Kämpfe zwischen Nationen verstanden werden, wie es in der späteren, nationalistisch geprägten Geschichtsschreibung getan wurde, sondern waren Konflikte um die Vorherrschaft im Rahmen des Mandala-Systems. Dabei konnten durchaus Herrscher, die der gleichenEthnie angehörten, gegeneinander kämpfen und sich mit Herrschern einer anderen Ethnie gegen den gemeinsamen Feind verbünden. Bezeichnungen wie „Siamesisch-Birmanischer Krieg“ sind von daher eigentlich irreführend. Ebenso problematisch ist eine Gleichsetzung historischer Mandalas mit heutigen Nationalstaaten, wie sie beispielsweise in der nationalistischen GeschichtsschreibungLaos’ (mit Bezug auf das MandalaLan Xang) verbreitet ist.[6]
Das Mandala-System wurde durch dieKolonialisierung Südostasiens durch europäische Mächte überwunden, obwohl auch diese teilweise den traditionellen Herrschern abgestufte Grade an Autonomie ließen. In Thailand wurde es Ende des 19. Jahrhunderts durch die Einführung desThesaphiban-Systems durch KönigChulalongkorn und PrinzDamrong Rajanubhab beendet, die das damaligeSiam von einem Mandala-Gebilde in einen Einheitsstaat umwandelten.[7]
Das Mandala-Modell wurde erstmals 1982 von dem britischen, auf die Geschichte Südostasiens spezialisierten HistorikerO. W. Wolters formuliert. Der deutsche IndologeHermann Kulke und der thailändische HistorikerSunait Chutintaranond entwickelten es wesentlich weiter. Der sri-lankische SozialanthropologeStanley J. Tambiah vertritt seit 1977 ein sehr ähnliches Modell unter der Bezeichnung „galaxisartigesGemeinwesen“(galactic polity).[8][9][10][11]