Luzk (ukrainischЛуцькⓘ/?;russischЛуцк;polnischŁuckⓘ/?; historischLutschesk) ist eine Stadt in der nordwestlichenUkraine. Die am FlussStyr gelegene Großstadt mit über 210.000 Einwohnern ist das Zentrum derOblast Wolyn und deren Hauptstadt, war aber bis Juli 2020 nicht Bestandteil des gleichnamigenRajons Luzk.
Die Burg wurde erstmals im Jahr 1085 in derHypatioschronik alsLutschesk erwähnt und befand sich imFürstentum Wolhynien.Die Siedlung entstand um eine aus Holz errichtete Festung eines lokalen Zweigs derRurikiden. Seit 1154 war sie Mittelpunkt eines eigenen Fürstentums.
ImMongolensturm 1240 wurde sie von denMongolen erobert, die aber die Festung nicht zerstörten.
1321 starb mitGeorg (Juri), Sohn desLew I., der letzte Adlige der Gründungslinie in derSchlacht am Irpen gegenGediminas, Großfürst von Litauen. Dieser verleibte Festung und Stadt seinem Reich ein. 1340 wurde mit dem Bau derLiubartas-Burg begonnen. 1349 wurde die Stadt von Truppen des polnischen KönigsKasimir des Großen für kurze Zeit erobert, sie fiel aber bereits kurze Zeit später wieder an das Fürstentum Halytsch-Wolodymyr.
Unter den Litauern erfuhr die Stadt einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Fürst Witold warb Kolonisten für Luzk an (überwiegendJuden,Tataren,Armenier undKaraimen).
1428 wurde das römisch-katholischeBistum Luzk errichtet.[1]
Nach dem Tod vonŠvitrigaila, dem jüngsten Bruder Władysław Jagiełłos, im Jahr 1452 wurde Wolhynien einLehnswesen des Großfürstentums Litauen. Die Stadt wurde Sitz eines Woiwoden, dessen Nachfolger sich späterMarschalle des Landes Wolhynien nannten. Im gleichen Jahr erhielt Łuck dasMagdeburger Stadtrecht.
Ende des 15. Jahrhunderts besaß die Stadt 19 orthodoxe und zwei römisch-katholische Kirchen. Daher trug sie damals auch den SpitznamenWolhynisches Rom.
Mitte des 17. Jahrhunderts war die Stadt auf etwa 50.000 Einwohner angewachsen. BeimKosaken-Aufstand unterBohdan Chmelnyzkyj wurde sie 1648 von Truppen des Obersten Kolodko geplündert und teilweise niedergebrannt. Hierbei wurden knapp 4.000 Menschen getötet, etwa 35.000 flohen. Von diesem Ereignis hat sich der Ort lange nicht erholen können.
1781 zerstörte ein Feuer 440 Häuser, beide Kathedralen und zahlreiche weitere Kirchen.
Im Zuge derDritten Teilung Polens wurde Luzk 1795 vonRussland annektiert. Die Woiwodschaft wurde aufgelöst. Luzk war nicht mehr Provinzhauptstadt, sondern wurde demGouvernement Wolhynien zugeordnet und vonSchytomyr aus verwaltet. In Luzk verblieb die Kreisverwaltung. Nach demNovemberaufstand von 1830/1831 wurden dieRussifizierungsbemühungen in der Stadt verstärkt, wodurch Russisch das Polnische als dominierende Verkehrssprache ablöste. Griechisch-katholische Kirchen wurden inrussisch-orthodoxe umgewandelt. 1845 ereignete sich in der Stadt erneut ein Großbrand, der Abwanderungen zur Folge hatte.
1850 wurden drei große Festungen um Luzk gebaut und die Stadt wurde inMichailogorod umbenannt. Bei derersten gesamtrussischen Volkszählung von 1897 wurde eine Einwohnerzahl von 15.804 festgestellt.[2]
Während desErsten Weltkrieges wurde die Stadt imFeldzug nach Rowno am 29. August 1915 von derösterreichisch-ungarischen Armee besetzt, wobei es zu leichten Zerstörungen kam. In der darauf folgenden russischen Gegenoffensive musste die Stadt am 23. September wieder geräumt, konnte aber nach drei Tagen erneut besetzt werden. In der einjährigen Besatzungszeit hatte die4. Armee unter demErzherzogJoseph Ferdinand hier ihrHauptquartier. Aufgrund von Problemen bei der Nahrungsmittelversorgung brach in dieser Zeit eine Typhusepidemie aus.
Am 7. Juni 1916 wurde Luzk im Verlauf derBrussilow-Offensive nach einem dreitägigen Artilleriebombardement von derrussischen Armee zurückerobert.
Nach demFriedensvertrag von Riga kam Luzk 1921 an dieZweite Polnische Republik und wurde erneut Hauptstadt einerWoiwodschaft Wolhynien. Der bereits seit 1890 bestehende Eisenbahnanschluss vonKiwerzi wurde um die Strecke nachLemberg erweitert. Während der Zugehörigkeit zu Polen entwickelte sich die Industrie in der Stadt. Luzk wurde Garnison des 13. leichten Artillerieregiments.
Am 1. Januar 1939 lebten in Luzk 39.000 Einwohner, darunter 17.500 Juden und 13.500 Polen. Die Umgebung war dagegen mehrheitlich von Ukrainern bewohnt. So wohnten imPowiat 316.970 Einwohner, wovon 59 % Ukrainer, 19,5 % Polen und 14 % Juden waren. Weiterhin lebten dort etwa 23.000 Tschechen sowieWolhyniendeutsche in 42 Kolonien.
Im Zuge dersowjetischen Besetzung Ostpolens wurde Luzk im Herbst 1939 von derRoten Armee erobert und derUkrainischen SSR angegliedert. Viele Fabriken wurden abgebaut (inklusive einer seit 1938 in Bau befindlichen Radiostation) und in dieSowjetunion transferiert. Etwa 10.000 Einwohner, überwiegend Polen, wurden in Lager deportiert oder vomNKWD inhaftiert.
In der Burg fanden die Deutschen Opfer eines Massakers des NKWD vor. Daraufhin kam es zu einem ersten, von den Deutschen begünstigten Pogrom ukrainischer Nationalisten gegen die jüdischen Einwohner der Stadt. Am 2. Juli 1941 erschoss dann das Sonderkommando 4a derEinsatzgruppe C unter Führung vonPaul Blobel und mit Tatbeteiligung eines ZugesOrdnungspolizei und einesZugesWehrmacht-Infanterie 1160 Juden.[3] Die verbliebenen jüdischen Bewohner der Stadt wurden in einnationalsozialistisches Ghetto umgesiedelt und später beim in der Nähe der Stadt gelegenen DorfHirka Polonka ermordet. Alleine an den vier Tagen vom 20. bis 23. August 1942 wurden mehr als 17.000 Juden erschossen, später noch mehrere Tausend. Weniger als 150 jüdische Menschen konnten sich nach der Befreiung am 5. Februar 1944 retten.[4] Organisiert wurde laut dem HistorikerDieter Pohl dieses „vermutlich größte Massaker des Jahres 1942“ vomBefehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS)Karl Pütz. Diese Beschleunigung der Massenmorde in der zweiten Augusthälfte 1942 an der jüdischen Bevölkerung basierte auf dem Drängen von ReichskommissarErich Koch, der den Nahrungsmittelverbrauch im besetzten Gebiet drastisch senken wollte, um die von der NS-Führung auferlegte enorme Erhöhung der Ablieferungskontingente an landwirtschaftlichen Produkten aus der Ukraine erfüllen zu können.[5]
1943 und 1944 verübten ukrainische Nationalisten derOUN-UPA, zum Teil unter Beteiligung ukrainischer „Selbstschutzgruppen“, an der polnischen Bevölkerung der Westukraine Massaker, mit dem Ziel, diese Gebiete „ethnisch rein“ zu machen.[6] Im Zuge dieser wurde der überwiegende Teil der polnischen Einwohner ermordet oder vertrieben (vgl. dazu auchMassaker von Wolhynien und Ostgalizien).
Am 25. Oktober 2019 wurde die Stadt zum Zentrum der neugegründetenStadtgemeinde Luzk (Луцька міська громадаLuzka miska hromada). Zu dieser zählten auch die 4 DörferDatschne,Pryluzke,Sapohowe undSchabka[9], bis dahin bildete die Stadt die gleichnamigeStadtratsgemeinde Luzk (Луцька міська рада/Luzka miska rada) am Nordostrand desRajons Luzk.
Am 12. Juni 2020 wurde die Stadtgemeinde um 1 Siedlung städtischen Typs und 30 weitere Dörfer erweitert.[10]
Der industrielle Schwerpunkt der Stadt liegt auf demMaschinenbau (u. a.Automobilbau) und derLeichtindustrie. An Hochschulen verfügt der Ort u. a. über eine staatliche Universität und eine industrielle Hochschule.
Luzk liegt am Schnittpunkt derEuropastraße 85 (ukrainische Klassifizierung:M 19) mit derN 22 und an der EisenbahnlinieLwiw–Luzk–Kiwerzi. Im 14 km nordöstlich der Stadt gelegenen Kiwerzi besteht Anbindung an die StreckeKowel–Riwne–Kiew.
Im Jahr 1981 wurde am südlichen Stadtrand eine Wälzlagerfabrik gebaut und 1997 vonSKF übernommen.[15] Dort werden, vorwiegend mit deutschen Maschinen, Wälzlager mit Außendurchmesser von 45 mm bis 320 mm gefertigt. Es besteht eine enge Kooperation zum Werk inLüchow, außerdem wurde 2009 eine Fertigungslinie vonSchweinfurt hierher verlagert.
Die deutsche FirmaKromberg & Schubert führt in der Nähe von Luzk seit 2006 ein Werk zur Montage von PKW-Kabelbäumen. Ebenfalls in der Automobilbranche arbeitet das Luzker Automobilwerk (LuAZ), das beispielsweise das AmphibienfahrzeugLuAZ-967 fertigte, sowie den Bus BOGDAN, der in der Ukraine zu den meist genutzten Bussen gehört.
Der 1945 gegründete und zwischen 2008 und 2010 bzw. 2014 und 2016 komplett modernisierte Lebensmittelhersteller ПрАТ «Луцьк Фудз» (PrJSCLutsk Foods) „produziert nicht, sondern kocht mit Liebe“ unter seinem Markennamen Руна bzw.Runa hochwertige, möglichst naturbelassene Soßen und Konserven u. a. für den Export.[16]
↑Dieter Pohl:Schauplatz Ukraine. Der Massenmord an den Juden im Militärverwaltungsgebiet und im Reichskommissariat 1941–1943. In:Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. Hrsg. im Auftrag desInstituts für Zeitgeschichte vonNorbert Frei,Sybille Steinbacher u.Bernd C. Wagner. K.G. Saur, München 2000 (=Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz; Bd. 4),ISBN 3-598-24033-3, S. 135–174, hier S. 160–162.
↑Franziska Bruder:Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben! Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948. Berlin: Metropol Verlag, 2007, S. 206 ff.