Hervorgegangen ist die London School of Economics 1894 aus einem Übereinkommen diverser Mitglieder derFabian Society, darunterBeatrice Webb,Sidney Webb,George Bernard Shaw undGraham Wallas.[10] Die Gründung zu diesem Zeitpunkt ging einher mit lebhaft geführten gesellschaftlichen Diskussionen um Klassenunterschiede und neue Wege sozialen Fortschrittes. Dem Selbstverständnis der Fabian Society nach sollte die Forschung an der neu geschaffenen Institution der reformistischen und graduellen Aufklärung einer modernen Wirtschafts- und Politikelite dienen, explizit auch aus der Arbeiterklasse. Als Vorbild diente hierbei unter anderem der Vorgänger der heutigenPariser Sciences Po (Institut d’études politiques de Paris). Zur Finanzierung diente eine der Fabian Society gewidmete Hinterlassenschaft von 20.000 Pfund des Anwalts Henry Hunt Hutchinson, ebenfalls Mitglied der Gesellschaft. Die Treuhänder autorisierten die Verwendung im folgenden Jahr, und so konnten die ersten Vorlesungen im Oktober 1895 in Unterrichtsräumen in der John Street,City of Westminster, abgehalten werden.
1900 wurde die London School of Economics formal Teil der University of London und repräsentierte ab sofort deren volkswirtschaftliche Fakultät. Nach einer schnellen Expansion zog die Fakultät mehrfach um, bis sie sich 1920 an der heutigen Adresse, der Houghton Street, niederließ. Nachdem durchKing George V. der Grundstein des Hauptgebäudes gelegt worden war, öffnete 1922 das Old Building seine Türen. Das Fächerspektrum wurde unter anderem um Geografie, Internationale Beziehungen, Philosophie und Recht erweitert. Das Wappen der Universität wurde im Februar 1922 übernommen. Der lateinische SpruchRerum cognoscere causas, vonVergil inspiriert, wurde auf Vorschlag vonEdwin Cannan zugefügt.
MitFriedrich A. Hayek wurde die London School of Economics spätestens seit den 1930er Jahren zu einem Zentrum des wirtschaftstheoretischen Diskurses. Berühmt ist in der akademischen Welt insbesondere die Auseinandersetzung zwischen Hayek als Befürworter derÖsterreichischen Schule einerseits und seinem GegenüberJohn Maynard Keynes, damals an derUniversity of Cambridge, als Advokat des staatlich beeinflussten Wohlfahrtsstaates andererseits.[11] Der akademische Diskurs zwischen beiden Institutionen berührte allerdings schon vorher im Kern die grundlegende Frage, ob Volkswirtschaftslehre einem eher praktisch ausgerichteten, anwendbaren Wissen dienen solle, oder vielmehr der theoretisch-holistische Ansatz wünschenswerter sei. So befürwortete die London School of Economics in den 1920er Jahren unterLionel Robbins die Einrichtung eines separaten Fachbereichs für Wirtschaftsgeschichte, während die Ökonomen der „Cambridger Schule“ auf einem integrativen Ansatz bestanden.[12]
Auch in der Philosophie hat die London School of Economics traditionell erheblichen Einfluss. MitKarl Popper (1902–1994) unterrichtete hier lange Jahre einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Schülern zählten hier unter anderemPaul Feyerabend undImre Lakatos, welcher anschließend für 14 Jahre eine Professur an der London School of Economics innehatte. DasDepartment of Philosophy, Logic and Scientific Method gilt entsprechend unter Fachkollegen als das weltweit führende in derEntscheidungstheorie und derWissenschaftstheorie, insbesondere in den SchwerpunktenPhilosophy of Social Sciences.[13]
In der jüngeren Vergangenheit trat die London School of Economics unter anderem durch die Aktivitäten des SoziologenAnthony Giddens als moderner Ausgangspunkt des von Tony Blair und Bill Clinton vertretenen „Dritten Weges“ in Erscheinung. Der Ökonom und KlimaforscherNicholas Stern, Verfasser des Stern-Reports, lehrt am 2008 gegründetenGrantham Research Institute on Climate Change and the Environment. Im 21. Jahrhundert wurde der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften drei Mal an Forscher der London School of Economics vergeben, zuletzt 2010 anChristopher A. Pissarides.
Kontroversen:Im Februar 2011 gab der amerikanische Hedge-Fonds-ManagerJohn Paulson bekannt, über 2,5 Millionen Pfund für die Einrichtung eines Lehrstuhls an der London School of Economics über die Zukunft des europäischen Finanzwesens bereitzustellen.[15] Und im selben Monat geriet die London School of Economics außerdem in die Schlagzeilen deutscher[16][17][18][19] und internationaler Medien,[20][21][22] nachdem die Hochschulleitung kurzfristig eine Diskussionsrunde derLSE German Society mitThilo Sarrazin abgesagt hatte.[23]
Ebenfalls im Februar 2011 – während desAufstands in Libyen – geriet die London School of Economics wegen ihres 2008 anSaif al-Islam al-Gaddafi verliehenen Doktorgrades in die Kritik. Es gab Hinweise auf Plagiate in der Dissertation (Titel „The role of civil society in the democratisation of global governance institutions. From ‘soft power’ to collective decision-making?“, BetreuerMeghnad Desai) und Zweifel an der Autorschaft, außerdem wurde eine 2009 angenommene Spende der Gaddafi International Charity and Development Foundation (GICDF) über 1,5 Millionen Pfund an die London School of Economics für ein Forschungsprogramm im Zusammenhang mit Nordafrika bekannt, von der das LSE-Institut Centre for the Study of Global Governance, an dem Gaddafi studiert hatte, profitierte und bis dahin 300.000 Pfund erhalten hatte.[24][25] Am 3. März 2011 trat der DirektorHoward Davies wegen der Affäre zurück.[26] Die für die Verleihung des Doktorgrades an Gaddafi verantwortlicheUniversität London kam im November 2011 zu dem Ergebnis, den Grad nicht zu entziehen.[27]
32 Lincoln’s Inn Fields, Sitz des Department of EconomicsDas New Academic Building, Sitz des Department of Management
Der Old Curiosity Shop, gegenüber dem Students’ Union Building
Im Jahre 1920 weihteKönig George V. das älteste Universitätsgebäude ein, welches heute den NamenOld Building trägt. Dieses Gebäude fungiert immer noch als zentrales Universitätsgebäude, auch wenn sich der Campus im 20. Jahrhundert um ein Vielfaches erweitert hat. Gegenwärtig gehören ungefähr 30 Gebäude zur Universität selbst, welche hauptsächlich zwischen Kingsway undAldwych liegen. Neben Lehr- und Forschungseinrichtungen gehören elf Studentenwohnheime zur Universität, welche sich auf das Stadtgebiet Londons verteilen. Zum Universitätsgelände gehören Sportflächen in Berrylands im Süden Londons. Der Universitätscampus beherbergt einzelne Installationen und Werke bekannter Künstler, unter anderem Richard WilsonsSquare the Block,[28] Michael BrownsBlue Rain,[29] Christopher Le BrunsDesert Window.[30]
Im Jahre 2003 eröffneteKönigin Elizabeth sowie derHerzog von Edinburgh das vonSir Nicholas Grimshaw umstrukturierteNew Academic Building. Dieses beherbergt neben Seminar- und Tagungsräumen einen Konferenzraum für öffentliche Veranstaltungen der Universität.[32] 2014 wurde das Saw Swee Hock Student Centre eröffnet und ist seitdem Sitz der universitärenStudents’ Union. Es hat unter Fachkreisen Beachtung für seine Architektur erlangt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.[33][34][35] Bis 2018 erarbeitet das ArchitekturbüroRogers Stirk Harbour & Partners eine Campuserweiterung, welche das Department of Government, International Relations sowie das European Institute einschließen soll.[36]
Die London School of Economics befindet sich im StadtteilCity of Westminster, an der Grenze zwischenCovent Garden undHolborn. Im sogenanntenMidtown district auf der Nordseite der Themse gelegen, grenzt die Universität außerdem anCamden und dieCity of London.
Die nächsten Stationen derLondon Underground sindHolborn,Temple undCovent Garden.Charing Cross, geographischer Mittelpunkt Londons in der Nähe desTrafalgar Square, befindet sich in Fußweite. Der Eingang des City Thameslink am Ludgate Hill ist der nächste Regionalbahnhof, währendLondon Waterloo auf der anderen Seite der Themse liegt. Busse nach Aldwych, Kingsway und zu den Royal Courts of Justice verweisen auf Ausstieg zur London School of Economics.
Die London School of Economics zählt mit einer Aufnahmequote von 6,5 % zu den am stärksten selektierenden Universitäten der Welt, noch vor den UniversitätenOxford undCambridge. Auf einen Bachelor-Studienplatz an der London School of Economics kommen durchschnittlich fast 14 Bewerber.[37] Heutzutage kommen etwa 85 % aller Studenten der London School of Economics nicht aus demVereinigten Königreich.[38] Dies macht die London School of Economics zu einer der internationalsten Universitäten der Welt mit mehr vertretenen Nationalitäten als in denVereinten Nationen.[39] Mit jährlich etwa 500 deutschen Studenten findet sich an der London School of Economics eine der größten deutschen Studentenvereinigungen außerhalb Deutschlands, dieLSE German Society.[40]
Von den 12.050 Studenten des Studienjahres 2019/2020 nannten sich 6.585 weiblich und 5.450 männlich.[3] 2009 waren es 9.600 Studenten gewesen. 2014/2015 waren es 5.455 Frauen und 5.130 Männer und insgesamt 10.600 Studenten.[3] 2019/2020 kamen 3.730 Studenten aus England, 50 aus Schottland, 75 aus Wales und 2.070 aus der EU.[3] 5.160 der Studierenden strebten 2019/2020 ihren ersten Studienabschluss an, sie waren alsoundergraduates. 6.895 arbeiteten auf einen weiteren Abschluss hin, sie warenpostgraduates.[3]
Laut staatlichem Research Excellence Framework aus dem Jahre 2014 hat die London School of Economics den höchsten Anteil an Forschung von Weltrang aller britischen Universitäten.[42] Die Universität beherbergt zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zu diesen gehören unter anderem das Centre for the Analysis of Social Exclusion, das Centre for Climate Change Economics and Policy, das Centre for Macroeconomics, the Financial Markets Group (gegründet von derBank of England), das Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment (mit dem VorsitzendenLord Stern), LSE Cities (finanziert von derDeutschen Bank), das UK Department for International Development gefördert vom International Growth Centre und eines der sechs staatlich geförderten 'What Works Centres' – das What Works Centre for Local Economic Growth.
Über fünfzig aktuelle oder ehemalige Staatsoberhäupter und Regierungschefs haben an der London School of Economics studiert. Die englische ZeitungThe Guardian bescheinigt der London School of Economics „mehr Einfluss auf die derzeitige politische Welt als jede andere Hochschule auf der Erde“. Sie zählt zu den akademisch renommiertesten Universitäten in ihrem Forschungsgebiet. Die amerikanische Fulbright Commission attestiert ihr „die beste sozialwissenschaftliche Ausbildung, die es gibt“.[43]
Rankings:Alle international anerkanntenUniversitätsrankings positionieren die London School of Economics konstant an die Weltspitze für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.[44][45] In diesem Bereich erreicht sie 2019 weltweit die zweite Platzierung in denQS Rankings,[46] den siebten Platz in denTHE Rankings, und den achten Platz imAcademic Ranking of World Universities.[47][48][49] Im Bereich Sozial- und Verwaltungswissenschaften schaffte es die Universität auf Platz 1 der Weltrangliste.[50]
In britischer Zeitungen zählt die London School of Economics, trotz ihrer Konzentration auf ausgewählte Fächer, regelmäßig zu den allgemein vier besten akademischen Institutionen des Vereinigten Königreichs.[51] Im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gilt sie, gemeinsam mitOxford undCambridge, traditionell als die führende Institution in Europa.[52] Laut einer 2014 veröffentlichten Studie wurden an der London School of Economics bis dato elf spätere Milliardäre ausgebildet – mehr als an jeder anderen europäischen Universität.[53][54] Absolventen der London School of Economics verdienen durchschnittlich höhere Einkommen als Absolventen jeder anderen britischen Universität.[55]
Christopher T. Husbands:Sociology at the London School of Economics and Political Science, 1904–2015: Sound and Fury. Springer International, Cham 2019,ISBN 978-3-319-89449-2.
F. A. Hayek:The London School of Economics 1895 bis 1945. Economica. Februar 1946.
Ralf Dahrendorf:LSE. A History of the London School of Economics and Political Science 1895–1995. Reprinted. Oxford University Press, Oxford 2007,ISBN 978-0-19-820240-0.
↑Marc Spitz:Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (GewidmetBrendan Mullen); deutsch:Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012,ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 37.