DieLegende ist eine mit demMärchen und derSage verwandteTextsorte bzw.literarische Gattung, in der historische Ereignisse durch spätere Hinzufügungen überhöht oder verfälscht wurden. Legenden haben meist wie Sagen einen wahren Kern, der fantastisch ausgeschmückt wird.
In derHagiographie werden derartigeHeiligenlegenden nebenMärtyrerakten und anderen überlieferten Texten alsVita untersucht.[4] Solche hagiographischen Texte werden auch heute noch von einigen Gelehrten unter Absehung ihres besonderen Charakters derGeschichtsschreibung zugerechnet,[5] wobei allerdings zwischen „Heiligenlegende“ und „Heiligenbiographie“ zu unterscheiden wäre. Nicht zuletzt bei denpolitischen Legenden ist indessen die Vorstellung verbreitet, dass es sich um „unzutreffende Tatsachenbehauptungen“ handele. Dennoch können einzelne Legenden einen Kern von historischerWahrheit enthalten, indem sie in bildhafter oder szenischer Erzählform den Kern eines Faktums oder den Sinn eines Geschehens zu vermitteln suchen, auch wenn die jeweils erzählte Geschichtequellenmäßig unverbürgt ist.[6]
In der Form der Heiligenlegende zielt die Legende aber überhaupt nicht auf die für sie nur vordergründige historische Wahrheit, sondern auf die Verkündigung einer Glaubenswahrheit.[7] Es geht in ihr zentral um die Offenbarung des göttlichenHeilswirkens, das in der Person eines Heiligen zur Erscheinung kommt, zeichenhaft beglaubigt vor allem durch das Signum desWunders.[8] Bekannteste Beispiele sind die Christophorus- und Georgslegende, die als eine Art narrativer Theologie gelten können. Hierbei bleibt der Erzählrahmen der Legende, ebenso wie bei der Sage, dem Mythos undMärchen, imfiktionalen Bereich.[8]
Legenden vonEremiten oderAsketen können jedoch auch historisch stimmige Einzelelemente aufweisen. In dem ägyptischen KlosterDeir Abu Fana wurde beispielsweise die Mumie desApa Bane (übersetzt: Bruder/Mönch Palme) gefunden, die die KrankheitMorbus Bechterew aufwies. In seiner inkoptischer Sprache niedergeschriebenen Legende wird er als jemand beschrieben, der immer fastete, nie schlief und fast immer stand – Symptome ebenjener Krankheit, so der KoptologeSiegfried G. Richter.[9]
Im Medien-Sprachgebrauch wird der Begriff auch häufig in der allgemeinen Bedeutung „Ruhm“ und „Berühmtheit“ verwendet.[10]
Bei seinerKlassifizierung von Legenden lehnte sich der Theologe Harald-Martin Wahl an dieSemantik des BegriffsLegenda an. Wahl zufolge wurden im antiken Christentum die Legenden umJesus Christus (Christuslegenden), die zum Teil in dieapokryphen Evangelien und in die Geschichten derApostel aufgenommen wurden, später um die Legenden von ersten christlichenMärtyrern (Märtyrerlegenden) ergänzt; speziell um solche, von denen dieKirchenväter des 3. Jahrhunderts (Tertullian,Hippolyt,Origenes,Cyprian) berichtet haben und die vonaltgriechischen Grabinschriften bezeugt sind. Einher ging mit diesen Erzählungen eine religiöseVerehrung der Märtyrer imKult, der ab Ende des 4. Jahrhunderts auch für die Heiligen bezeugt ist (Liturgie,Reliquienkult). Seitdem wurden sowohl die Heiligen als auch die Märtyrer im Fall der Bedrohung und Not zusammen mitEngeln und den Apostelnangerufen.[11]
Der PhilologeBenedikt Konrad Vollmann nahm im Rahmen eines Artikels in einem christlichen Wörterbuch ebenso religiöse Legenden ins Blickfeld. Religiöse Legenden entstünden ihm zufolge im „Schwerefeld der jeweiligen Hochreligion“. Beispielhaft führte er für den Buddhismus dieBuddhalegende und für den Islam die Legenden um die Heldentaten vonMohammeds Schwiegersohn 'Ali an. Bei den im Christentum entstandenen Legenden unterschied er zwischenMarienlegenden (Marienmirakel),Apostellegenden (z. B.Andreas,Thomas,Jacobus),Bischofslegenden (Nikolaus,Martinus),Mönchslegenden (Antonius Eremita,Benedikt,Franziskus),Jungfrauenlegenden (Agnes,Agatha,Caecilia) undBüßerlegenden (Gregorius).[2]
Zu den frühesten Legendensammlungen werden die „Dialogi de miraculis patrum Italicorum“ von PapstGregor dem Großen (540–604) gezählt.[12] Vor 959 schloss dieKanonissinHrotsvit, die als die erste deutsche Dichterin und Geschichtsschreiberin gilt,[13] ihre erste Legendensammlung ab.[14] Inhalt ihrer inepischer undelegischer Form geschriebenen Legenden war unter anderen das Leben vonMaria, dieAuferstehung Christi sowie das Leben vonGangolf undPelagius.[15] Die in Deutschland entstandenen Legenden gipfelten am Ende des Hochmittelalters inmittelhochdeutscheVersepen. Mit zu den bekanntesten gehören diejenigen vonHartmann von Aue,Konrad von Würzburg oderRudolf von Ems.Im Hoch- und Spätmittelalter fanden dann vor allem auch Legendensammlungen in Form literarisch komponierterLegendare (meist Sammlungen von Berichten, die Heiligen gelten)[16] weite Verbreitung. Am wirkmächtigsten wurde dieLegenda aurea desJacobus de Voragine (1228/29–1298), der die gewaltige Legendenstofffülle seiner Zeit erfasste und für kultische Zwecke ebenso wie auch für die private Frömmigkeit verfügbar machte. Der Einfluss dieses Werks auch auf die bildende Kunst jener Zeit ist kaum zu überschätzen.
Im Zeitalter derRenaissance undReformation bildete sich ein scharfer kritischer Standpunkt gegenüber den Legenden heraus.Erasmus von Rotterdam unterschied diefabulae fictae (frei erfundene Erzählungen[17]) von den historischenfacta (Tatsachen). Letztere könnten mit der historisch-philologischen Kritik auf ihreEchtheit geprüft werden. Zudem seien nach Erasmus nur diefacta für dieeducatio (Bildung) desHumanisten geeignet.[18] Seine damit verbundene Haltung, diefabulae fictae aus der humanistischen Bildungsidee auszuschließen, wurde ebenso von dem KirchenreformatorMartin Luther geteilt.[19] Luther, der diefromme Legende zurErbauungsliteratur zählte,[18] wendete sich im Rahmen seiner Forderung nach historischer Wahrheit vor allem gegen die ausschmückenden Wunderdetails der Heiligenviten, da sie ihm zufolge „so vieleLügen“ enthielten. Über die Legende, von ihm mehrfach als die „Lügende“ bezeichnet, schrieb er: „Da doch niemand weis, Wo her sie komen, Wenn sie angefangen [...].Item, wer der heiligen Lügenden S.Christoff,Georg,Barbara,Catherin,Ursula und der on zal mit iren Wundern auffbracht“.[19] Trotz seiner grundsätzlichen Kritik ließ Luther bestimmteMotive der Wundererzählung bei einigen heiligen Gestalten als Ausnahmen gelten, um sie der „katechetischenAllegorese“ dienstbar zu machen. Dies insbesondere bei den auch abwertend zitierten FigurenChristophorus und Georg, aber auch beiNikolaus,Martin,Elisabeth undKatharina. Im Gegensatz zu den Heiligenviten insgesamt begriff Luther diese Ausnahmemotive als produktive Fiktionen; sie seien nicht Lügen, sondernGedichte.[19]
Hans-Peter Ecker:Die Legende. Kulturanthropologische Annäherung an eine literarische Gattung (=Germanistische Abhandlungen. Band 76), Metzler, Stuttgart / Weimar 1993,ISBN 3-476-00899-1 (Habilitationsschrift Universität Passau 1991, XI, 397 Seiten).
Hubertus Halbfas:Die Wahrheit der Legende. In: Ewald Volgger (Hrsg.):Sankt Georg und sein Bilderzyklus in Neuhaus, Böhmen (Jindřichův Hradec). Historische, kunsthistorische und theologische Beiträge (=Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens. Band 57). Elwert, Marburg 2002,ISBN 3-7708-1212-3.
Siegfried Ringler:Zur Gattung Legende. Versuch einer Strukturbestimmung der christlichen Heiligenlegende des Mittelalters. In: Peter Kesting (Hrsg.):Würzburger Prosastudien II. Untersuchungen zur Literatur und Sprache des Mittelalters. Festschrift für Kurt Ruh zum 60. Geburtstag (Medium Aevum. Band 31). München 1975, S. 255–270.DNB750315571.
Herbert Walz (Hrsg.):Legende (=Themen, Texte, Interpretationen. Band 7). Buchner, Bamberg 1986,ISBN 3-7661-4337-6 (Aufsätze zur Gattungstheorie sowie beispielhafte Texte).
↑Harald-Martin Wahl:Die Jakobserzählungen. Studien zu ihrer mündlichen Überlieferung, Verschriftung und Historizität. Berlin / New York 1997,ISBN 3-11-015758-6, S. 87 f.
↑abcBenedikt Konrad Vollmann:Sage und Legende. In: Volker Drehsen, Hermann Häring u. a. (Hrsg.):Wörterbuch des Christentums. 1500 Stichwörter von A-Z. München 2001,ISBN 3-572-01248-1, S. 1109 f.
↑Silke Müller, Susanne Wess:Studienbuch neuere deutsche Literaturwissenschaft 1720-1848 (= Lern- und Arbeitshilfen für Schule und Universität). 2., durchges. Aufl., Würzburg 1999, S. 151,ISBN 3-8260-1713-7.
↑Cristina Andenna:Heiligenviten als stabilisierende Gedächtnisspeicher in Zeiten religiösen Wandels. In: Peter Strohschneider (Hrsg.):Literarische und religiöse Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin / New York 2009, S. 526–573, hier: S. 526,ISBN 978-3-11-020061-4.
↑Meinolf Vielberg, Jürgen Dummer:Zwischen Historiographie und Hagiographie. Ausgewählte Beiträge zur Erforschung der Spätantike. Stuttgart 2005, S. 7,ISBN 3-515-08661-7.
↑abJo Reichertz:Die Macht der Worte und der Medien. 2. Auflage, Wiesbaden 2008, S. 77f.,ISBN 978-3-531-16307-9; Ringler (s. o.: Literatur), S. 257–259.
↑Siegfried G. Richter:Das koptische Ägypten. Schätze im Schatten der Pharaonen. (mit Fotos von Jo Bischof). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019,ISBN 978-3-8053-5211-6, S. 67.
↑Peter Tepe:Mythos & Literatur. Selbstanzeige. In:Archiv für Begriffsgeschichte 44, Ausg. 25–26, Hamburg 2002, S. 258. (Quelle: Peter Tepe:Mythos & Literatur. Würzburg 2001,ISBN 3-8260-2136-3.)
↑Harald-Martin Wahl:Die Jakobserzählungen. Berlin / New York 1997, S. 88. (Angegebene Quelle: Hellmut Rosenfeld:Legende. Stuttgart 1982, S. 23.)
↑Max Manitius:Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. (= Handbuch der Altertumswissenschaft, IX. Abt., 2. Teil, 1. Band). 4. Nachdruck der 1911 erschienenen 1. Auflage, München 1974, S. 620,ISBN 3-406-01400-3;Karl August Barack (Hrsg.):Die Werke der Hrotsvitha. Nürnberg 1858.[1]
↑Guy Philippart:Legendare. In:Verfasserlexikon. Band V, Sp. 644–657.
↑Der Begriff „fabulae fictae“ wird bei Hasubek mit Bezug auf die griechische und römische Literatur mit „frei erfundene Erzählungen“ übersetzt, vgl. Peter Hasubek (Hrsg.):Die Fabel. Theorie, Geschichte und Rezeption einer Gattung. Berlin 1982, S. 61,ISBN 3-503-01684-8.
↑abWolfgang Brückner (Hrsg.):Volkserzählung und Reformation. Ein Handbuch zur Tradition und Funktion von Erzählstoffen und Erzählliteratur im Protestantismus. Berlin 1974, S. 37,ISBN 3-503-00540-4.