Daslateinische Alphabet ist ursprünglich das von denRömern zur Schreibung derlateinischen Sprache verwendeteAlphabet; es wird in diesem Zusammenhang auchrömisches Alphabet genannt. Es umfasst 26 Buchstaben und bildet die Grundlage vieler heutiger Alphabete. Zusammen bilden diese „lateinischen Alphabete“ daslateinische Schriftsystem, das am weitesten verbreiteteSchriftsystem der Welt. Einige Sprachen wie beispielsweise dasEnglische benutzen das Alphabet ohne Veränderungen. Dasdeutsche Alphabet umfasst neben allen 26 lateinischen Buchstaben vier weitere.
Das lateinische Alphabet stammt vomaltitalischen Alphabet derEtrusker ab, das wiederum aus dem griechischen Alphabet stammt. Die Römer übernahmen zunächst 21 Buchstaben. Zur Zeit des klassischen Lateins und in derSpätantike bestand das Alphabet aus 23 Buchstaben. Die Zahl von 26 Buchstaben wurde erst in derRenaissance erreicht.
Dauerlaute –Frikative undSonoranten – bekommen eine vorangestellt (ef, el, em usw.)
Einige Buchstaben wichen von diesem Schema ab: K und Q bilden den Namen mit dem für sie typischen Vokal:ka, qu (zur Verdeutlichung des Unterschiedes zuce für C). X wurdeex genannt, Z wurde mit dem griechischen Namenzeta bezeichnet. Für Y gab es verschiedene Namen, darunteri Graeca („griechisches i“).
Die Buchstabennamen sind bei der Übertragung des lateinischen Alphabets auf andere Sprachen weitgehend beibehalten worden.
Die Buchstaben des lateinischen Alphabets lassen sich hinsichtlich ihrer graphischen Umsetzung sowie unter weiterführenden Zusammenhängen einordnen (bezogen auf prototypische Formen).
Erkenntnisse zur Geschichte des lateinischen Alphabets sind derlateinischen Paläografie zu verdanken, die sich mit alten lateinischen Schriften befasst. Demnach geht das lateinische Alphabet auf dieetruskische Schrift zurück. DieEtrusker wiederum haben ihre Schrift aus dem auf diephönizische Schrift zurückgehendenwestgriechischen Alphabet entlehnt. Frühe erhaltene Zeugnisse in lateinischer Schrift sind derLapis Niger (um 600 v. Chr.) und dieDuenos-Inschrift (erste Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr.). Das archaische lateinische Alphabet bestand aus 21 Buchstaben:
Archaisches lateinisches Alphabet
Alt-italische Form
𐌀
𐌁
𐌂
𐌃
𐌄
𐌅
𐌆
𐌇
𐌉
𐌊
𐌋
𐌌
𐌍
𐌏
𐌐
𐌒
𐌓
𐌔
𐌕
𐌖
𐌗
Klassische Form
A
B
C
D
E
F
Z
H
I
K
L
M
N
O
P
Q
R
S
T
V
X
Das Zeichen für den griechischen Laut [dz] wurde an siebter Stelle des Alphabets tradiert, obwohl es für diese und ähnliche Lautkombinationen im Latein keine Verwendung gab. Die Abschaffung dieses Zeichens soll aufSpurius Carvilius Ruga zurückgehen, einen freigelassenen Sklaven, der die erste Schule mit zahlungspflichtigem Unterricht eröffnete.
Inschrift an derTrajanssäule inRom, 112/113 n. Chr. In diesem Text kommt der Buchstabe G dreimal vor.
Das klassische lateinische Alphabet unterscheidet sich vom archaischen lateinischen Alphabet durch die zusätzlichen Buchstaben G, Y und Z. Spurius Carvilius Ruga soll es gewesen sein, der durch Hinzusetzen eines diakritischen Striches zum C den Unterschied von C = [k] und G = [ɡ] einführte. Das neue G wurde an der Stelle des entfallenen Z in das Alphabet eingereiht. Im Ergebnis bestand das lateinische Alphabet aus diesen 21 Buchstaben:
A B C D E FG H I K L M N O P Q R S T V X
Weitere Veränderungen ergaben sich, nachdem das griechische Mutterland 146 v. Chr. unterworfen und dem Staatsgebiet der Römischen Republik eingegliedert worden war und verstärkter Bedarf entstand, griechische Namen und Fremdwörter in lateinischer Schrift wiederzugeben. Das griechische Ypsilon war in der etruskischen Schreibform V schon in archaischer Zeit in das lateinische Alphabet übernommen worden. Mit diesem V wurde der Vokal [u] geschrieben (gemäß dem Lautwert auch im archaischen Griechisch, vgl. lat.burrus ← griechisch πυρρός „rot“), aber auch der Halbkonsonant [w]. In klassischer Zeit wurde das griechische Y noch einmal übernommen, diesmal direkt aus dem Griechischen, in der Schreibform Y und mit dem auch im klassischen Griechisch mittlerweile gegebenen Lautwert [y]. Das Y blieb im Lateinischen aber als ein Fremdzeichen für die Schreibung griechischer Namen und Fremdwörter reserviert, zum Beispielcyclus für griechisch κύκλος „Kreis, Zyklus“. Zum gleichen Zweck wurde als ein weiteres Fremdzeichen erneut Z für /dz/ entlehnt (Beispiel: ζώνηzona „Gürtel, Zone“) und diesmal ans Ende des Alphabets gestellt, wie es heute noch üblich ist. KaiserClaudius versuchte, wohl im Jahr 47, das lateinische Alphabet auf 24 Buchstaben zu erweitern und damit dem als vollendet angesehenen griechischen Alphabet anzugleichen. Erfolg war dieser Reform nach dem Tode des Claudius nicht beschieden. Die Position der neu eingeführten Buchstaben ist unbekannt.[1]
In der spätantiken Grammatik konsolidierte sich die Zählung und Unterscheidung der lateinischen Buchstaben dann auf 23:
A B C D E F G H I K L M N O P Q R S T V XYZ
Das lateinische Mittelalter legte auf diese Zahl auch darum besonderen Wert, weil sie zwischen den Buchstabenzahlen des hebräischen (22) und des griechischen (24) Alphabets liegt und das lateinische Christentum sich dadurch in seiner Stellung als Erbe beider Kulturen bestätigt sah.
Die Römer verwendeten die Buchstaben I und V für die Schreibung sowohl für den Vokal als auch für den entsprechendenHalbvokal: I wurde gleichermaßen für vokalisches [i] und den Halbvokal [j] genutzt, ebenso V für vokalisches [u] und den Halbvokal [w]. In der Spätantike begann man die Halbvokale stärker von den entsprechenden Vokalen zu unterscheiden: Das [j] wurde zu einem [dʒ], das [w] zu einem [v].
Das klassische lateinische Alphabet war nichtbikameral, das heißt, es kannte keine Unterscheidung vonGroß- undKleinbuchstaben. Ebenso gab es in der Antike keinenWortzwischenraum. Stattdessen wurden in derscriptio continua alle Zeichen aneinander geschrieben.
Alphabet mit 23 Buchstaben in einer Darstellung von 1541Tabelle des Alphabets mit 26 Buchstaben in einem englischen Buch von 1740
Seit spätantiker Zeit existierte neben I auch die Schreibform J und neben V auch die gerundete Schreibform U. Diese Schreibvarianten dienten jedoch nicht zur Markierung des lautlichen Unterschieds von vokalischem gegenüber (halb)konsonantischem Lautwert. I und J sowie U und V galten als derselbe Buchstabe mit demselben Namen „I“ beziehungsweise „U“, hergeleitet von der vokalischen Verwendung. Entsprechend wurden J und V auch nicht als separate Buchstaben gezählt.
Erst in der Folge humanistischer Reformprojekte der Renaissance – durchLeon Battista Alberti undGian Giorgio Trissino in Italien sowieGeoffroy Tory undLouis Meigret in Frankreich – wurden die Unterschiede der Schreibformen dann auch zur Repräsentation der lautlichen Differenz eingesetzt: Durch die Unterscheidung von I = [i] gegenüber J = [j] und von U = [u] gegenüber V = [v] ergaben sich zwei weitere Buchstaben des Alphabets:J undU.
Ebenfalls nachmittelalterlich in der Bewertung als eigener Buchstabe ist der aus einerLigatur von zwei V entstandene BuchstabeW (daher sein englischer Namedouble u, französischdouble v [ve] oder italienischdoppia v [vu]).
A B C D E F G H IJ K L M N O P Q R S TU VW X Y Z
Damit war das Alphabet, das man heute unter dem Begriff lateinisches Alphabet versteht, komplett.
In der heutigen Schreibung des Latein, beispielsweise imKirchenlatein, werden die Buchstaben U und V unterschieden.[2] Auch in gängigen Wörterbüchern werden die lateinischen Einträge getrennt nach U und V sortiert.[3]
Mittelalterliche Handschriften verwenden zahlreicheAbbreviaturen, spezielle Zeichen zur Abkürzung von häufigenPräfixen,Suffixen und auchWortstämmen.[4] Anstelle der ausgesparten Buchstaben wurden an den verbliebenen Buchstaben spezielle Striche oder Linien angebracht (teilweisediakritischen Zeichen ähnlich, jedoch nicht als solche aufzufassen). Diese Praxis hat nur in einigen wenigen Fällen das Aufkommen desBuchdrucks überdauert.
Johannes Bergerhausen, Siri Poarangan:decodeunicode: Die Schriftzeichen der Welt Hermann Schmidt, Mainz 2011,ISBN 978-3-87439-813-8.
Carl Faulmann:Das Buch der Schrift, enthaltend die Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und aller Völker des Erdkreises. 1878, aktuell in Nachdrucken erhältlich.
↑Roland Papke:Des Kaisers neue Buchstaben. Claudius in Tac. ann. 11,14 und Sen. apocol. 3,4. In:Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft. Neue Folge Band 12, 1986, S. 183–196; siehe auchJürgen Malitz:Claudius (FGrHist 276) – der Prinzeps als Gelehrter. In:Volker Michael Strocka (Hrsg.):Die Regierungszeit des Kaisers Claudius (41-54 n.Chr.). Umbruch oder Episode ? Internationales interdisziplinäres Symposion aus Anlaß des hundertjährigen Jubiläums des Archäologischen Instituts der Universität Freiburg im Breisgau, 16.–18. Februar 1991. Philipp von Zabern, Mainz 1994, S. 133–141, hier S. 140 f.
↑Beispiel: Michael Petschenig:Der kleine Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch. München 1968, S. 510 („U.“), S. 517 („V.“).
↑Wallace Martin Lindsay:Notae Latinae: An Account of Abbreviation in Latin Mss. Of the Early Minuscule Period (C. 700-850). Cambridge University Press, Cambridge 1915.