
EineKutsche ist eingefedertes und gedecktesFuhrwerk, also ein vonTieren gezogenerWagen zum Personentransport. Eine Kutsche kannein- oder zweiachsig sein, eine geschlosseneKarosserie haben oder ein beweglichesVerdeck. Ganz offenePferdewagen sind definitionsgemäß keine Kutschen.
Postwagen wurden schon in der „Postkutschenzeit“ großzügig auch dann als Postkutschen bezeichnet, wenn die Federung fehlte.[1] Gezogen werden Kutschen fast nur von Pferden, wobei es Ein- undMehrspänner gibt.
Das Wort Kutsche leitet sich vomungarischenKocsi „ausKocs“ beziehungsweise vonkocsi szekér „Wagen aus Kocs“ ab. Kocs ist ein beiGyőr (Raab) gelegenes Dorf. Ironie der Sprachgeschichte: Die ungarischenKocsi waren leichte ungefederte Wagen aus Korbgeflecht. In Ungarn war aber im 14. Jahrhundert die elastische Aufhängung des Wagenkastens wieder erfunden worden. Als man dann auch noch denplanwagenartigen Witterungsschutz derKobelwagen durch elegantere Formen des Verdecks ersetzte, setzte sich für die modernen Wagen europaweit die aus dem Ungarischen stammende Bezeichnung durch.[2] Erste deutsche Erwähnungen sindCotschien Wägnen undGutschenwagen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, seit der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts tritt auch verselbständigtesGutsche, Gotzi, Kotsche, Kutze auf.[3]



Schon dieRömer benutzten, zumindest ab dem 2. Jahrhundert n. Chr., gefederte Reisewagen.[4] Die Technik ging aber mit dem Niedergang der Antike offensichtlich verloren. Im 15. Jahrhundert wurde die Federung imungarischenKocs erneut erfunden. Die erste urkundliche Erwähnung des Worteskocsi (damals nochkocsy buchstabiert) datiert in das Jahr 1469.[5] Von da an wurde an den Kutschen stetig verbessert, was immer die Entwicklung der Technik hergab. Der große Erfolg dieseskomfortablenKutsch-Wagens, der sich schnell über den ganzen Kontinent ausbreitete, spiegelt sich darin wider, dass in zahlreichen europäischen Sprachen entsprechende Bezeichnungen nach diesem Erfindungsort benannt wurden (und auch heute noch so genannt werden), beispielsweisecoach (englisch),Kutsche (deutsch),coche (französisch),cocchio (italienisch),coche (spanisch).
Eine ganze Reihe von Berufen war im Kutschenbau engagiert: z. B.Stellmacher,Tischler,Lackierer,Linierer u. v. A.
Als Privatfahrzeug waren Kutschen auch stets einStatussymbol, das aber nicht nur durch den Wagen selbst, sondern durch die ganzeEquipage ausgedrückt wurde.Mit dem etwa gleichzeitig mit der neuzeitlichen Kutsche aufgekommenenPostwesen wurde diePostkutsche für über zwei Jahrhunderte zum wichtigstenöffentlichen Transportmittel Europas und derNeuen Welt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts besaß die StadtColumbus im US-BundesstaatOhio mehr als 20 Firmen, die Kutschen produzierten, so dass ein Sechstel aller weltweit produzierten Kutschen aus Columbus stammten. DieLindner Waggonfabrik inHalle hat auch zur Weltproduktion wesentlich beigetragen: „Bis zum Ende der Kutschenproduktion im Jahr 1912 wurden insgesamt fast 6000 Fahrzeuge geliefert.“[6]
Kutschen waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Reisemittel für Überlandreisen schlechthin. Die wohlhabendebritische Familie der KrankenpflegepionierinFlorence Nightingale unternahm beispielsweise 1837 bis 1838 eine Reise auf den europäischen Kontinent, für die William Edward Nightingale eine sechsspännige Reisekutsche fertigen ließ, die neben der vierköpfigen Familie Nightingale auf dem Dach der Kutsche auch Raum für zweiDienstmädchen, einen Diener und einen Boten bot. Erst die Entwicklung desAutomobils ließ die Kutsche langsam aus dem Straßenbild verschwinden.
Kutschen spielen heute nur noch inwenigen Ländern eine bedeutende Rolle als Transportmittel. In Mitteleuropa wird dasGespannfahren hauptsächlich alsFahrsport betrieben, oder wie inWien zu touristischen Zwecken genutzt. InautofreienUrlaubsorten, wie zum Beispiel aufHerrenchiemsee, kommen Kutschen ebenfalls häufig zum Einsatz. 2005 war im offiziellenKursbuch der Schweiz noch eine Kutschenlinie zwischenPontresina und demRoseggletscher verzeichnet.
Am 8. März 1886 bestellte der AutomobilpionierGottlieb Daimler eine Kutsche der BauartAmericain beiWilhelm Wimpff & Söhne inStuttgart, die im August 1886 ausgeliefert wurde. Ursprünglich als Geschenk für seine Frau Emma gedacht, „endete“ sie, nachdem Daimler dort einenMotor eingebaut hatte, als das erste vierrädrigeAutomobil. In der Folgezeit wurden etliche Kutschen mit den unterschiedlichsten Konstruktionen zu Motorkutschen umgebaut. In den Anfängen des Automobilbaus hatten die Kutschenbauer noch viel zu tun, denn die Automobilhersteller lieferten nur die Fahrgestelle mit Motor und Lenkung, die Aufbauten musste der Kunde selbst bei einem Kutschenbauer oder Carossier in Auftrag geben.
Kutschen wurden früher vonManufakturen individuell nach Bestellung des Kunden gebaut. Erst ganz am Ende der Ära der Kutschen wurden zumindest Einzelteile industriell hergestellt. Daher sind historische Kutschen stetsUnikate. Auch die verschiedenen Wagentypen sind daher nicht mit den heutigen Modellen derAutomobilindustrie vergleichbar.
Es folgen dennoch einige Merkmale, um eine Kutsche klassifizieren zu können:
zwei oder eine; einachsig z. B. dasHansom Cab und, sofern mit Verdeck versehen, derGig
AlsKutschbock oder kurzBock bezeichnet man die Sitzbank der Kutsche, auf der derKutscher während der Fahrt sitzt.
Bei der Verwendung vonSattelpferden konnte der Wagenlenker auch auf einem der ziehenden Pferde sitzen und die übrigen Pferde steuern oder bei großen Gespannen (vier, sechs, acht, …) als sogenannterVorreiter den Kutscher unterstützen.
In flachen Gegenden mit wenigen Steigungen werden noch heute Kutschen ohne Bremsen eingesetzt. Die Zugtiere bremsen den Wagen selbst überAufhalter sowie Kumt oder Halskoppel beim Brustblattgeschirr. Moderne Kutschen sind meist mitBacken- oderScheibenbremsen ausgestattet. Besonders im Gebirge kommenHemmschuhe (auch Bremsschuhe) zum Einsatz, um längere Abfahrten sicher zu kontrollieren. EineBergbremse verhindert, dass die Kutsche beim Anhalten am Berg zurückrollt.
Die Bremse wird auf unterschiedliche Weise betätigt. Es gibt die Zugbremse, die der Handbremse beim Auto ähnelt, die Druckbremse, eine Handbremse, die nach vorne gedrückt wird, sowie die Handradbremse. DieSpindelbremse wird durch Kurbeln betätigt und arbeitet mit einem hölzernenBremsklotz. Bei den meisten modernen Kutschen kommt die Fußbremse zum Einsatz.
Die Federung unterscheidet die Kutsche vomWagen, die Ausführung zeigt den Fortschritt der Technik, aber auch denStand an (siehe auch:Equipage). Die Federung macht den Transport von Personen bequemer und sicherer. Das Ziehen wird den Zugtieren erleichtert.
Die Aufhängung des Wagenkastens auf vier Pfosten mittels eines Lederriemens war die erste Form der Federung. Die Pfosten wurden später durchBlattfedern und schließlichFederpakete ersetzt.
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Beispiele:



Zur Abgrenzung: Nicht zu den Kutschen zählen:
Weltweit gibt es Kutschenmuseen und Marstallmuseen, die sich auf historische Kutschen spezialisiert haben. Dort werden neben Kutschen auch Schlitten, Livreen, Sänften, Sättel und weitere Exponate ausgestellt.
