DieKraniche (Gruidae) sind eineFamilie aus derOrdnung derKranichvögel (Gruiformes). Der in Mittel- und Nordeuropa heimische Vertreter dieser Ordnung ist derGraue Kranich. Mit ihrem langen Hals und ihren langen Beinen erinnern Kraniche äußerlich anStelzvögel, mit denen sie aber nicht verwandt sind. Sie sind mit 15 Arten weltweit vertreten und fehlen lediglich in Südamerika sowie der Antarktis. Ihre Hauptverbreitung haben sie in Asien und Afrika.
Viele Arten brüten erst in ihrem vierten oder fünften Lebensjahr und die Sterblichkeit der Jungvögel ist hoch. Bestandseinbrüche können sie daher nur sehr schwer wieder ausgleichen. Zahlreiche Arten sind deshalb sehr gefährdet. Dazu zählen derSchreikranich, derMandschurenkranich und derNonnenkranich.
Kranich im Abendlicht (Grus grus)Kanadakranich im Flug
Kraniche sind große bis sehr große Vögel, die mit ihrem langen Hals und ihren langen Beinen äußerlich anStörche undReiher erinnern. Mit einer Körperlänge zwischen 90 und 150 cm gehören sie zu den größten Vögeln überhaupt. Der Saruskranich steht aufrecht vom Boden zur Scheitelspitze 176 cm hoch, höher als jeder andere flugfähige Vogel. Das Gewicht der Kraniche reicht bis zu 12 kg (Mandschurenkranich). Männchen sind etwas größer und schwerer als Weibchen, ansonsten gibt es keinenGeschlechtsdimorphismus.
Im Gefieder der Kraniche herrschen Grau- und Weißtöne vor. Generell sind die am weitesten nördlich lebenden Kraniche die hellsten und größten Vertreter, während nach Süden hin die Arten dunkler und kleiner werden. Schwarzes Gefieder findet man hauptsächlich am Hals, am Schwanz und an den Handschwingen, allerdings nicht bei allen Arten. Nur die Kraniche der GattungAnthropoides haben komplett befiederte Köpfe. Bei anderen Kranichen sticht leuchtend rote nackte Haut hervor, die in unterschiedlichem Maße ausgeprägt ist. Der Klunkerkranich hat zudem zwei auffällige Kehlsäcke. Kronenkraniche haben einen kleineren Kehlsack und eine gelbe Federhaube auf dem Scheitel.
Wie Störche fliegen Kraniche mit gestrecktem Hals, während die Reiher den Hals im Fluge S-förmig gebogen halten. Die Beine werden dabei waagrecht nach hinten gestreckt. Der Fuß ist bei den Kronenkranichen deutlichanisodaktyl, das heißt drei Zehen sind nach vorn und eine nach hinten gerichtet. Dagegen ist die Hinterzehe der anderen Kraniche (Gruinae) verkümmert.
Anatomisch ist bei den Gruinae eine stark vergrößerte Luftröhre bemerkenswert, deren knöcherne Ringe mit dem Brustbein verschmolzen sind. Diese Ausprägung, die den Kronenkranichen fehlt, dient dem Ausstoßen lauter Rufe.
Dementsprechend sind die Rufe der Kronenkraniche relativ leise, während die Kraniche der GattungGrus außerordentlich laute, trompetenartige Rufe ausstoßen können. Zum typischen Repertoire von Kranichen gehören ein Kontaktruf, ein Warnruf, ein vor dem Abflug ausgestoßener Ruf und ein Duettruf, der die Paarung begleitet. Der letztere ist dabei der lauteste.
Vertreter der Kraniche lassen sich auf allenKontinenten der Erde außer in der Antarktis und Südamerika finden. Dabei bewohnen die Arten der GattungGrus diearktischen und gemäßigten Regionen der Nordhalbkugel; Ausnahmen sind allein der südasiatische Saruskranich und der australische Brolgakranich. Die anderen Gattungen finden sich in tropischen und subtropischen Breiten Afrikas und Asiens.Auf den britischen Inseln wurden die Kraniche im 17. Jahrhundert ausgerottet, aber seit 2010 wird im Rahmen desGreat Crane Project versucht sie wieder im Süden Englands einzubürgern.[1]
Bevorzugter Lebensraum der Kraniche sind offene Landschaften wie dieTundra oder dieSavanne. Viele Arten sind ans Wasser gebunden und kommen daher hauptsächlich in sumpfigen Habitaten vor. Die Arten der GattungAnthropoides kommen auch in ariden Grasländern und Halbwüsten vor.
Während einige Kranicharten in wärmeren KlimazonenStandvögel sind, sind solche in kälteren KlimazonenZugvögel, die lange Strecken von mehreren tausend Kilometern überwinden müssen. Der Schneekranich zieht aus dem äußersten Norden Sibiriens nach Iran, Indien und Südchina; manche Populationen des Kanadakranichs ziehen aus den arktischen Regionen Kanadas und Alaskas bis nach Florida und Mexiko. Kraniche ziehen in einerV-Formation in Höhen von etwa 2000 m, ausnahmsweise sogar 10.000 m. An einem Tag werden typischerweise 300 km, manchmal sogar 800 km zurückgelegt. Die Fluggeschwindigkeit beträgt dabei 60 bis 80 km/h.
Kraniche sind tagaktive Vögel, die am Morgen und am Abend die größte Aktivität zeigen. Nachts ruhen sie auf Bäumen (Kronenkraniche) bzw. auf dem Grund (Gruinae). Während sie in der Brutzeit einzelgängerisch sind, sind sie ansonsten gesellige Vögel, die in großen Schwärmen auftreten.
Eine bekannte Verhaltensweise der Kraniche ist das „Tanzen“. Tänze spielen eine Rolle bei der Paarbildung, und bei bereits verpaarten Vögeln dienen sie der Festigung der Paarbindung. Die Tänze werden jedoch auch außerhalb der Paarungszeit aufgeführt und sind bei einer Reihe von Arten eindeutig polyfunktional. Sie spiegeln das Wohlbefinden der Vögel wider und spielen auch für den Zusammenhalt zwischen Eltern und halbwüchsigen Jungvögeln eine bestimmte Rolle.[2] Am aktivsten sind dabeijuvenile undsubadulte Vögel. Beim Tanzen springen die Vögel mit ausgebreiteten Flügeln, führen Verbeugebewegungen aus, treten mit den Füßen in der Luft, stoßen dabei laute Rufe aus und werfen Gras und andere Objekte mit dem Schnabel in die Luft. Die Ausprägung des Tanzes ist von Art zu Art unterschiedlich.
Da die meisten Kranicharten zumindest während der Fortpflanzungszeit ausgesprochen territoriale Vögel sind, gehören zu ihren rituellen Signalbewegungen auch Drohgesten. Auch diese sind in ihrer detaillierten Ausprägung von Art zu Art verschieden. Der Graukranich beispielsweise senkt bei leicht angehobenen Flügeln den Kopf schnell zu Boden, richtet ihn dann auf und legt diesen dann auf den Rücken. Dann werden die Flügel gesenkt und Drohrufe ausgestoßen. Beim Nonnenkranich, der als einer der am stärksten territorialen und aggressivsten Kraniche gilt, machen Aggressionsdemonstrationen einen großen Teil seines ritualisierten Verhaltens aus. Zu seinen Drohgesten gehört auch ein demonstratives Annähern an den Rivalen, bei dem der Kranich das Bein vor dem folgenden Schritt hoch hebt, den Hals senkrecht hebt und den Schnabel gegen den Hals presst.[3]
Kraniche sind Allesfresser, die sowohl pflanzliche (Samen, Wurzeln, Blätter, Kräuter, Gräser, Nüsse, Beeren) als auch tierische (Würmer, Mollusken, Insekten, Krebstiere, Fische, Frösche, Eidechsen, Nagetiere) Nahrung zu sich nehmen. Auf der Nahrungssuche streifen Kraniche umher, bleiben also nicht nach Reiherart in Lauerstellung auf einer Stelle stehen. In den verschiedenen Jahreszeiten kann unterschiedliche Nahrung bevorzugt werden.
Die kurzschnäbligen Arten (Grauer Kranich, Jungfernkranich, Kronenkraniche u. a.) grasen nach Art vonGänsen und fressen, was sich an der Oberfläche anbietet. Dagegen wühlen die langschnäbligen Arten (Schneekranich, Saruskranich, Brolgakranich u. a.) in weichem, feuchtem Boden nach Wurzeln und anderer Nahrung.
Die Brutzeit der Kraniche beginnt in den nördlich-gemäßigten und polaren Zonen zwischen April und Juni. Dagegen ist sie in den Tropen variabel. Manche Arten brüten dort zurRegenzeit, andere zu beliebigen Zeiten des Jahres. Kraniche lebenmonogam. Die Paare bleiben normalerweise zusammen, bis ein Partner stirbt. Sind die Bruten eines Paars dauerhaft erfolglos, kann es allerdings zu einer vorzeitigen Trennung kommen.
Zu Beginn der Brutzeit führen Kraniche, die sich zu einem Paar zusammengefunden haben, die typischen Tänze auf. Bei den Paaren, die sich bereits in einer der vorherigen Brutperioden gefunden haben, bleiben die Tänze aus, hier kommt es gleich zur Kopulation. Die Kopulation ist gefolgt von gegenseitigem Gefiederputzen.
Beide Partner beteiligen sich am Bau desNests. Für gewöhnlich nisten Kraniche am Boden; nur die Kronenkraniche bauen das Nest auch auf Bäumen, aber selbst bei ihnen ist dies die Ausnahme. Jungfern- und Paradieskranich bauen gelegentlich überhaupt kein Nest, sondern legen die Eier auf den nackten Boden. Im Normalfall bauen Kraniche in sumpfigem Gelände ein Nest aus aufgehäuftem pflanzlichen Material. Das Gelege besteht bei fast allen Arten aus zwei Eiern. Klunkerkraniche legen manchmal nur ein Ei, die Kronenkraniche in der Regel drei bis vier Eier. Die Farbe der Eier ist bei tropischen Arten weiß oder bläulich, bei den Arten der kälteren Klimazonen dunkler. Dunkle Eier absorbieren das im Norden spärliche Sonnenlicht, während helle Eier es reflektieren. Die Eier der meisten Kranicharten sind mit einem Fleckenmuster überzogen.
Die Brut dauert im Durchschnitt etwa dreißig Tage. Beide Partner brüten, der Anteil des Weibchens ist jedoch höher. So brüten Weibchen die ganze Nacht über, während die Partner am Tage einander abwechseln. Auch an der Fütterung der Jungen beteiligen sich beide Eltern. Das Nest wird schon nach wenigen Tagen verlassen, so dass die Jungen selbst nach Nahrung suchen. Sie sind allerdings noch lange auf den Schutz der Eltern angewiesen. Jungfernkraniche werden nach 55 bis 60 Tagen, Klunkerkraniche nach 90 bis 130 Tagen selbständig. Oft kommt nur eines der Jungen durch, da das zuerst geschlüpfte Junge stärker ist und seine Geschwister am Zugang zur Nahrung hindert. Beim Schneekranich verlassen die Eltern mit dem ersten Jungen das Nest sogar stets vor dem Schlüpfen des zweiten, so dass letzteres immer auf sich gestellt ist und verhungert.
Die ältere Gruppe der Kraniche bilden die Kronenkraniche, die fossil seit demEozän bekannt sind. In jener Zeit lebten Kronenkraniche auch in Europa und Nordamerika. Die „echten“ Kraniche (Gruinae) sind fossil seit demMiozän belegt. InWyoming fand man einen Beinknochen des heutigen Kanadischen Kranichs aus der Zeit desPliozäns. Im mittleren bis spätenPleistozän waren viele der heutigen Kranicharten schon in ihrem jetzigen Verbreitungsgebiet zu Hause.[4]
Traditionell werden Kraniche in zwei Unterfamilien geteilt. DenKronenkranichen (Balearicinae) fehlt der Resonanzraum, der bei denechten Kranichen (Gruinae) durch die vergrößerte und gewundene Luftröhre gebildet wird. Während die Kronenkraniche nur zwei Arten umfassen, gehört zu den Gruinae der Großteil der Arten. Hierin wiederum stellt die GattungGrus die meisten Arten. Die Unterteilung in Gattungen, wie in der Übersicht unten vorgenommen, folgt der World Bird List derInternational Ornithologists’ Union:[5]
Der Name Kranich ist etymologisch von den altdeutschen WörternKran,Kranch undKrye abgeleitet. Das englische Wortcrane ist nahe verwandt. Es besteht ein Bezug zum griechischen Wortgeranos, von dem das lateinischegrus abgeleitet sein dürfte. Von diesem stammen wiederum das italienische Wortgru, das französischegrue und das spanischegrulla ab. NachIsidor von Sevilla ist auch eine Ableitung der Bezeichnung Grus vom lateinischencongruere (übereinstimmen) möglich. Somit beziehen sich die Benennungen sowohl auf den trompetenartigen Ruf dieses Vogels als auch auf seine synchronen Verhaltensmuster.
Etymologen haben zudem einige Namensverwandtschaften festgestellt. So heißen die vom Kranich gerne gefressenen „Kronsbeeren“ (Preiselbeeren) auf Englischcranberry. Das englische Wortpedigree (Stammbaum) stammt vom altnormannischenpé de grue (Fuß des Kranichs) ab, da die Abstammungslinien den Zehen am Fuß des Kranichs glichen. Mit der langhalsigen Hebevorrichtung desgeranos – der Vorläufer des heutigenKrans – waren schon in derAntike desEuripidesTheater ausgestattet.
In dergriechischen Mythologie war der Kranich sowohlApollon, dem Gott der Sonne undDemeter, der Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin, als auchHermes als Bote des Frühlings und des Lichts zugeordnet. So lasen dieAuguren (Priester) imAntiken Griechenland aus den Flugformationen der Kraniche. Außerdem galten Kraniche als Symbol der Wachsamkeit und Klugheit.
LautHomersIlias soll ein Heer von menschenfressenden Kranichen nach Süden gezogen sein, um in den Nilsümpfen das kleine Volk derPygmäen zu jagen. Zudem wird bei Homer der „Reigen der Ariadne“, der sich nach Pausanias in Knossos auf Kreta fand, erwähnt. Der GriecheTheseus soll einen Geranos genannten Reigen auf der Insel Delos eingeführt haben. Diesen den Gängen des Irrgartens auf Kreta nachempfundenen Tanz hatte er von seiner Geliebten, der kretischen KönigstochterAriadne, die ihn ihrerseits vom berühmten Handwerker und ErfinderDaidalos erlernt hatte.Aristoteles bezeichnet ihn als den Vogel, der äußerst wachsam sei und „aus den skythischen Ebenen in die oberhalb Ägyptens liegenden Sümpfe“ ziehe.
Derkeltische GottOgma soll die Oghamschrift erfunden haben, nachdem er den Flug der Kraniche beobachtet hatte, welche als Hüter des Geheimnisses dieser Schrift galten. InIrland erbaten Bauern von der GöttinManannan, die einen Beutel aus Kranichhaut mit den Schätzen des Meeres trug, gute Saat und die Seefahrer eine gute Reise. Das in der Sage vonHerzog Ernst erwähnte Volk der Agrippiner bestand aus Mischwesen aus Mensch und Kranich. Diese bedrängten ein Zwergenvolk, bis Ernst sie von denen befreien konnte. Die Bezeichnung „Vogel des Glücks“ leitet sich inSchweden von der Ankunft des Kranichs als Vorzeichen für den Frühling her, der Wärme, Licht und Nahrungsfülle einleitet.
ImKaiserreich China war der Kranich (鹤 hè), besonders derRotkronenkranich,Symbol für ein langes Leben, Weisheit, das Alter sowie die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Zudem galt er in derchinesischen Mythologie als „Himmelskranich“ oder „Seligenkranich“, da man glaubte, dass sichtaoistische Priester nach ihrem Tod in einen gefiederten Kranich verwandelten oder dass die Seelen der Verstorbenen auf dem Rücken von Kranichen zum Himmel getragen würden. In derQing-Dynastie war der Kranich Abzeichen der Zivilbeamten des ersten Rangs.
InBhutan geltenSchwarzhalskraniche als „Vögel des Glücks“ und werden Himmelsvögel genannt mit dem Glauben, dass sie die Seelen der Verstorbenen auf dem Rücken zum Himmel tragen. ImPhobjikha-Tal wird jedes Jahr am 11. November ein Kranich-Fest mit Tänzen abgehalten.[6]
InJapan ist derRotkronenkranich ein Symbol des Glücks der Langlebigkeit. Nach alter japanischer Legende bekommt derjenige, der 1000Origami-Kraniche faltet, von den Göttern einen Wunsch erfüllt. Noch heute wird zu besonderen Anlässen, wie Hochzeiten oder Geburtstagen, ein gefalteter Papierkranich überreicht. Seit dem Tode des AtombombenopfersSadako Sasaki, die mit dem Falten von Origami-Kranichen gegen ihre durch die Strahlung verursachteLeukämie-Erkrankung ankämpfte, sind Origami-Kraniche auch Symbol der Friedensbewegung und des Widerstandes gegenAtomwaffen.
AufHokkaidō führen die Frauen derAinu ebenso einen Kranichtanz auf, wie inKorea im Hof desTongdosa-Tempels seit derSilla-Dynastie ein Kranichtanz aufgeführt wird. Diezentralafrikanische Königin derPygmäen, Gerana, soll nach antiken Erzählungen in einen Kranich verwandelt worden sein, weil sie sich für verehrungswürdiger als die Göttinnen gehalten hatte. DieAzteken stammten der Legende nach aus der RegionAztlan, was „nahe den Kranichen“ bedeutete. ImAberglauben heißt es, im Schwarm um das Haus kreisende Kraniche kündigten baldigen Nachwuchs an.
Wappen der GemeindeKransbergWachsamer Kranich (heraldische Figur)
Der Kranich ist in derHeraldik dasSymbol der Vorsicht und der schlaflosen Wachsamkeit.
Aus griechischen Quellen kommt das Motiv, dass der fliegende Kranich Steinchen im Schnabel trägt, um sich nicht durch eigene Rufe über demTaurus zu verraten und in die Fänge derAdler zu geraten. Im römischen Kulturkreis hat der Kranich weitere Bedeutungen hinzugewonnen. So galt er als Symbol der „Prudentia“, des vernünftigen und klugen Handelns, der „Perseverantia“, der Beharrlichkeit, und der „Custodia“, der Sorgfalt des Handelns. Aus der „Vigilantia“, der sittlichen und militärischen Wachsamkeit, entstand der „Grus vigilans“. Dieser hält einen Stein mit der Klaue hoch, damit er im Falle des Einschlafens sogleich vom Geräusch des Fallens geweckt würde. Man findet dieses Motiv auf vielenEmblemen,Wappen undInsignien, aber auch an Häusern undBurgen. So heißt es imGiebellied desKranichhauses in Otterndorf:
Der Kranich hält den Stein, des Schlafs sich zu erwehren. Wer sich dem Schlaf ergibt, kommt nie zu Gut und Ehren.
KirchenvaterAmbrosius verwendet dieses Bild als ein Gleichnis für die Furcht vor Gott zum Schutz gegen die Sünde und das Teufelswerk. Weiterhin vergleicht er das Fallen des Steins mit dem Ruf der Kirche (Glockengeläut). Zudem sollen es seinen Ansichten zufolge die Menschen den Kranichen nachmachen, indem die Starken die Schwachen stützen.
In altenVolksmärchen und Überlieferungen tritt der Kranich, der in der Regel mit positiven Eigenschaften besetzt wird, als Verkünder von Geburten und Hochzeiten, aber auch von Krieg und Tod in Erscheinung. InFabeln wird er in der Regel zum Aufzeigen menschlicher Ungerechtigkeit und Undankbarkeit genutzt.
Diejakutische GeschichteDie Kranichfeder handelt von einem Kranich, der sich in ein schönes Mädchen verwandelt, um einen Menschenmann zu heiraten. Als er eines Tages sein abgestreiftes Federkleid wiederfindet, schwingt er sich davon, so dass er für die Flüchtigkeit des Sommers und der Liebe steht. Auch dasrussische MärchenReiher und Kranich sowie dasfinnischeFuchs und Kranich, in dem der Fuchs von ihm das Fliegen lernen will, behandeln diesen Vogel. In der deutschen Fabel vonFuchs und Kranich[7] laden sich beide wechselseitig zu einem Mahl ein, welches nur der Gastgeber selbst verzehren kann. AuchJohann Wolfgang Goethe widmet sich dieser Thematik in einem Gedicht[8]. Auch in derÄsopschen Fabel vomWolf und Kranich[9] geht es unrecht zu. Hier befreit der Kranich den Wolf zwar vom im Halse steckengebliebenen Knochen, wird aber um seinen Lohn betrogen.
In denTiergeschichten von Haanpääs wird der Kranich vermenschlicht und individualisiert. So handelt die ErzählungDer flügellahme Kranich von einem Exemplar, das nicht in den Süden ziehen kann und sich im Winter gegen seine Feinde durchsetzen muss. Darauf nimmt auchTheodor Fontanes GedichtDer Kranich Bezug, dass erzählt, wie ein Kranich mitgestutzten Flügeln sehnsuchtsvoll versucht, mit seinem Artgenossen zu ziehen und nach vergeblichem Bemühen von den Hühnern ausgelacht wird.
InErnst WiechertsDie Jeronim-Kinder wird durch den Kranich beschrieben, wie der Eierräuber Gogun die Gelege und Jungvögel stiehlt, um sie an Gutsbesitzer zu verkaufen. In Viktor S. RozowsDramaDie ewig Liebenden werden diese Vögel als Motiv beim Tod des Protagonisten Boris verwendet. InTschingis AitmatowsNovelleFrühe Kraniche treten Kraniche als Künder des nahen Frühlings, der Liebe und Lebensfreude, aber auch als Mahnung gegen Krieg, Entfremdung und Entzweiung auf. AuchSelma Lagerlöf erwähnt den Kranich inDie wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen in einem Kapitel (Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg).
In der bildenden Kunst ist der Kranich von der Frühzeit bis in die jüngste Gegenwart zu finden. Er ist sowohl aufTafel- und Wandbildern als auch aufMiniaturen undIllustrationen ein Motiv. Zudem existieren handwerkliche und plastische Werke aus Textil,Keramik,Holz,Stein,Bronze,Edelmetallen und anderen Materialien. Besonders inAsien wird dieser Vogel gern auf Bildern wiedergegeben.
In der christlichen Kunst stellt dasMosaik der Kirche San Marco inVenedig mit anderen Vögeln auf den Einlass in dieArche Noah wartende Kraniche dar. Auf einem Stich zeigtAlbrecht Dürer Justitia mit dem steintragenden Kranich an ihrer Seite.
Im FilmDie Kraniche ziehen des georgischen RegisseursMichail Kalatosow bilden fliegende Kraniche das Motiv, wenn es um den Tod des Protagonisten Boris geht.
Aufgrund von Felszeichnungen, die man inspanischen Höhlen sowie inSchweden gefunden hat, und aufgrund der Funde von Knochen injungsteinzeitlichen Siedlungen weiß man, dass Kraniche schon in vorgeschichtlicher Zeit gejagt wurden. Interessanterweise sind inUngarn gefundene Knochen aus römischer Zeit etwa 10 bis 20 Prozent größer als die heutiger Vögel. Den Menschen dienten Fleisch und Eier als Nahrung, Knochen als Werkzeuge und Federn als Schmuck.
Der antike DichterHoraz sah ihn als „angenehme Beute“, hätte er doch nur nicht so viele Sehnen. Auch heute werden noch auf einigen Märkten inAfrika undIndien Vögel zum Kauf angeboten. ImMittelalter galten Kraniche als edle Beute. DasJagdbuch vonPetrus de Crescentii beschreibt das Vorgehen. Demnach spannte man Netze, in die man in der Dämmerung die Vögel hineinscheuchte. In seinemFalkenbuch, demCodexDe arte venandi cum avibus (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen) hat derStauferkaiserFriedrich II. den Kranich bei verschiedenen Tätigkeiten in Farbminiaturen dargestellt.
Nach einembyzantinischen Bauernspruch sei es einfacher, „den Felsen zu bebauen als Felder und Hügel, die den Kranich zum Nachbarn haben“. Als „Samenräuber“ und „Schollenknacker“ fingen die alten Griechen den Kranich mit Netzen, Schlingen und Leimruten. InPreußen ließFriedrich Wilhelm I. zur Kultivierung von Stromtälern und Flussauen die Jagd auf Kraniche „wegen ihres großen Schadens“ anordnen.
Eine Reihe vonBauernregeln nehmen Bezug auf den Zug der Kraniche, der in Beziehung zu Aussaat und Ernte gesetzt werden. So findet sich bereits beim griechischen SchriftstellerHesiod der Hinweis:
„Merke du auf, sobald du des Kranichs Stimme vernommen, Der alljährlich den Ruf von der Höh’ aus den Wolken dir sendet Bringt er die Mahnung doch zum Säen, verkündet des Winters Schauer…“
–Hesiod
Zudem sollen hoch fliegende Kraniche gutes Wetter ankündigen.
AlsZiergeflügel wurdenGrau- undJungfernkraniche sowohl inChina („Vogel ersten Ranges“) und inIndien („Vornehmster aller Gefiederten“) als auch imAlten Ägypten gehalten. Davon berichten über 4000 Jahre alte Reliefs in ägyptischen Gräbern derPharaonenzeit. Auch dieMastaba des Ti weist darauf hin, dass diese Vögel in halbzahmen Herden als Opfertiere gehalten und gemästet wurden.
Aus Schriften des RömersVarro lässt sich schließen, dass Kraniche auch später als Hausvogel gehalten wurden. Dabei wurden sie zur Bewachung von Haus und Hof eingesetzt, um mit ihrem lauten trompetenähnlichen Schreien zuverlässig vorRaubtieren undGreifvögeln zu warnen. AlsKarl der Große jedoch ein salisches Gesetz änderte, ging dieser Brauch verloren.
Bei vielen Arten sind diePopulationen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts stark rückläufig gewesen. Sie wurden als Ernteschädiger gejagt und ihr Lebensraum durch die intensive Nutzung des Menschen sehr eingeschränkt. Das Schicksal desnordamerikanischenSchreikranichs hatte eine der ersten Gesetzgebungen zur Folge, die vom Aussterbenbedrohte Arten schützen sollten. Elf von fünfzehn Arten wurden bereits 1977 von derIUCN als „bedroht“ kategorisiert.
Mittlerweile ist das Bewusstsein für den Schutz der Vögel auch in der Politik angekommen. Bauern dulden die Kraniche, da sie in denSchlägen (durch Saatfraß) nur geringen Schaden anrichten. Natureingriffe wie in derExtremadura in Spanien, wo die für die Kraniche seit Jahrhunderten Schutz und Nahrung bietenden Eichenbestände abgeholzt wurden, werden zumindest in Europa seltener und Kranichschützer haben frühere Rast- und Überwinterungsplätze renaturiert beziehungsweise verfeuchtet.