Kraichgau





DerKraichgau ist eineHügellandschaft im Nordwesten vonBaden-Württemberg.
Geographie
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Die Landschaft des Kraichgaus im nordwestlichen Baden-Württemberg wird begrenzt vomOdenwald im Norden, demSchwarzwald im Süden sowie derOberrheinischen Tiefebene im Westen. Im Osten wird der Kraichgau von den Höhenzügen desStromberg undHeuchelberg zumZabergäu abgegrenzt. Die Gesamtfläche des Gebiets erstreckt sich über 1630 km².[1] Im Nordosten geht er mit Erreichen des Neckars inBauland undUnterland über, im Südosten mit Erreichen derEnz in dasHeckengäu.[2] Das Gebiet des Kraichgaus erstreckt sich auf Teile der LandkreiseKarlsruhe,Heilbronn,Enzkreis,Rhein-Neckar-Kreis undNeckar-Odenwald-Kreis.
Die größten Städte des Kraichgaus sindSinsheim,Eppingen,Bad Rappenau,Bretten undBruchsal. Kennzeichnend ist jedoch die Vielzahl überwiegend bereits im Mittelalter besiedelter Dörfer inmitten der Hügellandschaft. Zu den vorgenannten fünf Städten gehören alleine schon über 40 solcher Dörfer. Weitere größere Orte sindDielheim,Mühlhausen,Knittlingen,Oberderdingen,Östringen,Rauenberg,Waibstadt undSchwaigern sowie die GemeindenAngelbachtal,Walzbachtal,Pfinztal und die StadtKraichtal, die aus der Fusion vieler kleinerer Dörfer entstanden.
Die bedeutendsten Fließgewässer in dieser Landschaft sind derKraichbach, der beiSternenfels im Enzkreis entspringt, dann in Richtung Nordwesten fließt und beiKetsch in denRhein mündet, sowie dieElsenz, welche beimgleichnamigen Dorf in der Nähe von Eppingen entspringt und bei Neckargemünd in denNeckar mündet. Weitere wichtige Gewässer sind im westlichen TeilPfinz,Saalbach undLeimbach, im OstenLein undSchwarzbach.
Der Kraichgau ist im Grunde eine tiefe Mulde, die zwischen Odenwald und Schwarzwald einsank, als diese Gebirge sich imTertiär vor etwa 65 Millionen Jahren anhoben und zwischen sich und den westlicher gelegenenVogesen und demPfälzerwald die heutigeOberrheinische Tiefebene bildeten. Aus dem Oberrheingraben wurden imEiszeitalter bedeutende MengenLöss alsSchluff ausgeblasen und im Kraichgau wieder abgelagert. Mit bis zu über 30 Metern Dicke erreicht der Löss im Kraichgau seine größte Mächtigkeit in Deutschland. Der Löss und die daraus entstandenen fruchtbaren Böden sind Grundlage für den intensiven Ackerbau, der die Region bis heute prägt. Aufgrund des relativ milden Klimas wird der Kraichgau häufig – ähnlich demMarkgräflerland – alsbadische Toskana bezeichnet.
Die höchste Erhebung im Kraichgau ist der Burgberg derBurg Steinsberg beiSinsheim-Weiler mit 333 m über NN. DerBergfried der Burg wird auch alsKompass des Kraichgaus bezeichnet. Als eine der markantesten Kirchen des nördlichen Kraichgau gilt die katholischeStadtpfarrkircheUnserer lieben Frau inWaibstadt, deren 65 m hoher Turm weithin sichtbar ist und die alsDom des Kraichgaus bezeichnet wird.
Naturräumliche Gliederung
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DerKraichgau istnaturräumlich in der Systematik desHandbuchs der naturräumlichen Gliederung Deutschlands die Haupteinheit 125 der mitNeckar- und Tauber-Gäuplatten (Haupteinheitengruppe 12) der Schwäbischen Gäue, die zusammen mit den Fränkischen Gäuen eineGroßregion 3. Ordnung bildet, die ihrerseits Teil der Großregion 2. Ordnung desSüdwestdeutschen Schichtstufenlandes darstellt.[3]
Der Kraichgau gliedert sich wie folgt in Teillandschaften:[4][5]
- (zu 12Neckar- und Tauber-Gäuplatten)
- 125Kraichgau
- 125.1Lein-Elsenz-Hügelland
- 125.11 Gartacher Feld
- 125.12 Leinbachgäu
- 125.13Eppinger Gäu
- 125.14 Neckarbischofsheimer Höhen
- 125.15 Eichelbergvorland
- 125.16 Eichelberg
- 125.17 Schwarzbachgäu
- 125.18 Angelbachgäu
- 125.2Kraich-Saalbach-Hügelland (Korngäuplatte[5])
- 125.21 Bruchsaler Randhügel
- 125.22 Brettener Hügelland
- 125.23 Derdinger Hügelstreifen
- 125.24 siehe 125.33
- 125.25 Strombergvorland
- 125.3Pfinzhügelland (Heckengäu[5])
- 125.30 Westlicher Pfinzgau[6]
- 125.31 Pfinz-Alb-Platte
- 125.32 Östlicher Pfinzgau
- 125.33(= 125.24 auf dem älteren Blatt Karlsruhe)Bauschlotter Platte
- 125.34 Pforzheimer Enztal
- 125.4Mingolsheim-Wieslocher Bucht
- 125.41 Rauenberger Bucht
- 125.42 Letzenberg
- 125.43 Rettigheimer Bucht
- 125.1Lein-Elsenz-Hügelland
- 125Kraichgau
Namensherkunft
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Die BezeichnungKraichgau für das heutige Gesamtgebiet ist neuzeitlichen Ursprungs. Ursprünglich bezog sich der Name nur auf den Teil des heute weiter verstandenen Kraichgaues, der zum Einzugsgebiet des Kraichbaches gehörte, teilweise auch auf Orte anWaldangelbach undSaalbach. Die übrigen Gebiete gehörten zumElsenzgau, zumPfinzgau oder zumGartachgau. Orte im Bereich desLeimbaches wurden zumLobdengau gerechnet, für das Einzugsgebiet der Saalbach wurde auch der BegriffSalzgau verwendet.[7]
ImFrühmittelalter wird der damals noch enger verstandene Kraichgau imLorscher Codex zum ersten Mal urkundlich alsCreichgowe (769), später auch alsChrehgauui (773) oderCraichgoia (778), erwähnt. Eine wesentlich spätere Namensform istKreuchgau (1594).
Kraichbach wird gedeutet als „gewundener Bach“;Kraich leitet sich ab vongermanischen Wörtern, die Biegungen, Buchten, Krümmungen oder Windungen bezeichnen.[8] Der BegriffGau bezeichnet ein offenes, waldfreies Gebiet und insbesondere auch von Ackerbau bestimmte Landschaften.
Nach einer anderen Theorie geht der Name Kraich auf das keltische Wort „Creuch“ für Schlamm und Lehm zurück, was vermutlich auf die bräunliche Farbe des Flusses durch ausgewaschenesLöss hinweist.[9]
Geschichte
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Frühe Geschichte
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Der Kraichgau zählt zu den ältesten Kulturräumen Europas. In diesem Gebiet war schon vor über einer halben Million Jahren ein entfernter Verwandter des modernen Menschen, derHomo heidelbergensis, zu Hause. Der Fund eines Unterkiefers inMauer, zwischen Sinsheim und Heidelberg, aus dem Jahre 1907 sorgte weltweit für Aufsehen; bis heute ist derUnterkiefer von Mauer das ältesteFossil derGattungHomo, das jemals in Deutschland gefunden wurde.
Klimatische Veränderungen schufen im Laufe der nachfolgenden Jahrtausende eine hügelige Landschaft mit Lössböden, so dass der gesamte Kraichgau als Senke zwischen Odenwald und Schwarzwald zu den leicht bebaubaren und ohne Schwierigkeiten zu durchquerenden Siedlungsgebieten wurde. In dieJungsteinzeit und dieBronzezeit weisen viele Einzelfunde von beispielsweise Steinbeilen, Getreidereiben, Dolchklingen, Lanzenspitzen und bronzezeitliche Bestattungen. Weitere Spuren hinterließ auch der keltische Volksstamm derHelvetier, von dem Siedlungsspuren aus der Zeit um 400 v. Chr. existieren.
Besonders dieRömerzeit hinterließ nachhaltige Spuren. Zahlreiche Funde zeugen von der Bedeutung dieses Raumes als Hinterland desObergermanisch-Raetischen Limes während der römischen Besetzung. Ein eindrucksvolles Beispielgallo-römischer Kunst stellt die höchsteJupitergigantensäule Süddeutschlands dar, die 1959 inSteinsfurt zutage kam.
Von den landsuchendenGermanenstämmen drangen in der Folgezeit besondersKimbern,Teutonen undSueven nach Südwestdeutschland vor. Sesshaft wurden seit 260 n. Chr. dieAlemannen (Spuren östlich von Sinsheim), zu deren Siedlungsgebiet der Kraichgau etwa bis zum Jahre 500 gehörte. Die Alemannen gerieten in Konflikt mit demFränkischen Reich, da sie ihr Gebiet nach Westen und Nordwesten ausdehnen wollten. Aus der entscheidendenSchlacht von Zülpich 496/497 gingen die Franken als Sieger hervor. Spätestens nach einem gescheiterten Aufstand der Alemannen 506/507 mussten sie ihr bisheriges Herrschafts- und Siedlungsgebiet an die Franken abtreten.
In der frühen fränkischenMerowingerzeit wurden im Kraichgau vor allem die großen Bachtäler besiedelt. Dort dürften auch wichtige Fernverbindungen verlaufen sein, da nur in den Bachtälern des Kraichgau eine weitgehend ebene Ost-West-Passage zwischen dem Odenwald im Norden und dem Schwarzwald im Süden möglich ist. Eine großflächige Rodungstätigkeit setzte ebenfalls längs der Bachtäler ein. Spätere Siedlungsgründungen fanden im Wesentlichen nur mehr dort statt, wo zwischen den Siedlungsschneisen der Bachtäler noch genügend Fläche zur Verfügung stand.[10][11]
Der Kraichgau als Gaugrafschaft im hohen Mittelalter
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Der Kraichgau als fränkischeGaugrafschaft wurde erstmals im 8. Jahrhundert imLorscher Codex alsCraichgoia urkundlich dokumentiert. Die Grafen wurden vom König bzw. Herzog als Stellvertreter eingesetzt, wobei sich die Grenzen der Verwaltungsbezirke im Wesentlichen an den Naturräumen orientierten, ein Graf aber auch gleichzeitig die Vormacht über verschiedene Gaue haben konnte. So zählte z. B. derAnglachgau verwaltungstechnisch immer zum Kraichgau, vom späten 10. bis späten 11. Jahrhundert wurden Anglach-, Elsenz-,Gartach- und Kraichgau jeweils von denselben Würdenträgern verwaltet. Zu jener Zeit war wohl dieGroßmotte Wigoldesberg bei Östringen-Eichelberg zentraler Verwaltungssitz.[12] Bis zum frühen 12. Jahrhundert war der Grafentitel immer an eine Person gebunden und nicht erblich, wurde dann aber einhergehend mit schwindender Macht der Grafen zum erblichen Titel.[13]
Als einer der frühen Kraichgaugrafen wirdGerold (* um 730; † um 784/786) genannt. Er war Kraichgaugraf ab spätestens 777 bis um 784/786. Der Sohn eines fränkischen Grafen und Mitglied der fränkischen Reichsaristokratie war mit Imma, Tochter des alemannischen HerzogsHnabi, verheiratet und Vater vonHildegard, der EhefrauKarls des Großen. Der Kraichgaugraf Sieghard, der von 858 bis 861 genannt wird, war Stammvater derSieghardinger.

Otto von Worms (* um 948; † 1004) war 956 Graf imNahegau, Graf imSpeyergau,Wormsgau,Elsenzgau, Kraichgau,Enzgau,Pfinzgau undUfgau. Er wurde 978 Herzog vonKärnten und war Thronkandidat bei derKönigswahl von 1002. Er gilt um das Jahr 1000 als Gründer desStifts Sinsheim. Im Amt nachgefolgt könnte ihm sein Sohn Konrad († 1011) sein, möglicherweise aber auch bereits ein Vertreter derZeisolf-Wolframe, da die Grafen Zeisolf (vermutlich der 1008 belegte Wormsgau-Graf Zeisolf II.) und Wolfram (vermutlich der 987 bis 1006 als Graf des Speyergaus auftretende Wolfram I.) schon 1001 beim Gerichtstag in Verona als Zeugen Ottos erscheinen. Für das Kraichgau ist ein Wolfram mehrfach zwischen 1024 und 1056 belegt.[14] Ab 1065 folgte ihm Engelbert I. vonSpanheim.[15] 1067 wird das Eigengut eines Grafen Zeisolf in Sinsheim erwähnt.
Für das Jahr 1100 wird mehrfach ein Graf Bruno genannt, der in älterer Literatur irrtümlich mit ErzbischofBruno von Trier gleichgesetzt wird. Beim Grafen Bruno könnte es sich vielmehr um den 1102 genannten Straßburger Vogt Bruno handeln, der aufgrund seiner nachgewiesenen Aufgaben möglicherweise der im Kraichgau begüterten Familie der Michelbach-Steinsberger entstammte.[16] Jener Bruno vereinte letztmals die Grafschaften in Anglach-, Elsenz-, Gartach- und Kraichgau auf sich.
Ungefähr um 1103 kamen Anglach- und Kraichgau wohl an dieGrafen von Lauffen. Zwar fehlt ein direkter urkundlicher Beweis, doch ging die Großmotte Wigoldesberg bis 1123 von den erloschenen Zeisolf-Wolframen an die Lauffener über, während die Grafschaft gleichzeitig ihren Namen zuGrafschaft Brettheim wechselte, womit sich der Hauptverwaltungssitz wohl in die zentraler gelegeneBurg der Lauffener imBurgwäldle bei Bretten verlagert hatte. Im April 1138 wurde Heinrich von Katzenelnbogen von KönigKonrad III. zum Grafen des Kraichgaus ernannt. Auf dieser Standeserhöhung basiert der Titel derGrafen von Katzenelnbogen. In den Folgejahren sank der Einfluss der Kraichgaugrafen, genannt werden 1179 Berthold I. von Katzenelnbogen, 1237 Simon von Katzenelnbogen und 1268 Dieter von Katzenelnbogen.[17]
Kraichgauer Ritterschaft
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Bedeutende Regionalherren waren bereits im Hochmittelalter dieGöler von Ravensburg und dieGrafen von Eberstein, die ab Ende des 11. Jahrhunderts bedeutende Besitztümer im Kraichgau hatten und auch verantwortlich für die Stadtgründungen vonBretten undGochsheim um 1250 waren.
Ab dem späten Mittelalter traten auch reichsritterliche Familien wie dieHerren von Gemmingen, dieHerren von Neipperg, dieHerren von Helmstatt, dieHerren von Venningen und dieHerren von Mentzingen in Erscheinung, die sich im 16. Jahrhundert demSchwäbischen Ritterkreis als dessenRitterkanton Kraichgau anschlossen, der seinen Sitz erst inWimpfen, ab 1619 inHeilbronn hatte.
Die BrüderDietrich († 1526),Wolf († 1555) undPhilipp von Gemmingen († 1544) führten ab 1522 als erste ihres Standes dieReformation im Kraichgau ein. Der Kraichgauer Adel mit seinen zersplitterten Besitzverhältnissen wandte sich danach mehrheitlich den Lehren Luthers zu, so dass die Kraichgau-Gemeinden überwiegend protestantisch geprägt sind.
Die Region weist eine außergewöhnlich hohe Dichte von adligen Familien auf, insgesamt sind mehr als einhundert Geschlechter bekannt.Sebastian Münster nannte den Kraichgau 1550 das „Land der Edelleut“.Franz Josef Mone (1796–1871), der erste Direktor desGenerallandesarchivs in Karlsruhe, zählte 109 adlige Familien.
Nach der Verwüstung des Landes imDreißigjährigen Krieg trachtete die Kraichgauer Ritterschaft nach einer raschen Wiederbesiedlung, um neue Untertanen zu gewinnen und damit weiterhin ein Steuereinkommen zu haben. Unter den Neusiedlern bildetenSchweizer aus den Kantonen Zürich und Bern die größte Gruppe. Der großteils zur damalscalvinistischen Kurpfalz zählende Kraichgau war für die zumeist aus wirtschaftlichen Gründen auswandernden Schweizer das nächstgelegene reformierte Gebiet nördlich der Alpen.[18] In die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg fällt auch die Ankunft einiger neu im Kraichgau auftretender, katholischer Adelsfamilien wie derGrafen von Wiser oder derGrafen von Yrsch, die von der im Laufe der zahlreichen Konfessionswechsel zeitweise wieder katholisch gewordenen Kurpfalz mit den frei gewordenen Lehen ausgestorbener angestammter Familien begütert wurden und die bei der Wiederbesiedlung der verwüsteten Orte Neusiedler katholischer Herkunft bevorzugten und nachdrücklich dieRekatholisierung vorantrieben. Bei der Herkunft und den Vermögensverhältnissen der Neusiedler war man jedoch unter beiden Konfessionen wenig wählerisch, doch kam es nicht zur Ausbildung von Armenkolonien, wie sie sich in Schwaben unter den gleichen Umständen entwickelten. Im Gegensatz zu den meisten umliegenden Herrschaften konnten sich auch Juden gegen Schutzgeld in vielen Ritterdörfern des Kraichgaus ansiedeln. Diese lebten dann verstreut unter der Bevölkerung oder in bestimmten Wohnbereichen, es gab jedoch keine ausgesprochene Ghettobildung.
Die Kraichgauer Ritter konnten zwar ihre Reichsunmittelbarkeit gegen die Interessen des aufstrebenden FlächenstaatsWürttemberg, derMarkgrafschaft Baden, desHochstifts Speyer und derKurpfalz verteidigen, doch mit der Mediatisierung nach demReichsdeputationshauptschluss 1803 wurden die Ritterverbände aufgelöst und die reichsritterlichen Territorien im Kraichgau wurden größtenteils dem neu gegründeten LandBaden zugeschlagen.
Die grundherrlichen Rechte (Grundherrschaft) entfielen zumeist durch Freikauf in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gleichwohl lag weiterhin viel Grundbesitz bei den Nachfahren des Kraichgauer Adels, was noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg an einigen großen Hofgütern wie inGrombach oderEichtersheim zu erkennen war. Viele ehemals ritterschaftliche Hofgüter wurden erst in jüngerer Zeit aufgegeben oder verpachtet. Als bedeutender Pächter ehemals ritterschaftlicher Güter ist insbesondere dieSüdzucker zu nennen. Von den erhaltenen Burgen und Schlössern, deren älteste wohl aus dem frühen 13. Jahrhundert, die jüngsten aus der Zeit um 1900 stammen, gelangten einige in Gemeinde- und sonstigen öffentlichen Besitz und dienen heute als Rathäuser oder Sitz staatlicher oder öffentlicher Verwaltungen. Einige Nachfahren der Kraichgauer Ritterschaft wie die Neipperg und die Gemmingen besitzen jedoch bis heute noch zahlreiche Burgen, Schlösser und Ländereien.
Der Kraichgau seit dem Ende der Reichsritterschaft
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende der Reichsritterschaft und der Auflösung des Ritterkantons Kraichgau trat der Begriff Kraichgau zunächst in den Hintergrund und bezeichnete in der Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich noch die Gegend des badischenAmtsbezirks Bruchsal. Der Naturraum dagegen wurde alsEnz-, Pfinz- und Kraichgauer Hügelland,Neckarplateau oderNeckarhügelland bezeichnet. Erst die GeografenFriedrich Ratzel undFriedrich Metz bezeichneten ab 1900 wieder das gesamte Hügelland zwischen Neckar, Enz und Rhein als Kraichgau. Diese Bezeichnung für die rund 1600 Quadratkilometer große naturräumliche Einheit wurde auch durch die Bundesanstalt für Raumforschung (heute:Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung) zwischen 1957 und 1963 bei der Raumgliederung der Bundesrepublik Deutschland übernommen.
Jüdisches Leben im Kraichgau
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Der Kraichgau wies seinerzeit die größte Dichte an jüdischen Gemeinden inBaden auf; in einzelnen Gemeinden war bis zu ein Drittel der Gesamtbevölkerung jüdischen Glaubens. Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert prägten so die Menschen jüdische Glaubens das kulturelle und wirtschaftliche Leben im Kraichgau mit, davon zeugen heute z. B. der größte süddeutschejüdische Verbandsfriedhof beiBad Rappenau, derJüdische Friedhof Heinsheim, derjüdische Friedhof in Waibstadt oder aufgelassene, aber noch vorhandeneSynagogen wiedie in Heinsheim[19] oderSinsheim-Steinsfurt.
Landwirtschaft
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Der Kraichgau gilt durch seinenLössboden, der durcheiszeitliche Ablagerungen entstand, als besonders fruchtbar und zählt daher zu denKornkammern Süddeutschlands. AuchObst- undWeinanbau (insb. auf denKeuperhöhen umSinsheim undSulzfeld) sind weit verbreitet. Ebenso werdenKartoffeln,Zuckerrüben undTabak angebaut. Insbesondere mit Tabakanbau und der Gründung zahlreicher kleiner Zigarrenfabriken im Kraichgau haben die ansässigen Bauern im 19. Jahrhundert versucht, der vorherrschenden Armut in weiten Teilen der Gegend zu entfliehen, wegen der es mancherorts zu starkerAuswanderung kam.
Eine typische Erscheinung im Kraichgau sind auch die traditionsreichenBauerngärten. Über Jahrhunderte wurde in und an ihnen gearbeitet, bis sie ihre heutige Pracht entfaltet hatten. Die ersten Bauerngärten waren von den Germanen angelegt worden und waren komplett auf Nutzen ausgelegt. Es wurden verschiedene Gemüse, vielfältige Gewürze, Arzneipflanzen (vor allem Salbei), aber auch wenige Zierpflanzen angebaut.
Der Kraichgau blieb bis in die jüngste Vergangenheit stark landwirtschaftlich geprägt, wobei kleinbäuerliche Betriebe und durchRealteilung in der Landwirtschaft stark zersplitterter Grundbesitz bis zu den beginnendenFlurbereinigungen in den 1950er Jahren charakteristisch waren. Industrie siedelte sich zunächst nur in den Grenzregionen des Kraichgau an, wegen der Nähe zu den größeren Städten. Bedeutende wirtschaftliche Impulse gingen erst vom Ausbau der Bundesstraßen und Autobahnen in den 1960er Jahren aus.
Schutzgebiete
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Im Kraichgau liegen zahlreiche Natur- undLandschaftsschutzgebiete. Drei Landschaftsschutzgebiete sind nach dem Kraichgau benannt:
- LSGKraichgau (Nr. 2.15.038) zwischenUbstadt-Weiher undSulzfeld. Das Gebiet ist 4086,2 Hektar groß und wurde durch Verordnung des Landratsamts Karlsruhe vom 3. Juni 1987 gebildet.
- LSGBrettener Kraichgau (Lohnwald und Talbachniederung Neibsheim, Kuckucksberg und Aspe Büchig, Waldwingert Bauerbach, Großmulte Gölshausen, Weinberg Dürrenbüchig, Sprantal und Salzachtal Ruit) (Nr. 2.15.070). Mehrere Teilgebiete rund um Bretten mit 529,2 Hektar, Verordnung des Landratsamts Karlsruhe vom 14. Juli 2006.
- LSGWestlicher Kraichgau (Nr. 2.26.046) beiRauenberg im Rhein-Neckar-Kreis. Das Gebiet mit 930,0 Hektar entstand durch Verordnung des Landratsamts Rhein-Neckar-Kreis vom 16. September 2002.
Schutzzweck ist in allen Fällen die Erhaltung der typischen Kraichgaulandschaft mit sanften Lößhügeln, einem ausgeprägten Talsystem, steilen Keuperhängen, zahlreichen geomorphologischen Geländekleinformen wie Hohlwegen, Terrassen und Böschungen, einer vielfältigen Landnutzung mit Ackerbau, Grünlandwirtschaft, Weinbau, Obstbau und Wald sowie zahlreichen in die Feldflur eingestreuten Vorwäldern, Einzelbäumen, Feldgehölzen, Feldhecken, Gebüschen, Gras-Krautsäumen und Magerrasen. Außerdem sollen die speziellen Lebensräume der zum Teil gefährdeten heimischen wildlebenden Tiere und Pflanzen erhalten werden.
Eisenbahn
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Mit derSchnellfahrstrecke Mannheim–Stuttgart, derWürttembergischen Westbahn, derBahnstrecke Karlsruhe–Mühlacker, derKraichgaubahn und derElsenztalbahn ist der Kraichgau wie kaum eine andere ländliche Gegend in Deutschland vonHauptbahnen durchzogen.[20]
Darüber hinaus verlaufen im Kraichgau alsNebenbahnen dieKatzbachbahn (Bruchsal–Odenheim(–Hilsbach)), dieKraichtalbahn (Bruchsal–Menzingen), dieBahnstrecke Meckesheim–Neckarelz und dieBahnstrecke Steinsfurt–Eppingen. Auf derKrebsbachtalbahn (Neckarbischofsheim Nord–Hüffenhardt) ist der normale Personenverkehr eingestellt. Ein Museumsbahnbetrieb besteht aktuell auch 2013 an Sonn- und Feiertagen zwischen 1. Mai und 20. Oktober sieheKrebsbachtalbahn. Die BahnstreckenWiesloch–Meckesheim undWiesloch Stadt–Waldangelloch sind vollständig stillgelegt.
Literatur
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Zur literarischen Rezeption des Kraichgaus siehe auch:Kraichgau-Bibliothek Gochsheim
- Thomas Adam:Der Kraichgau. Eine kleine Geschichte.(Regionalgeschichte – fundiert und kompakt), 3., aktualisierte Auflage, Lauinger-Verlag, Karlsruhe 2017,ISBN 978-3-7650-8433-1.
- David Chyträus:Über den Kraichgau. Rostock 1561 (lat. De craichgoia oratio).
- Heimatverein Kraichgau e. V. (Hrsg.):Kraichgau. Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung. Regionalkultur,ZDB-ID 127933-6 (seit 1968 herausgegeben).
- Ludwig H. Hildebrandt (Hrsg.):Archäologie und Wüstungsforschung im Kraichgau. (Hrsg. vomHeimatverein Kraichgau e. V., Sonderveröffentlichung Nr. 18). Verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997.ISBN 978-3-929366-34-1.
- Ludwig H. Hildebrandt:Die Grafschaften des Elsenz- und Kraichgaus im hohen Mittelalter, ihre Grafen und deren Burgensitze mit spezieller Berücksichtigung von Bretten. In:Brettener Jahrbuch für Kultur und Geschichte. NF 5. Bretten 2008,S. 55–85.
- Wolfgang Martin:Umfang und Wesen des „Kraichgaus“ im hohen Mittelalter. In:Brettener Jahrbuch für Kultur und Geschichte 1964/65, Bretten 1964, S. 19–27.
- Umfang und Wesen des Kraichgaus im späten Mittelalter. In:Brettener Jahrbuch für Kultur und Geschichte 1967, Bretten 1967, S. 125–134.
- Arnold Scheuerbrandt:Der Kraichgau – Naturraum oder Kulturraum? In:Heimatbote Bad Rappenau Nr. 14, Bad Rappenau 2003.
- Reichsritterorte im Kraichgau. In:Heimatbote Bad Rappenau Nr. 15, Bad Rappenau 2004.
- Roland Thomann:Schicksal einer Landschaft. Ein Lesebuch zur Geschichte des Kraichgaus und seiner Orte. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1999.ISBN 978-3-929366-21-1.
- Ludwig Vögely:Das Leben im Kraichgau in vergangener Zeit. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997,ISBN 3-929366-56-8.
- Kraichgauer Gestalten. 36 historische Persönlichkeiten aus Politik, Kirche, Wissenschaft und Kunst. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1994,ISBN 3-929366-07-X.
Weblinks
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Naturraumsteckbriefe derLUBW, siehe 125: Kraichgau (PDF; 10,7 MB;Hinweise)
- Lösslandschaft Kraichgau (Umweltinformationssystem Baden-Württemberg)
- Kraichgauwortschatz Mundartausdrücke aus dem Kraichgau
- Jüdisches Leben im Kraichgau
- Aufsatz vonKlaus Graf zur regionalen Identität
Einzelnachweise
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- ↑Bundesamt für Naturschutz: Landschaftssteckbrief 12502 Nördlicher Kraichgau,Bundesamt für Naturschutz: Landschaftssteckbrief 12502 Südlicher Kraichgau
- ↑Historischer Atlas von Baden-Württemberg, Karte II.4: Karte der Naturräumlichen Gliederung von Baden-Württemberg
- ↑Emil Meynen,Josef Schmithüsen (Herausgeber):Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands. Bundesanstalt für Landeskunde, Remagen/Bad Godesberg 1953–1962 (9 Lieferungen in 8 Büchern, aktualisierte Karte 1:1.000.000 mit Haupteinheiten 1960).
- ↑Josef Schmithüsen:Geographische Landesaufnahme:Die naturräumlichen Einheiten auf Blatt 161 Karlsruhe. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1952. → Online-Karte (PDF; 5,1 MB)
- ↑abcFriedrich Huttenlocher,Hansjörg Dongus:Geographische Landesaufnahme:Die naturräumlichen Einheiten auf Blatt 170 Stuttgart. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1949, überarbeitet 1967. → Online-Karte (PDF; 4,0 MB)
- ↑Der kleine auf Blatt Karlsruhe liegende Nordteil ist dort als125.31 Pfinztal eingezeichnet.
- ↑Bezirksnamen des 8 bis 12 Jahrhunderts – Detailseite – LEO-BW. Abgerufen am 22. Januar 2024.
- ↑Albrecht Greule:Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen. De Gruyter, Berlin 2014,ISBN 978-3-11-019039-7, S. 281.
- ↑Stefan Oehler:Die Entstehung von Bretten - Eine urgeschichtliche Spurensuche.S. 2.
- ↑Friedrich Metz:Der Kraichgau, Karlsruhe 1922, S. 148ff.
- ↑Karl Banghard:Archäologische Aspekte der frühmittelalterlichen Kulturlandschaftsgenese im Kraichgau, in: Ludwig H. Hildebrandt (Hrsg.):Archäologie und Wüstungsforschung im Kraichgau,Heimatverein Kraichgau, Sonderveröffentlichung Nr. 18, Ubstadt-Weiher 1997, S. 35–46.
- ↑Hildebrandt 2008, S. 60–63.
- ↑Hildebrandt 2008, S. 54.
- ↑Hildebrandt 2008, S. 55
- ↑Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 2 Deutsche Kaiser-, Königs-, Herzogs- und Grafenhäuser II, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 495
- ↑Hildebrandt 2008, S. 56.
- ↑Hildebrandt 2008, S. 58/59.
- ↑Konstantin Huber: Schweizer Einwanderer zwischen Rhein, Neckar, Enz und Pfinz 1648–1740, in: Kraichgau 17, 2002, S. 283–298.
- ↑Jüdisches Leben Kraichgau e. V.,Wanderausstellung. Abgerufen am 10. Dezember 2017.
- ↑Wilfried Biedenkopf:Einiges zur Fahrplangeschichte im Kraichgau. In:Die Eisenbahn im Kraichgau. Eisenbahngeschichte zwischen Rhein und Neckar. EK-Verlag, Freiburg (Breisgau) 2006,ISBN 3-88255-769-9,S. 253.
49.1166666666678.7166666666667Koordinaten:49° 7′ 0″ N,8° 43′ 0″ O