Konsumismus
Konsumismus[1][2] (vonlateinischconsumere – verbrauchen; auchKonsumerismus[3][4][5] oderKonsumentismus[6]) ist eine Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist, das Bedürfnis nach neuen Konsumgütern stets zu befriedigen.[7] Es kann zum Beispiel dergesellschaftlichen Distinktion oder dem Streben nachIdentität,Lebenssinn undGlück dienen. Eine krankhafte Extremform ist dieKaufsucht. Der BegriffKonsumismus wird meist in kritischer Absicht verwendet.
Begriff
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Teils durch unterschiedliche Übersetzungen vonconsumerism gibt es begriffliche Unklarheiten, da nebenKonsumismus auch der Begriff „Konsumerismus“ üblich ist.Konsumerismus (aus dem englischenconsumerism: Konsumdenken) ist einideologiekritischer Ausdruck aus den Sozialwissenschaften, wonach persönliches Glück mit dem Verbrauch von Wirtschaftsgütern erzielt wird. Konsumerismus beschreibt ein konsequentes Konsumdenken, wobei der Konsum zu einer Ersatzreligion wird. In diesem Sinne istKonsumerismus gleichbedeutend mitKonsumismus.
Als „alltäglicher Konsumismus“ wird die in den deutschen Kaufsuchtstudien empirisch belegte Tendenz vieler Menschen beschrieben, sich mit Produkten oder Dienstleistungen zu identifizieren und ihrSelbstwertgefühl davon abhängig zu machen. Dabei werden Produkte mit kommerziellem Markennamen und statushebenden Versprechungen vorgezogen. Insoweit der Konsumismusbegriff als abwertend wahrgenommen wird, lehnen ihn viele Betroffene ab und ziehen es vor, ihren Konsum mit rationalen Argumenten zurechtfertigen; sie verwerfen die Idee, sie würden „gezwungen“ zu konsumieren. Menschen, welche die Ideologie des Konsumismus bejahen, bewerten die gekauften oder konsumierten Produkte nicht als in sich wertvoll, sondern benutzen sie gezielt als gesellschaftliche Statussymbole und Signale, um sich mit gleichgesinnten Menschen zu umgeben.
Eine andere Bedeutung hatKonsumerismus in derÖkonomie. Hier wird dieser Ausdruck im Wesentlichen als Äquivalent zum deutschenVerbraucherschutz verwendet, besonders im Sinne der Verbraucherbewegung. Es geht also um die systemimmanente Verbraucherkritik an Missständen in der Versorgung mit Waren und Dienstleistungen sowie um die rechtliche Absicherung von Konsumenten in Fällen von zweifelhaften Verkaufs- und Marketingpraktiken,Markenfälschung, fehlerhafter Produktqualität, Fehlinformationen usw.
Modern Consumerism kann als „exzessiver Materialismus“ definiert werden.[8]
Theorie
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1899 konstatierte der US-amerikanische SoziologeThorstein Veblen (1857–1929) einen verbreitetenGeltungskonsum derOberschicht derUSA, der nur mehr demonstrativen Charakter habe. Unter „demonstrativem Verbrauch“ (conspicuous consumption) verstand er ein Verbraucherverhalten, das weit über die Erfüllung vonPrimärbedürfnissen hinausgeht und in erster Linie der Steigerung desSozialprestiges dient.[9] In den 1920er und 1930er Jahren bildete sich in den Vereinigten Staaten eine Konsumkultur aus: Im Zuge derProsperität und desFordismus bildete sich ein konsumorientierterMittelstand heraus. Die rasante Technikentwicklung und das wachsende Angebot von Konsumartikeln (vor allem Haushaltsgeräte, Radios und Autos) ließ die Verbraucher nach immer neueren Waren streben. Durch diesen neuen „Materialismus“ wurden traditionelle Werte und Normen kleinerer Stadtgemeinschaften ausgehöhlt, wie die SoziologenRobert Staughton Lynd undHelen M. Lynd in ihren 1929 und 1937 erschienenenstadtsoziologischenMiddletown-Studien nachwiesen.[10]
Nach demZweiten Weltkrieg bildete sich im Zusammenhang mit der zunehmendenIndividualisierung der Gesellschaft auch in Europa ein Konsummuster heraus, in dem Konsum zur Identitätskonstruktion betrieben wurde. Da die Menschen nicht mehr aus ihrer Gruppe oder ihrer Herkunft ableiten konnten, wer sie sind, definieren sie ihr Selbst durch Ansammlung und Konsum von sorgfältig ausgesuchten Produkten. In derWarenwelt wurde damit dasImage eines Produkts wichtiger als der tatsächlicheGebrauchswert. Konsumiert wurde nicht so sehr das Produkt selber, als der über Massenmedien verbreitete Strom von Zeichen, der ihm anhängt.
In der Deutung derFrankfurter Schule dient auch dieKulturindustrie dazu, durch Erzeugung falscher Bedürfnisse und eines „falschen Bewusstseins“ dasKlassenbewusstsein der Arbeiter zu vernebeln. NachAdorno wird das Individuum von der Kulturindustrie auf die Konsumentenrolle reduziert. Zudem stelle der Konsumismus eine List dar, mit der diese in das kapitalistische System integriert und davon abgehalten würden, aufzubegehren.[11]
Der französische SoziologeJean Baudrillard formulierte 1970 die Befürchtung, dass dermassenmedial produzierte Schein die Wirklichkeit „einstürzen“ lasse. Das moderne Individuum lebe in einer fiktiven „Spektakelrealität“.[12]
Pier Paolo Pasolini vertrat 1975 die These, der Konsumismus sei eine neue Form desTotalitarismus, weil er mit dem Anspruch einher gehe, die Konsumideologie auf die gesamte Welt auszudehnen. Eine seiner Folgen sei die Zerstörung der Vielfalt sozialer Lebensformen und die Einebnung der Kulturen in einer globalen konsumistischenMassenkultur, welche die Freiheitsvorstellungen mit einer „Pflicht“ zum Konsumieren auflade und die Menschen veranlasse, mit dem „Gefühl von Freiheit“ die Konsumimperative zu erfüllen.[13]
Die entsprechendenDispositionen, die eine innere Leere, Langeweile, Überdruss und chronische Depressivität im Akt des Kaufens oder Konsumierens kompensierbar machten, gehörten nachErich Fromm zum Charakterbild des modernen Menschen. Eine überspitzte Ausprägung fänden die konsumorientierten Haltungen, Leidenschaften und Verhaltensweisen des so genannten konsumistischenSozialcharakters im Krankheitsbild derKaufsucht.
Eine populäre Kritik des Konsumismus habenJohn de Graaf,David Wann undThomas Naylor vorgelegt. Sie sprechen von „Affluenza“, der Überflusskrankheit oder der „Zeitkrankheit Konsum“; dieses Kunstwort verbindet „Influenza“ und „Affluence“ (Wohlstand, Reichtum, Überfluss). Als Symptome dieser Krankheit nennen die AutorenSchulden, eineÜberproduktion von Waren, großeAbfallmengen sowieAngstzustände, Gefühle derEntfremdung undVerzweiflung. Hervorgerufen sei die Krankheit durch dieGier nach immer mehr materiellen Gütern. Als Weg der Gesundung biete sich der konsequente Abschied vom konsumistischenLebensstil – im Sinne „freiwilliger Einfachheit“ – an.[14]
Sich von der traditionellen Konsumkritik abwendend, deuten Befürworter wieNorbert Bolz den Konsumismus als weltweites Gegengewicht zum religiösen Fundamentalismus. Dem Konsumismus wird die Rolle zugewiesen, dieWelt zu befrieden, indem er seine positiven Wirkungen allen Völkern zuteilwerden lasse. Die westliche Konsumkultur werde dabei jedoch ohne Rücksicht auf die negativenökologischen Folgen weltweit ausgedehnt. Auch wenn er letztlich gegen alle seine Feinde (religiöseFundamentalisten,Globalisierungskritiker, Konsumismus- undWachstumskritiker) siegreich bleiben sollte, könne der Konsumismus als „Immunsystem der Weltgesellschaft“ (Bolz) nur an sich selbst zugrunde gehen. Der Sicht von Bolz widersprichtPanajotis Kondylis, der mit der Etablierunghedonistischer Lebensweisen zwar das „Ende der Ideologien“ verbindet, nicht aber das Ende der Konflikte in der Welt.
Siehe auch
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Konsumgesellschaft,Überflussgesellschaft,Wegwerfgesellschaft
- Konsumkapitalismus
- Konsumverweigerung,Einfaches Leben
Literatur
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Kurt E. Becker (Hrsg.):Konsum. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main et al. 1992, ReiheGrundlagen, herausgegeben vonAlphons Silbermann,ISBN 3-631-42402-7.
- Benjamin Barber:Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt, Beck, München 2007,ISBN 978-3-406-57159-6
- Moritz Baßler, Heinz Drügh (Hrsg.):Konsumästhetik. Umgang mit käuflichen Gegenständen, transcript, Bielefeld 2019,ISBN 978-3-8376-4726-6.
- Zygmunt Bauman:Leben als Konsum (Originaltitel: Consuming Life, übersetzt von Richard Barth), Hamburger Edition, Hamburg 2009,ISBN 978-3-86854-211-0.
- Burkhard Bierhoff:Konsumismus. Kritik einer Lebensform, 2., überarbeitete Aufl., Springer VS, Wiesbaden 2016,ISBN 978-3-658-12222-5.
- Norbert Bolz:Das konsumistische Manifest. Fink, München 2002,ISBN 3-7705-3744-0.
- Erich Fromm:Haben oder Sein, dtv, München 2011,ISBN 978-3-423-19519-5.
- Franz Hochstrasser:Konsumismus. Kritik und Perspektiven, Oekom, München 2013,ISBN 978-3-86581-326-8.
- Pier Paolo Pasolini:Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft, Wagenbach, Berlin 1975,ISBN 3-8031-2317-8.
- John de Graaf, David Wann, Thomas Naylor:Affluenza. Zeitkrankheit Konsum, (übersetzt von Elisabeth Liebl), Riemann, München 2002,ISBN 3-570-50026-8.
- Gerhard Scherhorn:Nachhaltiger Konsum. Auf dem Weg zur gesellschaftlichen Verankerung,oekom, München 2003,ISBN 3-928244-85-X.
- Alexander von Schönburg:Die Kunst des stilvollen Verarmens, wie man ohne Geld reich wird, 12., überarbeitete Auflage, rororo 61668, Reinbek bei Hamburg, 2009,ISBN 978-3-499-61668-6.
Weblinks
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- David Loy,Die Religion des Marktes, 1997.
- Gerhard Scherhorn,Der Konsumismus hat keine Zukunft, 2003. (PDF-Datei; 153 kB)
- Marianne Gronemeyer:Konsumismus und Bedürfnisse, 2004. (Memento vom 13. Oktober 2004 imInternet Archive)
Einzelnachweise
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- ↑Andersen, Arne:Vom Industrialismus zum Konsumismus–Der Beginn einer neuen Phase der gesellschaftlichen Naturverhältnisse in den 1950er Jahren. na, 1996.
- ↑Lorenz, Stephan:Die Tafeln zwischen Konsumismus und ‚Überflüssigkeit‘. Zur Perspektive einer Soziologie des Überflusses. Tafeln in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009. 65–84.
- ↑Meffert, Heribert:Konsumerismus. Marketing heute und morgen. Gabler Verlag, 1975. 459–483.
- ↑Selter, Gerhard:Idee und Organisation des Konsumerismus: Eine empirische Untersuchung der Konsumerismusbewegung in den USA. Soziale Welt (1973): 185–205.
- ↑Beier, Udo:Konsumerismus: Langfristige Implikationen für das Marketing. Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis 26.3 (1974): 226–241.
- ↑Hans van der Loo und Willem van Reijen: Modernisierung. Projekt und Paradox. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997, S. 168
- ↑Duden | Konsumismus | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition. Abgerufen am 25. November 2017.
- ↑Roger Swagler:Modern Consumerism. In: Stephen Brobeck:Encyclopedia of the Consumer Movement (1997),S. 172–173.ISBN 978-0-87436-987-8.
- ↑Thorstein Veblen:Theory of the leisure class. Eingeleitet vonRobert Lekachman. Penguin Books, New York 1994 (online, abgerufen am 4. Juli 2012).
- ↑Robert Staughton Lynd undHelen M. Lynd:Middletown. A Study in Contemporary American Culture. Harcourt, Brace & Co., Orlando 1959; dieselben:Middletown in Transition. A Study in Cultural Conflicts. Mariner Books, Orlando 1965.
- ↑Hans van der Loo undWillem van Reijen:Modernisierung. Projekt und Paradox. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1997, S. 170 f.
- ↑Jean Baudrillard:La Société de consommation. Ses mythes, ses structures. Éditions Denoël, Paris 1970.
- ↑Pier Paolo Pasolini:Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Wagenbach, Berlin 1975.
- ↑John de Graaf, David Wann, Thomas Naylor:Affluenza. Zeitkrankheit Konsum. Riemann, München 2002.