Konfliktsoziologie oderSoziologie des sozialen Konflikts wird einerseits als eine theoretische Perspektive auf die Gesellschaft,[1] andererseits als eine Teildisziplin derSoziologie[2] verstanden. Unabhängig von dieser Zuordnung wird dersozialeKonflikt als ein zentrales Element des gesellschaftlichen Zusammenlebens und als eine Triebkraft dessozialen Wandels begriffen.
Als multidisziplinärer und theorieübergreifender Begriff bezeichnet der soziale Konflikt einen Grundtatbestand des Sozialen und findet sich folglich in den meisten sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen[3] und Disziplinen wieder, auch wenn manche soziologische Schulen ihn als weniger zentral für die soziale Gesellung bewerten. Seine Erforschung steht unter der Fragestellung nach seinengesellschaftlichen Ursachen und Folgen.
Soziale Konflikte können unterschiedliche Gegenstände haben; häufig treten sie alsVerteilungs-,Macht- undAnerkennungskonflikte auf. Manifestationen des sozialen Konflikts sindKampf,Streit,Klassismus,Agon undKonkurrenz,Streik undindustrieller Konflikt,Klassenkampf undRebellion, schließlichKrieg undBürgerkrieg.
Im übertragenen Sinn wird sozialer Konflikt auch als Synonym für Gegensatz schlechthin, für Widerspruch oder Antagonismus verwendet.
Ein grundlegender Begriff für die Konfliktsoziologie ist älter als die Etablierung derSoziologie und stammt vonKarl Marx undFriedrich Engels: derKlassenkampf. Für sie ist nach dem Ende desUrkommunismus der Klassenkampf zwischen herrschender und beherrschter Klasse das historische Movens jeder Gesellschaftsformation. Als seine zentrale Ursache wird der Besitz bzw. Ausschluss von Besitz anProduktionsmitteln (Kapital) angesehen sowie der daraus resultierende Gegensatz (Antagonismus) zwischen der besitzlosen und der besitzenden Klasse. Im 19. Jahrhundert sahen sieAusbeutung undHerrschaft der Bourgeoisie (derkapitalistischen Klasse) über Lohnabhängige als Hauptkampffront, d. h. den Interessenkonflikt zwischen Kapital und Lohnarbeit.
Konflikttheoretiker in der Marxschen Tradition legen das Hauptgewicht auf diesoziale Ungleichheit in den Dimensionen vonsozialer Status,Besitz undMacht (so z. B.Reinhard Bendix undSeymour Martin Lipset[4] sowieGerhard Lenski[5]).
Georg Simmel hat 1908 die Alltagskategorie des „Streits“ in die Soziologie eingeführt. Er führt den Konflikt nicht auf gesellschaftliche Strukturen zurück, sondern auf zwei subjektive Triebfedern: auf das Interesse an einem bestimmten Objekt und auf den Kampftrieb. Anders als viele soziale Vorurteile begreift er den Konfliktnicht als ein dysfunktionales Phänomen, vielmehr diene er zur Schaffung und Festigung von Gruppenidentität.
An die Tradition von Simmel knüpfte 1964Lewis A. Coser mit seinerstrukturfunktionalistischen Konflikttheorie an.
Nicht in den Strukturen des Eigentums, sondern in der Ausübung von Macht und Herrschaft verortetRalf Dahrendorf die Ursachen sozialer Konflikte. In Fortführung der Ansätze vonVilfredo ParetosRevolutionstheorie (implizit) undMax Webers Herrschaftstheorie (explizit) behauptet er 1957 die Universalität von Machtkonflikten mit einer differenzierten Verteilung von Herrschaftsrollen. Zwischen den herrschenden und den der Herrschaft unterworfenen Gruppen bzw. zwischen deren konfligierenden Interessen am Erhalt bzw. der Veränderung desStatus quo wird ein Herrschaftskonflikt ausgetragen. Anders als im Marxismus kann einAkteur gleichzeitig in mehreren Konflikten stehen: in einigen Rollen als machtvoll, in anderen als machtarm. Im sozialen Konflikt sieht Dahrendorf eine schöpferische Kraft, die den Wandel von Institutionen, Gruppen und ganzen Gesellschaften fördert. In späteren Schriften hat Dahrendorf den Herrschaftskonflikt zum Konflikt um die Erweiterung bzw. Verteidigung menschlicher Lebenschancen erweitert:Der moderne soziale Konflikt ist ein Antagonismus von Anrechten und Angebot […]. Das ist immer auch ein Konflikt zwischen fordernden und saturierten Gruppen.[6] Nach den großen historischen Kämpfen um Bürgerrechte werde der Herrschaftskonflikt heute in Form desdemokratischen Klassenkampfes innerhalb einer rechtsstaatlichen Ordnung und im Rahmen garantierter Bürgerrechte ausgetragen.[7]
Pierre Bourdieu hat mit der Erweiterung des ökonomischen Kapitalbegriffs umsoziale,kulturelle undsymbolische Kapitalformen die Felder des Interessenkonflikts vermehrt. Kapital beinhaltet ihm zufolge die Verfügung über materielle und immaterielle Ressourcen, die nicht nur einen spezifischenLebensstil ermöglichen, sondern auch Macht, Einfluss und Anerkennung begründen. Um sie werden in den einzelnensozialen Feldern Gruppen- und Fraktionskämpfe nach feldspezifischen „Spielregeln“ und Strategien ausgetragen.
Anschließend an die Idee derintersubjektiven Anerkennung inHegels Jenenser Schriften und imsymbolischen InteraktionismusGeorge Herbert Meads erklärtAxel Honneth (1994) soziale Konflikte als Reaktionen auf die Verweigerung vonAnerkennung in den drei Dimensionen der Gewaltanwendung (Angriff auf körperliche Integrität), der Entrechtung (Negierung der sozialen Integrität) und der Entwürdigung (Missachtung der Selbstschätzung). Aus dieser Theorieperspektive deutet Honneth soziale Konflikte als moralische Kämpfe. Die unterschiedlichen Formen zugefügter Missachtung können von den Betroffenen mit Gefühlen der Scham defensiv hingenommen (latenter oder unterdrückter Konflikt) oder mit Empörung offensiv beantwortet werden (manifester Konflikt). Treffen sie auf gleichgerichtete Erfahrungen vonKollektiven, können sie soziale Widerstandsbewegungen hervorrufen.[8] Damit knüpft Honneth einen Zusammenhang zwischen Erfahrungen moralischer Missachtung und sozialem Kampf. Mit Verweis auf historische UntersuchungenBarrington Moores (1982) über Kämpfe der deutschenArbeiterbewegung 1848–1920 begründet er die Entstehung sozialer Bewegungen aus den Erfahrungen verweigerter Anerkennung.
Während Honneth anfangs eine monistische Konflikterklärung – sei’s aus der Logik der Interessenverfolgung, sei’s aus der Logik der moralischenReaktionsbildung – ablehnt,[9] –, subsumiert er später die Interessen unter die Anerkennung.[10] Gegen Honneth verteidigtNancy Fraser die dualistische Perspektive auf soziale (auch feministische) Bewegungen. Die Kategorien Verteilung und Anerkennung seien ihr zufolge in ihrerkonzeptuellen Irreduzibilität zu berücksichtigen und mit ihrenkomplexen Verbindungen zwischen beiden theoretisch zu erfassen.[11] Ob explizit oder implizit kämpften soziale Bewegungen meist um beides, um Interessen an Umverteilung und um soziale Anerkennung.