AlsKolonialismus wird die dauerhafte Inbesitznahme von Territorien und die Unterwerfung,Vertreibung oderErmordung der dort ansässigen Bevölkerung durch eine auswärtige Macht bezeichnet.Kolonisten und Kolonialisierte stehen einander dabei kulturell in der Regel fremd gegenüber, was bei den Kolonialherren im neuzeitlichen Kolonialismus mit dem Glauben an eine kulturelle Überlegenheit über die sogenannten„Naturvölker“ und teils an die eigenerassische Höherwertigkeit verbunden war.[1] Diese Vorstellung wurde durch frühe Theorien einersoziokulturellen Evolution gestützt. Die Kolonisierung der Welt durch europäische Nationen war sowohl Folge als auch Triebkraft derIdeologie desEurozentrismus.[2] Als Akteure beteiligten sich Privatleute, Firmen und Staaten, die Kolonialisierungen zunächst meist förderten oder absicherten. Auf längere Sicht gerieten die eingerichtetenKolonien fast alle in staatliche Hand.
Der Ausdruck Kolonialismus bezeichnet neben dem politischen Sachverhalt der Kolonialherrschaft auch eine historische Phase, dieKolonialzeit bzw. dasZeitalter des Kolonialismus, das imSpätmittelalter undfrüher Neuzeit beginnt: Nachdem zunächst die Portugiesen auf der Suche nach einemSeeweg nach Indien ab 1415 Stützpunkte außerhalb Europas in Besitz genommen hatten, bildeten europäische Mächte seit der ersten Amerikareise vonChristoph Kolumbus 1492Kolonialreiche in Übersee: nebenPortugal undSpanien bald auch dieNiederlande,England undFrankreich. Der Kolonialismus ging mit dereuropäischen Expansion einher. Im Zuge derAmerikanischen und derFranzösischen Revolution erklärten erste Kolonien ihreSouveränität gegenüber ihren jeweiligen Kolonialmächten: dieUSA 1776,Haiti 1804 und die meistenlateinamerikanischen Länder zwischen 1809 und 1825. Dennoch erreichte die Aufteilung der Erde unter den europäischen Mächten im 19. und 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Zeit desSpätkolonialismus war von neuen geopolitischen Akteuren geprägt, darunter auch ehemalige Kolonien selbst. Am Wettlauf um die koloniale Aufteilung Afrikas waren schließlich auchBelgien,Italien undDeutschland beteiligt; in Asien suchte vor allemRussland zu expandieren; und an der Wende zum 20. Jahrhundert kamen dieUSA undJapan als Kolonialmächte hinzu. ImZeitalter desImperialismus, für das der Kolonialismus prägend war, stellten wirtschaftliche Gewinnerwartungen, die Sicherung künftiger Rohstoffbasen aber auch Machtrivalitäten und Prestigefragen wichtige Motive für den Erwerb außereuropäischer Besitzungen dar. Erst derZweite Weltkrieg (1945) und die Gründung derVereinten Nationen als Organisation gleichberechtigter und gleichwertiger Staaten leiteten die allmählicheEntkolonialisierung ein. DieDekolonisation Afrikas etwa erfolgte größtenteils zwischen 1960 und 1975. Wegen neuer oder weiterhin bestehender Abhängigkeiten und bis heute anhaltender imperialistischer Bestrebungen spricht man für die ausgehende und die Nach-Kolonialzeit aber auch vonpostkolonialen undneokolonialen Verhältnissen.
Kolonialismus ist begrifflich und der Bedeutung nach eng mit derKolonisation durchSiedler verbunden. Beispiele dafür aus früheren Zeiten sind u. a. die antikegriechische Kolonisation im Mittelmeerraum oder die mittelalterlichedeutsche Ostkolonisation. Der neuzeitliche, europäische Kolonialismus dagegen nahm die unterschiedlichsten Formen, Ausmaße und Wirkungsweisen an. Sowohl in den politischen Zentren der Kolonialmächte als auch in der Peripherie, d. h. in ihren Kolonien, zeigte sich ein breites Spektrum hinsichtlich der Organisation und Machtausübung sowie der Beteiligung der Kolonisierten am Herrschaftsapparat und an derRepression der Kolonialvölker.
Typen und Organisationsformen kolonialer Herrschaft
Von übereinstimmenden Kernmerkmalen wie Über- und Unterordnung zwischen Kolonisten und Kolonisierten oder den ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kolonialmächten und Kolonien abgesehen, sind die historischen Erscheinungsformen des neuzeitlichen Kolonialismus äußerst vielfältig. So stellen auch die im Folgenden aufgeführten Typen kolonialer Herrschaftsregime und Wirtschaftsorganisation lediglich gemeinsame Nenner für im Einzelfall noch spezifischer gelagerte Ausformungen dar. Je nach Entstehungszusammenhang, Struktur und Ausdehnung der diversen historischen Sonderkonstellationen wird in der Literatur unterschieden zwischen Beherrschungskolonien,Siedlungskolonien, Integrationskolonien und Stützpunktkolonien.
DerBeherrschungskolonie lag zumeist eine militärische Eroberung nach vorheriger Kontaktaufnahme und Vororientierung zugrunde. Nicht Siedler, sondern aus dem Mutterland entsandte Kolonialbeamte bildeten dabei den Herrschaftsapparat, der die wirtschaftlicheAusbeutung der Kolonie ermöglichte. Die Verwaltungsbehörden in der Peripherie wurden von Kolonialbehörden in der Metropole beaufsichtigt. Von diesem Typ waren z. B.Indien als britische Kolonie,Togo als deutsche,Taiwan als japanische sowie diePhilippinen als Kolonie der USA.[3]
Siedlungskolonien entstanden hauptsächlich infolge massenhafter Individualmigration, deren Träger ihre Heimatgebiete ohne Rückkehrabsicht verließen, oft aus wirtschaftlichen Motiven oder Nöten.[4] Die Siedlungskolonisten vertrieben dabei entweder die ansässigen Bevölkerungsgruppen oder unterwarfen sie sich und nutzten sie als Arbeitskräfte. Ihre mitgebrachte Kultur behielten die Siedler bei und übernahmen alsbald in Selbstregierung die politische Herrschaft in ihrem Siedlungsraum. Dabei unterschieden sich die Bedingungen wirtschaftlicher Machtausübung und Ressourcenerschließung beim Siedlungskolonialismus teils beachtlich. Während es bei denNeuenglandkolonien, beiKanada,Australien,Neuseeland,Argentinien undChile zur Verdrängung der als unnötig und unbrauchbar angesehenen Urbevölkerung kam, blieben Kolonien in Afrika abhängig von einheimischen Arbeitskräften, so inAlgerien oderSüdafrika. In karibischen Kolonien hingegen, darunterJamaika undKuba, wurden nach Ausrottung der angestammten Bevölkerung landfremde Arbeitssklaven importiert.[5]
Integrationskolonien vereinten Elemente von Beherrschungs- und Siedlungskolonien. Die Schlüsselstellungen der Verwaltung besetzten mutterländische Kolonialbeamte, die sich auf eine mit politischen Mitwirkungsrechten operierende, durch Nachzug und Nachkommenschaft bedeutend anwachsende Siedlerschicht stützten, so dieKreolen in den spanischen Kolonien Südamerikas. Ihre Bewohner hatten formal die gleichen Rechte wie die Einwohner des Mutterlandes und genossen eine weitgehende lokale Autonomie. Man konnte die Kolonialherrschaft hier ökonomisch auf bereits existierende leistungs- und besteuerungsfähige Ackerbausysteme gründen.[6]
Stützpunktkolonien waren zunächst mit militärischen Mitteln geschaffene und geschützte Handelsstützpunkte, die nicht auf großräumige Binnenkolonisation, sondern auf kommerzielle Erschließung des jeweiligen Hinterlandes zielten. Wo solche Stützpunktkolonien zum Zweck der Vernetzung planmäßig angelegt wurden, dienten sie der Sicherung einer Handelshegemonie der jeweiligen Mutterländer. Beispiele dafür waren die niederländischen und portugiesischen Stützpunkte in Afrika und Asien. Die weltpolitischen Ambitionen der seinerzeit führenden Seemacht Großbritannien hatten seit dem 18. Jahrhundert die Anlage von miteinander vernetzten Stützpunkten zur Folge. Dabei ging es nicht mehr nur um den Schutz von Handelsinteressen; das Netz der britischen Kolonien erlangte vielmehr nun ein globalstrategisches Eigengewicht. Dabei kamen zu den Flottenstützpunkten vonGibraltar überSues bisKapstadt bedeutsame „Hafenkolonien“ wieSingapur undHongkong. Als einzig modernisierungsfähiger Kolonietypus hat sich auf längere Sicht der Militärstützpunkt erwiesen, der über die Ära derKanonenboote hinaus in die der taktischenLuftwaffe weist.[7]
Bis zum 11. Jahrhundert beherrschtenByzantiner undSarazenen das Mittelmeer. Die Bekämpfung der Sarazenengefahr, die ausgiebigSeeräuberei betrieben, durchPisa undGenua, beendete deren Vorherrschaft. Später übten sich die Italiener selber in Seeräuberei, besonders an den KüstenKleinasiens. Es wurden häufig Kapergesellschaften zur Finanzierung solcher Unternehmungen gegründet und oft konnte gar nicht zwischen Handelsmissionen und Piraterie getrennt werden. Auch für die BewohnerAndalusiens bildete dieKaperei maurischer Schiffe und die Landung an afrikanischen Küsten, bei denen man raubte und Gefangene zuSklaven machte, ein einträgliches Geschäft. Durch die Zurückdrängung arabisch-syrischer Händler im Rahmen derKreuzzüge konnten nun auch die italienischenStadtstaaten mit derLevante und demOrient unmittelbar Handel treiben. Besonders das europäische Bevölkerungswachstum seit etwa 1000 (Höchststand um 1300) kurbelte diesenFernhandel an.
Die Krise des 14. Jahrhunderts mitPest undStadtflucht betraf auch denAdel. Dieser hatte sich, infolge des allmählichen Niedergangs derfeudalen Strukturen, auf Luxusgüter als Zeichen standesgemäßer Lebensführung zum Statuserhalt konzentriert. Durch die anarchischen Zustände im Rahmen derReconquista konnten sich die Adligen besonders inKastilien vom spanischen König große Landschenkungen sichern. Auch die regelmäßigen Einfälle ins (noch) verbliebeneMaurenland der iberischen Halbinsel waren zu wichtigen Einnahmequellen für diesen geworden. Der Adel beteiligte sich zunehmend auch an wirtschaftlichen Unternehmungen wie demThunfischhandel (der ähnlich wichtig für die Ernährung und den Handel war wie dieSalzheringe im Norden Europas) und baute dazu eigeneFlotten auf. An der europäischen Entdeckung derGoldküsteGuineas waren daher auch Schiffe des Adels von Anfang an beteiligt. Und auch die Besiedlung vonInseln im Atlantik wurde von großen Vasallen des spanischen Königs begonnen; erst später folgte die Krone selbst.
Der Zugang zu den in ganz Europa begehrtenLuxusgütern des Orients (Teppiche,Gewürze,Farbstoffe u. a.) konnte nur über arabische Zwischenhändler erfolgen. So kontrollierteÄgypten den Handel mit arabischen und indischen Gütern. Zwar waren europäische Händler willkommen, aber die Weiterreise für Fremde überKairo hinaus war verboten. Die sogenannte „lateinische“ Handelsstraße, die diese „muslimische Blockade“ umging, war seit dem Ende des 14. Jahrhunderts versperrt: Nach dem Zusammenbruch des riesigen von Dschingis-Khan begründetenMongolischen Reiches, insbesondere durch die EroberungenTimur Lenks und die nationale Revolution derMing-Dynastie in China, war der „Mongolenweg“ für italienische Kaufmannskarawanen verschlossen. Das Vordringen derOsmanen im 15. Jahrhundert erschwerte den Asienhandel der Italiener zusätzlich. Der Orient war für Europa damit verriegelt.
Die Ausgangslage der europäischen überseeischen Expansion, die das Zeitalter des Kolonialismus einläutete, war also mitbestimmt von dem Bestreben, alternative Handelswege zu den von den osmanischen Herrschern kontrollierten und gegen den Zugriff der Europäer behaupteten Fernhandelsnetzen (Indienhandel) aufzutun.Bartolomeu Dias eröffnete mit der Umsegelung desKaps der Guten Hoffnung 1488 den Weg in denIndischen Ozean, wasVasco da Gama ermöglichte, 1498Indien per Schiff zu erreichen. Von ihrem indischen StützpunktGoa aus gelang es denPortugiesen 1509Malakka zu erreichen und unterAfonso de Albuquerque 1511 zu erobern. DieAtlantiküberquerung durch Kolumbus 1492 führte zum Beginn der europäischen Erschließung, Eroberung und Besiedlung Amerikas.
Die Kapitalbeschaffung für die kostspieligen Entdeckungsfahrten war durch Fortschritte im Geld- undKreditwesen leichter geworden. Die Entstehung der erstenBanken in norditalienischen Stadtstaaten vereinfachte die Zusammenführung größerer Geldmengen für die teuren überseeischen Unternehmungen. Da die Gewinnaussichten sehr vage waren, übernahm häufig der Staat die Kosten der Seeexpeditionen, um das hohe Risiko zu mindern. Die privaten Unternehmen beteiligten sich meist nur an der Befrachtung der Schiffe mit Lebensmitteln und Tauschwaren und erhielten dafür einen festgelegten Teil des Gewinns aus den Fahrten. Möglich wurden die überseeischen Entdeckungsfahrten aber nicht zuletzt durch die Entwicklung des neuen Schiffstyps derKaravelle, der sich u. a. durch verbesserte Manövrierfähigkeit unter wechselnden Windverhältnissen auszeichnete.
Der Erschließung der westafrikanischen Küste durch die Portugiesen folgten Importe von Sklaven und Gold nach Europa. Das Herrscherhaus, das zu einem Fünftel an den wirtschaftlichen Erträgen dieser Art beteiligt war, blieb seinerseits an weiterer Expansion interessiert. Worum es ging, zeigen Bezeichnungen wie „Elfenbeinküste“, „Goldküste“ oder „Sklavenküste“.[8]
Den afrikanischen Goldhandel kontrolliertenmuslimische Händler, die das Gold per Karawane zu den Küsten Nordafrikas brachten und so auch die europäische Nachfrage bedienten. 1456 stellten die Portugiesen eine erste Handelsverbindung zu den afrikanischen Goldzonen her. Ab 1475 wurde Gold dann in großen Mengen per Schiff überGuinea im Tauschhandel mit Subsahara-Afrika, ohne Umweg über muslimische Händler, nach Portugal verbracht. Wegen des teuren Ankaufs von orientalischen Luxusartikeln und kostspieliger europäischer Kriege kam es dennoch vorerst auch weiterhin zu einem Nettogoldabfluss aus Europa.
Den Goldreichtum suchte auch Kolumbus bei seiner Entdeckungsfahrt in daskaribische Amerika als besonderes Merkmal herauszustellen. Zum vermeintlichenEldorado wurden die von den Spaniern eroberten Gebiete in jenem Goldrausch, der sich einstellte, nachdemPizarro dem Inka-HerrscherAtahualpa über 13.000 Pfund Gold und 26.000 Pfund Silber abgepresst hatte. Die Silbervorkommen inBolivien undMexiko, die noch vor 1550 entdeckt und alsbald nach Europa verschifft wurden, führten dazu, dass die Preise in ganz Europa noch im 16. Jahrhundert um 400 Prozent anstiegen.[9]
Darstellung eines Sklavenschiffs (19. Jahrhundert)
Indem sich seit dem hohenMittelalter die Vorstellung durchsetzte, dassChristen nicht zuSklaven gemacht werden dürften, wurden Sklaven im Zuge der fortschreitendenChristianisierung zur knappen „Ware“ in Europa. Man verlegte sich ab dem 13. Jahrhundert verstärkt auf den Sklavenhandel mit derLevante. Zunächst lieferten die muslimischen Händler diese vor allem von derKrim, ab dem 15. Jahrhundert besonders aus demBalkan, wo dieOsmanen Christen alsKriegsgefangene verschleppten und an europäische, v. a. italienische Händler verkauften.Katalanische Sklavenhändler verschleppten hingegen ihre Opfer meist aus Kleinasien. Die Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen führte dann aber zum Rückgang der Sklavenlieferungen aus der Levante und hatte Preissteigerungen in Italien zur Folge. Europa orientierte sich dann um auf Sklaven ausSchwarzafrika, die muslimische Handelskarawanen an die nordafrikanische Küste brachten.
Auf den Karibik-Inseln wurdeZuckerrohranbau zum Dreh- und Angelpunkt der Kolonialherrschaft. Dafür standen hier nach Auslöschung nahezu der gesamten indigenen Bevölkerung weite Flächen zur Verfügung; als Arbeitskräfte wurden nun in großem Maßstab afrikanische Sklaven „importiert“. Fang und Transport organisierten Europäer, Afrikaner und Araber in Kooperation. Allein bei der Schiffspassage unter unwürdigen Bedingungen über den Atlantik lag die Sterblichkeitsrate zwischen 25 und 40 Prozent. Der mitdrakonischen Strafen erzwungene Arbeitsalltag inBergwerken wie aufPlantagen ließ nur wenige Sklaven älter als 35 Jahre werden. Im 17. und 18. Jahrhundert florierte derDreieckshandel: Europäische Konsumprodukte oft minderer Qualität wurden in Afrika gegen Sklaveneingetauscht; diese in Ketten über den Atlantik verfrachtet, meist in die Karibik, von wo die Schiffe dann beladen mitKolonialwaren wieRohrzucker, Rum,Indigo u. a. m. nach Europa zurückkehrten.[10] Nach neueren Forschungen fuhren die Schiffe durchaus nicht im Dreieck, zumalSklavenschiffe nicht für den Transport anderer Waren geeignet waren. Vielmehr pendelten die meisten Schiffe zwischen Europa, Westafrika und der Karibik.[11]
Mit dem Einholen derJapanischen Flagge am 9. September 1945 vor dem Sitz des Generalgouverneurs inKeijō wird die offizielle Verwaltungsübergabe des südlichen Teils von Korea (als japanische Kolonialprovinz:Chōsen), an die Amerikaner vollzogen.
Wie Spanier und Portugiesen suchten auch alle späteren Kolonialmächte – so auch bei der Aufteilung Afrikas – wirtschaftlichen Nutzen aus ihren kolonialen Besitzungen zu ziehen. Eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung ging dem jedoch nicht voraus. „Vielmehr setzte nach dem Erwerb neuer Gebiete häufig Ratlosigkeit darüber ein, welches wirtschaftliche Potential sie besaßen, wie man sie verwalten sollte und welchen Nutzen sie dem Mutterland bringen könnten.“[12] Der Eroberung folgten zumeist drei bis vier Jahrzehnte der Raubwirtschaft. Tauschhandel und Raubbau an denRessourcen dominierten;Investitionen in dieInfrastruktur wurden kaum vorgenommen.[13]
Als stärkstes wirtschaftliches Bindeglied innerhalb der Kolonialimperien erwies sich derWährungsverbund. Frankreich ging dabei besonders konsequent vor und schuf damit einmonetär einheitliches Kolonialreich, das in Afrika zur Folge hatte, dass diefrankophonen Staaten auch nach ihrer Unabhängigkeit noch die engen Währungsbeziehungen zu Frankreich aufrechterhielten.[14]
Während die eigene Kosten-Nutzen-Bilanz der Kolonialmächte im Hinblick auf ihre Einflussgebiete teils zwiespältig und teils negativ ausfallen konnte[15], waren die Kolonisierten hauptsächlich der Ausplünderung preisgegeben. So blieben die Kolonien und Halbkolonien der europäischen Mächte in Asien und Afrika während der Jahrzehnte intensiver Wirtschaftsbeziehungen zu ihren Mutterländern ebenso wie die Halbkolonien der USA in Lateinamerika arm und rückständig, während in Europa und Nordamerika der gesellschaftliche Wohlstand rasch zunahm. Die französischen Kapitalanlagen im Ausland gingen 1914 zu annähernd einem Viertel nach Russland, hingegen nur zu knapp 9 Prozent in die französischen Kolonien. Deutschlands Auslandsinvestitionen vor demErsten Weltkrieg gingen sogar nur zu 2 Prozent in die kolonialen Schutzgebiete.[16]
Die vergleichsweise späte KolonialmachtJapan war die einzige, die in ihrem Einflussbereich planmäßig eine industrielle Kolonialwirtschaft aufbaute, etwa Kohle, Eisen und Stahl inKorea und derMandschurei oder Baumwollverarbeitung inShanghai und Nordchina. Es galt, die Rohstoffarmut der japanischen Inseln zu kompensieren und einen arbeitsteiligen asiatischen Wirtschaftsgroßraum unter japanischer Kontrolle zu etablieren. Es handelte sich laut Osterhammel um das repressivste Kolonialregime der neueren Geschichte; gleichwohl hinterließ es wichtige Grundlagen für die weitere industrielle Entwicklung in Korea, Taiwan und Teilen von China.[17]
Vom Kolonialismus profitierten auch Staaten, die keine Kolonialmächte waren. Beispielsweise hat dieSchweiz nie eigene Kolonien besessen. Schweizer Forscher, Missionare und Händler waren jedoch dank des Neutralitätsstatus und der guten Vernetzung der Schweizer Oberschicht bei fast allen Kolonialherren willkommen.[18]Schweizer Söldner dienten im Kongo-Freistaat. Wissenschaftler machten mittels kolonialer Expeditionen steile Karrieren. Sie schickten enorme Mengen an gefundenen und geraubten Stücken in die Schweiz, die zu Grundstöcken ethnologischer und naturwissenschaftlicher Sammlungen mehrerer Museen wurden.[19] Einige Familien zum Beispiel in Neuenburg wurden durch Sklavenhandel vermögend.[20] Afrikanische Kinder und Jugendliche ohne Namen arbeiteten in der Schweiz alsLiftboys. Aus derKolonialware Kakao wurde alsSchweizer Schokolade ein Kassenschlager.[21] (→Schweizer Kolonialismus)
Die Kolonialregime europäischer Mächte seit dem 16. Jahrhundert bedurften der Rechtfertigung und der Vereinbarkeit vor allem mit derchristlichen Religion, die die kolonisierenden Eroberer mit ihren europäischen Entsendemetropolen verband. Die aus dem Mittelalter überkommene Lehre vom „gerechten Krieg“ gegen Nicht-Christen konnte dafür die Grundlage bilden, als Kritik gegen die spanischen Eroberungen im mittel- und südamerikanischen Raum aufkam, die sich auf das Gewaltverbot desNeuen Testaments berief.[22] Mit derpäpstlichen BulleInter caetera waren den Spaniern 1493 die Rechte an neuen Ländern in Amerika zugebilligt worden, denen sie denkatholischen Glauben bringen sollten.
In der Frühen Neuzeit war die Vorstellung der eigenen kulturellen Überlegenheit von Europäern gegenüber anderen Kulturen wie der chinesischen, japanischen, indischen oder muslimischen noch wenig ausgeprägt[23], wenngleich die europäischen Kolonisatoren in Amerika auch andere Akzente und Eindrücke übermittelten, als unter dem Zugriff vonKonquistadorentrupps ganze Großreiche auseinanderbrachen: „Die Europäer mit ihrer weißen Haut, ihren Pferden und Flinten erschienen als Götter. Sie begannen sich selbst als Übermenschen zu fühlen.“[24]
Ein durchgreifendes europäisches Sendungsbewusstsein gegenüber den anderen etablierten Kulturräumen der Welt setzte sich laut Osterhammel aber erst in der Ära der transatlantischen Revolutionen im späten 18. Jahrhundert durch, als „der Westen“ ein ganz neues Zeitalter der Freiheit und Gleichheit einzuläuten sich anschickte und sich dies mit der wirtschaftlichen Dynamik der in Gang kommendenindustriellen Revolution verband, die neben Europa auch Nordamerika erfasste.[25] Die Grundelemente kolonialistischen Denkens „in der reifen Spätform“ benennt Osterhammel wie folgt: 1. die Vorstellung von unversöhnlicher Fremdheit bzw. „Andersartigkeit“ in Verbindung mit einem Verhältnis der Über- und Unterlegenheit; 2. den Sendungsglauben in Verbindung mit der Vormundschaftspflicht; 3. die Utopie der politikfreien kolonialen Verwaltung.
Sklaventransport in Afrika
Aus der Vorstellung von deranthropologischen „Andersartigkeit“ der Kolonisierten, ihrer anderen körperlichen und geistigen Veranlagung, wurde ihre Unfähigkeit zu ähnlichen Taten und Werken gefolgert, wie sie das neuzeitliche Europa hervorgebracht habe.[26] Die vorausgesetzte Unterschiedlichkeit wurde nach Bedarf für diverse Felder geltend gemacht: u. a. als „heidnische Verworfenheit“, als technologische Minderkompetenz in der Naturbeherrschung, als (tropen-) klimatisch geschwächte menschliche Konstitution, schließlich noch alsrassisch bedingte Minderwertigkeit. Letztere wurde von Europäern und Amerikanern zumindest während der drei bis vier letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg weitgehend einhellig für richtig gehalten.[27]
Die unterstellte anthropologische Differenz diente zur Begründung einer Vormundschaftspflicht der Europäer bzw. „Weißen“ als der höherstehendenZivilisation bzw. Rasse („the white man’s burden“ – „die Bürde des weißen Mannes“). Nicht Ausbeutung, sondern wechselseitige Ergänzung beider Seiten wurde propagiert. Das schloss die seit dem späten 19. Jahrhundert verbreitete Auffassung ein, der „entwickelte“ Westen habe nicht nur das Recht, sondern stehe in der Pflicht, die natürlichenRessourcen der tropischen Länder zu erschließen; denn da die Einheimischen dazu nicht in der Lage seien, würden Europäer und Amerikaner, indem sie das übernähmen, nicht nur sich, sondern der ganzen Menschheit einen Dienst erweisen.[28] Eine höherstehende Minderheit stehe in der Verantwortung gegenüber der rückständigen Mehrheit der Menschen. „Kolonialherrschaft wurde als Geschenk und Gnadenakt der Zivilisation verherrlicht, als eine Art von humanitärer Dauerintervention. Die Last der Aufgabe sei dermaßen gewaltig, daß an eine schnelle Erfüllung nicht zu denken sei.“[29]
Da die Europäer die in den Kolonialgebieten vorgefundenen Verhältnisse als chaotisch ansahen, betrachteten sie ihr Handeln vor Ort nicht als Willkürherrschaft, sondern als Ordnung schaffend. Koloniale Verwaltung blieb in dieser Perspektive allerdings immer anfällig für die unterdrückte „Anarchie“ und „Triebhaftigkeit“ unter den Kolonisierten. Demnach durfte man sich keine Schwäche erlauben, da sonst Unruhestifter ermutigt würden, gar ein „Negeraufstand“ losbrechen könnte. Westliche Politikformen eigneten sich aus dieser Sicht nicht für Kolonialgebiete: „Nichts sollte die Ruhe effizienten Administrierens stören.“[30]
Wo in den Kolonien militärische Macht ausgeübt wurde, sollte zugleich innerer Frieden herrschen, indem die einheimische Bevölkerung nach Art der „Pax Britannica“ entwaffnet wurde. Zu aktivieren suchte man die Kolonisierten hauptsächlich durch „Erziehung zur Arbeit“. Dies ließ sich für Nichteuropäer jedoch oft nur als durchsichtige Bemäntelung von Ausbeutungsverhältnissen an und hatte mit Qualifizierung zur Selbständigkeit nichts zu tun. Wann immer diese besagte Erziehung den kolonialen Obrigkeiten aussichtslos erschien, waren die Einheimischen beliebigen Formen willkürlicher Grausamkeit vielfach schutzlos ausgesetzt.[31] Ein extremes Beispiel dafür sind derVernichtungsbefehl desGeneralleutnantsLothar von Trotha gegen das Volk derHerero und das anschließende Vorgehen deutscher Kolonialtruppen 1904 inDeutsch-Südwestafrika.
Entstehungsformen und Ausprägungen kolonialer Herrschaft wiesen eine Vielzahl spezifischer Merkmale auf, die teils von den jeweiligen politischen Verhältnissen und sozioökonomischen Hauptinteressen der einzelnen Kolonialmacht abhingen und teils von den im kolonialen Herrschaftsgebiet angetroffenen Bedingungen. Kolonialismus ist deshalb nur in seiner ganzen historischen und geographischen Bandbreite angemessen zu erfassen.
Intensive wirtschaftliche Beziehungen Genuas und Venedigs zumByzantinischen Reich ermöglichten beiden oberitalienischen Stadtrepubliken Handelsmonopole auszubilden. Sie beherrschten dadurch imSpätmittelalter den gesamten Mittelmeerraum. Es war ihnen im Zuge derKreuzzüge gelungen, Kolonien bzw. Stützpunkte in derÄgäis, auf derPeloponnes, amSchwarzen Meer und an derLevante zu erwerben. Die Konkurrenzsituation der beiden Stadtstaaten führte zu zahlreichen Seekriegen, bis es Venedig 1380 in derSchlacht von Chioggia schließlich gelang, die endgültige Vorherrschaft im Mittelmeerraum zu erreichen. Mit dieser Niederlage schied Genua aber nicht vollständig aus dem Mittelmeerhandel aus, sondern konnte sogar einige seiner Kolonien bis ins 15. Jahrhundert hinein halten. Erst mit der Expansion des Osmanischen Reiches und der Entdeckung derNeuen Welt zu Beginn der Neuzeit verloren Genua und Venedig ihre Vormachtstellung im Handel an die neuen Seemächte Portugal und Spanien.[32]
Nachdem portugiesische Entdecker jenseits desKaps der Guten Hoffnung denSeeweg nach Indien gefunden und Stützpunkte hauptsächlich für den Gewürzhandel (u. a. Pfeffer, Zimt, Muskat, Gewürznelken) errichtet hatten, erweiterte das Herrscherhaus an der Wende zum 16. Jahrhundert den eigenen Titel:König von Portugal und der Algarve, Herr von Guinea und der Eroberung, der Schiffahrt und des Handels von Äthiopien, Arabien, Persien und Indien.[33] In Südamerika konnte Portugal als mit Spanien rivalisierende Kolonialmacht aufgrund desVertrags von Tordesillas (1494) nur inBrasilien Fuß fassen. Als die portugiesische Königsdynastie 1580 ausstarb, fiel Portugal mitsamt dem Kolonialbesitz inPersonalunion an den spanischenHabsburgerPhilipp II.
Spaniens Kolonialreich in Mittel- und Südamerika erstreckte sich auf drei unterschiedliche Arten von indigenen Gesellschaftstypen. Das waren dieHochkulturen derAzteken,Maya undInka mit zentraler Organisation, zweitens dünn besiedelte und weniger gegliederte Herrschaftsbereiche sowie drittens Nomadenvölker. Während man bei den Hochkulturen nach Ausschaltung der hierarchischen Spitze die mittlere Schicht auf die Seite der Eroberer ziehen und an der Kolonialverwaltung beteiligen konnte, was durch das Vorhandensein kalendarischer Orientierung, eines Straßennetzes und einer Schriftkultur erleichtert wurde, kam es im karibischen Raum zur Auslöschung der einheimischen Ethnien, für die die eingeschleppten Krankheiten und die rücksichtslose Ausbeutung durch die Eroberer zur tödlichen Falle wurden. Hingegen konnten sich die in die für die Spanier wenig attraktiven Siedlungsgebieten Südargentiniens, Südchiles, Nordmexikos und in denRegenwäldern beheimateten nomadischenIndianer im Kampf mit der Kolonialmacht behaupten.[34]
Die im päpstlichen Auftrag das Eroberungsgeschehen begleitende christlich-katholische Mission wurde insbesondere von den Bettelorden derFranziskaner undDominikaner betrieben. In ihren Reihen wurde teils drastische Kritik an den von den Konquistadoren gegenüber den Einheimischen verübten Grausamkeiten laut. Die Anklageschriften einesBartolomé de Las Casas verbanden das Ziel der Glaubensbekehrung der indigenen Bevölkerung mit dem Vorhalt derTodsünde gegen die eroberungswütigen Landsleute und mit Schutzforderungen für eine menschenwürdige Existenz der zu Bekehrenden.[35]
Seit 1524 gab es am spanischen Hof neben demKöniglichen Rat einenRat für die überseeischen Gebiete (Consejo de Indias), der für die kolonialen Wirtschafts-, Finanz-, Militär- und Kirchenangelegenheiten zuständig war. Zunächst zweiVizekönige standen der Verwaltung vor, einer fürNeuspanien inMexiko-Stadt und einer für Peru inLima. Sie stammten in der Regel aus Spanien und kehrten nach durchschnittlich 6 bis 7 Jahren dahin auch wieder zurück, hatten folglich ein Interesse daran, dass sich ihr Posten wirtschaftlich oder im Sinne der eigenen Karriere rasch auszahlte. Formalrechtlich galten die Indianer unter spanischer Herrschaft – anders als unter der anderer Kolonialmächte – als gleichberechtigte Untertanen der spanischen Krone. Der möglichen Wahrnehmung ihrer Interessen vor Gericht stand aber häufig die Sprachbarriere entgegen.[36]
Kleinmünze der Niederländischen Ostindien-Kompanie, 1744
Nach dem erfolgreichenUnabhängigkeitskampf der Niederländer gegen Spanien stiegen diese zur bedeutenden Handels- und Seemacht auf und etablierten sich – vor allem auf Kosten Portugals – als neue Kolonialmacht mit Stützpunkten u. a. inSüdafrika, Indien undSüdostasien. Träger der niederländischen Kolonialherrschaft waren die aus mehreren Einzelunternehmen 1602 zusammengeschlossene VereinigteNiederländische Ostindien-Kompanie (VOC) sowie ab 1621 dieWestindische Kompanie. Diese wurden durch staatlicheFreibriefe mit weitreichenden Rechten ausgestattet, was auch das Unterhalten einer eigenen Armee einschloss. Zur Finanzierung wurden1606 zum ersten Mal von einer GesellschaftAktien ausgegeben und die Anteilseigner alsTeilhaber aufgenommen. DieDividende betrug durchschnittlich 18 % pro Jahr.[37] Besonders profitable Zweige bildeten die Beschaffung von Gewürzen und anderen Luxusartikeln.
NebenSumatra undBorneo waren wegen des Zugangs zuMuskatnüssen auch dieMolukken für die Niederländer besonders lukrativ. Als man dort auf demBanda-Archipel mit dem Abschluss einseitig vorteilhafter Verträge scheiterte, verübte der militärische Arm der VOC einen Massenmord unter den Einwohnern. Die danach entvölkerten Inseln übernahmen niederländische Plantagenbetreiber, die importierte Sklaven beschäftigten.[38]
Neben dem bereits 1621 gegründeten VOC-StützpunktBatavia verschaffte sich die Vereinigte Ostindien-Kompanie die Herrschaft über weitere wichtige Hafenstädte und Umschlagplätze wieMalakka (1641),Makassar (1669) undBanten (1682). Dieser „Stützpunktkolonialismus“ wurde im 18. Jahrhundert weiter ausgebaut: Weniger die territoriale Kontrolle als das funktionierende Netzwerk und die gute Einbindung in das regionale System waren dafür kennzeichnend. Unter Ausnutzung der politischen Fraktionierung aufJava etablierte die VOC bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dort aber doch eine militärisch gestützte indirekte Territorialherrschaft.[39]
Mit dem frühen niederländischen Kolonialismus in Südostasien ging auf Herrschaftsebene die Ausbildung einer Mischgesellschaft und -kultur einher, in der niederländische Vorstellungen zwar dominierten, aber von Elementen indonesischer Kultur durchdrungen wurden. Denn die niederländischen Männer kamen zumeist allein in die asiatischen Kolonialgebiete und gingen dort sehr oft Verbindungen mit einheimischen Frauen ein, sodass diese sowie die gemeinsamen Kinder Teil der Führungsschicht wurden. Diese Mischkultur erlangte zunehmend Einfluss in der Gesamtgesellschaft und führte zur Ausbildung eigener Baustile und Kunstformen, einer eigenen Musik und Literatur.[40]
Kurz vor den Niederländern hatten im Jahr 1600 die Engländer bereits eineOstindien-Kompanie (BEIC) gegründet, die den Fernhandel auf kolonialer Basis ankurbeln sollte. Im 17. Jahrhundert, das zurgoldenen Zeit der Niederlande werden sollte, behielten diese aber doch die Oberhand, auch weil England es mitRevolution und Bürgerkrieg zu tun hatte und in denSeekriegen nicht obsiegte. Mit denNavigationsakten 1651, dem Ausgang derGlorious Revolution 1689 und der Schaffung des Königreichs Großbritannien durch dieUnion Englands mit Schottland 1707 verschoben sich aber die Kräftegewichte für das 18. Jahrhundert zugunsten der Briten.
Nachdem der niederländische StatthalterWilhelm von Oranien infolge der Glorious Revolution englischer König geworden war, kam es zu einer Aufteilung der Einflusssphären in Asien zwischen den beiderseitigen ostindischen Kompanien: Während die Niederländer sich aufIndonesien konzentrierten, weiteten die Briten ihre Vorposten in Indien, wie z. B.Madras,Bombay undKalkutta, zu einer dauerhaften Kolonialherrschaft aus.
Sepoys
Hatte der englische Überseehandel in Asien anfänglich auch auf Gewürze und speziell auf Pfeffer gezielt, so verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf die Einfuhr von Baumwolle und Tee. Für den Transport nutzte die BEIC nicht eine eigene Handelsflotte, sondern angemietete Schiffe. Andererseits übte sie die Kontrolle über ihr indisches Herrschaftsgebiet auch militärisch mit Hilfe einheimischer Truppen aus, derSepoy, die von britischen Offizieren geführt wurden.[41] Bei der Einbeziehung zahlreicher indischer Fürstentümer in die britische Kolonialherrschaft zeigte man sich flexibel, was die vertraglichen Einzelheiten betraf, die die BEIC vorwiegend zum eigenen Vorteil schloss. Großteils handelte es sich dabei um Formen indirekter Herrschaftsorganisation. Die enorme Ausdehnung des indischen Kolonialgebiets und notorischer Personalmangel auf britischer Seite hatten zur Folge, dass nur die Verwaltungsspitzen britisch besetzt waren, während der Großteil der Verwaltungsaufgaben von indischen Angestellten erledigt wurde. Im entwickelten Stadium der britischen Kolonialherrschaft über Indien wurde die Handelsgesellschaft in einen Arm der staatlichen Administration umgewandelt.[42]
Auch in der Karibik und in Nordamerika kam es bereits im Laufe des 17. Jahrhunderts zum Auf- und Ausbau zahlreicher britischer Kolonien. Auf den Karibik-InselnSt. Lucia,Barbados undNevis praktizierte auch das britische Kolonialregime die Plantagenwirtschaft mit afrikanischen Sklaven. Gänzlich anders lagen die Verhältnisse in den Siedlungskolonien an der nordamerikanischen Ostküste, wo unter anderem einNeuengland entstand, hauptsächlich als Ort der Zuflucht und Verheißung fürPuritaner undNichtanglikaner, die so dem Druck derenglischen Staatskirche ausweichen konnten. Sie verschafften sich Landbesitz und breiteten sich nach Westen aus, indem sie die indianische Bevölkerung aus ihren Siedlungsgebieten verdrängten. Die Kolonisten blieben aber Untertanen der englischen Krone, bis sie sich imAmerikanischen Unabhängigkeitskrieg im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts von ihr befreiten.
Die Unabhängigkeitserklärung wird dem Kontinentalkongress vorgelegt.Gemälde von John Trumbull (um 1816)
Nicht nurreligiöse Dissidenten und Bedrängte auf der Suche nach einer neuen wirtschaftlichen Existenz waren von England in die nordamerikanischen Kolonien gekommen, sondern auch zu Zwangsarbeit verurteilte Sträflinge: Zwischen 1718 und 1775 wurden etwa 50.000 Sträflinge allein auf die Tabakplantagen inVirginia undMaryland verbracht.[43] Mit der Unabhängigkeit derVereinigten Staaten von Amerika entfiel dieser Verbringungsort. AlsJames Cook aber auf Forschungsreise 1770 an die OstküsteAustraliens gelangte und den Kontinent anschließend für die britische Krone in Besitz nahm, wurde ab 1788 dort eineSträflingskolonie errichtet. Australien undNeuseeland wurden im 19. Jahrhundert bevorzugte Ziele britischer Auswanderer.
Als in den 1920er Jahren die koloniale Welt ihr universalhistorisches Maximum erreichte,[44] entfiel der Löwenanteil auf das British Empire. Die vomVereinigten Königreich beherrschten Gebiete umfassten im Jahr 1921 ein Gebiet von über 37 Millionen km², etwa ein Viertel der von Land bedeckten Erdoberfläche. Die Gesamtbevölkerung betrug ca. 500 Millionen (rund ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung).
Das napoleonischefranzösische Kaiserreich mit besetzten Gebieten zur Zeit seiner größten Ausdehnung 1812
Zu Wegbereitern des französischen Kolonialismus in Nordamerika wurdenJacques Cartier undSamuel de Champlain; letzterer gründeteNeufrankreich. Dieses reichte auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung im Jahre 1712 vonNeufundland zu denGroßen Seen und von derHudson-Bucht bis zumGolf von Mexiko. Auch einige karibische Inseln und Indien waren frühneuzeitliche Objekte französischer Kolonialpolitik. Damit bestand von Anbeginn ein Konkurrenzverhältnis vor allem mit dem britischen Kolonialismus, ausgetragen in einer Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen, denFranzosen- und Indianerkriegen. ImPariser Frieden 1763 nach demSiebenjährigen Krieg musste Frankreich den Großteil seiner Kolonien an Großbritannien abtreten. Die Reste der kolonialen Besitzungen in Nordamerika wurden unterNapoleon Bonaparte 1803an die USA verkauft.
Einen neuen Anlauf nahm die französische Kolonialpolitik ab 1830 vor allem in Afrika und nach Mitte des 19. Jahrhunderts inFranzösisch-Indochina. Damit wurde Frankreich nach Großbritannien zur weltweit zweitgrößten Kolonialmacht. Dabei verfolgten die Franzosen mit Rückgriff auf die Leitideen derFranzösischen Revolution eine zivilisatorische Mission im Sinne derAssimilation der Kolonisierten, besonders imMaghreb. Angesichts der im Zuge fortschreitender Eroberungen während des 19. Jahrhunderts auf über 25 Millionen anwachsenden kolonialen Bevölkerung in Afrika war es jedoch nur eine winzige Minderheit französischer Untertanen, die tatsächlich gleichberechtigt „emanzipiert“ wurden.[45] Und währendAlgerien mit einem vergleichsweise hohen Bevölkerungsanteil französischer Kolonisten schließlich administrativ nach dem Muster französischerDépartements gegliedert wurde, begnügte man sich ansonsten damit, die Herrschaft über ein System vonHäuptlingen zu organisieren, die sich den Kolonialherren als hinreichend gefügig und dafür geeignet darstellten.[46]
Das Gros der europäischen Siedler in Algerien wie auch in den französischen ProtektoratenTunesien undMarokko konzentrierte sich in den Städten, wobeiAlgier nach 1880 zu gut drei Vierteln von Europäern bewohnt war und städtebaulich großteils im PariserHaussmann-Stil umgestaltet wurde. Gerade die ländliche Agrarkolonisation der Europäer mit Unterstützung der französischen Staatsmacht wirkte sich aber für die muslimische Landbevölkerung fatal aus; denn durch Enteignungen unter allerlei Vorwänden wurde sie auf kleinere Landflächen und schlechtere Böden verdrängt.[47]
Unter den Landesherrschaften desHeiligen Römischen Reiches deutscher Nation verschaffte sich nennenswert alleinBrandenburg-Preußen gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu Handelszwecken, für die eineBrandenburgisch-Afrikanische Compagnie gegründet wurde, kurzzeitig überseeischen Kolonialbesitz im westafrikanischenGroß Friedrichsburg (1683–1717). Auch die österreichischeHabsburgermonarchie entfaltete nur in verhältnismäßig geringem Umfang koloniale Aktivitäten. Nachdem im Jahre 1771Triest zumFreihafen erklärt worden war, gründete die regierende ErzherzoginMaria Theresia dieTriestiner Ostindische Handelskompanie (1775–1785) unter dem Kommando des Holländers William Bolts. Die Schiffe der Handelskompanie erwarben 1777 einen Hafen im heutigenMosambik (1781 an Portugal) und proklamierten 1778 vier Inseln derNikobaren als österreichische Kolonie, die allerdings bereits 1785 anDänemark zurückfiel.
In Deutschland gab es in der Ära zwischen 1848 und 1884 eine Form des privatwirtschaftlichen Kolonialismus, in welchem Unternehmer und Unternehmen eine zentrale Rolle spielten: DerColonisations-Verein von 1849 in Hamburg war ein Beispiel für einen „Kolonialismus von unten“, d. h. gestützt auf Initiativen der Privatwirtschaft bzw. Zivilgesellschaft und nicht des Staates. Ein Zusammenschluss von profilierten Hamburger Händlern und politisch engagierten Personen organisierte die Übersiedlung deutscher Auswanderer nachBrasilien mit dem Ziel des Aufbaus einer Kolonie. Mit dieser kolonialen Unternehmung sollte vor allem auch der Handel in und mit Südamerika und der Zugriff auf Anbauflächen gestärkt werden. Ein weiteres herausragendes Beispiel dafür, dass – trotz einer fehlenden staatliche Kolonialpolitik – von Deutschland eine Art „ökonomischer Imperialismus“ ausging, ist in derkolonialen Geschichte Guatemalas zu finden. Deutsche Unternehmen kontrollierten zu einem erheblichen Teil den Kaffeemarkt und viele ökonomische Aktivitäten in dessen Kontext. Der Produktionsprozess und auch die Handelsschifffahrt wurde von deutschen Banken und Produzenten finanziert und kontrolliert.[48]
Eine im Wesentlichen auf Ideen des Hamburger KaufmannsAdolph Woermann basierende Denkschrift derHamburger Handelskammer vom Juli 1883 wird als Schlüsseldokument der deutschen Kolonialreichsgründung angesehen. Die Schrift ist erstens Nachweis der starken ökonomischen Interessen der Hamburger Kaufmannschaft in Westafrika. Zweitens dokumentiert sie eine „Strategie des imperialen Ausgreifens“ indem sie die Forderungen, etwa nachMeistbegünstigungsverträgen bis hin zur kolonialen Annexionen, enthält. Durch die Schrift der Unternehmer wurden Reichskanzler Otto von Bismarck Gründe für seinen Kurswechsel hinsichtlich der kolonialen Frage geliefert.[49]
Deutscher Kolonialherr inTogo (ca. 1885), damals deutsche Kolonie, nach dem Ersten Weltkrieg französischesMandatsgebiet
Seit Gründung desDeutschen Kaiserreichs wurden in der Öffentlichkeit immer lauter Kolonien gefordert. 1882 gründete sich zum Beispiel einDeutscher Kolonialverein mit dem Ziel, Werbung für ein deutsches Kolonialreich zu machen.ReichskanzlerOtto von Bismarck lehnte diese Ideen sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus sicherheitspolitischen Erwägungen ab.[50] Aus unterschiedlichen Beweggründen[51] wurde im April 1884 das sogenannte „Lüderitzland“ als Keimzelle des späterenDeutsch-Südwestafrika unter den „Schutz“ des Deutschen Reichs gestellt. Auch inDeutsch-Ostafrika,Kamerun undTogo sowie inDeutsch-Neuguinea wich die informelle Besitzergreifung nach kurzer Zeit einer formellen Kolonialherrschaft. In unzugänglichen Regionen wie Nordkamerun oder dem späterenRuanda-Urundi wurden jedoch auchindirekte Herrschaftsformen praktiziert. Die territoriale Expansion war mit dem sogenanntenHelgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 weitgehend beendet. Bis 1914 folgten lediglich vereinzelte Neugründungen und Gebietserweiterungen (Kiautschou,Mikronesien,Neukamerun, östlichesSalaga-Gebiet,Deutsch-Samoa). Bis auf den MarinestützpunktTsingtau waren diese eher von symbolischer Bedeutung. Mehrere großeAufstände undKolonialskandale sorgten jedoch auch in Deutschland für Aufmerksamkeit und teils heftige Diskussionen.
Besonders derAufstand der Herero und Nama in Südwestafrika (1904–1907) sowie derMaji-Maji-Aufstand (1905–1908) in Ostafrika kosteten abertausende Afrikaner das Leben. Die Politik unterStaatssekretärBernhard Dernburg sollte dem eigenen Anspruch nach eine neue Form des deutschen Kolonialismus einleiten. So wurden nun Investitionen in die koloniale Infrastruktur vorgenommen, etwa in das Gesundheits-, das Nachrichten- und Verkehrswesen. Bedingt durch den Ausbruch desErsten Weltkriegs und die anschließende Abtretung der Kolonien kam diese Entwicklung jedoch lediglich ansatzweise zum Tragen.[52][53][54] AlsKolonialrevisionismus blieb der Kolonialismus auch in derZwischenkriegszeit eine bedeutende Strömung der deutschen Politik. In derNS-Zeit erarbeitete dasKolonialpolitische Amt Pläne für den Fall der Rückgabe deutscher Kolonien. Seit demZweiten Weltkrieg hingegen ist der deutsche Kolonialismus in der Wissenschaft und den Medien weniger präsent.[55]
Die kolonialen Bestrebungen Russlands richteten sich vor allem aufZentralasien; so wurde ab der Gründung desMoskauer Reiches und mit der Etablierung desZarentums das russische Staatsgebiet überSibirien nach Osten hin ausgedehnt. Mitte des 19. Jahrhunderts reichte es sogar bisAlaska inNordamerika. Dabei bestanden Stützpunkte südwärts bis nachKalifornien. Seit der ÄraZarPeters I. verstand sichRussland als europäische Großmacht und begann sich auch in südlicher Richtung zu engagieren. Dort stieß es auf die Interessensphären Großbritanniens (Britisch-Indien) und des Osmanischen Reiches (Schwarzes Meer). Dies führte zum„Great Game“ mit Großbritannien um die Vorherrschaft in Zentralasien. In kriegerischen Auseinandersetzungen um Randgebiete des zerfallenden Osmanischen Reiches zerbrach dieHeilige Allianz. Nach demKrimkrieg musste Russland imPariser Frieden von 1856 das Donaudelta und das südlicheBessarabien an dasFürstentum Moldau abtreten, sowie das Protektorat über die Donaufürstentümer aufgeben, die russische Truppen 1853 besetzt hatten. Außerdem musste es sich zur Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres und derÅland-Inseln verpflichten. ImRussisch-Japanischen Krieg 1904/1905 versuchte Russland vergeblich, Japan die Vormachtstellung in derMandschurei und inKorea abzunehmen. Seine Niederlage war einer der auslösenden Faktoren derRussischen Revolution von 1905.
Dabei wurde das Selbstbestimmungsrecht der Völker bereits vonLenin als „taktische Waffe“ im Sinne des bolschewistischen Machterhalts benutzt und durchStalin, der bis 1923 dasVolkskommissariat für Nationalitätenfragen leitete, ganz nach Bedarf gehandhabt. So wurde beispielsweise mit Hilfe russischen Militärs 1918 die islamische Regierung imusbekischenKokand ebenso beseitigt wie 1921 die Unabhängigkeit des christlichenGeorgiens.[57] Erst nach demZerfall der Sowjetunion erlangten viele der ehemaligen russischen Binnenkolonien sowie alleNachfolgestaaten der Sowjetunion die staatliche Unabhängigkeit.
Der um 1880 einsetzende Wettlauf der europäische Kolonialmächte um Territorialbesitz in Afrika (engl.Scramble for Africa) gehört zu den für dasZeitalter des Imperialismus charakteristischen Erscheinungsformen. Vor 1875 bestanden größere europäische Herrschaftsgebiete nur nördlich derSahara und in Südafrika. Ansonsten beschränkte sich die europäische Präsenz auf diesem Kontinent bis dahin im Wesentlichen auf küstennahe Handelsstützpunkte. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 erweiterten die europäischen Mächte ihren Kolonialbesitz um mehr als 23 Millionen km². AußerÄthiopien undLiberia gab es keine unabhängigen Gebiete mehr in Afrika, stattdessen neben britischen und französischen Kolonien auch deutsche, portugiesische, spanische, italienische und belgische. Die Motivlage, die den Wettlauf um Afrika vorantrieb, ist mehrschichtig. Neben ökonomischen, geopolitischen und missionarischen Interessen, werden auch Nationalprestige, Forscherdrang und Abenteuerlust in unterschiedlicher Gewichtung zur Erklärung herangezogen.[58] Die sich ausbreitende Ideologie der rassischen Überlegenheit wurde mit der heute obsoletenHamitentheorie untermauert, die den beherrschten Völkern die Fähigkeit absprach, sich selbst zu verwalten.
Nachdem 1881 die Franzosen inTunesien ein Protektorat errichtet hatten und es zurbritischen Besetzung Ägyptens im Zuge der Niederschlagung desUrabi-Aufstandes 1882 gekommen war, wurde derKongo zum Objekt kolonialer Begehrlichkeiten, die neben beiden etablierten Kolonialmächten auch besonders der belgische KönigLeopold II. hegte. Als die Aktivitäten Frankreichs, Belgiens und Portugals im Mündungsbereich desKongo die Gefahr eines Krieges heraufbeschworen, erbot sich Reichskanzler Otto von Bismarck auf derKongokonferenz in Berlin (1884/85) zu vermitteln. Denn auch im Deutschen Kaiserreich waren unterdessen koloniale Interessen (s. o.) an und in Afrika aufgekommen. Die Berliner Konferenz garantierte Handelsfreiheit im Kongogebiet für alle 14Signatarmächte und legte allgemein fest, dass nur diejenige Macht das Recht auf Erwerb einer Kolonie haben sollte, die sie auch tatsächlich in Besitz nahm (Prinzip derEffektivität). Dieser Beschluss bildete die Grundlage für die in den folgenden Jahren deutlich beschleunigte Aufteilung Afrikas in Kolonien durch die europäischen Mächte.
Nach der Niederschlagung desMahdi-Aufstandes imSudan durch dieAnglo-Egyptian Nile Expeditionary Force unterHoratio Herbert Kitchener beschwor dieFaschodakrise 1898 die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien herauf. Hier kollidierten französische Ansprüche auf das Territorium des Sudans – um eine territoriale Verbindung zumRoten Meer herzustellen und damit einen Ost-West-Gürtel vonDschibuti bisDakar zu schaffen – mit dem britischen Bestreben, dasNiltal zu kontrollieren und sich der Vision einer Nord-Süd-Verbindung vonKairo bis zumKap der Guten Hoffnung anzunähern. Mit demSudanvertrag 1899 wurde zwischen beiden Mächten ein Ausgleich ihrer kolonialen Interessensphären in Afrika hergestellt, der den Wettlauf beendete und den Weg zur nachfolgendenEntente cordiale freimachte.[59] Auch danach gab es noch krisenhafte Spannungen und Streitigkeiten um koloniale Ansprüche in Afrika zwischen Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und Portugal, die sich bis 1914 aber nicht mehr in grundlegenden Änderungen der Kolonialgrenzen niederschlugen.
Historische Mandatsgebiete in Afrika und Vorderasien: 1. Syrien (franz.), 2. Libanon (franz.), 3. Palästina (brit.), 4. Transjordanien (brit.), 5. Irak (brit.), 6. Togoland (brit.), 7. Togoland (franz.), 8. Kamerun (brit.), 9. Kamerun (franz.), 10. Ruanda-Urundi (belg.), 11. Tanganyika (brit.) und 12. Südwest-Afrika (südafr.).
Mit dem Ersten Weltkrieg kam es zu Verschiebungen und neuen Entwicklungen in der Kolonialpolitik. Das Deutsche Kaiserreich verlor bereits bald nach Kriegsausbruch seine nicht verteidigungsfähigen Besitzungen in West- und Südwestafrika an die Entente-Mächte und die mit ihnen verbündeteSüdafrikanische Union. Nur Frankreich setzte afrikanische Soldaten – erst Freiwillige, dann auch in den Kolonien Zwangsrekrutierte – während des ganzen Krieges zur Verstärkung an der eigenen Front gegen Deutschland ein, und zwar häufig in besonders gefährlichen Abschnitten oder in vorderster Linie bei Angriffen auf stark befestigte deutsche Stellungen.[60] ImFriedensvertrag von Versailles wurden die vormaligen deutschen Kolonien den Siegermächten zwar formal nur alsMandatsgebiete desVölkerbunds übertragen; faktisch aber bedeutete dieses Regelung, dass Frankreich sein westafrikanische Kolonialreich arrondierte und Großbritannien in Ostafrika nun die schon länger anvisierte durchgängige Nord-Süd-Verbindung durch eigenes Kolonialgebiet erlangte.
Zu den bedeutsamen Folgen des Ersten Weltkriegs gehörte auch, dass die USA als Seemacht zu Großbritannien aufgeschlossen hatten. Doch nicht nur diese Weltkriegsverbündeten, sondern auch Japan strebte mit seinen kolonialen Ambitionen die Rolle einer erstrangigen Seemacht an. EinFlottenrüstungswettlauf wie vormals zwischen Deutschland und Großbritannien wurde nun aber vermieden: ImWashingtoner Abkommen vereinbarten die fünf Hauptseemächte maximale Tonnagezahlen für ihren Schlachtschiffbau, wobei die USA und Großbritannien gleichauf an der Spitze standen, gefolgt von Japan und den ebenfalls mit gleicher Gesamttonnage angesetzten Frankreich und Italien. Vor allem Indien als Zentrum der britischen kolonialen Interessen erschien damit gesichert, zumalHongkong undSingapur als äußere Vorposten zu Festungen ausgebaut wurden.[61]
Die Eigenständigkeit der alsDominions zur Selbstverwaltung gelangten, mehrheitlich von europäischen Siedlern bevölkerten britischen Kolonien – darunter Kanada, Australien undNeuseeland – gewann im engen militärischen Zusammenschluss mit dem Mutterland während des Ersten Weltkriegs weiter an Boden, was in derBalfour-Erklärung 1926 und imStatut von Westminster 1931 auch schriftlich fixiert wurde. Die Perspektive eines solchen Dominion-Status könnte auch imUnabhängigkeitskampf Indiens unterMahatma Gandhi dazu beigetragen haben, den Widerstand gegen das britische Kolonialregime weitgehendgewaltfrei auszutragen.[62]
Der französische Kolonialismus der Zwischenkriegszeit in den 1920er und 1930er Jahren propagierte dieAssimilation nicht mehr in gleicher Weise wie teils im 19. Jahrhundert. Da es nach der Phase der kolonialen Expansion annähernd ebenso viele gelbe, braune und schwarze „Franzosen“ gab wie weiße, stellte sich eine konsequenteAssimilation nun als utopisch dar. Als Konsequenz ersetzte man das Assimilationskonzept durch eine Politik derAssoziation, bei der die farbigen Kolonisierten – von ausgewählten Anpassungswilligen abgesehen – aber nicht als „Bürger“ (Citoyens), sondern als „Untertanen“ (Sujets) geführt wurden.[63]
Involkswirtschaftlicher Hinsicht wurden die kolonialpolitischen Weichen nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls neu gestellt. Während der Kolonialismus für Frankreich und Großbritannien vor 1914 – trotz teilweise hoher Gewinne einzelner Firmen und Spekulanten – wegen der Kosten für Militär und Verwaltungsbürokratie in den Kolonien eher ein Verlustgeschäft gewesen war, begann er sich nun aufgrund von Investitionen in die koloniale Infrastruktur, die speziell Frankreich vornahm, für die Mutterländer zu rentieren.[64] Den großen Eisenbahnbauten folgte der Ausbau von Landstraßen, die auch entlegene Gegenden für den Lastwagenverkehr erschlossen und das einheimische Transportunternehmertum ankurbelten. Zugleich wurden damit Grundlagen für eine neue Logistik kolonialer Herrschaftssicherung gelegt, indem militärische Verbände schneller und einfacher zu Unruheherden transportiert werden konnten. Hinzu kamen die neuen Möglichkeiten von Luftüberwachung und Luftangriffen. Dadurch, dass mittels neuer Verkehrswege sich die Exportproduktion von den Küstenregionen immer weiter ins Binnenland erstreckte, kam es zu einem zunehmend profitablen Aufschwung der kolonialen Exportwirtschaft.[65]
Als neue Kolonialmacht mit ausgreifenden Ambitionen suchte sich in derZwischenkriegszeit dasfaschistische Italien zu etablieren.Libyen, das von Italien 1911 als Kolonie annektiert worden war, aber im Weltkrieg nicht gehalten werden konnte, wurde in jahrelangen Kämpfen bis 1932 zurückerobert. 1936 wurde in einem unverhüllten Angriffskrieg unter Einsatz nicht nur der Panzer- und Luftwaffe, sondern auch von GiftgasÄthiopien erobert. Die nordafrikanischen Kolonien in Libyen und derKyrenaika wurden vonMussolini hauptsächlich als Siedlungsland für den italienischen Bevölkerungsüberschuss genutzt: Bis 1939 wurden 120.000 Italiener dort ansässig, hauptsächlich als Agrarkolonisten und Weinbauern.[66]
Die Ära des Kolonialismus im engeren Sinne ging in den Jahrzehnten nach demZweiten Weltkrieg zu Ende, als das „zerstörte und ausgeblutete Europa“ lautBoris Barth nicht mehr in der Lage war, sich die Restauration kolonialer Herrschaft zu leisten.[67] Die neuen Konstellationen zeigten sich nach und nach; denn Briten, Franzosen und Niederländer hatten mit Hilfe der USA ihre imPazifikkrieg an Japan verlorenen Besitzungen in Asien zunächst zurückgewonnen, während sie ihre Positionen in Afrika sowie imMittleren Osten behauptet hatten.[68]
Für Großbritannien, dessen „Kronjuwel“Britisch-Indien schon in derZwischenkriegszeit zur Unabhängigkeit gedrängt hatte, kam es aber noch in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zur Aufgabe großer Teile seines Kolonialreichs, als Indien,Pakistan undBurma die Unabhängigkeit erlangten – allerdings um den Preis blutiger Auseinandersetzungen und Gewaltexzesse zwischenHindus undMoslemsinfolge der Aufteilung. DenEmanzipationsbestrebungen der britischen Kolonien in Afrika in den 1950er und 1960er Jahren bot London die Perspektive einer an wirtschaftliche und politische Stabilitätsbedingungen gekoppeltenself governance sowie die Möglichkeit des Verbleibs im britischenCommonwealth of Nations. „So gesehen“, schriebFranz Ansprenger, „baute England nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ein Empire ab, sondern ein neues Commonwealth auf.“ Das britische Zurückweichen sei mit der Vorstellung verbunden gewesen, auf eine bessere und gesündere Weltordnung hinzusteuern und habe die schwächeren europäischen Kolonialmächte Frankreich, Niederlande und Belgien diesbezüglich unter Zugzwang gesetzt.[69]
Der in den Nachkriegsjahrzehnten stattfindendeEntkolonialisierungsprozess verlief gleichwohl auf je spezifische Weise, und zwar in Abhängigkeit von Wirkungsfaktoren wie der Stärke und Aktionsformen der kolonialenBefreiungsbewegungen, der Gewaltbereitschaft von Kolonialregimen und Siedlern, der kolonialwirtschaftlichen Interessen und Weichenstellungen in den Metropolen bzw. Mutterländern sowie der Einflussnahme Außenstehender, insbesondere der nunmehrigenSupermächte USA undUdSSR. So stand etwa der sich mancherorts lange hinziehende britische Rückzug weniger als der französische unter dem Druck von nationalen Befreiungsbewegungen, die Entscheidungen erzwangen.[70]
Die vietnamesische Flagge weht über dem französischen Befehlsbunker von Dien Bien Phu
Frankreichs militärisches Engagement (Indochinakrieg) zwecks Wiederherstellung der Kolonialherrschaft in Indochina scheiterte am energischen Widerstand dervietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung unter FührungHồ Chí Minhs, die von der UdSSR im Indochinakrieg mit Waffenlieferungen unterstützt wurde und den französischen Streitkräften 1954 in derSchlacht um Điện Biên Phủ die entscheidende Niederlage beibrachte. Frankreichs Rolle als Kolonialmacht in Indochina war damit zu Ende; an seine Stelle als Widerpart derViệt Minh traten die USA in Fortführung ihrer antikommunistischenContainment-Politik, die später in denVietnamkrieg führte.
Nur mit Unterstützung der USA hätten die Niederlande in Indonesien ihr an die Japaner verlorenes und in der Nachkriegszeit zur Eigenständigkeit drängendes Kolonialgebiet erfolgreich zurückgewinnen können. Den herkömmlichen Kolonialismus lehnten die USA nun allerdings ab; sie hatten nach derKapitulation Japans auf die Wiederherstellung der eigenen Kolonialherrschaft über diePhilippinen verzichtet und forderten das Gleiche auch anderweitig. Auf Druck der Vereinigten Staaten und derVereinten Nationen gaben die Niederlande bis 1950 ihre kolonialen Restitutionsanstrengungen auf, 1962 auch einschließlichNeu-Guineas.[71]
Im„afrikanischen Jahr“ 1960 erlangten 18 Kolonien in Afrika, darunter 14 französische, zwei britische, eine italienische und der unter belgischer Kolonialherrschaft stehendeKongo die Unabhängigkeit, letzterer innerhalb nur eines halben Übergangsjahres. Zwar wurde die neue Regierung nacheiner Wahl mit relativ hoher Wahlbeteiligung (81,79 %) gebildet; der nachkoloniale Kongo erwies sich aber schon in seinem Neuanfang als wenig stabil und durch Abspaltungsbewegungen gefährdet.[72]Patrice Lumumba wurde der erste Premierminister; er wurde am 14. September 1960 durch einen Militärputsch (Kongo-Krise) gestürzt und im Januar 1961 ermordet.
Barrikaden in Algiers; auf dem Transparent steht „ViveMassu“, Januar 1960
Besonders umkämpft und langwierig war dieDekolonisation Algeriens, das als integraler Bestandteil Frankreichs galt. Der 1954 begonneneAlgerienkrieg endete erst 1962 mit der von der algerischenNationalen Befreiungsfront (FLN) – unter hohen Opferzahlen vor allem auf Seiten der Algerier – errungenen Unabhängigkeit, währendMarokko undTunesien bereits 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hatten. Seither stand eine halbe Million französischer Soldaten in Algerien und damit der Großteil des französischen Heeres.[73] Die mit dem Algerienkrieg verbundenen politischen Verwerfungen führten das Ende derVierten Französischen Republik herbei und zur neuerlichen Berufung vonCharles de Gaulle an die Staatsspitze, der in einem mehrjährigen Prozess auf eine beiderseits akzeptableAlgérie Algérienne hinarbeitete.[74]
Die frühen Kolonialmächte Portugal und Spanien hatte ihren lateinamerikanischen Kolonialbesitz bereits im 19. Jahrhundert verloren bzw. aufgegeben. Das Ende des Kolonialismus herkömmlicher Art steht gleichfalls mit Portugal in Verbindung, dasnach der Nelkenrevolution 1974 seine afrikanischen Kolonien undOsttimor aufgab.[75] Die britische KolonieHongkong 1997 und die portugiesische KolonieMacau 1999 waren die letzten Nachzügler, die aus europäischer Kolonialherrschaft entlassen wurden.
Manche außereuropäischen Länder und Regionen waren nur zum Teil oder nur für kurze Zeit (manche gar nicht) kolonialer Herrschaft unterworfen. Neben direkter Kolonialherrschaft gab es auch Vorteilsnahmen von Kolonialmächten durch „ungleiche Verträge“, die aufgezwungen wurden und eine Form indirekter Herrschaft bewirkten. Davon betroffen waren z. B.:
Kongolesisches Wahllokal 2006 unter finnischer Bewachung.
Was den frühneuzeitlichen europäischen Kolonialismus von anderen historischen Expansionsweisen und Arten der Reichsbildung unterschied, war das damit entstehende, weltumspannende Netz, das sich im Fortgang des Ausgreifens über alle Kontinente erstreckte und mit dem Weltsystem der Eroberung zugleich ein – wenn auch regional sehr unterschiedlich strukturiertes – Weltsystem des Handels hervorbrachte. Während die Europäer im asiatischen Handel zunächst lediglich die Rolle eines Juniorpartners mit Nischen im Rahmen eines entwickelten Handelsverkehrs einnahmen, gerieten Afrika, Amerika und zuletzt Australien sowie Neuseeland mit jeweils weniger ausgebildeten Handelsnetzen umso ungebremster in die Abhängigkeit europäischer Handelsinteressen.[76]
Vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelangte der koloniale Konkurrenzkampf der Großmächte weltweit auf den Höhepunkt.Eine Wahrheit, aber nicht die ganze, so Ansprenger, habe Lenin 1916 in der Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ in Kapitel VI zum Ausdruck gebracht: „Je höher entwickelt der Kapitalismus, je stärker fühlbar der Rohstoffmangel, je schärfer ausgeprägt die Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt sind, desto erbitterter ist der Kampf um die Erwerbung von Kolonien.“[77]
Die Dekolonisation im 20. Jahrhundert war laut Osterhammel Teil des Übergangs zu einem neuen Weltstaatensystem, das bis zum „großen Umbruch“ 1989–1991 gekennzeichnet war durch 1. die weltweite Konfrontation desOstblocks und derStaaten des westlichen Bündnisses, 2. die Rückwendung der (west-)europäischen Großmächte auf ihre europäischen Belange, 3. die Entstehung vieler postkolonialer Staaten, die sich entweder dem westlichen oder dem östlichen Lager zuwandten, 4. relative Stärkung internationaler Organisationen, speziell derUNO, 5. ideologische Ächtung vonKolonialismus (bei international teils fortbestehender rassischerDiskriminierung).[78]
Als einzige Kolonialmacht konnte Russland seine Herrschaft über die Kolonialvölker in großem Umfang erhalten und eine Entkolonialisierung verhindern. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben vor allem die in Asien unterworfen kleineren Völker unter russischer Herrschaft. Nach der Ausdehnung des Krieges gegen die Ukraine 2022, für den vor allem Soldaten aus den Randbereichen Russlands rekrutiert wurden, entstanden sowohl innerhalb Russlands als auch bei russischen Exil-Indigenen Bewegungen, die sich ausdrücklich gegen die Kolonialisierung ihrer Völker wandten (u. a.Burjatien,Kalmücken,Tuwa).[79]
KolonialmächteTh. Th. Heine,Simplicissimus (1904). Der Zeichner karikiert den deutschen Kolonialismus als ordnungsliebend, den britischen als ausbeuterisch und bigott, den französischen als erotisch motiviert und den belgischen wegen derKongogräuel als kannibalisch.
Die kolonialistischen Abhängigkeitsverhältnisse waren generell vom Herrschaftsanspruch der Kolonisten bzw. Kolonialmächte über die Kolonisierten bestimmt. Aus dem Anspruch der Überlegenheit leiteten die Kolonialherren das Recht ab, den kulturell „zurückgebliebenen“ Völkern die „Zivilisation“ zu bringen. Während die Briten voncivilizing mission sprachen, lautete der französische Begriffmission civilisatrice und der deutscheKulturmission. Gemeint war im Grunde das Gleiche: „Menschheitsbeglückung durch das europäische Zivilisationsmodell.“[80] Betrieben wurde also Anpassung anNormen und Sitten der Europäer. Mit den Jahrhunderten des europäischen Sklavenhandels und der Sklavenhaltung haben sich lautGötz Großklaus bei den weißen Tätern „eine Vielzahl rassistischer Verhaltens- und Urteilsklischees eingeprägt“, bei den schwarzen Opfern hingegen hätten sich „die Traumata ihrer Deportation, ihrer sozialen und mentalen ‚Ortlosigkeit‘“ ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Verhängnisvoll wirke es sich aus, „die Macht des kollektiven Gedächtnisses bei ‚den Verdammten dieser Erde‘ nicht zur Kenntnis zu nehmen und nicht ins Kalkül des politischen Handelns zu ziehen – auch dann nicht, wenn ein stets gegenwärtig virulenterRassismus dazu nötigen sollte.“[81]
Anders als etwa diegriechische Kolonisation imHellenismus war der europäische Kolonialismus weit entfernt davon, eine Kultursynthese zu begünstigen. Bereits die frühesten spanischen und englischen Kolonialtheoretiker stilisierten die Eroberungen zu einerHeiden-Missionierung im Rahmen eines göttlichen Heilsplans oder der „Zivilisierung“ der „Barbaren“. Auch der spätere US-amerikanische und japanische Kolonialismus bedienten sich solchersendungsideologischenRhetorik. AndereHochkulturen, wie z. B. auch diechinesische, waren ebenfalls von ihrer Höherwertigkeit überzeugt, gingen aber nicht dazu über, sie ihren Nachbarn aufzuzwingen.[82] Ob derZionismus als eine Form von Kolonialismus angesehen werden kann, ist eine höchst umstrittene und politisch aufgeladene Frage, die im Umfeld desNahostkonflikts immer wieder aufkommt.[83]
Nicht jedeFremdherrschaft wurde aber alsillegitim aufgefasst. So wurde dieosmanische Herrschaft überÄgypten zwischen 1517 und 1798 durchaus von großen Teilen der einheimischen, arabischsprechenden Bevölkerung anerkannt. Die Fremdheit der Sprache war weniger entscheidend als der gemeinsame Glaube und die damit einhergehende Verbindlichkeit islamischer Regeln der gerechten Regierung.[84] Derkoptischen Bevölkerung war es einerlei, welche nichtchristliche Macht über sie herrschte – für die Kopten waren die ursprünglichenMamluken-Herrscher genauso illegitim wie die Osmanen.
Seit dem 19. Jahrhundert wurde vor allem in Preußen eine Diskussion um die Notwendigkeit vonGrenzkolonisation gegenüber den benachbarten Slawen geführt, in der dann über Österreich auch der Südosten bis ans Schwarze Meer in ein „großdeutsches“ Blickfeld geriet (siehe dazuDeutscher Grenzkolonialismus). Forcierter Kolonialismus undImperialismus gingen zeitweise Hand in Hand, ganz deutlich etwa imWettlauf um die Aufteilung Afrikas. In diesem Zusammenhang wurde Kolonialpolitik zum beigeordneten Faktor vonWeltpolitik, wurden Kolonien zu Verhandlungsobjekten im Machtspiel der rivalisierenden Großmächte. Darüber hinaus hatten imperiale Mächte (wie z. B. das britischeEmpire des 19. und 20. Jahrhunderts) einen wirtschaftlichen und politischen Einfluss, der zum Teil weit über die eigenenKolonien hinausreichte. Zu den weitreichenden globalen Konsequenzen des Kolonialismus gehörte nicht zuletzt die Verbreitung des europäischen Staatskonzepts, teils verbunden mit absurden Begleiterscheinungen. So ließ man in französischen Kolonien Afrikaner Wendungen nachsprechen wie: „Meine Vorfahren, die Gallier…“[85]
Eduard Bernstein 1895
DieArbeiterparteien in den industrialisierten Staaten des Westens standen dem Kolonialismus nahezu geschlossen skeptisch bis strikt ablehnend gegenüber. So ordnete der SozialdemokratRudolf Hilferding ihn als Folge des entwickeltenMonopolkapitalismus ein, der auf die Herstellung ausgedehnter Wirtschafts- und Ausbeutungsgebiete ausgerichtet sei. Mit dem dabei unvermeidlichen Zusammenstoß der kapitalistischen Interessen unter den rivalisierenden Staaten schlage die historische Stunde desProletariats und derArbeiterbewegung. AuchRosa Luxemburg setzte darauf, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus und der bestehenden Gesellschaftsordnung lediglich hinausgezögert werde, indem mit Hilfe überschüssigen Kapitals nicht-kapitalistische Gesellschaften ausgebeutet würden.[86] Davon abweichend vertratEduard Bernstein die Idee, Kolonialmächte sollten Demokratie und Fortschritt in unterentwickelte Länder exportieren. Zwar lehnte auch Bernstein in seinem 1899 erschienenen WerkDie Voraussetzungen des Sozialismus die kapitalistische Kolonialpolitik ab, vertrat aber die These, dass auch eine sozialistische Gesellschaft Kolonien haben dürfe, allerdings unter der Prämisse der Entwicklung der Kolonien durch die dann sozialistischen und demokratischen Kolonialstaaten. Ähnlich unterschiedKarl Kautsky zwischen abzulehnenden Ausbeutungskolonien und eher erstrebenswerten Kolonien im Sinne sozialistischer Arbeitsorganisation.[87] Innerhalb der britischenLabour Party vertratGeorge Bernard Shaw unter dem Eindruck derBurenkriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ansicht, es diene dem Schutz der schwarzen indigenen Bevölkerung vor den weißen Buren, wenn Großbritannien als demokratisch entwickelte Nation dieBurenrepubliken annektierte.[88]
Von Teilen der unterworfenen Bevölkerungsgruppen wurden die westlichenAkkulturationsangebote verschiedentlich angenommen. So entwickelte sich inBengalen innerhalb weniger Jahrzehnte eine Englisch sprechende Bildungsschicht. Kaufleute aus der Kolonialbevölkerung passten sich vielfach aus eigenem Interesse den international gültigen Geschäftsgepflogenheiten an, um auf neuen Märkten Fuß fassen zu können. Seit dem 19. Jahrhundert kam es zur „Selbst-Zivilisierung“ auf westlicher Grundlage durch nichteuropäische Reformeliten, die so auf Voraussetzungen für die Gleichberechtigung mit europäischen „Modellstaaten“ wie Großbritannien und Frankreich hinarbeiteten.[89]
Die armen breiten Massen dagegen sahen zwar von fern „den Schimmer der dynamischen kolonialwirtschaftlichen Enklaven mit ihren regelmäßigen Lohnzahlungen, Kinos und Autos für die Weißen, Fahrrädern für die Farbigen“, so Ansprenger. „Sie sahen das deutlich genug, um auf positiven sozialen Wandel auch für sich zu hoffen; aber diese Hoffnung verwirklichte sich nie.“[90]
Viele ehemalige Kolonien gehören heute zur sogenanntenDritten Welt: AlsEntwicklungsländer weisen sie einen deutlich geringerenLebensstandard als dieSchwellenländer und dieIndustriestaaten, von denen jedoch auch einige ehemalige Kolonien sind, beispielsweiseKanada,Australien oderSüdkorea. Andere Entwicklungsländer wieLiberia oderÄthiopien waren dagegen nie oder nur kurzzeitig Kolonien. Über den Zusammenhang zwischen Entwicklungsrückstand und kolonialer Vergangenheit herrscht in der Forschung kein Konsens. Verwiesen wird zum einen auf den Zustand wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihren ehemaligen Kolonisatoren, in dem sich viele ehemalige Kolonien auch nach ihrer Unabhängigkeit befanden. Zum anderen lassen sich auch Ursachen in der soziopolitischen Organisation dieser Gesellschaften vor ihrer Kolonialisierung belegen.[91] Aufgrund der Festlegung vonGrenzen auf demReißbrett durch die vormaligen Kolonialmächte kam es in Afrika und imNahen Osten immer wieder zu Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen, da diese Grenzziehungen ethnische und religiös-kulturelle Zusammenhänge zu wenig berücksichtigt hatten. DieDependenztheorie sieht in der fortgesetzten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien eine Hauptursache der in ihnen verbreiteten Armut.[92]
AndereEntwicklungstheorien sehen die Ursachen dagegen in ihrer zumeist ungünstigen geografischen Lage. Die amerikanischen PolitikwissenschaftlernDaron Acemoğlu undJames A. Robinson widerlegen am Beispiel der DoppelstadtNogales diesenGeodeterminismus: Derheute US-amerikanische Teil verfügt bei gleicher Kultur und gleicher geografischer Lage über deutlich mehr Wohlstand und demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten alsder mexikanische. Acemoğlu und Robinson nehmen vielmehr an, dass für eine positive Entwicklung die Ausbildung inklusiver, das heißt zum Nutzen möglichst breiter Bevölkerungsschichten konzipierter politischer und wirtschaftlicherInstitutionen ausschlaggebend ist. Dies könne durch Kolonialerfahrung verhindert werden: In derDemokratischen Republik Kongo etwa hätten die neuenEliten nach der Dekolonisierung die extraktiven, das heißt auf Ausbeutung der Bevölkerung ausgerichteten Institutionen der Kolonialherren übernommen und derenRenditen in die eigenen Taschen gelenkt, sodass sich an der Armut der Bevölkerung nichts änderte. Das BeispielBotswana zeige aber, dass kein zwingender Zusammenhang zwischen Entwicklung bzw. Demokratie und Kolonialvergangenheit bestehe.[93]
Aspekte der heutigen Kultur und Politik ehemaliger Kolonien und Kolonialländer, die mit der kolonialen Vergangenheit zusammenhängen, werden unter dem BegriffPostkolonialismus zusammengefasst. Eine wesentliche Erkenntnis der Postkolonialismusforschung ist es, dass die postkoloniale Situation nicht allein Kultur, Politik und Alltagsleben der ehemaligen Kolonien prägt, sondern dass sie ihren Niederschlag auch in den ehemaligen Kolonialländern findet – z. B. hinsichtlich der Zuwanderung aus ehemaligen Kolonien in Metropolen wieLondon,Paris oderBrüssel.
Neuere Bestrebungen, kolonialistische Machtstrukturen herzustellen, bezeichnet man alsNeokolonialismus. Erscheinungsformen davon zeigen sich gemäß Jürgen Osterhammel heutzutage eher nicht im Zusammenhang mit Europa, sondern vornehmlich innerhalb der Dritten Welt. Beispiele dafür seien Chinas „nahezu lupenreine Kolonialpolitik“ inTibet – einschließlich Siedlerinvasion und sendungsideologischer Rechtfertigung – und die Politik Marokkos in derWest-Sahara. Vor ihrer größten Herausforderung stehe die vergleichende Kolonialismus- undImperialismustheorie bei der historischen Deutung des vormaligenVielvölkerstaatesSowjetunion im Hinblick auf Konzepte von Kolonisation und Dekolonisation.[94]
AlsAntikolonialismus wird sowohl die Kritik am (Neo)Kolonialismus als auch der Widerstand gegen den (Neo)Kolonialismus bezeichnet.
Der Widerstand gegen den Kolonialismus als Befreiungsstreben von der Regierung der Imperialmächte über die eroberten, unterworfenen und ausgebeuteten Kolonien kann (mit Ausnahme der russischen Völker in Asien) als erfolgreich abgeschlossen gelten, denn die ehemals von der europäischen, später auch nordamerikanischen und japanischen Expansion betroffenen „Kolonien“ sind spätestens seit 1990 weitgehend „staatlich unabhängig“, im politischen Sinn also „dekolonialisiert“. Ebenso ist entschiedene Kritik an kolonialistischem Denken und Handeln, also z. B. an herablassenden kolonialen Einstellungen oder an rassistischen und imperialistischen Praktiken heutzutage allgemeiner Konsens. Insofern diese Kritik aber zumeist von Intellektuellen (Ethnologen, Anthropologen, Soziologen, Theologen, Historikern) der (ehemals) kolonialisierenden Länder vorgetragen wurde und wird, bleibt sie oft in ethnozentrischen, insbesondere eurozentrischen Wertvorstellungen gefangen.
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↑„Der Kolonialismus als Ausdrucksform europäischer Weltbeherrschung hat im dritten Quartal des 20. Jahrhunderts seinen historischen Zyklus abgeschlossen“, heißt es bei Osterhammel. (Jürgen Osterhammel 1995, S. 124)
↑Jürgen Osterhammel:Vom Umgang mit dem „Anderen“. Zivilisierungsmissionen – in Europa und darüber hinaus. In: Boris Barth et al.:Das Zeitalter des Kolonialismus. Stuttgart 2007, S. 46.
↑Hier sieht Osterhammel für die 1967 von Israel besetzten Gebiete mitpalästinensischer Bevölkerungsmehrheit Merkmale von Kolonialismus, nicht aber „vollentfaltete Systeme“ kolonialer Herrschaft. (Osterhammel 1995: S. 123)
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↑Christian Koller:Der Wettlauf um Afrika. Wirtschaftliche und politische Motive bei der Aufteilung des Kontinents. In: Boris Barth et al.:Das Zeitalter des Kolonialismus. Stuttgart 2007, S. 70.
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