DieKlosterkirche St. Annen war die Kirche desKamenzerFranziskanerkonvents. Nach der Aufhebung des Klosters wurde sie für denevangelischen Gottesdienst dersorbischen Einwohner genutzt. Seit August 2011 dient der Raum sowohl kirchlichen Zwecken, Konzerten und Veranstaltungen als auch unter dem NamenKlosterkirche und Sakralmuseum St. Annen der Präsentation sakraler Kunstwerke aus den Kamenzer Kirchen.[1] Ein zurückhaltender, neuer Anbau wird von der Tourist-Info genutzt. Die diesbezügliche „vorbildliche Zusammenarbeit von Kirchengemeinde und Kommune“, die „markante Verbindung von alter und neuer Architektursprache“ sowie die „reiche, zugleich nobel zurückhaltende Präsentation mehrerer Flügelaltäre und kostbarer Ausstattungsstücke“ wurden 2014 mit dem 1. Preis derStiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland gewürdigt.[2]
Mit den spätgotischen Flügelaltären der Annenkirche sowie vonSt. Marien undSt. Just bildet Kamenz zusammen mit dem nahenKloster St. Marienstern eine Doppelstation der „Via Sacra“.[3]


Nachdem der Kamenzer Rat seinen lang anhaltenden Widerstand gegen die Absicht desböhmischenKönigs Vladislav II. aufgab, hier Franziskaner von der strengenObservanz anzusiedeln, wurde am 20. Mai 1493 der Grundstein für den Bau des Klosters durch denOberlausitzer LandvogtSigismund von Wartenberg gelegt. Damit war der Kamenzer Konvent die letzte Franziskanergründung in denLändern der böhmischen Krone. Auf Betreiben des Landvogts wurde auch einAblass eingerichtet, der für die Besucher 1.200 Tage „Gültigkeit“ hatte. Die ersten Franziskaner kamen aus dem südböhmischen KlosterBechin.
Der Rat hatte den Ordensbrüdern lediglich einen Bauplatz außerhalb derStadtmauern am Nordrand der Stadt zugewiesen, sodass das Kloster selber für die Verteidigung, die Befestigung und die Eingliederung seiner Gebäude in den Mauerring sorgen musste. Dies hatte kuriose Folgen: Nachdem derKonvent einen äußeren, die Klostergebäude umschließenden Mauerring errichtet hatte, gelang es ihm 1518, ein Haus an der inneren Mauer zu erwerben, an dessen Stelle dasKlostertor errichtet wurde – das Kloster erhielt endlich einen geschützten Zugang zur Stadt. 1521 waren die rechtlichen Verhältnisse an den Stadtmauern mit dem Rat endgültig geklärt.
1512 erhielt der KonventReliquien derHeiligen Anna ausPrag, derenPatrozinium die Kirche unterstellt wurde. 1518 vermehrteKönig Ludwig II. die Privilegien des Klosters.
Die Bauphasen und die Urheberschaft sind urkundlich schwer zu fassen. Ein Achsversatz sowie ein Knick zwischenChor undLanghaus lassen vermuten, dass diese nicht gleichzeitig ausgeführt wurden. Die Jahreszahl 1512 amTriumphbogen deutet auf die Vollendung des Langhauses in jenem Jahr hin. Als Baumeister nenntCornelius Gurlitt nach Analyse von Steinmetzzeichen einen Wolf(f) Rüdinger, der auch an vielen anderen Orten derOberlausitz und später inSchneeberg wirkte;Georg Dehio dagegen nennt einen Wolff Hrabisch.
Zu der ursprünglich ablehnenden Haltung des Rates kontrastierte die engen Verbundenheit derInnungen und vieler Bürgerfamilien mit dem Orden, was sich in der Stiftung zahlreicherAltäre ausdrückte. Der Erfolg der Franziskaner erscheint umso deutlicher, wenn man sich die kurze Zeit des Bestehens des Klosters vor Augen führt.
1527 hielt derPrädikant Johannes Ludwig die ersteprotestantische Predigt in Kamenz, 1536 ordnete der Rat endgültig die Einführung derReformation an. Das Franziskanerkloster blieb noch eine Weile die Bastion desKatholizismus in der Stadt. Dem Ordensgeistlichen Matthes Rudolph, der später als „kluger Mönch“ legendär wurde, gelang es, zunehmend Menschen wieder für die „alte Lehre“ zu gewinnen, worüber sich der Rat beschwerte.[4]
Nachdem der letzte Franziskaner das Kloster 1564 verlassen hatte, übergab der Administrator desBistums Meißen in der Ober- undNiederlausitzJohann Leisentrit – gegen den ausdrücklichen Willen des Bechiner Mutterklosters – Kirche und Konventsgebäude an die Stadt. Zu den mit der Übergabe an den Rat verknüpften Bedingungen gehörten das Abhalten der Messe nachwendischem Ritus in der Klosterkirche, die Einrichtung einer Schule in den Konventsgebäuden sowie der Schutz der Altäre, Heiligenbilder, Gewänder und Messkelche vorProfanierung.[5] In der Folgezeit wurde in den Klostergebäuden eineRatslateinschule eingerichtet, die später auchGotthold Ephraim Lessing besuchte. Die Kirche diente vereinbarungsgemäß dem sorbischsprachigen evangelischen Gottesdienst, der zuvor in derKatechismuskirche gefeiert worden war, und erhielt BezeichnungWendische Kirche.
1672 wurde eineEmpore eingebaut. Die Brände von 1707 und 1842, die große Teile der Stadt und die Konventsgebäude zerstörten, ließen zumindest die Innenausstattung der Kirche unversehrt. Nach 1842 wurde das Kircheninnere gänzlich neu gestaltet; zahlreiche Einrichtungsgegenstände wurden ausgelagert und kamen erst 1911 wieder in die Kirche. Im Verlauf dieser Arbeiten wurden auch die Fenster auf der Südseite ausgebrochen, wobei ein mittelalterlichesFreskengemälde zerstört wurde, sowie die Glockenbekrönung über dem Westgiebel errichtet, an deren Planung auchGottfried Semper beteiligt war. Außerdem erhielt die Kirche ein neues Gestühl, eine neue Kanzel, die Westempore sowie eine26-registrigeOrgel vonJohann Gottlob Mende, die 1994 restauriert wurde.
Nachdem 2003 bereits Teile der Erstbemalung des Chorgewölbes aufgedeckt werden konnten, wurde diese im Rahmen der Innensanierung der Kirche 2009 komplett freigelegt. Dabei wurden partiell Fehlstellen in den Malschichten ergänzt (sog. „Retusche“). 2010 wurde die im Zuge der Restaurierungsarbeiten am Triumphbogen aufgefundeneAnna-selbdritt-Darstellung von 1512 erneuert. Es handelt sich hierbei um eineSeccomalerei.

Bis Anfang des 21. Jahrhunderts diente die Klosterkirche vor allem alsKonzert- und Ausstellungsraum. Außerdem wurden hier Festgottesdienste sowieökumenische und Schulgottesdienste abgehalten.
Im Dezember 2009 schlossen die Kirchengemeinde und die Stadt Kamenz einen auf 50 Jahre angelegten Kooperationsvertrag über die Nutzung und Umgestaltung der Kirche, die im August 2011 abgeschlossen wurde. Das Gotteshaus wird seitdem einerseits weiterhin für Gottesdienste genutzt, andererseits beherbergt der Raum einMuseum (Sakralmuseum), in dem die zahlreichensakralen Kunstschätze aus den Kamenzer Kirchen angemessen präsentiert werden können. Die wertvolle und vielfältige Sammlung des Museums erzählt von Franziskanern, Stiftern, von Heiligenverehrung und der Reformationszeit. Insbesondere das im weiten Umkreis einzigartige Ensemble von fünf spätgotischen Schnitzaltären, das von einem gotischen Rippengewölbe überspannt wird, ermöglicht, Kunst des Mittelalters und der Renaissance zu entdecken. In den Vitrinen gibt es beispielsweise ein kostbares Reliquienaltärchen von 1400, das „Bornkindl“ aus der Zeit Martin Luthers oder das vonWolfgang Krodel, einemCranach-Schüler, gemalte BildpaarGesetz und Gnade von 1542.
Das Haus ist eine wichtige Station auf der „Via Sacra“, einer touristischen Route, die einzigartige Bauwerke und Kunstschätze in der Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen verbindet.
Regelmäßig widmet sich das Museum Sonderausstellungen zu kunst- und kulturhistorischen Themen sowie zu Positionen der Gegenwartskunst. Damit bietet es Künstlern einen in dieser Region in mehrfacher Hinsicht singulären Raum. Denn so, wie die mittelalterlichen Objekte durch zeitgenössische Bilder und Konzepte belebt werden, kann auch umgekehrt das religiöse Umfeld zeitgenössische Kunst bereichern.
In einem Funktionsanbau für Kirche und Kunstmuseum fand außerdem die Kamenzer Touristeninformation ihren Platz.

Die bemerkenswerte Lage des Klosters „vor den Mauern“ kommt heute, da die Konventsgebäude nicht mehr existieren und die äußere Stadtbefestigung abgerissen ist, nicht mehr zur Geltung. Derzeit präsentiert sich die Kirche freistehend als turmloseHallenkirche mit steilemSatteldach. Der Bau ist ausBruchsteinen errichtet und verputzt. An der Ost- und Westseite des Langhauses befinden sich mitBacksteinen verzierteGiebel.
Der Innenraum alsdreischiffigevierjochige Halle erscheint hell und weit. Sechs Achteckpfeiler ausSandstein stützen das regelmäßigeParallelrippengewölbe im Langhaus. Ein Triumphbogen teilt Langhaus vom dreijochigen Chorraum mit 3/8-Schluss, dessen Decke ebenfalls gewölbt ist.
Die Ausstattung ist für die Größe der Stadt und für eine evangelische Kirche außergewöhnlich. FünfspätgotischeFlügelaltäre sowie Figuren nicht mehr erhaltener Altäre dominieren den Raum. Ein weiterer Altar (Marienkrönungsaltar), der ursprünglich in der Klosterkirche stand, befindet sich heute als Hochaltar in derBegräbniskirche St. Just.[6]
| Name/Patrozinium | Entstehungsjahr | Beschreibung | Bild |
|---|---|---|---|
| Annenaltar (Hauptaltar) | um 1512/13 oder um 1520 | Predella mit Darstellung des Heiligen Abendmahls, seitlich die Wappen des Stifters – vonKönig Vladislav II. oder seines SohnesKönig Ludwig II.; im SchreinAnna selbdritt, darüber in Wolken schwebend Gottvater; in den FlügelnHeilige Sippe; auf den Flügelrückseiten in Anlehnung an druckgrafische Vorlagen (Dürer undSchongauer) Gemälde: Judaskuss, Kreuztragung, Jesus vor Pilatus, Kreuzigung. 1582 wollteElisabeth von Österreich, die sich nach ihrer Zeit als Königin vonFrankreich inWien der Armenfürsorge und Krankenpflege widmete, den von ihrer Großtante Maria gestifteten Altar über Administrator Leisentritt erwerben – vielleicht sollte er der Ausstattung des von ihr gegründeten WienerKlarissenklosters dienen. Der Kamenzer Rat lehnte den Verkauf ab. | |
| Marienaltar | um 1512/13 oder um 1520 | Predella (wohl eigentlich zum Sippenaltar gehörig [s. u.]) mit Darstellung von drei Kirchenvätern; im Schrein Maria mit Strahlenkranz, umschwebt von Engelspaar; linker Flügel oben Verkündigung, unten Geburt Christi, rechter Flügel oben Heimsuchung, unten Anbetung der Hl. Drei Könige; auf den Flügelrückseiten gemalte Darstellungen aus Marias Leben. | |
| Sippenaltar | um 1512/13 oder um 1520 | ohne Predella; im Mittelschrein Maria mit dem Christkind und Anna, darüber Joseph und die Männer Annas; in den Seitenflügeln Maria Kleophas und Maria Salome sowie weitere Angehörige der Hl. Sippe; auf den Rückseiten wird die Darstellung des geschnitzten Schreins in Tafelgemälden wiederholt. Zwei Tafeln, heute im Museum der bildenden Künste in Leipzig, bildeten möglicherweise ursprünglich die äußeren Flügel. Darauf sind auf den Innenseiten die Hl. Sippe und auf den AußenseitenJoachim undAnna dargestellt. Der vollständige Altar würde demnach in der ersten Wandlung die geschnitzte Festtagesseite in Malerei wiederholen, im geschlossenen Zustand die Begegnung an der Golden Pforte zeigen. | |
| Franziskusaltar | um 1515 | Predella mit Kreuztragung (nach Vorlagen vonMartin Schongauer); Mittelschrein mit Stigmatisierung des Hl. Franziskus; geschnitzte Flügelreliefs mit Stationen aus Franziskus’ Leben (Lossagung vom Vater und Entsagung aller irdischen Güter, Traum Papst Innozenz’ III., Predigt des Franziskus, Tod des Franziskus); in der ersten Wandlung Tafelgemälde mit den Wundern des Heiligen; auf den Rückseiten vier Gemälde mit jeweils drei Nothelfern. | |
| Heilandsaltar | bez. 1513 | Predella links Geburt Christi, rechts Anbetung der Hl. Drei Könige, dazwischen eine Architektur, möglicherweise ein Hostientabernakel; Mittelschrein Christus flankiert von Franziskus undBernhard von Siena; in den Flügeln Heilige und Märtyrer der Franziskaner; auf den Rückseiten Aposteldarstellungen (wiederum nach Vorlagen vonMartin Schongauer). |
Nach dem Stadtbrand von 1842, bei dem alle Klostergebäude vernichtet wurden, die Kirche das Dach verlor, im Innern aber fast unbeschädigt blieb, wurde das Gotteshaus innen neu ausgestaltet. Im Jahr 1848 fasste der Rat der Stadt den Beschluss, eine Orgel für die Kirche planen zu lassen, und ersuchte den Dresdner HoforganistenJohann Gottlob Schneider um ein Gutachten. 1849/1850 erfolgte der Einbau der Orgel von Johann Gottlob Mende, die sein letztes Werk wurde – Mende verstarb am 14. August 1850.
Als 1891 in der Kamenzer Hauptkirche St. Marien dieWalcker-Orgel in neugotischemProspekt eingebaut und die bis dahin vorhandene Schurig-Orgel „vernichtet“ wurde, übernahm man von dieser einRegister – die Äoline 8’ (Fugara 8’) – in die Mende-Orgel der Klosterkirche. Das kursächsische Wappen mit den beiden Löwen vom alten Orgelprospekt der Marienkirche fand seinen neuen Platz an der Orgelempore der Klosterkirche.
DasGeläut besteht aus einerBronzeglocke, welche imGlockengiebel an einem hölzernen Glockenjoch hängt.Im Folgenden eine Datenübersicht des Geläutes:[7]
| Nr. | Gussdatum | Gießer | Material | Durchmesser | Masse | Schlagton |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 1922 | Glockengießerei J. G. Weinholdt | Bronze | 760 mm | 250 kg | h′ |
Im August 2020 sorgten dieKrodel-GemäldeGesetz und Gnade für Aufsehen. Im Rahmen desSocial-Media-Marketings wurden Ablichtungen des Doppelbildes, welches die Kreuzigung Jesu thematisiert, beiFacebook gepostet und durch die Algorithmusprüfung als gewaltverherrlichend gesperrt. Diemanuelle Nachprüfung führte zum gleichen Ergebnis. Nach Beschwerde und erneuter Prüfung war das Bild auf Facebook wieder zu sehen.
51.27135714.094413Koordinaten:51° 16′ 16,9″ N,14° 5′ 39,9″ O