King Vidor wurde als Sohn eines wohlhabenden Holzhändlers geboren und überlebte als Kind denGalveston-Hurrikan von 1900.Schon früh vom neuen Medium des Kinos begeistert, begann er seine Karriere als freierKameramann und heiratete 1915 die aufstrebende FilmschauspielerinFlorence Arto. Beide gingen nachHollywood, wo seine Frau rasch zu einem bekannten Star aufstieg. King Vidor arbeitete in verschiedenen Positionen, ehe er als Regisseur beiUniversal unter Vertrag kam. Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm drehte er 1919 mit der Produktion vonThe Turn in the Road, für den er auch das Drehbuch schrieb. Kurze Zeit später gründete er sein eigenes StudioVidor Village und drehte eine Reihe von kostengünstig hergestellten Melodramen, oft mit seiner Frau in der Hauptrolle. Der Erfolg vonPeg o’ My Heart aus dem Jahre 1922 verschaffte ihm einen Vertrag mit den altenMetro Studios, die 1924 zurMGM verschmolzen.
1925 wurde er durch den KriegsfilmDie große Parade (The Big Parade) zu einem der berühmtesten Filmregisseure von Hollywood, der Film war nicht nur bei Kritikern ein Erfolg, sondern auch einer der kommerziell erfolgreichsten Filme der gesamten Stummfilmära. VidorsThe Big Parade thematisierte wie kaum ein Film zuvor die Schrecken des Ersten Weltkrieges. Ein Jahr später wurde Vidor ausersehen, bei dem Debüt vonLillian Gish bei MGM, der opulentenVerfilmung vonLa Bohème Regie zu führen, in dem wiederJohn Gilbert die männliche Hauptrolle hatte. MitEin Mensch der Masse (The Crowd), der nach langer Drehzeit 1928 in den Verleih kam, etablierte sich Vidor als einer der innovativen Filmschaffenden der Industrie. Der Film erzählt die traurige Geschichte eines Ehepaares, das bei seinem Versuch, den amerikanischen Traum zu realisieren, hinter ihren Erwartungen zurückbleibt und daran zu scheitern droht.
Kurze Zeit später drehte Vidor drei sehr erfolgreiche Komödien mitMarion Davies, darunterEs tut sich was in Hollywood (Show People), einen seiner größten kommerziellen Erfolge. Sein Prestige war mittlerweile so groß, dass StudiobossLouis B. Mayer ihm völlig freie Hand bei der Wahl seinesTonfilmdebüts gab. Vidor wählte mitHallelujah (1929) einen Stoff, der ausschließlich mit Afroamerikanern besetzt war und der zahlreiche innovative Möglichkeiten, die der Ton bei der Dramaturgie eröffnete, auslotete –Hallelujah gilt heute als erster Film eines großen Hollywood-Studios mit schwarzen Hauptfiguren. Der Film war ein kommerzieller Reinfall, so dass Vidor in der Folgezeit einige künstlerisch weniger anspruchsvolle, doch finanziell erfolgreiche Filme drehte. Darunter warDer Champ, derWallace Beery einenOscar als bester Hauptdarsteller einbrachte für seine Darstellung eines abgehalfterten Boxers, der seinem kleinen SohnJackie Cooper zuliebe ein Comeback startet und am Ende im Ring stirbt.
1934 drehte Vidor mitUnser tägliches Brot einen flammenden Appell für den sogenanntenNew Deal vonPräsident Roosevelt mit seiner Schilderung einer idealen Gemeinschaft, die auf alle Ansätze des Kapitalismus verzichtet, um ihre Werte aus dem Gemeinschaftseigentum zu schöpfen. In den späteren Jahren war der Regisseur hauptsächlich mit kommerziellen Stoffen beschäftigt und seine Werke aus dieser Zeit wieStella Dallas von 1937 oderH.M. Pulham, Esq. von 1941 waren intelligent in Szene gesetzte, handwerklich perfekt choreographierte Filme auf gehobenem Niveau, die anspruchsvolle Stoffe auch für breitere Gesellschaftsschichten akzeptabel auf die Leinwand brachten. 1939 drehte er als Nebenregisseur an dem FilmklassikerDer Zauberer von Oz einige der in Kansas spielenden Szenen, darunter auch die berühmte GesangseinlageOver the Rainbow vonJudy Garland.[1] 1944 konnte er sein HerzensprojektAn American Romance (1944) verwirklichen, das die Erfolgsgeschichte eines Einwanderers in die USA beschreibt, war allerdings mit der Betreuung des Films von MGM, die den Film eigenmächtig umschnitten, unzufrieden. Daraufhin verließ er das Studio nach zwei Jahrzehnten.
1946 führte er für den ProduzentenDavid O. Selznick an dem aufwendigen und starbesetzten WesternDuell in der Sonne (1946) die Regie. Die Dreharbeiten zogen sich über fast ein Jahr hin und es schlossen sich endlose Streitereien mit dem Zensor an. Der Film blieb in der Reaktion von Publikum und Kritikern hinter den sehr hohen Erwartungen zurück, hat aber bis heute seine Anhänger und wird auch in der Filmwissenschaft rezipiert. In den folgenden Jahren drehte Vidor für verschiedene Studios, allerdings versank seine Karriere nach allgemeiner Ansicht zusehends im Mittelmaß. Sein bekanntester Film aus dieser Zeit istEin Mann wie Sprengstoff (The Fountainhead) mitGary Cooper, basierend auf dem Roman der einflussreichen AutorinAyn Rand, die mit Vidors Film erstmals in Hollywood rezipiert wurde. Er drehte vermehrt Melodramen, wieDer Stachel des Bösen mitBette Davis oderWildes Blut mitJennifer Jones. 1956 gewann er mit der ernsthaften und intelligenten Adaption vonKrieg und Frieden (1956) den Respekt der Kritiker zurück. 1959 inszenierte Vidor mit der aufwendigen BibelverfilmungSalomon und die Königin von Saba seinen letzten Spielfilm, dessen Dreharbeiten durch den plötzlichen Tod des HauptdarstellersTyrone Power überschattet wurden.
Zu Beginn der 1960er zog sich Vidor weitgehend von der Leinwand zurück und begann an derUCLA Filmtheorie zu lehren. Bereits 1953 hatte er seine AutobiografieA Tree is a Tree veröffentlicht. 1964 gewann er einen Spezialpreis beimEdinburgh Film Festival. 1979 wurde ihm schließlich einEhrenoscar für sein Gesamtwerk verliehen, nachdem er selber fünf Mal für denOscar nominiert worden war. Im selben Jahr veröffentlichte er auch die DokumentationThe Metaphor, was seine letzte Regiearbeit wurde. Im hohen Alter schrieb er das DrehbuchThe Actor, inspiriert von dem LebenJames Murrays, des Hauptdarstellers vonThe Crowd, dessen Alkoholsucht seine vielversprechende Karriere ruinierte und zu einem frühen Tod führte.Robert De Niro undRyan O’Neal waren der Hauptrolle nicht abgeneigt, doch Vidor konnte den Film nicht mehr realisieren.[2][3] Zuletzt stand er 1981 für die KomödieLove & Money vonJames Toback an der Seite vonKlaus Kinski vor der Kamera und erhielt für seine Nebenrolle als Großvater viel Lob.[4]
Vidor war dreimal verheiratet und arbeitete mit allen drei Ehefrauen auch beruflich zusammen. MitFlorence Vidor drehte er während ihrer Ehe von 1915 bis 1924 zahlreiche Filme. Das gemeinsame Kind Suzanne (1918–2003) wurde später von Florences neuem EhemannJascha Heifetz adoptiert. Von 1926 bis 1931 war er mitEleanor Boardman verheiratet, die gemeinsamen Töchter sind Antonia (1927–2012) und Belinda (* 1930). Boardman spielte unter anderem die weibliche Hauptrolle inThe Crowd. Die späteren Sorgerechtsstreitigkeiten um die beiden Töchter sollten Vidor noch über gut zwei Jahrzehnte begleiten. 1932 heiratete erElizabeth Hill, die als Drehbuchautorin an einigen seiner Filme mitarbeitete und mit der er bis zu ihrem Tod 1978 zusammenblieb.
King Vidor und seine erste Ehefrau Florence hören eine Radioübertragung (Filmmagazin, 1922)
King Vidors Laufbahn als Regisseur erstreckte sich über insgesamt 67 Jahre von 1913 bis 1980, was ihm sogar einen Eintrag in dasGuinness-Buch der Rekorde als amerikanischer Regisseur mit der längsten Regiekarriere einbrachte. Vielen Kritikern fällt es schwer, einen klar erkennbaren Stil bei Vidor auszumachen: Er pendelte häufig zwischen eigenen Wunschprojekten und Routineproduktionen für die großen Hollywood-Studios. Wie viele Hollywood-Regisseure seiner Zeit inszenierte er Filme aus fast allen Genres; zudem war er ein experimentierfreudiger Regisseur, der ausgehend vom Stoff einen bestimmten Erzählstil suchte und nicht umgekehrt. „Die filmhistorische Beschäftigung mit ihm kennt kaum Kontinuität“, obwohl einige seiner Titel als Filmklassiker gelten dürfen, und fordere daher noch immer neue Lesarten und Entdeckungen heraus, schrieben Karin Herbst-Meßlinger,Rainer Rother und Connie Betz 2020.[5]
Typisch für Vidor sind die sensible Beschreibung von Seelenzuständen der Figuren sowie starke Stimmungsumschwünge innerhalb des Filmhandlung. So ist die erste Hälfte vonThe Big Parade eine heitere Komödie vor Kriegshintergrund, deren Stimmung dann in ein hartes Kriegsdrama umschlägt, wenn das Kampffeld erstmals betreten wird.[6]Martin Scorsese bezeichnete Vidor als „fortdauernde Inspiration“ und nennt dessen Filme „voll von beeindruckenden Kulissen und Visionen“. Sie würden zugleich Ideen und Werte seiner Generation wie einen leidenschaftlichen Zukunftsoptimismus ausdrücken, die auf heutige Zuschauer zunächst fremd wirken könnten.[7]
Richard Schickel beschreibt Vidor als Regisseur mit einem philosophischen Ansatz, der in seinen Filmen nach universellen Kräften suche, die moralisch oder geschichtlich das Leben der Menschen beeinflussen.[8] Insbesondere seine Filme wieThe Big Parade,The Crowd undOur Daily Bread, bei denen Vidor zugleich als Produzent und Drehbuchautor verantwortlich war, werden sehr geschätzt und stellen auch soziale und politische Themen in den Vordergrund. Er zeichnet darin immer wieder Bilder der amerikanischen Gesellschaft mit ihren unsichtbaren Klassenlinien und Denkweisen. Insbesondere in seinen späteren Filmen über mit der Gesellschaft in Konflikt geratende Frauen (wieStella Dallas,Duel in the Sun oderRuby) bedient er sich häufiger einemmelodramatischen Ton. Zugleich ist sein Werk an vielen Stellen dokumentarisch angehaucht – so zeigt er Arbeitsabläufe in Industrie und Landwirtschaft so intensiv wie kein anderer Hollywood-Regisseur seiner Zeit,[9] auch seine Idee, beiThe Crowd mit versteckter Kamera „auf der Straße“ zu drehen, war für Hollywood-Filme beispiellos und inspirierte mit diesem Realismus europäische Kunstfilme.[10]
DieInternationalen Filmfestspiele Berlin widmeten dieRetrospektive der70. Berlinale im Jahr 2020 King Vidor mit folgender Begründung: „Vidor nimmt einen zentralen Platz in der Geschichte des US-amerikanischen Kinos ein und hat als einer der wichtigsten Regisseure gegen Ende der Stummfilmära und während der nachfolgenden Blütezeit Hollywoods einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Ausloten des Potenzials der Filmsprache und die Auseinandersetzung mit den sozialen Fragen seiner Zeit begleiten sein gesamtes Œuvre. (…) Vidor entwickelte seine Kunst quer durch alle Genres, stets interessiert an filmtechnischen Innovationen und mit Hingabe an die Arbeit mit den bedeutendsten Schauspieler*innen seiner Zeit.“[11]
↑Hans Helmut Prinzler:King Vidors Blick auf die Realität; in: Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.):King Vidor. Bertz & Fischer, Berlin 2020, S. 57.
↑abPeter B. Flint:King Vidor, 88, Director of Films for more than 40 years, is dead. In:The New York Times. 2. November 1982,ISSN0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 2. Oktober 2021]).
↑Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.):King Vidor. Bertz & Fischer, Berlin 2020, S. 16.
↑Martin Scorsese:King Vidors Blick auf die Realität. Hrsg.: Karin Herbst-Meßlinger,Rainer Rother. Bertz & Fischer, Berlin 2020,S.226–233.
↑Patricia A. Junker, Audrey M. Lewis:Andrew Wyeth: In Retrospect. Yale University Press, 2017,ISBN 978-0-300-22395-8 (google.de [abgerufen am 2. März 2020]).
↑Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.):King Vidor. Bertz & Fischer, Berlin 2020, S. 14.
↑Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.):King Vidor. Bertz & Fischer, Berlin 2020, S. 78–80.