Der GottApollon gab ihr wegen ihrerSchönheit die Gabe derWeissagung. Als sie jedoch seine Verführungsversuche zurückwies,verfluchte er sie, auf dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenken werde. Daher gilt sie in der antiken Mythologie alstragische Heldin, die immer das Unheil voraussah, aber niemals Gehör fand. Derart ungehörte Warnungen werden alsKassandrarufe bezeichnet.
Versuche aus derAntike, den Namenetymologisch zu erklären, sind nicht überliefert.[1] Derbyzantinische GelehrteJohannes Tzetzes leitete den Namen im 12. Jahrhundert ausκάσιςkásis, deutsch‚Bruder‘, undἀνήρanḗr, deutsch‚Mann‘, ab[2] und schloss auf die Bedeutung „einen tapferen Mann zum Bruder habend“, eine Interpretation, die bis ins 18. Jahrhundert Bestand hatte und auch noch inZedlers Universallexikon angeführt wurde.[3] Spätere Autoren lehnten diese jedoch ab.[4] Von einer Reihe späterer Hypothesen konnte sich keine in der Forschung durchsetzen. FürHjalmar Frisk gilt die Etymologie daher weiterhin als ungeklärt.[5] Analog zu Paris’ alternativem NamenAlexander wird Kassandra auch in manchen TextenAlexandra genannt, so zum Beispiel inLykophrons dramatischem MonologAlexandra.
Der GottApollon verliebte sich in Kassandra und verlieh ihr – in Erwartung sexueller Hingabe – die Fähigkeit, die Zukunft vorauszusehen. Kassandra, deren SchönheitHomer mit jener derAphrodite verglich,[6] verweigerte sich dem Gott dennoch. Apollon aber konnte der Kassandra die Gabe nicht wieder entziehen, bestimmte jedoch, dass niemand ihrenWeissagungen Glauben schenken werde.[7] So versuchte sie den trojanischen PrinzenParis von seinem Vorhaben, die schöne griechische KönigsgattinHelena in seine HeimatstadtTroja zu entführen und den Griechen damit einen Kriegsgrund zu liefern, abzubringen.[8] Schon während desTrojanischen Krieges warnte sie die Trojaner, ebenso wie der PriesterLaokoon, vor der Hinterlist der Griechen. Diese hatten die Belagerung Trojas scheinbar beendet und den Abzug ihrer Truppen nur vorgetäuscht. Als„Geschenk“ hinterließen die Griechen einriesiges hölzernes Pferd vor der Stadt. Da niemand Kassandra Glauben schenkte, zogen die Trojaner trotz der Warnung der Seherin das Pferd in die Stadt. Die darin versteckten Soldaten öffneten nachts die Stadttore und besiegelten so den Untergang Trojas.[9]
Nach der EroberungTrojas wurde Kassandra vonAjax dem Lokrer im Tempel derAthenevergewaltigt, in den sie sich geflüchtet hatte.[10]Agamemnon beanspruchte Kassandra als Sklavin[11] und nahm sie mit nachMykene.[12] Er wurde aber nach seiner Ankunft in Mykene von seiner FrauKlytaimnestra und deren GeliebtemAigisthos im Bad ermordet. Kassandra, die dieses Schicksal gewusst und vorhergesagt hatte, wurde ebenfalls getötet, je nach Version von Klytaimnestra oder Aigisthos. Gemäß einerVotivtafel, die sich imArchäologischen Nationalmuseum in Athen befindet, wurde Kassandra auf der InselZakynthos kultisch verehrt; ein Herrschergeschlecht leitet sich von ihr ab.[13]
In der Nähe vonMykene gibt es ein Grabmal, das Kassandra zugeschrieben wurde. Ursprünglich war es jedoch wahrscheinlich einer lokalen Gottheit geweiht. KassandrasInsigne auf antiken Bilddarstellungen ist dieDoppelaxt des phrygischen Apollon.[14] Als Seherin und einstige Geliebte des Gottes der Weissagung ist sie auch eine Priesterin des Apollon.
Bei Homer findet man Kassandra als die schönste Tochter[15] desPriamos und derHekabe; sie ist dort jedoch noch nicht als Seherin beschrieben.[16] Diese traditionelle Darstellung der Kassandra als warnende Stimme vor dem Untergang scheint sich erst später zu entwickeln. BeiPindar[17] und anderen griechischen Autoren (wie Aischylos in seiner TragödieAgamemnon und Euripides inDie Troerinnen) wird die Gabe derProphetie der Kassandra fast als bekannt vorausgesetzt. Als einziges antikes Werk stellt Lykophrons DichtungAlexandra aus der Zeit um 190 v. Chr. die Figur der Kassandra in den Mittelpunkt. Unter dem NamenAlexandra wurde Kassandra von den Einwohnern inAmyklai[18] undLeuktra[19] als Göttin verehrt.
Nachdem in Aischylos’ Agamemnon-Tragödie Agamemnon in den Palast eingetreten ist und seinem Tod entgegengeht, bringt der Chor unheilvolle Ahnungen zum Ausdruck. Darauf folgt die große Szene der Kassandra.[20] In einem ersten Teil schildert sie die grauenvollen Geschehnisse der Familie in diesem Palast und sieht dann Einzelheiten der Ermordung Agamemnons durch seine Gattin Klytaimnestra voraus, im zweiten Teil steigern sich Wut und Entsetzen bei der Vision der darauf folgenden Ereignisse, nämlich ihres unmittelbar bevorstehenden eigenen Endes. Damit ruft sie beim Publikum die Tragödienaffekteἔλεοςéleos undφόβοςphóbos hervor, die mit Mitleid und Furcht bzw. Jammer und Schauder übersetzt werden und die, der Tragödientheorie in derPoetik desAristoteles gemäß, das Publikum erschüttern und kathartisch von diesen Affekten befreien sollen.
Während Kassandras Vision von Agamemnons Ermordung sich bei Aischylos auf eine, wenn auch unmittelbar bevorstehende, Zukunft bezieht, gestaltetSeneca in seinerAgamemnon-Tragödie[21] dies anders. Hier trägt die Seherin keine Prophezeiung vor, sondern steht vor dem Palast und schildert in ihrer Vision, wie es sonst in einerTeichoskopie geschieht, was sich in diesem Augenblick im Innern des Gebäudes abspielt: die Ermordung Agamemnons, des Mörders ihrer Familie. Sie gibt ausdrücklich an: „So deutlich zeigte sich der prophetischen Schau noch nie das Verbrechen: Ich sehe es, bin mittendrin und habe meine Freude dran.“[22]
In derAeneis des römischen DichtersVergil wird Kassandra ebenfalls als Seherin bezeichnet, die niemals Glauben findet.[23] So erinnert sichAnchises an eine ihrer Weissagungen, in der sie den Flüchtlingen aus Troja Zukunft und Reich inHesperien verheißen und die niemand geglaubt hatte.[24]Ovid schildert Kassandras Schicksal im Kontext mit Trojas Untergang.[25] Die Vergewaltigung im Tempel derAthene (Minerva) durch Ajax ruft den Zorn der Göttin auf die griechischen Heerführer hervor.
Romanbearbeitungen des Themas lieferten die ErzählungenDie Seherin vonErika Mitterer (1942) und der MonologKassandra (1983) vonChrista Wolf. AuchMarion Zimmer Bradley stellt in ihrem BuchDie Feuer von Troja (1987) Kassandra in den Mittelpunkt und erzählt die Geschichte des Untergangs der Stadt mit zahlreichen kreativen und feministischen Ausschmückungen aus der Sicht der Prinzessin und Priesterin. Die Autorinnen und klassischen PhilologinnenNatalie Haynes und Gwen E. Kirby beschäftigen sich ebenfalls in ihren Romanen mit der Figur der Kassandra. In Haynes’ Neuschreibung des Trojanischen Kriegs aus weiblicher PerspektiveA Thousand Ships (2019) wird Kassandra, wie schon bei Aischylos, von ihrem Umfeld, auch von ihrer Mutter, als verrückt pathologisiert, da ihre Weissagungen wirr erscheinen und niemand ihr Glauben schenkt. In der KompositionKassandra vonHans Chemin-Petit (Drama in 2 Bildern nach Aischylos) steht die Figur der Seherin Kassandra, deren Prophezeiungen niemand glaubt, im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. (Konzertante Uraufführung: 22. Mai 1982, Philharmonie Berlin, Mitschnitt der UA durch den SFB.[28]).
Jean Giraudoux:Der Trojanische Krieg findet nicht statt. Stück in 2 Akten. Insel, Leipzig 1984 (Originaltitel:La guerre de Troie n’aura pas lieu; Alternativübersetzung:Kein Krieg in Troja).
In der Bildenden Kunst finden sich Darstellungen der Kassandra beispielsweise beiPeter Paul Rubens (1616/17), der ihre Vergewaltigung durch Ajax abbildet.
InDisneys Hercules, einer Fernsehserie nach dem gleichnamigen Film, wird Kassandra als zynischer Teenager mit einem aufdringlichen, aber liebenswürdigen Verehrer in der Gestalt ihres MitschülersIkaros dargestellt.
Die schwedische PopgruppeABBA griff Kassandra in ihrem 1982 geschriebenen LiedCassandra auf, worin der Tag nach der Niederlage Trojas beschrieben wird. In dieser Version kann Kassandra den Eroberern Trojas auf einem Schiff entkommen.
ImEuropa-Park inRust steht dasMad HouseFluch der Kassandra, das sich mit der mythologischen Figur Kassandra beschäftigt.
InCassandra aus ihrem AlbumThe Tortured Poets Department erforschtTaylor Swift den Mythos der Kassandra, indem sie eine Erzählerin schildert, die wie Kassandra ignoriert und der nicht geglaubt wird, obwohl sie vor einer drohenden Gefahr gewarnt hat, und die schließlich wegen ihrer Weitsicht isoliert und in eine Tragödie gestürzt wird.
Lorenzo Calafiore, Lucia Pallaracci, Giulia Vitali (Hrsg.):Cassandra: immaginari letterari e figurativi. (Quaderni di Otium, 5). Giorgio Bretschneider Editore, Rom 2023. – Rezension von Manos Tsakiris,Bryn Mawr Classical Review2024.02.27
Thomas Epple:Der Aufstieg der Untergangsseherin Kassandra. Zum Wandel ihrer Interpretation vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993,ISBN 3-88479-760-3.
Sabina Mazzoldi:Cassandra’s Prophecy between Ecstasy and Rational Mediation. In:Kernos 15, 2002, (online)
Sabina Mazzoldi:Cassandra, la vergine e l’indovina: identità di un personaggio da Omero all’ellenismo. Istituti editoriali e poligrafici internazionali, Pisa 2001.
Solvejg Müller:Kein Brautfest zwischen Menschen und Göttern. Kassandra-Mythologie im Lichte von Sexualität und Wahrheit. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1994,ISBN 3-412-05994-3.
Dagmar Neblung:Die Gestalt der Kassandra in der antiken Literatur. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1997,ISBN 3-519-07646-2. – Rezension von Sabina Mazzoldi,Mitografia di Cassandra: un recente contributo. In:Kernos 13, 2000, (online)
Emily Pillinger:Cassandra and the Poetics of Prophecy in Greek and Latin Literature. Cambridge University Press, Cambridge 2019.
↑Karl Ledergerber:Kassandra. Das Bild der Prophetin in der antiken und insbesondere in der ältern abendländischen Dichtung. Freiburg i. Üe. 1941, S. 7.
↑Franz Fühmann:Das hölzerne Pferd. Die Sage vom Untergang Trojas und von den Irrfahrten des Odysseus.Verlag Neues Leben, Berlin 1968 (nachHomer und anderen Quellen neu erzählt von Franz Fühmann).
↑Aischylos,Agamemnon 1072–1330. In dem Kommentar vonJohn Dewar Denniston undDenys Page (Aischylus, Agamemnon. Oxford, mehrmals seit 1957. S. 164–192) ist nachgewiesen, dass es sich nicht um eine Art Wahnsinnsarie handelt, sondern dass Kassandra, zwar erschüttert von ihren Visionen, aber überlegt, für den Chor verständlich und argumentierend spricht.