Korinthisches Kapitell desOlympieion in Athen (um 170 v. Chr.)
EinKapitell [kapiˈtɛl] (auf der letzten Silbe zu betonen, von lat.capitellum „Köpfchen“ zucaput „Kopf“), früher auch(Säulen-)Knauf,[1] ist der obere Abschluss einerSäule, einerAnte, einesPfeilers oder einesPilasters.
Das Kapitell ist plastisch meist deutlich ausgeformt. Es ist ein wichtiges ornamentales Element und oft floral, mitVoluten oder figurativ ausgeführt. Die Überleitung vom Rund der Säule zur quadratischen Deckplatte ist das formale Grundthema des Säulenkapitells. Im Laufe der Geschichte haben sich vielfältige Arten von Kapitellen ausgebildet.
In dergriechischen Architektur werden die Kapitelle in drei Haupttypen unterteilt, die in derSäulenordnung festgelegt sind: dasdorische, dasionische und daskorinthische Kapitell. Erst in der römischen Zeit kamen das toskanische und das komposite Kapitell hinzu. In der Renaissance wurden diese fünf Formen kodifiziert, erstmals beiSebastiano Serlio. Das dorische Kapitell hat – wie seine Ordnung – eine griechische und eine römische Ausprägung.
Alle klassischen Kapitelle bestehen aus demAbakus, der oberen Deckplatte, und demEchinus, der je nach Kapitellart, unterschiedlich gestaltet ist.
Das Hathorkapitell bekrönt die trommelförmigeHathorsäule, ist würfelförmig und zeigt an zwei gegenüberliegenden oder allen vier Seiten das Gesicht der GöttinHathor unter einem blockförmigen Aufsatz (Sistrum).
In der persisch beeinflussten indischen Kunst gibt es – mit Ausnahme der einzeln stehenden Edikt-Säulen des KaisersAshoka – kaum echte Säulen; die meisten freitragenden Stützelemente sind eher alsPfeiler zu bezeichnen, bei anderen finden sich säulenähnliche Einschübe. Entsprechend finden sich hier – abgesehen von einigen wenigen Lotoskapitellen – überwiegendkämpferähnliche Abschlüsse.
Die mittelamerikanische Architektur kennt zwar in Ansätzen monolithische oder gemauerte bzw. ausTrommeln zusammengesetzte Rundstützen, diese haben jedoch weder ausgeformteBasen noch Kapitelle.
Äolisches Kapitell: Das Äolische Kapitell ist nach der griechischen KüstenlandschaftÄolien benannt, in der das äolische Kapitell hauptsächlich vorkommt. Es handelt sich dabei um die Urform desionischen Kapitells. Das Kapitell besteht aus einem Kranz herabhängender Blätter mit einem Blattknauf. Darauf liegen zwei nach oben ausgerichtete Voluten. Zwischen den Voluten wächst eine Palmette heraus.
Antikes Kapitell: Das ist der Sammelbegriff für alle Kapitelle der Griechen und Römer. Dazu gehören das äolische Kapitell, das Antenkapitell, das dorische Kapitell, das ionische Kapitell, das korinthische Kapitell und das Kompositkapitell
Blattkapitell[4]: Ein mit stilisierten oder auch naturgetreuen Blättern versehenes Kapitell wird Blattkapitell genannt. An antiken Kapitellen finden dabei beispielsweise Akanthusblätter Verwendung (siehekorinthisches Kapitell). Dieses Kapitell wurde in stilistischen Abwandlungen von der romanischen Baukunst übernommen. Heimische Blattformen wie Ahornblätter, Eichenblätter, Efeublätter und Weinblätter wurden zuerst naturgetreu später immer stärker stilisiert in der Gotik verwendet. Auch eine Mischform mit Blüten findet sich bei den Mittelalterlichen Kapitellen. In der Renaissance, im Barock und im Klassizismus wurde wieder die klassische Form des korinthischen Kapitells mit Akanthusblättern verwendet.
Blütenkapitell: Typische Blütenkapitelle sind das ägyptischeLotuskapitell,Lilienkapitell undPapyruskapitell. Im Mittelalter kommen Blüten auch in Kapitellen vor, jedoch immer vermischt mit Blättern. Diese Mischform wird Blattkapitell genannt.
Doldenkapitell: Ein Blütenkapitell, bei dem die Blütenblätter geöffnet sind, wird Doldenkapitell genannt. Diese Kapitelle sind weit ausladend.
Doppelwürfelkapitell: Beim Doppelwürfelkapitell liegen je zwei Halbkreisbögen an jeder der Seitenflächen nebeneinander.
Dorisches Kapitell: Der Aufbau eines Dorischen Kapitells ist vom Säulenschaft beginnend eine Kerbe, der Säulenhals (Hypotrachelion), die Riemchen oder Ringe (Anuli), das eigentliche Kapitell, welches mit einem Wulst bzw. Polster (Echinus) auf der Säule aufliegt, und als Abschluss die quadratische Deckplatte (Abakus). Siehe auch:Dorische Ordnung.
Figurenkapitell, Figürliches Kapitell: Bei dieser auch „Bilderkapitell“ genannten Kapitellform sind Menschen, Tiere und auch Fabelwesen (Chimären) abgebildet. Diese Figuren sind teilweise auch zu ganzen Szenen vereint, oft ist eine ganze Legende auf den Kapitellen einer Bogenreihe dargestellt oder eineBlattmaske gewählt. Diese in seltenen Fällen schon in der Spätantike vorkommende Kapitellform ist vor allem in der romanischen Baukunst in Frankreich seit ca. 1100 zu finden. In späterer Zeit (Gotik,Renaissance,Barock etc.) bleiben die Kapitelle wieder ohne figürlichen Schmuck.
Kelchblockkapitell: der untere Teil des Kapitells in Kelchform (d. h. nach oben konisch sich verbreiternd), der obere Teil als quadratischer Block ausgebildetromanisches Kapitell
Kelchkapitell nach oben konisch sich verbreiterndes Kapitell, in der Regel durchgehend rund, die Überleitung ins Quadrat erfolgt erst mit der Deckplatte.
Knollenkapitell
Knospenkapitell: Kapitell mit Blattknospen, typische Form der Frühgotik, meist in schlanker Kelchform; (frz. chapiteau à crochets).
Kompositkapitell: Aus verschiedenen, ursprünglich nicht zusammengehörenden Teilen bestehendes Kapitell. Ein Kapitell, das aus zwei Teilen besteht. Z. B.: Ein korinthisches Kapitell, auf das ein ionischer Abschluss aufgesetzt wurde. Es kam erst bei den Römern auf, hilft daher bei der Unterscheidung griechischer und römischer Säulen.
Korbkapitell Kapitell mit geflochtenen Bändern, byzantinisch
Vorstufe: Als Vorstufen des korinthischen Kapitells werden entweder Doppelvoluten-Kapitelle oder ionische Halsmantelkapitelle angesehen. Die Verbreitung der ältesten korinthischen Kapitelle auf der Peloponnes legen einen Bezug zu den gleichfalls peloponnesischen Doppelvoluten-Kapitellen nahe.
... klassische Form: Den Kapitellkörper,Kalathos genannt, umgeben zwei versetzt angeordnete, unterschiedlich hohe Kränze aus je acht stilisiertenAkanthusblättern. Aus den Eckblättern entwickeln sich sog. Caules, die jeweils zwei unterschiedlich stark gebildete Pflanzenstängel entlassen. Der kräftigere,Volute genannte Stängel wächst der Abakusecke entgegen, während der kleinere, Helix genannte Stängel sich zur Mitte der jeweiligen Ansichtfläche des Kapitellkörpers wendet. Die Voluten stützen gleichsam denAbakus, dessen Seitenflächenkonkav geschwungen sind. Eine Rosette oder Abakusblume ziert die Mitte jeder der vier Abakusseiten.
Palmkapitell: zum einen ein Typus eines ägyptischen Kapitels[6], zum anderen eine alternative Bezeichnung für das romanischeHohlblatt- oderPfeifenkapitell[7]
Palmetten-Papyrus-Kapitell: dieses Kapitell zeigt abwechselnd spitz zulaufendePalmwedel und kleine geschlossene Papyrusdolden, die farblich gegeneinander abgesetzt waren. Dieses Kapitell ist imTempel von Philae zu finden.
Persisches Kapitell: Typisch für das persische Kapitell, das auchachämenidisches Kapitell genannt wird, sind die Darstellungen von Tieren mit zwei Köpfen, meist Löwen oder Stiere, aber auchMischwesen aus Mensch und Tier. Die Bedeutung dieser doppelköpfigen Wesen konnte noch nicht endgültig geklärt werden.
Pilasterkapitell: das Kapitell einesPilasters, eines flachen Wandpfeilers mitBasis und Kapitell.
Pilzkapitell: einromanisches Kapitell, das nur in derOttonischen Zeit etwa von 950 bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts verwendet wurde. Über einem „auffallend breiten und wulstigen Halsring“[8] erhebt sich eine gedrungene Kehle, auf der eine etwas auskragende, als nach oben zulaufendesKugelsegment gestaltete Platte ruht, der charakteristische Pilzhut. Nach oben wird das Kapitell durch eine im Verhältnis zur Gesamthöhe ungewöhnlich hoheDeckplatte abgeschlossen, die gemeinsam mit dem Kapitell aus einem Block gearbeitet wurde. Bekannte Beispiele befinden sich in derKrypta vonSt. Wiperti inQuedlinburg.
Polsterkapitell: Romanisches Kapitell, aus dem Würfelkapitell entwickelt, wobei das Kapitell kissenartig verdickt ist. Besonders imWormser Dom und seiner Nachfolge verbreitet.
Schildkapitell:romanisches Kapitell Das Schildkapitell ist ein frühromanisches Würfelkapitell, bei dem die ebenen senkrechten Flächen mit leicht profilierten halbkreisförmigen Schilden versehen sind. Es findet sich hauptsächlich in der Lombardei, weshalb es auchlombardisches Kapitell genannt wird.
Stalaktitenkapitell kommt in der islamischen Baukunst vor.
Würfelkapitell: eine Form desromanisches Kapitells. Das Würfelkapitell gilt als charakteristische Form derromanischen Architektur in Deutschland, Oberitalien und England. Es ist nicht gesichert, dass es in seiner reinen stereometrischen Form in derottonischenMichaeliskirche Hildesheim erfunden wurde, doch ist dort im frühen 11. Jahrhundert sein erstes gesichertes Auftreten festzustellen.[9] Formal ist das Würfelkapitell eine Überleitung der runden Säule zum quadratischenKämpfer. Geometrisch handelt es sich um eineHalbkugel mit abgeschnittenem Segment als Säulenauflager, der einWürfel so eingeschrieben wird, dass die Schnittflächen mit der Halbkugel Halbkreise ergeben. In der praktischen Durchführung handelt es sich allerdings oft um einen Würfel mit unten abgerundeten Kanten und seitlich eingearbeiteten Halbkreisen.[10] Das einfache Würfelkapitell ist Ausgangspunkt reicherer Formen, z. B. für die sogenannteHirsauer Nase.
Zeltstangenkapitell:ägyptisches Kapitell. Das Zeltstangenkapitell ist ein äußerst selten zu findendes Kapitell der ägyptischen Baukunst. Die Glockenform des Kapitells ähnelt dem glockenförmigen Aufsatz auf den Zeltstangen, woher es seinen Namen hat. Zeltstangenkapitelle wurden nur in der 18. Dynastie in Karnak und Theben errichtet.
In derHeraldik ist das Kapitell eine seltene gemeineWappenfigur imWappen.Gezeigt wird der mit Kapitell bezeichnete Säulenkopf. Die im Wappen gezeigte Form ist in derWappenbeschreibung näher zu erklären: Zum Beispiel römisches oder griechisches Kapitell oder ähnlich. Alleheraldischen Tinkturen sind möglich. Als Teil der WappenfigurSäule kann das Kapitell mit einer Flamme oder einer Figur noch reichhaltiger geschmückt sein[11]
↑Werner Müller und Gunther Vogel:dtv-Atlas zur Baukunst. Band 1: Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz.Deutscher Taschenbuchverlag, München 1974.ISBN 3-423-03020-8, S. 104f.
↑D. v. W. (= Dethard von Winterfeld):Würfelkapitell. In:Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993, Band 2, Hrsg.Michael Brandt,Arne Eggebrecht. Bernward-Verlag Hildesheim und von Zabern Verlag, Mainz 1993,ISBN 3-87065-736-7, S. 536–537, hier S. 536.
↑D. v. W. (= Dethard von Winterfeld):Würfelkapitell. In:Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993, Band 2, Hrsg.Michael Brandt,Arne Eggebrecht. Bernward-Verlag Hildesheim und von Zabern Verlag, Mainz 1993,ISBN 3-87065-736-7, S. 536–537, hier S. 536 f.
↑Walter Leonhard:Das große Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Lizenzausgabe. Bechtermünz, Augsburg 2001,ISBN 3-8289-0768-7, S. 251, Abb. 264 Abb. 7.