Gagarin wurde am 9. März 1934 als Sohn einer russischen Bauernfamilie im DorfKluschino beiGschatsk geboren. Sein Vater Alexei Iwanowitsch Gagarin (1902–1973) war im dortigenKolchos Zimmermann, die Mutter Anna Timofejewna Gagarina, geb. Matwejewa (1903–1984), war Melkerin. Er hatte drei Geschwister: die Brüder Walentin (1924–2006) und Boris (1936–1977) sowie die Schwester Soja (1927–2004). Am 1. September 1941 wurde er in die Dorfschule von Kluschino eingeschult. Der Schulbesuch wurde durch denZweiten Weltkrieg und die Besetzung des Dorfes am 12. Oktober 1941 durch deutsche Soldaten unterbrochen. Walentin und Soja wurden im Februar 1943 zurZwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.[1] Sie kehrten nach dem Krieg zurück. Erst nach der Befreiung des Dorfes durch dieRote Armee am 9. April 1943 konnte der Schulunterricht fortgesetzt werden.[2]
Nach einem Umzug in die Stadt Gschatsk (heuteGagarin) im Sommer 1945 besuchte Gagarin für sechs Klassen die Mittelschule. Als 1946 eine Bewerbung Sojas um eine Stelle als Krankenschwester fehlschlug, nachdem sie wahrheitsgemäß in einem Fragebogen angegeben hatte, Okkupation und Gefangenschaft erlebt zu haben, fasste er dies späteren Berichten seiner Mutter zufolge als Warnung auf.[1] Er zog 1949 aus Gschatsk nachLjuberzy, einen Vorort Moskaus, wo ihn keiner kannte, und machte dort eine zweijährige Ausbildung an einer Handwerkerschule in Ljuberzy, die er 1951 mit der Facharbeiterprüfung alsGießer abschloss. Anschließend, nachdem er in seinem Antrag auf einen Studienplatz seinen Vater fälschlich als Kriegsinvaliden ausgegeben und zwei seiner Geschwister verschwiegen hatte,[1] studierte er am Industrietechnikum inSaratow und erhielt dort 1955 ein Diplom als Gießereitechniker.
Während seines Studiums wurde er Mitglied des Aeroklubs in Saratow und bestand seine erste Flugprüfung am 3. Juni 1955. Im Jahre 1957[2] trat er in dieLuftstreitkräfte ein und wurde in die Fliegerschule inOrenburg aufgenommen. Am 5. November 1957 wurde Gagarin zum Leutnant ernannt. Zwei Tage später schloss er die Ausbildung an der Flugschule ab; am selben Tag heiratete er die Ärztin Walentina Iwanowna Gorjatschowa, die er am 1. Mai des Jahres kennengelernt hatte. Von 1957 bis 1959 diente Gagarin bei einem Jagdfliegerregiment in denSeefliegerkräften derNordflotte. Er war in derOblast Murmansk amPolarkreis stationiert. Hier wurde Gagarin Mitglied derKPdSU. Am 10. April 1959 wurde seine TochterJelena, genannt Lena, geboren, am 12. März 1961, genau einen Monat vor seinem Raumflug, seine zweite Tochter Galina, genannt Galja.[3] Am 6. November 1959 wurde er zumOberleutnant befördert.
Nachbildung der Wostok-TrägerraketeGagarinsPojechali (Los geht's) beim Start von Wostok 1Denkmal am Landeplatz bei der Stadt EngelsLandekapsel von Wostok 1
1960 wurde Gagarin als potenzieller Kosmonaut ausgewählt. Am 3. März kam er auf Befehl des Oberkommandierenden der LuftstreitkräfteKonstantin Andrejewitsch Werschinin in dieGruppe der Kosmonautenkandidaten und erhielt vom 11. März 1960 bis Januar 1961 eine entsprechende Ausbildung. Es gibt unterschiedliche Angaben, weshalb von den ursprünglich 20 Kandidaten schlussendlich Juri Gagarin ausgewählt wurde[4]. Eine Version besagt, dass er unter anderem ausgewählt worden sei, weil er mit einer Körpergröße von 1,57 m[5] eher klein war[6]. Da die Kapsel imRaumschiffWostok 1 nur sehr beengte Platzverhältnisse bot, machte das Gagarin zu einem bevorzugten Kandidaten. Am 12. April 1961 absolvierte Juri Gagarin mit dem Raumschiff Wostok 1 seinenRaumflug und umrundete dabei nach offiziellen Angaben in 108 Minuten (eigentlich 106[7][8]) einmal die Erde. Er landete imWolga-Gebiet, in der Nähe der StädteSaratow undEngels. Auf dem Landeplatz steht heute ein Denkmal, und der Jahrestag seines Raumfluges wird dort heute noch jährlich mit einer kleinen Feier begangen.
Am 27. März 1968 verunglückte Gagarin im Alter von 34 Jahren bei einem Übungsflug mit einerMiG-15UTI tödlich. Gagarin war im Februar 1968 zum Ausbilder der Kosmonauten ernannt worden, doch bevor er diesen Posten antrat, wollte er noch seine Ausbildung zum Kampfpiloten zu Ende bringen, die wegen seines Kosmonautentrainings unterbrochen worden war. Die MiG-15UTI galt als das Kampfflugzeug mit der geringsten Absturzquote der UdSSR. Gagarins Flugausbilder und Copilot war sein Regimentskommandeur undHeld der Sowjetunion OberstWladimir Serjogin, ein routinierter MiG-15-Pilot mit rund 4000 Flugstunden und Kriegserfahrung, der beim Absturz ebenfalls ums Leben kam.
Die Umstände des Absturzes sind bis heute nicht genau geklärt. Die Regierung ließ damals lediglich „eine unglückliche Verkettung verhängnisvoller Umstände“ als Ursache verlautbaren; der Untersuchungsbericht wurde erst zum 50. Jubiläum des ersten bemannten Raumfluges veröffentlicht (fast 43 Jahre später).[9] Die damalige Erklärung hat weiterhin offiziell Bestand. Ungeachtet dessen gab es einige Spekulationen zur Absturzursache.
Im Zuge derPerestroika-Politik vonGorbatschow erhielt 1985 Gagarins KosmonautenkollegeAlexei Leonow, der ein Mitglied der Regierungskommission war, Einsicht in den Untersuchungsbericht zu Gagarins Absturz. Dabei stellte sich heraus, dass eine Reihe von Sicherheitsvorschriften verletzt worden waren, was schließlich zum Absturz führte. Neben Gagarins MiG-15 waren am Unfalltag vier weitereSuchoi-Abfangjäger in der Luft. Einer davon, den Leonow alsSuchoi Su-15 identifizierte, kam Gagarins Flugzeug bis auf wenige Meter nahe. Nach seiner Meinung verursachte die doppelt so schnelle und große Suchoi Turbulenzen, die die MiG zum Absturz brachten.
Leonow, der am Tag des Absturzes ein Fallschirmtraining mit Kosmonauten machte, hörte „zwei laute Knalle in der Ferne“ im Abstand von nur „anderthalb bis zwei Sekunden“. Er entdeckte zu seiner Überraschung im Abschlussbericht, dass seine Aussage auf 15 bis 20 Sekunden Abstand geändert worden war. Nach dem Beinahezusammenstoß zeigten Höhenmesser einer MiG-15 oft nur verzögert die wirkliche Höhe an. Auch war dasHöhenradar der Leitwarte an diesem Tag ausgefallen, daher gingen Gagarin und sein erfahrener Copilot von mehr Spielraum aus, als sie in Wirklichkeit hatten. Leonow glaubt, dass der erste Knall vom Jet beim Durchbrechen der Schallmauer war und der zweite von Gagarins Flugzeugabsturz. Berechnungen ergaben, dass er nur zwei Sekunden mehr zum Abfangen aus dem Sturzflug gebraucht hätte.[10][11] Andere Experten wie Stepan Mikojan, ebenfalls Mitglied der Regierungskommission, äußerten Zweifel daran, dass das Flugzeug Gagarins und Serjogins wegen eines anderen Flugzeuges ins Trudeln geraten sei. Mikojan schrieb in seinen Memoiren, Ausweichen und/oder Kollision mit einem Wetterballon sei die wahrscheinlichste Absturzursache.[12][13] Noch im März 2008 behauptete ein Mitglied der Untersuchungskommission, General Eduard Scherscher, grobe Fahrlässigkeit der Piloten sei ursächlich gewesen. Dies solle nicht zugegeben werden, um deren Heldenstatus nicht zu gefährden.[14]
Im April 2011, zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Raumfluges, gab Russland den vollständigen Kommissionsbericht vom 4. September 1968 über den Absturz frei: „Er war ein höchst unerfahrener Pilot.“[9][15] Die Dokumente zeigen, dass die Kommission ursprünglich zum Schluss kam, dass entweder Gagarin oder Serjogin scharf manövriert hatte, um wahrscheinlich einem Wetterballon auszuweichen, was die MiG in einen „super-kritischen Flugzustand brachte und unter schwierigen Wetterbedingungen zum Abwürgen führte.“ Laut Bericht könnte der Pilot auch scharf manövriert haben, um „einen Eintritt in die unterste Wolkendecke“ zu vermeiden. Darüber hinaus listet der Bericht diverse Faktoren und Verfehlungen auf, welche die Katastrophe zumindest begünstigt haben können. Neben dem allgemein schlechten technischen Zustand der Maschine, der fehlenden Flugerfahrung Gagarins und den schlechten Wetterbedingungen werden auch die Außenbordtanks der Maschine genannt. Da diese zu einer drastischen Verschlechterung der Flugeigenschaften führen, waren Kunstflugmanöver mit der Maschine in dieser Konfiguration streng untersagt. Im Unfallbericht wird es als erwiesen angesehen, dass die Besatzung dennoch unter anderem einen Looping, horizontale Rollen und das Abfangen aus einem Sturzflug zumindest plante. Ob ein solches Manöver tatsächlich zum Absturz führte, bleibt jedoch unklar. Klar ist, dass Gagarin nach nur zehn Minuten Flugzeit per Funk eine Rückkehr zum Flugplatz ankündigte, kurz bevor der Kontakt abriss. Zuvor hatte sein Ausbilder das Flugprogramm wetterbedingt von ursprünglich 20 auf nur 4 Minuten reduziert, welches Gagarin allem Anschein nach gelungen war.
Noch während des Raumfluges wurde Gagarin vom Oberleutnant direkt zumMajor befördert. Nach seiner erfolgreichen Landung bei Saratow wurde Gagarin weltweit bekannt. Insbesondere in den Ländern desOstblocks wurde er zu einemIdol. Dazu trugen zahlreiche in der Sowjetunion erschienene Gagarin-Biographien bei, darunter auch seine AutobiographieDer Weg in den Kosmos. Seit 1962 ist der 12. April in Erinnerung an Gagarins Raumflug in der Sowjetunion ein offizieller Gedenktag (Tag der Kosmonauten). Am 7. April 2011 erklärte dieGeneralversammlung der Vereinten Nationen den 12. April zumInternationalen Tag der bemannten Raumfahrt.[16]
Die erste Erdumkreisung war ein wichtigerPrestigeerfolg dersowjetischen Raumfahrt in der Zeit desKalten Kriegs. Das amerikanische ProgrammMan In Space Soonest war nicht erfolgreich. Nach demSputnik-Schock war dies bereits der zweite sowjetische Erfolg. DieUdSSR konnte dadurch technologische Überlegenheit demonstrieren. Gagarin erhielt denLeninorden, und ihm wurde am 14. April 1961 der TitelHeld der Sowjetunion verliehen. Er unternahm in der Zeit nach seiner Landung als Sympathieträger zahlreiche Promotionsreisen, während derer er sowohl für die Erforschung des Weltraums als auch für das politische System der Sowjetunion warb. Diese Reisen führten Gagarin unter anderem nach Österreich, England, Indien zuJawaharlal Nehru und nach Kuba, wo er mitFidel Castro zusammentraf.
Gagarin wurde auf mehrerensowjetischen Münzen und russischen Münzen verewigt. Für seine Verdienste um die Raumfahrt wurde er mit derZiolkowski-Medaille ausgezeichnet.
In Belgrad trägt ein Boulevard den Namen „Bulevar Jurija Gagarina“.
InEilenburg erhielt dieSternwarte den Namen „Juri Gagarin“, der noch heute geführt wird. Dort befindet sich zudem eine denkmalgeschützte Büste Gagarins.
Am 8. Mai 1961 wurde die Zschopauer Straße inKarl-Marx-Stadt in Juri-Gagarin-Straße umbenannt;[17] nach der Wende wurde sie rückbenannt. 1964 wurde eine Ringstraße in der InnenstadtErfurts zu Ehren Gagarins, der die Stadt 1963 besuchte, inJuri-Gagarin-Ring umbenannt. Zudem steht in Erfurt ein Gagarin-Denkmal, und die (2013 sanierte) Fassade eines Wohngebäudes zeigt ein Porträt Gagarins. Auch in anderen Städten der ehemaligen DDR gibt es bis heute nach dem Kosmonauten benannte Straßen, so beispielsweise inPirna,Radeberg,Neubrandenburg,Wismar,Fürstenwalde,Gera,Potsdam,Schwerin,Schkeuditz,Cottbus,Parchim,Halberstadt undAschersleben im sogenannten Kosmonautenviertel.
InHalle (Saale) wurde am 6. Oktober 1979 eine Stahlskulptur eingeweiht, die an Gagarins Raumflug erinnert. Das Monument steht an der Straße Vogelweide,[18] die zu DDR-Zeiten den Namen Gagarinallee trug.
Gagarin-Denkmal in Halle, Foto 17. November 2023
In Köthen wurde 1975 ein vonRobert Propf geschaffenes Denkmal für Gagarin errichtet.[19]
Im Juli 1980 wurde in Moskau zu Ehren Gagarins auf dem Gagarin-Platz am Lenin-Prospekt dasfuturistische Gagarin-Monument aufgestellt. Das 13 Meter hohe Denkmal des BildhauersPawel Bondarenko besteht ausTitan und steht auf einer 38 Meter hohen ebenfalls mit Titan verkleideten Säule.
Gagarins Name ist auf der Metallplatte desFallen Astronaut, dem bislang einzigen Kunstwerk auf dem Mond, aufgeführt.
Das zur Satelliten- und Raketensteuerung genutzte ForschungsschiffKosmonaut Juri Gagarin wurde nach ihm benannt.
DasEsbjörn Svensson Trio veröffentlichte im Jahr 1999 das AlbumFrom Gagarin’s Point of View.
Der französische MusikerJean Michel Jarre veröffentlichte im Jahre 2000 den TitelHey Gagarin.
Juri Gagarin war der Name einer deutschenElectro-Band welche von 2002 bis 2011 bestand.
Eine Hommage an den sowjetischen Kosmonauten und ersten Menschen im Weltraum, Juri Gagarin, ist die Swatch Gent YURI aus dem Jahr 1992. Auf der farbenfrohen Uhr ist im Comic-Stil die Mission zum Mars dargestellt, mit dem Raumfahrer Yuri in der Mitte des Zifferblattes und des Kunststoffarmbandes. In dem grün-transparenten Gehäuse ist ein ganggenaues Quarzwerk, die Uhr ist wasserdicht und hat neon-farbige Zeiger.
Unmittelbar vor seinem Raumflug musste sich Gagarin erleichtern und tat dies am Hinterreifen des Transportbusses. Diese „Pinkelpause“ wird seitdem auf dem Weg zur Startrampe aus Tradition von allen russischen Kosmonauten eingehalten.[20]
DerSpind von Gagarin im Sternenstädtchen wurde nach seinem Tod in seinem Zustand belassen, die ursprünglich furnierte Tür jedoch verglast. Darin zu sehen sind u. a. einTennisschläger aus Holz und Tennisschuhe.[21]
Die letzten Tage einer Legende. Juri Gagarin. (OT:Les derniers jours de Youri Gagarine.) Dokumentation, Frankreich, 2007, 52 Min., Buch: Arnaud Hamelin, Regie: Laurent Portes, Produktion: Sunset Presse,Inhaltsangabe vonPhoenix mitTrailer, 3 Min.
Gagarin, ich habe Dich geliebt (OT:Gagarin, ya vas lyubila (russ.:Гагарин, я вас любила)) Dokumentation, Ukraine, 1992, 53 Min., Buch: Valentina Rudenko, Regie: Valentina Rudenko,Inhaltsangabe vonZDF
First Orbit Dokumentation, UK, 2011, 99 Min., Kamera: Paolo Nespoli, Regie: Christopher Riley, Musik: Phillip SheppardFirst Orbit
Gagarin – Wettlauf ins All (OT:Gagarin: Pervyy v kosmose) Spielfilm, Russland, 2013, 114 Min., Buch: Andrei Dmitriyev, Oleg Kapanets, Regie: Pavel Parkhomenko, Produktion: Kremlin Films[22]
Gerhard Kowalski:„Heute 6:07 UT“ – Vor 50 Jahren: Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum. Projekte Verlag Cornelius, Halle 2011,ISBN 978-3-86237-507-3.
Ludmila Pawlowa-Marinsky:Juri Gagarin Das Leben. Neues Leben, Berlin 2011,ISBN 978-3-355-01784-8.
Walter Famler, Josef Schuetzenhofer:Im Zeichen des roten Sterns. Zur ikonografischen Kodierung des Kosmospiloten Juri Gagarin. (=Kulturmaschinen Prosaedition).Kulturmaschinen, Berlin 2011,ISBN 978-3-940274-35-9.
Matthias Schwartz, Kevin Anding, Holt Meyer (Hrsg.):Gagarin als Archivkörper und Erinnerungsfigur. Lang Edition, Frankfurt 2014,ISBN 978-3-631-63580-3.
Matthias Schwartz:Gagarin, 12. April 1961, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2019.
Stephen Walker:Ins All. Die faszinierende Geschichte vom ersten Flug in den Weltraum, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022,ISBN 978-3-455-01088-6.
↑Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.):Die Chronik. Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute. Chronik, Gütersloh/München 2006,ISBN 3-577-14641-9,S.582 (Leseprobe).
↑Gagarin's Locker. www.firstafricaninspace.com, abgerufen am 22. April 2020 (englisch).