AlsJuden undJüdinnen (hebräischיְהוּדִיםjehudim,יְהוּדִיּוֹתjehudi'ot) bezeichnet man Menschen, die zumJudentum gehören. Das Wort „Jude“ ist vom hebräischen PersonennamenJehuda, den GebietsnamenJehud undJudäa abgeleitet und bezeichnet die Zugehörigkeit zumjüdischen Volk, das sich meist als Abstammungs- und Glaubensgemeinschaft versteht. Dieses geht historisch auf dieIsraeliten zurück, deren Glaubenstraditionen imTanach, der hebräischenBibel, bewahrt sind. Religiöse wie nichtreligiöse Juden verstehen sich im Anschluss an die Bibel als Teil dieses Volkes, einer durch Abstammung und Geschichte verbundenen Schicksalsgemeinschaft.
DieHalacha (das jüdische Recht ausMischna undTalmud) definiert von einer jüdischen Mutter geborene oder zum Judentum übergetretene Menschen als Juden. Teile des Judentums betrachten zudem Kinder eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter als Juden und erleichtern ihnen den Übertritt.
Bezeichnungen
„Israel“
Die später als Juden bezeichneteethnisch-religiöse Gruppe erscheint historisch unter dem Namen „Israel“ (hebräischיִשְׂרָאֵלJisra'el), zuerst belegt auf der ägyptischenMerenptah-Stele (1208 v. Chr.). In der Bibel verleiht der GottJHWH diesen Namen dem StammvaterJakob (Gen 32,29 EU), der ihn an die von ihm abstammendenZwölf Stämme Israels vererbt. AbEx 1,9 EU heißen alle ihre beimAuszug aus Ägypten befreiten Nachkommen „das Volk der Kinder Israels“ oder „das Volk der Israeliten“.[1]
„Israel“ hieß diesesVolk und sein Gebiet biblisch auch als Königreich unterSaul,David undSalomo. Nach der biblisch überlieferten Teilung dieses Reichs behielt das größereNordreich Israel den Namen, außerbiblisch belegt unter anderem auf derMescha-Stele. Nach dessen Untergang (722/720 v. Chr.) bezeichnete vor allem diebiblische Prophetie das verbliebeneSüdreich Juda und dessen insBabylonische Exil (587–539 v. Chr.) deportierte Bewohner als „Israel“ (Jer 17,13 EU). Auch die Gemeinschaft der Exilheimkehrer und der Staat derHasmonäer behielten diesen Namen,[1] ebenso die seit etwa 300 v. Chr. entstandene Gruppe derSamaritaner. Sie nannten sich selbst auch in derDiaspora „Israeliten“.[2]
Im 1. Jahrhundert nannten sich die unterdrückten Bewohner der römischen ProvinzJudäa und Samaria weiterhin „Volk Israel“ (Am Jisra'el), um an ihre biblische Frühgeschichte zu erinnern und ihre Identität als Nachkommen der Israeliten zu bewahren.[3] Auch dasUrchristentum und seinNeues Testament (NT) nannten dieses Volk im RaumPalästina selbstverständlich „Israel“ und seine Angehörigen „Israelit(en)“, etwa inJoh 1,47 EU,2 Kor 11,22 EU,Röm 9,4 EU und 11,1EU sowie inApg 2,22 EU, 3,12EU, 5,35EU, 13,16EU und 21,28EU.[4]
Das nachbiblischerabbinische Judentum blieb sich seiner Identität mit „Israel“ auch nach der Zerstörung desJerusalemer Tempels im Jahr 70 voll bewusst. Der Name bezeichnet also das biblische erwählte Gottesvolk, dessen (geografisch und politisch verschieden bestimmtes) Land und die Abstammungsgemeinschaft aller seiner Nachkommen. Darum verwendeten viele Juden und Nichtjuden die Bezeichnungen „Israel“ und „Judentum“ schon lange vor der Gründung des modernen StaatesIsrael 1948 synonym.[1]
Jehudi
Das deutsche Wort „Juden“ geht wie das englischeJews, das französischeJuifs und die Äquivalente weiterer Sprachen auf das hebräische WortיְהוּדִיJehudi zurück. Es ist vom VornamenJehuda abgeleitet, der in der griechischen BibelübersetzungSeptuaginta zuJudagräzisiert wurde. Dessen Wurzelj–h–d enthält eine Kurzform des Gottesnamens JHWH und bedeutet „Gott preisen, danken“. So nannte Jakobs FrauLea lautGen 29,35 EU ihren vierten Sohn, der zum Stammvater des größten israelitischen Stammes wurde.[5]
„Juda“ bezeichnet im Tanach daher zunächst diesen Stamm und sein Siedlungsgebiet. König David machte es zu Beginn seiner Amtszeit (~980 v. Chr.) zum „Königreich Juda“ (2 Sam 5,5 EU), das er einige Jahre später mit den Gebieten weiterer israelitischer Stämme vereinte. Nach der Reichsteilung unter KönigRehabeam umfasste das Südreich Juda auch das Gebiet des StammesBenjamin (1 Kön 12,20f. EU). Von da an nannte man Judas BewohnerJehudi, gleich aus welchem Stamm sie kamen.[3]
Nach dem Untergang des Nordreichs Israel erweiterte sich die Bedeutung des Wortes. DasBuch Ester bezeichnetMordechai aus dem Stamm Benjamin als „Jude“ (Est 2,5 EU; 5,13EU) und seine vor einem Ausrottungsversuch gerettete Gruppe als „Volk“ und „die Juden“ (Est 8,12 EU). Das Wort umfasste auch deren Religion und die Menschen, die sich ihr anschlossen (Est 8,17 EU). So bezeichneten nun auch Nichtjuden imAchämenidenreich diese ethnische, politische und religiöse Minderheit. Dabei bezog sichJehudi weiter auf die Bewohner der persischen ProvinzJehud, die Gebietsteile der früheren Reiche Israel und Juda umfasste. Juden nannten sich selbst vorwiegend außerhalb ihrer HerkunftsregionJehudi, so der im Exil geborene, zum Hofbeamten des Perserkönigs aufgestiegene JudeNehemia.[3]
Ioudaioi
ImHellenismus (ab ~330 v. Chr.) wurde das schon etablierte hebräische LehnwortJehudi zuIoudaioi („Judäer“) gräzisiert. So bezeichnen die Septuaginta und dieMakkabäerbücher, später auch der jüdische HistorikerFlavius Josephus und das Urchristentum die Israeliten. Das SynonymIsraelites trat in diesen Texten zurück, doch der NameIsrael blieb der übliche Sammelbegriff für dieses ethnisch-religiöse Kollektiv. In1 Makk 8,18-32 EU verwendeteJudas Makkabäus die Ausdrücke „Israel“, „das Volk der Judäer“ und „die Judäer“ gegenüber den Römern gleichsinnig für das zuvor unterdrückte, nun Roms Beistand suchende Volk, das er vertrat. Auch in1 Makk 13,41-43 EU erscheinen die Worte „Israel“, „das Volk“ und „Judäer“ miteinander und synonym. Die Hasmonäer nannten ihr KönigreichIoudaia („Judäa“). Flavius Josephus sprach in seinenAntiquitates bis zum 11. Kapitel archaisierend vom „Volk der Israeliten“. Nachdem er deren Rückkehr aus dem Exil und die Restauration in der Perserzeit beschrieben hatte, nannte er sie ab dem 12. Kapitel immer „Judäer“, so auch in seinen übrigen Schriften. Das Wort umfasste bei ihm die Bewohner der nun römischen ProvinzenJudäa und Samaria undGaliläa (Bellum Judaicum 1,21; 2,232). Die „Galiläer“ galten damals als Teil der Judäer (Contra Apionem 1,48) und wurden nur innerhalb dieses Volkes semantisch unterschieden.Simon Bar Kochba, der Anführer des letztenAufstandes palästinischer Juden gegen die römische Besatzungsmacht (132–136), nannte sein Volk und dessen Land ausschließlich „Israel“; vielleicht, um sich von der römischen Provinz Judäa und deren jüdischen Vasallenkönigen abzugrenzen.[6]
Paulus von Tarsus nannte sich meistIoudaios, so betont inGal 2,15 EU gegenüber den „Sündern aus den Völkern“ (Gojim). InRöm 11,1 EU nannte er sich „Israelit aus dem SamenAbrahams, vom Stamm Benjamin“, inRöm 9,4.24 EU abwechselnd „Judäer“ und „Israelit“. Für Paulus waren dies also Synonyme, die alle auf das erwählte Bundesvolk verweisen. Die zeitweise übliche These, „Israeliten“ sei in derAntike eher die Selbstbezeichnung, „Judäer“ bzw. „Juden“ eher eine abfällige Fremdbezeichnung dieses Volkes gewesen, ist somit von damaligen Quellen nicht gedeckt.[7]
Wie das WortIoudaioi im NT angemessen zu übersetzen ist, wurde oft diskutiert.[8] Manche verstanden es ausschließlich geografisch als „Bewohner Judäas“, um diese von früheren Israeliten, damaligen Galiläern wieJesus von Nazaret, späteren Juden und deren Religion abzurücken. Solche Versuche setzten sich in der Geschichtswissenschaft nicht durch. Das WortIoudaioi war damals vorwiegend ethnisch, nicht nur geografisch konnotiert, so dass „Judäer“ bzw. „Juden“ es zutreffend übersetzt.[9]
Im Römerreich wurde der SingularIoudaios zuIudaeus, der PluralIoudaioi zuIudaei latinisiert. DasChristentum verbreitete diese Bezeichnungen in ganz Europa.[3]
„Jüdisches Volk“
Im Anschluss an die biblische Tradition verstehen sich Juden oft als Teil des „jüdischen Volkes“. Juden aller Hautfarben, Nationalitäten, Kulturen und Lebensformen, auch nichtreligiöse Juden, zählen sich zu diesem Volk, definieren dieses Wort also weder rassisch oder genetisch noch nur ethnisch oder national noch nur als Religionszugehörigkeit. Sie beziehen sich dabei auf eine gemeinsame Geschichte, die eine Zusammengehörigkeit und Solidarität mit bedrohten und verfolgten Juden in anderen Teilen der Welt begründet. Die heiligen Schriften des Judentums stützen dieses Verständnis, indem sie jeden einzelnen Juden durch seinen Lebenswandel für die Gesamtheit aller Juden mitverantwortlich machen.[10]
DieTora begründet diese Zusammengehörigkeit erzählerisch mit der gemeinsamen Abstammung aller Israeliten von denErzväternAbraham,Isaak undJakob. Abrahams Berufung schließt lautGen 12,1–3 EU dieErwählung seiner Nachkommen zumSegen für die Völker ein. Darauf beruht die biblische Bezeichnung der Israeliten als „Volk Gottes“ oder als „erwähltes Volk“. Diese Bezeichnung verstanden Nichtjuden oft als Arroganz und Hybris und nahmen sie zum Anlass, Juden abzuwerten und zu verachten. In der Bibel bedeutet Erwählung gerade Gottes Beschlagnahmung dieses Volkes dazu, diesen einzigen Schöpfer der Welt bekannt zu machen und ihm auf besondere Weise durch Erfüllen seiner Tora zu dienen, also sich seinem Befreiungswillen für diese Welt unterzuordnen.[11]
Der Bezug auf die gemeinsame Herkunft verbindet religiöse undsäkulare Juden: „Von Zugehörigkeit zum Volk Israel […] kann man jedoch auch sprechen, wenn ein Individuum kulturell oder religiös von der religiös-kulturellen Wirklichkeit der Geschichte Israels in wesentlichen Bereichen seiner Persönlichkeit als geschichtliches Wesen faktisch geprägt ist und das positiv akzeptiert.“[12]
Antisemitisches Schimpfwort
In der langen Geschichte desAntisemitismus verknüpften Judenfeinde die Kollektivbezeichnung „die Juden“, auch verdichtet zum kollektiv gemeinten Singular „der Jude“, mit allen möglichen negativen Zuschreibungen und machten sie so zumStigma und Mittel der Ausgrenzung. Juden sind im Glaubens- und Weltdeutungssystem von Antisemiten immer „die Anderen“, der ultimative Gegenentwurf zur eigenen Existenzform. Juden verkörpern für sie das prinzipiell Unnormale und Schlechte, das aus der eigenen Weltordnung auszuschließende Feindbild.[13] Dies hatte historisch die Vernichtung von mindestens sechs Millionen (mehr als einem Drittel aller damaligen) Juden in Europa durchNS-Deutschland imHolocaust zur Folge.[14]
Die Anrede „Du Jude“ wird bis heute als Schimpfwort verwendet, etwa auf Schulhöfen. Dies gilt in derAntisemitismusforschung als Wirkung und Fortsetzung des Antisemitismus.[15]
DerDuden erläuterte seinen Eintrag zum Wort „Jude“ jahrelang wie folgt:
„Gelegentlich wird die BezeichnungJude, Jüdin wegen der Erinnerung an dennationalsozialistischen Sprachgebrauch als diskriminierend empfunden. In diesen Fällen werden dann meist Formulierungen wiejüdische Menschen, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger oderMenschen jüdischen Glaubens gewählt.“[16]
2022 kritisierte ein deutscher Jude aufTwitter diese Erläuterung und löste damit eine breite Debatte aus. Teilnehmer verwiesen darauf, dass die Ersatzbezeichnung „Menschen jüdischen Glaubens“ falsch ist, da sie nichtreligiöse Juden ausschließt und die Nationalsozialisten nicht nur gläubige Juden verfolgten. Die Ersatzvorschläge seien ausgrenzend; der Duden wolle damit nur einem Unbehagen nichtjüdischer Deutscher genügen, die das Wort „Jude(n)“ an die Verbrechen ihrer Vorfahren erinnere. Die Bezeichnung sei keinesfalls diskriminierend, solange Juden selbst sie nicht so empfänden.Josef Schuster erklärte für denZentralrat der Juden in Deutschland, das Wort sei für ihn „weder ein Schimpfwort noch diskriminierend“, wie schon der Name des Zentralrats zeige.[17] Auch Nichtjuden kritisierten den Dudenvorschlag als Kapitulation vor dem Missbrauch des Wortes durch Judenfeinde.[18] Daraufhin änderte die Dudenredaktion die Erläuterung des Stichworts wie folgt:
„Wegen des antisemitischen Gebrauchs in Geschichte und Gegenwart, besonders in derZeit des Nationalsozialismus, werden die WörterJude/Jüdin seit Jahrzehnten von der Sprachgemeinschaft diskutiert. Gleichzeitig werden die Wörter weithin völlig selbstverständlich verwendet und nicht als problematisch empfunden. […] Besonders im öffentlichen Sprachgebrauch finden sich auch alternative Formulierungen wiejüdische Menschen, Bürger/-innen, Mitbürger/-innen oder – in religiösem Zusammenhang –Menschen jüdischen Glaubens. Eine weitere Variante istich bin jüdisch / er ist jüdisch.“[19]
DieHalacha ist das jüdische Recht, das bis 200 n. Chr. aus der mündlichen Tora-Auslegung derRabbinen hervorging. Diese wurde in der Mischna und im Talmud gesammelt und schriftlich fixiert. Die Halacha definiert Juden nach zwei Kriterien: Jude oder Jüdin ist
jedes Kind einer Mutter, die bei der Empfängnis selbst Jüdin nach der Halacha war (Matrilinearität),
jede regelgerecht zum Judentum übergetretene Person (Konversion, hebräischGijur).
Kinder jüdischer Väter, die keine jüdische Mutter haben, müssen nach der Halacha zum Judentum übertreten, um als Juden zu gelten.[3] Die halachische Definition gilt unabhängig von der Herkunft der Person und unabhängig davon, ob oder wie sehr sie die Toragebote und sonstigen jüdischen Glaubensregeln befolgt oder nicht.[20]
Dieser Definition folgen im Grundsatz alle Hauptrichtungen des Judentums. DasReformjudentum in denUSA nimmt seit 1983 auch Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter auf, sofern diese jüdisch erzogen werden.[21]
Juden, die das Judentum aktiv praktizieren, beachten in der Regel einige Hauptgebote der Tora wie dieBeschneidung, dieSabbat-Ruhe, Speise- und Reinheitsgebote und diejüdischen Hauptfeste. DieJüdische Kultur ist jedoch vielfältig und umfasst ganz verschiedene Lebensweisen und Ausdrucksformen des Judeseins.
DieIsraelische Unabhängigkeitserklärung definiert den heutigen Staat Israel als „Staat des jüdischen Volkes“ und gibt zugleich allen Staatsbürgern die gleichen Rechte, unabhängig von ihrer Religion oderNationalität. DasRückkehrgesetz von 1950 erlaubt jedem Juden und jeder Jüdin, in Israel einzuwandern und die Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die Ausweisdokumente der Israelis enthalten Einträge nach Nationalität („le’om“) und Religionszugehörigkeit. Über letztere entscheiden die regionalen und lokalen, von orthodoxen Rabbinern besetztenRabbinatsgerichte, damit verbunden auch über das Ehe- und Scheidungsrecht. Sie erkennen nur Nachkommen jüdischer Mütter und nach der Halacha zum Judentum übergetretene Menschen als Juden an. Diese Spannung zwischen orthodox-religiösem und staatlich-säkularem Verständnis von Judesein führte seit den 1950er Jahren immer wieder zu Konflikten. Nach Grundsatzurteilen desObersten Gerichts wurden das Rückkehrgesetz und das Registrierungsgesetz mehrmals verändert. Seit 1970 können Personen mit einem jüdischen Großelternteil, im Ausland zum Judentum konvertierte Personen und deren Familienmitglieder sich als Juden nach der Nationalität eintragen lassen. Seit 2011 können unter Religion als „jüdisch“ eingetragene Personen den Eintrag auf „religionslos“ ändern lassen.[22]
Gruppen im Judentum
Zu den Juden gehören verschiedene, nach ihrer regionalen Herkunft zugeordnete Gruppen, darunter dieAschkenasim (europäische Juden),Mizrachim (orientalische Juden),Sephardim (osmanische und nordafrikanische Juden),Cochin-Juden (Südindien) undFalaschen (Äthiopien). Ein zum Judentum übergetretenes Volk waren dieChasaren. Eine jüdische Sondergruppe sind dieKaräer. Hinzu kommen ethnische Gruppen, die sich als Juden verstehen, aber nach der Halacha nicht als solche anerkannt sind. Die in Israel geborenen Juden ordnen sich oft keiner spezifischen jüdischen Gruppe mehr zu.[23]
Demografie
Quellen
DasAmerican Jewish Year Book veröffentlicht jährlich die von demografischen Instituten mehrerer Staaten gemeinsam ermittelten Gesamtzahlen der Juden weltweit und die Prozentzahlen ihrer Anteile an den Bevölkerungen einzelner Staaten. Zur jüdischen Kernbevölkerung zählen die Institute dabei nur Personen, die sich selbst nach Abstammung und Religion als Juden definieren und sich wechselseitig von anderen kollektiven Identitäten unterscheiden. Nicht mitgezählt sind Personen, die von Juden abstammen, aber einer anderen Religion folgen, und Nichtjuden mit familiären oder sonstigen Verbindungen zu Juden. Anerkannt ist, dass die strenge Definition eher zu niedrige Schätzungen hervorbringt, weil die Anteile von Juden mit mehreren kulturellen und religiösen Identitäten wachsen und dies die eindeutige Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden zunehmend erschwert.[24]
DasPew Research Center (PRC) legte seinen Statistiken für die USA bis 2020 eine weitere Definition von Judesein zugrunde: Es zählte auch Kinder von mindestens einem jüdischen Elternteil (also auch von jüdischen Vätern), Verwandte von Juden inklusive nichtjüdischer Familienangehöriger und Menschen dazu, die sich aus ethnischen, kulturellen oder anderen nichtreligiösen Gründen als Juden identifizieren. Für Israel folgte es den Kriterien des israelischenRückkehrgesetzes für einreiseberechtigte Juden und deren Angehörige. So kam es für diese beiden Staaten zu höheren Gesamtzahlen. Dagegen definiert das israelischeCentral Bureau of Statistics jüdische Israelis nach der Halacha als Kinder jüdischer Mütter und von orthodoxen Gerichten anerkannte Konvertiten. 2024 übernahm das PRC wieder die strenge Definition, wonach nur Menschen dazu zählen, die sich selbst nach ihrer Religion ausschließlich als Juden definieren.[25]
Die folgenden Gesamtzahlen derJewish Virtual Library (JVL) beginnen mit Schätzzahlen ab 1880 und beruhen ab 1922 auf genauen demografischen Studien. Ab 1945 bis derzeit 2024 beruhen die Zahlen auf den Statistiken desAmerican Jewish Yearbook und derBerman Jewish Data Bank. Für Israel bezieht sich die JVL auf die Angaben des dortigenCentral Bureau of Statistics. Zudem nennt ihre Statistik die aktuellen Bevölkerungsanteile der Juden in Einzelstaaten (Stand Oktober 2024).[26]
Gesamtzahlen
Alle Zahlen der folgenden Tabelle vor dem Komma sind Millionen. Die zweite Kommastelle ist in der Wiedergabe gerundet.
Im Oktober 2024 lebten laut der JVL 41,7 % aller Juden weltweit in Israel, weitere 36,8 % in den USA, die übrigen 21,5 % verteilten sich vor allem auf 13 weitere Staaten. Bis dahin registrierten die Demografen laut JVL folgende absoluten Zahlen:
Auf Regionen verteilten sich Juden im Jahr 2024 laut der JVL wie folgt:[26]
Region
Zahl
Bevölkerungsanteil in %
Afrika
54.600
0,004
Asien
7,8 Mio.
0,17
Europa
1,3 Mio.
0,16
Ozeanien
132.400
0,3
Nordamerika
6,72 Mio.
1,79
Zentralamerika
58,500
0,03
Südamerika
302.100
0,07
Trends und Relationen
Seit demHolocaust stieg die Gesamtzahl der Juden weltweit langsam und kontinuierlich wieder an und erreichte 2023 erstmals wieder annähernd das Niveau von 1939 (vor demZweiten Weltkrieg). Jedoch ging die Gesamtzahl der Juden in Europa und deren Anteil an der weltweiten Gesamtzahl seit 1945 kontinuierlich weiter zurück. Sie sank laut dem Pew Research Center (PRC) von 9,5 Mio. (57 %) im Jahr 1939 auf 1,1 Mio. (10 %) im Jahr 2010. Hauptgründe dafür waren die Auswanderung von Juden aus der früherenSowjetunion und den früherenOstblock-Staaten und der wachsende Antisemitismus im übrigen Europa.[28]
Von 2010 bis 2020 wuchs die jüdische Bevölkerung der Welt laut dem PRC insgesamt um weniger als eine Million (6 %), etwa halb so schnell wie die Weltbevölkerung insgesamt (12 %). Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl derMuslime weltweit von 1,7 auf 2,0 Milliarden (21 %). In Israel wuchs die Zahl der Juden prozentual weit stärker als in allen übrigen Staaten, nämlich jährlich um rund 100.000. Die allgemeine Geburtenrate von Müttern liegt dort seit Jahrzehnten stabil bei durchschnittlich drei Kindern. Anders als in den hundert Jahren zuvor übertraf die durchschnittliche Geburtenrate auch in der jüdischen Diaspora zuletzt die der umgebenden nichtjüdischen Gesellschaften. – Der führende Demograf Sergio Della Pergola prognostizierte im Juni 2025, erst in zehn bis zwanzig Jahren (2035–2045) werde die jüdische Bevölkerung in der Welt ihr volles Ausmaß vor dem Holocaust wiedererlangt haben; die meisten Juden würden künftig in Israel leben.[25]
Literatur
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↑Martina Böhm:Wer gehörte in hellenistisch-römischer Zeit zu „Israel“? In: Jörg Frey, Konrad Schmid, Ursula Schattner-Rieser (Hrsg.):Die Samaritaner und die Bibel / The Samaritans and the Bible. De Gruyter, Berlin / Boston 2012,ISBN 978-3-11-029409-5, S. 181–202, hierS. 189 ff.
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↑Wolfgang Stegemann:Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 189–192
↑Jeffrey Wildstein:Judaism: An Introduction to Jewish Beliefs and History. DK-Publishing, New York 2015,ISBN 978-1-61564-782-8, S. 54 f.
↑Jeffrey Wildstein:Judaism. New York 2015, S. 55 f.
↑Wolfgang Benz:Holocaust. In: Wolfgang Benz (Hrsg.):Handbuch des Antisemitismus: Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. De Gruyter / Saur, Berlin 2011, S. 124
↑Paula Maria Rüb:Der Umgang mit Antisemitismus im Unterricht: Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zu Orientierungen von Lehrkräften. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2023,ISBN 978-3-7815-2552-8,S. 29.
↑Björn Technau:Beleidigungswörter: Die Semantik und Pragmatik pejorativer Personenbezeichnungen. De Gruyter, Berlin 2018,ISBN 978-3-11-056091-6,S. 373, Fn. 94.
↑Duden – Das Synonymwörterbuch: Ein Wörterbuch sinnverwandter Wörter. Duden-Verlag, Berlin 2024,ISBN 978-3-411-91411-1,S. 529.
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↑Dana Evan Kaplan, Michael Berenbaum, Frecd Skolnik (Hrsg.):Reform Judaism. In:Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 17. Macmillan, Detroit 2007, S. 172 f.
↑Michael Brenner:Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Beck, München 2016,ISBN 978-3-406-68823-2, S. 144–153.
↑Michael Brenner:Israel. München 2016, S. 220–231.
↑Sergio DellaPergola:World Jewish Population, 2021. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.):The American Jewish Year Book, Band 121. Springer VS, New York 2021, S. 313–412; Volltext beiBerman Jewish Data Bank, PDF S. 11
↑Sergio DellaPergola:World Jewish Population, 2021. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.):The American Jewish Year Book. Band 121, New York 2021,PDF S. 27