
Joseph Victor Scheffel, ab 1876von Scheffel (*16. Februar1826 inKarlsruhe; †9. April1886 ebenda), war ein zur Zeit desKaiserreichs viel gelesener deutscherSchriftsteller undDichter. Seine Beliebtheit verdankte er demVerseposDer Trompeter von Säkkingen und demhistorischen RomanEkkehard, die in den 1850er Jahren erschienen, sowie denStudentenliedern der SammlungGaudeamus!. Nach dem Ersten Weltkrieg verblasste sein Ruhm.
Die Sprache seiner Episteln und Lieder ist lebendig, witzig, zuweilen selbstironisch, die der Erzählungen an vielen Stellen gewollt altertümelnd. Scheffel war politisch, historisch und philologisch interessiert. Ruheloses Hin- und Herpendeln zwischen dem Elternhaus und – meist an Seen gelegenen – Rückzugsorten bestimmte sein Leben. Die Geselligkeit mit Freunden und das Wandern in der Natur bedeuteten ihm mehr als die ihm öffentlich entgegengebrachte Verehrung als Dichterfürst.
Joseph, wie er genannt wurde, wuchs als ältestes von drei Kindern der Familie Scheffel im Bürgertum der badischen Residenzstadt Karlsruhe auf. Sein Vater Philipp Jakob Scheffel (1789–1869) war als Ingenieur badischerOberbaurat und Major. Er wirkte als Mitglied der Rheinregulierungskommission unterJohann Gottfried Tulla am Projekt derRheinbegradigung mit. Seine MutterJosephine, geb. Krederer (1805–1865) führte einen künstlerischenSalon in Karlsruhe, in dem bekannte Maler verkehrten, und schrieb selbst Gelegenheitsgedichte und kleine Theaterstücke.
Josephs Bruder Karl (1827–1879) war von Geburt an körperlich und geistig behindert und wurde zu Hause gepflegt. Seine Schwester Marie (1829–1857) galt als begabte Zeichnerin. Sie starb 27-jährig an Typhus.
Joseph besuchte dasKarlsruher Lyceum, wo er sich als sehr guter Schüler der alten Sprachen erwies. Er blieb lebenslang befreundet mit seinen damaligen MitschülernJulius Braun undLudwig Eichrodt. Auch kannte er den späteren badischen RevolutionärKarl Blind aus seiner Schulzeit.
Entgegen seinem Interesse an der Malerei nahm er auf Wunsch des Vaters ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Dieser gestand ihm zu, sich im Herbst 1843 inMünchen einzuschreiben, um so am Leben der Kunstmetropole teilzuhaben. Der junge Student besuchte neben den juristischen auch philosophische Vorlesungen, u. a. beiFriedrich Thiersch, und verkehrte bei Gelehrten und Künstlern, die mit seinen Eltern bekannt waren, wie dem MalerMoritz von Schwind.

Das zweite Studienjahr 1844/45 verbrachte er an der nahe seiner Heimatstadt gelegenenUniversität Heidelberg, wo die Debatte um die politische Zukunft Deutschlands hochbrandete. Dort verschrieb er sich, „mit achtzehn Jahren noch ein mädchenhaft hübscher Junge“[1], neben dem Jurastudium dem Leben in studentischen Verbindungen.
In den ersten Studienjahren schloss er einige lebenslange Freundschaften, so in München mit dem um sechs Jahre älteren KunststudentenFriedrich Eggers und dem gleichaltrigen JurastudentenAugust Eisenhart, in Heidelberg mit dem Jenaer Burschenschafter und RechtsstudentenKarl Schwanitz. Scheffels Briefe an seine Freunde geben – fast mehr als die an seine Eltern und seine Schwester – Aufschluss über die Entwicklung seiner Persönlichkeit und seiner politischen Ansichten.
Im dritten Studienjahr inBerlin traf er wieder auf Friedrich Eggers und bereitete sich auf das Examen vor. Tiefe Freundschaften schloss er in der preußischen Hauptstadt nicht. Zurück in Heidelberg im Herbst 1846 nahm das turbulente Verbindungsleben so viel Zeit in Anspruch, dass Scheffels Vater den Sohn anwies, sich zum Ende des siebten Semesters zu exmatrikulieren und zur Examensvorbereitung ins Elternhaus nach Karlsruhe zu kommen.
Joseph war folgsam, fand eine fröhliche Runde Gleichaltriger, „Falstaff-Club“ genannt, und legte ein Jahr später, Anfang August 1848, das juristische Staatsexamen in Heidelberg ab. Am 11. Januar 1849 wurde er mit einer ArbeitÜber die Natur und Bedeutung desSurrogats nach französischem und römischen Recht zum Doktor der Rechte promoviert.
In Heidelberg war er zunächst Mitglied der Burschenschaft Allemannia I (1844/1845)[2], dann der Burschenschaft Teutonia (1845) und schließlich derBurschenschaft Frankonia II (1846/1847), die sich im Sommer 1849 auflöste. In Berlin war er bei derAlten Berliner Burschenschaft aktiv.[3] Am 28. Februar 1856 verlieh ihm dieBurschenschaft Teutonia zu Jena die Ehrenmitgliedschaft durch Vermittlung seines FreundesSchwanitz, den er aus seiner Heidelberger Zeit in der Allemannia I (1844/1845) kannte. Dieser hatte im Februar 1845 die Teutonia Jena mitgegründet. Scheffel wurde 1872 Ehrenmitglied derLeipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli (heute in Mainz).[4] Zudem war er Ehrenmitglied derAV Igel Tübingen.[5]
Vor Ablegung des Examens folgte der 22-Jährige im März 1848 dem badischen BundestagsgesandtenCarl Theodor Welcker als unbesoldeterLegationssekretär zurFrankfurter Nationalversammlung. Noch im Juli begleitete er ihn auf eine dreiwöchige Mission in das damals inPersonalunion mit Dänemark regierteHerzogtum Lauenburg.
Nach bestandenem Examen fand er In der zweiten Jahreshälfte 1848 Zugang zum „Engeren Ausschuss“, einem geselligen Zirkel Heidelberger Akademiker unter der Leitung des HistorikersLudwig Häusser. Ende des Jahres arbeitete er für zwei Monate als Rechtspraktikant im Kriminalbüro von Heidelberg. Nach der Promotion im Januar 1849 kehrte er nach Karlsruhe zurück und übernahm auf Bitten von Professor Häusser die Redaktion derVaterländischen Blätter, eines kurzlebigen Organs der liberalen Konstitutionellen Partei. Am 13. Mai verteidigte er als Mann derBürgerwehr das KarlsruherZeughaus gegen die Revolutionäre. Unter derbadischen Revolutionsregierung floh er für einige Wochen inshessischeAuerbach an der Bergstraße, wo sich eine unbeschwert lebende Emigrantenkolonie Heidelberger Beamter eingerichtet hatte. Nach der Niederschlagung des Aufstands durch preußische Truppen rief ihn der zumZivilkommissär ernannteFriedrich von Preen alsVolontär zu sich, aber schon im Juli 1849 wurde Scheffel von neuen Vorgesetzten entlassen. Die zweite Jahreshälfte verbrachte er beschäftigungslos im Elternhaus.
Während der preußischen Besetzung Badens arbeitete Scheffel für kurze Zeit an zweigroßherzoglichen Ämtern, von Januar 1850 bis August 1851 als Rechtspraktikant inSäckingen und, nach einer mehrwöchigen Exkursion durchGraubünden mit Ludwig Häusser, von Dezember 1851 bis Mai 1852 als Justizsekretär amHofgericht Bruchsal bei Friedrich von Preen. Dann ließ er sich aus dem Staatsdienst beurlauben.
Ende Mai 1852 brach er nach Italien auf, um sein Talent alsLandschaftsmaler zu erproben. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erlaubten es ihm, seinen künstlerischen Neigungen nachzugehen. In der deutschenKünstlerkolonie in denAlbaner Bergen unter der Leitung vonErnst Willers erkannte er, dass seine Begabung eher in der Dichtkunst als in der Malerei lag. Im Mai 1853 riefen ihn seine Eltern zurück, als er gerade inSorrent den DichterPaul Heyse kennengelernt hatte. AusCapri brachte er das fertige Manuskript desTrompeters mit. Nach der Rückkehr erkrankte er erstmals heftig an einem Augenleiden.

Im ersten Halbjahr 1854 besuchte er die Stätten seines im Entstehen begriffenen RomansEkkehard (Hohentwiel,Radolfzell,St. Gallen,Säntis). Im Elternhaus schrieb er ihn nieder. Ende 1854 bewarb er sich von Heidelberg aus auf die Stelle als Dozent für deutsche Literatur amEidgenössischen Polytechnikum in Zürich.[6] Da sein Vorhaben scheiterte, blieb er in Heidelberg.
Nach der Veröffentlichung desEkkehard reiste er Ende Mai 1855 mit dem MalerAnselm Feuerbach nachVenedig. Um derCholera zu entgehen, flohen sie im Hochsommer an denTobliner See, wo Scheffel ein zu Lebzeiten unveröffentlichtesTagebuch schrieb. Im Herbst kehrte er krank ins Elternhaus zurück und ließ sich bis Frühjahr 1856 von seiner Schwester pflegen. Er litt erneut an einer hartnäckigen Augenerkrankung. Von einer überhasteten Reise ins überschwemmteRhônetal im Frühsommer 1856 kehrte er, anMalariaschüben leidend, nach Karlsruhe zurück.
Im Oktober zog er in der Hoffnung, vom bayerischen KönigMaximilian II. gefördert zu werden, nachMünchen. Er verkehrte im Dichterkreis derKrokodile und lernte den ZeichnerEduard Ille kennen. Seine Schwester, die ihm im Dezember trotz elterlicher Bedenken gefolgt war, starb im Februar 1857 amTyphus, der in der Residenzstadt ausgebrochen war. Der Verlust löste heftige Selbstvorwürfe bei ihm aus. Er kehrte zu den Eltern nach Karlsruhe zurück. Seine Schreibtätigkeit erlahmte. Reisen nach Nord-Frankreich und insmittlere Rheintal, zu denen ihn Freunde einluden, brachten keine Linderung.

Im Dezember 1857 trat er auf Vermittlung seiner Mutter eine Stelle alsBibliothekar amFürstenhof inDonaueschingen an. Obwohl sich ihm die Gelegenheit bot, dieLaßbergsche Sammlung altdeutscher Texte zu sichten, klagte er über die Belastungen des Amtes und ließ sich nach anderthalb Jahren im April 1859 beurlauben. In Donaueschingen entstand die ErzählungJuniperus als Teil eines Romanprojekts, das umzusetzen er bereits vor Dienstantritt in Donaueschingen dem Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach,Carl Alexander, versprochen hatte. Er war häufig zu Gast auf derWartburg, wo er von einem Freund seiner Eltern, dem BurgkommandantenBernhard von Arnswald empfangen wurde. Im Sommer 1859 durchstreifte er dasFrankenland mitKloster Banz, im Herbst die bayerischen Alpen.
1860 verdüsterte sich seine Stimmung, weil es ihm nicht gelang, das ausufernde Material seines geplanten Wartburg-Romans zusammenzufügen. Er zog sich auf die ChiemseeinselFrauenwörth zurück, reiste insSalzkammergut, von dort nachSeelisberg in der Schweiz – Landschaften, die er in den später veröffentlichtenBergpsalmen beschrieben hat. Im November flüchtete er in panischer Angst, Großherzog Carl Alexander habe ihm wegen des geschuldeten Romans die Gunst entzogen, aus dem Elternhaus und erlitt auf der Bahnfahrt in der Schweiz einen Nervenzusammenbruch. Familie und Freunde sorgten dafür, dass er vonLiestal aus in ärztliche Hände kam.
Von November 1860 bis März 1861 hielt sich Scheffel als Patient in der WasserheilanstaltBrestenberg amHallwilersee auf, von März bis November 1862 ein zweites Mal zur Erholung inSeon, ganz der Nähe, bei dem befreundeten DichterEduard Dössekel. Sein behandelnder Arzt Dr. Adolf Erismann wurde ihm zum väterlichen Freund.
Um den Sohn von finanziellen Sorgen zu befreien, übertrugen ihm die Eltern Teile des Familienvermögens. Gegen den VerlegerOtto Janke, der die Rechte amEkkehard erworben hatte, strengte Scheffel eine Reihe von Prozessen an. Nach neun Jahren Streit vergab er die Rechte an seinen StudienfreundAdolf Bonz. Er brachte sie in dieMetzlersche Buchhandlung ein, die schon denTrompeter verlegte.

Als Ende 1862 Zeitungsgerüchte aufkamen, Scheffel sei aus der badischen HeilanstaltIllenau entlassen worden[7], betrieb er zum Nachweis seiner Schöpferkraft die rasche Herausgabe der Wartburg-LiedersammlungFrau Aventiure. Im gleichen Jahr 1863 lernte er in Karlsruhe den jungen MalerAnton von Werner kennen. Er fertigte im folgenden Jahrzehnt in enger Absprache mit dem Autor die Illustrationen seiner Bücher an. Die zweite Jahreshälfte verbrachte Scheffel im oberbayerischenPienzenau, ca. 40 km südlich von München, wohin seit kurzem eine Bahnverbindung bestand.
Im Sommer 1864 heiratete er in Karlsruhe Caroline Freiinvon Malsen (1833–1904), Tochter des bayerischen Gesandten am badischen Hof, die er im Elternhaus kennengelernt hatte. Das Ehepaar siedelte nach Seon über, wo Scheffel zwei Jahre zuvor gelebt hatte. Ende des Jahres schlug er das Angebot des Baronsvon Aufseß, als Direktor desGermanischen Museums nach Nürnberg zu kommen, zum Leidwesen der Familie aus.[8] Der Großherzog von Weimar verlieh ihm denHofratstitel.
Im Februar 1865 starb Scheffels Mutter. Tief erschüttert zog er nach Karlsruhe und übernahm das Pflegeamt für seinen Bruder und den gebrechlichen Vater. Seine Ehefrau kehrte bald in die Schweiz zurück. Die Ehe war nicht glücklich. Bei der Geburt des Sohnes Victor im Mai 1867 inClarens amGenfersee lebten die Eltern schon nicht mehr zusammen. In kurzer Folge starben im Herbst 1867 Scheffels Schwiegervater und im Januar 1869 der Vater. Den zweieinhalbjährigen Sohn Victor holte er Ende 1869 gegen den Willen seiner in München lebenden Ehefrau nach Karlsruhe, um ihn alleine zu erziehen.
1867 gab Scheffel dieJuniperus-Geschichte des Wartburg-Fragments als eigenständige Erzählung heraus. Trotz Bedenken, sie könnten seinem Ruf schaden, publizierte er 1868 seine seit langem zirkulierenden Trinklieder unter dem TitelGaudeamus!. Das Buch wurde begeistert aufgenommen und zog im Gefolge die Auflagen desTrompeters und desEkkehard in die Höhe. Die LyriksammlungFrau Aventiure und die 1870 erschienenenBergpsalmen profitierten zum Bedauern des Autors nicht von dieser Popularität.
DenDeutsch-Französischen Krieg erlebte Scheffel im grenznahen Karlsruhe. Mit derReichsgründung war seine Hoffnung auf einmit Österreich vereintes Deutschland zerstoben. Aber das von ihm anfangs ungeliebte Kaiserreich stilisierte ihn zum Nationaldichter. Durch den Verkaufserfolg seiner Bücher wohlhabend geworden, ließ er sich 1872 vom Karlsruher ArchitektenJosef Durm inRadolfzell die „Villa Seehalde“ erbauen.

Aus Anlass seines 50. Geburtstages wurde er 1876 durch GroßherzogFriedrich I. von Baden in den badischen erblichenAdelsstand erhoben und mit Glückwünschen überhäuft.
Noch im gleichen Jahr kaufte er die unweit seines Hauses sich in denBodensee erstreckende HalbinselMettnau, versah das Pächterhaus mit einem Turm, das "Scheffelschlösschen"[9], und bewirtschaftete das 82 Hektar große Mettnaugut. Mit den Fischern derInsel Reichenau verstrickte er sich in einen jahrelangen Rechtsstreit über die Fischereirechte.[10]

Er lebte mit dem Sohn teils in Karlsruhe, teils am Bodensee. Im Oktober 1879 starb sein behinderter Bruder Karl im KarlsruherPfründnerhaus. Als sein Sohn Victor 18 Jahre alt war, begleitete er ihn 1885 trotz schlechter Gesundheit nach Berlin, wo er in das zweite preußische Ulanenregiment eintrat.[11] Seinen 60. Geburtstag beging er in Heidelberg, ohne an der für ihn vorbereiteten Feier teilnehmen zu können. Er starb 60-jährig am 9. April 1886 im Karlsruher Elternhaus, nachdem er sich mit der angereisten Ehefrau versöhnt hatte. Scheffels Grabmal und die Grabmale seiner Eltern und Geschwister befinden sich heute an der nördlichen Wand der Kapelle desalten Karlsruher Friedhofs.
Scheffels Studentenlieder haben das Bild vom lebenslustigen und humorvollen Dichter geprägt. Tatsächlich war sein Leben von Enttäuschung über das Scheitern der Revolution von 1848 und von Resignation angesichts seines Unvermögens, eine Frau für sich zu gewinnen, gezeichnet.
Scheffels Säckinger Episteln sind frühen Briefen an die Familie in Karlsruhe entnommen. Die Anekdoten wurden bei der Herausgabe nach Scheffels Tod um private Zusätze verkürzt. Andere Episteln waren dem Kreis desEngern in Heidelberg zur Lektüre zugedacht. Gemeinsam ist ihnen der humorvolle, selbstironische Ton. DieReisebilder wurden nach der Niederschrift in Zeitschriften veröffentlicht. Auch sie tragen persönliche Züge. So istEin Tag am Quell von Vaucluse[12] mehr als eine Kulturskizze zu Petrarca. Der Autor setzt den"Poeta laureatus" zum eigenen Leben in Bezug.

Mit dem Bekanntwerden biografischer Details nach Scheffels Tod wurde sein Werk auf Parallelen zu seinem Leben hin durchsucht. So heben frühe Biografen seine lebenslange Zuneigung zu Emma Heim (1835–1910) hervor, einer Cousine väterlicherseits, die er vor seinem Italienaufenthalt kennenlernte. Sie soll ihn zu seinem ErstlingswerkDer Trompeter vonSäkkingen. Ein Sang vomOberrhein (1854) inspiriert haben.[13] Die unerfüllte Liebe spiegele sich ebenfalls in seinem RomanEkkehard (1855) wider, der auf der Lebensgeschichte des St. Galler MönchsEkkehard II beruht.[14] Die NovelleHugideo. Eine alte Geschichte (1857) sei als ein „Totenopfer“ für Scheffels jung verstorbene Schwester Marie zu verstehen.[15] Auch der ErzählungJuniperus. Geschichte eines Kreuzfahrers (entstanden 1859) wird eine Personenkonstellation im Umfeld des Autors zugeordnet.[16] Unstreitig ist, dass das Thema nicht erwiderter Gefühle im Werk häufig auftaucht, so auch in Gedichten ausFrau Aventiure. Lieder aus Heinrich von Ofterdingen's Zeit (1863).
Die Frage, ob Scheffels Schilderung geschichtlicher Epochen wissenschaftlichen Anforderungen genüge, entbrannte schon zu Lebzeiten an Anzahl und Art der Anmerkungen, die er demhistorischen RomanEkkehard beifügte. Er war überzeugt, dass menschliches Fühlen zu allen Zeiten identisch sei und sich historische Stoffe durch die Darstellung der Gefühle derer, die die Handlung bestimmen, zu neuem Leben erwecken ließen. Dieser Ehrgeiz unterscheidet sein Werk von den faktenlastigenProfessorenromanen des 19. Jahrhunderts. Seine Hinwendung in die Vergangenheit und ins Private wird als Folge seiner Enttäuschung über den Ausgang der Revolution von 1848/49 angesehen. Sein Werk ordne sich in die desillusionistische Strömung ein, die für die literarische Produktion der in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts geborenen Autoren typisch sei.[17] Den Protagonisten desTrompeters lässt Scheffel klagen, ein Faustschlag, den er gerne ausgeführt hätte, sei wie die "Deutsche Einheit und manch’ andres, / Nur ein schön gedacht’ Projekt."[18]
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Scheffels Werk von Teilen der Literaturwissenschaft alsTrivialliteratur eingestuft. Der Autor sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, Wegbereiter desWilhelminismus gewesen zu sein. Zum Beweis dienten vor allem Textstellen aus demTrompeter.[19]
Zwei ironische Gedichte Scheffels aus dem Jahr 1848 mit den TitelnBummelmeiers Klage[20] undDes Biedermanns Abendgemütlichkeit:
Die Bienen summen froh und friedlich
Und saugen Blütenhonig ein,
Und alles ist so urgemütlich,
Daß ich vor innrer Rührung wein'.[21]
könnten zur Bildung des Begriffs"Biedermeier" beigetragen haben.
1861 erwarb derLahrer VerlegerMoritz Schauenburg von Scheffel die Rechte für die Aufnahme von 13 Liedern in die sechste Auflage desAllgemeinen Deutschen Kommersbuchs. Sie bilden den Kern derLieder aus dem Engern in Heidelberg (Heidelberg 1865) und der erweiterten SammlungGaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren (Stuttgart 1868). InGaudeamus! finden sich bekannte Titel wieDer Ichthyosaurus oder das SpottgedichtGuano, in dem sich Scheffel der damals unter Gebildeten verbreiteten Kritik anHegel anschloss.[22] In dem Lied beschreibt er die Entstehung von Vogeldung (Guano) auf einer Ozeaninsel und lässt zum Schluss einenBöblinger Repsbauern sagen:
Gott segn’ euch, ihr trefflichen Vögel,
An der fernen Guanoküst’, –
Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den gediegensten Mist!
Der TextAltassyrisch („Im schwarzen Walfisch zu Askalon“) gehört zu den beliebtesten Liedern im Repertoire der Burschenschaften. Im LiedPerkêo lässt er den trinkfreudigen Zwerg sagen: „Liebe Leut', / Wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheut!“ und schafft damit ein Wort zur Bezeichnung weinseliger Geselligkeit. Vor allem seineLieder vom Rodenstein trugen ihm unter sittenstrengen Zeitgenossen den Ruf des „Saufpoeten“ ein.[23]
Neben dem weit über das Frankenland hinaus bekanntenWanderlied („Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“) ausGaudeamus! gibt es in anderen Werken eine Reihe von Liedern mit starkem Lokalbezug, wie z. B.Alt Heidelberg, du feine imTrompeter oder dieWartburglieder und denRennstieg in der historisierenden Liedersammlung derFrau Aventiure. Lieder ausHeinrich von Ofterdingen's Zeit (Stuttgart 1863).
Grußadressen zu Festveranstaltungen gehören zu den typischen Produktionen Scheffels nach 1870, so z. B. das Festlied zur Gründungsfeier der Universität Straßburg (1872). Zur Eröffnung der deutschsprachigenFranz-Josephs-Universität zu Czernowitz (1875) schrieb er das LiedVerwundert hebt derPruth im Schilf / Sein Haupt, in dem er die Vielsprachigkeit derBukowina preist.[24]
Scheffel besuchte 1863 zum ersten Mal die StadtThun im Kanton Bern. Später weilte er mehrfach bei dem ab 1869 dort wohnhaften Karl Klose (1818–1907),Hauptmann im k.u.k.Generalstab und Vater des KomponistenFriedrich Klose. Ihre Freundschaft datierte aus der Zeit, als Karl und sein jüngerer Bruder, der MalerWilhelm Klose, Nachbarskinder Scheffels in Karlsruhe waren. Ein reger Briefwechsel dauerte bis zu seinem Tod an.[25]
Scheffel gehörte zu den Gründungsmitgliedern derSektion Karlsruhe des Deutschen Alpenvereins, die sich am 31. Januar 1870 konstituierte.
Scheffel erhielt noch zu Lebzeiten die Ehrenbürgerschaft von Säckingen (1875), Radolfzell (1876) und Heidelberg (1886).[26][A 1]
Über die Natur seiner Leiden im Erwachsenenalter äußerten sich nach Scheffels TodPaul Julius Möbius,Über Scheffels Krankheit. Halle 1907; August Müller,Bismarck, Nietzsche, Scheffel, Mörike. Der Einfluss nervöser Zustände auf ihr Leben und Schaffen. Bonn 1921;Konrad Seige,Scheffels Krankheit. Diss. Erlangen 1947.
1873 wurde das „Caffè Emporio“ (Lokal und Laden) der Donna Lucia Morgano in der heutigen Via Vittorio Emanuele auf CapriZum Kater Hiddigeigei benannt. Es existierte bis Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Im Schlussvers des Gedichts zurBurgruine Aggstein in der niederösterreichischenWachau setzte Scheffel einem Vorläufer der Graffiti-Künstler, dem WienerJoseph Kyselak, ein literarisches Denkmal mit den Zeilen:
Auf des höchsten Giebels Zack
prangt der Name KISELAK

Scheffel war zur Zeit desWilhelminismus ein viel gelesener Autor. Er vereinigte in seinen Werken die beiden Grundströmungen des damaligenZeitgeistes, bürgerliche Bildungsbeflissenheit und nationale Begeisterung. Seine historischen Epen und Erzählungen haben wahrscheinlich nicht unwesentlich zu dem seit derBismarckzeit aufkommenden Selbstbild derDeutschen als einer altfränkisch biederen, ungekünstelt zuverlässigen und ernsthaft strebsamenNation beigetragen.
Die große Resonanz, die Scheffel bei der zeitgenössischen Leserschaft der „besseren Stände“ fand, mag darauf zurückzuführen sein, dass seine Darstellung deutschen Wesens und deutscher Treue beständig auf klassische Bildungsgüter zurückgreift, die teils umständlich ausgebreitet, meist aber nur in Anspielungen erwähnt werden. Die zeitgenössische, im humanistischenGymnasium gebildete Leserschaft hatte dadurch ein doppeltes Vergnügen. Einerseits konnte sie ihre Bildungsanstrengungen durch eine anspruchsvolleUnterhaltungsliteratur belohnt sehen. Anderseits bot das Scheffel’sche Werk eine willkommene Entschädigung für die vielfach nur mit mäßigem Erfolg absolvierte und als qualvoll empfundene Schulzeit, weil es das dort eingepaukte Bildungswissen zwar voraussetzte, letztlich aber gegenüber den als höherwertig dargestellten Idealen deutscher Schlichtheit und Treue abqualifizierte.
Die Gegenüberstellung des deutschen Nationalcharakters mit den Repräsentanten klassischer europäischer Geisteskultur, die stets zum Nachteil der letzteren ausfiel, ist am stärksten imTrompeter von Säckingen ausgeprägt. Dieses Versepos erfreute sich zu Scheffels Lebzeiten so großer Beliebtheit, dass Bronzefiguren desTrompeters zahlreiche bürgerliche Speisezimmer zierten. Ein oft zitiertes Gedicht aus demTrompeter von Säckingen macht den Inhalt des von Scheffel propagierten deutschen Nationalgefühls und seinen Ursprung in der Geisteshaltung wilhelminischer Lehranstalten deutlich:
Römisch Recht, gedenk ich deiner,
Liegts wie Alpdruck auf dem Herzen,
Liegt’s wie Mühlstein mir im Magen,
Ist der Kopf wie brettvernagelt!
…
Sind verdammt wir immerdar, den
Großen Knochen zu benagen,
den als Abfall ihres Mahles
uns die Römer hingeworfen?
Soll nicht aus der deutschen Erde
Eignen Rechtes Blum’ entsprossen,
Waldes duftig, schlicht, kein üppig
Wuchernd Schlinggewächs des Südens?
Traurig Los der Epigonen!
Müssen sitzen, müssen schwitzen,
Hin und her die Fäden zerren,
eines wüstverschlungnen Knäuels,
Gibts’s kein Schwert und andre Lösung?
Hier klingt eine bewusste Abwendung Scheffels vom römischen Recht an. Auch die Verbrämung und Rechtfertigung der intellektuellen Verweigerung mit national überhöhenden Motiven (deutsche Erde, deutscher Wald, germanisches Erbe) hat Scheffel maßgeblich vorbereitet und selbst vertreten. So lässt er den alten Freiherrn imTrompeter von Säckingen an anderer Stelle sagen:
Ganz scharfkantig muß der Mensch sein,
Seine Lebensstellung muß ihm
Schon im Blute liegen als
Erbteil früherer Geschlechter
Nach der Entstehungszeit geordnet;[27] die Links verweisen auf den frühesten im Web verfügbaren Druck.
Werkfragmente
Spätwerk
Gesamtausgaben (Auswahl)
Der Klassische Philologe und SchriftstellerJoseph Stöckle (1844–1893) gründete 1891 inSchwetzingen denScheffelbund in Deutschland, dessen Vorsitzender er bis zu seinem Tod war. Der Scheffelbund besteht bis heute als größte literarische Vereinigung Deutschlands inKarlsruhe. Er verleiht alljährlich denScheffelpreis. In Karlsruhe unterhält dasMuseum für Literatur am Oberrhein einen Scheffel-Raum, in dem Exponate zu Leben und Werk gezeigt werden. In seinem Scheffel-Archiv bewahrt der Scheffelbund den Nachlass des Dichters, ein Teil des Nachlasses liegt heute in derBadischen Landesbibliothek.



Scheffel-Denkmäler stehen unter anderem auf dem Karlsruher Scheffelplatz, inBad Säckingen, vor demScheffelschlösschen auf der HalbinselMettnau bei Radolfzell, am Dreiherrnstein zwischenRuhla und Brotterode auf dem Thüringer Rennsteig und inIlmenau.Außerdem steht eine Statue inGößweinstein genau gegenüber dem Scheffel-Gasthof. Eine weitere Statue, die den jungen Scheffel darstellt und vom BildhauerAndreas Krämmer erschaffen wurde, befindet sich in der Bahnhofstraße inBad Staffelstein.[29] Oberhalb der StadtNeustadt an der Weinstraße befindet sich in derHaardt dieScheffelwarte. Diese wurde anlässlich des 100. Geburtstages von Scheffel als spätexpressionistische Sandsteinquadermauer mit Porträtreliefs errichtet.
In zahlreichen Städten und Gemeinden im deutschsprachigen Raum, darunter Karlsruhe, Bad Kissingen,Berlin,[30]Erfurt,Freiburg,Köln,Leipzig, München,Osnabrück,Ratzeburg,Regensburg,Singen,Wangen,Wien,Wiesbaden,Chemnitz undZürich, sind Straßen nach Scheffel benannt.
Mehrere Schulen tragen Scheffels Namen, darunter dasScheffel-Gymnasium Bad Säckingen, dasScheffel-Gymnasium Lahr, die Realschule inBad Staffelstein, die ScheffelschuleRielasingen-Worblingen und die Viktor-von-Scheffel-Schule inKarlsruhe.
DerScheffelpreis wird jährlich durch denScheffelbund (s. o.) an die besten Deutsch-Abiturienten vonBaden-Württemberg und drei weiteren Ländern vergeben.
Die StadtSingen (Hohentwiel) installierte im Mai 2012 zur Erinnerung an von Scheffel denScheffelpfad. An zehn Stationen vermitteln entsprechende Tafeln Informationen zum Leben und Werk von Scheffels, seiner Bedeutung für Singen und die Geschichte der Stadt. Der Pfad beginnt amBahnhof und führt durch die Stadt hinauf zurFestung Hohentwiel,[31] wo sich der Hauptteil der Handlung von Scheffels RomanEkkehard abspielt. In Singen gibt es auch eine Veranstaltungshalle, die den Namen Scheffels trägt, sowie mehrere Straßen, die nach Personen des RomansEkkehard benannt sind: Ekkehardstraße, Hadwigstraße, Romeiasstraße, Hadumothstraße, Audifaxstraße, Praxedisplatz, Spazzostraße, Cappanstraße. Die erste Fußgängerzone Singens hieß „Scheffelstraße“. Eine der beiden Realschulen der Stadt heißt „Ekkehard-Realschule“.
Die SingenerScheffelhalle wurde 1925 als „provisorischer Bau“ für ein großes Sängerfest gebaut und steht als „ausgeprägter Vertreter der expressionistischen Architektur“ unter Denkmalschutz. Die Halle brannte in der Nacht zum 17. November 2020 infolge Brandstiftung nieder. Im Jahre 2025 wurde der Neubau im ähnlichen Stil eröffnet und das 100-jährige Jubiläum der Scheffelhalle gefeiert.
In Radolfzell trägt seit 19. März 2009 die Stadtbibliothek den Namen des Dichters, im Stadtmuseum Radolfzell werden in einem gesonderten Ausstellungsraum, dem Scheffel-Séparée, sein Leben und Werk vorgestellt und dokumentiert. ImSchloss Schönau (Bad Säckingen) erinnern das Scheffelzimmer und das Trompeter-Denkmal im Schlossgarten an Scheffels Aufenthalt und sein VerseposDer Trompeter von Säckingen. InAchdorf (Blumberg) ist die in der Erzählung Juniperus besungene GaststätteLinde nach ihm benannt, sie heißt jetztScheffellinde.[32]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Scheffel, Joseph Victor von |
| ALTERNATIVNAMEN | Scheffel, Joseph Victor |
| KURZBESCHREIBUNG | Schriftsteller, Dichter |
| GEBURTSDATUM | 16. Februar 1826 |
| GEBURTSORT | Karlsruhe |
| STERBEDATUM | 9. April 1886 |
| STERBEORT | Karlsruhe |