


Jesus von Nazareth. Prolog – Die Kindheitsgeschichten ist der erste von drei Bänden des WerksJesus von Nazareth vonPapstBenedikt XVI. über die Gestalt und BotschaftJesu Christi. Der Band soll nach Absicht des Autors thematisch und chronologisch als Prolog zu den vorher erschienenen zwei Schwerpunktbänden über das öffentliche Wirken Jesu angesehen werden. Das deutschsprachige handschriftliche Manuskript des Prolog-Bandes wurde 2012 inCastel Gandolfo verfasst, das Vorwort des Autors trägt das Datum vom 15. August 2012. Das Buch erschien kurz vor Advent 2012, imJahr des Glaubens.[1] Zeitgleich mit der deutschen Originalausgabe desHerder Verlages erschienen Ausgaben in 7 weiteren Sprachen in 50 Ländern mit einer Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren. Der Band soll 2013 in 20 weiteren Sprachen in 72 Ländern erhältlich sein.[2]
Mit dem Band über die Kindheitsgeschichten der Evangelien nachMatthäus undLukas möchte Papst Benedikt XVI. den Lesern „auf ihrem Weg zu Jesus und mit Jesus“ eine einleitende theologische Orientierungshilfe zur Gestalt und BotschaftJesu von Nazareth mitgeben, die er im ersten und zweiten Band mit seiner neuartigen Bibelauslegung ab der Taufe – dem ersten öffentlichen Auftritt – Jesu vielschichtig analysiert und interpretiert.
Auch im Prolog-Band verwebt dieRatzinger-Exegese die historische Komponente der Auslegung – Frage nach der einstigen Absicht derBibelautoren – mit der Frage nach einer universellen und individuellen Bedeutung des für Gegenwart und Zukunft bleibenden Wahrheitsgehalts biblischer Texte, „dessen letzter und tiefster Urheber nach unserem Glauben Gott selber ist“. (Vorwort)
Durch seine Exegese charakterisiert Papst Benedikt XVI. den hermeneutischen Kern derurchristlichen Geschichtsschreibung als zwei, in gegensätzliche Richtungen simultan verlaufene Deutungen: a.) als Deutung der Geschichte vom Wort Gottes her, b.) Deutung des Gotteswortes von der Geschichte her; somit erhalten die alten Worte in der Bibel und die neuen irdischen Geschehnisse um Jesus ihren jeweiligen vollen Sinn voneinander. Der Autor analysiert tiefgreifend das wechselseitige Verhältnis dieser Paralleldeutungen bei den Kindheitsgeschichten von Matthäus und Lukas, in denen die Geschichte Jesu als Verwirklichung derHeilsgeschichte interpretiert wird, die vorher in derSchrift „noch herrenlos“, verborgen dastand (2. Kapitel):
„Aus diesem Zusammenhang zwischen wartendem Wort und dem Erkennen seines nun erschienenen Eigentümers hat sich die typische christliche Exegese gebildet, die neu ist und doch ganz in der Treue zum ursprünglichen Schriftwort bleibt.“
Die Ratzinger-Exegese entwickelt eine empfindliche Annäherung zu ihrer programmatischen Frage, „was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte“ (Dei Verbum, III,12, Dokument desZweiten Vatikanischen Konzils), gerade auch dadurch, dass ihre postkritische kanonische Auslegung – auf ähnliche Weise wie die Evangelien – Glaube und Geschichte quer durch die biblischen Schriften miteinander verbindet.
Für ausführliche Angaben siehe den Wikipedia-Artikel zum 1. Band des Buches:
Die Kapiteltitel gebendePilatus-Frage desJohannes-Evangeliums gehört nur auf indirekte Weise zu den Kindheitsgeschichten Jesu. Sie bildet aber einen Kernpunkt aller vierkanonischen Evangelien, bei denen es um die Beantwortung der untrennbar zusammengehörenden Fragen „Wer ist Jesus?“ und „Woher kommt er?“ geht – darum wurden sie geschrieben. Denn die Frage nach der inneren Herkunft Jesu, nach seinem wahren Wesen muss auch als Frage nach Sein und Sendung betrachtet werden. Die Menschen von Nazareth kennen Jesus wie die anderen Bewohner, paradoxerweise bleibt ihnen das „Woher“ seiner Krafttaten und Weisheit, seine Schriftauslegung mit göttlicher Vollmacht und Aussage über seine himmlische Herkunft (Mk 6,2-3; Joh 8,23) immerhin ein Rätsel.
Die Evangelisten Matthäus und Lukas wollen durch denStammbaum Christi den „Ort Jesu in der Geschichte“ darstellen. Durch die Zentralität vonAbraham undDavid steht bei Matthäus sowohl die Universalität der Sendung Jesu, die in seinem Woher mitgegeben ist, im Mittelpunkt, aber auch die Erfüllung derDavids-Verheißung (Gott gibt ihm den Thron seines Vaters David, und sein Reich wird nicht mehr enden, 2.Sam 7,13-16), daJosef von Nazareth rechtlicher Vater Jesu ist. Der verheißene neue König – Jesus – erscheint allerdings „ganz anders, als man vom Modell David her hätte denken mögen“, sein Reich gründet allein auf Glaube und Liebe. Die Universalität ist auch für Lukas wichtig, er führt aber den Stammbaum noch weiter bis zum erstgeschöpften MenschenAdam zurück, so wird vor allem die Neuschöpfung des Menschen in Jesus betont, der als „Sohn“ noch radikaler „von Gott“ stammt als Adam.[3]
Die symbolische Struktur beider Stammbäume verbindet Historisches und Neues bei Jesus: sein „Verwobensein in die geschichtlichen Wege der Verheißung“ einerseits und den Neubeginn des Menschseins andererseits. Der Neubeginn bedeutet paradoxerweise auch eine Fortsetzung, die „Kontinuität von Gottes geschichtlichem Handeln“. Die unterschiedlich überlieferten männlichen Ahnenreihen beider Stammbäume enden jeweils mitMaria von Nazareth, in der dieser neue Anfang geschieht und die damit „den ganzen Stammbaum relativiert“.
DasJohannesevangelium fasst ohne Ahnenlinien „die tiefste Bedeutung der Stämmbaume“ zusammen. In seinem Prolog (Joh 1,1-14) gibt er „nachdrücklich und grossartig“ Antwort auf das «Woher» und weitet diese zugleich zu einer Definition der christlichen Existenz aus. Der Anfang, der ewige göttliche Logos, das Wort Gottes, gewinnt in Jesus menschliche Existenz. „Er kommt von Gott. Er ist Gott“. Jesus – „als Anfang“ – eröffnet durch den Glauben an ihn eine neue Weise des Menschseins, den Eintritt in die göttliche Herkunft Jesu Christi:
„So wie Stammbäume am Ende abbrechen, weil Jesus nicht von Josef gezeugt wurde, sondern ganz wirklich durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria geboren worden ist, so gilt nun auch für uns: Unser wahrer ‚Stammbaum‘ ist der Glaube an Jesus, der uns eine neue Herkunft schenkt, uns ‚aus Gott‘ gebiert.“
Bei der Verkündigung derJungfrauengeburt Jesu durch den Engel (bei Matthäus an Josef, bei Lukas an Maria) erkennt der Papst ähnliche Akzentuierung der Evangelisten wie bei den Stammbäumen. Josef akzeptiert „mit einer Sensibilität für Gott und seine Wege“ die Botschaft des ihm erschienenen Engels, der ihn ausdrücklich als „Sohn Davids“ anspricht. DieVerkündigung des Engels an Maria wird ebenso als Wahrwerdung der Davids-Verheißung, aber auch als Akt der göttlichen Neuschöpfung des Menschen dargestellt, welche erst durch die dreigeteilte Antwort Marias – Nachdenklichkeit, »Wie«, gehorsames »Ja« – möglich wird. Gottes Allmacht, die „sich aber doch an das freie Ja des Menschen Maria bindet“, gehört auch zum christlichen Freiheitsverständnis, das die Ratzinger-Exegese mitprägt.[4] Durch Marias Gehorsam kann das schöpferische Wort, Gottes Geist, in ihr die Empfängnis Jesu bewirken, dieDreifaltigkeit Gottes ist dabei – noch ohne Lehre zu formulieren – bereits sichtbar.
Der Engel spricht Maria auffallender Weise statt mit dem üblichen hebräischen Grußwortschalom („Friede sei mit dir“) mit der griechischen Grußformelchaĭre an („Freue dich, Begnadete!“, auch „Gegrüßt seist du“), dies kann als Zeichen für die Universalität der christlichen frohen Botschaft gesehen werden und zugleich auch als Hinweis auf dieZefanja-Prophezeiung („Freue dich, Tochter Zion. […] Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte“, Zef 3,14-17): dabei „erscheint Maria als das lebendige Zelt Gottes, in dem er auf eine neue Weise unter den Menschen wohnen will“. In der gemeinsamen Wurzel der griechischen Wörter Freude undGnade (chará undcháris) sieht der Papst ebenso Bedenkenswürdiges: „Freude und Gnade gehören zusammen“. Der Autor geht auch quellenkritischen Fragen der lukanischen Kindheitsgeschichten nach, so sieht er in der mehrmaligen Erwähnung, dass Maria Worte und Ereignissein ihrem Herzen bewahrte (Besuch der Hirten, Lk 2,19, bzw. zwölfjähriger Jesus im Tempel, Lk 2,51), einen Hinweis auf konkrete Ereignisse, die wohl durch Tradition der Familie von Jesu überliefert und dann theologisch geformt wurden. Maria, die dem Ganzen der Gottesbotschaft mit Herz und Verstand begegnet, „wird so zum Bild der Kirche, die das Wort Gottes bedenkt, seine Ganzheit zu verstehen versucht und das Geschenkte in ihrem Gedächtnis bewahrt“.
Einige Exegeten versuchten die Geburtsgeschichte Jesu religionsgeschichtlich aus dem antiken Weltbild abzuleiten. Der Papst sieht die darin erschienenen archetypischen Hoffnungsvorstellungen als „stille und verworrene Träume der Menschheit vom neuen Anfang“, die erst durch die Geburt Jesu Wirklichkeit wurden, wie Matthäus dies mit der Verheißung vonJesaja durch „einen großen christologischen Grundtext“ formuliert: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den NamenImmanuel [Gott mit uns] geben“ (Mt 1,22f; Jes 7,14), dazu dierhetorische Frage des Papstes: „Mußten nicht die Christen dieses Wort alsihr Wort hören? […] Das Wort, das immer so eigentümlich dastand und darauf wartete, entschlüsselt zu werden, nun ist es Wirklichkeit geworden?“. Jesus heißt zwar nicht Immanuel, aber erist Immanuel, er „ist selber in Person das Mitsein Gottes mit dem Menschen“.
Die lukanische Verkündigungs- und Geburtsgeschichte vonJohannes dem Täufer bildet zu jener von Jesu als Messias eine charakteristisch unterschiedliche, literarisch aber ganz nah verwandte Erzählungsgruppe. DieGeburtsankündigung von Johannes, der in allen vier Evangelien als Wegbereiter Jesu gezeigt wird, ist bei Lukas durch prophetische Texten vonMaleachi (Sendung vonElija) undDaniel (Verheißung der ewigen Gerechtigkeit) geprägt. In der lukanischen Verbindung der gegensätzlichen Szenarien beider Geburtsankündigungen durch den Engel – imJerusalemer Tempel inmitten der Liturgie an den Priestervater von Johannes bzw. in einem einfachen Wohnhaus an eine unbekannte junge Frau – sieht der Papst zwei zusammen gehörende Elemente: „die tiefe Kontinuität in der Geschichte von Gottes Handeln und die Neuheit des verborgenen Senfkorns“, das derewiges Leben bringende Jesus ist, dessen Neuer Bund auch durch Demut gekennzeichnet ist.
Benedikt XVI. bejaht die Historizität der Jungfrauengeburt und der Auferstehung als – mit einem Ausdruck vonKarl Barth – zwei Punkte in der Geschichte Jesu, an denen Gott unmittelbar in die materielle Welt eingreift. Weil „Gott Gott ist“ („Für Gott ist nichts unmöglich“ – Lk 1,37), dem nicht nur die Ideen, sondern auch die Materie gehört, umfängt seine schöpferische Macht das ganze Sein.[5]
„Insofern sind diese beiden Punkte – Jungfrauengeburt und wirklicheAuferstehung aus dem Grab – Prüfsteine des Glaubens. […] So ist er [Gott] als Schöpfer auch unser Erlöser. Deswegen ist die Empfängnis und Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ein grundlegendes Element unseres Glaubens und ein Leuchtzeichen der Hoffnung.“

Mit der Erwähnung der Volkszählung desrömischen KaisersAugustus, die Maria und Josef nachBetlehem führt, gibt Lukas seinemGeburtsbericht bewusst einen zugleich historischen und theologischen Rahmen. Der Papst skizziert die dazugehörendepolitische Theologie des Kaisers, der als Friedensbringer (Pax Augusti) eines universalen Reiches auftrat und für sich den Titel eines Heilandes und Retters beanspruchte, welcher aber in der Schrift allein Gott vorbehalten ist. Der für den Evangelisten wichtige historische Zusammenhang lässt die „Fülle der Zeit“ für die verheißene Geburt eines universalen Heilbringers in Bethlehem (Micha 5,1-3 EU) spüren, zu der die Volkszählung ungewollt beiträgt. Bei der Ankunft Jesu durchdringen einander die Geschichte desrömischen Weltreiches und die für alle Völker erweiterte Heilsgeschichte. „Das Universale und das Konkrete berühren einander“ – dies wird auch durch die sorgsame lukanische Datierung der Geburt und des Auftritts Jesu deutlich: zur Menschwerdung Gottes „gehört der Kontext von Ort und Zeit. An diese konkrete Realität ist der Glaube gebunden“.
Der Prologband beschäftigt sich mit dem Datierungsstreit um die Volkszählung und Geburt Jesu. Trotz Schwierigkeiten der Geschichtsforschung[6] (Zeitdistanz, Kompliziertheit des Römischen Reiches), aber gerade auch auf Grund historisch-kritischer Analyse – Bewertung der Quellen, Überlieferungsstränge, Redaktion und theologische Sichten – sind für den Papst „die wesentlichen Inhalte der von Lukas berichteten Vorgänge […] historisch glaubhaft“.
Benedikt XVI. legt die Einzelheiten der Geburt Jesu nuanciert aus. Gottes Sohn wird in einerFutterkrippe geboren, weil ihm in der Herberge kein Platz bleibt – ein Hinweis auf jene Umkehrung der Werte, die in der Gestalt und Botschaft Jesu liegt: dieser Ohnmächtiger, für den kein Raum da ist,[7] erweist sich als wahrhaft Mächtiger. Seine Geburtslokalität dürfte wohl eineGrotte (kein Stall) sein, wiekirchenväterliche Überlieferung und betlehemitische Lokaltradition, aber auch historische Zusammenhänge dies bekräftigen. Im Lukasevangelium wird kein Stall erwähnt sowie kein Ochs und Esel, welche seit früher Zeit in der christlichenIkonografie für durch das Jesuskind zur christlichen Erkenntnis kommende Juden und Heiden stehen. In der Futterkrippe sah schonAugustinus einen Verweis auf den Tisch Gottes, an den der Mensch geladen ist, daseucharistische Brot und damit Jesus alsewiges Leben schenkende wahre Nahrung zu empfangen.