Jan Jessenius, auchJan Jesenský,Johannes Jessen(ius) undJohann Jessenius von Jessen sowieJessenius de Magna Jessen,Ioannes Jesenius,Ján Jesenský,Jan Jesensky a Jesen,Johann Jessenski von Jessen (*27. Dezember1566 inBreslau; †21. Juni1621 inPrag), war ein deutscherMediziner (Chirurg und Anatom), Hochschullehrer in Prag,Politiker undPhilosophslowakischer Abstammung ausBöhmen.
Jan Jessenský war der Sohn von BalthasarJessenský, einem Adeligen aus derTurz (Ort „Welke Jaseno“, heute Teil vonTurčianske Jaseno) imKöniglichen Ungarn, der vor den Türken vonBuda nach Breslau geflüchtet war.
Jessenký besuchte das BreslauerElisabethgymnasium und studierte seit 1583 Medizin, zunächst inWittenberg, dann inLeipzig und schließlich 1588 inPadua, wo er 1591 promoviert wurde.
Johann (Jan) JesseniusJan Jessenius, Silbermedaille 1618
1593 war Jessenius kurze Zeit als Arzt in seiner Geburtsstadt Breslau tätig. Im Jahr 1594 wurde ihm an derUniversität Wittenberg die Professur fürChirurgie und daraufhin die fürAnatomie übertragen. Die Übernahme der anatomischen Professur nach dem Tod des vorherigen Inhabers Hieronymus Niemann im Jahr 1594 führte jedoch zu Konflikten. Die Universität Wittenberg, vertreten durch ihren Rektor, protestierte gegen die Berufung von Jessenius und zweifelte seinen in Padua erworbenen Doktorgrad an. Sie bevorzugten eigene Kandidaten, darunter den erfahrenenMartin Biermann sowie die jüngeren Doktoren Bartholomäus Hierovius und Caspar Keilhammer.[1]
Trotz des Widerstands der Universität, stellte HerzogFriedrich Wilhelm Jessenius am 14. Januar 1594 als „Leibarzt von Hause aus“ ein, für sich und seine Mündel, einschließlich des späterenKurfürstenChristian II. Jessenius erhielt neben seinem Gehalt in Wittenberg zusätzliche 150 Florin in vier Raten sowie Verpflegung nicht nur am Hof, sondern auch während seiner Reisen zu Patienten. Am 14. Januar 1595 heiratete Jessenius inBreslau Maria Fels, die Tochter des Registrators Adam Fels.[1]
In den folgenden Jahren führte Jessenius zahlreiche Sektionen durch, die von Theologen kritisiert wurden. Insbesondere der TheologeAegidius Hunnius erhob 1599 Einwände gegen die öffentliche Sektion einer in Schmiedeberg hingerichteten Frau. Hunnius war besorgt, dass solche Sektionen „Zucht und Ordnung“ untergraben könnten, insbesondere wenn der Körper einer Frau nach der Hinrichtung öffentlich untersucht und zergliedert wurde. Hunnius argumentierte zudem, dass die öffentliche Zurschaustellung und Zergliederung des Körpers einer enthaupteten Person deren Würde posthum verletze. Bei Gehängten sah er jedoch weniger Bedenken bezüglich der Würde, da er annahm, dass das bloße Aufhängen nicht das gesamte Strafmaß darstelle. Jessenius verteidigte die wissenschaftliche Notwendigkeit von Sektionen beider Geschlechter in einerStreitschrift, die er Anfang 1600 veröffentlichte.[1]
Anfang 1600 zog Jessenius infolge von Erbstreitigkeiten nach dem Tod seines Vaters[1] nachPrag, wo er die erste öffentlicheAutopsie in denböhmischen Ländern durchführte und damit großes Aufsehen erregte. Er war Gelehrter und medizinischer Berater am Hof KaiserRudolfs II. und später auch Leibarzt des kränkelnden Monarchen. 1601 hielt er die Leichenrede für den unter nicht völlig geklärten Umständen vorzeitig verstorbenen Hofmathematiker des Kaisers,Tycho Brahe. Im Juli 1609 schrieb sich Jessenius während eines Aufenthaltes inRostock in die Matrikel derUniversität ein.[2] Zu jener Zeit war er Leibarzt des ungarischen KönigsMatthias II. Aus seiner hervorragenden Position heraus knüpfte Jessenius vielfältige Kontakte zu bedeutenden Vertretern desböhmischen Herrenstands, so zum Beispiel zuKarl d. Ä. von Žerotín. 1617 wurde er zum Rektor derKarls-Universität Prag gewählt. Er setzte sich dafür ein, dass die seit derHussitischen Revolution nur ein Schattendasein fristende Akademie wieder zu einer vollständigen Universität ausgebaut würde. 1619 wandte sich Jessenius wegen der Erneuerung der Karls-Universität mit einer Denkschrift an den in Prag versammelten Generallandtag der böhmischen Länder. Im selben Jahr trat er auch in die Dienste des neu gewählten böhmischen KönigsFriedrich von der Pfalz.
Jan Jessenius war nicht nur ein bedeutender Mediziner, der auch für die Gleichberechtigung der Chirurgie mit der Medizin kämpfte,[3] sondern betätigte sich während desStändeaufstandes in Böhmen auf protestantischer Seite auch als Politiker. Nach demzweiten Prager Fenstersturz wurde er 1618 vom ständischenDirektorium in diplomatischer Mission an denungarischen Reichstag gesandt.Ferdinand II. ließ ihn danach inPreßburg als Rebellen verhaften und insGefängnis nach Wien bringen. Im Dezember wurde er im Austausch gegen zwei Habsburg-Anhänger, die in Prag einsaßen, freigelassen. Nach einer Legende hinterließ Jessenius in seiner Wiener Zelle die InschriftIMMMM an der Wand. Ferdinand deutete dies alsImperatorMatthiasMenseMartioMorietur (deutsch:Kaiser Matthias wird im Monat März sterben), was im Folgejahr tatsächlich geschah. Der Habsburger fügte eine zweite Deutung hinzu:IesseniMentirisMalaMorteMorieris (deutsch:Jessenius, du lügst und wirst eines schrecklichen Todes sterben). Diese Prophezeiung erfüllte Ferdinand selbst, indem er Jessenius nach der Niederlage der Aufständischen in derSchlacht am Weißen Berg auf dem Prager Altmarktenthaupten ließ.
De mithridatio et theriaca Disputatio. His annexi Iani Matthaei Durastantis De Aceto Scillino Atque Aloe Medicamentis Valetudini tuendae, vitæ proprogandæ singularibus, Tractatus Duo. Nec Non Nicolai Curtii ... De Medicamentis lenientibus, præparantibus & purgantibus Wittenberg (Stephanus Marcellus Austrius) 1598. Nachdruck Gießen 1614 (Digitalisat der Ausg. Chemlin, Gießen 1614).
Anatomiae Pragae Anno M. D. C. abs se solenniter administratae historia. Accessit eiusdem de ossibus tractatus. Seuberlich, Wittenberg 1601 (Digitalisat).
Tschechische Übersetzung: Jan Jessenius z Jasené:Průběh pitvy jím slavnostně provedené v Praze L.P. MDC, k níž byl přičleněn Traktát o kostech. Praha 2004.
Slowakische Übersetzung:Traktát o kostiach. Martin 1981.
Anatomia (1600)
De vita et morteTychonis Brahei oratio funebris. Pragae 1601.
Institutiones Chirurgicae quibus universa manu medendi ratio ostenditur. Wite[n]bergae 1601. (mit Beiträgen von: Melchior Ioestelius, Adam Theodor Siberus, Daniel Sennert, Ambrosius Gertnerus u. Jacob Typotius).
Deutsche Fassung:Anweisung zur Wund-Artznei, in welcher alle u. jede Art u. Weise durch die chirurgischen Handgriffe zu heilen gewiesen werden. Nürnberg 1674.
De anima et corpore universi. Prag 1605 (Digitalisat).
De generationis et vitae humanae periodis tractatus duo. Lehmann, Wittenberg 1602.
Divorum imperatorum … Ferdinandi I. et Maximiliani II. progenies augusta. Francofurtum 1613.
Matthiae Austriaci coronatio in regem Hungariae. [Hannover 1613].
De sanguine vena secta demisso judicium. Daniel Sedesanus [Sedlčanský], Prag 1618.
Neudruck und slowakische Uebersetzung mit dem lateinischen Text: František Šimon u. a.:Ján Jessenius, O krvi.Pavol-Jozef-Šafárik-Universität in Košice (Univerzita P. J. Šafárika v Košiciach), Košice 2007.
neue Ausgabe mit ausführlichem Kommentar:D. Johannis a Jessen Equ. Hung. de Sanguine, Vena Secta, dimisso Judicium, Notis et Castigationibus ad hodierna et vera Artis medicae principia accomodatum a Jacobo Pancratio Brunone. Nürnberg 1668.
Ad Regni Boemiae, Simulque Coniunctarum, Faederatarum Provinciarum, Marchionatus Moraviae, Ducatus Silesiae, & Marchionatus Lusatiae, Inclitos Ordines: De Restauranda Antiquissima Pragensi Academia, Rectoris Jessenii … Exhortatio. Congregatis Pragae, Mense Augusto, Anni MDCXIX. exhibita. (= deutsch:An deß Königreichs Böheimb/ unnd derselben incorporirten Landen/ alß Marggraffthumbs Mährern/ Hertzogthumbs Schlesien/ Marggraffsthumbs Laußnitzs/ löbliche Stände, wegen erneuerung/ der Uhralten Pragrischen Universitet, vermanung/ Von deroselben Rectorn Doct. Jessenio, neben seinen Collegen, bey derer versammlung, zu Prag, im August Monat, deß 1619. Jahr/ ubergeben.) Pragae 1619.
Legationis in regiis Ungaror. comitiis proximis, nomine evangelicorum regni Boemiae ordinum, a Jessenio … obitae, Renunciatio. Pragae 1619.
Deutsche Version:Ablegung der Legation, Auff den letztgehaltenen Königlichen Reichstag, in Ungarn, im Namen der Evangelischen Stände deß Königreichs Böheim / Von Doct. Jessen verrichtet … Erstlich in Lateinischer Sprach zu Prag getruckt, Nun aber in Hochteutsch … verdolmetschet. 1619.
Oratio parresiastica, qua auxilia a rege et ordinibus Ungariae petuntur, habita Neo-Solii in comitiis. Saragossa 1621.
↑abcdAndreas Lesser:Die albertinischen Leibärzte: vor 1700 und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu Ärzten und Apothekern (= Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung.Band34). Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015,ISBN 978-3-7319-0285-0,S.131–133.
Maria Bokesová-Úherová:Ján Jessenius. Velký humanistický ucenec a bojovnik (1566–1621). Na 350. výrocie smrti. Bratislava 1971.
Jonas Graetzer:Lebensbilder hervorragender schlesischer Ärzte. Breslau 1889; Neudruck Vaduz 1978, S. 46–52.
Josef Polišenský:Jan Jesenský-Jessenius (Studie s ukázkami z díla. S dokumentárními obrazovými přílohami). Praha 1965.
Friedel Pick:Joh. Jessenius de magna Jessen. Arzt und Rektor in Wittenberg und Prag, hingerichtet am 21. Juni 1621. Ein Lebensbild aus der Zeit des 30jährigen Krieges. (= Studien zur Geschichte der Medizin. 15). Leipzig 1926.
Friedel Pick:Denkschrift des Rektors Johannes Jessenius von Groß-Jessen an den Generallandtag von 1619 über Erneuerung der Prager Universität. Prag 1920.(Enthält den Originaltext von: „De restaurando antiquissima Pragensi academia…“).
Johann Henrich Reitz:Historie der Wiedergebornen, Teil 5, Zweyte Historie/Von Johanne Jessenio, berühmtem Doctor Medicinae, und vonGeorg Balthasar/einem einfältigen Baursmann in Böhmen. 1726 (books.google.de).
László Ruttkay:Jeszensky (Jessenius) János és kora1566-1621. Semmelweis Orvostörténeti Múzeum és Könyvtár, Budapest 1971.
L’udo Zúbek:Doktor Jesenius, Móra Ferenc Könyvkiadó. Budapest 1966.
L’udo Zúbek:Doktor Jesenius, Szlovákiai Szépirodalmi Könyvkiadó-Móra Ferenc Könyvkiadó. Bratislava(Pozsony)-Budapest, 1958.
Heiner Lück:Eine Kontroverse um die öffentliche Sektion weiblicher und männlicher Leichen an der Universität Wittenberg. Johannes Jessenius (1566–1621) contra Ägidius Hunnius d. Ä. (1550–1603). In: Stefanie Fabian / Mareike Fingerhut-Säck (Hrsg.):Der Mensch in der Neuzeit: Alltag – Körper – Emotionen: Festschrift für Eva Labouvie zum 65. Geburtstag. Böhlau, Wien / Köln 2022,ISBN 978-3-412-52472-2, S. 121–150.
Andreas Lesser:Die albertinischen Leibärzte vor 1700 und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu Ärzten und Apothekern. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015,ISBN 978-3-7319-0285-0, S. 131–133.
1983 drehte das tschechoslowakische Fernsehen eine fünfteilige Fernsehserie über Jan Jesenský. Der Titel warLekár umierajúceho času (deutsch:Arzt einer sterbenden Zeit – Das Leben des Jan Jessenius). Sie wurde 1987 auch im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Titelrolle spieltePetr Čepek.