Jacques René Chirac wurde 1932 inParis geboren. Sein Vater Abel François Chirac (1893–1968) schaffte es vomBuchhalter zum Vermögensberater und Vertrauten der einflussreichen IndustriellenfamilieDassault. Seine Mutter Marie-Louise Valette (1902–1973) war Hausfrau. Die Eltern stammten ausSainte-Féréole im ländlichenDépartement Corrèze in der zentralfranzösischen RegionLimousin.[1]
Chirac war seit 1956 mitBernadette Chirac, geborene Chodron de Courcel, verheiratet und hatte mit ihr zwei Töchter, Laurence (1958–2016) undClaude Chirac (* 1962). 1979 hatte das Ehepaar dieVietnamesinAnh Dao Traxel (* 1958) bei ihrer Ankunft in Frankreich alsBootsflüchtling ohne gerichtlichenAdoptionsbeschluss als Tochter angenommen. Diese schilderte 2006 in ihrerAutobiografie Chirac sehr positiv, obwohl sie 1995 nach einer schleichenden Entfremdung aufgefordert wurde, das Familienheim zu verlassen und der Kontakt daraufhin abgerissen war.[2]
Bei der Parlamentswahl 1967 wurde Chirac als Abgeordneter des 3. Wahlkreises desDépartements Corrèze in die Nationalversammlung gewählt. Dieser Wahlkreis hatte zuvor einen sozialistischen Abgeordneten gehabt. Im Mai 1967 wurde Chirac zum Staatssekretär für Beschäftigung (unter dem ArbeitsministerJean-Marcel Jeanneney) imKabinett Pompidou III ernannt. Pompidou nannte ihn seinen „Bulldozer“. Im Juli 1968 wechselte er als Staatssekretär ins Finanz- und Wirtschaftsministerium (unter dem MinisterFrançois-Xavier Ortoli). Diese Position behielt er auch nach dem Rücktritt de Gaulles und der Wahl seines Förderers Georges Pompidou zum Staatspräsidenten. Im Januar 1971 wurde erbeigeordneter Minister beim Premierminister für die Beziehungen zum Parlament imKabinett Chaban-Delmas. Ab Juli 1972 diente Chirac als Landwirtschaftsminister in den KabinettenMessmer I undII. InPierre Messmersdritter Regierung war Chirac von Februar bis Mai 1974 Innenminister.
Premierminister, RPR-Vorsitzender, Bürgermeister von Paris
Nach Pompidous plötzlichem Tod wurde 1974 eine vorgezogene Präsidentschaftswahl abgehalten. Entgegen der offiziellen Linie der gaullistischenUDR (Nachfolgerin der UNR) sprach sich Chirac bei dieser Wahl gegen seinen ParteikollegenJacques Chaban-Delmas und fürValéry Giscard d’Estaing von den liberal-konservativenRépublicains indépendants aus. Dieser gewann die Wahl und berief Chirac am 27. Mai 1974 zumPremierminister. Im Dezember desselben Jahres wurde er zudem zum Generalsekretär der UDR gewählt. Während seiner Regierungszeit wurde das Alter derVolljährigkeit auf 18 Jahre abgesenkt, derSchwangerschaftsabbruch (in den ersten 10 Wochen oder aus medizinischen Gründen) straflos gestellt und die öffentliche RundfunkanstaltOffice de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) aufgelöst. Damit brach er mit mehreren Positionen, die die gaullistischen Regierungen zuvor vertreten hatten. Nach Konflikten mit dem Staatspräsidenten trat er am 26. August 1976 zurück; sein Nachfolger wurde der ParteiloseRaymond Barre.
Im Dezember 1976 gründete Chirac dasRassemblement pour la République (RPR) als neue Organisation der (Neo-)Gaullisten und Nachfolgepartei der UDR. Das RPR war bis 2002 die größte Partei rechts der Mitte in Frankreich, Chirac führte es bis 1994. Im Jahr 1977 wurde das Amt desBürgermeisters von Paris(maire de Paris) wiedereingeführt, zuvor war die Hauptstadt über ein Jahrhundert vonPräfekten der Zentralregierung verwaltet worden. Obwohl er die Einführung dieses Amtes zuvor selbst abgelehnt hatte, trat er zur Bürgermeisterwahl an und gewann. Er wurde 1983 und 1989 wiedergewählt und blieb bis 1995 Rathauschef von Paris. Aus dieser Zeit stammen schwerwiegende Korruptionsvorwürfe gegen ihn, die wegen seinerImmunität als Staatspräsident damals aber noch nicht aufgeklärt werden konnten.Nach derEuropawahl 1979 wurde Chirac Mitglied desEuropäischen Parlaments; er gab diese Position im April 1980 auf.[8] Chirac trat1981 zur Präsidentschaftswahl an, schied aber mit 18 % der Stimmen als Drittplatzierter hinter dem Amtsinhaber Giscard d’Estaing und dem letztlich siegreichen SozialistenFrançois Mitterrand aus.
Cohabitation: Staatspräsident Mitterrand und Premierminister Chirac (1986)
Nach fünf Jahren in der Opposition gewannen die bürgerlichen Parteien RPR undUDF aber im März 1986 die Parlamentswahl. Der Sozialist Mitterrand musste Chirac als Führer der Mehrheitspartei zum Premierminister ernennen (Kabinett Chirac II). Erstmals in der Fünften Republik kam es zurCohabitation, d. h., dass Staatspräsident und Premierminister gegensätzlichen politischen Lagern angehörten. InPersonalunion blieb Chirac daneben weiterhin Bürgermeister von Paris. Chirac setzte sich für die Ratifikation derEinheitlichen Europäischen Akte ein. Damit verzichtete Frankreich auf das nationale Vetorecht im EG-Rat, für das sich PräsidentCharles de Gaulle 21 Jahre zuvor vehement eingesetzt hatte.[9]
Bei derPräsidentschaftswahl 1988 trat Chirac erneut an. Diesmal qualifizierte er sich für die Stichwahl, unterlag dann aber mit 46 zu 54 Prozent dem Amtsinhaber François Mitterrand. Dieser entließ Chirac am 10. Mai 1988 als Premierminister und ernannte wieder einen Sozialisten,Michel Rocard. Auch bei der darauffolgendenParlamentswahl setzte sich das linke gegen das konservative Lager durch. Beim RPR-Parteitag vonLe Bourget gab es 1990 eine Kampfabstimmung: Die „orthodoxen“ und „sozialen Gaullisten“ unter Führung vonCharles Pasqua undPhilippe Séguin forderten eine Rückbesinnung auf die populistischen und sozialen Prinzipien des Gaullismus und lehnten einen weiteren Ausbau europäischer Institutionen ab. Chirac verband die Abstimmung über den Programmantrag mit der Vertrauensfrage über seine Position als Parteivorsitzender und brachte mehr als zwei Drittel der Delegierten hinter sich.[10]
Beim Referendum über den EU-Vertrag von Maastricht 1992 sprach sich Chirac für ein „Ja“ aus, während ein Großteil der RPR-Wähler diesen ablehnte.[9] Die Mitte-rechts-Parteien RPR und UDF gewannen dieParlamentswahl 1993 mit überwältigenden Mehrheit. Es kam zur zweiten Cohabitation. Chirac überließ das Amt des Premierministers aber seinem ParteikollegenÉdouard Balladur, da er bei der zwei Jahre darauf stattfindenden Wahl das Amt des Staatspräsidenten anstrebte.
Bei derPräsidentschaftswahl im April und Mai 1995 trat – entgegen ihrer Absprache, sich die beiden Spitzenämter zu teilen – neben Chirac auch Édouard Balladur an. Das RPR war gespalten: Chirac wurde innerparteilich u. a. vonAlain Juppé undDominique de Villepin unterstützt, währendFrançois Fillon undNicolas Sarkozy auf der Seite Balladurs standen. Chirac betrachtete dieballaduriens noch Jahre später als Verräter, deren politische Karrieren er behinderte, während er seine Getreuen(chiraquiens) besonders förderte.[11] Die traditionell mit der RPR verbündete UDF unterstützte offiziell Balladur, aber einzelne UDF-Politiker, darunter der Ex-Präsident Giscard d’Estaing, sprachen sich für Chirac aus.
Im Wahlkampf thematisierte Chirac den „sozialen Bruch“ (fracture sociale – ein vonEmmanuel Todd geprägter Begriff), den er zu überwinden versprach.[12] Der Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen räumte er höchste Priorität ein, nötigenfalls sollte Frankreich dafür auch dieMaastrichter Konvergenzkriterien verletzen.[9] So zog er die „sozialen Gaullisten“ um Philippe Séguin, die ihm zuvor eher kritisch gegenübergestanden hatten, auf seine Seite.[13] In der ersten Runde erhielt er 20,84 % der Stimmen (der SozialistLionel Jospin erhielt 23,30 % und Balladur 18,58 %). In der Stichwahl gegen Jospin setzte sich Chirac mit 52,64 % durch. Am 17. Mai 1995 wurde er feierlich in das Präsidentenamt eingeführt. Am selben Tag entließ er seinen Rivalen Balladur alsPremierminister und ernannte seinen langjährigen VerbündetenAlain Juppé.
Am 16. Juli 1995 erkannte Chirac in einer Rede, die er am Jahrestag derRazzia vom Vélodrome d’Hiver hielt, erstmals für den von ihm repräsentierten Staat an, dass Frankreich sich zur Zeit derOccupation an derDeportation und Vernichtung der im Lande lebendenJuden aktiv beteiligt habe und mit in dieser moralischen und politischen Verantwortung stehe. Als Staatspräsident sprach Chirac offiziell von „gemeinsamer“ und „unauslöschlicher Schuld“ seines Landes: „Diese Stunden der Finsternis besudeln für immer unsere Geschichte. Sie sind eine Schande für unsere Vergangenheit und für unsere Überlieferungen. Der kriminelle Wahn der Besatzer wurde von Franzosen unterstützt, vom französischen Staat.“[14] Als Folge erkannten die Gerichte Forderungen aufSchadensersatz an, zum Beispiel in den Prozessen gegen die StaatsbahnSNCF wegen Deportationen.
Kurz nach Amtsantritt entschied Chirac, die umstrittenenKernwaffentests aufMururoa nach einem dreijährigen, unter AmtsvorgängerMitterrand verwirklichten Moratorium wieder aufzunehmen; es gab heftige internationale Proteste.[15] Die Regierung Juppé verfolgte ab Oktober 1995 liberale Wirtschaftsreformen, um – entgegen Chiracs Wahlkampfrhethorik – die EU-Konvergenzkriterien doch einzuhalten, was im Wesentlichen einer Fortsetzung der Politik Balladurs entsprach.[9][13] 1992 stellte Präsident Mitterrand die Atomwaffentests ein, 1995 ließ Chirac sie kurz vor dem 50. Jahrestag von Hiroshima wieder anlaufen. Am 27. Januar 1996 fand dann Frankreichs letzter Test unter dem Atoll Mururoa statt. Im gleichen Jahr unterzeichnete Frankreich später den Vertrag über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen.[16] Chirac erhielt 1996 für die einstige Wiedereinführung der Tests im Pazifik kurz vor dem damaligen Hiroshima-Jahrestag denIg-Nobelpreis in der Kategorie Frieden.[17]
Im April 1997 löste Chirac das Parlament auf, da er während umstrittener wirtschaftlicher Reformen[18] eine stabile konservative Mehrheit bei dervorgezogenen Neuwahl zu erhalten hoffte. Sein Plan schlug jedoch fehl; der SozialistLionel Jospin wurde Premierminister und Chirac musste die nächsten fünf Jahre erneut in einerCohabitation (mit demKabinett Jospin) verbringen, diesmal als Präsident. Die RPR verfiel in innerparteiliche Kämpfe: Viele Politiker gaben dem Präsidenten die Schuld an der verlorenen Wahl.Balladuriens und „soziale Gaullisten“ drängten den Chirac-Vertrauten Juppé zum Rücktritt vom Parteivorsitz, sein Nachfolger war Philippe Séguin. Eine Vielzahl innerparteilicher Rivalen bereitete sich vor, Chirac 2002 die Präsidentschaft streitig zu machen.[19]
Der erste Wahlgang derStaatspräsidentenwahl am 21. April 2002 mit den beiden Favoriten, Amtsinhaber Chirac und Ministerpräsident Jospin, wurde als ein politisches Erdbeben rezipiert:Jean-Marie Le Pen, Kandidat derrechtsextremenFront National (FN) erreichte mit 16,86 Prozent der Stimmen den zweiten Platz nach Chirac, der mit 19,88 Prozent der Stimmen das schlechteste Ergebnis eines zur Wiederwahl angetretenen Staatspräsidenten erhielt. Lionel Jospin erhielt nur 16,18 Prozent der Stimmen und war damit als Drittplatzierter ausgeschieden. Jospin war nicht zuletzt Opfer der zersplitterten Linken geworden, deren Stimmen sich auf mehrere Kandidaten verteilt hatten.
Als Reaktion auf sein schlechtes Abschneiden rief Chirac nach dieser ersten Wahlrunde zusammen mit dem früheren MinisterpräsidentenAlain Juppé das rechtsbürgerliche WahlbündnisUnion pour la Majorité Présidentielle (UMP; später inUnion pour un mouvement populaire umbenannt, heuteLes Républicains) ins Leben (wohl mit dem Ziel, so seinen Konkurrenten für den zweiten Wahlgang der Staatspräsidentenwahl – Jean-Marie Le Pen – schlagen zu können). DankUMP und der Unterstützung fast aller linken und bürgerlichen Kräfte, die die Wahl zu einem „Anti-Le-Pen-Referendum“ werden ließen, wurde Chirac – mit 25,5 Millionen Stimmen bzw. 82,21 Prozent – gewählt. Es war das beste Ergebnis, das jemals ein Präsidentschaftskandidat in Frankreich erreichte.
Chirac gegen Ende seiner Präsidentschaft (März 2007)
Nach seiner Wiederwahl, dem Rückzug Jospins aus der Politik und dem Wahlsieg der UMP bei derParlamentswahl 2002 konnte sich Chirac für seine zweite Amtszeit wieder auf eine rechte Mehrheit in der Nationalversammlung stützen. Premierminister wurdeJean-Pierre Raffarin.
Chirac sprach sich entschieden gegen die Pläne derRegierung Bush für denKrieg gegen den Irak aus, Frankreich legte imSicherheitsrat der Vereinten Nationen ein Veto gegen die geplanten Resolutionen für den Krieg ein. Durch die gemeinsame Haltung in der Irak-Frage sei das persönliche Vertrauen zwischen Chirac und dem deutschen BundeskanzlerGerhard Schröder „sehr viel größer und tiefer geworden“, hielt Letzterer in seinen Memoiren fest.[20] Das Verhältnis zu den USA und auch zu Großbritannien (Kabinett Blair II) verschlechterte sich dadurch erheblich. Chirac führte außerdem ein Referendum über denEuropäischen Verfassungsvertrag herbei. Im Wahlkampf um das Referendum wurde auch die Frage desBeitritts der Türkei zur Europäischen Union thematisiert (den Chirac befürwortete); außerdem gab es eine Debatte um die wirtschafts- und sozialpolitische Ausrichtung der EU. Zusätzlich überlagert von einer Debatte um innenpolitische Reformen derRegierung Raffarin vor allem in der Sozialpolitik, wurde der Verfassungsvertrag schließlich am 29. Mai 2005 mit knapp 55 Prozent der Stimmen abgelehnt. Diese Ablehnung wurde auch als persönliche Niederlage des Präsidenten interpretiert, der sich im Wahlkampf stark engagiert hatte.[21] Raffarin übernahm die politische Verantwortung für die Niederlage und trat als Premierminister zurück.
Äußerungen von Chirac anlässlich eines Truppenbesuchs im Januar 2006 fanden international – insbesondere wegen des sich zuspitzendenAtomstreits mit dem Iran – große Beachtung; viele Beobachter deuteten sie als eine „Kehrtwende“ in der bisherigen Nukleardoktrin Frankreichs. Chirac drohte denTerrorismus unterstützenden Staaten mit Atomschlägen, sollten diese Frankreich angreifen. Ohne denIran direkt anzusprechen, kündigte er auf dem MilitärstützpunktÎle Longue „Anführern“ solcher Staaten Vergeltung in „nicht konventioneller“ Weise an. Ausdrücklich spielte Chirac jedoch auf „die Versuchung gewisser Staaten“ an, „sich unter Bruch der Verträge mit Atomwaffen auszustatten“. Chirac erklärte den Einsatz von Nuklearwaffen auch für den Fall als gerechtfertigt, dass ein Staat mit terroristischen Mitteln die „lebenswichtigen Interessen“ Frankreichs oder diejenigen seiner Verbündeten bedrohe.[22]Neu daran waren allerdings weder der Vorbehalt noch dieTerminologie; neu war die berechnend auf den Termin – und den offenkundigen Adressaten – gesetzte Ausdrucksweise. Chiracs Äußerungen wurden auch in Deutschland teils scharf kritisiert. Unter anderem wurde er des Verstoßes gegen dasVölkerrecht bezichtigt. Oppositionsparteien imDeutschen Bundestag forderten BundeskanzlerinAngela Merkel auf, sich klar von Chirac zu distanzieren.
Chirac ernannte seinen VertrautenDominique de Villepin zum neuen Premierminister (→Kabinett de Villepin). Damit überging er den Vorsitzenden der UMP,Nicolas Sarkozy, der Staatsminister und erneut Innenminister wurde. Das Verhältnis zwischen Chirac und Sarkozy galt als zerrüttet: zum einen, weil Sarkozy 1995 enger Mitarbeiter von Chiracs Konkurrent Édouard Balladur war; zum anderen, weil Sarkozy sehr offen auf eine eigenePräsidentschaftskandidatur 2007 hinarbeitete.[23] Die immer schärfer ausgetragene Rivalität zwischen de Villepin und Sarkozy um die Nachfolge Chiracs prägte dessen verbleibende Amtszeit, unter anderem mit derClearstream-Affäre. Als der von Chirac favorisierte de Villepin nach der Clearstream-Affäre nicht mehr als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung stand, hielt sich Chirac eine eigene erneute Kandidatur lange offen, auch noch nach der Nominierung Sarkozys zum Präsidentschaftskandidaten der UMP. Erst am Abend des 11. März 2007 erklärte Chirac in einer Fernsehansprache offiziell, nicht an der Präsidentschaftswahl 2007 teilzunehmen.[24] Für seine Nachfolge an der Spitze Frankreichs äußerte er keine Wahlempfehlung.Am6. Mai 2007 wurde Sarkozy zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Am 16. Mai übergab Chirac das Amt des Staatspräsidenten an ihn.
Zum 90. Geburtstag von Chirac wurde im Januar 2022 in Frankreich eine 2-Euro-Gedenkmünze in der Auflage von 9 Millionen Stück in Umlauf gebracht.[25]
Chirac wohnte seit seinem Ausscheiden aus dem Amt des Staatspräsidenten in Paris und seinem Schloss auf dem Lande. Er war als ehemaliger Staatspräsident Mitglied desConseil constitutionnel, nahm aber zuletzt im Dezember 2010 an einer Sitzung teil und verzichtete im März 2011 offiziell bis auf weiteres auf die Wahrnehmung seiner Funktion.[26]Mit dem Ausscheiden als Staatspräsident endete auch die Immunität Chiracs, womit die juristische Aufarbeitung einiger Affären, die teils noch auf die Tätigkeit Chiracs als Pariser Bürgermeister zurückgingen, möglich wurde.
DieAffäre Clearstream II, eine Untersuchung zu angeblichen geheimen Konten der luxemburgischen ClearinggesellschaftClearstream beim Verkauf französischerFregatten anTaiwan in den frühen 1990er Jahren, zog weite Kreise in der französischen Politik und Wirtschaft, nachdem im Jahr 2004 einem französischen Untersuchungsrichter anonym eine CD-ROM mit 16000 Konten zugespielt worden war. Chirac, dessen Immunität im Juni 2007 endete, wurde von den mit den Ermittlungen befassten Richtern als Zeuge in Erwägung gezogen, wogegen sich sein Anwalt Jean Veil verwahrte.[27]
Ende Oktober 2009 entschied ein Pariser Untersuchungsgericht, ein Strafverfahren wegen„Veruntreuung öffentlicher Gelder“ (détournement de fonds) und„Vertrauensmissbrauch“ (abus de confiance) gegen Chirac einzuleiten. Ihm wurde vorgeworfen, in seinen Amtszeiten als Bürgermeister von Paris (1977–1995) und als Vorsitzender derRassemblement pour la République (1976–1994) ein System„verschränkter Kostenübernahme“ geduldet und Parteifunktionäre und Nahestehende mit Gefälligkeitsjobs versorgt zu haben.[28][29] In mehreren Fällen sahen es die Ermittler als erwiesen an, dass Scheinarbeitsverträge geschlossen wurden. Der Stadt Paris sei so ein Schaden von fünf Millionen Euro entstanden.[30]Im März 2011 wurde der Prozess gegen Chirac eröffnet;[31] wenige Stunden später wegen einer Verfahrensfrage vertagt. Die Stadt Paris, die durch die mutmaßlichen Scheinarbeitsverträge Geschädigte, hatte darauf verzichtet, als Nebenklägerin aufzutreten. Vorher hatten Chirac und die Partei UMP der Stadtkasse mehr als zwei Millionen Euro erstattet. Wegen Chiracs Gesundheitszustand fand die Verhandlung am 5. September 2011 ohne ihn statt.[32]Obwohl die Staatsanwaltschaft einen Freispruch gefordert hatte, wurde Chirac am 15. Dezember 2011 wegen Veruntreuung öffentlicher Mittel und illegaler Parteienfinanzierung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.[33]Chirac widersprach dem Urteil, er werde aber keine Berufung einlegen, da er nicht die „nötigen Kräfte, um vor neuen Richtern einen Kampf um die Wahrheit zu führen“ besitze.[34]
Grabstätte, Cimetière du Montparnasse, 2. Oktober 2019
Am 26. September 2019 starb Jacques Chirac im Kreise seiner Familie im Alter von 86 Jahren nach längerer Krankheit in seiner Wohnung in Paris.[35]Er hatte seit einer ganzen Weile unter schweren Gedächtnisproblemen gelitten und war kaum noch in der Öffentlichkeit aufgetreten. Noch während seiner Amtszeit hatte er 2005 einenSchlaganfall erlitten.[36] Der amtierende Präsident,Emmanuel Macron, ordneteStaatstrauer an. Der Präsident derNationalversammlung,Richard Ferrand, erklärte, das französische Volk habe mit Chirac einen unermüdlichen Republikaner und Visionär verloren, der ein Gespür für die großen Debatten seiner Zeit gehabt habe. EU-KommissionspräsidentJean-Claude Juncker bezeichnete Chirac als einen „großen Europäer“ und „persönlichen Freund“.[37]
Die Figur desTechnokratus (im französischen OriginalCaius Saugrenus) imAsterix-ComicObelix GmbH & Co. KG von 1976 ist eine Parodie auf den damaligen Premierminister Jacques Chirac. Dort verkörpert er den jungen WirtschaftsberaterCaesars.[39]
1995 veröffentlichtenMarkus Lanz,Marzel Becker undStephan Heller aus Protest gegen die von Chirac wiederaufgenommenen Kernwaffentests unter dem NamenLe camembert radioactif die SingleF…! Chirac. Das Stück wurde ungenehmigt im Programm vonRadio Hamburg gespielt und Lanz daraufhin entlassen.[40]
Franz-Olivier Giesbert:Jacques Chirac. Tragödie eines Mannes und Krise eines Landes. Aus dem Franz. von Angelika Hildebrandt. Econ, Berlin 2006,ISBN 978-3-430-30014-8 (OT:La tragédie du président)
Pierre Péan:L’Inconnu de l’Élysée. Fayard 2007
Albrecht Rothacher:Jacques Chirac, Bonhomie und die Klaviatur der Macht. In: Das Unglück der Macht. Frankreichs Präsidenten von de Gaulle bis Macron. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2020.ISBN 978-3-8305-3959-9. S. 441–476.
↑abcdAndrew Knapp:From the Gaullist movement to the presidentʹs party. In: Jocelyn A. J. Evans:The French party system. Manchester University Press, Manchester 2003, S. 121–136, auf S. 125.
↑Udo Kempf:Von de Gaulle bis Chirac. Das politische System Frankreichs. 3. Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 188.
↑David S. Bell:Parties and Democracy in France. Parties Under Presidentialism. Ashgate, 2000.
↑Emile Chabal:A Divided Republic. Nation, State and Citizenship in Contemporary France. Cambridge University Press, Cambridge 2015, S. 87–89.
↑abJochen Schmidt:Rassemblement pour la République (RPR). In: Sabine Ruß u. a.:Parteien in Frankreich. Kontinuität und Wandel in der V. Republik. Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 197–219, auf S. 202.
↑Georg Wenzelburger:Haushaltskonsolidierungen und Reformprozesse. Determinanten, Konsolidierungsprofile und Reformstrategien in der Analyse. Lit Verlag, Berlin/Münster 2010, S. 315ff. (online)
↑Andrew Knapp, Vincent Wright:The Government and Politics of France. 5. Auflage, Routledge, Abingdon (Oxon)/New York 2006.