Mit rund 90 Millionen Einwohnern (Stand 2024) und einer Fläche von etwa 1,65 Millionen Quadratkilometern zählt der Staat Iran zu den 20 bevölkerungsreichsten und größtenStaaten der Erde. Hauptstadt, größte Stadt und wirtschaftliches und kulturelles Zentrum istTeheran mit 8,7 Millionen Einwohnern,weitere Städte mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern sindMaschhad,Isfahan,Karadsch,Schiras undTäbris.
Bereits in der Antike bildete dasPerserreich eine bedeutendeZivilisation und spielte politisch und kulturell die Rolle einer Großmacht, deren Einfluss von Nordindien bis Ägypten und Kleinasien reichte, zeitweise den ganzen Nahen Osten umfasste und in Konkurrenz zu Griechenland und Rom stand. In diesem Zusammenhang sind drei jeweils mit einer Reichsbildung verbundene Phasen feststellbar: die des im 6. Jahrhundert v. Chr. entstehenden altpersischenAchämenidenreiches, desPartherreiches nach derhellenistischen Herrschaft und des neupersischenSassanidenreiches, das bis zur arabischen Eroberung (Mitte 7. Jahrhundert n. Chr.) und der damit einsetzenden Islamisierung Irans bestand. Nach demMongolensturm im 13. Jahrhundert einten dieSafawiden das Land um 1500 und legten damit die Grundlagen für den bis heute bestehenden Staat, dessen Dynastien und Herrschaftssysteme mehrmals wechselten bis hin zurPahlavi-Dynastie und derIslamischen Republik im 20. und 21. Jahrhundert.
Iran war im Unterschied zu den meisten Nachbarländern nie von europäischen Mächtenkolonisiert, doch setzte Großbritannien Anfang des 20. Jahrhunderts die Ausbeutung iranischer Erdölvorkommen durch die britisch dominierteAnglo-Iranian Oil Company durch. Die Verstaatlichung der Ölindustrie durch die iranische Regierung führte 1953 zur Einmischung derVereinigten Staaten von Amerika. Nach dem von derCIA betriebenen Sturz des PremierministersMossadegh wurde sie rückgängig gemacht, und die Öleinnahmen gingen von da zur Hälfte an Iran, zur anderen Hälfte an ein Konsortium hauptsächlich amerikanischer und britischer Firmen. Mit militärischer und finanzieller Unterstützung der USA errichtete SchahMohammad Reza Pahlavi in Zeiten des aufkommendenOst-West-Konflikts eine amerikafreundliche Diktatur, die bis zur Revolution von 1979 Bestand hatte. In dieser Phase entwickelten sich enge wirtschaftliche Beziehungen mit westlichen Ländern, und Iran wurde der zweitwichtigste Handelspartner der Bundesrepublik Deutschland außerhalb Europas.[7]
Seit der Durchsetzung streng konservativerislamistischer Kräfte in der Revolution von 1979 (daher „Islamische Revolution“) wird Iran von einemschiitischen „obersten Führer“, zunächst demAjatollahRuhollah Chomeini, seit 1989 von dem AjatollahAli Chamenei, wiederumautoritär geführt. Durch das Regime kam und kommt es regelmäßig zu schwerwiegenden Verletzungen derMenschenrechte. Es kontrolliert nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens im Hinblick auf religiöse und ideologische Konformität und gilt daher als einer von wenigen derzeit existierenden Staaten alstotalitäres System.
Seit dem Regimewechsel 1979 haben sich die guten Beziehungen Irans zu westlichen Staaten in eine offene Feindschaft gewandelt, die vor allem bezüglich der ehemals befreundeten USA undIsrael auch in der Staatsideologie verankert wurde. Vertieft haben sich in den letzten Jahren die Beziehungen zu Russland und China; mit beiden bestehen unter anderem Militärkooperationen, und Iran unterstützt Russland imUkrainekrieg. Heute ist Iran in Vorderasien eineRegionalmacht und führt mit der sogenanntenAchse des Widerstands eine inoffizielle Militärkoalition an, zu derHamas,Hisbollah undHuthi gehören. Mit dieser kämpft sie in mehreren Kriegen gegen andere Regionalmächte wieIsrael undSaudi-Arabien, etwa imisraelisch-iranischen Krieg, demKrieg im Jemen und demKrieg in Israel und Gaza.
Durch seine Bodenschätze, vor allem die größtenErdgas- und die viertgrößtenErdölvorkommen der Welt, hat Iran großen Einfluss auf die Versorgung der Welt mit fossilen Energieträgern. Abgesehen davon befindet sich die iranische Wirtschaft, bedingt durch Ineffizienz, Korruption und westliche Sanktionen, heute in einer tiefen Krise.
Iran besteht großteils aus hohem Gebirge und trockenen wüstenhaften Becken. Seine Lage zwischen demKaspischen Meer und derStraße von Hormus amPersischen Golf macht das Land zu einem Gebiet von hoher geostrategischer Bedeutung. Es grenzt an sieben Staaten: im Westen und Nordwesten an denIrak (Grenzlänge 1609 Kilometer), dieTürkei (511 Kilometer),Aserbaidschan (800 Kilometer) undArmenien (48 Kilometer), im Nordosten und Osten anTurkmenistan (1205 Kilometer) sowie im Osten und Südosten anAfghanistan (945 Kilometer) undPakistan (978 Kilometer).
Der nördlichste Punkt Irans liegt auf 39° 47′ nördlicher Breite und befindet sich etwa auf demselben Breitengrad wieMallorca. Der südlichste Punkt liegt auf 25° nördlicher Breite und befindet sich etwa auf demselben Breitengrad wieDoha in Katar. Der westlichste Punkt liegt auf 44° 02′ östlicher Länge und damit etwa auf selber Länge wie die irakische HauptstadtBagdad. Der östlichste Punkt liegt auf 63° 20′ östlicher Länge und damit ungefähr auf selber Länge wieHerat in Afghanistan.
Etwa zwei Drittel des Territoriums Irans nimmt dasIranische Hochland ein, das seinerseits in eine Reihe verschiedener Becken zerfällt. Die Ausdehnung dieser Becken reicht von wenigen Quadratkilometer großenBolsonen bis hin zu den riesigen Becken der WüsteLut (130.000 km²) und der SalzwüsteDascht-e Kawir (200.000 km²). Die Becken liegen, je nach ihrer tektonischen Vorgeschichte, zwischen 200 m und 1500 m über dem Meeresspiegel. Die Becken sind voneinander durch Schwellen unterschiedlicher Höhe getrennt; einige setzen sich inAfghanistan undPakistan fort.[8]
Das Hochland wird im Westen, Südwesten und Süden vomZagros-Gebirge und demKuhrud begrenzt. Diese gewaltigenFaltengebirge bestehen aus mehreren nebeneinander in nordwest-südöstlicher Richtung verlaufenden Gebirgsketten, zwischen denen steile Täler liegen. Seine höchsten Gipfel sind derZard Kuh (4221 m) und derKuh-e-Dinar (4432 m). Der Zagros hat eine maximale Breite von 250 km und eine Länge von 1800 km (Makran-Ketten eingeschlossen) und zählt zu den größten geschlossenen Faltengebirgsmassiven der Welt. Der Norden Irans (Nordiran) wird durch mehrere Gebirge geprägt. Im Nordwesten dominiert der armenisch-aserbaidschanische Gebirgsknoten mit dem großen Becken desUrmiasees. Daran schließt sich das 1200 km lange, vomTalysch-Gebirge bis an die turkmenische Grenze reichendeElburs-Kopet-Dag-System an. Hier befindet sich der mit5670 m höchste Berg des Nahen Ostens, der gletscherbedeckte ruhendeVulkanDamawand, wie auch der4840 m hoheAlam-Kuh. Der Kopet-Dag ist ein mächtiges Faltengebirge auf der Grenze zum heutigen StaatTurkmenistan.[9] Die fast 6000 m Höhenunterschied vom Kaspischen Meer zum nur 60 km entfernten Damawand gehören zu den steilsten Anstiegen der Welt.
Es gibt nur wenige Tiefländer in Iran. Am südlichen Ufer des Kaspischen Meeres befindet sich ein 600 km langes, nur wenige Kilometer breites Küstentiefland. Östlich schließt sich dieturkmenische Steppe an, westlich dieMugansteppe. Im Südwesten (Südwest-Iran, insbesondere die im Westen an den Irak und im Süden an den Persischen Golf grenzende ProvinzChuzestan bzw. die RegionChuzestan[10]) gehört ein kleiner Teil desmesopotamischen Tieflandes zu Iran, von dort verläuft ein schmaler und flacher unfruchtbarer Küstensaum entlang des Persischen Golfes.[11]
Iran liegt auf demAlpidischen Gebirgsgürtel, zu dem allen voran das Zagros-Gebirge zählt. Das iranische Hochland hingegen besteht aus einempräkambrischen Schild, der als Erweiterung des Arabischen Schildes gilt. Aus Sicht derPlattentektonik war das Gebiet des heutigen Iran einstmals Teil vonGondwanaland, das sich in der spätenKreidezeit in seine heutige Position bewegt hat. Die Kollision mit derarabischen Platte hat zu starker vulkanischer undseismischer Aktivität geführt, in deren Zuge dieGebirgsbildung stattfand. Dies erklärt, warum die Gebirge Irans teilweise starke Merkmale der präkambrischen Gebirge aufweisen, und warum es keine Gebirge gibt, die zwischen Präkambrium undTrias entstanden wären. DieSedimente sind inZentral-Iran (vonZandschan bisIsfahan reichendes Zentralplateau, ein Wüsten- und Steppengebiet, an dessen Rändern wichtige Siedlungen liegen[12]) im Schnitt 3000 bis 4000 Meter dick, terrestrischen Ursprunges und homogen. Diese Sedimente lagern teils direkt auf dem präkambrischen Gestein, teils auf im Trias erodierten Landflächen.[13][14]
Die fortwährende Gebirgsbildung führt dazu, dass sich häufigErdbeben in Iran ereignen. Speziell die 1600 km lange und 250 km breite Zagros-Verwerfungslinie ist seismisch extrem aktiv. Hier kommt es im Durchschnitt einmal jährlich zu stärkeren Erdbeben, die jedoch in der Regel keine katastrophischen Ausmaße annehmen. Die von Starkbeben häufig betroffenen Gebiete liegen entlang des „Iranischen Halbmondes“, eine Region entlang der Nord- und Ostgrenzen des Landes, vonWest-Aserbaidschan bisMakran. Hier befinden sich zahlreiche kleinereStörungen und Verwerfungen, die teils geologisch jung sind und sich durch unregelmäßig auftretende Beben auszeichnen. Perioden mit hoher Bebenzahl wechseln sich ab mit langen Ruhephasen. Die ohnehin schwierigeVorhersage von Erdbeben ist dadurch nicht möglich.
Als gefährdetste Gegend des Landes gilt die Region umTäbris, in der es bereits mehrmals besonders schwere Beben gab, letztmalsim Jahr 2012. Es gibt Anzeichen, dass sich die Bebenaktivität zwischen Nordwesten und Osten abwechselt und dass momentan der Nordwesten eine Phase relativer Ruhe hat, dafür die Bebenaktivität im Osten ihren Höhepunkt erlebt.[15] Die letzten verheerenden Beben mit Tausenden Todesopfern ereigneten sich inTabas (1978),Rascht (1990) undBam (2003).
Wüste Dascht-e Lut, 2016
Böden
Auf dem Hochland Irans dominieren Kies- und Steinwüsten mit sterilen Wüstenböden, Sanddünen und saline Böden. In den Endbecken finden sich meist Salz- oder Gipskrusten, weitflächig findet manSerir- oderHammada-Oberflächen, bei denen das Feinmaterial aufgrund der Vegetationsfreiheit ausgeweht wird. DerHumusanteil dieser Böden liegt meist unter 0,5 %.[16]
Zwischen den Bergketten vereinigen sich mehrere Bodentypen zuCatenen, die Talböden haben meist Füllmaterial ausSchwemmböden und braunen Steppenböden, dadurch erlauben sie landwirtschaftliche Nutzung. Im kaspischen Tiefland dominieren Schwemmböden, braune Wald- und Steppenböden,Regosole undLithosole; in derTurkmenischen Steppe kommenLössböden vor.[16]
Im Norden grenzt Iran auf einer Länge von 756 Kilometern an das Kaspische Meer, den größten See der Erde, gleichzeitig einEndsee. Im Süden und Südwesten hat das Land eine 2045 Kilometer lange Küste zumGolf von Oman und zumPersischen Golf, die voneinander durch dieStraße von Hormus getrennt sind. In dieser für den Transport von Erdöl wichtigenMeerenge beiBandar Abbas liegen nahe der iranischen Küste die InselQeschm und die namensgebende kleine InselHormus. Die Entfernung vom iranischen Festland zurArabischen Halbinsel (Oman undVereinigte Arabische Emirate) beträgt hier kaum 50 Kilometer.
Es gibt etwa 1300 kurze, meist geradlinig verlaufende Flüsse, die die Nordflanken der GebirgeTalysch undElburs entwässern und in das Kaspische Meer münden. Die größten sindSefid Rud,Tschalus,Gorgan undAtrak.[17] Die wichtigsten Flüsse, die aus demZagros in Richtung des persischen Golfes fließen, sindKarun,Karche,Dez undSchatt al-Arab. Sie führen im Frühling am meisten Wasser und können an ihren Unterläufen verheerende Überschwemmungen verursachen. Im Sommer ist die Wasserführung am niedrigsten mit nur einem Zehntel jener des Frühlings.[18]
Zwei Drittel des Territoriums werden nicht in Richtung eines Meeres entwässert. In den ariden Becken des iranischen Hochlandes führt kaum ein Fluss ganzjährig Wasser, wie derZayandeh Rud. Nach Niederschlägen fließt das Wasser durch Flüsse oder Bäche aus dem Gebirge und versickert dort meist in Schotterfeldern, seltener mündet es in Seen, die dann häufig salzhaltig sind. Zu solchen Seen gehören derUrmiasee, derHamun-See, derBachtegansee und derMaharlu-See.[19]
Die Schotter-, Kalk- und Sandsteinschichten im Untergrund bergen häufig Grundwasser. Deshalb gibt es in den gebirgigen Landesteilen zahlreiche Quellen, teilsartesische Quellen.[20] Die Menschen machen sich bereits seit 800 v. Chr. mittelsQanaten das Grundwasser nutzbar. Früher wurden alle menschlichen Siedlungen im ariden Gebiet mithilfe von Qanaten mit Wasser versorgt.[21]
Seit den 1950er Jahren werden verstärkt Brunnen und Dämme gebaut, wobei das Absinken des See- und Grundwasserspiegels, die Erschöpfung von Wasservorräten und die Aufsedimentierung von Staubecken dieHauptprobleme für die Wasserversorgung der Zukunft darstellen.[22] Im Fokus von Umweltschützern ist vor allem der stark salzhaltigeUrmiasee, der zeitweise Pelikanen und Flamingos als Lebensraum dient, jedoch von fortschreitender Austrocknung bedroht wird.[23] Die iranische Regierung hatte 2015 deshalb 900 Mio. $ für die Rettung des Sees freigegeben.[24]
DasKlima in Iran wird im Winter durch die Interaktion von Kaltluftströmungen ausZentralasien undSibirien einerseits und feuchtwarmen mediterranen Luftmassen andererseits beeinflusst. Im Sommer weht konstant nordöstlicherPassatwind aus dem trocken-heißen Zentralasien. Durch diese Wetterlagen und die geographischen Verhältnisse des Landes ist das Klima regional sehr unterschiedlich.
Die Bergregionen von Nord-Iran (mit den ProvinzenMazandaran undGilan an der Südküste des Kaspischen Meeres) und West-Iran (bestehend unter anderem aus den ProvinzenKurdistan undLuristan)[25] erhalten durch feuchte Westströmungen im Spätherbst und Winter relativ viel Niederschlag, besonders an den Westhängen desZagros. Mit zunehmender Höhe nimmt hier dieHumidität zu. Die Höhenlage und die relative Meeresferne bedingen sehr kalte Winter und große Sommerhitze. Das iranische Hochland liegt im Regenschatten der Gebirge. Daher ist das Klima dorttrocken bis dürr mit geringerLuftfeuchtigkeit und großen Schwankungen der jährlichen Niederschlagsmenge.
Die Temperaturen sind im Jahresmittel deutlich höher als in den Bergregionen, haben aber auch eine große Amplitude: extremer Hitze im Sommer, wo Werte über 45 °C keine Seltenheit sind, stehen zum Teil strenge Fröste im Winter gegenüber. Entlang der Golfküste und inChuzestan herrscht nie Frost. Die Winter sind mild, die Sommer sehr heiß und oft schwül, die Luftfeuchtigkeit ganzjährig sehr hoch, Niederschläge fallen jedoch extrem selten. Das Klima des kaspischen Küstentieflandes unterscheidet sich grundlegend vom Rest des Landes. Die aus Nordost wehenden Winde laden sich über dem Kaspischen Meer mit Feuchtigkeit auf, stauen sich an den Bergmassiven und regnen dort ab. Somit ist diese Region ganzjährig humid bei teils sehr hoher Luftfeuchtigkeit. Das Klima ist mild im Winter und warm im Sommer, die Extremtemperaturen sind gegenüber dem Hochland deutlich reduziert.
Zu den meteorologischen Besonderheiten gehören der mit großer Konstanz zwischen Mai und September wehendeNordwestwind der 120 Tage, der im Osten und Südosten Irans aufgrund seines hohen Staubanteils für Mensch und Vegetation äußerst ungünstig ist. Im Hochland, wo durch fehlende Vegetation lokale Luftdruckunterschiede markant sein können, sind regelmäßigStaubtromben beobachtbar.[26]
Die natürliche Vegetation Irans ist durch jahrhundertelange Nutzung durch den Menschen weitgehend zerstört. Sie lässt sich in Abhängigkeit von geographischen Faktoren in vier Zonen einteilen. Die Wüsten und Halbwüsten haben, wo der Boden nicht ganz steril ist, ein Pflanzenkleid, das meist weniger als ein Drittel des Bodens bedeckt. Es besteht ausWermutsträuchern,Rheum ribes, verschiedenenTragant-Arten,Dorema Ammoniacum, der begehrten FutterpflanzeProsopis farcta und dem GehölzZygophyllum atriplicoides. Gräser sind wegen Überweidung selten anzutreffen, zur natürlichen Flora gehörenFedergräser undStipagrostis-Arten.[31]
Die Tierwelt in Iran ist sehr vielfältig und spiegelt die verschiedenen Vegetationszonen und die geographische Lage des Landes wider. Zur Großtierfauna zählen Steppen- und Halbwüstenbewohner wieGazellen undHalbesel ebenso wieWildschafe undWildziegen als typische Gebirgstiere, aber auchStachelschweine. In den Wäldern des Landes kommenRothirsche vor. EinigeBraunbären,Geparde,Luchse undLeoparden halten sich noch in entlegenen Gegenden, derKaspische Tiger und derpersische Löwe wurden in Iran dagegen ausgerottet.Hyänen,Schakale undFüchse übernehmen eine wichtige natürliche Hygienefunktion. An der Südküste des Kaspischen Meeres gibt es Lagunen mit sehr hoher Vielfalt an Vogelarten, im Landesinneren kommenFasane,Chukarhühner undSteppenhühner vor, die auch bejagt werden. Zu den iranischen Greifvogelarten gehörenSteinadler,Falken,Bartgeier undGänsegeier.[34] Die einzige in Iranendemische Vogelart ist derPleskehäher.[35] Die Fischerei an der Küste des Kaspischen Meeres ist von hoher wirtschaftlicher Bedeutung, befischt wird vor allem derStör für die Gewinnung vonKaviar. Darüber hinaus werdenMeeräschen undWeißfische gefangen. In den kalten Bergbächen vonAlbors undZagros werden auch Forellen gefischt. Ein erstaunliches Phänomen ist das natürliche Vorkommen kleiner Fische in denQanaten der Wüstengegenden.[34]
Luftverschmutzung beim Blick auf Teheran vomTotschal, 2013
Die beschleunigteIndustrialisierung Irans hat zu einer umfassendenLuftverschmutzung inTeheran und anderen großen Städten geführt. Eine weitere Folge ist der enorme Anstieg des Energieverbrauchs.[36] Iran zählt zu den energieintensivsten Ländern der Welt. Dies ist einerseits auf das Fehlen fortschrittlicher Infrastrukturen sowie staatlicher Subventionen an Energieträger und andererseits auf ein ineffizientes Konsumverhalten der Bevölkerung zurückzuführen.[36]
Wie das iranische Gesundheitsministerium 2010 bekannt gab, ist die Luftverschmutzung mittlerweile so gravierend, dass sich der Anteil der Menschen, die sich mit schweren Atembeschwerden in die Notaufnahmen der Krankenhäuser begeben, um 19 % erhöht hat.[37] So waren in den ersten neun Monaten des Jahres 2010 mindestens 3600 Menschen allein in Teheran an den Folgen der Luftverschmutzung verstorben.[38]
Die damalige Gesundheitsministerin,Marsieh Wahid Dastdscherdi, berichtete zudem, dass die iranische Regierung außer der Schließung von Organisationen und Schulen keine anderen Lösungen bereit halte, um dieUmweltprobleme der großen Städte anzugehen.[37] Im Gegensatz zum Gesundheitsministerium scheint die iranische Regierung weniger Bedenken zu haben. Diese fördert unaufhörlich, auch wegen ihrer eigenen Eigentumsanteile an der inländischen Automobilindustrie, die Pkw-Verkaufszahlen; so prägen allein in Teheran mittlerweile über 3,5 Millionen Fahrzeuge das Straßenbild.[38]
Dasiranische Atomprogramm verursacht ebenfalls ernsthafte Probleme in den die Atomanlagen umgebenden Gebieten, einschließlich Wasserquellen, Flora und Fauna.[39] Darüber hinaus wird die regionale Lage mehrerer Atomanlagen als beunruhigend eingeschätzt. DasKernkraftwerk Buschehr, das im November 2010 in Betrieb genommen wurde, befindet sich zum Beispiel in einemseismisch bedrohten Areal.[40] Es wurde genau auf der Kreuzung von dreiKontinentalplatten (der arabischen, der afrikanischen und der eurasischen) erbaut. Experten argumentieren, dass ein Erdbeben am und im Gebäude Schäden hinterlassen könnte, die dem Ausmaß derNuklearkatastrophe von Tschernobyl entsprechen würden.[40] Derkuwaitische Geologe Dschasem al-Awadi warnte, dass die strahlenden Lecks eine ernsthafte Bedrohung für die Golfregion, insbesondere Kuwait, das 276 km von Buschehr entfernt ist, darstellen würden.[40]
Aufgrund der Wirtschaftssanktionen des Westens gegen Iran wird am ideologisierten Ziel der Selbstversorgung festgehalten. Dabei wird der größte Teil des verfügbaren Wassers im trockenen Land in einer vergleichsweise ineffizienten Ackerwirtschaft eingesetzt. Das Bewusstsein für die katastrophalen Auswirkungen von Flussumleitungen hat sich zwar verstärkt, und Aktivisten durften im Jahr 2017 die Regierung öffentlich im Fernsehen kritisieren, doch existiert eine einflussreicheLobby der Bauwirtschaft, die an derartigen Projekten interessiert sind.Kaveh Madani, vom September 2017 bis Januar 2018 stellvertretender Leiter des iranischen Umweltministeriums, prägte den Begriff vom „iranischen Wasserbankrott“.[44]
Städte
Rekonstruktion vonPersepolis durch Charles Chipiez (1884)
Bereits in derAntike gab es im heutigen Iranstädtische Siedlungen. Von vielen der frühen Städte, wieSusa,Bischapur oder denResidenzstädtenPasargadae undPersepolis, sind Ruinen erhalten, andere sind spurlos verschwunden. Typisch für Iran ist, dass die Städte außerhalb der Regionen mit genügend Niederschlag entlang der Handelswege entstanden sind, etwa entlang der LinieZandschan –Qazvin –Teheran –Semnan –Damghan –Maschhad –Herat oderYazd –Kerman. Im Süden des Landes und inSüdost-Iran (vor allem die nördlich des Persischen Golfs und im Osten an Pakistan und Afghanistan grenzenden ProvinzenKerman,Sistan und Belutschistan bezeichnend[45]) war die Stadtentwicklung am geringsten ausgeprägt. Für die Standortwahl war immer die Nähe zu Wasserquellen, die man mit Hilfe vonQanaten nutzbar machen konnte, entscheidend. An Orten, die leicht zu verteidigen gewesen wären, bauten die Iraner hingegen fast nie.[46] Die typische persische Stadt in islamischer Zeit hatte denBasar und dieFreitagsmoschee als Zentrum, darum lagenKarawansereien und Wohnviertel; all dies war von Stadtmauern und befestigten Toren umschlossen.[47]
Die Urbanisierung begann sich inTeheran bereits im 19. Jahrhundert, im Rest des Landes in den 1920er Jahren zu beschleunigen; das größte Wachstum verzeichneten Teheran und die Städte rund um Teheran. Die Stadtmauern wurden versetzt oder abgerissen, breite Straßen und neue Wohnviertel gebaut. Durch zentralstaatliche Vorgaben für diese Umgestaltungen erhielten iranische Städte ein relativ uniformes Stadtbild. Die neuen Viertel und die neu errichtete Infrastruktur folgten in der Regel westlichen Konzepten von Stadtplanung und Architektur. Auch der Kontrast zwischen Arm und Reich spiegelte sich nun im Stadtbild, was zuvor kein Merkmal persischer Städte gewesen war. Bis in die 1970er Jahre verkamen die historischen Stadtzentren, erst die hohen Einnahmen aus der Erdölförderung und das gestiegene Bewusstsein für die Wichtigkeit des architektonischenKulturerbes führten ab 1973 zu Sanierungsprogrammen. Nach derIslamischen Revolution wuchsen die Städte weiter, zuletzt hat sich dieser Trend jedoch abgeschwächt.[47]
Im Jahr 2006 gab es in Iran 30Ostans (Provinzen), 336Schahrestans (Landkreise), 889Bachschs (Bezirke), 1016 Städte (شهر Schahr) und 2400 Gemeinden (دهستان Dehestan).[48] Am 23. Juni 2010 wurde aus dem nordwestlichen Teil der Provinz Teheran die neue ProvinzAlborz geschaffen, womit Iran nun aus 31 Provinzen besteht.
Im Jahr 2023 lebten 77 Prozent der Einwohner Irans in Städten.[49] Im Jahre 1960 betrug die Urbanisierungsrate noch 33,9 %. In den letzten Jahrzehnten schritt die Urbanisierung des Landes aufgrund der weitverbreiteten Landflucht rasant voran.[50]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Iran weniger als 12 Millionen Einwohner, von denen 25 bis 30 %nomadisch lebten und nur 15 % in Städten.[53] Im Jahr 1976 hatte der Staat 33,7 Millionen und 2016 laut Volkszählung knapp 80 Millionen Einwohner. 1956 lebte etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung in Städten, 1976 knapp die Hälfte und 2020 drei Viertel.[54]
Ursache des starkenBevölkerungswachstums war vor allem die deutlich gestiegene Lebenserwartung: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Menschen im Schnitt knapp 30 Jahre alt und die Kindersterblichkeit lag bei 50 %.[53] DieLebenserwartung der Einwohner Irans ab der Geburt lag 2020 bei 74,8 Jahren[55] (Frauen: 77,8[56], Männer: 72,1[57]). Außerdem verharrte dieGeburtenrate lange auf sehr hohem Niveau: im Jahr 1956 bei durchschnittlich 7,9 Kindern und im Jahr 1986 bei 6,39 Kindern pro Frau.[58] Doch ist sie seither stark gesunken. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 1,7.[59] Nur inJapan nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen schnelleren Rückgang der Fertilitätsrate.[60] So hat sich das Bevölkerungswachstum in Iran verlangsamt; im Jahr 2023 betrug es noch 0,7 %.[61] Diese Bevölkerungsentwicklung mündete in einer im Durchschnitt zwar nach wie vor sehr jungen, aber stetig alternden Bevölkerung. Während derMedian des Alters der Bevölkerung im Jahr 1975 noch bei 18,6 Jahren lag, betrug er im Jahr 2021 31,9 Jahre.[62] Seit 1976 stieg die Anzahl der Haushalte überproportional: Die durchschnittliche Größe eines iranischen Haushaltes sank von fünf Personen im Jahr 1976 auf 3,5 Personen im Jahr 2011.[63]
Iran hat heute eine Einwohnerzahl, die etwa jener Deutschlands entspricht, die sich jedoch auf ein viereinhalb Mal so großes Territorium verteilt. Die durchschnittlicheBevölkerungsdichte beträgt somit 46 Einwohner/km². Die Verteilung der Einwohner ist jedoch sehr ungleichmäßig. Die Gebiete, die hinsichtlich ihrer Klima- und Umweltbedingungen bevorzugt sind, weisen eine sehr hohe Bevölkerungsdichte auf, etwa die Provinzen am Kaspischen Meer (Gilan undMazandaran mit 177 bzw. 129 Einwohner/km²) und entlang des Alborz (Provinzen Teheran undAlborz mit 890 bzw. 471 Einwohner/km²). Demgegenüber sind die von Wüsten geprägten Landstriche äußerst dünn oder gar nicht besiedelt: InSemnan,Süd-Chorasan undYazd leben nur 6, 7 bzw. 8 Menschen auf einem Quadratkilometer.[63][64]
Migration
Im Jahr 2014 wurde geschätzt, dass vier Millionen iranischstämmige Menschen außerhalb der Islamischen Republik Iran lebten;[65] im Jahr 2010 lebten etwa 1,3 Millionen iranische Staatsangehörige, etwa 1,7 % der Bevölkerung, außerhalb des Landes. Zu den wichtigsten Zielstaaten iranischer Auswanderer gehören die USA,Kanada, die nördlichen EU-Staaten,Israel und die reichen Anrainerstaaten des persischen Golfes wie Katar, Bahrain und dieVereinigten Arabischen Emirate.[66] Die heimatverbundene iranischeDiaspora ist über persischsprachige Radio- und Fernsehsender sowie Blogs zudem wichtiger Bestandteil der Meinungsbildung der iranischen Bevölkerung.[67] Die Emigration erfolgte einerseits zu Zeiten der Schah-Herrschaft, andererseits seit der Errichtung der Islamischen Republik meist in Opposition zu der jeweils herrschenden Staatsdoktrin und wegen der unterdrückerischen Züge der Politik beider Regime. Es handelte sich in der Regel nicht um Armutsmigration benachteiligter ärmerer Bevölkerungsschichten. Da unter den Auswanderern viele gut ausgebildete junge Menschen sind, scheinen die Verluste durch Emigration für die iranische Wirtschaft massiv: Jährlich sollen rund 50 Milliarden US-Dollar durchTalentabwanderung verlorengehen.[68] Die aus demExil jährlich in die Islamische Republik zurückfließenden Gelder summieren sich auf etwa 1,1 Milliarden US-Dollar.[66]
Iran ist auch Ziel von Einwanderung. Die Volkszählung von 2011 ergab, dass nahezu 1,7 Millionen Ausländer in Iran lebten,[63] knapp die Hälfte waren Flüchtlinge.[66] Der Großteil der Ausländer (1,45 Millionen) kam aus Afghanistan.[63] Afghanen migrieren bereits seit mehreren Jahrzehnten nach Iran, einerseits als Arbeitsmigranten, jedoch seit demsowjetischen Einmarsch in Afghanistan (1979) und den nachfolgenden Kriegen immer öfter als Flüchtlinge. Da viele Afghanen eineVariante des Persischen sprechen und auch einen ähnlichen kulturellen und religiösen Hintergrund haben, fällt es ihnen vergleichsweise leicht, sich in Iran zu integrieren und sich bei Volkszählungen als Perser einzutragen. Somit könnte die tatsächliche Zahl der Afghanen in Iran höher liegen, als die oben genannten Werte angeben. Gleichwohl sehen sich Afghanen in Iran Diskriminierungen ausgesetzt.[69] Neben den Afghanen leben etwa 50.000Iraker und 17.000Pakistaner in Iran. Weitere Herkunftsländer von Immigranten sind Aserbaidschan, dieTürkei,Armenien undTurkmenistan.[66][70]
Neben ethnischenPersern leben in Iran zahlreiche andere Völker, die ihre eigene sprachliche und kulturelle Identität besitzen. Die Amtssprache istPersisch. Die größten ethnischen Gruppen nach den Persern sindAserbaidschaner,Kurden undLuren. Die Völker in Iran verfügen über lange Traditionen in Kunsthandwerk, Architektur, Musik, Kalligraphie und Poesie; im Land befinden sich zahlreiche Stätten desUNESCO-Welterbes.
Die vermittelnde Lage Irans zwischen Zentralasien, Kleinasien, Arabien und dem indischen Subkontinent hat zu einer hohen ethnischen Vielfalt geführt.Indogermanische Gruppen wanderten vermutlich vom Norden her in das iranische Hochland ein und erreichten den Zagros zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. DieMeder waren das erste iranische Volk, das ein stabiles Reich auf iranischem Territorium errichtete.[71] Nach der Eroberung Irans durch dieAraber im 7. Jahrhundert n. Chr. ließen sich Araber im ganzen Land nieder und vermischten sich mit der ansässigen Bevölkerung; viele iranische Familien können ihre arabische Herkunft anhand ihrer Namen nachweisen.[72] Im 11. Jahrhundert begannentürkische Stämme in immer neuen Schüben nach Iran einzuwandern. Sie prägten vor allem mit ihrernomadischen Lebensweise weite Landstriche Irans bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie siedelten vor allem im Nordwesten des Landes, in dem das Klima für die nomadische Viehzucht am geeignetsten ist.[73] Trotz des massiven ethnografischen Einflusses von Arabern und Turkstämmen bewahrte Iran einen großen Teil seiner kulturellen Eigenheit, insbesondere seine Sprache. Er wurde nicht wie die meisten anderen von Arabern eroberten Gebiete überwiegend arabisiert.
Die Völker indogermanischen Ursprungs dominieren das Land heute zahlenmäßig. Zwischen 60 und 65 % der Bevölkerung zählen sich zum Volk derPerser; das iranische Hochland ist fast ausschließlich von ihnen besiedelt. Westlich des persischen Siedlungsgebietes lebenKurden, die 7 bis 10 % der iranischen Bevölkerung ausmachen, eine dem Persischen verwandte Sprache sprechen und größtenteils demsunnitischen Islam anhängen, und die überwiegend schiitischenLuren (6 % der Bevölkerung Irans). Im Osten Irans leben die ebenfalls sunnitischenBelutschen, die 2 % der Bevölkerung bilden. Kleinere indogermanische Völker sind zum Beispiel dieBachtiaren.
Zu denturksprachigen Völkern gehören die zumeist schiitischenAserbaidschaner (persischAzeri), die 17 bis 21 % der Bevölkerung Irans ausmachen und im Nordwesten des Landes leben. Die meist sunnitischenTurkmenen bewohnen die nördlichen Steppengebiete, darüber hinaus gibt es zahlreiche über das ganze Land verstreute Inseln türkischstämmiger Bevölkerungen, zu denen auch dieQaschqai gehören.
DieAraber in Iran leben im Südwesten an der Grenze zum Irak; sie machen etwa 2 bis 3 % der Gesamtbevölkerung aus. In Iran lebt außerdem eine große Zahl sehr kleiner Ethnien, die schon vor der Ankunft der Perser in Iran siedelten (wie dieAssyrer) oder in mehreren Wellen, teils vor Jahrhunderten, ins Land gekommen sind (Armenier).[74][75][76]
Die verfügbaren Zahlen zur ethnischen Zusammensetzung der iranischen Bevölkerung variieren stark, weil seitens des iranischen Staates diesbezüglich keine Daten ermittelt werden.[77] Nicht zuletzt führen die heute zur Normalität gehörenden Mischehen zwischen Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen zu einer gewissen Verwischung der ethnischen Grenzen.[78] Es kann davon ausgegangen werden, dass auch sprachlich die Zuordnung zu ursprünglichen Ethnien nicht immer möglich ist, da inzwischen weite Teile der Minderheiten vor allem sprachlich an die persische Mehrheitskultur assimiliert sind.
Im Vielvölkerstaat Iran werden verschiedene Sprachen gesprochen. DieAmtssprache istPersisch. Sie gehört zur Familie derindogermanischen Sprachen und hat somit keine gemeinsamen Wurzeln mit demArabischen, wenngleich Persisch zahlreiche Lehnwörter aus diesem aufgenommen hat und mit einem vomArabischen abgeleiteten Alphabet geschrieben wird. Persisch wird von mehr als der Hälfte der Iraner als Erstsprache gesprochen (ca. 53 %); auf der iranischen Hochebene sprechen fast alle Einwohner Persisch. AlsMutter- oderZweitsprache beherrschten im Jahr 2000 85 % der Iraner Persisch, weitere 5 % konnten es verstehen, und 10 % beherrschten es überhaupt nicht. Noch in den 1930er Jahren konnten Angehörige jeder Ethnie häufig nur ihre eigene Sprache sprechen; ins Militär eingezogene Rekruten mussten daher zunächst ein halbes Jahr Persisch lernen.[77][79][80]
Der Teil der Bevölkerung, dessen Muttersprache nicht Persisch ist, gehört zu verschiedenen Sprachgruppen, die vor allem in der Peripherie, entlang der Grenzen des Landes, leben. Zu den Minderheitensprachen gehören solche, die mit dem Persischen verwandt sind wie dasKurdische,Mazandaranische,Gilaki,Paschtunische,Lurische,Bachtiarische,Belutschische undTalische; insgesamt sprechen etwa 70 % der Iraner eineindo-iranische Sprache.Turksprachen werden je nach Quelle von circa 18 bis 27 % der Iraner vor allem im Nordwesten des Landes und im Nordosten (mit der größten ProvinzChorasan) gesprochen; dazu gehören dasAserbaidschanische, aber auchTurkmenisch,Kaschgaisch,Chorasan-Türkisch undAfscharisch. Diearabische Sprache wird in Iran von etwa 2 % der Bevölkerung gesprochen. Als Sprache desKorans wird sie aber von allen Kindern in der Schule erlernt. Da Mehrsprachigkeit bei Iranern heutzutage eine Selbstverständlichkeit ist, liegen zur genauen Verteilung der Sprecher auf die vielen verschiedenen Sprachen sehr divergierende Zahlen vor.[77][80] Zu in Iran gesprochenen persischen Dialekten gehört unter anderem dasBandari[81] und dasSistani sowie Chuzi (in der südiranischen ProvinzFars). Auchdardische Dialekte wie Kohestani werden gesprochen.[82]
Die persische Sprache ist in der iranischen Verfassung als alleinige Amts- und Bildungssprache festgelegt. Es ist jedoch erlaubt, die Minderheitensprachen neben dem Persischen an den Schulen zu unterrichten. Englisch ist nach dem Arabischen zweite Fremdsprache an den Schulen.[77]
Persischsprachige Bevölkerung
Turksprachige Bevölkerung (Azeri, Qashqai, Turkmenen etc.)
Kurdische Bevölkerung (Kurmandschi, Sorani, Südkurdisch und andere)
Mazanderanisch sprechende Bevölkerung nach Provinzen
TrotzModernisierung und einer 50 Jahre dauerndenSäkularisierung unter den Pahlavi ist die Islamische Republik Iran heute ein Staat, in dem die Religion fast jeden Aspekt des sozialen Lebens durchdringt.[83] Die Abkehr vom Islam (selbst eine Konversion zum sunnitischen Islam wird so gewertet) kann mit dem Tode bestraft werden.[84] Offiziell (Volkszählung 2011) sind 99,4 % der Bürger Irans Muslime.[85] 2006 wurde geschätzt, dass sich 89 % bis 95 % der Iraner der Staatsreligion derZwölfer-Schia und 4 % bis 10 % demsunnitischen Islam zuordnen.[80]Zoroastrier,Juden undChristen werden offiziell als religiöse Minderheiten anerkannt. Nicht anerkannt wird in der Islamischen Republik Iran die zahlenmäßig größte nichtmuslimische Religionsgemeinschaft derBahai, obwohl sie in Persien, dem heutigen Iran, entstand.[86][87] Nicht-religiöse Iraner werden von der Regierung offiziell nicht als solche erfasst. Um viele staatsbürgerliche Rechte wahrnehmen zu können, muss man sich zu einer der vier anerkannten Religionen bekennen.[88] Im Jahr 2024 erhielt Iran von Freedom House eine Bewertung von null von vier Punkten für Religionsfreiheit.
Pooyan Tamimi Arab, ein Religionswissenschaftler, der in Utrecht lehrt, weist darauf hin, dass Menschen in autoritären Staaten wie Iran oft ihre tatsächliche Meinung nicht offenbaren, da sie Repressalien befürchten.[89] Studien zeigen in den letzten Jahren einen zunehmenden Wandel in den religiösen Überzeugungen der iranischen Bevölkerung. So kam eine Untersuchung des GAMAAN-Instituts aus dem Jahr 2020, bei der 50.000 Iraner online befragt wurden, zu dem Ergebnis, dass nur ein Drittel der Bevölkerung sich als schiitisch identifiziert. 22 % der Befragten gaben an, keiner Religion oder Weltanschauung anzugehören („Nones“), 9 % bezeichneten sich alsAtheisten, 8 % als Zoroastrier, und kleinere Gruppen identifizierten sich als spirituell,agnostisch, sunnitisch oderSufi.[90] Weiterhin gaben 47 % der Befragten an, ihre Religion verloren zu haben, und 60 % sagten, dass sie nicht mehr beten.[91] Die Umfrage zeigte auch, dass 68 % der Iraner der Meinung sind, dass religiöse Vorschriften nicht in die staatliche Gesetzgebung einfließen sollten, selbst wenn Gläubige die parlamentarische Mehrheit haben.[92] Kritiker haben jedoch darauf hingewiesen, dass die Umfrage selbst-selektierte Teilnehmer durch soziale Medien rekrutiert hat, was die Ergebnisse möglicherweise verzerrt, insbesondere die Zahl der Zoroastrier wird hierbei als fragwürdig angesehen.[93]
Ein starker Rückgang der Moscheebesuche wurde ebenfalls festgestellt. Im Februar 2023 berichtete Mohammad Abolghassem Doulabi, ein hochrangiger iranischer Geistlicher, dass 50.000 der landesweit 75.000 Moscheen aufgrund des Rückgangs der Besucherzahlen geschlossen wurden.[94] Doulabi machte dafür unter anderem die Misshandlung der Bevölkerung im Namen der Religion, die Verzerrung religiöser Lehren und die Verwendung religiöser Konzepte zur Bestrafung von Regierungskritikern verantwortlich. Diese Faktoren hätten zu einem wachsenden Misstrauen nicht nur gegenüber der Regierung, sondern ebenso gegenüber geistlichen Institutionen geführt.[95] Obwohl es keine von Fachleuten geprüften Statistiken über den genauen Grad derSäkularisierung gibt, deutet vieles darauf hin, dass sich immer mehr Iraner von der offiziellen religiösen Identität ihres Landes distanzieren.
Das Schiitentum unterscheidet Iran in religiöser Hinsicht am stärksten von den Nachbarstaaten.[96] Dabei sind die grundlegenden Inhalte wie der Glaube an einen einzigen, allmächtigen und ewigenGott sowie anMohammed als den letzten derPropheten, die Gott zu den Menschen gesandt hat, um seine Botschaft zu überbringen, bei Schiiten und Sunniten identisch. Der fundamentale Unterschied zwischen diesen beiden Strömungen des Islams liegt in der Frage, wer zur Führung der islamischen Gemeinde legitimiert sei. Die Schiiten erkennen nur direkte Nachkommen des Propheten Mohammed als rechtmäßige Führer an und bezeichnen sie alsImame.[97] Zentraler Glaubensinhalt der Zwölferschia ist der in Verborgenheit lebendezwölfte Imam, der eines Tages auf die Erde zurückkommen, den Islam in der ganzen Welt verbreiten und eine Ära einleiten würde, die dem Ende der Welt vorausgeht.[98] Die Imame und ihre Nachkommen werden von den Schiiten sehr verehrt. Um die Gräber dieser Figuren und ihrer Verwandten wurdenSchreine gebaut, von denen es mehr als tausend in Iran gibt. Die bedeutenderen dieser Heiligtümer, wie derImam-Reza-Schrein und derSchrein der Fatima Masuma, sind Ziel von Pilgerfahrten – eine Praxis, die von Sunniten abgelehnt wird.
Eine weitere Besonderheit des schiitischen Bekenntnisses ist dieTaghiyeh genannte Erlaubnis, seinen Glauben zu verheimlichen und religiöse Pflichten zu vernachlässigen, wenn dem Gläubigen sonst Gefahr drohen würde.[99] Das sunnitische Bekenntnis ist vor allem unter Ethnien verbreitet, die in den Grenzgebieten zu den Nachbarländern leben, wie denKurden,Turkmenen,Belutschen oderArabern. Die schiitische Führung betrachtet die iranischen Sunniten nicht als Minderheit, sondern als Muslime, die den Führungsanspruch der Schiiten anerkannt haben, demzufolge stehen in mehrheitlich schiitisch bewohnten Gebieten auch nur schiitisch geführte Moscheen zur Verfügung.[100]
Nicht mehr von größerer Bedeutung sind heute in Iran alte Religionen wie dieelamische Religion.[101] Religiöse Minderheiten[102] bilden zwar nur sehr kleine Gruppen, die jedoch aus historischem und kulturellem Blickwinkel eine hohe Bedeutung aufweisen. Die älteste bekannte iranische Religion[103][104][105] ist derZoroastrismus. Sie wurde zwischen 1200 und 700 v. Chr. vonZarathustra gestiftet; Spielarten des Zoroastrismus galten unter denSassaniden undParthern als Staatsreligion.
Vor allem der für die damalige Zeit innovativeMonotheismus und der religiöse Dualismus (Himmel und Hölle,Gott undTeufel) haben die später entstandenen monotheistischen Religionen beeinflusst. Einige iranische Feste wieNouruz und dieYalda-Nacht, die heute noch gefeiert werden, enthalten zoroastrische Elemente, teils insynkretistischer Form. Und auch die Namen der Monate imiranischen Sonnenkalender sind zoroastrischen Ursprungs. Die Verfassung erkennt die Zoroastrier als religiöse Minderheit an; bei der Volkszählung 2011 bezeichneten sich mehr als 25.000 Personen als Zoroastrier. Ihre Zentren liegen inYazd undKerman, wo in denFeuertempeln nach wie vor heilige Feuer brennen.[106][107]
Juden leben seit dem Altertum im heutigen Iran und Iran hat seit langer Zeit in der jüdischen Geschichte einen bedeutenden Platz, da unter KönigKyros II. die Rückkehr der Juden aus demBabylonischen Exil ermöglicht wurde. Die Juden haben sich im Laufe der Zeit soassimiliert, dass sie sich von anderen Iranern nur durch ihre Religion unterscheiden. Die als religiöse Minderheit in Iran anerkanntejüdische Gemeinde, die vor 1979 etwa 80.000 Mitglieder hatte, ist seit der Islamischen Revolution auf etwa 10.000 Mitglieder geschrumpft. Dies liegt vor allem an der antizionistischen Politik der iranischen Regierung, durch die iranische Juden zuweilen verdächtigt werden, israelische Spione zu sein.[108][109]
Die Artikel 13 und 14 deriranischen Verfassung erkennen Christen, Juden und Zoroastrier als religiöse Minderheiten an. Sie legen fest, dass der iranische Staat sie gerecht behandeln muss und ihre Glaubensausübung und Riten zu schützen hat. Die religiösen Minderheiten wählen bei den Parlamentswahlen ihre eigenen Abgeordneten, für die eine Mindestanzahl an Parlamentssitzen reserviert ist. Diese Religionsgemeinschaften dürfen aber keine Aktivitäten gegen den Islam oder die Islamische Republik unternehmen. So müssen sie beispielsweise die Kleidungsvorschriften in der Öffentlichkeit beachten und dürfen unter den Muslimen keineMission betreiben.[112][113] Für denAbfall vom Glauben droht Muslimen in Iran die Todesstrafe. In der Praxis sind alle Angehörigen von religiösen Minderheiten einer subtilen Form der Diskriminierung, wie bei der Arbeitsplatzwahl in der staatlich dominierten Wirtschaft,[113] im Erbrecht oder bei Zeugenaussagen, ausgesetzt. Auch höhere Ämter wie Minister, Staatssekretäre, Richter und Lehrer an Regelschulen sind ihnen verschlossen.[114]
Iran ist zudem der Geburtsort der Religion derBahai.[115][116] Das Bahaitum entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Wirken vonBahāʾullāh und seines Herolds, desBāb, die beanspruchten, ein Zeitalter des Friedens und der Einheit der gesamten Menschheit einzuleiten. Das rasche Wachstum der Gemeinde innerhalb Irans sowie dieBahai-Lehren, nicht zuletzt auch von der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und der selbstständigen Suche nach Wahrheit, veranlassten dieKadscharen-Herrscher und schiitische Kleriker zu intensiven Repressalien. Der Bāb wurde gefangen genommen, verbannt und schließlich von einem Soldatenregiment 1850 inTäbris erschossen. Bahāʾullāh wurde 1852 in Teheran eingekerkert und danach mehrmals verbannt, zuletzt in die osmanische Feste vonAkkon im heutigen Israel.[117][118] Nach der Islamischen Revolution wurde dieVerfolgung der Bahai in Form einer staatlich organisierten und systematischen Kampagne wieder deutlich intensiviert. Die Bahai-Religion gilt in Iran heute mit etwa 300.000 Anhängern als größte der nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften.[119][120][121] Weltweit gab es im Jahr 2021 knapp 8 Millionen Bahai, die in etwa 100.000 Ortschaften und so gut wie allen Ländern der Welt leben.[122]
Sozialsystem
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In seiner SchriftDer islamische Staat formulierteRuhollah Chomeini die Verbesserung der Lebensumstände der armen Bevölkerung und die Beseitigung sozialer Ungleichheit als Ziele einer islamischen Gesellschaftsordnung:
„Niemand kümmert sich um die Armen und Barfüßigen […]. Der Islam löst das Problem der Armut. Dieses Problem steht in seinem Programm an oberster Stelle […]. Nach den Grundsätzen des Islam muß zuerst das Leben der Armen, der Hilflosen verbessert werden.“[123]
93 % der iranischen Bevölkerung erhalten Direktzahlungen von 40 US$ monatlich, seit im Zuge der Subventionsreformen die direkte Subventionierung von Grundnahrungsmitteln und Treibstoff abgebaut wurde. Abgesehen von den Unterstützungsprogrammen der religiösen Stiftungen[124] unterhält der Staat 28 Organisationen für Sozialhilfe, Sozialversicherung und Hilfsprogramme. Grundlage ist das Gesetz zur sozialen Sicherheit.[125] Die dem Ministerium unterstellte Organisation für soziale Sicherheit bietet Sozialversicherungen in Form von Arbeitslosengeld, Renten, Mutterschaftsgeld, Krankengeld und Gesundheitsservice (2. Gesundheitsanbieter im Land, für Rentner, Arbeitslose, Sozialversicherte).[125] Die Weltbank attestierte der IRI 2011 im Vergleich mit den regionalen Standards relativ hohe soziale Indikatoren, bedingt durch die Anstrengungen der Regierung, den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zu erhöhen.[126]
Trotz dieser Bemühungen gibt es weiterhin große Probleme mit Armut. Nach einer offiziellen statistischen Erhebung lebten 2011 zwischen 44,5 und 55 % der städtischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Wissenschaftler bemängelten zudem Manipulationen bei der Veröffentlichung von Armutsstatistiken.[127] Laut offiziellen Statistiken gibt es 2,5 Millionen Straßenkinder in Iran, die erst in letzter Zeit in das Blickfeld der staatlichen Wohlfahrtsorganisationen geraten sind.[128]
Iran beherbergt die zweitgrößte Flüchtlingspopulation weltweit (überwiegend aus Afghanistan[129]). In der Hilfe für Flüchtlinge, die von den sonstigen staatlichen Sozialleistungen nicht profitieren, arbeitet die UNHCR mit staatlichen Wohlfahrtsorganisationen und dem Imam-Chomeini-Hilfskomitee zusammen.[130]
Bildung
UIS-Lesefähigkeit der erwachsenen Bevölkerung Irans 1975–2015
Seit 1990 hat sich das Bildungsniveau der iranischen Bevölkerung deutlich verbessert, dies trotz der Wirren, denen das Bildungssystem in den Jahren nach der Islamischen Revolution ausgesetzt war. Im Land stieg die mittlere Schulbesuchsdauer über 25-Jähriger von 4,2 Jahren im Jahr 1990 auf 8,5 Jahre im Jahr 2015 an. Die aktuelle Bildungserwartung beträgt bereits 14,8 Jahre.[131] An den Verbesserungen haben Frauen stärker partizipieren können als Männer. Konkret lag bei der Volkszählung von 2006 die Analphabetenquote aller Bürger über 6 Jahren bei 14 %, während 1976 nur knapp die Hälfte der Männer und nur ein Drittel der Frauen lesen und schreiben konnten. Der Anteil der Analphabeten an der Landbevölkerung ist von 75 % (1976) auf 22 % (2006) gesunken. Um 2020 lag die Analphabetenquote in Iran bei knapp 11 %.[132]
Der Anteil der Jungen in den Grund- und Mittelschulen liegt nur unwesentlich über jenem der Mädchen, in der höheren Bildung stellten junge Frauen im Jahr 2006 etwa 60 % der Studenten.[133] Unter den jungen Einkommensgruppen ist somit in Hinblick auf Bildung kein geschlechtsspezifisches Gefälle mehr vorhanden.[134] Insbesondere in naturwissenschaftlichen oder mathematischen Fächern ist der Frauenanteil an Studenten in Iran im internationalen Vergleich sehr hoch. Obwohl die Noten studierender Frauen meist besser sind als die der männlichen Studenten, arbeitet nach dem Studium nur etwa ein Fünftel der akademisch gebildeten Frauen.[135] Im Jahr 2012 führte die RegierungAhmadineschad Quoten von maximal 50 % Frauen oder weniger für manche Studienfächer ein.[136] DieVereinten Nationen rügten diese Praxis, die zu einem Rückgang des Frauenanteils von 62 % 2007–2008 auf 48,2 % 2012–2013 führte.[137] Von der RegierungRohani wurden diese Bestimmungen wieder aufgehoben. 2015 betrug der Frauenanteil an Studenten naturwissenschaftlicher oder mathematischer Fächer in Iran 65 %, während er in Europa wesentlich niedriger liegt.[136]
Das iranische Bildungssystem besteht heute aus mehreren Stufen:
eine nicht verpflichtende einjährige Vorschule für alle Kinder im Alter von fünf Jahren
die fünfjährige Grundschule für alle Kinder ab sechs Jahren
daran anschließend eine dreijährige Mittelschule, in der der weitere Bildungsweg des Schülers festgelegt wird; nach ihr endet auch die Schulpflicht.
die Sekundarschule, die drei Jahre dauert, in der Regel nicht kostenlos ist und in mehrere Spezialisierungen aufgeteilt ist
höhere Bildung an Universitäten, Lehrerbildungsinstituten und Fachhochschulen, wovon es staatliche und private Einrichtungen gibt. Voraussetzung für den Zugang zu höherer Bildung ist der Abschluss der Sekundarschule, die Teilnahme an einem einjährigen Vorbereitungskurs sowie das Bestehen der landesweiten Universitäts-Eintrittsprüfung.[138]
Neben den staatlichen Schulen sind zahlreichen Moscheenreligiöse Schulen angegliedert. Die üppigen Budgets, die die Regierung den religiösen Schulen zuteilt, werden für Geldmangel an den staatlichen Schulen und die damit verbundene niedrige Qualität der Lehre sowie für die niedrigen Lehrergehälter verantwortlich gemacht.[139] Das Bildungssystem Irans ist laut Salehi-Isfahani zudem auf den Erwerb von Diplomen und nicht auf die Vermittlung produktiver Fähigkeiten fokussiert. Dies und der starre Arbeitsmarkt verursachen hohe gesamtwirtschaftliche Ineffizienzen, nicht zuletzt wird die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen hierauf zurückgeführt.[140]
Zwischen 1991 und 1999 konnten in Iran „weniger als 60 Prozent derjenigen, die in den Arbeitsmarkt eintraten, mit Arbeitsplätzen versorgt werden“, heißt es in einer gemeinsamen Länderbewertung der Vereinten Nationen zur Entwicklung des Irans aus dem Jahr 2003.[141] Die Abwanderung qualifizierten Personals belastet seit längerem die iranische Wirtschaft.[142][143] Am 31. Dezember 2024 meldete die staatliche NachrichtenagenturIRNA,[144] dass zwischen 2020 und 2024 die Zahl der iranischen Auslandsstudenten um 82 Prozent angestiegen sei. Zuletzt studierten insgesamt 110.000 Iraner im Ausland. Ein großer Teil dieser Studenten kehrt nicht mehr zurück. Eine ähnliche Entwicklung sei bei Hochschuldozenten und qualifizierten Fachkräften – insbesondere Ärzten und Pflegern – zu verzeichnen. Ursächlich für die Abwanderungswelle seien fehlende wirtschaftliche Chancen und „soziale Probleme“.[145]
Gesundheit
Die Gesundheitsausgaben des Landes betrugen im Jahr 2021 5,8 % des Bruttoinlandsprodukts.[146] Im Jahr 2018 praktizierten in Iran 15,8 Ärztinnen und Ärzte je 10.000 Einwohner.[147] Die Sterblichkeit bei unter 5-jährigen betrug 2022 12,0 pro 1000 Lebendgeburten.[148]
Iran ist ein Land, in dem außerehelicher Geschlechtsverkehr (Zinā) mit der Todesstrafe geahndet werden kann und konservative moralische Standards einen sehr hohen Stellenwert haben. Wissen umsexuell übertragbare Erkrankungen, HIV oder Verhütung wird oft erst nach der Eheschließung vermittelt.[149] Aufgrund dessen ist das Wissen um die Verbreitungswege sexuell übertragbarer Krankheiten äußerst mangelhaft.[150] Noch im Jahr 1997 hat die iranische Regierung die Existenz eines HIV-Problems im Land geleugnet. Für 2004 wurde die Zahl der HIV-positiven Iraner auf 10.000 bis 61.000 geschätzt,[149] für 2014 auf 51.000 bis 110.000 Personen.[151] Das Nichtwissen um Verhütungsmittel, deren hoher Preis und deren mangelnde Akzeptanz bei der Bevölkerung führen zu einer hohen Zahl nicht erlaubter oder nicht erwünschter Schwangerschaften, die in illegalen Klinikenabgebrochen werden. Häufiger noch setzen die betroffenen Frauen gefährliche Substanzen aus der Tierzucht ein, um ihre Schwangerschaft abzubrechen, und tragen schwere gesundheitliche Schäden davon.[152]
DerKonsum bewusstseinsverändernder Substanzen hat in Iran eine lange Geschichte. Vor 400 Jahren versuchte man, den Drogenkonsum zu beschränken;[153] zu Beginn des 20. Jahrhunderts warOpium tief mit der iranischen Wirtschaft und Gesellschaft verwoben. Es war das einträglichste landwirtschaftliche Produkt und wurde angesichts von Kriegen, Hungersnöten und des Mangels an medizinischer Versorgung rege konsumiert.[154] Laut einer Schätzung waren im Jahr 1914 etwa 10 Prozent der Bevölkerung Teherans opiumabhängig.[155] Die Modernisierer derPahlavi-Dynastie machten im Drogenkonsum eines der Hindernisse für die Entwicklung Irans zu einem starken Staat aus; 1955 wurden Opiumherstellung und -gebrauch verboten.[154] Diese Maßnahme löste das Problem jedoch nicht; langsam entstand eine Infrastruktur für die Behandlung von Drogenabhängigen.[156] Nach derIslamischen Revolution wurden diese Einrichtungen abgeschafft. Man versuchte nun, dem Drogenproblem mittels der Durchsetzung religiöser und moralischer Verhaltensweisen beizukommen. Drogendelikte wurden und werden strafrechtlich hart geahndet; für zahlreiche Tatbestände schreibt das iranische Betäubungsmittelgesetz die Todesstrafe vor. Der Großteil der Hingerichteten der letzten Jahre wurde wegen Drogendelikten verurteilt. Diese Maßnahmen haben nicht gefruchtet, sodass Maßnahmen weltlicher Natur eingeleitet wurden. Seitdem sind Einrichtungen zur Behandlung Drogenabhängiger wieder erlaubt und werden gefördert. Auch wird versucht, die Bevölkerung über die Gefahren des Drogenkonsums aufzuklären. Iran hatte 2011 die weltweit vierthöchste Rate an Drogentoten.[157] Laut Drogenbekämpfungs- und Gesundheitsbehörden sind über 2,2 Millionen Iraner abhängig von illegalen Drogen, 1,3 Millionen davon werden in Behandlungsprogrammen betreut. InsbesondereCrystal Meth wird (Stand 2015) nachgefragt. Studenten verwenden es in Examensphasen; Arbeiter, die sich nur mit mehreren Jobs über Wasser halten können, nutzen es als Wachmacher.[158]
Die traditionelle iranische Gesellschaft ist strengpatriarchalisch; zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren im iranischen Stadtbild fast ausschließlich Männer zu sehen, Frauen blieben in der Regel zu Hause. Der Grad, zu dem Frauen an das Haus gebunden waren, war jedoch auch früher schon von Ethnie zu Ethnie verschieden: unter denLuren hatten die Männer absolute Macht über die Frauen, dieQaschqai-Frauen hatten relativ viele Freiheiten.[160] In den 1920er Jahren war nur wenigen Mädchen der Schulbesuch möglich; erst diePahlavi-Regierung ermutigte im Rahmen der angestrebten Modernisierung des Landes in den 1930er Jahren Eltern, ihre Töchter in die Schule zu senden.[161] Im Jahr 1936 wurde derSchleier verboten. Wenngleich das Verbot nie ganz durchgesetzt werden konnte, hat es dazu geführt, dass Frauen aus konservativen Bevölkerungskreisen noch mehr aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurden und das Haus teils gar nicht mehr verließen.[162][163] Mit der fortschreitenden Modernisierung fanden Frauen mehr und mehr Beschäftigung außer Haus, vor allem als Angestellte des Staates. In den 1960er Jahren wurde die Lage der Frauen im Rahmen derweißen Revolution weiter verbessert: Sie erhielten 1963 dasWahlrecht,[164] dieAbtreibung wurde erlaubt, und für Scheidungsfragen wurden weltliche Gerichte zuständig gemacht.[165]
Nach derIslamischen Revolution wurden diese Reformen rückgängig gemacht. Seitdem bestimmen die Artikel 20 und 21 deriranischen Verfassung, dass Männer und Frauenunter Berücksichtigungislamischer Prinzipien gleichberechtigt sind. Vor Gericht gelten Aussagen einer Frau nur halb so viel wie jene eines Mannes, und für die Verletzung oder den Tod einer Frau wird im sogenannten „Vergeltungsrecht“ nur die Hälfte desBlutgeldes fällig. Während der Mann für die Ernährung der Familie verantwortlich ist, muss die Frau den Haushalt verrichten und sich um die Kinder kümmern. Ihrem Mann gegenüber ist sie zu Gehorsam verpflichtet. Ehemänner haben „das Recht“ auf die sexuelle Verfügbarkeit der Ehefrauen und dürfen dies auch mit Gewalt durchsetzen. Auch allgemeine häusliche Gewalt des Ehemanns gegen die Frau wird weitgehend geduldet. Schläge oder sexuelle Gewalt durch den Mann sind dabei ausdrücklich kein Scheidungsgrund; umgekehrt kann der Mann seine Frau jedoch jederzeit verstoßen. Frauen dürfen zudem nur mit Einwilligung des Mannes berufstätig sein, verreisen, ihre eigenen Eltern besuchen, einen Reisepass besitzen oder sich scheiden lassen. Für außerehelichen Geschlechtsverkehr kann im iranischen Recht die Todesstrafe verhängt werden, was vor allem Opfer vonVergewaltigung in eine prekäre Lage bringt. Männern ist im Gegensatz zu Frauen dieVielehe erlaubt. DieZeitehe wird teilweise missbraucht, um Prostitution zu legalisieren, und junge Menschen nutzen die Zeitehe, um bereits vor einer richtigen Ehe zusammen wohnen zu können. Allerdings müssen Frauen nach dem Ende einer Zeitehe fürchten, gesellschaftlich geächtet zu werden und keinen Ehemann mehr zu finden, während sie dem Ruf von Männern keinen Abbruch tut und auch ihre Wiederverheiratung nicht behindert. Das gesetzlicheMindestheiratsalter für Mädchen liegt bei 13 Jahren. Die aufgeführten Regeln widersprechen teils den gesellschaftlich anerkannten Werten im heutigen Iran, so leben auch Geistliche inEinehe.[166][167][168]
Es gelang nach der Islamischen Revolution trotz alledem nicht mehr, die Frauen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, denn sie hatten die Revolution unterstützt und wurden imIran-Irak-Krieg als Arbeitskräfte benötigt. Als Nebeneffekt der strengen öffentlichen Sitten der Islamischen Republik gilt, dass konservative Eltern keinen Grund mehr haben, ihren Töchtern Schule und Studium zu verwehren. Das Bildungsniveau der iranischen Frauen ist deswegen heute höher als je zuvor, so dass Frauen in Iran heute in fast allen Berufen bis hin zum Autorennsport (Laleh Seddigh) und dem Hochschulamt an den Universitäten zu finden sind. Nicht nur säkular orientierte Frauen, sondern auch islamische Feministinnen lassen ihre zukünftigen Männer Eheverträge unterschreiben, die ihnen all jene Rechte, die ihnen das Gesetz verwehrt, einräumen. Auch ist es Frauen möglich, vor Gericht eine Scheidung zu erstreiten. Eine religiöse Debatte um die Gleichstellung der Frauen kommt in Gang, seit auch Abgängerinnen islamischer HochschulenKoranexegese betreiben. Wenngleich das iranische Strafrecht einen Verstoß gegen die Pflicht, einenHidschab zu tragen, mit Gefängnis bedroht, widersetzen sich Frauen den islamischen Bekleidungsvorschriften zunehmend, indem sie die Grenzen des Erlaubten immer wieder austesten.[169][170] Frauen, die die Grenzen austesten und sich dem Kopftuchzwang widersetzen, werden mitunter ausgepeitscht.[171] Im Zuge derProteste von 2022/2023 und erneut seitEnde 2025 hat das Regime mit massiver Gewalt reagiert, um die Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ zu unterdrücken.
Landesname
Seit frühester Zeit wurde das Land von seiner Bevölkerung alsIrān (abgeleitet vommittelpersischen WortĒrān-šahr [„Reich derarya“, übersetzt auch „Reich der Arier“[172] ] bzw. vonĒrān, dem Genitiv Plural vonĒr)[173] bezeichnet. Die altpersische Form dieses Namens,Aryānām (xšaθram), bedeutet „Herrschaft der Arya“ oder „Land derArier“.[174]
Der bis 1935 international verwendete LandesnamePersien geht aufPars (bzw.Parsa, „Perser“, damit verwandtParsen),[175] das Kernland derAchämeniden[176] zurück, die im 6. Jahrhundert v. Chr. ein erstes persisches Großreich schufen. Von den GriechenPersís (Περίς, von altpersischParsa) und den RömernPersia genannt,[177] bezeichnete es im Wesentlichen die heutige ProvinzFars umSchiras. Von ihr leitet sich auch das persische WortFārsī / فارسی /‚Persisch‘ für diepersische Sprache ab.
Im Jahr 1935 erhobReza Schah Pahlavi „Iran“ zur offiziellen internationalen Bezeichnung für das Land,[178][179] was ab demselben Jahr auf politisch-diplomatischer Ebene auf Bitten der persischen Regierung[180] von westlichen Kanzleien angenommen wurde.[181] Die amtliche Vollform lautete fortanKaiserreich Iran.[182]
FürIran, laut dem OrientalistenEilers nach deutscherliterarischer Tradition ohne Artikel zu gebrauchen,[183] empfahl das Centrum für Nah- und Mitteloststudien derPhilipps-Universität Marburg 2015, den 1981 publizierten Ausführungen des iranischen GermanistenTouradj Rahnema[184] folgend, die auch in der deutschen Wissenschaftssprache übliche Schreibung ohne Artikel.[185] Das deutscheAuswärtige Amt[186] verwendet den Artikel ebenfalls nicht.[187][188] Der VereinGesellschaft für deutsche Sprache e. V. weist den Gebrauch des männlichen Artikels vor Iran der deutschen Umgangssprache zu.[189] Der Landesname Iran wird im Deutschen sowohl ohne als auch mit männlichem bzw. neutralem bestimmten Artikel verwendet.[190]
Der geographische BegriffIran bezieht sich auf das gesamteiranische Hochland. ImDeutschen wird zwischen der amtlichen Namensform „Islamische Republik Iran“ und der Kurzform „Iran“ (Deutschland und Österreich) bzw. „der Iran“ (Schweiz) unterschieden.[191]
Das Gebiet Irans ist seit dem 9. Jahrtausend v. Chr. nachweisbar überneolithische Siedlungen wieGandsch Dareh und anderen (Tepe Guran,Tepe Abdul Hosein) im zentralenZagros-Gebirge der heutigen ProvinzenLuristan undKermanschah besiedelt. Im 8. Jahrtausend v. Chr. tauchten neolithische Siedlungen in der ProvinzChuzestan mit den archäologischen StättenAli Kosch, wo die ältesten Keramiken entdeckt wurden,Chagha Sefid undTschogha Bonut auf. Im Nordosten des heutigen Irans ist die archäologische StätteSang-i Chakmak auf das Ende des 8. Jahrtausends v. Chr. angesetzt.[192] Für die ProvinzKerman im Südosten ist als älteste neolithische StätteTepe Gav Koshi überliefert, die auf das frühe 7. Jahrtausend v. Chr. datiert ist, und eine der ältesten Siedlungen in der ProvinzFars im Südwesten ist die archäologische StätteTall-e Mushki aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends v. Chr. Im Gebiet des zentralen iranischen Plateaus,Teheran und der Ebene vonQazvin, und dem Nordwesten Irans sind keine akermischen (ohne Keramik) neolithischen Besiedlungen nachgewiesen (Stand 2013). Erst in neuerer Zeit sind die StättenChahar Boneh (bzw.Tschahar Boneh) undTepe Ebrahimabad untersucht worden, deren älteste Schichten auf das 6. Jahrtausend v. Chr. datiert sind.[193] Dauersiedlungen und Nahrungsmittelerzeugung sind etwa durch bemalte Keramik und kleine Tonfiguren für das jüngere Neolithikum (6500–5550 v. Chr.) nachweisbar.[12]
Während der nachfolgendenKupferzeit vom späten 6. Jahrtausend bis ins zweite Drittel des 4. Jahrtausends v. Chr. breiteten sich neue Technologien aus und es entstanden komplexe Formen sozialer und wirtschaftlicher Organisation. Die offensichtlichste Errungenschaft war die Verarbeitung von verschiedenen Metallen. Die Bevölkerung wuchs, die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion wurde vielschichtiger und es entstand ein wachsendes Netzwerk von Fernkontakten. Die Entwicklung fand ihren Höhepunkt um ungefähr 3400 v. Chr., dem ein Kollaps dieser frühen komplexen Gesellschaften folgte. Zu Beginn der nachfolgenden Bronzezeit im späten 4. Jahrtausend v. Chr. entstanden die städtischen Gesellschaften derProto-Elamiter.[194] Bekannte archäologische Stätten aus der Zeitspanne der Kupferzeit sind für den NordenTappe Sialk undTepe Hissar,[195] für das zentrale Zagros-GebirgeTepe Giyan undGodin Tepe,[196] für ChuzestanChogha Sefid,Chogha Bonut undTschogha Misch[197] und für den Süden Irans die archäologischen Stätten in der Flussebene desKur,Tall-i Bakun undTall-i Malyan, und im VerwaltungsbezirkMamasaniTol-e Spid undTol-e Nurabad. In Kerman sind bekannte kupfersteinzeitliche StättenTepe Yahya undTal-e Iblis.[198]
Nachdem sich im Verlauf derBronzezeit dasReich Elam gebildet hatte, vereinigten die iranischenMeder das Gebiet um 625 v. Chr. erstmals zu einem Staat, der die kulturelle und politische Führerschaft in der Region übernahm. Die vonKyros begründete Dynastie derAchämeniden regierte im 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. von Süd-Iran (vor allem Fars[199] bezeichnend) aus das bis dato größte Reich der Geschichte. Es wurde im Jahre 330 v. Chr. durch die TruppenAlexanders des Großen zerstört. Nach Alexander teilten seine Nachfolger (Diadochen) das Reich unter sich auf, bis sie im iranischen Bereich um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. durch dieParther abgelöst wurden. Auf diese folgte ab etwa 224 n. Chr. dasSassanidenreich, das bis zum 7. Jahrhundert neben demByzantinischen Reich zu den mächtigsten Staaten der Welt zählte. Nach dem Übergreifen derislamischen Expansion auf Persien bzw. auf dasGroßpersische Reich, in deren Folge im Laufe mehrerer Jahrhunderte derZoroastrismus weitgehend durch den Islam ersetzt wurde, wurden persischeGelehrte zu Trägern deBlütezeit des Islams, bis der sogenannteMongolensturm im 13. Jahrhundert das Land in seiner Entwicklung weit zurückwarf.
Seitdem ist Iran einetheokratische Republik, die von schiitischen Geistlichen geführt wird, an deren Spitze derReligionsführer die Macht auf sich konzentriert. Kontrolliert wird er nur vomExpertenrat. Er kann in der hybriden Staatsform aus Autokratie und Demokratie durch die ihm untergeordneten ultrakonservativen Gremien jederzeit demokratische Elemente aushebeln.[200]
Antike
Das Perserreich um 500 v. Chr.
Das heutigeStaatsgebiet Irans umfasst das historische Kernland des altenPersiens, das sich historisch über ein zeitweise deutlich größeres Gebiet erstreckte. Bis ins 20. Jahrhundert wurde Iran im internationalen offiziellen Sprachgebrauch weltweit als Persien bezeichnet. Seine geographische Lage zwischen demKaukasus im Norden, derArabischen Halbinsel im Süden,Indien undChina im Osten undMesopotamien undSyrien im Westen ließen das Land zum Schauplatz einer wechselvollen Geschichte werden.
DieKriege mitByzanz hatten dasSassanidenreich militärisch und finanziell so geschwächt, dass Unruhen im Inneren und Verwundbarkeit gegen äußere Feinde die Folge waren. So fiel das Reich einem Einfall der nomadischen Bewohner der arabischen Halbinsel zum Opfer (Islamische Expansion): Wohl im Jahre 638 verloren die Perser dieSchlacht von Kadesia, kurz danach ging die HauptstadtKtesiphon verloren.[201] Die Araber, durch die neue Religion des Islam geeint und motiviert, eroberten so bis 651 das gesamte Sassanidenreich und es begann der langsame Prozess derIslamisierung Irans. Zwar war Nichtmuslimen die Ausübung ihrer Religion erlaubt, sie mussten jedocheine Steuer bezahlen und zahlreiche Verbote beachten; noch im 13. Jahrhundert gab es großezoroastrische Gemeinden.[202] Da die Araber nicht darauf vorbereitet waren, ein so großes Reich zu regieren, übernahmen sie die Regierungsstrukturen der Sassaniden.[203] Im Unterschied zu anderen arabisch eroberten Gebieten gelang es den Persern deshalb, ihre Kultur weitgehend zu erhalten, dasPersische neben dem Arabischen zu einer Sprache des Islam zu machen und in kulturellen, politischen und geistigen Bereichen maßgebend zur Entwicklung des Islam beizutragen.[204]
Trotz der tragenden Rolle der Iraner in der islamischen Kultur waren sie zunächst alsMawālī oder garDhimmi benachteiligt. Der vierteKalifAli, der für die Abschaffung dieser Benachteiligung eintrat, hatte deshalb unter den Iranern besonders viele Anhänger. Dies war beim Streit um die Legitimität des Führungsanspruches der islamischen Gemeinde und ihrem folgenden Auseinanderbrechen inSunnitentum undSchiitentum ein bedeutender Faktor.[205] Auch beim Sturz derUmayyaden-Dynastie im Jahre 750 und der folgenden Begründung der stark am sassanidischen Vorbild orientiertenKalifen-Dynastie derAbbasiden in Bagdad waren iranische Rebellen unter GeneralAbū Muslim entscheidend an den Kämpfen beteiligt. Nachdem die Macht der Kalifen zugunsten des türkischstämmigen Militärs erodiert war, beherrschten im 9. und 10. Jahrhundert faktisch mehrere regionale Dynastien das Land, darunter dieTahiriden, dieSaffariden und dieBuyiden, die ab 945 als Schutzmacht des Abbassiden-Kalifen auftraten. Unter denSamaniden, deren Hauptstadt sich inBuchara befand, wurden zahlreiche sassanidische Werke in die arabische Sprache übersetzt, was die Aufnahme iranischen Gedankenguts in den Islam beschleunigte. Unter den Samaniden löste sich auch der Islam von seiner arabischen Herkunft und begann, eine kosmopolitische Religion zu werden.[206]
Türkische und mongolische Invasionen
Bereits im 9. und 10. Jahrhundert wurden ausTurkvölkern Zentralasiens stammendeMamluken genannte Waffensklaven in die Armeen eingegliedert. Beginnend mit dem 11. Jahrhundert wanderten Nomaden der Turkvölker ein und ließen sich auf dem Territorium des heutigen Iran nieder. Sie errichteten auf ihrer militärischen Basis kurzlebige Reiche nach iranisch-samanidischem Vorbild und ließen sich als Sunniten vom Abbassiden-Kalifen in Bagdad bestätigen. Zu diesen Herrscherhäusern gehören dieGhaznawiden und dieSeldschuken.[207] Sie förderten Kunst, Kultur, Medizin und Wissenschaften: die Arbeiten der bedeutenden DichterOmar Chayyām,Rumi undFerdosi fallen in diese Epoche. Nachdem die Seldschuken-Dynastie ihren Zenit überschritten hatte, zerfiel das Land wieder in mehrere lokale Reiche; es kam zu schweren innerschiitischen Kämpfen zwischen denIsmailiten und denZwölferschiiten.[208]
Im Jahre 1219 fielen dieMongolen unterDschingis Khan, in dessen Heer auch zahlreiche Türken kämpften, in Iran ein. Die Mongolen zerstörten und plünderten die iranischen Städte, die Bevölkerungszahl schrumpfte dramatisch, Ackerland und Bewässerungsanlagen verkamen und die Zentralgewalten lösten sich auf. Von 1256 bis 1335 war Iran Teil des Reiches derIlchane. Nach der Ermordung des letzten Ilchans konnten sich wieder lokale Reiche bilden. Doch bereits kurze Zeit später wurde das iranische Hochland erneut von Zentralasien aus überrannt, diesmal von den TruppenTimurs, der 1381 die Dynastie derTimuriden begründet, die bis 1507 herrschte.[209] Einige Landstriche erholten sich von den Verwüstungen des Mongolensturms nie wieder. Die Wirren der mongolischen und timuridischen Herrschaft trugen zum Aufkommen desVolksislam und derDerwisch-Kultur bei.[210]
Safawiden
Reich der Safawiden. Links, purpurrot: das Osmanische Reich; purpurrot gestreift: Gebiete, die an die Osmanen verloren gingen. Rechts, grün gestreift: umstrittene, von den Usbeken beanspruchte Gebiete. Rot umrandet: das persische Staatsgebiet im Jahr 1722
Nach einem Zwischenspiel der turkmenischen StämmeQara Qoyunlu undAq Qoyunlu, die zeitweise das gesamte iranische Territorium beherrschen konnten, gelang es denSafawiden, wieder einen stabilen Staat zu errichten. Sie hatten ihren Ursprung in einem turkmenischen Derwischorden, der zu großem Reichtum gelangt war und seine Anhänger militärisch organisierte (Kizilbasch). Sie führten 1501 die Zwölferschia als Staatsreligion ein; sie stellt spätestens seit Ende der Safawidenzeit ein einendes Band im iranischen Vielvölkerstaat dar. Die äußeren Beziehungen des safawidischen Reiches waren geprägt durch wiederholte Konflikte mit demOsmanischen Reich, aber auch durch die sich intensivierenden Handelsbeziehungen mit den europäischen Seefahrermächten. Die Blütezeit der Safawidenherrschaft bildete die Regierung vonAbbas I., der Isfahan zu einer prunkvollen Residenz ausbaute.
Während der Herrschaft der Safawiden stieg die Zahl der Nomaden weiter an, sodass der Druck auf die sesshaften Bauern wuchs und die Nomaden sich bewaffneten. Diese militärische Macht blieb bis ins 20. Jahrhundert ein wichtiger Faktor. Die Safawidendynastie wurde schließlich von einer Invasion der Afghanen gestürzt. Die Afghanen wurden jedoch von einem Nomadenführer vertrieben, der zunächst noch als Heerführer der Safawidenfamilie handelte, sich schließlich aber 1736 alsNader Schah selbst zum Herrscher krönen ließ. In seiner Regierungszeit gelangen ihm umfangreiche Eroberungen, jedoch wurde er 1747 ermordet. Während Südiran unter denZand Ruhe und Wohlstand erlebte, herrschte im Norden Chaos.[211]
Die Kadscharen und die konstitutionelle Revolution
Nāser ad-Din Schāh (ca. 1870), der bedeutendste Schah aus der Kadscharen-Dynastie
Der Stamm derKadscharen eroberte im späten 18. Jahrhundert zunächst den Norden Irans und stürzte dann auch die Zand. Ihr AnführerAgha Mohamed wurde 1796 zum Schah gekrönt; seine Dynastie regierte in Persien bis 1925. Außenpolitisch war diese Zeit von zahlreichen Rückschlägen geprägt. DieRussisch-Persischen Kriege führten zum Verlust der Kaukasusregion; die Auseinandersetzungen mit Großbritannien endeten darin, dass Persien Afghanistan als neuen Staat anerkennen und Gebiete an dieses abtreten musste. Auch innenpolitisch kam es zu Konflikten, beispielsweise in Form von religiösen Aufständen durch Anhänger desBabismus 1849/1850. Erste Versuche, den Staat angesichts dieser kritischen Lage zu reformieren, scheiterten entweder am Widerstand des Schahs oder anderer einflussreicher Kreise oder aber an der fehlenden Finanzierung.
Die Kadscharen machten unter dem Eindruck der schwierigen Finanzsituation immer weitergehende Zugeständnisse an ausländische Mächte. Dies führte zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die bis zu Boykottaktionen wie derTabakbewegung 1891 führte. Schließlich steigerten sich die Unruhen zur sogenanntenKonstitutionellen Revolution, die von 1905 bis 1911 andauerte. Sie führte dazu, dass das erste iranische Parlament (Madschles) eingerichtet und eine erste Verfassung (dieiranische Verfassung von 1906) erlassen wurde. Die absolute Monarchie der Kadscharen wurde dadurch durch eine konstitutionelle Monarchie ersetzt. Die politischen Unruhen dauerten jedoch an und führten zu wiederholten Konfrontationen zwischen dem jungen Parlament und dem jeweils regierenden Schah. Großbritannien und das Zarenreich teilten Persien im August 1907 imVertrag von Sankt Petersburg in Einflusszonen auf. Während desErsten Weltkriegs (1914–1918) kam es daraufhin zu langwierigen Kämpfen auf iranischem Boden zwischen Russland, Großbritannien und dem Osmanenreich (sieheErster Weltkrieg in Persien). Die persische Staatsmacht selber konnte sich in dieser Gemengelage nicht behaupten und ihr Einfluss wurde schließlich so weit zurückgedrängt, dass er nur noch die Hauptstadt umfasste. Das Zaren- und das Osmanenreich zerfielen kurz darauf selbst; die britischen Pläne, Persien als Protektorat zu übernehmen, kamen jedoch nicht zur Durchführung. Durch die Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs kam es zu Hungersnöten und Seuchen, feindlichen Lebensmittelkonfiskationen und Ernteausfällen, sodass 40 Prozent der Landesbevölkerung[212] ums Leben kamen. Zudem kam es zu separatistischen Bewegungen in Iran und zur Gründung der kurzlebigenIranischen Sowjetrepublik.Reza Khan, der spätere Reza Schah Pahlavi, wurde nach einem Putsch im Jahre 1921 zunächst Kriegs- und schließlich 1923 Premierminister. Er setzte Militärreformen durch und ging effektiv gegen die Separatisten in unterschiedlichen Landesteilen vor. Angesichts dieser Erfolge setzte das Parlament 1925 den letzten Kadscharenherrscher ab und ernannte Reza Khan zum neuen Schah.
Herrschaft der Pahlavis
Flagge Irans während der Pahlavizeit
Reza Schah war ein energischer Führer[213] und der erste seit langem, der echte Reformen anging.[214] Ein modernes Bildungssystem wurde eingeführt und das Justizsystem reformiert. Die Gerichtsbarkeit ausländischer Mächte über ihre Bürger in Iran wurde abgeschafft. Ein staatliches Tee- und Zuckermonopol wurde geschaffen; mit den Einnahmen daraus wurde dieTransiranische Eisenbahn gebaut; auch Straßen und andere Bahnlinien entstanden. Die ausländischen Banken wurden verstaatlicht, neue Banken gegründet. Die Lage der Frauen wurde verbessert; für alle Männer mit Ausnahme der Geistlichen wurde westliche Kleidung vorgeschrieben, Frauen wurde der Schleier verboten.[162][215] Im Jahre 1925 wurde die allgemeineWehrpflicht eingeführt und teils mit Gewalt durchgesetzt, somit wurden gegen den Widerstand von Geistlichkeit und Landbesitzern alle jungen Männer des Landes aus ihren traditionellen Werdegängen herausgerissen und durchliefen eine nationalistisch-säkulare Ausbildung.[79][216] DasGesetz zu Identität und persönlichem Stand verpflichtete alle Iraner, einen Nachnamen zu führen, sich bei den neu geschaffenen Meldebehörden registrieren zu lassen und einen Personalausweis mit sich zu führen; dieKadscharentitel wurden ersatzlos gestrichen. Diese beiden Maßnahmen schufen die Voraussetzung für die Durchsetzung eines Zentralstaates auf Kosten der lokalen Machthaber. Reza Schah begann auch die Politik der Hinwendung zum vorislamischen Iran, benutzteKrone, Mantel und Banner nach altiranischem Vorbild, führte deniranischen Kalender ein und verlangte ab 1935 – nicht ganz unbeeinflusst durch dasnationalsozialistische Deutschland, zu dem der Schah gute Beziehungen unterhielt – vom Ausland, das LandIran („Land der Arier“) und nicht mehrPersien zu nennen.[217][218][219] Reza Schah regierte jedoch diktatorisch und behielt das Parlament nur, um seiner Herrschaft den Schein von Legitimität und Verfassungsmäßigkeit zu verleihen.[219][220][221][222] Er eignete sich persönlich riesigen Grundbesitz an, veranlasste die blutige Sesshaftmachung der Nomaden, eliminierte Kritiker und im späteren Verlauf seiner Herrschaft auch Mitstreiter.[223][224][225][226]
Obwohl Reza Schah seinen Aufstieg maßgeblich britischem Einfluss zu verdanken hatte, setzte er alles daran, den Einfluss Großbritanniens auf das Geschehen in Iran zu beschneiden. Sein Versuch, die USA als Gegengewicht zu Großbritannien und der Sowjetunion zu positionieren, misslang. Das damals nationalsozialistisch regierte Deutschland übernahm diese Rolle gern und wurde in der Folge wichtigster Partner Irans.[223][227] Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verlangte Großbritannien den Eintritt in den Krieg auf Seiten der Alliierten und die Ausweisung der zahlreichen deutschen Berater, was Reza Schah erst nach längerem Zögern zusagte. Die iranische Regierung erklärte die Neutralität Irans und forderte von Großbritannien und der Sowjetunion die Respektierung dieser Entscheidung. Um den Zugriff auf die Ölvorkommen und um den Nachschub für militärisches Material an die Sowjetunion über die Transiranische Eisenbahn zu sichern,marschierten britische und sowjetische Truppen am 25. August 1941 ohne Kriegserklärung in Iran ein. Der Widerstand der iranischen Armee brach nach 48 Stunden zusammen.[228] Reza Schah wurde zur Abdankung gezwungen. Es gab keinen Aufschrei der Öffentlichkeit,[229] sein damals 22-jähriger SohnMohammad Reza Pahlavi folgte ihm auf dem Thron nach.[223]
Das Jahrzehnt, das unmittelbar auf diese Ereignisse folgte, ist in Iran unter dem NamenWiedergeburt der Verfassungsmäßigkeit bekannt.[230] Es herrschten Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Pluralismus wie nie zuvor in diesem Land.[229] In diese Periode fallen zwei bedeutende Entwicklungen. Die Sowjetunion hatte, entgegen ihren Zusagen, ihre Truppen im Nordwest-Iran belassen und unterstützte in derIrankrise die prokommunistischen Regierungen inIranisch-Aserbaidschan undKurdistan. Erst auf amerikanischen Druck hin willigte die Sowjetunion ein, sich zurückzuziehen und die iranische Armee konnte die beiden sezessionistischen Staaten zerschlagen. Die zweite Entwicklung war die Verstaatlichung der Ölindustrie, die seit 1941 gefordert wurde und 1951 vom Parlament verabschiedet wurde. Die britische Regierung, die die Einnahmen derAnglo-Iranian Oil Company benötigte, organisierte in der Folge einen Boykott iranischen Öls, was zurAbadan-Krise führte und den iranischen Staat an den Rand des Bankrotts brachte. Der bis heute populäre PremierministerMohammad Mossadegh, der am meisten mit der Verstaatlichung identifiziert wird, versuchte zur gleichen Zeit, die Kompetenzen des Schahs und des Parlaments zu beschneiden und mit Hilfe einesErmächtigungsgesetzes selbst die Macht an sich zu reißen. Im Jahre 1953 waren die Spannungen am Höhepunkt und der Schah floh aus dem Land. Mohammad Mossadegh wurde wenig später in der Folge der gescheitertenOperation Ajax derCIA von Anhängern des Schahs gestürzt, Schah Mohammed Reza errichtete in der Folge mit Unterstützung der USA eine Autokratie.[231]
Mohammad Reza Pahlavi und Farah Pahlavi, 1977
Monarchistische Kräfte unter Führung des GeneralsFazlollah Zahedi verhafteten Mossadegh. Der Schah kehrte wieder nach Iran zurück. Die damalige Regierung, mit Zahedi als Premierminister, begann neue Verhandlungen mit einem internationalen Konsortium von Ölgesellschaften. Die Verhandlungen dauerten mehrere Jahre. Am Ende stand ein Abkommen, das bis zur erstenÖlpreiskrise Bestand haben sollte.
SchahMohammad Reza Pahlavi (1941–1979) leitete ab 1963 mit der „Weißen Revolution“ umfangreiche wirtschaftliche, politische und soziale Reformen ein. Mit den steigenden Öleinnahmen konnte ein Industrialisierungsprogramm aufgelegt werden, das Iran in wenigen Jahren von einem Entwicklungsland zu einem aufstrebenden Industriestaat machte. Aktives und passivesFrauenwahlrecht wurden im September 1963 eingeführt.[232][233] Industrialisierung und gesellschaftliche Modernisierung führten von Beginn an zu Spannungen mit den konservativen Teilen der schiitischen Geistlichkeit. Insbesondere derAjatollahRuhollah Chomeini sprach sich bereits 1963 gegen das Reformprogramm aus. Neben der islamischen Opposition, derFedāʾiyān-e Eslām, bildete sich in Iran einelinke Guerillabewegung, die das Land mit „bewaffnetem Kampf“ verändern wollte. Die ab 1977 erfolgende politische Liberalisierung ermöglichte es der Opposition, sich zu organisieren. Es kam zu gewaltsamen Demonstrationen, Mord- und Brandanschlägen, die das Land in seinen Grundfesten erschütterten. Nach derKonferenz von Guadeloupe im Januar 1979, auf der der französischePräsidentValéry Giscard d’Estaing,PräsidentJimmy Carter aus den Vereinigten Staaten,PremierministerJames Callaghan aus dem Vereinigten Königreich undBundeskanzlerHelmut Schmidt beschlossen hatten, den Schah nicht mehr zu unterstützen und das Gespräch mit Ajatollah Ruhollah Chomeini zu suchen, verließ Mohammad Reza Pahlavi Iran. Dieislamische Revolution hatte begonnen.
Islamische Revolution und Republik
Chomeinis Ankunft am 1. Februar 1979
Am 1. Februar 1979 kehrteRuhollah Chomeini aus dem französischen Exil zurück; dieser Tag wird seitdem als staatlicher Gedenktag, genanntFadschr(Morgenröte), gefeiert. Rasch etablierte er sich als oberste politische Autorität und begann aus der ehemals konstitutionellen Monarchie eine „Islamische Republik“ zu formen, unter anderem durch sukzessive und gewaltsame Ausschaltung aller anderen revolutionären Gruppen. Seine Politik war von einer antiwestlichen Linie geprägt und schreckte auch nicht vor Terror und Massenhinrichtungen zurück. Mit zahlreichen ehemaligen Anhängern – so seinem designierten Nachfolger GroßajatollahHossein Ali Montazeri – kam es darüber zum Bruch.
Mohammad Chātami
Von 1980 bis 1988 befand sich Iran imErsten Golfkrieg, nachdem derIrak angegriffen hatte. Im Jahr 1988 ließ das theokratische Regime auf Weisung des obersten Führers Ajatollah Chomeinipolitische Gefangene in Massen hinrichten. Die anhaltende internationale Isolation Irans lockerte sich zeitweise Ende der 1990er Jahre. Mit dem überraschenden WahlsiegMohammad Chātamis bei denPräsidentschaftswahlen 1997 etablierte sich die politische Bewegung islamischer Reformer im iranischen Parlament. So gelang es Chātami zu Beginn seiner Amtszeit, eine Liberalisierung der nationalen Presse durchzusetzen. Die systemkritischen Stimmen bekamen dadurch (etwa Mashallah Shamsolvaezin in den ZeitungenNeshat undAsr-e Azadegan[234]) ein öffentliches Organ, um ihrem Reformwillen Nachdruck zu verleihen.
Das Aufleben der Pressefreiheit dauerte nicht lange an. DerWächterrat machte die Gesetze mit Verweis auf die Unverträglichkeit mit dem Islam rückgängig und blockierte fortan nahezu alle Reformversuche des Parlaments. Seither sehen sich die sogenannten Reformer mit großen Vertrauensverlusten in den reformwilligen Bevölkerungsgruppen konfrontiert. Die Enttäuschung über die Ohnmacht des Parlaments führte bei den Kommunalwahlen im Jahr 2003 zu einer sehr geringen Wahlbeteiligung (Landesschnitt 36 %, in Teheran 25 %) und zu einem klaren Sieg der konservativen Kräfte.
Präsidentschaft Ahmadineschads
Großdemonstration in Teheran am 17. Juni 2009
DiePräsidentschaftswahl am 17. Juni 2005 setzte eine Zäsur, zumal Chātami nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren durfte. Durch die Wahl des konservativenMahmud Ahmadineschad zum Präsidenten und seine konfrontative Außen- sowie repressive Innenpolitik nahm die internationale Isolation erneut zu. Insbesondere seine Wiederwahl im Jahr 2009, die von zahlreichen Manipulationsvorwürfen begleitet wurde, führte zumassiven Protesten im Land, die trotz gewaltsamer Niederschlagung auch friedlicher Demonstrationen vor allem gegen Ende 2009 weiter zunahmen.[235][236] Dabei stand der volksnah auftretende undSubsidien verteilende Ahmadineschad zusätzlich mit noch radikaleren, radikal-orthodoxen religiösen Gruppen um die einflussreichen,eschatologischen GeistlichenDschannati,Yazdi und den AjatollahAhmad Chatami in Konflikt, denen es mehrfach – auch mit Hilfe des Parlaments – gelang, Minister und Vertraute Ahmadineschads zum Rücktritt zu zwingen. Andere Minister blieben gegen den Willen des Präsidenten mit Unterstützung radikal-orthodoxer Kreise im Amt, konnten aber nicht ihre von Ahmadineschad gestützten Staatssekretäre entlassen.[237][238] Die Geistlichen warfen Ahmadineschad vor, einen national-islamischen Kurs, statt einesislamischen Kurses zu verfolgen. Schüler dieser orthodoxen Geistlichen (Haghani-Schule inGhom) besetzen zahlreiche Schlüsselposition im iranischen Militär und Geheimdienst.
Resultat der Konflikte waren Drohungen gegen Ahmadineschad[239] und die Radikalisierung von Justiz, Exekutive und Legislative. So forderten Parlamentsabgeordnete 2011 den Tod der ebenfalls systemtreuen, bei den Präsidentschaftswahlen 2009 unterlegenen OppositionskandidatenMussawi undKarrubi,[240] beide wurden gemeinsam mit ihren Ehefrauen unter offiziell nicht zugegebenen und illegalen Hausarrest gesetzt, was weltweit scharf kritisiert wurde.[241] Der systemtreue ehemalige PräsidentAli Akbar Hāschemi Rafsandschāni verlor den einflussreichen Posten als Vorsitzender desExpertenrats an einen greisenHaghani-Vertreter. Die Vertrauten und Kinder des ehemals als „Richelieu der Iranischen Revolution“ bezeichnetenMilliardärs[242] wurden Objekt von mobbenden, gewaltsamenBasidsch-Ausschreitungen auf der Straße.
Ein weiteres Resultat dieser Radikalisierung war eine zunehmende internationale wirtschaftliche und politischeIsolation, in deren Folge Privatvermögen eingefroren und Reiseverbote sowie weitere Sanktionen[243][244] gegen zahlreiche hochrangige iranische Militärs, Polizisten, Richter und Staatsanwälte unter anderem durch dieEuropäische Gemeinschaft im April 2011 verhängt wurden.
Präsidentschaft Rohanis
Hassan Rohani, 2017
Am 11. April 2013 gabHassan Rohani, der für iranische Verhältnisse als moderat und politisch dem ehemaligen Präsidenten Rafsandschani nahestehend gilt, seine Kandidatur für diePräsidentschaftswahl im Juni 2013 bekannt. Er bekundete unter anderem die Absicht, eine Bürgerrechts-Charta einzuführen, die Wirtschaft wiederaufzubauen und die Zusammenarbeit mit der Weltgemeinschaft zu verbessern, also insbesondere die Isolation Irans und die Sanktionen, die zu einer verheerendenWirtschaftskrise führten, aufgrund des Streits um dasiranische Atomprogramm zu überwinden. Im Wahlkampf verteidigte Rohani vehement sein Vorgehen als Chefunterhändler und beharrte in einem TV-Interview darauf, dass es auch unter seiner Verhandlungsführung nie einen Stopp des Atomprogramms gegeben habe, der Ausbau des iranischen Atomprogrammes vielmehr erfolgreich vorangetrieben wurde.[245][246][247] „Besonnenheit und Hoffnung“ sei das Motto der Regierung, die er bilden wolle. Nach den vorläufigen Angaben des Innenministeriums gewann Rohani mit 18.613.329 Stimmen (50,71 %) bereits in der ersten Runde die Wahl.[248]
Kurz vor einem Besuch Rohanis bei der UN-Vollversammlung in New York am 25. September 2013 kündigte er gemeinsam mit dem obersten religiösen und politischen FührerAli Chamenei an, dass sich die mit Ahmadineschad eng verbundeneIslamische Revolutionsgarde künftig aus der Politik fernhalten solle.[249] Zudem wurden um den 18. September 2013 rund ein Dutzend politische Gefangene vorzeitig aus der Haft entlassen, darunter die MenschenrechtsaktivistinNasrin Sotudeh. Einige Beobachter werteten dies als ersten Ansatz Rohanis, sein Wahlversprechen umzusetzen, in Iran künftig mehr politische Freiheiten zuzulassen, gleichzeitig aber auch als Signal für die von Iran erhoffte Entspannung des Verhältnisses zum westlichen Ausland.[250][251] In der Tat erreichte Rohani die Aufnahme direkter Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Iran bezüglich des Atomstreits.[252] Andere, wieHuman Rights Watch, begrüßten zwar die Freilassungen, sahen darin aber nicht viel mehr als eine symbolische Geste, da weiterhin hunderte politische Gefangene in iranischen Gefängnissen säßen. Auch müsse das Regime dafür sorgen, dass die Freigelassenen nicht erneut Ziel der Sicherheitskräfte und der Justiz würden.[253] Auch die iranischeFriedensnobelpreisträgerinShirin Ebadi undAmnesty International kritisierten die Menschenrechtsbilanz Rohanis[254][255][256] und die stark gestiegene Zahl der Hinrichtungen scharf.[257][258]
Feiern zurPräsidentschaftswahl 2017 (Die Farbe Lila, für Rohani stehend, trugen bereits bei seiner Wahl 2013 seine Anhänger[259])
Zwar zeigte Rohani nicht die exzessiveisraelfeindliche Rhetorik seines Vorgängers, vollzog inhaltlich jedoch keinen Wandel. So erklärte er anlässlich desal-Quds-Tags 2014, es könne für die Palästinenser keinen diplomatischen Ausweg, sondern nur den des Widerstands geben:[260] „Was dieZionisten inGaza machen (Operation Protective Edge), ist ein unmenschlicherVölkermord, daher muss die islamische Welt heute einheitlich ihren Hass und Widerstand gegen Israel erklären.“[260] Zudem verneinte er bei einem Podiumsgespräch auf dem44. Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums Nachfragen des WEF-GründersKlaus Schwab, ob er auch freundschaftliche Beziehungen zu Israel anstrebe, das von der Islamischen Republik Iran bisher nicht anerkannt wurde.[261] Auch seine Betonung einer friedlichen Nutzung der Kernkraft sowie sein Angebot zur Vermittlung imsyrischen Bürgerkrieg, in dem Iran auf SeitenBaschar al-Assads involviert ist, sorgten Mitte September 2013 für internationale Aufmerksamkeit.[262][263] Kritische Stimmen bemerkten, Rohani tue so, „als sei er ein neutraler Beobachter“, obwohl Iran längst Kriegspartei ist.[264]
Mit dem Abschluss des Vertrags über das Iranische Atomprogramm am 14. Juli 2015 mit den UN-Vetomächten und Deutschland erreichte die iranische Führung den Austritt Irans aus seiner internationalen Isolation[265] und mit dem Abkommen von Wien am 16. Januar 2016 die Aufhebung der internationalen Sanktionen.[266] Davon versprachen sich Iran wie auch westliche Wirtschaftsvertreter jeweils einen deutlichen Wachstumsschub für ihre Länder.[267][268]
Bei derPräsidentschaftswahl am 19. Mai 2017 wurde Rohani wiedergewählt. Im Mai 2018 kündigte US-PräsidentDonald Trump das Atom-Abkommen mit Iran auf und kündigte neue Sanktionen an. Der Schritt wurde von der EU, Russland und China kritisiert.[269] Als Reaktion darauf zog sich Iran schrittweise aus dem Abkommen zurück und nahm 2019 die Urananreicherung wieder auf.[270]
In Folge der gezielten Tötung vonQasem Soleimani durch US-amerikanische Streitkräfte im Irak zu Beginn des Jahres 2020 gab es eine mehrtägig verordneteStaatstrauer und mehrere Trauermärsche mit bis zu mehr als eine Million Teilnehmern.[271][272] Dabei kam es zu einer Massenpanik bei einem Trauerzug inKerman mit ca. 40 Toten und mehreren hundert Verletzten.[273]
Proteste in Iran 2019/2020
Bei einer zweiwöchigen Unruhe im November 2019 (den gewalttätigsten Ausschreitungen seit 1979) wegen einer drastischen Benzinpreiserhöhung kamen laut zwei anonymen Insidern des iranischen Innenministeriums und der Nachrichtenagentur Reuters etwa 1500 Demonstranten ums Leben, da der Staat die Proteste gewaltsam niederschlagen ließ.[274][275] Durch Scharfschützen der Sicherheitskräfte seien Genickschüsse auf hunderte von Demonstranten abgegeben worden.[276] Nach Recherchen gehtAmnesty International von 324 bekannten Toten durch die Proteste aus.[277] Die iranische Regierung wies die Angaben von Amnesty als grundlose Behauptungen zurück.[274][278] Das Internet im Land war während der Ausschreitungen für einige Tage auf staatliche Anordnung hin zumindest teilweise gesperrt, um die Verbreitung von Informationen über die Proteste zu verhindern.[279] Der Internet-Blackout dauerte etwa fünf Tage an.[280]
Die ersten regimekritischen Proteste seit 2009, an denen die Mittelschicht teilnahm, fanden im Januar 2020 auf dem Gelände derAmirkabir-Universität in Teheran statt. Die Studenten riefen „Reformer, Konservative, das Spiel ist aus!“ Am 11. Januar gingen Tausende in Teheran auf die Straße und riefen „Arbeiter, Studenten, wir sind eine Einheit!“ und am nächsten Tag hatten sich noch mehr Demonstranten, auch in anderen iranischen Städten, auf allenAzadi-Plätzen (vonazadi „Freiheit“) versammelt, wo auch „Tod dem Diktator“ und „Wir wollen keine Herrschaft der Revolutionsgarde“ zu hören war.[281]
Präsidentschaft Raisis 2021–2024: erneute Proteste und internationale Konflikte
Vom 3. August 2021 bis zu seinem Tod am 19. Mai 2024 durch einenHubschrauberabsturz nahe der Stadt Varzaqan war der als ultrakonservativ geltendeEbrahim Raisi Präsident Irans.[282][283][284][285]Von September 2022 bis ins Jahr 2023 hinein kam es nach dem vermutlich durch Polizeigewalt verursachten Tod vonJina Mahsa Amini zu landesweiten Protesten, bei denen Stand November 2022 mehr als 400 Demonstranten durch staatliche Gewalt getötet wurden.[286][287] Die vielenpolitisch motivierten Festnahmen und Todesurteile, auch gegen Doppelstaatsbürger, sorgten für die Verschlechterung der Beziehungen zu vielen Staaten weltweit.
Mitte Januar 2024 griff Iran innerhalb von weniger als 24 Stunden mitDrohnen und Raketen Orte inSyrien,Kurdistan im Nordirak undPakistan an. Die Regierung erklärte, dass der Beschuss in der syrischenProvinz Idlib der TerrororganisationIslamischer Staat gegolten habe, der vonErbil in Kurdistan einem Quartier des israelischen GeheimdienstesMossad und der Beschuss in Pakistan der SeparatistengruppeJaish ul-Adl. Nach Angaben von Irak und Pakistan wurden dabeiZivilisten getötet; beide Staaten zogen ihre Botschafter aus Iran ab. Pakistan erwiderte zudem die Raketenangriffe und erklärte, damit in der iranischen ProvinzSistan-Balutschistan Terroristen getötet zu haben.[288][289][290][291]
Präsidentschaft Peseschkians seit 2024
Nach Raisis Unfalltod wurdeMassud Peseschkian im Juli 2024Präsident von Iran. Der als vergleichsweise moderat geltende Politiker hatte sich in einer Stichwahl gegen einen Hardliner durchgesetzt.[285]
Im Juni 2025 kam es zumisraelisch-iranischen Krieg (auch „Zwölftagekrieg“ genannt). Er begann am 13. Juni 2025 mit AngriffenIsraels auf Iran unter demCodenamenOperation Rising Lion. Die Angriffe derIsraelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) und des israelischen AuslandsgeheimdienstesMossad richteten sich gegen Anlagen desiranischen Atomprogramms, militärische Einrichtungen in Iran sowie gegen hochrangige Kommandeure der iranischen Militärführung und iranische Kernphysiker. Iran begann noch am selben Tag mit Luftangriffen auf Ziele in Israel unter dem CodenamenOperation True Promise III. Zwei Wochen zuvor hatte dieInternationale Atomenergie-Organisation (IAEO) mitgeteilt, Iran verfüge nun über 408 kg auf 60 % angereichertes Uran. Bei weiterer Anreicherung würde dies für den Bau von etwa neun Atombomben ausreichen.[292]
Am 28. Dezember 2025 begannen, nach Absturz der Landes-Währung Rial innerhalb weniger Stunden auf ein neues Rekordtief, Massenproteste mit Hunderttausenden Menschen in verschiedenen Städten Irans.[293] Die Demonstrierenden forderten abgesehen von einer anderen Wirtschaftspolitik auch den Rücktritt von Ali Chamenei und ein Ende der religiösen Diktatur.[294] Regierungstruppen schlugen die Proteste nieder, teils unter Einsatz von Schusswaffen. Am 31. Dezember und am 1. Januar 2026 starben dadurch insgesamt mindestens sieben Demonstrierende, mindestens drei davon in der MittelstadtAzna (Luristan), etwa 300 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Teheran. Die Proteste sind die größten seitdenjenigen 2022/2023, die ebenfalls gewaltsam niedergeschlagen worden waren.[295] Am Sonntagmorgen (4. Januar) verkündeten zwei Menschenrechtsorganisationen neue Zahlen von insgesamt 17 bzw. 16 Getöteten in der Woche. Eine von beiden bezifferte die Festgenommenen in diesem Zeitraum auf 582.[296]
Die heutige Staatsform Irans geht maßgeblich auf die derAjatollahsRuhollah Chomeini undMorteza Motahhari zurück und basiert auf dem islamischen Glaubensgrundsatz, dass der menschliche Wille abhängig vom Willen Gottes sei und wahre Freiheit im Gehorsam gegenüber Gott und seinem göttlichen Gesetz liege. Die diesem Grundsatz zugesprochene universelle Gültigkeit überträgt sich entsprechend auf die entwickelte Staatsphilosophie: das Glück der Völker und der Gesellschaften sei nur durch die Befolgung dieserfür alle Länder gleichermaßen gültigen göttlichen Gesetze erreichbar.
Da in den Augen Chomeinis nur Gott die Autorität zur Gesetzgebung hat, lehnte er ein gesetzgebendes Parlament nach westlichem Vorbild strikt ab. Der Mensch dürfe die Gesetze Gottes nicht verfälschen, Widerstand gegen oder Kritik an diesen Gesetzen seiBlasphemie. In der Konsequenz propagierte er ein Programmierungsparlament. Die Exekutive göttlich gegebener Gesetze obliege in Chomeinis Staatswesen dem legitimen Führer der muslimischen Gemeinschaft, nach dem schiitischen Bekenntnis also dem ProphetenMohammed und den rechtgeleitetenImamen. In Abwesenheit des der Welt entrücktenzwölften Imams, an dessen Rückkehr dieSchiiten glauben, soll ein profunder Kenner des göttlichen Gesetzes, also ein schiitischer Rechtsgelehrter, die Vertretung des Imams ausüben. Dieses System, das ChomeiniStatthalterschaft der Rechtsgelehrten nannte, verleiht demobersten Rechtsgelehrten an der Spitze des Staates göttliche Legitimität und verpflichtet damit die Subjekte des Staates zu Gehorsam.[298]
Regierungssystem Irans – Herrschaft des Religionsführers
Das höchste und mächtigste Amt im heutigen iranischen Staat ist derReligionsführer, der im Deutschen synonym auch als Oberster oder Herrschender Rechtsgelehrter, geistlicher Führer oder religiöser Führer bezeichnet wird; im Persischen ist die BezeichnungRahbar geläufig.[299] Er regiert laut Artikel 5 derVerfassung als Stellvertreter des erwartetenImamsMuhammad al-Mahdī;[300] mit dieser religiösen Legitimierung verfügt er über fast uneingeschränkte Macht: er definiert die Politik des Staates (alsGottesstaat)[301] und überwacht deren Ausführung, er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und erklärt als solcher Krieg und Frieden, er ernennt den vom Volk gewählten Präsidenten und kann ihn unter gewissen Umständen absetzen. Nicht zuletzt ernennt er den obersten Richter, den obersten Staatsanwalt und die Oberbefehlshaber derSicherheits- und Ordnungskräfte. Der Religionsführer wird nicht vom Volk, sondern vom Expertenrat für eine unbestimmte Zeit ernannt und kann von diesem theoretisch auch wieder abgesetzt werden.[299] Bisher gab es nur zwei Amtsinhaber:Ali Chamenei folgte im Jahre 1989 aufRuhollah Mussawi Chomeini.
Das zweithöchste Amt ist derStaatspräsident. Er ist der Leiter derExekutive und ernennt die Regierungsmitglieder, die jedoch vomParlament bestätigt werden müssen. Der Präsident leitet die Regierungsarbeit, koordiniert die Entscheidungen der Minister und ist für diese dem Parlament und dem Religionsführer gegenüber verantwortlich. Alle Fragen, die die islamische Führung direkt betreffen, sind jedoch Angelegenheiten des Religionsführers; diese Regelung kann dazu herangezogen werden, die Befugnisse des Staatspräsidenten nach Belieben zugunsten des Religionsführers zu beschneiden. Der Präsident wird in allgemeinen Wahlen für eine vierjährige Amtszeit bestimmt und kann nur einmal wiedergewählt werden. Aktueller Amtsinhaber ist seit 2024Massud Peseschkian. DasAmt des Ministerpräsidenten wurde im Rahmen der Verfassungsänderung von 1989 abgeschafft.[302]
DerWächterrat ist eine sehr mächtige Institution aus zwölf Mitgliedern, von denen sechs vom Religionsführer ernannt und weitere sechs vom Leiter der Judikative vorgeschlagen und vom Parlament gewählt werden. Seine Aufgabe besteht darin, jedes Gesetz auf Konformität mit dem Islam zu prüfen und gegebenenfalls zurückzuweisen. Darüber hinaus hat der Wächterrat die Interpretationshoheit über die Verfassung und prüft jeden Kandidaten zu Parlaments-, Präsidentschafts- oder Expertenratswahlen auf seine Eignung. Kandidaten, die der Wächterrat nicht zulässt, sind von den Wahlen automatisch ausgeschlossen.[303] Somit hat der Wächterrat direkten Einfluss auf die Gesetzgebung und den Ausgang der Wahlen; seine Rolle ist ein ständiger Streitpunkt zwischen den konservativen und reformorientierten Kräften des Landes.[304] DerExpertenrat ist ein Gremium von 86 Geistlichen, die teils ständige Mitglieder sind und teils für 8 Jahre direkt vom Volk gewählt werden. Es hat die Aufgabe, den Religionsführer zu wählen; ansonsten tritt es zusammen, um über Gesetzesvorschläge des Parlaments zu beraten, die die Verfassung verletzen.[305]
DerSchlichtungsrat, auch Feststellungsrat genannt, ist ein Gremium, in dem Vertreter des Wächterrates, der Exekutive, Judikative und Legislative sowie sonstige vom Religionsführer direkt ernannte Mitglieder sitzen. Seine Aufgabe ist das Beraten des Religionsführers einerseits, andererseits vermittelt er zwischen dem Parlament und dem Wächterrat, wenn der Wächterrat einen Gesetzesvorschlag als den Islam oder die Verfassung verletzend bewertet, und das Parlament den Vorschlag nicht ändern kann.[306][307]
In derIslamischen Konsultativen Versammlung, also dem Madschles genannten Parlament Irans, werden Sachfragen diskutiert, Budgets aufgestellt und verabschiedet, die Berichte der Regierung geprüft, Gesetzesvorschläge ausgearbeitet, Referenden beschlossen und Untersuchungen angestellt. Das Parlament hat 290 Abgeordnete, die alle vier Jahre in allgemeinen Wahlen bestimmt werden. Kandidaten zur Parlamentswahl müssen vom Wächterrat genehmigt werden.[308]
Somit kann von einer Gewaltenteilung nicht die Rede sein; Artikel 57 der iranischen Verfassung bestimmt, dass Legislative, Exekutive und Judikative dem Religionsführer unterstellt sind, dessen Meinung in allen Fragen ausschlaggebend ist.[302][309] Dadurch, dass der Religionsführer den Wächterrat direkt und indirekt über den von ihn bestimmten Vorsitzenden der Judikative bestimmt, der Wächterrat die Kandidaten für den Expertenrat zulässt, und der Expertenrat wiederum den Religionsführer wählt, entsteht ein Machtkreislauf, der sich innerhalb derGeistlichkeit abspielt und der vom Rest der Gesellschaft entkoppelt ist.[310]
Politische Lager
Anders als in den meisten Staaten gibt es in der Islamischen Republik Iran keine Parteien, die über eine längere Zeit bestehen und politische Positionen vertreten. Es gibt jedoch verschiedene Lager oder Strömungen, die sich ständig in intensiven Machtkämpfen befinden. Die Grenzen zwischen diesen informellen Lagern sind hierbei verschwommen. Nicht jeder politische Akteur kann einem dieser Lager exakt zugeordnet werden. Politiker wechseln auch häufig die Lager. Beobachter unterscheiden meist zwischen vier großen Lagern:[311][312]
Das konservative Lager steht für die Herrschaft durch denKlerus, die Erhaltung der Errungenschaften der Revolution, wirtschaftlicheAutarkie sowie Betonung islamischer Werte und des islamischen Lebensstils. Zu diesem Lager zählen zahlreiche hochrangige Kleriker wieAjatollahMahdavi-Kani,Makarem-Schirazi oder die bereits verstorbenenAbbas Vaez-Tabasi undAli Meschkini sowie Vertreter der traditionellen Wirtschaft Irans (Bazaris). Es kontrolliert denWächterrat, denExpertenrat und dieFreitagsgebete. Auch derreligiöse Führer steht ihm nahe und besetzt Posten meist mit Kandidaten aus diesem Lager. Seine Kandidaten werden von der unteren Mittelklasse, dem niederen Klerus und den Basar-Kaufleuten gewählt.[311][312]
Das reformorientierte Lager befürwortet mehr persönliche Freiheiten, die Vereinbarkeit von Demokratie und Islam, eine liberalere Kulturpolitik und die Öffnung gegenüber dem Ausland im Rahmen des Dialoges der Zivilisationen. Es wird von der städtischen Mittelschicht unterstützt und erreichte in den 1990er Jahren eine Mehrheit imParlament sowie die Präsidentschaft; seine Bemühungen werden jedoch regelmäßig vom konservativen Lager, besonders dem religiösen Führer, geblockt. Seit denProtesten nach der Parlamentswahl von 2009 hat es an Einfluss verloren. In ihrem Zentrum steht der frühere PräsidentMohammad Chātami.[311][312] Trotz seinen Bemühungen um Reformen gilt es als stabilisierend für das Regime, weil es als legales Sammelbecken für Gegner des Regimes, vor allem der Jugend, fungiert.[313]
Das pragmatische Lager steht für eine liberale Wirtschaftspolitik und Öffnung in Richtung Westen. Zu diesem Lager werden Vertreter der Privatwirtschaft, des Kapitals und der Ölwirtschaft gezählt. Während es in wirtschaftlichen Fragen den Reformern nahesteht, vertritt es in kulturellen und gesellschaftlichen Punkten konservative Positionen. Der bedeutendste Vertreter dieses Lagers war der mittlerweile verstorbeneAli Akbar Hāschemi Rafsandschāni.[311][312]
Das prinzipalistische Lager steht für absolutes Festhalten am Prinzip derWelāyat-e Faqih. Es vertritt populistische Positionen wie Gerechtigkeit, Rechte der Armen und der Landbevölkerung sowie einen neuen Nationalismus. Zu diesem Lager zählen zahlreiche Politiker aus der Generation, die imIrak-Iran-Krieg gekämpft hat wie der frühere PräsidentMahmud Ahmadineschad oder Akteure wieAli Laridschani undSaid Dschalili, aber auch Fundamentalisten wie AjatollahMesbah Yazdi. Es verhalf denRevolutionsgarden zu großem wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Dem westlichen Ausland steht es skeptisch gegenüber. Ihre Kandidaten werden von der armen Stadtbevölkerung und auf dem Land gewählt.[311][312]
Diese politischen Lager vertreten innerhalb des systemtreuen Spektrums sehr unterschiedliche Ansichten und Ziele, was bei Wahlen zu hohen Wahlbeteiligungen führt. Spieler außerhalb dieser systemtreuen Bandbreite gelangen jedoch ins politische Abseits, dies galt besonders für zahlreiche reformorientierte Politiker nach denProtesten von 2009. Die Tendenz, dass sich ein wachsender Teil der Gesellschaft, besonders der Jugend, von niemandem innerhalb der systemtreuen Kräfte vertreten fühlt, ist eine potentielle Quelle für Instabilität.[314]
Das iranische Einkammer-Parlament (Islamischer Konsultativrat; persischMadschles-e Schora-ye Eslami) besteht aus 290 Abgeordneten, die in allgemeinen, direkten und geheimen Wahlen für eine 4-jährige Amtszeit gewählt werden. Wegen der Auswahl des Wächterrates wird das Parlament (außer von 2000 bis 2003) von den islamisch-konservativen Kräften dominiert. Bei Parlamentswahlen werden keine Parteien, sondern Personen gewählt. Voraussetzungen für die Wahl zum Parlamentsabgeordneten sind: ein Alter von 30 bis 75 Jahren, Glaube und aktives Bekenntnis zum Islam (von den Angehörigen religiöser Minderheiten wird ein Bekenntnis zu ihrer Religion verlangt), zur Verfassung und zum Prinzip desVelayat-e Faqih (Statthalterschaft der Rechtsgelehrten), geeignete physische Verfassung und ein akademischer Grad im Range eines Masters, ersatzweise eines Bachelors plus beruflicher und akademischer Praxis. Als Ausschlusskriterien für eine Kandidatur gelten: Aktive Rolle im vorislamischen System, Großgrundbesitzertum, Mitgliedschaft in illegalen Gruppen, Verurteilungen wegen staatsfeindlicher Aktivitäten, Drogenabhängigkeit oder Drogenhandel, Personen, die nach religiösem Recht verurteilt wurden (es sei denn, sie hätten bereut) und für Ausschweifungen bekannte Personen. Die religiösen Minderheiten können folgende Anzahl Parlamentsabgeordneter entsenden: Zoroastrier und Juden jeweils einen Abgeordneten, assyrische und chaldäische Christen gemeinsam einen Abgeordneten und armenische Christen jeweils einen Abgeordneten aus dem Norden und Süden des Landes. Wahlberechtigt sind geistig gesunde Bürger über 18 Jahren.[315] Das Parlament hat, wie die Regierung, legislatives Initiativrecht.[187] Der Präsident muss für sein Kabinett ein Vertrauensvotum seitens des Parlamentes erlangen, bevor er irgendwelche Maßnahmen ergreift. Die Sitzungen des iranischen Parlamentes sind, ausgenommen im Notstand, öffentlich.
Justizsystem
Durch die Islamische Revolution ist Ende März 1979[316] das islamische Recht, dieScharia, als Gesetzesgrundlage eingeführt worden. Da die Scharia in islamischen Ländern niemals kodifiziert worden ist, obliegt die Rechtspflege und Fortentwicklung der Jurisprudenz in einer ArtFallrechtssystem, basierend auf dem iranischen Strafgesetzbuch[317] und dem iranischen Familienrecht.[318]In Bezug auf die Gewaltenteilung wirkte sich die Tätigkeit des ersten Obersten Richters nach der Revolution,Sadegh Chalchali, äußerst negativ aus. Bis heute gibt es keine Gewaltenteilung in Iran, der Religionsführer hat weitreichende Befugnisse. Justizminister Irans ist seit 2013 der konservative KlerikerMostafa Pour-Mohammadi, der aufSadegh Laridschani folgte.
Amnesty International kritisiert weiter die iranischen Gerichte bzw. Sondergerichte wegen Nichteinhaltung der internationalen Standards für faire Verfahren. Folter und Misshandlungen an Gefangenen sind üblich. Aufsehen erregte 2006 die Forderung der kanadischen Regierung an Deutschland, den iranischen GeneralstaatsanwaltSaid Mortasawi in Frankfurt auf dem Flughafen bei seinem Rückflug von Genf festnehmen zu lassen, weil ihm direkte Verwicklungen in den Mordfall der iranischstämmigen kanadischen JournalistinZahra Kazemi vorgeworfen werden.[319]
Kazemi war im TeheranerEvin-Gefängnis bei Verhören unter anderem mit Mortasawi zu Tode gekommen. Said Mortasawi war iranischer Vertreter bei dem in Genf tagendenMenschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Zusammen mit dem Chef des iranischen Justizapparats –Mahmud Haschemi Schahrudi – und dem Sicherheitschef des Evin-Gefängnisses,Mohammed Bachschi, gilt Mortasawi als Verantwortlicher für die Behinderung einer freien Berichterstattung in Iran und für massive Menschenrechtsverletzungen und Folter im Teheraner Evin-Gefängnis, das schon zu Zeiten der gestürzten Schah-Regierung als Foltergefängnis galt.
Anfang November 2022 forderte dasAuswärtige Amt alledeutschen Staatsbürger zur Ausreise aus dem Land auf: „Für deutsche Staatsangehörige besteht die konkrete Gefahr, willkürlich festgenommen, verhört und zu langen Haftstrafen verurteilt zu werden“.[320]
Haftanstalten
DasEvin-Gefängnis gilt neben demGhasar-Gefängnis und demTowhid-Gefängnis schon seit der Regierungszeit von SchahMohammad Reza Pahlavi, aber auch nach dessen Sturz unter der FührungChomeinis und Chamene’is alsFoltergefängnis.[321] Nach Aussage der ehemaligen InsassinMarina Nemat, die über zwei Jahre im Evin-Gefängnis inhaftiert war, überlebte von ihren Zellengenossinnen im Trakt 246 keine die Haft.[322] Nach Angaben Nemats war der Trakt, in dem zu Schah-Zeiten 50 Personen einsaßen, während ihrer Haftzeit mit 650 Frauen belegt.[322] ImKahrisak-Gefängnis südlich von Teheran starben während der Wahlunruhen 2009 drei Menschen. Nach einem Artikel in der linken ZeitungJungle World kam es nach diesen Unruhen zur massenweisen Vergewaltigung von jungen Frauen und Männern in den Gefängnissen des Regimes.[323] Nachdem mit Mohsen Rouhalamini, der ebenfalls dort festgesetzt worden sein soll, auch der Sohn eines prominenten Konservativen getötet wurde, protestierten konservative Politiker. In der Folge ließ Staatsoberhaupt Chamenei das Gefängnis schließen.[324][325] Gegen zwei Gefängniswärter des Kahrisak-Gefängnisses wurde später die Todesstrafe verhängt, insgesamt kamen 12 Beamte nach den brutalen Misshandlungen bei den Protesten gegen die Präsidentschaftswahlen vor Gericht, von denen neun zu Haft- und Prügelstrafen verurteilt wurden.[326] Ein parlamentarisch berufenes Komitee machte in seinem Bericht Anfang 2010 den damaligen Generalstaatsanwalt Teherans,Said Mortasawi, für die Vorfälle verantwortlich.[327]
Generell verweisen Oppositionsgruppen immer wieder auf die menschenunwürdigen Zustände in iranischen Haftanstalten. So auch bezüglich der Haftanstalt Vakilabad in der nordöstlichen StadtMaschhad.[328] In dem Zuchthaus sei es zu Massenhinrichtungen gekommen; die Haftbedingungen – darunter schwere Folterungen – wurden in einem Bericht des UN-Generalsekretärs am 14. März 2011 beschrieben.[329] Zu Gruppenexekutionen ist es auch in den Gefängnissen vonBirdschand undTaibad gekommen.[330] Menschenrechtsaktivisten in Maschhad werfen Ermittlungsbeamten körperliche Misshandlungen und schwere Folter in Haftanstalten vor, um von Häftlingen Geständnisse zu erlangen, die dann bei ihrer Verurteilung oft der einzige Schuldbeweis seien.[330]
In Gefängnissen kommt es nach wie vor (Stand November 2022) systematisch zu Vergewaltigungen.[331]
→Siehe auch:Todesstrafe#Iran Iran ist nach einer kurzen Phase zurückgehenderHinrichtungszahlen seit mehreren Jahren (Stand 2017) gemessen an der Bevölkerungszahl das Land mit den meisten Hinrichtungen weltweit.[332] In absoluten Zahlen rangiert es an zweiter Stelle nachChina.[333] Vor allem in den Jahren nach derIslamischen Revolution von 1979 wurden die heutigen Hinrichtungszahlen noch weit übertroffen. So wurden in Massenexekutionen mehrere tausend politische Gefangene hingerichtet, meist ohne faires Verfahren und ein Teil von ihnen trotz der Verurteilung zu einer Haftstrafe. Im Jahresbericht von 1985 sprichtAmnesty International von insgesamt 6108 Hinrichtungen zwischen Februar 1979 und Ende 1984.[334] In einem Bericht von 1990 konstatierte Amnesty International tausende Hinrichtungen nach häufig willkürlicher Inhaftierung zwischen 1987 und 1990. Alleinzwischen Juli 1988 und Januar 1989 seien über 2000 politische Gefangene exekutiert worden, viele von ihnen wegen gewaltloser Aktivitäten inhaftiert.[335] Regelmäßig weist Amnesty International darauf hin, dass die in den Jahresberichten angegebenen Zahlen als untere Grenze zu verstehen sind. Insbesondere die Exekutionen politischer Gefangener würden häufig geheim gehalten und seien so nur schwer vollständig erfassbar.[336] Immer wieder kam es zu Gruppen- und Massenhinrichtungen,[329][330] ein rechtsstaatlicher Prozess sei daher nicht gewährleistet; zur Verurteilung führende „Geständnisse“ würden zum Teil durchFolter erzwungen.[337]
Die Familien ermordeter Personen entscheiden, ob die Todesstrafe gegen den Täter vollstreckt wird. Sie haben ein Recht auf Vergeltung, können den zum Tode Verurteilten aber auch begnadigen und Vergeltungszahlungen mit ihm aushandeln. Entscheiden sich die Familien für die Todesstrafe, haben sie die Pflicht, an der Hinrichtung teilzunehmen. In einigen Regionen müssen sie den Tod zudem selbst herbeiführen. In den meisten Fällen entschied sich die Familie für eine „Vergebung“, also eine Begnadigung.[338][339]
DieTodesstrafe kann in Iran fürMord, verschiedeneDrogendelikte, „politische Vergehen“,Prostitution,Ehebruch und „Verstöße gegen Moral“ bzw. „Verdorbenheit auf Erden“[340] sowieGotteslästerung verhängt werden.[341] Auch fürApostasie (Abfall vom Islam) wurde und wird die Todesstrafe vollstreckt.[342] 2011 wurde die Todesstrafe am häufigsten (81 %) wegen Drogenhandels, Gotteslästerung (4,3 %) undVergewaltigung (4,1 %) vollzogen. Dabei istHängen als Hinrichtungsart üblich, 53 der 753 Verurteilten wurden 2014 öffentlich hingerichtet.Erschießung,Enthauptung,Steinigung und (theoretisch) dieKreuzigung sind nach dem iranischen Strafgesetzbuch möglich;[341][343] Abseits der Todesstrafe werden nach wie vor Strafen wie die Amputation von Gliedmaßen,[344] die Prügelstrafe und das Ausstechen der Augen verhängt.[345]
Iran Human Rights (IHR)[346] weist darauf hin, dass die meisten Todesurteile seit 1979 durch dasIslamische Revolutionsgericht verhängt und vollstreckt wurden, im Jahr 2016 64 % der Hinrichtungen und mehr als 3200 Hinrichtungen seit 2010. Die dortigen Verfahren sind weniger transparent als bei öffentlichen Gerichten und Amtsmissbrauch durch die Richter des Revolutionsgerichtes ist verbreitet. Verfahren an diesen Gerichten dauern häufig weniger als 15 Minuten, es gibt kein Recht auf selbstgewählte Anwälte und Verurteilungen basieren regelmäßig auf durch Folter erzwungenen Geständnissen.[347]
Auch Jugendliche unter 18 Jahren werden in Iran zum Tode verurteilt und hingerichtet, obwohl der Staat denUN-Zivilpakt unterzeichnet hat, der dies verbietet (vgl. unten).[341] Teilweise wird die Vollstreckung des Urteils bis zum Erreichen der Volljährigkeit aufgeschoben.[348] Seit der Islamischen Revolution wurden zudem über 4000homosexuelle Männer öffentlich hingerichtet.[349]
Nur selten werden Exekutionen auf internationalen Druck hin gestoppt bzw. verschoben. Auch Ausländer werden hingerichtet, insbesondere weil Irandoppelte Staatsbürgerschaften nicht anerkennt und sokonsularische Hilfe verhindert.[350] So wurde beispielsweise die aus Iran stammende NiederländerinSahra Bahrami im Januar 2011 durch Hängen hingerichtet.[351][352] Die Hinrichtung des Deutsch-IranersJamshid Sharmahd am 28. Oktober 2024 führte in Deutschland zu erheblicher Empörung. Bereits 2010 hatte der damalige stellvertretende AußenministerHassan Ghaschghavi erklärt, dass das islamische System an der Hinrichtungspraxis festhalten wird:
„Wir leben in einem islamischen Land und wir handeln nach den Regeln des Korans. Selbst wenn wir hunderttausend Menschen exekutieren müssen, werden wir mit der Durchsetzung dieser Regeln fortfahren.“[353]
Die jährliche Entwicklung der Anzahl vollstreckter Todesstrafen in der Islamischen Republik Iran wird wie folgt von denVereinten Nationen (für den Zeitraum 2004 bis Ende 2015) sowie in nur leichter Abweichung von Amnesty International (zwischen 1979 und 2016) und demIranischen Menschenrechts-Dokumentationszentrum (IHRDC, von 2011 bis 2015) dokumentiert – eine hohe Dunkelziffer wird durchgängig vermutet:[336][354]
Mindestanzahl der Hinrichtungen pro Jahr:Quellen:
1. 1979 bis 2003:Amnesty International Jahresberichte Iran (für das Jahr 1998 existiert kein Bericht, die Zahl für 1979 beruht auf Schätzungen)[336]
2. 2004 bis 2014: Iran Human Rights (IHR), März 2016[355]
3. 2014 bis 2015: UN-Bericht zur Lage der Menschenrechte in der Islamischen Republik Iran[356]
Hinrichtungen in der Islamischen Republik Iran, 1979–2022
Jahr
Hinrichtungen
2022
mehr als 576
2021
314
2020
246
2019
mehr als 251
2018
253
2017
507
2016
567
2015
969
2014
753
2013
687
2012
580
2011
676
2010
546
2009
402
2008
350
2007
317
2006
177
2005
94
2004
99
2003
108
2002
113
2001
139
2000
75
1999
165
1998
k. A.
1997
143
1996
110
1995
47
1994
139
1993
93
1992
330
1991
775
1990
750
1989
1500
1988
1342
1987
158
1986
115
1985
470
1984
661
1983
399
1982
624
1981
2616
1980
700
1979
900**
Quellen: UN-Bericht zur Lage der Menschenrechte in der Islamischen Republik Iran, März 2015,[356] Iran Human Rights (IHR), März 2016,[355] Amnesty International Jahresberichte Iran.[336]
** nach Angaben von AI 800-1000 seit der Islamischen Revolution im Februar
Nachdem 2005 in Iran nach Angaben von Amnesty International noch 94 Menschen hingerichtet worden waren, darunter acht Minderjährige, stiegen die Zahlen in den folgenden Jahren deutlich auf teils weit über 600 Menschen an.2009 wurden etwa 400 Personen hingerichtet.[358] Allein 112 Todesurteile wurden zwischen der umstrittenenPräsidentenwahl am 12. Juni und der zweiten Amtseinführung von Präsident Mahmud Ahmadineschad am 5. August vollstreckt.[359] 2011 warfAmnesty International der iranischen Führung vor, zum Jahresanfang täglich mehr als zwei Menschen hinzurichten und sprach von einem Tötungsrausch.[360] DerEuropäische Rat nennt namentlich zahlreiche Richter und Berufungsrichter – unter anderem derRevolutionsgerichte in Teheran (Abteilungen 15, 26 und 28) und Maschhad – auf Sanktionslisten und wirft diesen summarische Todesurteileen masse ohne faire Anhörungsverfahren vor. Verantwortlich genannt und sanktioniert werden auch mehrere Staats- und Generalstaatsanwälte, darunterGhorbanali Dorri-Nadschafabadi,Gholamhossein Mohseni-Esche'i undSaid Mortasawi.[361]
Nach der AmtseinführungHassan Rohanis am 14. Juni 2013 stiegen die Exekutionszahlen nochmals deutlich. So wurden zwischen Juli 2013 und Juni 2014 nachweislich insgesamt 852 Personen hingerichtet.[258][362][363] Allein im Januar 2014 wurden über 70 Menschen in Iran hingerichtet,[364] unter anderem der DichterHaschem Schaabani. Damit wurden mit 33 Tötungen allein in der zweiten Januarwoche mehr Todesstrafen vollstreckt als im gesamten Januar des Vorjahres.[365] Auch im Februar hielt die Hinrichtungswelle an.[366] Die in den vergangenen Jahren leicht unter den Angaben der UN liegenden Zahlen des IHRDC verzeichneten für das Jahr 2014 insgesamt 721 Hinrichtungen, davon nur 268 offiziell verkündet;[367] der Report der UN vom März 2015 spricht von mindestens 753 hingerichteten Menschen für 2014, von denen 53 öffentlich getötet wurden, und die beinahe zur Hälfte (362 Hinrichtungen) international als minderschwer und die nicht der Todesstrafe wert beurteilte Drogenkriminalität betrafen.[356] Insbesondere die Vollstreckung des Todesurteils gegen die 26-jährigeReyhaneh Jabbari sorgte für internationale Empörung.[368] Im Jahr 2015, dem Jahr der Beendigung der internationalen Isolation, stiegen die Exekutionszahlen mit etwa drei Toten pro Tag auf den höchsten Stand seit 1989 an; insgesamt wurden 969 Menschen hingerichtet.[355][369] Auch 2016 richtete Iran trotz eines deutlichen Rückgangs auf 567 Exekutionen weiterhin mehr Menschen hin als alle anderen Staaten des Nahen Ostens (66 %). Als einziger Staat neben Nordkorea veranstaltete Iran dabei auch mindestens 33 Hinrichtungen öffentlich.[337] 2017 wurden 507 Hinrichtungen vorgenommen, 2018 waren es 253.[370] Die in Oslo ansässige OrganisationIran Human Rights (IHR) dokumentierte für 2024 975 Hinrichtungen, was einem Anstieg zum Vorjahr um 17 Prozent entspreche und den höchsten Wert darstelle, den die Organisation seit Beginn ihrer Aufzeichnungen 2008 jemals ermittelt habe.[371][372]
Hinrichtung Minderjähriger
LautScharia sind Jungen ab 15 Jahren und Mädchen schon ab neun Jahren volljährig und vollstrafmündig. DasMindestheiratsalter und damit auch die Straffähigkeit wurde in Iran im Mai 2002 vom „Rat zur Feststellung der Interessen des Staates“ (einSchlichtungsrat) für Mädchen auf 13 und für Jungen auf 15 Jahre festgelegt.[373] Immer wieder werfen Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International Iran vor, als einer der letzten Staaten zum Tatzeitpunkt Minderjährige zum Tode zu verurteilen und hinzurichten.[374] So stellte Amnesty International in einem Bericht für das Jahr 2006 fest, dass mindestens drei Hinrichtungsopfer zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat und ein weiterer noch am Tag der Hinrichtung minderjährig waren.[345] 2007 seien bei einem massiven Anstieg der Hinrichtungszahlen unter anderem mindestens sieben zur Tatzeit Minderjährige hingerichtet worden. Zudem hätten sich noch mindestens 75 minderjährige Straftäter in Todeszellen befunden.[375] Auch in den folgenden Jahren wurden regelmäßig jugendliche Straftäter exekutiert: acht im Jahr 2008,[376] fünf 2009,[377] einer 2010,[378] und drei bis sieben im Jahr 2011.[379] Auch in den Berichten von 2013 und 2015 ist die Rede von etwa 100 jugendlichen Straftätern, die in Todeszellen auf ihre Hinrichtung warten.[380][381] Laut dem UN-Bericht zur Lage der Menschenrechte in Iran vom März 2015 wurden 2014 mindestens 13 Jugendliche exekutiert.[356] 2016 wurden laut Amnesty International mindestens zwei zum Zeitpunkt der Festnahme minderjährige Personen exekutiert.[337]
Die Todesurteile seien dabei häufig das Ergebnis überhasteter Prozesse und widersprächen selbst den strafprozessualen Regeln der Scharia. So wurde in der Stadt Neka einsechzehnjähriges Mädchen wegen angeblich unkeuschen Verhaltens von dem Richter Hadschi Radschai verurteilt und nach der von diesem betriebenen Bestätigung aus Teheran hingerichtet, obwohl die Hinrichtung als Verstoß gegen den von Iran unterschriebenenInternationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte einen völkerrechtswidrigen Akt darstellt. DerWestdeutsche Rundfunk nannte 2007 sechs weitere Minderjährige, die wegen des gleichen Vergehens von einem Todesurteil bedroht sind.[382] DieWiener Zeitung warf dem wahlkämpfenden iranischen Präsidenten – Mahmud Ahmadineschad – vor, die Hinrichtung der zum Tatzeitpunkt 17-jährigenDelara Darabi 2009 als Wahlkampfmittel benutzt zu haben. Auch ihre Hinrichtung war nach iranischem und islamischem Recht illegal.[383]
Hinrichtung unverheirateter Frauen
Vor der Hinrichtung junger unverheirateter Frauen wurden laut der linken WochenzeitungJungle World diese mehrfach der Form halber mit regimetreuen Männern verheiratet und vergewaltigt, um zu vermeiden, dass sie gemäß schiitischem Glauben als Jungfrauen nach ihrem Tod unmittelbar in das Paradies gelangen.[323]
Anhänger Mostafa Moins bei einer Kundgebung für Menschenrechte 2005
Freedom House bewertet das politische System Irans im Jahr 2023 als „nicht frei“, mit großen Mängeln in den Bereichen der politischen Rechte und der Bürgerrechte.[389]
Nach derislamischen Revolution begann eine Mordserie an Dissidenten und Oppositionspolitikern im Ausland, die man zuFeinden Gottes erklärt hatte. Diese Serie erreichte zwischen 1989 und 1996 ihren Höhepunkt und forderte mehr als 160 Opfer. Zu den Opfern gehören der Neffe des Schahs,Shahriar Shafiq (ermordet 1979 in Paris),Ali Akbar Tabatabai (ermordet 1980 inBethesda), GeneralGholam Ali Oveisi (ermordet 1984 in Paris), der desertierte Pilot der iranischen Luftwaffe Ahmed Moradi-Talebi (ermordet 1987 in Genf), der Vorsitzende derDemokratischen Partei Kurdistan-IranAbdul Rahman Ghassemlou (ermordet 1989 in Wien), der MenschenrechtsaktivistKazem Rajavi (ermordet 1990 in Genf) der frühere iranische PremierministerSchapur Bachtiar (ermordet 1991 nahe Paris) oder vier kurdische Politiker beimMykonos-Attentat 1992 in Berlin. Die Ermordung vonSalman Rushdie, für die 1989 aufgrund des BuchesThe Satanic Verses bis zu 2,6 Millionen US-Dollar Belohnung versprochen wurden, gelang nicht.[390] Während eines Vortrags an derChautauqua Institution am 12. August 2022 inChautauqua, New York, wurde Rushdie allerdings durch mehrere Stiche an Hals, Gesicht, Leber und Arm verletzt,[391] der Angreifer, der 24-jährige Hadi M. aus New Jersey, wurde festgenommen.[392][393][394][395] In sozialen Netzen hatte er mit demSchiaextremismus und derRevolutionsgarde sympathisiert.[396][397] Regierungsnahe iranische Medien begrüßten den Angriff und bezeichneten Rushdie unter anderem als „Satan auf dem Weg zur Hölle“, die Nachrichtenseite Asr Iran veröffentlichte ein Zitat von Chamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini abgeschossene „Pfeil“ werde eines Tages das Ziel treffen.[398] Nur in den Fällen Mykonos und Salman Rushdie kam es zu Verurteilungen in den betroffenen westlichen Staaten, die dann auch die Verantwortung der höchsten Führungsebene Irans feststellte.[390][399] In den meisten Fällen wurde aus Rücksicht auf Handelsbeziehungen und aus Sorge um Vergeltung auf strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen verzichtet.[390]Interpol und die argentinische Justiz jedoch suchten den ehemaligen VerteidigungsministerAhmad Vahidi und den ehemaligenGeheimdienstministerAli Fallahian wegen Mordes.
Nach Jahren der massiven Repression durch die neuen Machthaber gab die WahlMohammad Chātamis im Jahr 1997 vielen Anlass für Hoffnung auf eine Besserung der Menschenrechtslage. So konnten sich in der Folge auch diverse Nichtregierungsorganisationen gründen. Die Bemühungen erfuhren schließlich durch die Verleihung desFriedensnobelpreises im Jahre 2003 an die iranische MenschenrechtsaktivistinShirin Ebadi internationale Beachtung. Oppositionsgruppen kritisierten jedoch die verbreitete Einschätzung Chātamis als eines Reformers und wiesen anlässlich der zurückgehenden internationalen Isolierung Irans darauf hin, dass weiterhin „die echten Reformer in Iran im Gefängnis [sitzen]“, die Opposition in Iran wie im Ausland verfolgt werde und die Menschenrechtsverletzungen fortbestünden.[400] AuchAmnesty International berichtete von anhaltenden massiven Menschenrechtsverletzungen in großer Zahl, unter anderem von 73 Toten und mehreren Hundert Verletzten bei Übergriffen von Polizei- und Sicherheitskräften bei drei öffentlichen Kundgebungen im Jahr 2005.
In den folgenden Jahren verschlechterte sich die Menschenrechtslage in Iran jedoch abermals deutlich. Die politische wie alltägliche Repression wie auch die Zahl der Hinrichtungen nahm unter Mahmud Ahmadineschad wieder zu und fand in der gewaltsamen Niederschlagung derProteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 ihren vorläufigen Höhepunkt. Ein Bericht desMenschenrechtsrates der Vereinten Nationen, der vomUN-Sicherheitsrat aufgefordert worden war, die Situation der Menschenrechte in Iran zu untersuchen, sprach Ende März 2011 von unveränderten und zahlreichen Verletzungen grundlegender Menschenrechte in Iran.[329] Genannt wurden insbesondere eine steigende Anzahl von Hinrichtungen, Amputationen, willkürliche Verhaftungen, unfaire Gerichtsverfahren, Folter sowie Misshandlungen von Menschenrechtsaktivisten, Rechtsanwälten, Journalisten und Oppositionellen. Die iranische Regierung wurde daraufhin vom UNO-Sicherheitsrat aufgefordert, die nationale Gesetzgebung zu überprüfen, insbesondere den Strafrechtskatalog und das Minderjährigen-Recht, um eine Kongruenz mit internationalem Recht herzustellen. Weiterhin solle Iran Todesstrafen und andere Formen der Bestrafung unterlassen, soweit sie internationalem Recht widersprechen.
Die an die WahlHassan Rohanis im Jahr 2013 geknüpften Hoffnungen auf eine Entspannung der innenpolitischen Lage, eine Entlassung der vielen seit 2009 inhaftierten politischen Gefangenen sowie auf größere politische wie alltägliche Freiheiten zerschlugen sich nach einigen als an den Westen gerichtete, symbolische Gesten kritisierte Maßnahmen sehr schnell.[250][251][253] Unter anderem nominierte Rohani im August 2013 den konservativen KlerikerMostafa Pour-Mohammadi als Justizminister.[401] Die iranischeFriedensnobelpreisträgerinShirin Ebadi kritisierte die Menschenrechtsbilanz Rohanis scharf und warf der Regierung vor, über die Freilassung von politischen Gefangenen zu lügen. Keine ihrer Erwartungen sei erfüllt.[254] Laut Ebadi habe Rohani vielleicht „den Ruf eines moderaten Reformers“, sende bisher aber in Bezug auf Menschenrechte die „falschen Signale“.[255][256] Ebadi undAmnesty International weisen dabei auch auf den starken Anstieg der Hinrichtungszahlen auf ein Rekordniveau seit Rohanis Amtsantritt hin.[257][258]
Das deutsche Auswärtige Amt warnt seit Ende 2020 Doppelstaatler vor einer Einreise in die Islamische Republik Iran.[402]
Status der Minderheiten
Die Religionsgemeinschaften der Zoroastrier, der Juden und der Christen sind gemäß den Artikeln 13 und 14 der iranischen Verfassung als „offizielle religiöse Minderheiten“ anerkannt, die unter dem Schutz der Verfassung stehen. Zum Schutz der jüdischen Minderheit erließ Chomeini im Jahr 1979 eine Fatwa. Repräsentanten der jüdischen Minderheit sitzen seit 1905 im iranischen Parlament.[403] Die Zahl der jüdischen Iraner hat sich seit der Islamischen Revolution jedoch von 80.000-60.000 auf schätzungsweise 10.000 verringert.[109][404]Entgegen den Verfassungsartikeln werden religiöse Minderheiten in Iran seit der Revolution auch benachteiligt. Insbesondere zeigt das dieVerfolgung der Bahai, welche die größte religiöse Minderheit stellen und alsApostaten gelten. Von der Regierung werden die Bahai zu Erzfeinden des Schiitentums und des Nationalstolzes stilisiert und dienen immer wieder als Sündenböcke, die instrumentalisiert werden, um die emotionale Unterstützung der Massen zu gewinnen. Ebenso wird dieVerfolgung der Sufi (islamische Mystiker) von Seiten der Regierung toleriert bzw. unterstützt.[405]
Weiterhin werden Aufstände im Gebiet derKurden mit massiven militärischen Sanktionen beantwortet, bei denen zahlreiche Zivilisten umkommen.[321]Ahwazi,Aserbaidschaner,Belutschen, Kurden undTurkmenen werden in Iran diskriminiert. So ist der Einsatz der jeweiligen Muttersprache in Regierungseinrichtungen verboten. Der Zugang zum Bildungswesen und zum Arbeitsmarkt ist im Vergleich zu Persern stark eingeschränkt.[406]
Angehörige von verschiedenen oppositionellen politischen Gruppierungen, darunter auch die linkenVolksmudschahedin, sind von Todesurteilen und Folter bedroht.[321] Menschenrechtsorganisationen verweisen auf hunderte politische Gefangene in iranischen Gefängnissen, darunter Menschenrechtler, Internetaktivisten, Journalisten, Feministen und Mitglieder religiöser und ethnischer Minderheiten.[407] Laut demIranischen Menschenrechts-Dokumentationszentrum (IHRDC) saßen zu Beginn des Jahres 2016 mindestens 827 Personen für die Ausübung elementarer Menschenrechte im Gefängnis.[408]gewaltfreie politische Forderungen, so auch die vom verstorbenen Chomeini-AntipodenHossein Borudscherdi vorgetragene Forderung nach traditionell schiitischer Trennung von Staat und Religion sowie nachGewaltenteilung, werden mit Haft und Folter beantwortet, so im Falle des international bekanntenHossein Kazemeyni Borudscherdi. Nach der gewaltsamen Unterdrückung derProteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 – die größten Massenproteste seit der Islamischen Revolution 1979 – kam es zur verschärften Verfolgung Oppositioneller, besonders durch die allgegenwärtige islamischeBasidsch-Miliz, die einen Teil deriranischen Revolutionsgarde stellt. Bis heute (Stand: Februar 2016) stehen die damaligen, als gemäßigt geltenden PräsidentschaftskandidatenMir Hossein Mussawi undMehdi Karroubi sowie ihre Ehefrauen unter Hausarrest.[409] Auch Protestaktionen von Studenten im Juni 1999, die in Teheran nach einer Verschärfung der Pressegesetze und des Verbots der ZeitungSalam stattfanden, wurden durch Sicherheitskräfte in Zivil und Basidschimilizen mit Stürmung von Studentenwohnheimen, Verprügeln und aus dem Fenster Stürzen von Studenten beantwortet. Daraufhin erfolgten am 10. Juni Demonstrationen in der Hauptstadt und anderen großen Städten des Landes mit Tausenden von Protestierenden. Anschließend kam es zu 1500 Festnahmen, Amnesty International meldete fünf Todesopfer.[410]
Mehrfach wurden ausländische Staatsbürger in Iran festgenommen und inSchauprozessen verurteilt, um dieseGeiseln anschließend als politisches Druckmittel gegenüber fremden Staaten einzusetzen. Die Geständnisse und Verhöre der Inhaftierten erfolgten, laut den später (bspw. im Rahmen vonGefangenenaustauschen) Freigelassenen, unter anderem unter Anwendung von Folter. Die Haftbedingungen selbst kommen einemMissbrauch gleich.[411]
Meinungsfreiheit
Informations- undRedefreiheit sind in Iran nicht gegeben.Journalisten,Blogger,Menschenrechtsaktivisten undOppositionelle müssen mit Repressionen, Verhaftung, Folter und sogar mit der Todesstrafe rechnen.[412][413] Im Sommer 2007 verschlechterten sich die Bedingungen für diePressefreiheit erheblich. Zeitungen wurden verboten und Journalisten verhaftet. Beispielsweise wurde die reformorientierte ZeitschriftScharq wegen eines Interviews mit der in Kanada im Exil lebenden lesbischen SchriftstellerinSaghi Qahraman verboten.[414] Beobachter sahen einen direkten Zusammenhang mit den schlechten Umfrageergebnissen für den damals amtierenden StaatspräsidentenMahmud Ahmadineschad. Unter dem seit August 2013 amtierenden PräsidentenHassan Rohani verschlechterte sich die Lage mit einer „regelrechten Jagd auf Blogger und Internet-Aktivisten“ jedoch nochmals dramatisch.[413]
Homosexualität widerspricht laut iranischer Rechtsprechung dem Islam. Homosexualität bei Frauen wird mit Auspeitschung[415] bestraft, auf „sexuelle Handlung zwischen Männern, entweder mit Eindringen oder in Form von Tafkhiz [تفخيذ] (Aneinanderreiben von Oberschenkel und Penis)“ steht die Todesstrafe, häufig in Verbindung mit einer öffentlichen Auspeitschung.[416] Im Juli 2005 sorgte die öffentliche Auspeitschung (228 Peitschenhiebe) und Hinrichtung vonzwei Jugendlichen wegen homosexueller Handlungen weltweit für Aufsehen,[417] auch weil vermutet wurde, dass der offizielle Grund der Hinrichtung, die Vergewaltigung eines Dreizehnjährigen, von den Behörden erst nachträglich hinzugefügt wurde.[418]
Auch andere homosexuelle Handlungen werden bestraft. So sieht das iranische Recht beispielsweise für das „Küssen aus Wollust“ bis zu 60 Peitschenhiebe vor.[416] Aufgrund einerFatwa vonAjatollah Chomeini sind im Gegensatz zu anderen islamischen Länderngeschlechtsangleichende Maßnahmen sowie der anschließende Wechsel des juristischen Geschlechts in Iran erlaubt.
Organentnahmen
Im Jahr 2022 wurde berichtet, dass afghanische Flüchtlinge, die sich im südlichen Teil Irans in Krankenhäuser begaben, für tot erklärt worden sind und die Leichen bei der Übergabe an Verwandte keine Nieren mehr aufwiesen.[129]
Im Nahen Osten ist das schiitische Iran mit den meisten anderen Staaten aufgrund derer sunnitischer Staatsideologien verfeindet. Die einzigen regionalen Verbündeten Irans sind die anderen Mitglieder derAchse des Widerstands. In den letzten Jahren vertieften sich die Beziehungen zu China und Russland.
Bis zum Jahre 1979 war Iran der wichtigste Verbündete der westlichen Welt am Persischen Golf. Seit der islamischen Revolution verfolgt Iran eine komplexe und teils widersprüchliche Außenpolitik, die versucht, Islam, Antiimperialismus und Führerschaft der Dritten Welt zu vereinen. Seit dem Tode Chomeinis ist Ideologie zunehmend der Wahrnehmung nationaler Interessen gewichen. Wenngleich Iran als aggressiver Staat mit Bestrebungen, eine Regionalmacht[419] zu werden, wahrgenommen wird, so ist das Land weitgehend isoliert. Der Staat Iran sieht sich heute von rivalisierenden sunnitischen Staaten und Bündnispartnern des Westens umringt und hat wenige verlässliche Partner. Das Verhältnis zum Westen wird dabei vom Streit um das Atomprogramm dominiert.[420]
Neben der Menschenrechtslage in Iran, die regelmäßig von UN-Resolutionen verurteilt wird,[421] ist seit einigen Jahren vor allem dasiranische Atomprogramm der wichtigste Anlass für internationale Kritik. In mehreren Resolutionen schloss sich der UN-Sicherheitsrat bezüglich des iranischen Atomprogramms den Forderungen derIAEO an und verabschiedete auch mehrfach völkerrechtlich verbindliche Sanktionen gegen die Islamische Republik.[422]
Als schiitische Mittelmacht und in der Tradition einer jahrtausendealten Kulturnation greift Iran in die Innenpolitik seiner Nachbarländer ein, woraus sich zahlreiche diplomatische Spannungen ergeben.[423] Insbesondere durch seine Politik der ballistischen undvermuteten atomaren Aufrüstung sowie durch die massiven Verletzungen grundlegender Menschen- und Minderheitenrechte geriet die Islamische Republik Iran in eine zunehmende internationale Isolation, die auch mit massiven wirtschaftlichen Konsequenzen für die Bevölkerung verbunden ist. So hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seit 2006 in mehreren Resolutionen verschiedeneWirtschaftssanktionen und Reiseverbote gegen Iran verhängt,[424] Geldtransfers in und aus Iran gestalten sich zunehmend kompliziert bis unmöglich.[425] Mitte März 2012 wurde erstmals in der Geschichte derSWIFT der internationale Datenverkehr zwischen SWIFT und iranischen Banken blockiert, um den Sanktionsregeln der Europäischen Union zu genügen,[426] wodurch nahezu vollständig Geldtransfers zwischen Europa und Iran unterbunden werden. Institutionen, Banken, Firmen, Universitäten, Regierungsstellen und auch Einzelpersonen sind auf Sanktionslisten der Vereinten Nationen, der Europäischen Union[243][244][427] sowie der Vereinigten Staaten[428] und Kanada[429][430] aufgelistet, für die ein teils totales Handels- bzw. Reiseverbot besteht. Darunter fällt auch der iranische AußenministerAli Akbar Salehi in seiner Funktion als ehemaliger Leiter derIranischen Atomenergieorganisation sowie Minister für Atomenergie imKabinett Ahmadineschad II.[431]
Am 20. Januar 2014 wurden die Sanktionen zunächst für 6 Monate erheblich gelockert. Die Unterzeichnung eines Abkommens zur dauerhaften Regelung wurde in der Folge immer wieder verschoben und schließlich am 14. Juli 2015 in Wien als erfolgt verkündet.[432]
DieBewegung der Blockfreien Staaten ist angesichts der Isolierung des Landes eine wichtige Institution, in der das Land Kontakte und Anerkennung findet und in dem es einen Führungsanspruch für die Dritte Welt zu verwirklichen sucht.[433] Andere Verbündete wieVenezuela oderNordkorea, mit denen Iran diverse Abkommen geschlossen hat, verfügen nicht über den Einfluss, Iran aus seiner Isolation zu helfen.
Bis zur Islamischen Revolution im Jahre 1979 waren Iran und die Vereinigten Staaten Verbündete imKalten Krieg. Als Konsequenz der Besetzung der US-Botschaft und derGeiselnahme von Teheran am 4. November 1979 brachen die Vereinigten Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Iran jedoch ab; die ideologische Feindschaft gegenüber demGroßen Satan USA war seither Konstante der iranischen Außenpolitik.[433] Seitdem gab es über viele Jahre fast keine direkten Kontakte zwischen den Regierungen beider Staaten. Obwohl beiden von Beobachtern eine Vielzahl gemeinsamer Interessen zugeschrieben wird, sind mehrmals Ansätze zu einer Normalisierung der Beziehungen von der Gegenseite abgelehnt worden. Nicht zuletzt ist die Dämonisierung des Feindes sowohl in Iran als auch in den USA innenpolitisch nützlich.[434] Jedes Jahr am 4. November fanden bislang Anti-USA-Demonstrationen in ganz Iran statt.[435]
Im Rahmen des antiisraelischen Paradigmas[433] hat Iran nach 1979 die politischen und wirtschaftlichen Kontakte mit Israel abgebrochen, von denisraelischen Waffenlieferungen an Iran von 1980 bis 1986 imErsten Golfkrieg abgesehen.[436] Iran bestreitet Israel jedesRecht auf Existenz. Chamenei bezeichnete Israel als ein zu beseitigendes „Krebsgeschwür“.[437] Die Repräsentanten der jüdischen Minderheit in Iran, Haroun Yashyaei undCiamak Moresadegh, sehen einen Antizionismus, doch keinen Antisemitismus in Iran,[438] was von Beobachtern teils bestätigt[439] und teils in Abrede gestellt wird.[440] Moresadegh, als Abgeordneter der jüdischen Minderheit im iranischen Parlament, verglich dieisraelische Militäroffensive in Gaza 2014 dagegen mit NS-Aktionen während des Zweiten Weltkriegs.[441]
Propagandistischer Höhepunkt ist der seit 1979 jährlich stattfindendeal-Quds-Tag mit seinen staatlich organisierten Massendemonstrationen gegen Israel. Ferner wurden 2006 und 2014 sogenannte „internationale Holocaust-Konferenzen“ veranstaltet, bei denen Antizionisten,Rechtsextremisten undIslamisten denHolocaust leugneten und dasExistenzrecht Israels bestritten.[442] Zudem unterstützt Iran im Rahmen seiner antiisraelischen Staatsdoktrin offenradikalislamische Terrorgruppen wieHamas undHisbollah im bewaffneten Kampf gegen Israel.[443] In einer viel diskutierten Rede vom 26. Oktober 2005 griff der iranische PräsidentMahmud Ahmadineschad die seit 1979 von beiden Führern vorgegebene und regelmäßig von verschiedenen Repräsentanten Irans vorgetragene Vernichtungsdrohung gegen Israel auf und forderte: „Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte(safhe-ye ruzgār) getilgt werden.“[444] In einigen Medien, darunter auf der Website der staatlichen iranischen Rundfunkanstalt IRIB, wurde der Satz mit „Israel muss von der Landkarte getilgt werden“ übersetzt.[445]
Auch in der RegierungszeitRohanis behielt Iran seine feindliche Haltung bei und unterstrich diese unter anderem mit mehreren Raketentests Anfang März 2016. Getestete Geschosse waren laut der staatlichen NachrichtenagenturFars mit dem Satz „Israel muss ausradiert werden“ beschriftet. Zudem erklärte ein hochrangiger Kommandeur der Revolutionswächter in diesem Zusammenhang, dass das iranische Raketenprogramm gegen Israel gerichtet sei: „Wir haben unsere Raketen mit einer Reichweite von 2000 Kilometern gebaut, um unseren Feind, das zionistische Regime, aus einer sicheren Entfernung treffen zu können“.[446] Die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland betrachteten die Tests als Verstoß gegen das kurz zuvor geschlossene Atomabkommen.[447]
Die Mehrheit derarabischen Länder sieht den Nachbarn Iran mit Argwohn. Dies liegt unter anderem in dem einst von Chomeini proklamierten Revolutionsexport und dem allgemeinen Streben nach Einfluss in der Region begründet, der sich auch in der Finanzierung und militärischen Unterstützung bestimmter Gruppierungen äußert.
Seit den 1980er Jahren war Syrien der einzige zuverlässige langfristige Partner Irans. Dler Sturz des syrischen Regimes unterBaschar al-Assad imBürgerkrieg bedeute für Iran einen Verlust an Einfluss auf die Politik in derLevante. Das Land hat nach dem SturzSaddam Husseins auch enge Beziehungen zurschiitischen Mehrheit im benachbarten Irak aufgebaut und finanziert dort bewaffnete Milizen. 2014 behauptete ein iranischer Abgeordneter, dass Iran vier arabische Regierungen im Irak, in Syrien, im Libanon und im Jemen kontrollieren würde. In seiner außenpolitischen Strategie ist Iran darauf bedacht, eine Einflusssphäre in den Staaten desSchiitischen Halbmonds und darüber hinaus aufzubauen.[448]
Außerdem spielt Iran eine entscheidende Rolle beimBürgerkrieg im Jemen, denn er unterstützt die Miliz mit Waffen, Geldwäsche oder illegalen Substanzen.[449]
In den westlichen Staaten wird eine Allianzzwischen Russland und Iran befürchtet. Beide Länder haben eine Reihe gemeinsamer Interessen: Russland benötigt Iran als Abnehmer von Waffen und Nukleargütern, Iran war bisher auf Russland angewiesen um die Sanktionen zu umgehen. Das gegenseitige Misstrauen war aus historischen Gründen jedoch groß, indem sich beide Staaten gegenseitig mangelnder Kooperationsbereitschaft beschuldigten.[450][451] Dies hat sich inzwischen geändert, und im politisch instabilenKaukasus verfolgt Iran eine sachorientierte Politik. Iran pflegt mit dem christlichenArmenien beste Beziehungen und unterstützt es gegen das schiitischeAserbaidschan, mit dem es sich in einem Konflikt um die Grenzziehung im Kaspischen Meer befindet und das verdächtigt wird, Separatismus bei der aserbaidschanischen Minderheit in Iran zu fördern.[433]
Im Januar 2022 hielten Iran, China und Russland ihre dritte gemeinsame Marineübung im nördlichenIndischen Ozean ab. Diese Übungen fanden seit 2019 statt.[452]
DieVolksrepublik China ist in letzter Zeit zu einem wichtigen Partner Irans geworden. Besonders bei der Erreichung derNeue-Seidenstraße-Initiative Chinas ist Iran ein strategischer Partner. Im August 2019 besuchte der iranische AußenministerMohammed Dschawad SarifPeking, um den Fahrplan für eine strategische Partnerschaft zu diskutieren. Ziel der Partnerschaft sind chinesische Investitionen in iranische Schlüsselindustrien im Ausgleich für Öllieferungen aus Iran zu sehr günstigen Bedingungen.[453] Zwar sieht China einen eventuell nuklear gerüsteten Iran als gegenläufig zu seinen Interessen, es half Iran aber, die westlichen Sanktionen abzumildern und hat im Gegenzug seine wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Land ausgebaut.[450] Im März 2021 unterzeichneten beide Länder ein strategisches Partnerschaftsabkommen mit einer 25-jährigen Laufzeit.[454][455] Mit einem von China vermittelten Abkommen nahmenSaudi-Arabien und Iran im März 2023 wiederdiplomatische Beziehungen auf.[456]
Karte mit den wichtigsten Standorten des iranischen Atomprogramms
Der Beginn des iranischen Atomprogramms fällt in die 1950er Jahre: Dem Zeitgeist entsprechend beabsichtigte der Schah, mit Hilfe der Atomkraft eine starke Nation aufzubauen. Im Rahmen desAtoms-for-Peace-Programms kam bereits im Jahr 1957 der erste Reaktor nach Iran.[457] Dank des großen persönlichen Interesses des Schahs an der Atomkraft und den hohen Erdöleinnahmen wurde die 1974 gegründeteAEOI mit einem großen Budget ausgestattet.[458] Nicht zuletzt bestand damals das Ziel, die großen Ölgewinne so im Land zu investieren, dass die Wirtschaft nicht aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.[459] Das Atomprogramm sah zu Beginn der 1970er Jahre den Bau von bis zu 20 Reaktoren vor.[460] Im Jahre 1975 wurde der Vertrag für den Bau desersten Atomkraftwerkes mit derKraftwerk Union AG unterzeichnet, etwas später jener für den Baueines weiteren Kraftwerkes mitFramatome, beide warenschlüsselfertige Projekte.[461] Darüber hinaus wurde von derCEA ein schlüsselfertiges Forschungszentrum naheIsfahan gebaut.[462] Der Erwerb von Atomwaffen stand ausdrücklich nicht im Zentrum dieser Bemühungen. Der Schah hielt seine konventionelle Rüstung für so stark, dass er meinte, seine Beziehungen zu den USA nicht mit einem Atomwaffenprogramm belasten zu müssen.[463] Somit gehörte Iran zu den ersten Unterzeichnern desAtomwaffensperrvertrages. Bis zur Islamischen Revolution hielt sich Iran an alle Verpflichtungen unter diesem Abkommen und ließ sämtliche Inspektionen ungehindert zu.[464] Die USA hatten jedoch Bedenken dagegen, Iran atomar zu unterstützen: Sie hatten das Szenario eines Sturzes der Pahlavi-Diktatur und eines irrationalen Nachfolgerregimes vor Augen und versuchten zu verhindern, dass Iran die volle Kontrolle über denBrennstoffkreislauf bekommt.[465]
Nach der islamischen Revolution wurde das Atomprogramm zunächst als Teil eines Komplotts zur Verwestlichung Irans betrachtet und gestoppt, ausländische Arbeiter mussten das Land verlassen. Zahlungen an die Auftragnehmer wurden eingestellt.[466] Erst 1984 wurde wieder Geld für den Atomkraftwerks-Bau budgetiert, die Auftragnehmer weigerten sich jedoch, während des Irak-Iran-Krieges am Kraftwerk Buschehr weiterzuarbeiten. Ab Mitte der 1980er Jahre befand sich Iran auf der Suche nach einem Partner, um sein Atomprogramm weiterzuführen, denn die ihm lautAtomwaffensperrvertrag zustehende Unterstützung wurde von den offiziellen Atomstaaten verweigert. Hilfe anderer Staaten wurde durch die USA erfolgreich verhindert.[467] Offiziell lehnte Iran nach wie vor die Atombombe ab. Diese Haltung wurde aber bereits in den frühen 1980er Jahren angezweifelt, weil das Land angesichts seiner komplizierten außenpolitischen Gemengelage allen Grund gehabt hätte, nach Atomwaffen zu streben. Medien der westlichen Welt spekulierten bereits damals, wie weit der Weg bis zur iranischen Atombombe noch sei.[468] In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann Iran, ohne Meldung an die IAEA und unter Umgehung von Exportbeschränkungen, an einem Programm zurUran-Anreicherung zu arbeiten. Der erste Aufruf zur Atomwaffenentwicklung kam 1988 aus dem Mund vonAli Akbar Hāschemi Rafsandschāni, der wegen derIsraelischen Atomwaffen eineislamische Atombombe forderte. Ab der Mitte der 1990er Jahre begann der Bau desSchwerwasser-Reaktors inArak und derUrananreicherungsanlage in Natanz; parallel dazuverschlechterten sich die Beziehungen speziell zu den USA weiter.[469]
Im Jahr 2002 machten im Ausland lebende Mitglieder der Volksmudschahedin die geheim gehaltenen Aktivitäten öffentlich; 2003 flog das Netzwerk vonAbdul Kadir Khan, über das Iran Pläne und Ausrüstung bezogen hatte, auf. Somit war offenbart, dass Iran an zwei Wegen zu Kernwaffen arbeitete und dass er das Programm verschwiegen hatte.[470] Während Iran Luftangriffe auf die Anlagen befürchtete, starteten Verhandlungen mit denEU-3, die in einem Abkommen mündeten, in dem Iran sich zur Aussetzung der Uran-Anreicherung, zu Transparenz und zu Zusammenarbeit mit der IAEA verpflichtete.[471] Da Iran seiner Meinung nach für die Aussetzung der Anreicherung keine Gegenleistung erhielt, nahm man zwei Jahre später die Bemühungen wieder auf; inzwischen hatte sich auch herausgestellt, dass Iran über Pläne für den Atombombenbau verfügte.[472] Nach dem Amtsantritt von Mahmud Ahmadineschad ging das Land auf Konfrontationskurs mit dem Westen und verweigerte den Dialog. Es gelang, 2006 Uran auf bis zu 3,5 % anzureichern, was für Brennstoff in Atomkraftwerken genügt, im August 2006 wurde die Anlage in Arak eröffnet, und 2007 wurde der Bau derAnreicherungsanlage in Fordo an die IAEA gemeldet. Gleichzeitig gelang auch die Herstellung höherangereicherten Urans.[473] Das westliche Ausland reagierte mit Sanktionen: Ende 2006 wurden durch dieResolution 1737 des UN-Sicherheitsrates Lieferungen von Gütern für die Atomindustrie verboten, diese wurden im März 2007 verschärft und auf Raketentechnik ausgedehnt.Resolution 1803 (2008) erließ Reiseverbote, Sanktionen gegen iranische Firmen, die im Nuklearsektor tätig waren, und Handelsverbote mitDual-Use-Technik. Die USA und die EU erließen weitergehende einseitige Sanktionen gegen iranische Staatsfirmen und die Revolutionsgarden, die Guthaben derBank Melli wurden eingefroren. Trotz einer verstärkten Wendung Irans in Richtung China und Russland sorgten diese Maßnahmen für Wirtschaftsprobleme; 2010 wurden die Sanktionen um ein Waffen- und Finanzembargo ausgedehnt (Resolution 1929), schließlich verstärkte die EU ihr Embargo, in dem sie iranisches Öl boykottierte und die Guthaben der iranischen Zentralbank einfror.[474] Parallel zur diplomatischen Schiene wurde das iranische Atomprogramm geheimdienstlich bekämpft, so beeinträchtigte dasComputervirusStuxnet im Jahr 2009 Zentrifugen für die Urananreicherung; iranische Nuklearwissenschaftler (Dariusch Rezaie,Mostafa Ahmadi Roschan) wurden ermordet.[475] Explosionen in iranischen Forschungszentren traten seit dem Jahr 2010 gehäuft auf. Bei Explosionen im Sommer 2020 wurde unter anderem eine unterirdischeNuklearanlage inNatanz beschädigt.[476]
Erst nach einem neuerlichen Regierungswechsel waren Verhandlungen mit Iran fruchtbar: Am 20. Januar 2014 wurden die Sanktionen zunächst für sechs Monate erheblich gelockert. Die Unterzeichnung eines Abkommens zur dauerhaften Regelung wurde in der Folge immer wieder verschoben und schließlich am 14. Juli 2015 in Wien als erfolgt verkündet.[432]
Nach mehreren Raketentests im März 2016,[446] forderten die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland in einem Brief den Sicherheitsrat auf, „angemessene Reaktionen“ in die Wege zu leiten, da Iran damit gegen die Bedingungen des Atomabkommens verstoßen habe. Die getesteten Raketen „[könnten] grundsätzlich Atomsprengköpfe transportieren“.[447]
Mit dem Aufbau eines Militärs nach westlichem Vorbild wurde in Iran erst in den 1920er Jahren begonnen.Reza Schah Pahlavi wendete zeitweise bis zu 40 % der iranischen Staatsausgaben für militärische Zwecke auf,[477] das Militär wurde zu einer der wichtigsten Stützen der Herrschaft der Schahs. Vor derislamischen Revolution verfügte Iran über die fünftgrößte Streitmacht der Welt, hatte 400.000 Mann unter Waffen und importierte moderne Waffensysteme in großen Mengen, sodass sich bis zu 20.000 US-amerikanischeMilitärberater im Land befanden. Nach der Revolution kam es im Militär zu politischen Säuberungen, der etwa 17.000 Offiziere zum Opfer fielen, was zu chaotischen Zuständen und geminderter Schlagkraft imIran-Irak-Krieg führte.[478]
In den regulären Streitkräften Irans(Artesch) dienen heute etwa 400.000 Soldaten. DieRevolutionswächter(Pasdaran) verfügen über 120.000 Soldaten.[479] Diese Zahlen sind seit 2001 etwa gleich geblieben.[480] Beide verfügen über Land-, See- und Luftstreitkräfte. Während die regulären Streitkräfte im konventionellen Bereich besser ausgerüstet sind, besitzen die Revolutionswächter starke Verflechtungen mit der politischen Elite des Landes. Zu den Revolutionswächtern gehört auch dieQuds-Einheit für Missionen im In- und Ausland. Der dritte Arm des iranischen Militärs ist dieMilizBasidsch, die sich unter dem Kommando der Revolutionswächter befindet und Aufstände niederschlagen sowie Invasionen abwehren soll.[479] Ursprünglich zählte zu den Aufgaben der Revolutionswächter auch derRevolutionsexport, dies vergrößerte und legitimierte jedoch die Präsenz des US-Militärs in den Nachbarländern Irans. Deshalb verfolgte Iran seit den 1990er Jahren eine Strategie der Abschreckung und Entspannung; seit 2001 fürchtete man jedoch einen Feldzug der USA gegen Iran und begann trotz der internationalen Isolation, sich militärisch für dieses Szenario vorzubereiten.[481]
Die Revolutionswächter sind nicht nur eine militärische, sondern auch eine wirtschaftliche Kraft in Iran. Dank ihrer Verflechtung mit der Politik haben sie mit zahlreichen Unternehmen eine dominierende Stellung inBau-, Öl-, Gas-, Elektronik- undRüstungsindustrie aufgebaut, die sie weiterhin festigen.[482]
Das Verteidigungsbudget Irans hat sich zwischen den Jahren 2001 und 2010 verdoppelt und erreichte im Jahre 2010 10,5 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2017 lagen sie bei knapp 14,5 Milliarden US-Dollar oder 3,1 % der Wirtschaftsleistung.[483] Im regionalen Vergleich ist das jedoch nicht besonders hoch: Allein die sieben Mitglieder desGolf-Kooperationsrates geben insgesamt sieben Mal so viel für ihr Militär aus wie Iran. Speziell bezüglich konventionellen Fähigkeiten sind die iranischen Streitkräfte limitiert. Es ist davon auszugehen, dass die iranische Armee überfordert wäre, wenn sie in eines ihrer Nachbarländer einmarschieren müsste. Aus diesem Grunde basiert die in Iran als „passive Verteidigung“ bezeichnete Verteidigungsstrategie darauf, einen Angriff mit unkonventionellen Mitteln für den Angreifenden so teuer wie möglich zu machen.[484]
Zensur
In seiner Geschichte hat Iran Phasen mit strenger Zensur (etwa nach demPutsch 1953 und nach denProtesten der grünen Bewegung 2009) und relativer Achtung der Meinungsfreiheit (kurz vor und nach derislamischen Revolution) durchgemacht.[485] Im Jahr 2011 unterhielt dasMinisterium für Kultur und islamische Führung ein System, das Verlage dazu zwingt, sich eine Lizenz und für jedes zu veröffentlichende Buch eine Freigabe zu besorgen; Lizenzentzug bedeutet, das Geschäft aufgeben zu müssen. Selbst mit einer Freigabe ist es jedoch möglich, dass die Staatsanwaltschaft schädliche Inhalte in einer Publikation ausmacht und deshalb Autor, Verleger und Zensor zur Rechenschaft gezogen werden. Dieses System, dessen Existenz die iranische Regierung abstreitet, verletzt dieiranische Verfassung und die im Rahmen desInternationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte[486] durch von Iran gemachten Zusagen. Es erzeugt bei allen Beteiligten aufgrund seiner Willkürlichkeit und Intransparenz Angst. Dazu kommen ein hohes finanzielles Risiko für die Verleger sowie hohe Kosten. Es schädigt dadurch die Entwicklung der iranischen Literatur ganz erheblich. Ausländische Werke werden häufig gar nicht oder nur in veränderter Form zur Veröffentlichung zugelassen, was weitergehendes Misstrauen bei der potentiellen Leserschaft schürt.[487] Autoren publizieren ihre Werke deshalb teilweise nur im Internet, wenngleich auch dort Zensur herrscht.[488]
Die Regierung überwacht und filtert den Internetverkehr oder verlangsamt ihn stark, wie etwa während der Präsidentschaftswahlen von 2013.[489] Im Jahre 2007 waren zehn Millionen Internetseiten für Benutzer in Iran gesperrt,[488] im Jahre 2009 wurde das Gesetz gegen virtuelle Verbrechen erlassen und eine Institution gegen kriminelle Inhalte geschaffen. Aus diesem Grund verwendeten im Jahre 2014 mehr als zwei Drittel der Iraner Technologien, die die Internetkontrollen umgingen. Dennoch sind auch führende iranische Politiker auf Plattformen wie Facebook oder Twitter vertreten, deren Nutzung in Iran eigentlich verboten ist.[489] Im Wahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen war eine Lockerung der Internetzensur eines der wichtigsten Wahlversprechen des späteren SiegersRohani.[490] Seitdem ist die iranische Internetzensur nachchinesischem Vorbild zentraler und intelligenter geworden und wird von Bestrebungen begleitet, ein inländisches und von der Regierung kontrolliertes Angebot zu schaffen, um dadurch die Attraktivität ausländischer Dienste zu senken.[491]
Jeder Provinzverwaltung steht ein Gouverneur, derOstandar (Persisch:ostāndār) genannt wird, vor. Dieser wird vom Innenminister mit Zustimmung des Kabinetts ernannt.
Die Provinzen untergliedern sich weiter in Verwaltungsbezirke (vergleichbar etwa einem deutschenLandkreis), dieSchahrestan (persisch شهرستان, Singular:schahrestān, Plural:schahrestānhā) genannt werden.
Verwaltungsbezirke wiederum werden in Kreise, dieBachschs (persisch بخش,DMGbaḫš) genannt werden, unterteilt.
Berge des Elburs über dem Neubaugebiet von Elahiyeh
Die iranische Wirtschaft ist geprägt von starker staatlicher Einflussnahme, der hohen Bedeutung von Öl- und Gasexport sowie den internationalen Sanktionen aufgrund desiranischen Atomprogrammes. Die größte Herausforderung für die Regierung besteht darin, für die zahlreichen jungen Menschen ausreichende Arbeitsplätze bereitzustellen.
Das um dieKaufkraftparität bereinigteBruttoinlandsprodukt betrug vor der Islamischen Revolution etwa 8000 US-Dollar, bis 1988 war es auf 4000 US-Dollar gesunken und bis 2005 auf 7000 US-Dollar gestiegen. Das Wirtschaftswachstum schwankt seit der Revolution stark; es lag im Jahr 1991 bei 12 %, im Jahr 1994 stagnierte die Wirtschaft. Zu den Gründen hierfür zählen Krieg, schwankende Einnahmen aus dem Ölexport, staatliche Eingriffe und schlechtes Management.[492] Es wird erwartet, dass das nominale Bruttoinlandsprodukt, das 2016/17 377 Milliarden US-Dollar betrug, in den kommenden Jahren jeweils um etwa 4,3 % wächst, wobei das Wachstum des Nicht-Öl-Anteils schwächer ausfällt. Die Inflation lag 2016/17 bei 8,9 %, es wird erwartet, dass sie in den kommenden Jahren zwischen 10 und 11 % verharren wird. Die Arbeitslosigkeit, die 2016/17 bei 12,5 % lag, wird wahrscheinlich auf diesem Niveau verbleiben.[493]
Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Kfz-Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und dieZement- und Baustoff-Produktion.
Trotz vieler Probleme und internationaler Sanktionen wird die Wirtschaft Irans aufgebaut. Die iranische Stahlproduktion wuchs von 0,55 Mio. Tonnen im Jahr 1980 über 1,6 Mio. Tonnen im Jahr 1990 und 6,6 Mio. Tonnen im Jahr 2000[494] auf 14,5 Mio. Tonnen im Jahr 2012.[495] Die Zementproduktion stieg von 7,5 Mio. Tonnen im Jahr 1980 über 23,9 Mio. Tonnen im Jahr 2000 und 35,0 Mio. Tonnen im Jahr 2007 auf 70 Mio. Tonnen im Jahr 2012.[496][497] Damit ist Iran der viertgrößte Zementhersteller weltweit.
ImGlobal Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegt Iran Platz 69 von 137 Ländern (Stand 2017–2018).[498] DerIndex für wirtschaftliche Freiheit 2024 des Landes war der 169 höchste von 176 Ländern.[499] Die iranische Wirtschaft wird sehr stark vom Staat beeinflusst und ist nicht liberalisiert. Iran belegt imDoing Business-Index der Weltbank von 2018 Rang 124 unter 190 Nationen. Imtheokratischen Iran sind weite Teile der Wirtschaft verstaatlicht. Dazu zählen zum Beispiel bis auf wenige Ausnahmen die Banken. Weitere wirtschaftliche Bereiche sind privat oder genossenschaftlich organisiert. Allgemein wird die kapitalistisch ausgerichtete Wirtschaft alsKommandowirtschaft bezeichnet, in der die politischen Machtzentren versuchen dieWirtschaft zu steuern. Der staatlichen Planung liegen jeweils Fünfjahrespläne zugrunde.[123]
2021 exportierte Iran Waren im Wert von 76,4 Milliarden US-Dollar. Die größten Export-Partner waren 2019 China (45,6 %), Indien (13,9 %), Türkei (10,5 %), Südkorea (7,3 %) und die Vereinigten Arabischen Emirate (4,2 %).[500] Das wichtigste Exportgut ist Erdöl. Der hohe Erdölpreis erlaubt Iran Quersubventionen seiner Industrie und Staatskasse.
Der Import betrug 2021 55 Milliarden US-Dollar. Die größten Importpartner waren 2019 China (24,9 %), die Vereinigten Arabischen Emirate (13,8 %), Indien (6,4 %), die Türkei (6,3 %) und Deutschland (5,9 %).
Gegen Iran wurden verschiedene Embargos verhängt. Für die Länder der Europäischen Union sind die Beschränkungen der Verordnung (EU) Nr. 267/2012 einschlägig.[501]
Entwicklung des Außenhandels (in Mrd. US$ und in % gegenüber dem Vorjahr)
DerStaatshaushalt umfasste 2016 Ausgaben von umgerechnet 72,29 Mrd.US-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 65,87 Mrd. US-Dollar gegenüber. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 1,6 % desBIP.[75]
Einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor stellen die religiösen Stiftungen (Bonyād) dar. Sie kontrollieren ca. 80 % der Wertschöpfung. Die Regierung plant, den privaten Sektor deutlich zu erhöhen.[505] Das System der Bonyāds bestand bereits unter dem Schah und erfüllte schon damals karitative Aufgaben, wie sie auch schwarze Kassen für die herrschende Elite darstellten. Auch heute werden den Bonyāds Vorwürfe wegen mangelnder Transparenz, Korruption und Vetternwirtschaft gemacht. Steuervorteile würden die Entwicklung eines privaten Wirtschaftssektors behindern. Die Bonyāds agieren in Form von Holdings und sind in großen Teilen der Wirtschaft marktbeherrschend, so zum Beispiel im Bereich des Exports, beim Baumaterial (Beton), Reedereien und Petrochemie, außerdem betreiben sie Hotels, Universitäten und Banken. Verantwortlich sind die Bonyāds alleine dem Religionsführer und Staatsoberhaupt ĀyatollāhAli Chamenei.[506][507] Die beiden größten Stiftungen, deren Besitz je auf bis zu 15 Milliarden US$ angesetzt wird, sind die Bonyād-e-Mostafezān (Stiftung für Entrechtete)[508] sowie derAstan-e Qods-e Razavi vonMaschhad, ursprünglich die Verwaltung eines Heiligengrabs, inzwischen aber ein Großkonzern. Im Sozialsystem Irans sind die Bonyāds neben dem Staat der größte Faktor und unterstützen ungefähr die Hälfte der bedürftigen Bevölkerung.
Privatisierung
Bereits seit 2001 betreiben die iranischen Regierungen Programme zur Förderung der Privatwirtschaft. Der Verfassungsartikel 44 musste dafür geändert werden.[509] 2006 gab die Regierung ein Privatisierungsprogramm heraus, das strategisch wichtige Industrien im Ölsektor und im Finanzbereich einschloss. Die Umsetzung des Programms war schwach, weil der private Sektor wenig Interesse an Investitionen zeigte.[510] 2008 gab die Regierung ein weiteres Programm zur Ermutigung der privaten Investitionen heraus.
Von den Privatisierungsbestrebungen profitiert auch dieIslamische Revolutionsgarde, deren Rentenkassen große Firmen zum Beispiel in der Telekommunikationsindustrie aufkaufen. Inwiefern die Kommandeure der Revolutionsgarden direkten Einfluss auf die Geschäftsführung der erworbenen Firmen nehmen, ist umstritten. Da Kapitalmonopole in Iran nicht wie in anderen Ländern vorhanden sind, sind viele Firmen mit akkumuliertem Kleinkapital und durch Rentenkassen finanziert. Eine direkte Einflussnahme der Revolutionsgarden auf die Geschäftsführung ist nicht in jedem Fall zu erkennen, so sitzt im Aufsichtsrat der von den Revolutionsgarden erworbenen Telekom kein Mitglied der Pāsdārān. Auch dieser Kauf war zur Hälfte privat finanziert. Kritisiert werden Steuervorteile gegenüber privaten Unternehmen sowie die Zollfreiheit der Revolutionsgarden. Am Ausbau der Teheraner Metro sind die Nationale Baugesellschaft, die den Revolutionsgarden gehören soll, und die religiöse StiftungBonyād-e Mostazafin va Dschānbāzān („Stiftung der Unterdrückten und Kriegsversehrten“) je zur Hälfte beteiligt. Die Pāsdārān selber bestreiten jede direkte wirtschaftliche Aktivität und weisen insbesondere den Vorwurf des Schmuggels, der von Präsident Ahmadineschad erhoben wurde, zurück.[511]
Landwirtschaft
Dielandwirtschaftliche Nutzfläche beträgt trotz zahlreicher Gebirge und Wüsten 10 % der Landesfläche, wovon ein Drittel künstlichbewässert wird. Die Landwirtschaft ist einer der größten Arbeitgeber des Landes. Wichtige Produkte sindPistazien,Weizen,Reis,Zucker,Baumwolle,Früchte,Nüsse,Datteln,Wolle undKaviar. Seit der Revolution von 1979 wurde der Anbau vonWeintrauben wegen des in Iran gesetzlich (mit derScharia) festgelegten Verbots von Alkoholkonsum für Muslime, auf den 200.000 Hektar Rebfläche fast vollständig aufTafeltrauben undRosinen umgestellt. Bei Rosinen ist Iran inzwischen nach der Türkei der zweitgrößte Exporteur der Welt, beiSafran mit ungefähr 90 % Marktanteil des globalen Bedarfs mit Abstand der größte.
Bergbau, Erdöl und Erdgas
„Wichtige Einrichtungen des Erdölsektors“ (Karte derCIA, 2009)
Die Förderung und Verarbeitung vonErdöl undErdgas spielen in der iranischen Wirtschaft eine besonders wichtige Rolle. Das erste iranische Erdöl wurde in der StadtMasdsched Soleyman im Jahr 1908 von der britischenBurma Oil Company, die dieD’Arcy-Konzession übernommen hatte, gefunden.[512] In der Folge wurde dieAnglo-Persian Oil Company gegründet, die in britischem Besitz war, aber einen Anteil der Gewinne an den iranischen Staat abliefern musste. Die ausländische Kontrolle über das iranische Öl und die niedrigen Zahlungen, die der iranische Staat aus dem Ölgeschäft erhielt, mündeten ab 1946 zur Forderung, dieÖlindustrie zu verstaatlichen, später zurAbadan-Krise und zumSturz der Regierung Mossadegh.[513] Im Jahr 1960 war Iran Gründungsmitglied derOPEC.
1968 förderte Iran 2.847.580Barrel pro Tag und wurde damit zum größtenErdölproduzenten im Nahen Osten und nach den USA, der UdSSR und Venezuela zum viertgrößten Ölproduzenten der Welt, sowie einer der größten Erdgas-Produzenten.Seit derIslamischen Revolution sind alle natürlichen Ressourcen in staatlichem Eigentum, alle Öl- und Gasprojekte laufen über die staatlichen FirmenNational Iranian Oil Company,National Iranian Gas Company undNational Petrochemical Company. Die Produktionsniveaus von vor der Revolution (6 Millionen Barrel pro Tag) wurden seitdem wegen Kriegen, nicht getätigten Investitionen und des Rückganges der Ergiebigkeit existierender Quellen nicht mehr erreicht.[514]
Die Förderung und Verarbeitung vonErdöl undErdgas trug im Jahr 2012 etwa 20 % zum iranischenBIP bei. Im gleichen Jahr war Iran der drittgrößte Förderer von Erdgas und der sechstgrößte Förderer von Erdöl.[515] Es wurde geschätzt, dass zu Ende des Jahres 2012 157 Milliarden Barrel Erdöl (und damit 9,4 % derweltweiten Erdölvorkommen) und 33,6 Billionen Kubikmeter Erdgas (18 % der weltweitenErdgasvorkommen) in Iran lagern.[516] Allerdings meldete Iran im Jahr 2019 den Fund eines neuen Erdölfeldes mit 53 Milliarden Barrel Öl.[517] Im Jahr 2014 förderte Iran täglich 3,4 MillionenBarrel Erdöl. Davon verblieben 1,8 Millionen Barrel für den Eigenverbrauch im Land; die Raffineriekapazitäten lagen 2014 bei 2 Millionen Barrel pro Tag. Trotzdem mussten etwa 61.000 Barrel pro Tag an Erdölprodukten importiert werden. Im Jahr 2013 wurden darüber hinaus 163 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert (4,8 % der weltweiten Menge) und fast zur Gänze im Inland verbraucht.South Pars ist das größte Gasfeld des Landes, es liegt im Persischen Golf und enthält 40 % der iranischen Gasreserven.[514] Somit gehört Iran zu dengrößten Erdgasverbrauchern der Welt. Um das Wachstum des Energiebedarfes zu verlangsamen, und um Verschwendung sowie Schmuggel einzudämmen, wurden im Jahr 2010 die Subventionen gekürzt, weitere Maßnahmen werden noch folgen.[514]
Die Erdöllagerstätten Irans befinden sich größtenteils im Südwesten des Landes und setzen sich teilweise auf das Territorium von Nachbarstaaten fort. Eines der größtenErdgasfelder liegt beiGach Saran am Rand desZagros-Gebirges. Etwa 70 % der Erdölvorkommen sind onshore, etwa 80 % der Lagerstätten wurden vor 1965 entdeckt (Stand 2015).[514] Von den Häfen amPersischen Golf muss das Öl durch die dichtbefahreneStraße von Hormus zu den Empfängerländern transportiert werden; durch diese Straße flossen 2013 täglich 17 Millionen Barrel Erdöl und 3,7 Tcf verflüssigtes Erdgas.[514]
Aufgrund der internationalen Sanktionen gegen Iran sank die Erdölförderung zwischen 2011 und 2014 stark und die Förderung von Erdgas nahm nur sehr leicht zu. Die Einnahmen für den iranischen Staat sanken von 118 Milliarden US-Dollar 2011/12 auf rund 56 Milliarden US-Dollar 2013/2014. Der Rückgang in der Fördermenge wird vor allem auf den Mangel an ausländischer Technik und Investition, den Rückzug ausländischer Partner bei der Erschließung neuer Quellen und auf die nicht mögliche Versicherungsdeckung für Tankertransporte zurückgeführt.[514]
Der Bergbau und die Weiterverarbeitung der abgebauten Rohstoffe tragen weitere 14,2 % zum BIP Irans bei. Zu den wichtigsten dieser Rohstoffe gehören Kohle (1,3 Millionen Tonnen 2012), Eisen (24 Millionen Tonnen), Kupfer (260.000 Tonnen), Aluminium (230.000 Tonnen), Blei (40.000 Tonnen) und Mangan (70.000 Tonnen). Die Minen sind teils in privatem Besitz, teils werden sie über das staatliche UnternehmenIMIDRO von der Regierung kontrolliert.[515]
In der Automobilindustrie waren 2010 rund 500.000 Menschen beschäftigt, damit ist die Branche der zweitgrößte Arbeitgeber nach der Ölindustrie und Iran der größte Automobilproduzent im Mittleren Osten.[518] 2012 ist die iranische Automobilproduktion scharf eingebrochen; es wurden nur noch 989.110 Fahrzeuge produziert – 40 Prozent weniger als 2011. Darunter fallen 848.000 PKW und 141.110 Nutzfahrzeuge.[519] Die beiden größten Automobilhersteller sind die staatlicheSAIPA – um 2015 derzeit im Privatisierungsprozess[520] – undIran Khodro (IKCO). Die IKCO produziert neben einheimischen Modellen wie Dena und Runna in Lizenz Modelle unter anderem von Peugeot.[521] SAIPA hat die IKCO im Jahr 2010 das erste Mal in der Rangfolge überholt. Nach Ansicht des Business Monitor International’s Iran Autos Report wird sich die Belastbarkeit der iranischen Automobilindustrie erst in den nächsten Jahren zeigen, wenn der einheimische Markt gesättigt ist und Iran zunehmend auf dem internationalen Markt agiert, denn bisher ist der Produktionsanstieg noch überwiegend auf die Unterstützung der Regierung zurückzuführen.[522] 12,64 % der zugelassenen Kraftfahrzeuge werden mit Gas betrieben. Iran liegt damit weltweit an fünfter Stelle der Nutzung von gasbetriebenen Kraftfahrzeugen.[523] Der schwedische LKW-ProduzentScania eröffnete 2011 eine neue Produktionslinie in Qazvin und löst damit Daimler-Chrysler ab, das seine Geschäftskontakte mit Iran abgebrochen hat.[524]
Erklärtes Ziel der iranischen Regierung ist es, mehr Touristen anzulocken, um Deviseneinnahmen und Arbeitsplätze zu generieren. Bis ins Jahr 2025 sollen jährlich zehn Millionen Personen Iran besuchen. Als besondere touristische Anziehungspunkte gelten:
Strände am Kaspischen Meer und am persischen Golf, die insgesamt 3000 Kilometer Küstenlänge umfassen
Sandwüsten Kawir und Lut
Städte wie Teheran und Isfahan mit ihren alten Bauten, Museen und Bazaren[525]
Ungleichverteilung und Subventionen
Zu den Leitmotiven der Islamischen Revolution gehörte die Umverteilung von den Kapitalisten zu den „Enterbten“. Aus diesem Grund wurden nach der Revolution zahlreiche Anstrengungen wie die Elektrifizierung ländlicher Regionen und Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungssystem unternommen, aber auch Subventionen für Lebensmittel, Medikamente und Energie sowie Arbeitsmarktregulierungen eingeführt. In den 1990er Jahren ist der Anteil der Bevölkerung, der in Armut leben muss, stark gesunken; heute leben nur 2–3 % der Iraner in schwerer Armut, im internationalen Vergleich ein niedriger Wert. Der dieUngleichverteilung messendeGini-Koeffizient liegt mit 0,43 nur wenig unter dem Niveau von vor der Revolution; im internationalen Vergleich ist er durchschnittlich.[526]
Die iranische Regierung gab im Jahr 2005 etwa 2 Milliarden US-Dollar für Subventionen für Nahrungsmittel und Medikamente aus.[526]
In der zweiten Jahreshälfte 2010 begann die iranische Regierung mit der Umsetzung einer lange geplanten Reform von Subventionen auf Energiepreise, Getreide, Brot und öffentlichen Personenverkehr. Der IWF attestierte Iran dazu gute Startbedingungen beim Rückgang der Inflation von über 30 % auf 10 % ab September 2009. Im ersten Jahr der Reformen wurden $ 60 Milliarden an Subventionen zurückgefahren, 15 % des Bruttoinlandproduktes. Grund für die Reform sind die steigenden Energiepreise auf dem Weltmarkt, bei künstlich niedrig gehaltenen Preisen im Inland, was dazu führte, dass Iran zu einem der größten Energieverschwender wurde, während gleichzeitig Haushalte mit niedrigem Einkommen von den Subventionen kaum profitierten. Der IWF nennt eine Summe von durchschnittlich $ 4000 jährlicher Subventionen für einen vierköpfigen Haushalt; doch gibt es einen großen Teil Iraner, deren Jahreseinkommen unter $ 4000 liegt. Man verspricht sich also sowohl einen sparsameren Umgang mit Energie als auch die Entwicklung energiesparender Techniken, zum Beispiel in der iranischen Autoproduktion, und mehr soziale Gerechtigkeit durch Direktzahlungen an einkommensschwache Haushalte sowie erhöhte Staatseinnahmen durch mehr Exportkapazitäten bei Öl und Gas. Insgesamt gehen 30 % des durch die gestrichenen Subventionen eingesparten Geldes direkt an die Bürger zurück, 20 % werden an die Industrie zur Entwicklung von Energiesparmaßnahmen gezahlt, der Rest verbleibt zum Ausgleich der erhöhten Energiepreise im Staatshaushalt. Es sind 93 % der iranischen Bürger für die Direktzahlungen registriert. Pro Person eines Haushaltes werden ca. $ 80 alle zwei Monate ausgezahlt. Der IWF zog im Juni eine positive Zwischenbilanz der Reformen: Trotz der bis um das 20fache erhöhten Energiepreise stieg die Inflationsrate maßvoll auf 14,2 % im Mai 2011. Es wurde eine vorübergehende Abschwächung des Wirtschaftswachstums und ebenso vorübergehender Anstieg der Inflationsrate erwartet, der IWF konstatierte aber mehr soziale Gerechtigkeit und geringeren Energieverbrauch.[527][528][529]
Arbeitsmarkt
Iran verfügt über eine große und gut ausgebildete Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Das Land kann davon profitieren, dendemographischen Übergang absolviert zu haben, sodass verstärkt inHumankapital investiert wurde und wird. Bis etwa 2045 wird Iran ein guterAbhängigenquotient vorausgesagt. Der ineffiziente Arbeitsmarkt verhindert jedoch, dass das Land den maximalen Nutzen aus dieser Situation zieht.[530][531] In den vergangenen 30 Jahren lag die Arbeitslosenquote in Iran immer um die 11 %, wobei die Jugendarbeitslosigkeit bei etwa 30 % liegt.[532] Darüber hinaus partizipieren nur 17 % der Frauen am Arbeitsmarkt, wodurch eine im internationalen Vergleich sehr niedrige Partizipationsrate resultiert. Dazu kommt ein großes Gefälle zwischen städtischer und ländlicher Arbeitslosigkeit.[533] Das Arbeitsgesetz von 1990 sieht hohe Strafen für jene Unternehmen vor, die Arbeitnehmer ohne wichtigen Grund kündigen. Dies hat zur Folge, dass private Unternehmen nur sehr vorsichtig neue Arbeitskräfte einstellen und dass sie sich nur an vorgelegten Diplomen über die Fähigkeiten eines Bewerbers orientieren können. Die Folge davon ist, dass junge Leute bestrebt sind, bestmögliche Diplome statt produktiver Fähigkeiten zu erwerben, und dass etwa 84 % aller Universitätsabgänger im staatlichen und halbstaatlichen Sektor aufgenommen werden. Somit übernimmt der Arbeitsmarkt die Funktion einer Sozial- und Arbeitslosenversicherung, was zu großen gesamtwirtschaftlichen Kosten führt.[534]
Nach derislamischen Revolution bestimmteAjatollah Chomeini, dass nurGläubige, die an die Islamische Republik glauben, Spitzenaufgaben in Staat und Wirtschaft übernehmen dürfen:Fromme und rechtschaffene Personen müssen staatliche Aufgaben übernehmen, weil sonst der Staat verderbe. Dieses Prinzip gilt heute im gesamten staatlichen Bereich des Landes, der 70 % der Wirtschaftsleistung erbringt. Das im Auswahlgesetz von 1996 verankerteGozinesh-Verfahren sieht die Auswahl des Personals anhand religiöser Denkweise sowie ideologischer, moralischer und politischer Faktoren vor. Diese Kriterien werden anhand von Fachfragen zu religiöser Praxis, dem Koran sowie Politik, Ideologie und Geschichte der Islamischen Republik abgeprüft, darüber hinaus werden Nachbarn und Familie befragt. Die Konformität von Arbeitnehmern, die das Gozinesh-Verfahren bestanden haben, werden am Arbeitsplatz weiterhin überwacht. Diese Praxis führt dazu, dass das Potential an gut ausgebildetem Personal vergeudet wird, dass gut ausgebildete Personen in Berufen arbeiten müssen, für die sie überqualifiziert sind, und dass entscheidende Positionen von Leuten bekleidet werden, die dafür nicht geeignet sind. Viele säkular eingestellte Menschen müssen somit für ihren Arbeitsplatz ein Doppelleben führen. Diese Umstände tragen maßgeblich zurTalentflucht, der Abwanderung qualifizierter Personen aus Iran bei.[535]
Neben der hohen Arbeitslosigkeit istKinderarbeit und die Beschäftigung von Billiglohnarbeitern vor allem ausAfghanistan verbreitet. Für die Beschäftigten gibt es keine gewerkschaftliche Vertretung. Besonders Billiglohnarbeiter sind starken Repressionen ausgesetzt.[536][537]
Iran hat ca. 2500 km Autobahnen sowie ein großes Netz weiterer Straßen inklusive ausgebauter Schnellstraßen. Das gesamte Straßennetz hat eine Länge von 198.866 km (160.366 km davon asphaltiert).
Mit 32,1 Toten auf 100.000 Einwohner pro Jahr hatte das Land eine der höchsten Raten an Verkehrstoten weltweit. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Jahr 4,3 Tote. Insgesamt kamen damit ca. 25.000 Personen im Straßenverkehr ums Leben. Gründe dafür sind ein überlastetes Verkehrsnetz mit einer ungenügenden Infrastruktur bei einer relativ fortgeschrittenen Motorisierung. 2017 kamen in Iran 256 Kraftfahrzeuge auf 1000 Einwohner (in Deutschland waren es über 500 Fahrzeuge).[538]
Die staatliche FluggesellschaftIran Air befliegt nationale und internationale Routen. Aufgrund der internationalen Sanktionen hat die Airline mit dem Zustand einer veralteten Flotte zu kämpfen.[539] Neben der staatlichen Iran Air besteht eine Reiheprivater Fluggesellschaften, wodurch alle größeren Städte in Iran mit dem Flugzeug erreicht werden können.
In Iran wurden im Jahr 2013 etwa 224 Milliarden kWh an elektrischer Energie generiert, 92 % davon inWärmekraftwerken, die mit Erdgas (70 %) oder Erdöl befeuert wurden. Die verbleibenden 8 % kamen aus Atomkraft, Wasserkraft und anderen erneuerbaren Energiequellen.[514] Es wird erwartet, dass der Bedarf an elektrischer Energie weiter steigen wird, wenngleich die Regierung zu Beginn des Jahres 2014 die Strompreise um 25 % angehoben hat und im Jahre 2015 eine weitere Anhebung plant, um das Wachstum zu vermindern und den Druck auf die existierenden Kapazitäten zu dämpfen. Um den Bedarf zu decken, aber auch um noch mehr elektrische Energie exportieren zu können, hat das Energieministerium den Bau von 35 neuen Kraftwerken vorgeschlagen.[514]
Das momentan einzige iranische Atomkraftwerk ist dieAnlage in Buschehr, die eine Leistung von 700 MW haben soll. Mit seinem Bau wurde bereits in den 1970er Jahren begonnen, aufgrund von Islamischer Revolution, Beschädigungen im Irak-Iran-Krieg und Problemen mit dem AuftragnehmerRosatom, den man mit der Fertigstellung betraut hatte, ging das Kraftwerk erst im Jahr 2013 ans Netz. Es existieren Pläne für zwei weitere Blöcke in Buschehr, die jeweils 1000 MW leisten sollen. Bereits seit langem ist ein weiteres Atomkraftwerk inDarkhovin in Planung. Pläne, an 15 weiteren Standorten Atomkraftwerke zu errichten, sind aufgrund der internationalen Sanktionen gegen Iran bisher nicht in die Umsetzung gelangt.[514]
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Iran entwickelte sich zu einem großen Staudammbauer. 157 Dämme wurden gebaut, 84 befinden sich im Bau oder Planung, vor der Islamischen Revolution gab es nur 13 Staudämme im Land.[542] Abgesehen von der Produktion von Elektrizität, die dann wiederum mehr Öl für den Export freigibt, will das Land damit die fortschreitendeWasserknappheit handhaben.[543][544] Das größte Projekt ist derBachtiyari-Staudamm in der Provinz Lorestan im Südwesten Irans, im Zagros-Gebirge. Er soll der größte doppelbögige Staudamm der Welt werden, mit einer Höhe von 315 Metern. Bedingt durch seine schwierige geographische Lage ist es nicht notwendig, Menschen dafür umzusiedeln.[545]
Internet
Iran erhielt 1993 Zugang zum Internet. Im Jahr 2022 nutzten 81,7 Prozent der Einwohner Irans das Internet.[546] Überwacht werden Internetinhalte von der Internetpolizei „Fata“, so etwa die Instagram-Kanäle.[547]
Persien, hierbei insbesondere das südlicheFars, weist in derDichtung zahlreiche Berühmtheiten auf, von denenFirdausi,Hafis undSaadi einige der bekanntesten sind. In der Neuzeit gewann die Prosa in der persischen Literatur zunehmende Bedeutung, so beispielsweise mit den WerkenSadegh Hedayats, der erhebliche und teils wegweisende Neuerungen sowohl im Stil als auch im Bereich der Themenwahl vornahm. Außerhalb des Rahmens der klassischen persischen Poesie entwickelten sich in der Dichtkunst im 20. Jahrhundert neue Richtungen, zu denen insbesondere dasNeue Persische Gedicht (Sche’r-e Nou) und dasWeiße Gedicht (Sche’r-e Sepid) zu zählen sind. Eine neue Kunstform wählte in jüngerer Zeit die im französischen Exil lebendeComic-AutorinMarjane Satrapi, die imautobiographischen Comic-WerkPersepolis von ihrer Kindheit und Jugend während der islamischen Revolution und im Exil in europäischen Ländern erzählt sowie inSticheleien Gespräche unter Frauen ihrer Familie aufzeichnet.
Die heute vorliegende, vorislamische Literatur reicht bis zu den dem ReligionsstifterZarathustra zugeschriebenen Hymnen, denGathas, sowie denYaschts zurück. Es existieren Werke in verschiedenen alten iranischen Sprachen. Hierzu gehören insbesondereavestische sowiemittelpersische Arbeiten, die zu einem großen Teilzoroastrische Themen, jedoch auch unter anderem historische undmanichäische Inhalte behandeln.
Die traditionelle iranische Architektur spiegelt die klimatischen und sozialen Gegebenheiten des Landes wider. Um das sehr heiße und trockene Sommerwetter zu überstehen, wurden bereits seit drei Jahrtausenden,Qanate,unterirdische Wasserspeicher undEishäuser gebaut. MitWindtürmen wird frische Luft in die teils unter der Erde liegenden Wohnräume gebracht, wo man es über Wasserflächen streichen lässt, um die Räumlichkeiten zu kühlen. Als Baumaterial dient vor allem Lehm und daraus gebrannte oder ungebrannte Ziegel; dieses Baumaterial schützt gegen Hitze und hält bei Kälte die Wärme im Raum. Mauern, seien es Stadtmauern oder Mauern um das eigene Haus, widerspiegeln die zahlreichen Überfälle, unter denen die iranische Bevölkerung zu leiden hatte, aber auch die religiös bedingte Notwendigkeit, das private Leben vom öffentlichen Leben zu trennen. So hat das traditionelle Wohnhaus keine Fenster nach außen, sondern nur in einen Innenhof. Die aus demZoroastrismus stammende Vorliebe für das Licht als Quelle von Schönheit, aber auch die Vorliebe für reiche Verzierungen, hat sich bis in die heutige Zeit als prägendes Element der iranischen Architektur überliefert. Die traditionelle iranische Stadt trennt Wohnviertel von Geschäftsvierteln, wo sich auchBasar und Hauptplatz befinden. Ethnischen und religiösen Minderheiten sind meist auch eigene Stadtviertel zugewiesen; reiche und arme Bewohner wurden jedoch nicht voneinander getrennt.[548]
Die früheste präislamische Architektur Irans ist in Form von Überresten von Häusern aus Lehmziegeln erhalten (Tappe Zaghe naheQazvin). Die Elamiten bauten riesigeZikkurate, die mit Mosaiken aus glasierten Ziegeln verkleidet waren, wie inTschogha Zanbil. Die erste größere Stadt war die geplant gebaute Residenz derMeder-Könige,Ekbatana. Aus der Zeit desAchämenidenreichs sind zahlreiche architektonische Reste von den typischen eleganten, mit Reliefs geschmückten Palästen, Mausoleen undFeuertempeln erhalten, allen voran die HauptstädtePasargadae undPersepolis. Unter denParthern hieltenGewölbe,Kielbögen sowie der starke Gebrauch von Steinmetz- und Stuckarbeiten Einzug. DieSassaniden orientierten sich an den Bauwerken der Achämeniden, ihre Bauwerke waren durch kunstvolle Bemalungen charakterisiert.[549]
Nach der Einführung des Islam in Iran änderte sich auch das architektonische Schaffen. Moscheen,[550] zunächst noch einfache Gebäude, wurden bald nach iranischem Geschmack Kuppelgebäude, verziert mit Kalligraphien, Stuck,Muqarnas, Fliesen, Mosaiken und Spiegelarbeiten. Zu den architektonisch bedeutendsten religiösen Gebäuden zählen derImam-Reza-Schrein, derSchrein der Fatima Masuma, derSchah-Abdol-Azim-Schrein oderSchah Tscheragh. Die Verzierung der Moscheen mit Fliesen nicht nur außen, sondern auch innen kam im 13. Jahrhundert auf; die Fliesen können Blumen-, Kalligraphie- oder geometrische Motive haben. Die Safawiden waren besondere Förderer der Architektur, sie ließen ihre HauptstadtIsfahan mit dem Ensemble um denMeidan-e Emam, Gärten und Palästen wie demTschehel Sotun ausstatten; dieZand verschönertenSchiras mit zahlreichen Bauwerken wie derZitadelle oder Gartenanlagen wie demEram-Garten (persischBāgh-e Eram).[551]
In der Zeit derKadscharen hielten europäische Konzepte Einzug in die iranische Architektur. Vor allem dieBeaux-Arts-Architektur ist in zahlreichen staatlichen Neubauten sichtbar. In der Zwischenkriegszeit wurden viele Gebäude von europäischen Architekten für Iran geplant, die nur oberflächlich mit persischen Formen geschmückt sind. Das Stadtbild vieler Städte wurde mit großen Plätzen und Denkmälern bereichert, wovon derSchahyad-Turm aus dem Jahre 1971 das bekannteste ist. Nach der Islamischen Revolution wurde alles Westliche und Vorislamische zunächst abgelehnt, seitdem sind Bauformen erschienen, die iranische, islamische und westliche Traditionen vereinen, wofür dasAbbasi Hotel in Isfahan steht. Angesichts der schnell wachsenden Stadtbevölkerung ist heute vielerorts die schnelle Wohnraumbeschaffung ohne architektonische Überlegungen dominierend.[552]
Hinsichtlich der Baudenkmäler und Kulturgüter gibt es seit 2018 eine Initiative vonKarl von Habsburg, Präsident vonBlue Shield International und des österreichischen Botschafters Stephan Scholz zur Errichtung eines nationalen Blue Shield Committees.[553]
Feste und Feiertage
EineTaʿziye-Aufführung in SchirasFeuerspringen zu Tschahar Schanbeh Suri, 1975
Es gibt in Iran eine so hohe Anzahl an Feiertagen und Festen, dass kritische Stimmen befürchten, die Wirtschaft nehme vom vielen Feiern Schaden.
Dieislamischen Festtage, bei den Schiiten überwiegend Trauertage,[554] zählen zu den wichtigsten im Leben der Iraner; dabei gibt es Feste, die generell zur islamischen Religion gehören und andere, die nur im schiitischen Islam gefeiert werden. Zu den generell islamischen Feiertagen gehören dieFreitage, derRamadan, dasFest des Fastenbrechens sowie dasOpferfest. Die Tradition, ein Kamel für das Opferfest zu schmücken, mit einer Prozession durch die Stadt zu treiben und dann zu opfern, wurde in der Pahlavi-Zeit abgeschafft. Von den Feiertagen, die mit dem Leben des Propheten Mohammed in Zusammenhang stehen, werden derGeburtstag, dieNachtreise und sein Tod gefeiert; dies wird von konservativen Muslimen nicht gern gesehen, aber als Zeichen der Gemeinsamkeit mit den sunnitischen Muslimen trotzdem begangen. Die wichtigsten schiitischen Feiertage werden im MonatMuharram begangen. AnTasua undAschura werden in allen Städten von religiösen Bruderschaften Prozessionen organisiert, bei denen sich die Teilnehmendenselbst geißeln oder übergroße Objekte, die an den Tod des ImamAl-Husain ibn ʿAlī in derSchlacht von Kerbela erinnern, mittragen. Typisch für Iran sind die zu diesem Anlass aufgeführten dramatischen Aufführungen namensTaʿziye, die das Martyrium von Husain nachspielen. Dabei wird es sehr gern gesehen, wenn die Teilnehmer echte, ungehemmte Trauer zeigen. Betrauert wird indes nicht nur der Tod von Husain, sondern besonders auch vonder Prophetentochter Fatemeh, seines SchwiegersohnesAli, ImamDschafar und ImamAli Reza.[555]
Vier Mal im Jahr werden wichtige Feste gefeiert, die aus derzoroastrischen Tradition stammen, heute aber weitgehendsäkularisiert sind und die im iranischen Kulturraum von fast allen Völkern begangen werden. Dies sindNouruz (mitTschahar Schanbe Suri undSizdah bedar zwei Wochen gefeiert), der einzige nichtislamische gesetzliche Feiertag, undYalda. Nouruz ist das iranische Neujahrsfest, das zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling stattfindet. Es symbolisiert einen Neuanfang, für den die Leute ihre Häuser gründlich säubern, neue Kleidung tragen und sich gegenseitig beglückwünschen. Zentrales Element der Feiern ist das Arrangieren eines Sofreh, eines besonders schönen Tuches, auf dem man sieben Gegenstände mit symbolisch positiver Bedeutung anordnet, die alle mit dem persischenS (Haft Sin) beginnen müssen. Am Mittwoch vor dem Nouruz-Fest werden an Tschahar Schanbeh Suri Freudenfeuer entzündet, und wer immer kann, springt über eines der Feuer, um im kommenden Jahr Glück und Gesundheit zu haben. Sizdah Bedar wird am 13. Tag des neuen Jahres gefeiert; da die Zahl 13 als Unglückszahl gilt, soll man sich an diesem Tag nicht ärgern oder streiten. An Sizdah Bedar bevölkern die Iraner die Parks und Gärten und vergnügen sich bei Picknicks. AnYalda, der längsten Nacht des Jahres, entzünden die Menschen ein Feuer und versuchen, es die ganze Nacht brennen zu lassen. In dieser Nacht schlafen die Leute nicht, sondern unterhalten sich bei Essen, Geschichtenerzählen oder auch Tanz und Musik.[556]
Wie in allen anderen Ländern gibt es auch Feiertage, die an bedeutende Ereignisse in der nationalen Geschichte erinnern sollen. Im Falle Irans werden vor allem Feierlichkeiten zum Gedenken an Ereignisse aus dem Zusammenhang mit der Islamischen Revolution und dem Leben des Ajatollahs Chomeini in der Regel von der Regierung organisiert. Der Feiertag mit der größten Anteilnahme der Bürger ist der Todestag von Chomeini, der jedes Jahr am 4. Juni begangen wird. Familien, die das herrschende System unterstützen (oder als solche wahrgenommen werden wollen), besuchen einen Ort, der mit dem Leben Chomeinis verbunden ist, um dort zu trauern:Chomeinis Geburtsort,sein Mausoleum, den Chomeini-Schrein oder die StadtGhom. An diesem Tag hängen schwarze Fahnen, und besonders zurückhaltende Kleidung wird von allen erwartet. Andere nationale Feiertage erinnern an die Verhaftung Chomeinis nach denUnruhen von 1963 (5. Juni), den Sieg der Islamischen Revolution (12. Februar), die Verstaatlichung derAnglo-Iranian Oil Company (20. März) und dieVolksabstimmung über die Errichtung der Islamischen Republik (1. April).[557]
Küche
Ein nach dem Geschmack vieler Iraner gedeckter Tisch
Die iranische Küche ist sehr vielfältig. Sie hat mit derindischen, den zentralasiatischen, dertürkischen und anderenorientalischen Küchen zahlreiche Gemeinsamkeiten. Die städtische Kochkunst des persischen Hochlandes wird als Standard betrachtet und um zahlreiche Gerichte lokaler oder ethnischer Herkunft bereichert. Die Hauptnahrungsmittel sind Reis und Weizen; letzerer wird vor allem in Form von Brot konsumiert, das die Iraner gern frisch für jede Mahlzeit kaufen. Die beiden beliebtesten Brotsorten sind Tâftun undLavash, die zu sehr dünnen Laiben geformt und an die Innenwand des Ofens gedrückt gebacken werden. In der traditionellen Mahlzeit, die auf einem Tuch sitzend von geteilten Schüsseln und Platten eingenommen wird, dient dieses flache Brot nicht nur als Nahrungsmittel, sondern ersetzt auch Teller und Besteck.
Reis war lange Zeit ein Luxusprodukt für die Reichen, heute kommt er im ganzen Land regelmäßig auf den Tisch. Er wird einfach gekocht und mit Butter versetzt(Kateh), mit Gemüse oder Fleisch zu einer eigenständigen Mahlzeit zubereitet (Polo, zum Beispiel der Sauerkirschreis Ālbālu Polo) oder gekocht und dann gedämpft (Tschelo, mit einer Kruste am Boden des Topfes,Tahdig) und mit Safranreis garniert. Diese Art von Reis mit gegrilltem Fleisch, Tomaten, Zwiebel und Kräutern ist unter dem NamenTschelo Kabāb das iranische Nationalgericht und steht in vielen Variationen im ganzen Land auf den Speisekarten der Restaurants.[558]
Tschelo kann auch zusammen mit Chorescht serviert werden, eine ArtRagout, das man ebenfalls in vielen Varianten antrifft. Zu den Varianten von Tschelo-Chorescht gehörenChorescht-e fesendschan (Hähnchen in einer Walnuss- undGranatapfel-Soße) oderGhormeh Sabzi (Kräutereintopf).Abguscht ist ebenfalls eine Art Ragout, bei der Fleisch, Bohnen, Gemüse, Kräuter und Obst gekocht werden. Nach dem Kochen werden die festen Bestandteile aus der Brühe gesiebt und püriert; Brühe und Püree werden mit Brot gereicht. Abguscht in einer seiner vielen Formen wird von den ärmeren Iranern fast täglich gegessen. Auch Eintöpfe (Āsch) mit Gemüse, Nudeln, Bohnen, Gerste oder Joghurt als Hauptbestandteil sind untrennbarer Teil der iranischen Küche.[558]
Gewürze werden in der iranischen Küche, im Gegensatz zu jenen einiger Nachbarländer, nur zurückhaltend eingesetzt. Eine wichtige Besonderheit der traditionellen iranischen Kochkunst ist die Klassifizierung der Lebensmittel inheiß undkalt. Diese Bezeichnung bezieht sich nicht auf die Temperatur der Produkte, sondern auf deren vermutete Auswirkung auf die menschliche Befindlichkeit. Iranische Köche streben danach,heiße undkalte Lebensmittel so zu kombinieren, dass sie zueinander im Gleichgewicht stehen.[558]
Das iranische Nationalgetränk istTee, der oft durch ein mit den Zähnen gehaltenes Stück Zucker geschlürft wird. Zum Essen trinken viele IranerDugh, ein leicht gesalzenes Joghurtgetränk, das häufig mit Gewürzen oder Kräutern verfeinert wird.[558] Alkoholische Getränke sind denMuslimen seit derIslamischen Revolution streng verboten, obgleich nicht wenige, trotz des Risikos einerAuspeitschung,[559] solche konsumieren.
Die ersten Filme, die jemals in Iran gespielt wurden, gehen aufMozaffar ad-Din Schah zurück, der im Jahre 1900 von einem Staatsbesuch in Frankreich einenCinématographen mitbringen ließ. Die Filme, die sein FotografMirza Ebrahim Khan Akkas Baschi aufnahm, wurden fortan Teil der Unterhaltung des königlichen Hofes. Das neue Medium hatte aber große Schwierigkeiten, in der iranischen Gesellschaft akzeptiert zu werden: Die ersten Kinos wurden der Hexerei bezichtigt, man behauptete, dass dort derSatan angerufen würde und dass Kinobesucher unmoralischen Aktivitäten nachgehen würden; der damalige religiöse FührerFazlollah Nuri verlangte die Schließung der Kinos. Speziell die ersten iranischen Schauspielerinnen waren zahlreichen Anfeindungen und gesellschaftlicher Isolation ausgesetzt.
In den frühen 1930er Jahren gab es 26 Kinos im Land. Die Pioniere des iranischen Filmes kamen entweder aus dem Ausland zurück wieKhan Baba Motazedi oder waren armenische Immigranten wieHovhannes Ohanian. Sie schufen auch die ersten iranischen Filme, größtenteils Dokumentationen oder Mischungen aus Komödie und Drama, wie sie in den folgenden Jahrzehnten populär bleiben sollten. Der erste persischsprachige Tonfilm wurde vonAbdolhossein Sepanta 1933 in Indien produziert; 1935 beauftragte die Regierung Sepanta mit der Schaffung des ersten Films, der für Bildungszwecke bestimmt war: ein Streifen über den DichterFirdausi.[561]
UnterReza Schah Pahlavi wurde das Kino gefördert. Er ließ Filme produzieren, um seine Zeremonien, Regierungstätigkeit und Errungenschaften zu präsentieren. Er schuf günstige Bedingungen für den Import ausländischer Filme, sodass Produktionen aus den USA, Russland und Europa dominierten. Die einheimische Filmindustrie beschränkte sich auf dieSynchronisation. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen erste Filmproduktionen im StudioMitrā Film vonEsmail Koushan, der nach ein paar finanziellen Fehlschlägen mitScharmsār (Geschändet) seinen ersten Erfolg erzielte; dieser Film war an die damals populären indischen Filme angelehnt.
Es folgte eine Teilung des iranischen Films in zwei Strömungen: dasSinemā Farsi mit größtenteils billigen, kommerziell orientierten Produktionen und die Filme derNeuen Welle (mowdsch-e now), die von in Europa ausgebildeten Schauspielern und Regisseuren produziert wurden und künstlerisch anspruchsvoll, meist aber nur außerhalb Irans erfolgreich waren. Im Rahmen derWeißen Revolution der Pahlavi-Regierung wurden schließlich Filmakademien, die Produktionsfirma Telefilm und Kunstfestivals gegründet. Ein großes Budget wurde der Filmproduktion unter staatlicher Kontrolle zugeteilt.[562]
Die Islamische Revolution brachte das Filmschaffen im Land zunächst zum Stillstand: Zahlreiche Kinos, die die islamischen Aktivisten als Hort derKorruption betrachteten, wurden zerstört; dazu zählte auch derAnschlag auf das Kino Rex inAbadan mit 430 Todesopfern. Den Künstlern wurde die Finanzierung entzogen, sie wurden willkürlichen Regelungen unterworfen, illegaler Aktivitäten beschuldigt, verhaftet, manche sogar hingerichtet. Die neuen Machthaber erkannten aber auch das propagandistische Potenzial des Mediums und nutzten es beispielsweise zur Verbreitung „islamischer Werte“ und im Kontext desIrak-Iran-Krieges. Erst seit den 1990er Jahren gibt es wieder Filmschaffen zu anderenSujets im Land; die Regeln dafür können je nach politischer Lage extrem restriktiv sein. Das gilt besonders für weibliche Figuren, die immer nach moralischen und islamischen Maßstäben korrekt dargestellt sein müssen.
Dieser auch filmisch reflektierten (beispielsweise inTaxi Teheran) widrigen Produktionsbedingungen zum Trotz, existiert heute eine lebendige, international wahrgenommene iranische Filmszene mit international hoch angesehenen iranischen Regisseuren wieAbbas Kiarostami,Majid Majidi undJafar Panahi. Viele Filme dürfen in Iran selbst jedoch nicht gezeigt werden. Wegen der Zensur, des behördlichen Drucks auf Darsteller und Produzenten sowie der Verhängung von Ausreisebeschränkungen und Berufsverboten leben inzwischen einige Filmschaffende, wie die SchauspielerinGolshifteh Farahani oder der RegisseurMohsen Makhmalbaf im Exil. 2012 erhieltNader und Simin – Eine Trennung vonAsghar Farhadi als erster iranischer Film einenOscar alsBester fremdsprachiger Film.
Neben den vielschichtigen subtil-suggestiven Werken derNeuen Welle, die hohen ästhetischen Ansprüchen genügen und die bei internationalen Festivals immer wieder ausgezeichnet werden, ist im Inland vor allem die zweite Strömung des häufig mit Gewaltszenen versehenenFilm Farsi erfolgreich.[563] Ausländische Filme werden offiziell kaum gezeigt, sind der Bevölkerung aber über den Schwarzmarkt meist dennoch zugänglich.
Medien
Iranische Zeitungen in Teheran
Im Januar 2018 saßen lautReporter ohne Grenzen in Iran mindestens sieben Journalisten und zwölf Blogger in Haft, darunter die Trägerin desFriedensnobelpreisesNarges Mohammadi, eine Journalistin, Frauenrechtlerin und Sprecherin desZentrums der Verteidigung für Menschenrechte.[564]
Zusätzlich gibt es über 30 persischsprachige Fernsehsender aus dem beiLos Angeles liegendenSan Fernando Valley,Kalifornien, die über Satellit oder Internet in Iran empfangen werden können.
Im Jahr 2022 nutzten 81,7 Prozent der Einwohner Irans das Internet.[568] Laut den Statistiken vonAlexa Internet istGoogle die am häufigsten verwendete Suchmaschine in Iran undInstagram das beliebtesteSoziale Netzwerk.[569] Der direkte Zugang zu vielen weltweit populären Websites wurde in Iran blockiert, einschließlich Instagram undFacebook.[570] 2017 hatte Facebook jedoch rund 40 Millionen Abonnenten in Iran (48,8 % der Bevölkerung), dieVPN undProxyserver verwendeten, um auf die Website zuzugreifen.[571] Auch hochrangige Politiker wie der iranische AußenministerJavad Zarif benutzen in Iran verbotene US-amerikanische Soziale Netzwerke.[572]
Unmittelbar nach der Islamischen Revolution war das Sportgeschehen in Iran von der puritanischen Weltanschauung der neuen Machthaber geprägt: Eine Reihe von Sportarten wie Boxen, Pferdesport, Fechten oder Schach wurden aus verschiedenen Gründen verboten. Das Kartenspielen ist heute noch offiziell verboten.[573] Frauen war das Sporttreiben generell nicht mehr erlaubt.[574] In der neuen iranischen Gesellschaft war fast jede Form von Unterhaltung abgeschafft, so dass Fußballspiele einige von wenigen verbliebenen Zerstreuungen für junge Männer waren. Obwohl es immer wieder Ausschreitungen im Zusammenhang mit Fußballspielen gab, wagte es die Regierung nicht, Fußballspiele zu verbieten. In den 1980er Jahren setzte sich Sport als für die Regierung akzeptable Form der Unterhaltung durch, seitdem werden Sportereignisse aus dem In- und Ausland im iranischen Fernsehen übertragen, sofern die Kleidung der Sportler die Vorstellungen der religiösen Führung nicht zu stark verletzt.[574]
Die iranische Regierung betrachtet den Fußball nach wie vor als westlich-korrupt und versucht daher, ihm dentraditionellen iranischen Kraftsport entgegenzusetzen, wenngleich er stark mit dem Pahlavi-Regime assoziiert wird. Diese Bemühungen waren wenig erfolgreich, weil ihn die jungen Iraner als altmodisch betrachten. Aus dieser Tradition heraus ist aber die iranische Stärke bei Individualsportarten wieRingen,Gewichtheben,Taekwondo undJudo erwachsen. Der iranische GewichtheberHossein Rezazadeh gewann mehrere olympische Goldmedaillen und iranische Athleten wieHadi Saei Bonehkohal konnten im koreanisch dominierten Taekwondo internationale Erfolge erzielen.[576]
Iranischen Frauen ist heute das Sporttreiben wieder erlaubt. Besonders die Politikerin und SportfunktionärinFaezeh Haschemi, Tochter des früheren PräsidentenAli Akbar Hāschemi Rafsandschāni, hatte sich dafür eingesetzt, dass es für Frauen eigene Sporteinrichtungen gibt.[577] Seit Anfang Oktober 2019 ist es Frauen in Iran erstmals seit 1979 außerdem wieder gestattet, Fußballstadien zu Spielen von Männermannschaften zu betreten. Der Aufhebung des Verbots ging die öffentliche Selbstverbrennung vonSahar Chodayari voraus, was Proteste der iranischen Bevölkerung, internationale Kritik, sowie Druck durch die FIFA zur Folge hatte. Chodayari, die ihren Verletzungen schließlich erlag, hatte sich als Mann verkleidet, um ein Fußballspiel zu besuchen, war jedoch enttarnt und daraufhin festgenommen worden. Mit ihrem Suizid protestierte sie gegen die ihr drohende Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe.[578][579]
Wolfgang von Keitz (Hrsg., Verfasser):Iran und der Aufstieg von Reza Schah. Telegramme und Berichte des Geschäftsträgers der Deutschen Gesandtschaft 1920–1925. Berlin 2023,ISBN 978-3-7584-1007-9.
Ehsan Yarshater u. a. (Hrsg.):Encyclopædia Iranica. Routledge & Kegan Paul; Encyclopædia Iranica Foundation, Costa Mesa, London, New York (iranicaonline.com – seit 1985, Umfangreichste iranistische Enzyklopädie mit bisher (2009) 15 Bänden.).
Weblinks
Portal: Iran – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Iran
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