Der BegriffInformationsgesellschaft bezeichnet eineGesellschaft, die sich in allen Lebensbereichen aufInformations- und Kommunikationstechnologien (IKT) wesentlich stützt. Der Prozess der Durchdringung sämtlicher vitaler Sphären mit IKT, durch den sich einepostindustrielle oderpostmoderne Informationsgesellschaft bildet, wird alsInformatisierung bezeichnet.[1] Der Begriff Informationsgesellschaft ist nicht starr definiert und wird oft mit dem Begriff derWissensgesellschaft zusammen – oder gar synonym – verwendet.
Kennzeichnend ist neben der Durchdringung mit IKT die Veränderung der Produktionsformen durch Entstehung neuartiger Branchen und Gewerke, die schließlich unter dem BegriffInformationsökonomie zusammengefasst werden kann.
Hauptsächliche Quellen für die Konzeption der Informationsgesellschaft sind das Kommunikationsmodell vonClaude Elwood Shannon (The Mathematical Theory of Communication 1948, dt:Mathematische Grundlagen in der Informationstheorie 1976) sowie die einschlägigen Arbeiten des österreichisch-amerikanischen KybernetikersNorbert Wiener, der als Mitbegründer der modernenInformationstheorie bereits 1948 die mit der Automatisierung von Produktionsprozessen einhergehenden Umschichtungen in der Gesellschaft prognostizierte.
Die theoretischen Grundaussagen des Konzepts der Informationsgesellschaft stammen aus den 1960er Jahren in Japan und den USA, zumal aus dem Kontext derInformationsökonomie. Philosophiegeschichtlich lassen sich von hierher Bezüge zurück finden zu Konzepten derDenkökonomie (Richard Avenarius,Ernst Mach). Sozialgeschichtlich trat das Konzept auf, als ein Wandel in der Beschäftigungsstruktur der industrialisierten Staaten ausgemacht wurde. Zunächst wurde dafür der Begriff derDienstleistungsgesellschaft entwickelt. Zu weiteren Vorläuferbegriffen gehört dieInformierte Gesellschaft (Steinbuch 1968, Haefner 1980 u. a.) und diePostindustrielle Gesellschaft (Bell 1973). In Japan taucht der Begriff „Informationsgesellschaft“ bereits 1963 in derStufentheorie vonTadao Umesao (1920–2010) auf.
Die Vision derInformationsgesellschaft wurde vor allem während der 1990er Jahre im Rahmen der Diskussion um dieInformation Highways thematisiert. In der öffentlichen Diskussion weiter diskreditiert wurde der Begriff im Zuge des „Platzens“ der so genanntenInternet-Blase derNew Economy. Aufpolitischer Ebene wurde insbesondereJohn Perry Barlows Adaption der „Frontier“-Metapher auf dasInternet kontrovers diskutiert.
Im Zusammenhang mit derDigitale-Kluft-Hypothese wurde einMarshallplan der Informationsgesellschaft gefordert.[2] Eine neuere Studie analysiert die Digitale Kluft in Bosnien-Herzegowina auf dem Weg in die Informationsgesellschaft.[3]
Der WissenschaftstheoretikerHelmut F. Spinner bezeichnet – mit durchaus eigener Terminologie – dieInformationsgesellschaft als Vorstufe oder Degenerationsform derWissensgesellschaft.[4][5]
Je nach Schwerpunkt können verschiedene Formen der Informationsgesellschaft unterschieden werden:
Informationsökonomiegesellschaft
Betonung der wirtschaftlichen Veränderungen.
Informationstechnologiegesellschaft
IKT-Technologien als wesentlicher Faktor der wirtschaftlichen (und gesellschaftlichen) Entwicklung.
Informationsbenutzungsgesellschaft
Betonung des Nutzungsaspekts und der Bedeutung für die Menschen in einer Informationsgesellschaft; auch „informierte Gesellschaft“ (Steinbuch 1966), „informationsbewusste Gesellschaft“ (Wersig 1973).
Das Wachstum von technologisch übertragener Information wurde in drei unterscheidbaren Gruppen quantifiziert: (1) die wachsende Kapazität Information durch den Raum zu übertragen (Kommunikation); (2) die Kapazität Information durch die Zeit zu übermitteln (Speicherung); und (3) die Kapazität mit Information zu rechnen (Informatik):[6]
Die weltweite technologische Kapazität, Informationen über (unidirektionale)Broadcast undRundfunk Netzwerke zu empfangen, ist von 432 (optimal komprimierten)Exabyte im Jahr 1986 über 715 (optimal komprimierte) Exabyte 1993 auf 1,2 (optimal komprimierte) Zettabyte 2000 und 1,9 Zettabyte 2007 gewachsen.[7] Dies ist eine jährliche Wachstumsrate von 7 % und nicht deutlich schneller als dasWirtschaftswachstum während desselben Zeitraums. Die effektive Kapazität der Welt, Informationen durch (bidirektionale)Telekommunikationsnetz auszutauschen, ist von 281 (optimal komprimierten) Petabyte 1986 über 471 Petabyte 1993 zu 2.200Petabyte 2000 bis hin zu schließlich 65 (optimal komprimierten) Exabyte 2007 gewachsen.[7] Dies ist eine jährliche Wachstumsrate von 30 % und fünfmal so schnell wie das weltweite Wirtschaftswachstum.
Die globale technologische Kapazität, Informationen zu speichern, ist von 2,6 (optimal komprimierten) Exabyte 1986 über 15,8 1993 und 54,5 2000 auf 295 (optimal komprimierte) Exabyte 2007 gewachsen.[7] Dies ist das informationale Äquivalent von 404 MilliardenCD-ROMs für 2007. Wenn man dieseCompact Discs stapeln würde, ergäbe sich ein Stapel, der von derErde bis zumMond reicht und ein weiteres Viertel dieser Entfernung darüber hinaus.[6]
Die technologische Kapazität der Welt, Informationen mit Mehrzweck-Computern zu berechnen, ist von 3,0 · 108MIPS 1986 auf 6,4 · 1012 MIPS 2007 gewachsen,[7] was einer jährlichen Wachstumsrate von 60 % entspricht, also 10-mal so schnell wie das globale Wirtschaftswachstum.
Viele Autoren der Gegenwart wieUlrich Beck,Jürgen Habermas,Jean-François Lyotard undAnthony Giddens betrachtenKomplexität als ein wesentliches Merkmal unserer Informationsgesellschaft; die Komplexität führt zuUngewissheit, daraus ergibt sich ein Gefühl derÜberforderung. Als Lösung dieses Dilemmas liegt es nahe zu versuchen, die Komplexität und damit auch die Ungewissheit zu verringern. Genau dies leistetInformation: „Information ist die Verringerung von Ungewissheit“ (Wersig1971). Zur Bewältigung der Welt ist also eine „Komplexitätsreduktionsgesellschaft“ bzw. „Informationsgesellschaft“ anzustreben.
Daniel Bell:The coming of post-industrial society. A venture in social forecasting. NY: Basic Books, New York 1973.
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Manuel Castells:Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft.Band1. Leske und Budrich Verlag, Leverkusen 2001,ISBN 3-8100-3223-9 (Rezension).
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Manuel Castells:Jahrtausendwende.Band3. Opladen: Campus Verlag, 2003,ISBN 3-8100-3225-5.
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