Wirtschaftlich gilt Indien alsSchwellenland. Es gehört zu denO5- undBRICS-Staaten und derGruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20). Trotz seines niedrigen Pro-Kopf-Einkommens und -Vermögens, teilweise großer Armut, hoher Arbeitslosigkeit und ausgeprägter Einkommensungleichheit ist Indien aufgrund seiner großen Bevölkerung diedritt- bzw. sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt (kaufkraftbereinigt bzw. nominal). Das Land war 2015 erstmals die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der G20-Gruppe, hat sich zu einem Zentrum für Informationstechnologie und -dienstleistungen entwickelt und verfügt über eine stetig wachsendeMittelschicht sowie eine der weltweit größtenSoftwareindustrien.
Seit 2014 ist der hindu-nationalistische PolitikerNarendra Modi Premierminister Indiens. Kritiker bemängeln seitdem zunehmend autoritäre Tendenzen und die Einschränkung von Minderheitenrechten.[9][10]
Topografische Karte IndiensDerKangchendzönga, mit 8586 m Indiens höchster BergWüsteThar in RajasthanIn denBackwaters von Kerala
Indien ist mit 3.287.490 Quadratkilometern[1] der siebtgrößte Staat der Erde. Er erstreckt sich in West-Ost-Richtung vom 68. bis zum 97. östlichen Längengrad über rund 3000 Kilometer. Von Nord nach Süd, zwischen dem 8. und dem 37. Grad nördlicher Breite, beträgt die Ausdehnung rund 3200 Kilometer. Indien grenzt an sechs Staaten:Pakistan (2912 Kilometer),China (Autonomes Gebiet Tibet; 3380 Kilometer),Nepal (1690 Kilometer),Bhutan (605 Kilometer),Myanmar (1463 Kilometer) undBangladesch (4053 Kilometer). Insgesamt beträgt die Grenzlänge somit 14.103 Kilometer. Da der nördliche Teil des umstrittenenKaschmir seit 1949 unter pakistanischer Kontrolle steht (Waffenstillstand nach demKaschmir-Konflikt), hat Indien keine gemeinsame Grenze mitAfghanistan mehr. Die Küste des Landes ist rund 7000 Kilometer lang.
Die natürliche Grenze im Norden und Nordosten bildet derHimalaya, das höchsteGebirge der Welt, das im äußersten Nordwesten durch das Hochtal desIndus vomKarakorum und der diesem vorgelagertenLadakh Range getrennt wird. Südlich an den Himalaya schließen sich die breiten, fruchtbaren Stromebenen der FlüsseGanges undBrahmaputra an. Im Westen geht das Stromland des Ganges in die WüsteThar über, die im Osten und Süden vomAravalligebirge begrenzt wird. Südlich davon liegen die Sümpfe desRann von Kachchh sowie die HalbinselKathiawar. Den Nordosten Indiens, einschließlich der Brahmaputra-Ebene, verbindet nur ein schmaler Korridor zwischen Bangladesch und Nepal bzw. Bhutan mit dem übrigen Land. Die Nordostregion wird durch das bis zu 3800 Meter hohePatkai- oder Purvachalgebirge von Myanmar sowie die knapp 2000 Meter hohenKhasi-Berge von Bangladesch abgeschirmt.
Das Hochland vonDekkan nimmt den größten Teil der keilförmig in denIndischen Ozean vorragenden indischen Halbinsel ein. DasVindhya- und dasSatpuragebirge schirmen den Dekkan von der Gangesebene im Norden ab. Im Westen wird er von den bis zu 2700 Meter hohenWestghats, im Osten von den flacherenOstghats begrenzt. Beide Gebirgszüge treffen im Süden, wo die Halbinsel spitz zumKap Komorin zuläuft, zusammen. Die Westghats fallen steil zurKonkan- undMalabarküste entlang desArabischen Meeres ab. Die Ostghats gehen in die breiteren östlichen Küstenebenen amGolf von Bengalen über.
Zu Indien gehören außerdem drei demindischen Subkontinent vorgelagerteInselgruppen. Rund 300 Kilometer westlich der Malabarküste liegen die Korallenatolle vonLakshadweep, das die Inselgruppen derLakkadiven undAmindiven sowie die InselMinicoy umfasst. Südöstlich der Halbinsel, zwischen 1000 und 1600 Kilometer vom indischen Festland entfernt, erstrecken sich dieAndamanen undNikobaren, die zugleich die östliche Grenze des Golfs von Bengalen markieren.
Höchster Punkt Indiens ist der BergKangchendzönga mit8586 m Höhe. Er liegt im äußersten WestenSikkims; über ihn verläuft die Grenze zuNepal. Der höchste vollständig auf indischem Gebiet liegende Berg ist dieNanda Devi mit7822 m. Vor dem Beitritt des damaligenKönigreichs Sikkim zur indischen Union im Jahr 1975 war dies auch der höchste Berg Indiens. Der tiefste Punkt ist die zwei Meter unter dem Meeresspiegel gelegeneKuttanad-Senke an der Malabarküste.
Alle größeren Flüsse Indiens entspringen in einer der dreiHauptwasserscheiden des Subkontinents: im Himalaya, in den zentralindischen Vindhya- und Satpura-Bergen oder in den Westghats.
Indiens längster und bedeutendster Fluss ist derGanges (Ganga), der im Himalaya entspringt. Seine längsten Nebenflüsse sind dieYamuna und derGomti; derChambal ist ein Zufluss der Yamuna. DerBrahmaputra, dessen Oberlauf seinerseits den Himalaya vomTranshimalaya trennt und der das Land im Nordosten durchfließt, vereinigt sich mit dem Ganges und bildet vor der Mündung in denGolf von Bengalen ein gewaltigesDelta. An diesem hat Indien im Westen Anteil; der Großteil desGangesdeltas liegt auf dem Territorium des Nachbarstaates Bangladesch. Fast ein Drittel der Fläche Indiens gehört zum Einzugsgebiet von Ganges und Brahmaputra.
Im äußersten Norden durchquert derIndus in Südost-Nordwest-Richtung das UnionsterritoriumLadakh.
Das Hochland von Dekkan wird von mehreren großen Flüssen entwässert. DieNarmada und derTapti münden ins Arabische Meer, währendGodavari,Krishna,Mahanadi undKaveri zum Golf von Bengalen fließen.
Die Theorie derKontinentalverschiebung besagt, dass Indien bis gegen Ende desJura zum SüdkontinentGondwana gehörte. In derKreidezeit riss es von der Kontinentalscholle derAntarktis ab und driftete in erdgeschichtlich extrem kurzen 50 Millionen Jahren quer durch den gesamtenTethys-Ozean gegen den Süden derEurasischen Platte. Das Aufeinandertreffen der beiden Erdteile erfolgte vor geschätzt etwa 43 bis 64 Millionen Jahren[11] am Anfang desPaläogens. In der resultierenden gemeinsamen „Knautschzone“ dieserKrustenbewegungen wurden derHimalaya und benachbarte Gebirgssysteme aufgeschoben (Auffaltung der früheren Kontinentalränder) und dasHochland von Tibet angehoben.
Obwohl einzelne Krustenteile sich inzwischen miteinanderverschweißt haben, bewegt sich dieIndische Platte bis heute nach Norden, so dass sich der Himalaya jährlich um einigeMillimeter hebt – ebenso wie andereFaltengebirge der Erde, von denen er eines der jüngsten ist. Die ihm vorgelagerten Flussebenen entstanden durchSedimentablagerungen imPleistozän. Vielfältiger sind die Gesteinsformationen desDekkan. Den Großteil nehmenproterozoische Formationen im Süden und Osten, der in der Kreidezeit entstandene vulkanischeDekkan-Trapp im Westen und Nordwesten sowie ungeformteKratone im Nordosten und Norden ein, die zu den ältesten Teilen derErdkruste gehören.
Mit Ausnahme der Bergregionen herrscht in Nord- und Zentralindien vornehmlichsubtropischesKontinentalklima, im Süden und in den Küstengebieten dagegen ein stärkermaritim geprägtestropisches Klima. So treten im Norden im Jahresverlauf teils erhebliche Temperaturschwankungen auf. In den nördlichen Tiefebenen herrschen im Dezember und Januar 10 bis 15 °C; in der heißesten Zeit zwischen April und Juni sind Höchsttemperaturen von 40 bis über 50 °C möglich.Im Süden ist es dagegen ganzjährig (relativ konstant) heiß.
Die Niederschlagsmengen werden im ganzen Land maßgeblich vomIndischen Monsun beeinflusst. Der Südwest- oder Sommermonsun setzt in den meisten Landesteilen im Juni ein und bringt je nach Region bis September oder Oktober ergiebige Niederschläge. Dabei zieht die Monsundepression von Südosten nach Nordwesten, wodurch die Niederschlagsmengen in der Regel im Südosten des Landes am höchsten sind.[12] Auch die sehr unterschiedlicheTopographie hat einen enormen Einfluss auf Niederschlagsverteilung. So regnet sich die feuchtmaritime Luft anorographischen Hindernissen, zum Beispiel Gebirgen, in Form vonSteigungsregen ab. Daher gehen die stärksten Regengüsse an der Westküste, in denWestghats, an den Hängen desHimalayas und inNordostindien nieder. Der Himalaya, auf den der Monsun trifft, ist der Grund dafür, dass Indien die weltweit höchsten Regensummen erzielt. Der OrtCherrapunji hält gleich mehrere weltweite Niederschlagsrekorde.[13] Am trockensten ist es in derThar, die sich im Nordwesten des Landes befindet und so am wenigsten vom Monsun beeinflusst wird. Die ausZentralasien kommenden Nordost- oder Wintermonsunwinde zwischen Oktober und Juni bringen kaum Feuchtigkeit. Durch den starken Temperaturkontrast zwischen der kalten, trockenen Luft im Inneren des Kontinents (Tibetisches Hochplateau) zum im Vergleich warmen Süden, strömt diese kalte Luftmasse nach Süden und erwärmt sich beim Absinken vom Himalaya, sodass ein trockener, warmerFallwind in Indien Einzug hält.[14] Daher gehen in den meisten Gegenden 80 bis über 90 % der jährlichen Gesamtniederschlagsmenge während der Sommermonate nieder. Nur der Südosten erhält auch während des Nordostmonsuns Regen, da die Luftströmungen über demGolf von Bengalen Feuchtigkeit aufnehmen.
Der Größe des Landes und den verschiedenen klimatischen Bedingungen in den einzelnen Landesteilen entsprechend weist Indien eine große Landschaftsvielfalt auf. Dabei reicht die Pflanzenwelt Indiens von Hochgebirgsvegetation imHimalaya bis zutropischen Regenwäldern im Süden. Weite Teile der ursprünglichen Vegetationsdecke sind heute zerstört, stattdessen ist Indien überwiegend durchKulturlandschaften geprägt. Nur noch etwa ein Fünftel des Landes ist bewaldet, wobei offizielle Angaben hierzu schwanken und auchdegradierte Gebiete sowie offeneWälder mit einbeziehen. Für das Jahr 2015 wird eine Waldfläche von 701.700 km² angegeben: 21,3 % der Landesfläche (3.287.300 km²).[15] 2001 betrugen die Werte noch 768.400 km² und 23,4 %[16] – in 14 Jahren schrumpfte Indiens Waldfläche um 9,5 %.
In den tieferen Lagen des Himalayas erstrecken sich noch ausgedehnte Wälder. Da die Niederschläge an den Hängen des Gebirges von Ost nach West abnehmen, finden sich im Osthimalaya immergrüne subtropische und gemäßigte Feucht- undRegenwälder, die nach Westen hin lichter und trockener werden.Laubwälder mitEichen undKastanien herrschen vor; charakteristisch für den Osthimalaya sindRhododendren. In höheren Lagen dominierenNadelbäume, insbesondereZedern undKiefern. Die steppen- und wüstenartigen Hochtäler inLadakh und anderen Teilen des westlichen Innerhimalayas gehen in das trockene Hochland von Tibet über. Die Vegetationsgrenze liegt bei etwa 5000 Metern.
Der schwer zugängliche Nordosten ist teils noch dicht bewaldet. Besonders hohe Niederschlagsmengen ermöglichen dort halbimmergrüneFeuchtwälder.
Der weitaus größte Teil derGangesebene, desDekkans und der angrenzenden Randgebirge war früher vonMonsunwäldern bedeckt; heute gibt es davon nur noch Reste, zumeist in Bergregionen. Die landwirtschaftlich intensiv genutzten Ebenen sind dagegen praktisch waldfrei. Monsunwälder werfen während der Trockenperioden Laub ab. Je nach Niederschlagsmenge und Länge der Trockenperiode unterscheidet man zwischen Feucht- undTrockenwäldern. Wälder, die zwischen 1500 und 2000 Millimeter Jahresniederschlag erhalten, werden in der Regel als laubabwerfende Feuchtwälder bezeichnet. Sie herrschen im nordöstlichen Dekkan,Odisha undWestbengalen sowie im Lee derWestghats vor. Bei Niederschlägen zwischen 1000 und 1500 Millimetern im Jahr spricht man von laubabwerfenden Trockenwäldern; diese dominieren in Indien. Wegen der dünneren Baumkronen haben Monsunwälder ein dichtesUnterholz. Die charakteristische Baumart des Nordens ist derSal(Shorea robusta), im zentralen und westlichen Dekkanhochland ist es derTeakbaum(Tectona grandis) und den Süden der Halbinsel prägenSandelholzbäume(Santalum album).Bambusarten sind weit verbreitet.
In dentrockeneren Teilen Indiens, wieRajasthan,Gujarat, dem Westrand des Gangestieflandes oder dem zentralen Dekkan, wachsen die insbesondere medizinisch genutzten,endemischenNiembäume. Im ariden Klima haben sich offene Dornwälder ausgebildet, die in der WüsteThar in Halbwüstenvegetation mit vereinzelten Dornbüschen übergehen.
In den feuchten Westghats gibt es noch relativ große zusammenhängende Teile der ursprünglichen, immergrünen oder halbimmergrünen Feuchtwälder. Sie sind durch die fürtropische Regenwälder typische Stockwerkgliederung geprägt. Einige der hoch wachsenden Baumarten des obersten Stockwerkes werfen jahreszeitbedingt ihr Laub ab, darunter wachsende Arten sind dagegen immergrün.Aufsitzerpflanzen wieOrchideen undFarne kommen in großer Vielfalt vor.
Mangroven, salzwasserresistente Gezeitenwälder, sind nur an der Ostküste Indiens verbreitet. DieSundarbans im Ganges-Brahmaputra-Delta weisen die dichtesten Mangrovenbestände des Landes auf. Weitere Gezeitenwälder befinden sich in den Mündungsdeltas vonMahanadi,Godavari undKrishna.
Eine Königstigerin (Panthera tigris tigris) imKanha-Nationalpark – Indiens „Nationaltier“Blauer Pfau – Indiens „Nationalvogel“In derMalayalam-Literatur werden Elefanten als die „Söhne desSahya“ bezeichnet, der Elefant ist das Staatstier des BundesstaatesKerala
Dank seiner Landschaftsvielfalt findet man in Indien eine äußerst artenreiche Tierwelt vor. Man schätzt, dass etwa 350Säugetier-, 1200Vogel-, 400Reptilien- und 200Amphibienarten dort heimisch sind. Viele Arten kommen allerdings nur noch in Rückzugsgebieten wie Wäldern, Sümpfen, Berg- und Hügelländern vor. In indischen Gewässern leben zudem mehr als 2500Fischarten.
Indiens größte Säugetierart ist derIndische Elefant, der neben demKönigstiger wohl auch am bekanntesten ist. Der Tiger war lange Zeit vom Aussterben bedroht, durch Einrichtung von Tigerschutzgebieten konnten sich die Bestände aber wieder erholen. Dennoch gibt es nur wenige tausend Exemplare in freier Wildbahn. Außer dem Tiger leben noch andereGroßkatzen in Indien, darunterLeoparden undLöwen. Letztere sind ausschließlich imGir-Nationalpark inGujarat, dem letzten Rückzugsgebiet des Asiatischen Löwen, anzutreffen. Der selteneSchneeleopard bewohnt die hohen Gebirgsregionen desHimalaya. Die bekannteste und weitverbreitetste der kleineren Raubtierarten ist derMungo.
AuchAffen sind in Indien häufig anzutreffen.Rhesusaffen gelten denHindus als heilig, dürfen nicht belästigt werden und haben sich daher sogar in Städten ausgebreitet. Im Süden des Landes wird der vom etwas kleinerenIndischen Hutaffen ersetzt. Die in ganz Indien verbreitetenHanuman-Languren werden ebenfalls als heilig erachtet. Daneben gibt es weitereLangurenarten sowieMakaken.
Indiens Vogelwelt ist mit über 1200 einheimischen Arten – mehr als in ganz Europa – überaus vielfältig. Dazu kommen im Winter unzähligeZugvögel ausNordasien. DerPfau gilt als Nationalvogel und ist weit verbreitet. Häufig sind auchTauben,Krähen,Webervögel,Spechte,Pittas,Drongos,Sittiche,Nektarvögel undPirole. In Feuchtgebieten lebenStörche,Reiher,Kraniche,Ibisse undEisvögel. Unter denGreifvögeln warenSchmutz- undBengalgeier am verbreitetsten. Während letzterer in den 1980er Jahren noch allgegenwärtig war, ist er jedoch zusammen mit zwei nah verwandten Arten unabsichtlich durch ein Veterinärmedikament fast vollständig ausgerottet worden.
Etwa die Hälfte aller in Indien heimischen Reptilienarten sindSchlangen wie dieBrillenschlange, dieKönigskobra und derTigerpython. In Feuchtgebieten findet man aber auchSumpfkrokodile. Sehr selten ist der scheue, fischfressendeGangesgavial. Eine Besonderheit ist das Vorkommen vonChamäleons im südlichen Indien und Sri Lanka, die ansonsten in Südasien fehlen.
Indien wird immer wieder von verschiedenen Naturkatastrophen heimgesucht, besondersÜberschwemmungen, die während desSommermonsuns durch extreme Niederschlagsmengen im ganzen Land auftreten können. Während der trockenen Jahreszeit oder bei Ausbleiben der Monsunregenfälle kommt es dagegen häufig zuDürren. AuchZyklone und dadurch bedingte Flutwellen, vor allem an der Ostküste, kosten oft viele Menschenleben und richten verheerende Schäden an. In einigen Gebieten besteht auch erhöhteErdbebengefahr, namentlich imHimalaya, den Nordoststaaten, Westgujarat und der Region umMumbai.Am 26. Dezember 2004 verursachte einSeebeben im Indischen Ozean einen verheerendenTsunami, der an der Ostküste und auf denAndamanen und Nikobaren 7793 Menschenleben forderte und schwerste Verwüstungen anrichtete.
Indien verfügt über eine umfangreicheUmweltschutzgesetzgebung, die aber in vielen Fällen nur mangelhaft umgesetzt wird. Knapp 5 % der Landesfläche sind alsNaturschutzgebiete ausgewiesen, deren Zahl sich auf fast 600 beläuft, darunter 92Nationalparks.
Wasserknappheit ist eines der größten Umweltprobleme Indiens.[17] Staudämme und künstliche Bewässerungssysteme sollen die Wasserversorgung in trockenen Gebieten sicherstellen. Übermäßige Bewässerung ist einer der Hauptgründe für die vielerorts sinkendenGrundwasserspiegel;[18] zudem sind schätzungsweise 60 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen vonBodenerosion,Versalzung oderVernässung betroffen. Darüber hinaus wird abgeholzt,[19] übermäßig bewässert und gedüngt.
Die Wasser- und Sanitärversorgung in Indien hat sich seit den 1980er Jahren drastisch verbessert. Während nahezu die gesamte Bevölkerung Indiens heute Zugang zu Toiletten hat, haben dennoch viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und Abwasserinfrastruktur.[20][21][22][23] Verschiedene Regierungsprogramme auf nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene haben zu einer raschen Verbesserung der Sanitärversorgung und der Trinkwasserversorgung geführt. Einige dieser Programme laufen noch.
Verschmutztes und verseuchtesWasser trägt wesentlich zur Entstehung und Verbreitung vonInfektionskrankheiten bei. NGOs wie dieWater Literacy Foundation und staatliche Stellen wie dasMinistry of Drinking Water and Sanitation[24] bemühen sich um eine Verbesserung der Situation. 1980 wurde der Abdeckungsgrad der ländlichen Abwasserentsorgung auf 1 % geschätzt, dieser erreichte 2018 95 %.[25][26] Der Anteil der Inder mit Zugang zu verbesserten Wasserquellen ist von 72 % im Jahr 1990 auf 88 % im Jahr 2008 erheblich gestiegen.
Gleichzeitig werden lokale Regierungsinstitutionen, die mit der Bereitstellung von Trinkwasser und sanitären Einrichtungen beauftragt sind, als schwach angesehen und verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Darüber hinaus verfügen nur zwei indische Städte über eine kontinuierliche Wasserversorgung und nach einer Schätzung aus dem Jahr 2018 haben noch immer etwa 8 % der Inder keinen Zugang zu verbesserten sanitären Einrichtungen.[27]
DieLuftverschmutzung ist insbesondere in den indischen Metropolen sehr hoch. Fabrikanlagen, Kleinindustrie, Kraftwerke (darunter zahlreicheKohlekraftwerke[28]), Verkehr und private Haushalte emittieren zahlreicheLuftschadstoffe, unter anderem große Mengen anFeinstaub. Nach einer Studie derWeltgesundheitsorganisation war Delhi im Jahr 2014 in Hinsicht auf Luftqualität die schmutzigste Stadt der Welt.[29]Kolkata war 1984 die erste Stadt, die ein U-Bahn-Netz in Betrieb nahm, 2002 folgteDelhi.Mumbai undChennai haben ein vergleichsweise gut ausgebautes Zugnetz. LKWs, Busse,über 5.000 Diesellokomotiven,Autorikshas, private PKWs, Motorräder und Mopeds tragen zur Luftverschmutzung bei. Die Zahl der PKW pro 1000 Einwohner gilt als sehr gering.[30] DieCO2-Emission hat in der Vergangenheit stark zugenommen; Ursachen waren unter anderem dasBevölkerungswachstum, die fortschreitende Industrialisierung und zunehmender Verkehr. Indien galt 2015[31] als das Land mit den drittgrößtenTreibhausgas-Emissionen weltweit; es emittierte pro Kopf 1,6 Tonnen.[32][33] Indien unterzeichnete am 2. Oktober 2016 dasÜbereinkommen von Paris.
Die unzureichenden technischen Anlagen in Fabriken führen oft zu Beeinträchtigungen oder vermeidbaren Emissionen. InBhopal traten 1984 in derPestizid-Fabrik der amerikanischenUnion Carbide (UCC) hochgiftige Gase aus (Katastrophe von Bhopal). Innerhalb von Tagen starben 7000 Menschen, 15.000 weitere starben an Spätfolgen, Tausende erlitten chronische Gesundheitsschäden.
Schutzgebiete
Indienweit gibt es im März 2019 insgesamt 868Schutzgebiete in Natur- und Landschaftsschutz (PA:Protected Areas), mit einem Anteil von 5 % an Indiens geografischer Gesamtfläche von 3.287.000 km² (inklusive der von Indien verwalteten Teile vonKaschmir) – ein Zuwachs von 11.000 km² oder 0,35 % seit 2009:[34][35]
Der NameIndien ist vom StromIndus abgeleitet. Dessen Name geht wiederum über Vermittlung desAltgriechischen(Indos) undAltpersischen(Hinduš) auf dasSanskrit-Wortsindhu mit der Bedeutung „Fluss“ zurück. Im Mittelalter verstand man unter „Indien“ nicht die beiden großen Halbinseln Südasiens (Vorder- und Hinterindien), sondern „die gesamte Weite des islamischen Sperrgebietes von Abessinien und Arabien bis nach Cathai (China) und Zipangu (Japan)“.[36] Auch die europäischen Seefahrer bezeichneten ganz Süd- undSüdostasien als Indien. Davon zeugen noch Begriffe wieIndochina,Inselindien („Insulinde“) und der StaatsnameIndonesien. Auch die BezeichnungOstindien war zur Unterscheidung von den alsWestindische Inseln bezeichneten Inseln derKaribik gebräuchlich, dieChristoph Kolumbus auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien entdeckt hatte. In derKolonialzeit reduzierte sich die Bezeichnung schrittweise bis auf die heutigen Gebiete vonIndien, Pakistan und Bangladesch, um schließlich bei der indischen Staatsgründung seine heutige Bedeutung anzunehmen.
Von der persischen FormHind beziehungsweiseHindustan leiten sich auch die BezeichnungHindu und der Name der SpracheHindi her. Der amtliche Name Indiens in den meisten Landessprachen (z. B. HindiBhārat) stammt von der Sanskrit-BezeichnungBhārata ab, die „(Land) desBharata“ bedeutet und auf einen mythischen Herrscher verweist.
Artikel 1 derindischen Verfassung lautet: „India, that is Bharat, shall be a Union of States“(„Indien, das heißt Bharat, soll eine Union von Staaten sein“).[37] Die Verankerung beider Begriffe in der Verfassung war in der verfassungsgebenden Versammlung 1949 durchaus umstritten, mehrere Abgeordnete wollten den BegriffIndien daraus streichen.[38]
DieIndus-Kultur oder Harappa-Kultur zählt neben Ägypten und Mesopotamien zu den frühenHochkulturen der Menschheit. Die Industal-Zivilisation, größtenteils im heutigenPakistan gelegen, war eine Hochkultur, mit einer eigenenSchrift, der bisher nicht entziffertenIndus-Schrift. Um etwa 2500 v. Chr. existierten dort geplante Städte wieHarappa, mit einerKanalisation, Seehäfen und Bädern, während angenommen wird, dass in Südindien noch weniger entwickelte Verhältnisse herrschten. Weiter östlich machen sich andere archäologische Komplexe bemerkbar wieKupfer-Hort-Kultur. Ab 1700 v. Chr. setzte aus bislang unbekannten Gründen der Zerfall der Indus-Kultur ein.
Eine für die weitere Entwicklung Indiens sehr wichtige Periode war dievedische Zeit (etwa 1500 bis 500 v. Chr.), in der die Grundlagen der heutigen Kultur geschaffen wurden. Über die politische Entwicklung ist weitaus weniger bekannt als über die religiöse und philosophische Entwicklung. Gegen Ende der vedischen Zeit wurden dieUpanishaden geschaffen, die in vielerlei Hinsicht die Basis der in Indien entstandenen ReligionenHinduismus,Buddhismus undJainismus bilden. In diese Zeit fallen die Urbanisierung in der Gangesebene und der Aufstieg regionaler Königreiche wieMagadha.
Die nicht rostendeEiserne Säule, heute imQutb-Komplex in Delhi, wird demGupta-Herrscher Chandragupta II. (reg. 375–414) zugeschrieben und gilt als eines der ältesten erhaltenen Monumente aus Eisen
Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entfaltete sich der Buddhismus, der rund 500 Jahre lang neben dem Hinduismus die maßgebliche Geistesströmung Indiens darstellte. Im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand mit demMaurya-Reich erstmals ein indisches Großreich, das unterAshoka fast den gesamten Subkontinent beherrschte. Ashoka wandte sich nach zahlreichen Eroberungszügen dem Buddhismus zu, den er im eigenen Land und bis nachSri Lanka,Südostasien und imMittleren Osten zu verbreiten suchte. Im 3. Jahrhundert v. Chr. blühten diePrakrit-Literatur und die tamilischeSangam-Literatur im südlichen Indien auf.[39][40] Während dieser Zeit herrschten im südlichen Indien die drei tamilischen DynastienChola,Pandya undChera.[41] Nach dem Tod von Ashoka zerfiel das Maurya-Reich allmählich erneut in zahllose Kleinstaaten, die erst im 4. Jahrhundert n. Chr. von denGupta wieder zu einem Großreich in Nordindien geeint werden konnten, deren Reich im frühen 6. Jahrhundert auch infolge der Angriffe derHunas unterging. Mit dem Buddhismus übte Indien einen wesentlichen kulturellen Einfluss auf den gesamten Bereich von Zentral- und Ostasien aus. Die Ausbreitung des Hinduismus und Buddhismus überIndochina bis in das heutigeIndonesien prägte Geschichte und Kultur dieser Länder. Als letzter großer Förderer des Buddhismus in Indien giltHarshavardhana, dessen Herrschaft im Nordindien des 7. Jahrhunderts den Übergang zum indischen Mittelalter markiert.
Arabische Eroberungszüge im 8. Jahrhundert brachten denIslam nach Nordwestindien. Als die Araber versuchten, nachGujarat und darüber hinaus vorzudringen, wurden sie vom indischen König Vikramaditya II der westlichenChalukya-Dynastie besiegt.[42][43] Vom 8. Jahrhundert bis zum 10. Jahrhundert herrschten die drei DynastienRashtrakuta,Pala undPratihara über einen großen Teil Indiens und kämpften untereinander um die Vorherrschaft in Nordindien.[44][45] Im Süden Indiens herrschten dieChola-Dynastie und die Chalukya-Dynastie vom 10. Jahrhundert bis zum 12. Jahrhundert.[46][47] Zu einer Dominanz muslimischer Staaten im Norden sowie zur Islamisierung größerer Teile der dortigen Bevölkerung kam es jedoch erst mit den Invasionenzentralasiatischer islamischer Mächte ab dem 12. Jahrhundert. DasSultanat von Delhi weitete seine Macht sogar kurzzeitig auf den Süden aus, dennoch blieb sein kultureller Einfluss auf den Norden begrenzt. DerMongoleneinfall des Jahres 1398 schwächte das Sultanat, so dass die hinduistischen Regionalreiche wiedererstarkten. Erholen konnten sich die muslimischen Herrscher erst im 16. Jahrhundert mit der Gründung desMogulreiches, das für rund 200 Jahre zur bestimmenden Kraft des Nordens wurde und noch bis 1857 Bestand hatte. Herausragende Herrscher wieAkbar I.,Jahangir,Shah Jahan undAurangzeb dehnten nicht nur die Grenzen des Reiches bis auf denDekkan aus, sondern schufen auch ein funktionierendes Verwaltungs- und Staatswesen und förderten die Künste. Auch die philosophische Bildung war hoch und ging von den konkurrierenden Schulen inDelhi undLucknow aus. Während man in Delhi besonders eine Rückkehr zu den frühislamischen Lehren forderte, wurde in Lucknow Logik, Recht und Philosophie, insbesondere derAristotelismus, gelehrt.[48] Hinduistische Königtümer gab es während ihrer Zeit nur noch in Südindien, etwa inVijayanagar. Im späten 17. Jahrhundert wurde das hinduistischeMaratha-Reich gegründet, das im 18. Jahrhundert das Mogulreich überrannte und einen großen Teil Nordindiens eroberte.[49] Geschwächt von den Angriffen der Marathen, war das Reich nach Aurangzebs Tod erheblich destabilisiert. Aus dem Niedergang der inneren Sicherheit und der schlechten Vernetzung von Zentrum und Provinzen resultierte einepolitische Dezentralisierung, welche wiederum einherging mit ökonomischer Umorientierung. Regionale Märkte wurden gestärkt und eine neue soziale Gruppe aus erfolgreichen Händlern entstand. Durch sie wurde Indien auch intellektuell umgeprägt: Der Ruf nachsozialer Gleichheit wurde laut. Sie pflegten engen Kontakt mitEuropa und standen in starkem Kontrast zu der hierarchisch-elitären Erbaristokratie des Landes. Somit wurde das18. Jahrhundert in Indien zu einer Zeit des Umbruchs, in der regionale Herrscher, europäische Handelsmächte und der geschwächteMogul um die Vorherrschaft über das Land rangen.[50]
Europäische Kolonialherrschaft und Unabhängigkeitsbewegung
Im 17. Jahrhundert engagierten sich auch andere europäische Mächte in Indien, von denen sich die Briten am Ende durchsetzen konnten. Von 1756 an unterwarf diebritische Ostindien-Kompanie(British East India Company), eine private Handelsgesellschaft, von ihren HafenstützpunktenCalcutta (heute: Kolkata),Madras (heute: Chennai) undBombay (heute: Mumbai) aus weite Teile Indiens.[51] Der vorher bestehende Einfluss der europäischen Kolonialmächte Portugal, Niederlande und Frankreich wurde von ihr weitgehend beseitigt. Ein wichtiger Schritt war die Kartierung des Subkontinents.George Everest setzte denGreat Trigonometric Survey, begonnen vonLambton 1806, ab 1823 bis 1841 fort. 1832 führte er die ebenfalls von Lambton begonnene indischeMeridiangradmessung,The Great Arc, bis 1841 durch. Dieser umfasst mehr als 21° von der Südspitze Indiens bisNepal nördlich vonDehradun (2.400 km). Loyale Fürsten behielten Staaten mit begrenzter Souveränität wieHyderabad,Bhopal,Mysore oderKaschmir.
1857/58 erhoben sich Teile der Bevölkerung Nordindiens imSepoy-Aufstand gegen die Herrschaft der Ostindien-Kompanie. Nach der Niederwerfung desAufstandes wurde diese aufgelöst und Indien der direkten Kontrolle durchGroßbritannien unterstellt. Die britischen Monarchen trugen ab 1877 (bis 1947) zusätzlich den TitelEmpress of India bzw.Emperor of India (Kaiser(in) von Indien).
1885 wurde inBombay derIndian National Congress (Kongresspartei) gegründet. Er forderte zunächst nicht die Unabhängigkeit Indiens, sondern lediglich mehr politische Mitspracherechte für die einheimische Bevölkerung. Seine Mitglieder waren vorwiegendHindus undParsen. Die muslimische Oberschicht blieb auf Abstand, da ihr WortführerSayyid Ahmad Khan befürchtete, dass sie durch Einführung desMehrheitsprinzips aus der Verwaltung gedrängt würden. Stattdessen wurde 1906 dieMuslimliga als Interessenvertretung der Muslime gegründet.
Die weitestgehende Aufteilung der Politik in religiöse Gruppen lag vor allem darin begründet, dass sich im 19. und 20. Jahrhundert aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften mit fließenden Übergängen einheitliche Religionen (Hinduismus, Islam, …) mit bestimmten Inhalten und festen Abgrenzungen nach außen entwickelten. Auf der Suche nach einer einenden Idee in einer Kolonie mit vielen verschiedenen Völkern bot sich der Glaube als verbindende (schon immer existierende) Instanz an. Trotzdem gab es nicht ausschließlich religiösen Nationalismus, und auch dieser konnte in seinem Absolutheitsanspruch sehr unterschiedlich sein.
Der Anführer des indischen UnabhängigkeitskampfesMahatma Gandhi auf demSalzmarsch gegen das Salzmonopol der Briten, eineKampagne der Nichtkooperation, März 1930. Er gebrauchte für seine Streitkunst zwei Ausdrücke:Ahimsa, die eigeneGewaltlosigkeit und seine WortschöpfungSatyagraha, dem Festhalten an der Kraft der Wahrheit und der Liebe.
ImErsten Weltkrieg verhielt sich die große Mehrheit der Bevölkerung loyal. Aus Verärgerung darüber, dass die Briten an der Aufteilung desOsmanischen Reiches beteiligt waren, schlossen sich nun auch viele Muslime der Unabhängigkeitsbewegung an. AmZweiten Weltkrieg nahm Indien mit einer zunächst 200.000 Mann starken Freiwilligenarmee, die im Laufe des Krieges auf über zwei Millionen Soldaten anwuchs, auf Seiten Großbritanniens teil. Bei Kriegsende waren mehr als 24.000 indische Soldaten gefallen, über 11.000 vermisst und zwei Millionen Menschen verhungert (sieheHungersnot in Bengalen 1943).[52] Auf der anderen Seite gab es aber auch Bestrebungen, vor allem vorangetrieben durchSubhash Chandra Bose, mit einer indischen Freiwilligenarmee im Bündnis mit denAchsenmächten gegen die britische Kolonialmacht die Freiheit Indiens zu erkämpfen.
Dergewaltfreie Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft, vor allem unterMohandas Karamchand Gandhi undJawaharlal Nehru, führte 1947 zur Unabhängigkeit. Gleichzeitig verfügte die Kolonialmacht dieTeilung der fast den gesamten indischen Subkontinent umfassenden Kolonie Britisch-Indien in zweiStaaten, diesäkulare Indische Union sowie die kleinere Islamische RepublikPakistan. Die Briten erfüllten damit die seit den 1930er Jahren lauter werdenden Forderungen derMuslimliga und ihres FührersMuhammad Ali Jinnah nach einem eigenenNationalstaat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit.
Die Teilung führte zu einer der größtenVertreibungs- undFluchtbewegungen der Geschichte. Ungefähr 10 Millionen Hindus undSikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa 7 Millionen Muslime aus Indien. 750.000 bis eine Million Menschen kamen ums Leben.
Die durch Schutzverträge an die Briten gebundenenFürstenstaaten hatten schon vor der Unabhängigkeit ihren Beitritt zur Indischen Union erklärt. Lediglich zwei standen dem Eingliederungsprozess der Fürstentümer ernsthaft im Weg. Der muslimische Herrscher des fast ausschließlich hinduistischenHyderabad wurde durch einen Einmarsch indischer Truppen zu Fall gebracht. InKaschmir verzögerte derMaharadscha, selbst Hindu bei überwiegend muslimischer Bevölkerung, seine Entscheidung. Nachdem muslimische Kämpfer in sein Land eingedrungen waren, entschied er sich schließlich doch zum Beitritt zu Indien, welches daraufhin den größten Teil des ehemaligen Fürstentums besetzte. Pakistan betrachtete den Beitritt als unrechtmäßig, was zumErsten Indisch-Pakistanischen Krieg um Kaschmir (1947 bis 1949) führte. Seitdem schwelt in der Grenzregion derKaschmir-Konflikt, der 1965 auch denZweiten Indisch-Pakistanischen Krieg und 1999 denKargil-Krieg zur Folge hatte.
Am 26. November 1949 trat Indien demCommonwealth of Nations bei und am 26. Januar 1950 trat die vor allem vonBhimrao Ambedkar ausgearbeitete Verfassung in Kraft, durch die Indien zur Republik wurde. Grenzstreitigkeiten führten 1962 zu einem kurzen Krieg mit der Volksrepublik China, dem sogenanntenIndisch-Chinesischen Grenzkrieg. Die indische Unterstützung einer Unabhängigkeitsbewegung im damaligen Ostpakistan führte 1971 zu einemdritten Krieg Indiens gegen Pakistan mit folgender Teilung Pakistans und Gründung des neuen, ebenfalls islamisch geprägten StaatesBangladesch.
Innenpolitisch bestimmte unterJawaharlal Nehru,Premierminister 1947 bis 1964, und danach noch bis Anfang der 1970er Jahre die Kongresspartei überlegen die junge, unabhängige Demokratie. Oppositionsparteien konnten bestenfalls auf Bundesstaaten- oder kommunaler Ebene ihren Einfluss geltend machen. Erst als Nehrus TochterIndira Gandhi, die 1966 Premierministerin wurde, die Partei zentralisierte und ihre eigene Machtposition auszubauen versuchte, gelang es der Opposition, sich auf Bundesebene zu formieren. Ein Gericht inAllahabad befand Gandhi 1975 einiger Unregelmäßigkeiten bei denWahlen des Jahres 1971 für schuldig. Anstatt den Rücktrittsforderungen ihrer politischen Gegner zu folgen, rief sie denNotstand aus und regierte bis 1977 per Dekret. Demokratische Grundrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit waren stark eingeschränkt. Die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit demde facto diktatorischen Regime äußerte sich 1977 in einer deutlichenWahlniederlage Indira Gandhis. Zwischen 1977 und 1979 stellte daher erstmals nicht die Kongresspartei, sondern eine Koalition unter Führung derJanata Party die Regierung Indiens.
In denWahlen von 1980 gelang es Indira Gandhi, an die Macht zurückzukehren. In ihre zweite Amtsperiode fällt die Zuspitzung des Konflikts imPunjab, wosikhistische Separatisten einen eigenen Staat forderten. Als sich militante Sikhs imGoldenen Tempel inAmritsar verschanzten, ordnete Indira Gandhi 1984 dieOperation Blue Star an. Indische Truppen stürmten den Tempel und beendeten dessen Besetzung. Daraufhin kam es zu blutigen Ausschreitungen, die in der Ermordung Indira Gandhis durch ihre Sikh-Leibwächter gipfelten. Ihr SohnRajiv Gandhi übernahm die Regierungsgeschäfte, war aber nicht in der Lage, die von ihm geplanten Reformvorhaben wirkungsvoll umzusetzen. Ein Bestechungsskandal im Zusammenhang mit demschwedischen RüstungskonzernBofors schädigte sein Ansehen schließlich dermaßen, dass die Opposition1989 einen klaren Sieg über Gandhis Kongresspartei erringen konnte. Nach zweijähriger Unterbrechung gelangte sie von1991 bis 1996 jedoch erneut an die Macht. Die Regierung vonP. V. Narasimha Rao leitete die wirtschaftliche Öffnung und außenpolitische Neuorientierung des seit Nehru sozialistisch ausgerichteten Landes ein. Zum Reformprogramm gehörten unter anderem die Privatisierung von Staatsbetrieben, die Aufhebung von Handelsbeschränkungen, die Beseitigung bürokratischerInvestitionshemmnisse und Steuersenkungen. Die Wirtschaftsreformen wurden von späteren Regierungen fortgeführt.
Seit den 1980er Jahren verzeichnet derHindu-Nationalismus einen deutlichen Aufschwung. Die Auseinandersetzung um die anstelle eines bedeutenden Hindutempels errichteteBabri-Moschee inAyodhya (Uttar Pradesh) entwickelte sich zu einer der bestimmenden innenpolitischen Streitfragen. 1992 zerstörten hinduistische Extremisten das muslimische Gotteshaus, was zu schweren Ausschreitungen in weiten Teilen des Landes führte. Der politische Arm der Hindu-Nationalisten, dieBharatiya Janata Party (BJP), führte zwischen 1998 und 2004 eine Regierungskoalition an und stellte mitAtal Bihari Vajpayee den Regierungschef.2004 unterlag sie jedoch überraschend der neu aufgestellten Kongresspartei unterSonia Gandhi. Die Witwe des 1991 während des Wahlkampfes ermordeten Rajiv Gandhi verzichtete nach Protesten der Opposition wegen ihreritalienischen Abstammung auf das Amt als Premierministerin. Stattdessen übernahmManmohan Singh diese Stellung, der als Finanzminister unter Rao die wirtschaftliche Liberalisierung Indiens wesentlich mitgestaltet hatte. Bei derWahl 2009 konnte die Kongresspartei ihre Mehrheit noch ausbauen und Singh blieb bis 2014 Premierminister. Bei derWahl 2014 erreichte die oppositionelle BJP einen erdrutschartigen Sieg und ihr SpitzenkandidatNarendra Modi wurde zum Ministerpräsidenten gewählt.
Heute sind die fundamentalen Probleme Indiens trotz des deutlichen wirtschaftlichen Aufschwungs noch immer die ausgedehnteArmut als auch die starkeÜberbevölkerung, die zunehmendeUmweltverschmutzung sowie ethnische und religiöse Konflikte zwischenHindus undMuslimen. Dazu tritt der fortdauernde Streit mit Pakistan um die RegionKaschmir. Besondere Brisanz erhält der indisch-pakistanische Gegensatz durch die Tatsache, dass beide StaatenAtommächte sind. Indien hatte 1974 erstmals einenAtomwaffentest durchgeführt. Auf weitere Kernwaffenversuche im Jahre 1998 reagierte Pakistan mit eigenen Atomwaffentests.
In den letzten Jahren war eine Annäherung zwischen Indien und Pakistan zu bemerken. So fanden Gefangenenaustausche statt und wurden Verbindungen in der Kaschmirregion geöffnet.
Seit 1986 kämpfen verschiedene Gruppierungen im mehrheitlich muslimischenKaschmir mit gewaltsamen Mitteln für die Unabhängigkeit ihrer Region oder den Anschluss an Pakistan (Kaschmir-Konflikt). Immer wieder werden in der Region Anschläge auf Einrichtungen des indischen Staates, so imOktober 2001 auf das Regionalparlament vonJammu und Kashmir inSrinagar, auf die in Kaschmir stationierten Streitkräfte oder gegen hinduistische Dorfbewohner und Pilger verübt.
Doch nicht nur in Kaschmir, sondern auch in anderen Teilen Indiens kam es wiederholt zu terroristischen Anschlägen, die kaschmirischen Separatisten oder islamistischen Terrororganisationen wieLaschkar-e Taiba zugeschrieben wurden. Die bisher schlimmste Anschlagsserie fand am12. März 1993 statt, als zehn Bombenexplosionen auf die Börse und Hotels inMumbai sowie Züge und Tankstellen 257 Menschen töteten und 713 Personen verletzten. Im Dezember 2001 stürmten Islamisten das Parlament inNeu-Delhi, wobei 14 Menschen ums Leben kamen. 52 Tote gab es im August 2003, als zwei mit Sprengstoff beladene Taxis in Mumbai explodierten. Nach drei Bombenexplosionen auf Märkten in Neu-Delhi waren im Oktober 2005 62 Opfer zu beklagen. Im März 2006 starben bei einem Doppelanschlag auf den Bahnhof und einen Tempel in der StadtVaranasi 20 Menschen. BeiBombenanschlägen auf Züge in Mumbai wurden im Juli 2006 rund 200 Menschen getötet und mehr als 700 Personen verletzt. Am 18. Februar 2007 explodierten im „Freundschafts-Express“, der einzigen Zugverbindung zwischen Indien und Pakistan, 100 Kilometer nördlich von Delhi zwei Brandbomben. Dabei kamen mindestens 65 Menschen ums Leben.
Am 25. August 2007 kam es in Hyderabad zu zwei Bombenexplosionen, bei denen mindestens 42 Personen starben und viele weitere verletzt wurden. Eine dritte Bombe wurde gefunden und konnte entschärft werden. Welches Ziel der oder die Attentäter mit den Bombenanschlägen in gut besuchten Freizeitorten verfolgten, wurde zunächst nicht bekannt. (Hyderabad hat mit fast 40 % den höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil der indischen Metropolen.)
Eine Serie von Bombenanschlägen erschütterte Indien 2008. Am 25. Juli explodierten zwei Bomben vor Polizeistationen und sechs weitere Bomben inBengaluru (Bangalore). Innerhalb von 15 Minuten wurden bei den acht Bombenanschlägen zwei Menschen getötet und sechs Menschen verletzt.[53] Eine Explosionsserie von 16 Bomben innerhalb von 90 Minuten in der MillionenmetropoleAhmedabad im westindischenBundesstaatGujarat forderte am 26. Juli 2008 mindestens 130 Tote und über 280 Verletzte. Eine mutmaßlich muslimischeTerrorgruppeIndische Mudschaheddin, vermutlich eine Splittergruppe der radikal-islamischenLaschkar-e Taiba, bekannte sich zu den Terroranschlägen in Ahmedabad.[54][55] Bei denAnschlägen in Mumbai am 26. November 2008 kam es in der indischen Metropole Mumbai innerhalb kurzer Zeit zu 17 Explosionen, Angriffen mit Schnellfeuerwaffen und zu Geiselnahmen an zehn verschiedenen Stellen der Stadt durch eine Gruppe von etwa zehn Angreifern, die sich in mehrere Gruppen aufgeteilt hatten. Nach Angaben der indischen Behörden hat es dabei mindestens 239 Verletzte und 174 Tote gegeben.
Nach einer im Dezember 2019 erlassenen Staatsbürgerschaftsreform, die religiös verfolgten Flüchtlingen mit Ausnahme von Muslimen schneller Asyl in Indien gewährt, kam es im selben Monat und zu Beginn des Jahres 2020 zu starken Protesten dermuslimischen Bevölkerung in Indien.[56][57]
Bevölkerungsdichte indischer BundesstaatenDurchschnittliche Fertilitätsraten in Indien. Die nordindischen Staaten des sogenannten „Hindi-Gürtels“ haben seit Jahrzehnten ein deutlich höheres Bevölkerungswachstum, als die Staaten Südindiens (blau: weniger als 2 Kinder/Frau, rot: mehr als 2 Kinder/Frau).Bevölkerungspyramide Indien 2016: Indiens Median-Alter lag bei 27,6 JahrenInderin in traditioneller KleidungKinder inDelhi
Im April 2023 betrug die Einwohnerzahl Indiens UN-Schätzungen zufolge 1.425.775.850.[7] Damit löste Indien China als bevölkerungsreichsten Staat der Erde erstmals ab. DieBevölkerungsdichte beträgt 388 Einwohner pro Quadratkilometer (Deutschland: 231 pro Quadratkilometer). Gleichwohl ist die Bevölkerung höchst ungleichmäßig verteilt. Sie ballt sich vor allem in fruchtbaren Landstrichen wie derGangesebene,Westbengalen undKerala, während derHimalaya, die Berggegenden des Nordostens sowie trockenere Regionen inRajasthan und auf demDekkan nur eine geringe Besiedlungsdichte aufweisen. So leben inBihar durchschnittlich 1106 Menschen auf einem Quadratkilometer, während es inArunachal Pradesh nur 17 sind.
Am 11. Mai 2000 überschritt Indiens Bevölkerungszahl offiziell die Milliardengrenze.[58][59] Während es von 1920 – damals hatte Indien 250 Millionen Einwohner – 47 Jahre bis zu einer Verdoppelung der Bevölkerung dauerte, waren es von 1967 bis 2000 nur noch 33 Jahre. Das Wachstum der Bevölkerung hat sich in den letzten Jahrzehnten nur wenig abgeschwächt und liegt im Moment bei 1,4 % pro Jahr, was einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von 15 Millionen Menschen entspricht. Damit verzeichnet Indien im Moment den größten absoluten Zuwachs aller Staaten der Erde. Der relative Zuwachs liegt jedoch nur wenig über dem Weltdurchschnitt.
Schätzungen zufolge wird sich das Bevölkerungswachstum in Indien in den nächsten Jahrzehnten kaum abschwächen. Durch fortschreitende Modernisierung,Bildung, Wohlstand undVerstädterung sinkt dieGeburtenrate zwar bereits, das Bevölkerungswachstum erklärt sich jedoch nicht aus einer gestiegenen Geburtenrate, sondern aus der in den letzten Jahrzehnten gestiegenen Lebensdauer. Dies ist unter anderem auf eine Verbesserung der Gesundheitsfürsorge zurückzuführen. In derMortalität hatte Indien bereits 1991 mit Deutschland gleichgezogen (10 pro 1000), für 2006 wird sie auf 8,18 pro 1000 geschätzt. DieGeburtenziffer blieb allerdings hoch (1991: 30 pro 1000) und sinkt allmählich (2016: 19,3 pro 1000).[60] DieFruchtbarkeitsrate ging von 5,2 Kindern je Frau (1971) auf 3,6 (1991) zurück,[61] im Jahr 2013 lag sie bei 2,3.[62]
Das durchschnittliche Alter der indischen Bevölkerung lag 2015 bei 26,7 Jahren, während die durchschnittlicheLebenserwartung für Männer 66,2 Jahre (1971 waren es nur 44 Jahre) und für Frauen 69,1 Jahre (1971 waren es nur 46 Jahre) betrug. In Deutschland sind es zum Vergleich bei Männern 78 Jahre und bei Frauen 83 Jahre. Ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Indien gehört auch zu den Ländern, in denen es deutlich mehr Männer gibt: Laut der Volkszählung 2011 kommen auf 1000 Männer 943 Frauen.[1] Dieser Überschuss an Männern trägt in manchen Regionen des Landes zur Destabilisierung bei, wie Henrik Urdal von derHarvard Kennedy School zeigt.[63]
In den letzten dreißig Jahren wurde die Verstädterung Indiens zu 60 % von natürlichem Bevölkerungswachstum (in den Städten) getragen. Zuwanderung (aus ländlichen Gebieten) trug zu einem Fünftel des Wachstums städtischer Bevölkerung bei. Ein weiteres Fünftel des Wachstums verteilt sich gleichmäßig auf die Bildung neuer Städte durch statistische Umklassifizierung und durch die Ausdehnung von Grenzen oder Sprawl.[64] Damit hat Indien heute 46 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern (Stand: Volkszählung 2011). Allein der BallungsraumMumbai hat mittlerweile über 28 Millionen Einwohner und damit eine größere Bevölkerung als ganzAustralien. Dennoch stellt die städtische Bevölkerung mit einem Anteil an der Gesamteinwohnerzahl von lediglich 31,2 % (Volkszählung 2011) eine Minderheit dar.[1] Mit der wirtschaftlichen Entwicklung schreitet die Urbanisierung Indiens schnell voran und jährlich wächst die städtische Bevölkerung Indiens um knapp 10 Millionen an.[65] In den Städten Indiens wird nahezu die gesamte Wirtschaftsleistung erbracht.
Die Entstehung von Slums ist ein großes Problem in Indiens Städten. In Mumbais SlumDharavi leben geschätzt 1 Million Menschen auf engstem Raum unter katastrophalen Bedingungen, womit es das größte Elendsviertel weltweit ist.[66] Die Urbanisierung verläuft in Indien deutlich weniger geplant als z. B. in China und geschätzt 30 % der städtischen Bevölkerung leben in ungeplanten Behausungen und Slums, insgesamt über 90 Millionen Menschen.
Schätzungsweise bis zu 25 Millionen indische Staatsbürger und Personen indischer Herkunft (Non-resident Indians undPersons of Indian Origin) leben im Ausland.[67] Während englischsprachige westliche Staaten wie dieUSA,[68]Großbritannien undKanada vor allem gut ausgebildete Fachkräfte anziehen, sind in den Golfstaaten (besondersVereinigte Arabische Emirate,Kuwait undSaudi-Arabien) viele Inder als „Billigarbeitskräfte“ angestellt, seltener auch in höheren Positionen. Während der britischen Kolonialzeit wurden Inder als Arbeiter in anderen Kolonien angeworben, daher leben viele Personen indischer Abstammung inMalaysia,Südafrika,Mauritius,Trinidad und Tobago,Fidschi,Guyana undSingapur. Sie besitzen in der Regel die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Landes. Überweisungen von Auslandsindern an ihre Angehörigen in Indien stellen einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar.[69]
Nachfolgend sind die Einwohnerzahlen Indiens zwischen 1700 und 2050 aufgeführt (2025 und 2050 sindPrognosen)[70] – zu beachten sind Veränderungen des Gebiets im Verlauf der Zeit: Zahlenangaben bis 1875 sind berechnet nach dem Gebietsstand vonBritisch-Indien (einschließlichBangladesch,Myanmar undPakistan), ab 1900 in den heutigen Grenzen der Republik Indien:[71]
Indien ist einVielvölkerstaat, dessen ethnische Vielfalt ohne weiteres mit der des gesamten europäischen Kontinents vergleichbar ist. Etwa 72 % der Bevölkerung sindIndoarier. 25 % sindDraviden, die hauptsächlich im Süden Indiens leben. 3 % entfallen auf sonstige Völkergruppen, vor allem tibeto-birmanische, Munda- und Mon-Khmer-Völker imHimalayaraum sowieNordost- und Ostindien.
8,6 % der Einwohner gehören derindigenen Stammesbevölkerung an, die sich selbst alsAdivasi bezeichnet, obwohl sie ethnisch höchst uneinheitlich ist. Die indische Verfassung erkennt mehr als 600 Stämme als sogenannteScheduled Tribes an. Sie stehen meist außerhalb deshinduistischenKastensystems und sind trotz bestehender Schutzgesetze sozial stark benachteiligt.[73] Hohe Bevölkerungsanteile haben die Adivasi in der Nordostregion (besonders inMizoram,Nagaland,Meghalaya,Arunachal Pradesh,Manipur,Tripura,Sikkim) sowie in den ost- und zentralindischen BundesstaatenJharkhand,Chhattisgarh,Odisha undMadhya Pradesh. Auf Grund der sozialen Diskriminierung genießen linksradikale Gruppierungen wie diemaoistischenNaxaliten bei Teilen der Adivasi starken Rückhalt. Dazu kommen separatistische Bewegungen verschiedener Völker – etwa der mongolidenNaga,Mizo undBodo, aber auch der indoarischenAssamesen – in Nordostindien, wo Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und zugewanderten Bengalen, größtenteils illegale Einwanderer ausBangladesch, für zusätzliches Konfliktpotenzial sorgen.
Im Jahre 2017 waren, laut offiziellen Zahlen, 0,4 % der Bevölkerung im Ausland geboren.[74][75] Die Zahl der illegal eingewanderten Bangladescher in Indien wird auf bis zu 20 Millionen geschätzt. Die rund 100.000 in Indien lebenden Exiltibeter, die seit der chinesischen Besetzung Tibets in den 1950er Jahren aus ihrer Heimat geflohen sind, werden dagegen offiziell als Flüchtlinge anerkannt und besitzen eine Aufenthaltsgenehmigung. Des Weiteren leben etwa 60.000tamilische Flüchtlinge ausSri Lanka auf indischem Gebiet.
In letzter Zeit gab es Versuche, den Gebrauch des Sanskrit wiederzubeleben. Sanskrit ist eine klassische, heute nicht mehr als Erst- oder Muttersprache verwendete Sprache, die in Indien einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie das Lateinische in Europa. Sie gehört ebenfalls zu den offiziell anerkannten Verfassungssprachen, wird aber nirgends als Amtssprache verwendet. DasCentral Board of Secondary Education (CBSE) hat in den Schulen, die es reguliert, Sanskrit zur dritten der unterrichteten Sprachen gemacht. In diesen Schulen ist der Sanskritunterricht für die fünften bis achten Schulklassen obligatorisch.
Über die Beibehaltung des Status des Englischen als Amtssprache wird alle 15 Jahre neu entschieden. Englisch gilt weiterhin als Prestige-Sprache und wird nur von einer privilegierten Minderheit der Bevölkerung fließend gesprochen. Wenn sich Menschen unterschiedlicher Sprachgemeinschaften begegnen, sprechen sie im Norden entweder Hindi oder Englisch miteinander, im Süden eine der dravidischen Sprachen oder Englisch. Hindi hat sich im dravidischsprachigen Süden Indiens bis heute nicht durchgesetzt.
Neben den Verfassungssprachen sindHindustani, der im Norden Indiens weit verbreitete „Vorgänger“ von Hindi und Urdu,Rajasthani als Oberbegriff der DialekteRajasthans undMizo erwähnenswert.Bihari ist der Oberbegriff für die Dialekte in Bihar, wozu auch Maithili,Bhojpuri undMagadhi gehören.
Verschiedene Schriftsysteme sind in Indien gebräuchlich. Während für Hindi, Marathi, Nepali, Konkani und Sanskrit eine gemeinsame Schrift verwendet wird (Devanagari), werden Telugu, Tamilisch, Kannada, Malayalam, Gujarati, Oriya, Panjabi und Santali in einer jeweils eigenenSchrift geschrieben. Für Bengalisch, Asamiya und Meitei wird eine weitere Schrift (Bengalische Schrift) verwendet.Urdu wird inarabischer Schrift geschrieben,Kashmiri undSindhi werden in arabischer Schrift oder auch in Devanagari geschrieben.
Auf dem indischen Subkontinent entstanden vier der großenReligionen:Hinduismus,Buddhismus,Jainismus undSikhismus. DerIslam kam infolge von Handel und Eroberungen durch dasMogulreich, dasChristentum durch frühe Missionierungen im ersten Jahrhundert und dann durch denKolonialismus, derZoroastrismus (Parsismus) aufgrund von Einwanderungen ins Land. Indien bietet daher eine außerordentlich reichhaltige Religionslandschaft. Obwohl der Buddhismus über Jahrhunderte die bevorzugte Religion war, starb der Hinduismus nie aus und konnte seine Stellung als dominierende Religion langfristig behaupten. Im Mittelalter brachten indische Händler und Seefahrer den Hinduismus bis nachIndonesien undMalaysia. Obwohl Indien bis heute ein hinduistisch geprägtes Land ist, hat Indien nach Indonesien undPakistan die weltweit drittgrößte muslimische Bevölkerung (etwa 140 Millionen), und nachIran (aktuellIslamische Republik Iran) die zweitgrößte Anzahl vonSchiiten.
Die Religionen verteilen sich nach der Volkszählung 2011 wie folgt: 79,8 % Hindus, 14,2 % Muslime, 2,3 % Christen, 1,7 % Sikhs, 0,7 % Buddhisten, 0,4 % Jainas und 0,7 % andere (zum Beispiel traditionelleAdivasi-Religionen,Bahai oderParsen). Insgesamt 0,2 % der Inder gaben bei der Volkszählung keine Religionszugehörigkeit an oder gaben an, ohne Religion zu sein.[76]
Die Wurzeln des Hinduismus liegen imVeda (wörtlich: Wissen), religiösen Texten, deren älteste Schicht auf etwa 1200 v. Chr. datiert wird. Die Bezeichnung „Hinduismus“ wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert allgemein üblich. Er verbindet viele Strömungen mit ähnlicher Glaubensgrundlage und Geschichte, die besonders bei den Lehren vonKarma, dem Kreislauf derWiedergeburten (Samsara) und dem Streben nachErlösung übereinstimmen. Er kennt keinen einzelnen Religionsstifter, kein einheitliches Glaubensbekenntnis und keine religiöse Zentralbehörde. Die wichtigsten populären Richtungen sind derShivaismus, derVishnuismus und derShaktismus. Daneben ist dieIndische Volksreligion regional und lokal weit verbreitet. Religiöse Lehrer (Gurus) und Priester haben einen großen Stellenwert für den persönlichen Glauben.
DieAdivasi (Ureinwohner) widersetzten sich oft denMissionsversuchen der großenReligionen und behielten teilweise ihre eigene Religion. Die indigenen Völker Indiens haben einiges mit demHinduismus gemeinsam, so etwa den Glauben an dieReinkarnation, eine äußere Vielfalt von Göttern und eine Art von Kastenwesen. Nicht selten werden lokale Gottheiten oder Stammesgottheiten einfach in das hinduistischePantheon integriert – eine Herangehensweise, die historisch zur Ausbreitung des Hinduismus beigetragen hat. Besonders heute besteht eine starke Tendenz der „Hinduisierung“ (in der Indologie „Sanskritisierung“), gesellschaftliche Sitten der Hindus und deren Formen der Religionsausübung werden übernommen.
DerBuddhismus ist heute vor allem alsNeobuddhismus bei den „Unberührbaren“ (Dalit) populär, besonders im BundesstaatMaharashtra („Bauddha“). Die Dalit versuchen auf diese Art und Weise, denDiskriminierungen desKastensystems zu entkommen. Mehr als 10 % der indischen Bevölkerung gehört der Kaste der Dalit an. Ins Leben gerufen wurde diese Bewegung durch den RechtsanwaltBhimrao Ramji Ambedkar (1891–1956), der selbst einer unberührbaren Kaste angehörte. Hinzu kommen kleinere Gruppen tibetischer Buddhisten in den Himalaya-Gebieten vonLadakh,Sikkim undArunachal Pradesh sowie die tibetische Exilgemeinde inDharamsala, dem Sitz des amtierendenDalai Lama sowie dertibetischen Exilregierung.[77] Aus der Sicht fundamentalistischer Hindus gehören auchMuslime, Buddhisten undChristen zu den Unberührbaren, die nach dieser Definition etwa 240 Millionen Menschen und damit fast 20 % der indischen Bevölkerung umfassen würden.
DieParsen, die heute hauptsächlich inMumbai leben, bilden eine kleine, überwiegend wohlhabende und einflussreiche Gemeinschaft (etwa 70.000 Menschen). Nicht zuletzt auch durch ihr ausgeprägtes soziales Engagement spielen sie trotz geringer Bevölkerungsanzahl in der indischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. In Europa sind sie durch ihre Bestattungsgepflogenheiten („Türme des Schweigens“) bekannt. Auch dieJainas sind oft wohlhabend, da sie aufgrund ihres Glaubens, der das Töten von Lebewesen verbietet, überwiegend Kaufleute und Händler sind. Parsen und Jainas gehören meist der Mittel- und Oberschicht an.
Die Mehrheit der indischen Muslime gehört dersunnitischen Richtung an, außerdem leben mehr als 20 MillionenSchiiten in Indien. Darüber hinaus existieren kleinere Glaubensrichtungen innerhalb des Islam: Eherfundamentalistisch ist dieDar ul-Ulum inDeoband im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, auf die sich unter anderem dieafghanischenTaliban berufen, wenn auch in radikal verkürzter Interpretation. Die Situation der Muslime in Indien ist schwierig. Sie sind ärmer und weniger gebildet als der Durchschnitt. In Politik und Staatsdienst sind sie unterrepräsentiert. Zu bemerken ist jedoch, dass der ehemalige Staatspräsident Indiens,A. P. J. Abdul Kalam, ein Muslim war. Die Anzahl der Muslime in Indien steigt schneller als die der restlichen Bevölkerung und bis 2050 könnte Indien über 300 Millionen muslimische Einwohner haben.[78]
DieSikhs sind hauptsächlich im Nordwesten Indiens (Punjab) beheimatet. Ihre Stellung in der Gesellschaft ist geprägt durch den Erfolg vor allem im militärischen Bereich, aber auch im politischen Leben. Der ehemalige indische PremierministerManmohan Singh ist ein Sikh.
53 n. Chr. soll ein ApostelJesu,Thomas, nach Indien gekommen sein und dort entlang der südlichen Malabarküste mehrere christliche Gemeinden gegründet haben. Die „Thomaschristen“ inKerala führen ihren Ursprung auf den Apostel Thomas zurück. Portugiesische Missionare führten im späten 15. Jahrhundert denrömischen Katholizismus ein und verbreiteten ihn entlang der Westküste, etwa inGoa, so dass römische Katholiken heute den größten Anteil an der christlichen Bevölkerung Indiens stellen. Die Briten zeigten zwar wenig Interesse an der Missionierung, dennoch konvertierten viele Stammesvölker im Nordosten (Nagaland,Mizoram,Meghalaya,Manipur,Arunachal Pradesh) zurAnglikanischen Kirche oder anderen evangelischen Konfessionen. In jüngerer Zeit traten auch Angehörige unberührbarer Kasten sowieAdivasi zum Christentum über, um der Ungerechtigkeit des Kastensystems zu entkommen.
Als Indien seine Unabhängigkeit erlangte, lebten auch noch rund 25.000Juden in Indien. Nach 1948 verließen jedoch die meisten von ihnen ihre Heimat genIsrael. Heute wird die Zahl der in Indien verbliebenen Juden auf 5000 bis 6000 geschätzt, wovon die Mehrheit inMumbai lebt.
DerLaizismus, dieTrennung von Staat und Religion, zählt zu den wesentlichsten Grundsätzen des indischen Staates und ist in seiner Verfassung verankert. Seit Jahrhunderten bestehen verschiedene Glaubensrichtungen zumeist friedlich nebeneinander. Dennoch kommt es manchmal zu regional begrenzten, religiös motivierten Auseinandersetzungen.
Bei der Teilung Indiens 1947 und beimBangladesch-Krieg 1971 kam es zwischen Hindus und Muslimen zu massiven Ausschreitungen. Unruhen zwischen Anhängern der beiden Glaubensrichtungen brechen in Indien in gewissen Zeitabständen immer wieder aus. Ein Konfliktpunkt ist nach wie vorKaschmir, dessen überwiegend muslimische Bevölkerung teilweise gewalttätig für die Unabhängigkeit oder den Anschluss anPakistan eintritt. Geschürt werden sie seit den späten 1980er Jahren durch den aufkeimendenHindu-Nationalismus (Hindutva) und islamischen Fundamentalismus. Einer der Höhepunkte der Auseinandersetzungen war die Erstürmung und Zerstörung derBabri-Moschee inAyodhya (Uttar Pradesh) durch extremistische Hindus im Dezember 1992, da das islamische Gotteshaus einst an der Stelle eines bedeutenden Hindu-Tempels errichtet worden war, der den GeburtsortRamas markieren sollte. Die letzten Unruhen traten 2002 inGujarat auf, als 59 Hindu-Aktivisten(kar sevaks) in einem Zug verbrannt wurden. Infolge der eskalierenden Gewalt kamen etwa 2000 Menschen um, hauptsächlich Moslems. Die politische Situation in Kaschmir kostete seit 1989 aufgrund der Aktivitätenislamistischer Terroristen über 29.000 Zivilpersonen das Leben.
Auch bei anderen Religionen traten Konflikte auf. Die Forderungen sikhistischer Separatisten nach einem unabhängigen Sikhstaat namens „Khalistan“ gipfelten 1984 in der Erstürmung des Goldenen Tempels inAmritsar durch indische Truppen(Operation Blue Star) und der Ermordung der damaligen PremierministerinIndira Gandhi durch ihre eigenen Sikh-Leibwächter. Insgesamt kamen bei den Unruhen im Jahre 1984 mehr als 3000 Sikhs ums Leben.
In einigen Bundesstaaten ist es zuPogromen gegen Christen gekommen. So wurden in der zweiten Jahreshälfte 2008 bei religiös motivierten Unruhen im BundesstaatOrissa (im Osten Indiens) mindestens 59 Christen getötet.[79] In ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage vom 4. Dezember 2008 nennt die deutsche Bundesregierung folgendes Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Orissa (Odisha): 81 Christen sind ums Leben gekommen, 20.000 Menschen befinden sich in Flüchtlingslagern, 40.000 weitere haben sich in Wäldern versteckt. 4677 Häuser, 236 Kirchen und 36 weitere kirchliche Einrichtungen wurden zerstört.[80]
Dieökonomische Ungleichheit Indiens übertraf – nach bis etwa 2000 sinkenden Zahlen – Anfang der 2020er Jahre das Niveau desBritisch-Raj.[81] Nach Angaben derWeltbank haben heute 44 % der Einwohner Indiens weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Auch wenn die Ernährungssituation seit den 1970er Jahren entscheidend verbessert werden konnte, ist noch immer mehr als ein Viertel der Bevölkerung zu arm, um sich eine ausreichende Ernährung leisten zu können.Unter- undFehlernährung wie Vitaminmangel ist vornehmlich in ländlichen Gebieten ein weit verbreitetes Problem, wo der Anteil der Armen besonders hoch ist. Die regionale Aufteilung des Problems lässt sich amHunger-Index für Indien klar erkennen, der Bundesstaat Madhya Pradesh fällt hier besonders ins Auge. 2007 waren 46 % der Kinder in Indien mangelernährt, nach Angaben vonUNICEF sterben in Indien jährlich 2,1 Millionen Kinder vor dem fünften Lebensjahr.Kinderarbeit wird hauptsächlich auf dem Land geleistet, da das Einkommen vieler Bauernfamilien nicht zum Überleben ausreicht. Hoch verschuldete Bauern müssen oft nicht nur ihr Ackerland verkaufen, sondern auch ihre Dienstleistungen an die Grundherren verpfänden. Dieses alsSchuldknechtschaft bezeichnete Phänomen stellt bis heute eines der größten Hindernisse in der Armutsbekämpfung dar. 2006 haben schätzungsweise 17.000 Bauern wegen hoher Verschuldung Selbstmord begangen. Die schlechten Lebensbedingungen im ländlichen Raum veranlassen viele Menschen zur Abwanderung in die Städte (Urbanisierung). Dabei sind die wuchernden Metropolen des Landes kaum in der Lage, ausreichend Arbeitsplätze für die Zuwanderer zur Verfügung zu stellen. Das Ergebnis sind hoheArbeitslosigkeit undUnterbeschäftigung. Fast ein Drittel der Einwohner der Millionenstädte lebt in Elendsvierteln.Dharavi in Mumbai ist mit mehr als einer Million Menschen der größteSlum Asiens.[82]
Nach der Volkszählung 2011 werden 16,6 % der indischen Bevölkerung zu den so genanntenUnberührbaren(Scheduled Castes) gerechnet, 8,6 % zählen zur indischenStammesbevölkerung (Adivasi, offiziellScheduled Tribes).[1] Da beide Gruppen einemMissbrauch (Diskriminierung, wirtschaftlicheAusbeutung, teilweise auchVerfolgung undGewalt) durch andere Kasten-Inder ausgesetzt sind, sieht dieindische Verfassung eine Förderung der sozial Benachteiligten in Form von Quoten vor. Über diese „positive Diskriminierung“ werden in Universitäten, berufsbildenden Institutionen und Parlamenten bis zu 50 % der Plätze für dieScheduled Castes (Angehörige der unteren Kasten) reserviert. Die Kastenfrage nimmt in der indischen Innenpolitik eine höchst brisante Stellung ein. Eine Ausweitung der Quoten auf niedere Kasten auf Vorschlag der umstrittenenMandal-Kommission rief 1990 heftige Proteste von Angehörigen höherer Kasten hervor und führte zum Sturz von PremierministerVishwanath Pratap Singh.
Unzureichende schulische Bildung sowie Beratung in Fragen derreproduktiven Gesundheit hatte zur Folge, dass die Zahl derHIV-Infizierten ab den 1980er und 1990er Jahren rasch angestiegen ist, seit 1986 die ersten Infektionsfälle bekannt wurden. 2008 trugen rund 2,27 Millionen Inder im Alter zwischen 15 und 49 Jahren das Virus. Die Zahl der Infizierten liegt damit weltweit an dritter Stelle hinterSüdafrika undNigeria. In den Jahren nach 2002 ist ein prozentualer Rückgang an Infizierten zu verzeichnen. 2002 waren 0,45 % der erwachsenen indischen Bevölkerung infiziert, 2007 waren es 0,34 % und 2008 0,29 %. Die Übertragungswege des HI-Virus werden für 2009/10 mit 87,1 % zwischen Heterosexuellen angegeben. Hierfür ist hauptsächlich der weitverbreitete ungeschützte Geschlechtsverkehr mit Prostituierten verantwortlich. Die Übertragung von Mutter zu Kind beträgt 5,4 % und zwischen Homosexuellen 1,5 %. Drogenabhängige sind mit 1,5 % an der Gesamtzahl der Übertragungsfälle beteiligt.[83]
Traditionell wurde Frauen zur Hochzeit eineMitgift (englischdowry) zum Aufbau eines eigenen Haushalts mitgegeben. Obwohl dies seit 1961 gesetzlich verboten ist,[84] wird auch heute noch häufig eine solche Mitgift aus rein wirtschaftlichen Erwägungen von den Brauteltern verlangt. In manchen Fällen übersteigt die geforderte „Aussteuer“ das Jahreseinkommen der Familie derBraut. Gelegentlich kommt es zu so genanntenMitgiftmorden, wenn die Angehörigen der Braut nicht in der Lage waren, die hohen Forderungen nach der Eheschließung zu erfüllen. Diesedowry-Problematik trägt in nicht unerheblichem Maße dazu bei, dass Mädchen meist geringer angesehen sind als Jungen oder gar als unerwünscht gelten.
Die Praxis der Mitgiftforderung fördert zudemausbeuterische Arbeitsverhältnisse wie dasSumangali-Prinzip (Kinderarbeit), da arme Eltern ihre Töchter in der Hoffnung auf eine selbst erwirtschaftete Mitgift bereitwillig den Rekrutierern mitgeben.[85]
Geschlechterverteilung bei Kindern von 0 bis 1 Jahren in Indien 2011 – nach der Anzahl der Jungen je 100 Mädchen: 101–103 103–107 125–130 indienweiter Durchschnitt: 110 indienweiter ø unter 7 Jahren: 109 indische Gesamtbevölkerung: 106
In Indien werden deutlich mehr weibliche Föten abgetrieben als männliche: Laut der Volkszählung 2011 kamen auf 1000 Jungen nur 914 Mädchen (47,75 % = 109 Jungen zu 100 Mädchen) – im Jahr 2001 waren es noch 927 Mädchen (48,11 %, 108:100; jeweils unter 7 Jahren). In der Gesamtbevölkerung kamen im Jahr 2011 auf 1000 männliche 940 weibliche Inder (48,45 %, 106:100) – im Jahr 2001 waren es 933 weibliche (48,27 %, 107:100).[86]
ImGlobal Gender Gap Report 2020 desWeltwirtschaftsforums, der die Gleichstellung von Männern und Frauen in 153 Ländern misst, liegt Indien nur auf Rang 112 mit einemGender-Gap von 33,2 %: Frauen erreichen nur zwei Drittel des Stands der Männer in wirtschaftlicher und bildungsmäßiger Hinsicht sowie bezüglich Gesundheit undpolitischer Beteiligung.
Vor allem in den ländlichen Regionen Indiens glauben viele Menschen an Hexerei und schwarze Magie. Einerseits suchen sie bei Gesundheits-, Finanz- oder Eheproblemen Rat bei Hexendoktoren,[89] andererseits beschuldigen sie Menschen, insbesondere Frauen, der Hexerei, greifen sie an oder ermorden sie sogar.[90][91] Oft sind es Witwen oder Geschiedene, die denunziert werden, um an ihren Besitz zu gelangen.[92][93][94] Die bestehenden Gesetze gelten als unwirksam, um diese Morde einzudämmen.[95] 2010 wurde geschätzt, dass in Indien jährlich zwischen 150 und 200 Menschen dermodernen Hexenverfolgung zum Opfer fallen. Hochgerechnet entspricht dies einer Gesamtzahl von 2.500 Morden im Zeitraum von 1995 bis 2009.[96] Im Juni 2013 berichtete dieNational Commission for Women (NCW), dass seit 2008 laut Statistiken desNational Crime Records Bureau (NCRB) 768 Frauen wegen angeblicher Hexerei ermordet wurden.[97] In der indischen ProvinzAssam wurden zwischen 2011 und 2021 unter dem Vorwand der Hexerei 110 Personen umgebracht.[98]
Gemäß derVerfassung von 1950 ist Indien eine parlamentarischeDemokratie. Indien ist, nach der Zahl der Bürger, die größte Demokratie der Erde. Dasindische Parlament ist die gesetzgebende Gewalt und besteht aus zwei Kammern: dem Unterhaus (Lok Sabha) und dem Oberhaus (Rajya Sabha). Das Unterhaus wird auf fünf Jahre nach dem Prinzip desMehrheitswahlrechtes gewählt. Wahlberechtigt ist jeder Staatsbürger, der das 18. Lebensjahr vollendet hat. Das Oberhaus ist die Vertretung der Bundesstaaten auf nationaler Ebene. Seine Mitglieder werden von den Parlamenten der Staaten gewählt.
Die Parteienlandschaft des Landes ist äußerst vielfältig (vgl.Liste der politischen Parteien in Indien). Viele Parteien sind zwar auf bestimmte Bundesstaaten beschränkt, dennoch ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit, Koalitionen zu bilden. DieNational Democratic Alliance (NDA) war eine Koalition, die zu Beginn ihrer Regierungszeit 1998 aus 13 Parteien bestand (unter Führung derBJP).
Nach geltendem Recht sind Parteispenden in Höhe von über ca. 200 € veröffentlichungspflichtig.[99] Sogenannte «electoral bonds» sind ein von der Regierung Narendra Modi im Jahr 2018 eingeführtes System zur Parteifinanzierung. Käufer der bei Banken erworbenen Wahlanleihen konnten diese anonym in unbegrenzter Höhe an Parteien spenden; die Parteien erhielten gegen Vorlage der Urkunde den Anleihewert von der Bank ausgezahlt. Nach einem im Februar 2024 veröffentlichten Urteil des Obersten Gerichts ist diese Art der Parteienfinanzierung verfassungswidrig[100]; das Gericht verpflichtete die Regierung und die indische Wahlkommission, die Erwerber der Wahlanleihen und die Höhe der einzelnen Anleihebeträge zu veröffentlichen. Im Zeitraum von 2019 bis 2024 emittierten die Banken mehr als 1,7 Milliarden Franken in Wahlanleihen. Die Regierungspartei BJP hat mit Abstand hiervon mit 647 Millionen Franken den größten Anteil erzielt.[101][102]
DerPräsident als Staatsoberhaupt wird von einem Gremium der Abgeordneten des Bundes und der Länder auf fünf Jahre gewählt. Seit 2022 hatDraupadi Murmu das Amt inne. Die Verfassung sieht vor, dass Bundesstaaten unterPresident’s rule gestellt werden können, wenn das Land als „unregierbar“ gilt. Dies war in der Vergangenheit in mehreren Bundesstaaten der Fall. Das Präsidentenamt ist jedoch überwiegend von zeremoniellen oder repräsentativen Aufgaben geprägt, die politische Macht liegt beim Premierminister. Üblicherweise erteilt der Premierminister dem Präsidenten einen entsprechenden „Rat“, der in der Regel befolgt wird. Zuletzt ließ PremierministerP. V. Narasimha Rao nach den Unruhen inAyodhya 1993 alle vier BJP-Landesregierungen ihres Amtes entheben und die Länder unterPresident’s rule stellen. Der Präsident ist auch oberster Befehlshaber derStreitkräfte.
Der Regierungschef in den Bundesstaaten sowie in drei von acht Unionsterritorien ist derChief Minister, der vom Parlament des jeweiligen Gebiets gewählt wird.
Indien ist in 28Bundesstaaten (engl.States) und achtUnionsterritorien (engl.Union Territories) gegliedert, die sich in insgesamt über 600Distrikte (engl.Districts) unterteilen. In einigen Bundesstaaten werden mehrere Distrikte zuDivisionen (engl.Divisions) zusammengefasst. Den Distrikten untergeordnet sind parallel und teils überlappend dieTehsils (oder auchTaluks),Blöcke undSubdivisions. Die unterste Verwaltungsebene stellen die Dörfer selbst dar, die mitunter in sogenanntenHoblis zusammengefasst sein können.
Während die Unionsterritorien von der Zentralregierung inNeu-Delhi verwaltet werden, verfügt jeder Bundesstaat über ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung. Der Regierung eines Bundesstaats steht derChief Minister vor, der allerdings formal einem vom indischen Präsidenten ernanntenGouverneur mit weitgehend repräsentativen Aufgaben untergeordnet ist. Letzterem werden bei Anwendung derPresident’s rule die Regierungsgeschäfte übertragen.
Die Kommunalverwaltung obliegt in größeren Städten mit mehreren hunderttausend Einwohnern denMunicipal Corporations, in kleineren Städten denMunicipalities. Im ländlichen Raum wird der dreistufigePanchayati Raj angewandt. Dieses System umfasst gewählte Räte(Panchayats) auf Dorf- und Block-, aber auch auf Distriktebene. Die Zuständigkeiten der Kommunalverwaltungen sind je nach Bundesstaat unterschiedlich gestaltet.
Vor der Unabhängigkeit umfasste Indien sowohl selbstständigeFürstenstaaten unter britischer Aufsicht als auch britische Provinzen (englischPresidencies), die von britischen Kolonialverwaltern regiert wurden. Nach der Unabhängigkeit wurden die ehemaligen Fürstenstaaten von einem ernannten Gouverneur, die ehemaligen Provinzen jedoch von einem gewählten Parlament und einem gewählten Gouverneur regiert. Im Jahre 1956 beseitigte derStates Reorganisation Act die Unterschiede zwischen ehemaligen Provinzen und Fürstentümern und schuf einheitliche Bundesstaaten mit einer gewählten Regionalregierung. Bei der Neuordnung der Bundesstaaten wurde die jeweilige Muttersprache der Bewohner als Grundlage der Grenzziehung verwendet. Am 1. Mai 1960 wurde der bisherige StaatBombay in die neuen ethnischen StaatenGujarat undMaharashtra aufgeteilt. 2000 entstanden drei neue Bundesstaaten:Jharkhand aus den südlichen Teilen vonBihar,Chhattisgarh aus den östlichen Teilen vonMadhya Pradesh undUttarakhand (bis 2006 Uttaranchal) aus dem nordwestlichen Teil vonUttar Pradesh. Zum 2. Juni 2014 entstand aus Teilen des Bundesstaates Andhra Pradesh als neuer, 29. BundesstaatTelangana; seine Hauptstadt istHyderabad.[108] Zum 31. Oktober 2019 wurde der BundesstaatJammu und Kashmir aufgelöst und auf die UnionsterritorienJammu und Kashmir undLadakh aufgeteilt.[109] Die UnionsterritorienDadra und Nagar Haveli undDaman und Diu wurden am 28. Januar 2020 zuDadra und Nagar Haveli und Daman und Diu zusammengelegt.
Die folgende Liste zeigt die28 Bundesstaaten Indiens, ihre Abkürzungen entsprechen der ISO-Norm (31766-2:IN) – wo das Autokennzeichen davon abweicht, ist es eingeklammert angehängt:
Hauptstadt Indiens istNeu-Delhi innerhalb der Grenzen vonDelhi, das mit rund 11 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes darstellt und mit mehr als 16 Millionen Einwohnern die zweitgrößteAgglomeration. Delhi ist kultureller Mittelpunkt derhindisprachigen Gemeinschaft des Nordens. Indiens größte Stadt und wirtschaftliches Zentrum ist jedochMumbai (Bombay). Die Metropole an der Westküste zählt mehr als 12,5 Millionen Einwohner, in der Agglomeration rund 18 Millionen. An dritter Stelle folgtBengaluru (Bangalore). In der 8,5-Millionen-Stadt im südlichenDekkan-Hochland sind zahlreiche Hochtechnologiefirmen angesiedelt, was ihr den Beinamen „Silicon Valley Indiens“ eingebracht hat. Viertgrößte Stadt ist das ebenfalls in Südindien gelegeneHyderabad mit 6,8 Millionen Einwohnern, gefolgt vom westindischenAhmedabad mit 5,6 Millionen Einwohnern.Chennai (Madras), die mit 4,7 Millionen Einwohnern siebtgrößte Stadt Indiens, ist als kultureller Mittelpunkt Südindiens und insbesondere derTamilen bekannt.Kolkata (Kalkutta), die wichtigste Metropole des Ostens, liegt mit 4,5 Millionen Menschen an achter Stelle. Sie gilt als intellektuelles Zentrum.
1950 wurde ein umfassendesFrauenwahlrecht eingeführt.[111] Die Vorgeschichte dazu reicht aber bis ins 19. Jahrhundert zurück: Laut Berichten aus dem Jahr 1900 wurde die Beteiligung von Frauen an Lokalwahlen in Bombay mit einem Zusatz zumBombay Municipal Act (1888) ermöglicht: Hausbesitzer durften dann unabhängig vom Geschlecht wählen.[112] Es gibt aber Hinweise darauf, dass einige Frauen bei den Stadtratswahlen von Bombay schon viele Jahre vorher mit abstimmten.[112]
1918 unterstützte der Nationale Indische Kongress die Einführung des aktiven Frauenwahlrechts, und die Verfassungsreformen von 1919 ermöglichten es den gesetzgebenden Versammlungen in den Provinzen, über die Einführung selbst zu entscheiden.[113] Die Provinz Madras, in der dieantibrahmanische Partei die Mehrheit hatte, war die erste, die Frauen 1921 das Stimmrecht gab; andere Provinzen folgten.[113] Frauen, die das Wahlrecht auf Provinzebene besaßen, durften auch an den Wahlen zur Zentralen Gesetzgebenden Versammlung teilnehmen.[114]
1926 erhielten Frauen auch das passive Wahlrecht.[113] 1926 wurdeSarojini Naidu die erste Kongresspräsidentin.[113] 1935 dehnte derGovernment of India Act, der 1937 in Kraft trat, das Wahlrecht für beide Geschlechter weiter aus.[114] Er sah vor, dass Frauen wählen konnten, wenn sie eine von mehreren Bedingungen erfüllten: Grundeigentum, ein bestimmtes Maß an Bildung, das das Lesen und Schreiben einschloss oder der Status einer Ehefrau, falls der Mann wahlberechtigt war.[114]
Die Änderung einer weiteren Bestimmung zeigte einen wichtigen Wandel im Verständnis dessen an, was man unter Bürgerrechten verstand: Einige Sitze in den gesetzgebenden Versammlungen der Provinzen waren für Frauen reserviert; Männer konnten diese Mandate nicht übernehmen.[114] Diese Vorschriften garantierten, dass Frauen auch tatsächlich gewählt wurden. Die Regelung hatte auch zur Folge, dass Frauen sich auch über diese Quote hinaus um Mandate bewarben, und sorgte dafür, dass fähige Frauen ihr Können als Abgeordnete und Ministerinnen unter Beweis stellen konnten.[114] 1937 fanden die ersten Wahlen nach diesen neuen Regeln statt.[114] Von den 36 Millionen Stimmberechtigten waren sechs Millionen Frauen.[115]
Ende 1939 hatten alle Provinzen dasFrauenwahlrecht eingeführt. Zwar war dies ein grundsätzlicher Fortschritt, doch das Wahlrecht war an Grundeigentum gebunden. Da viele Inder kein Land besaßen, erhielten relativ wenige Männer und noch viel weniger Frauen infolge der Reformen von 1919 das Wahlrecht.[116]
1947 erlangte Indien die Unabhängigkeit – bis dahin hatte es weder für Frauen noch für Männer ein allgemeines Wahlrecht gegeben.[114] 1949 arbeitete die Konstituierende Versammlung eine neue Verfassung aus. Weibliche Abgeordnete, die selbst von der Quotenregelung profitiert hatten, sprachen sich gegen die Fortführung dieser Praxis aus.[117] Die neue Verfassung, die am 26. Januar 1950 in Kraft trat, sah ein allgemeines aktives und passives Wahlrecht für alle Erwachsenen vor.[118] Doch in den Landesteilen, die bei der Teilung zu Pakistan wurden, mussten Frauen jahrelang auf das allgemeine Wahlrecht warten.[115]
Da in Indien Gewaltenteilung herrscht, ist dieJudikative streng vonLegislative undExekutive getrennt. Oberster Gerichtshof des Landes ist derSupreme Court in Neu-Delhi mit 26 Richtern, die vom Präsidenten ernannt werden. Den Vorsitz hat derChief Justice of India. Streitigkeiten zwischen den Staaten und der Zentralregierung fallen in seine Zuständigkeit. Außerdem stellt er die höchste Berufungsinstanz des Landes dar. DemSupreme Court untergeordnet sind 21High Courts der Bundesstaaten.
Ab der dritten Rechtsebene (Distriktebene) wird zwischen Zivil- undStrafgerichten unterschieden. Zivile Rechtsstreitigkeiten fallen in denMetropolitan Districts (Stadtdistrikten) in den Zuständigkeitsbereich derCity Civil Courts, welche denDistrict Courts der Landdistrikte entsprechen. Für das Strafrecht sind in Stadt- und Landdistrikten dieSessions Courts verantwortlich. Außerdem existieren Sondergerichte für spezielle Bereiche wieFamilien- und Handelsrecht. Die Rechtsprechung einfach gelagerter Streitfälle der untersten Ebene findet in denPanchayati Rajs der Dörfer(Gram Panchayat) statt.
Infolge der britischen Rechtspraxis der Kolonialzeit findet in Indien heute noch vielfach dasCommon Law Anwendung, das sich nicht allein auf Gesetze, sondern in hohem Maße auf maßgebliche Urteile hoher Gerichte inPräzedenzfällen stützt. Die Gerichtssprache ist Englisch, auf den unteren Ebenen kann aber auch in der jeweiligen regionalen Amtssprache verhandelt werden.
Eine Besonderheit im sonst säkularen Indien ist seine Gesetzgebung im Familien- und Erbrecht, die jeweils eigene Regelungen für Hindus (diese gilt auch für Sikhs, Jains und Buddhisten), für Muslime, für Christen und für Parsen aufrechterhält (siehe hierzuEhe im Hinduismus#Gesetzgebung undIslamische Ehe#Indien).
Während des Unabhängigkeitskampfes bildete sich der Nationalkongress, der die Kolonialherrschaft der Engländer beenden wollte. Nach der Unabhängigkeit 1947 wurde dieKongresspartei stärkste Partei und bildete unterJawaharlal Nehru die erste Regierung. Bis Mitte der 1990er Jahre dominierte die Kongresspartei meist unter Führung derNehru-Gandhi-Familie, mit nur zwei kurzen Unterbrechungen, die Politik des Landes.
Erst im Zusammenhang mit der geplanten „Wieder“errichtung desRam-Janmabhumi-Tempels anstelle derBabri-Moschee inAyodhya gelang es derBharatiya Janata Party (BJP, Indische Volkspartei, Symbol:Lotosblüte) mit nationalistischen Parolen Unterstützung auf breiter Ebene zu finden. Dies gipfelte in dem Marsch auf Ayodhya und dem Abriss der Moschee, der im ganzen Land zugewalttätigen Ausschreitungen und Übergriffen, vor allem gegen Muslime, mit vielen Toten führte. Die polarisierende und pro-hinduistisch ausgerichtete Politik der BJP steht ganz im Zeichen der hindunationalistischenHindutva-Bewegung, die – auch unter Beteiligung von paramilitärischen Gruppen, wie dem Nationalen Freiwilligencorps (Rashtriya Swayamsevak Sangh, kurz RSS) – die Hinduisierung Indiens und in ihren extremen Auswüchsen die Vertreibung der muslimischen und christlichen Bevölkerung zum Ziel hat. Von 1998 bis 2004 stellte die BJP die Regierung unter dem als eher gemäßigt geltendenAtal Bihari Vajpayee als Premierminister.
Nach einem Anschlag auf einen Zug mit Pilgern im Jahre 2002 begannen Massaker inGujarat, die von der dort regierenden BJP nur halbherzig bekämpft wurden. Diese Unruhen haben dann doch wohl viele moderate Hindus zu einem gewissen Umdenken gebracht, zumal die von der Indischen Volkspartei hochgehaltene Vision einesShining India („Strahlendes Indien“) weite Teile der Bevölkerung, die nicht vom Boom der letzten Jahre profitierten, ob der hochgesteckten Ziele eher skeptisch werden ließ.
Bei derParlamentswahl 2004 erzielte die oppositionelleKongresspartei unterSonia Gandhi einen unerwarteten Sieg. Überraschend für ihre Parteienkoalition lehnte sie es ab, den Posten des Premierministers zu übernehmen,Manmohan Singh wurde am 22. Mai 2004 als Premierminister vereidigt. Bei derParlamentswahl 2009 konnte die Parteienkoalition derUnited Progressive Alliance unter Führung des Indischen Nationalkongress ihren parlamentarischen Rückhalt deutlich ausbauen, so dass Manmohan Singh erneut zum Premierminister gewählt wurde. Bei derWahl 2014 wurdeNarendra Modi zum Premierminister gewählt, seineBharatiya Janata Party errang mit großem Vorsprung 31 % der Stimmen.
Vier Jahrzehnte lang war die indische Außenpolitik durch das Engagement in derBewegung der Blockfreien Staaten und das „besondere Freundschaftsverhältnis“ mit der Sowjetunion geprägt, die besondersJawaharlal Nehru vorantrieb. Die drei Leitlinien indischer Blockfreiheit bestanden darin, Militärbündnissen mit amerikanischer oder sowjetischer Beteiligung fernzubleiben, außenpolitischen Herausforderungen sachgerecht und vollständig aus indischer Perspektive zu begegnen und freundschaftliche Beziehungen zu allen Ländern zu betreiben. Dabei betrachtete sich Indien nicht als äquidistant, sondern suchte bis zum Krieg gegen China 1962 die Führungsrolle innerhalb der blockfreien Bewegung. Dies drückte sich beispielsweise in der Entsendung von Friedenstruppen in den Gazastreifen 1956 und in den Kongo 1961 aus sowie in der Verurteilung der franko-britischen Intervention in derSueskrise. Ebenso verurteilte es das sowjetische Vorgehen zu Beginn desKoreakrieges 1950 und 1956 als inakzeptable Einmischung.[119]
Nach dem Ende desKalten Krieges orientierte Indien sich neu. Die historisch eher schwierigenBeziehungen zu den USA verbesserten sich; im März 2000besuchte US-PräsidentBill Clinton Indien. Die USA bemühten sich nun stärker um Indien als strategischen Partner. Hinsichtlich desKaschmir-Konflikts stützten die USA nun stärker die Haltung Indiens. Nach denTerroranschlägen am 11. September 2001 stellte sich Indien ohne Einschränkung auf die Seite der USA.
Heute werden die außenpolitischen Ziele Indiens vor allem durch das Bemühen, einen ständigen Sitz imUN-Sicherheitsrat zu erlangen, charakterisiert. Hierbei zieht Indien China als Vergleichsmaßstab heran und strebt eine Statusaufwertung an. Indien beansprucht aufgrund seiner Größe und zivilisatorischen Bedeutung denselben Rang wie China, das als anerkannteAtommacht mit ständigem Sitz imSicherheitsrat der Vereinten Nationen vertreten ist.
Indien führte zweiKernwaffentests durch, den ersten 1974 unterIndira Gandhi, den zweiten im Mai 1998 unterAtal Bihari Vajpayee. Zwei Wochen später, am 28. Mai, unternahm Pakistan zum ersten Mal einen Atomtest. DenAtomwaffensperrvertrag haben weder Indien noch Pakistan unterschrieben. DieBeziehungen zwischen beiden Staaten sind seit dem Ende der Kolonialzeit durch denKaschmir-Konflikt belastet. Einen letzten Höhepunkt der „Eiszeit“ zwischen Indien und Pakistan bildeten die Gefechte in Kargil 1999.
Ein Friedensprozess begann 2004; er geriet aber 2008 nach Anschlägen im indischenMumbai mit 166 Toten ins Stocken. Indien macht pakistanische Islamisten für die Tat verantwortlich. 2010 und 2011 kamen die beiden Außenminister zu Treffen zusammen.[120]
Die Atomtests im Mai 1998 wurden zwar stets mit dem Verweis auf die chinesische Bedrohung gerechtfertigt (Angriff Chinas von 1962), in erster Linie verfolgt Indien mit den Tests jedoch wohl eine internationale Statusaufwertung und versucht, eine Gleichrangigkeit mit China zu untermauern.Indien betreibt eine erhebliche konventionelleAufrüstung, genauso wie China und andere asiatische Länder wie Pakistan.[121]
Tatsächlich stehen sich Indien und China mittlerweile eher freundschaftlich gegenüber. Zunehmende Handelsverflechtungen und die gegenseitige Anerkennung desStatus quo in Tibet durch Indien 2003 undSikkim durch China 2004 haben zu einer spürbaren Entlastung des politischen Verhältnisses beigetragen. Dennoch bestehen noch immer Grenzstreitigkeiten um den chinesisch besetzten Teil Kaschmirs (Aksai Chin) sowie den größten Teil des indischen BundesstaatsArunachal Pradesh. Nach blutigen Zusammenstößen imGalwan‑Tal 2020, bei denen mindestens 20 indische Soldaten starben[122], befanden sich die Beziehungen zwischen Indien und China in einer tiefen Krise. Laut dem China‑Experten Manoj Kewalramani begann der Prozess der Normalisierung jedoch bereits im Oktober 2024 beimBRICS‑Gipfel in Kasan, als sich Premier Narendra Modi und Präsident Xi Jinping erstmals seit Jahren wieder persönlich trafen.[123] Indien signalisierte daraufhin, dieShanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) nicht zu blockieren, sondern als nützliches Forum zu betrachten. Peking lud Modi für Ende August 2025 zum SCO‑Gipfel ein, was als weiterer Schritt zur Entspannung gilt. US‑Präsident Donald Trump verhängte im Sommer 2025 Strafzölle von insgesamt 50 % auf zahlreiche indische Exportgüter, offiziell wegen Indiens umfangreicher Ölimporte aus Russland.[124] Diese Maßnahme traf rund die Hälfte der indischen Ausfuhren in die USA und könnte Indien laut Schätzungen bis zu 37 Milliarden US‑Dollar kosten.[125][126] Indien bezeichnete die Zölle als „unfair“ und begann, seine Exportmärkte gezielt zu diversifizieren – unter anderem in Richtung China.[127] Beobachter sehen in Trumps Vorgehen einen strategischen Fehler, der Indien „geradezu in die Arme“ Chinas treibe.[128][129]
MitBangladesch besteht seit Jahrzehnten Uneinigkeit über Fragen der Wasserverteilung. Auch Grenzverlauf und -verkehr waren lange Zeit umstritten. Bis zumIndisch-bangladeschischen Grenzvertrag von 2015 bestanden auf beiden Seiten der Grenze insgesamt mehr als 150Enklaven, darunter ein „Stückchen indischen Landes innerhalb bangalischen Territoriums, das selber vollständig von einer indischen Besitzung umgeben ist, die wiederum innerhalb Bangladeshs liegt“ (Stand Mai 2015).[130] Als belastend gilt zudem dieillegale Einwanderung vieler Bangladescher nach Indien. Am 6. Juni 2015 wurde ein Abkommen unterzeichnet, demzufolge Bangladesch 111 indische Enklaven erhielt und Indien im Gegenzug 52 bangladeschische auf seinem Gebiet. Damit wurde eine „geregelte Grenze“ hergestellt. 53.000 Bewohner der betroffenen Gebiete konnten entscheiden, welchem der zwei Staaten sie angehören wollen.[131]
Die Beziehungen Indiens zurEU basieren auf einer umfassendenpolitischen Erklärung und einem Aktionsplan für eine strategische Partnerschaft, die auf dem EU-Indien-Gipfel im Herbst 2005 verabschiedet wurden und seitdem schrittweise umgesetzt werden. Damit sollen die Beziehungen zu Indien formal auf eine Ebene mit denen zu den Vereinigten Staaten, Kanada, Japan, Russland und China gestellt werden. Zukünftig will man das Potenzial für gemeinsame Kooperationen und Austausch noch stärker ausschöpfen. Dies gilt insbesondere auch für die Bereiche Konfliktprävention, Terrorismusbekämpfung und die Stärkung der Menschenrechte.
Am 24. April 2025 ordnete Indien die Ausweisung aller Personen mit pakistanischer Staatsbürgerschaft als Reaktion auf einenterroristischen Anschlag in Kaschmir zwei Tage zuvor an.[134]
Regionale Verteilung der Lese- und Schreibkenntnisse nach der Volkszählung 2011
In Indien besteht allgemeineBildungspflicht von 6 bis 14 Jahren, und das indische Parlament beschloss 2002 einstimmig, das Recht auf Bildung in die Verfassung aufzunehmen.[135] Während dieses Zeitraumes ist der Besuch öffentlicher Schulen kostenlos. Insgesamt gab es in Indien 315 Millionen Schüler, mehr als in jedem anderen Land (Stand: Zensus 2011).[136] Das Schulsystem umfasst vier Hauptstufen: auf die fünfjährige Grundschule folgt die Mittelschule von der sechsten bis achten Klasse, darüber die höheren Schulen und schließlich die Hochschulen sowieUniversitäten. Allgemein hat der Staat in der Vergangenheit besonderes Augenmerk auf die Förderung von höheren Bildungseinrichtungen gelegt, was den aus der Kolonialzeit herrührenden elitären Charakter des Bildungswesens eher noch verstärkt hat. Dennoch ziehen viele Angehörige der Mittel- und Oberschicht gerade bei der höheren Bildung private Einrichtungen den staatlichen vor.
In Indien stieg die mittlere Schulbesuchsdauer aller Personen über 25 von 3 Jahren 1990 auf 6,3 Jahre 2015 an. Die aktuelle Bildungserwartung beträgt bereits 11,7 Jahre.[137] Heute werden zwar fast alle Kinder – zumindest Jungen – tatsächlich eingeschult, in den höheren Klassenstufen wird die Zahl der Abbrecher aber immer höher. Vor allem im ländlichen Raum erhalten daher viele Kinder nur eine äußerst rudimentäre Grundbildung. Weiterführende Schulen und höhere Bildungseinrichtungen stehen dagegen meist nur in Städten zur Verfügung. Immerhin konnten seit der Unabhängigkeit große Fortschritte bei der Alphabetisierung erzielt werden. 2011 lag dieAlphabetisierungsrate im Landesdurchschnitt bei 74,0 % (Männer: 82,1 %, Frauen: 65,5 %).[138] 2001 hatte sie noch 64,8 % betragen, 1951 sogar nur 18,3 %. Im Jahr 2020 erkannte die nationale Bildungsstrategie an, dass eine gute frühkindliche Bildung vielen Familien, besonders aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen und besonders in den Sprachen derUreinwohner, nicht zugänglich war.[139]
Da das Bildungswesen größtenteils den Bundesstaaten obliegt, weist es dementsprechend große regionale Unterschiede auf. Dies äußert sich am deutlichsten in der sehr ungleichen Analphabetenquote. Während sie inKerala, dem Staat mit der höchsten Alphabetisierungsrate, 2011 nur 6,1 % betrug, war sie im finanziell ärmsten StaatBihar mit 36,2 % fast sechsmal so hoch. Ein weiteres Problem ist die Benachteiligung von Mädchen, deren Einschulungsrate geringer ist als die von Jungen (Durchschnitt 2000 bis 2004: Jungen: 90 %, Mädchen: 85 %).[140] An höheren Bildungseinrichtungen liegt der Frauenanteil in der Regel deutlich unter dem der Männer. Ein großer Schwachpunkt ist auch das bisher wenig entwickelte Berufsschulwesen, welches allerdings stark im Wachsen begriffen ist. Indien verfügte 2016 über 750 Universitäten und 41.435 Colleges mit insgesamt 28,5 Millionen Studierenden. Nach der Volksrepublik China ist Indien damit das Land mit den meisten Hochschülern.[141] Laut dem RankingTimes Higher Education von 2019 schaffen es dasIndian Institute of Science Bangalore undIndian Institute of Technology Ropar unter die besten 400 Institutionen weltweit.[142]
Die folgende Liste zeigt die indienweite Entwicklung der Alphabetisierung von 1951 bis 2011; im Jahr 1901 konnten 5,1 % der Bevölkerung lesen und schreiben, ein Anteil, der bis 1941 auf 16,1 % stieg:[143]
Alphabetisierungsraten bei den Volkszählungen seit 1951 (1951 bis 1971: Personen im Alter ≥ 5 Jahren, ab 1981: Personen im Alter ≥ 7 Jahren)
Das Gesundheitswesen ist überwiegend staatlich, obwohl es auch viele private Krankenhäuser gibt. Obwohl die Gesundheitsbetreuung auf dem Land bereits erheblich verbessert wurde, insbesondere durch Erste-Hilfe-Stationen in Dörfern, besteht noch ein großes Stadt-Land-Gefälle. In vielen Dörfern gibt es keine medizinischen Einrichtungen. Verschlimmert wird die Lage durch schlechte hygienische Bedingungen, wie fehlender Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen, sowieUnterernährung. Ähnliche Bedingungen herrschen in städtischen Elendsvierteln. Seuchen wieMalaria,Filariose,Tuberkulose undCholera sind in manchen Regionen noch immer ein großes Problem. Trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse stieg dieLebenserwartung bei Geburt von 53,3 Jahren 1980 auf 67,6 Jahre (Männer: 66,2 Jahre, Frauen: 69,1 Jahre) 2015. Früher war Indien eines der wenigen Länder der Erde, in denen Männer eine höhere Lebenserwartung aufwiesen als Frauen. In den letzten Jahren hat sich dies umgekehrt. DieKindersterblichkeit (unter 5-jährige) in Indien lag 2018 bei 3,7 % (1960 betrug sie noch 24,2 %).[146]
Wegen der geringen Kosten und der guten Qualität der ärztlichen Behandlung in spezialisierten Krankenhäusern gewinnt derMedizintourismus aus nordamerikanischen und europäischen Industrieländern immer mehr an Bedeutung.
Die folgende Liste zeigt die indienweite Entwicklung der Lebenserwartung von 1950 bis 2015 (Quelle:UN-DESA):[70]
Indiens Militär besteht aus Freiwilligen, eineWehrpflicht gibt es nicht. Die offiziellen Streitkräfte sind die drittgrößten der Welt. Sie umfassen 1,3 Millionen Soldaten, wovon 1,1 Millionen imHeer, 150.000 bei derLuftwaffe und 53.000 bei derMarine dienen. Dazu kommen 800.000 Reservisten und 1,1 Millionen Mann in vor allem bei internen Konflikten eingesetztenparamilitärischen Verbänden. Zählt man Letztere hinzu, hat nurChinas Militär eine größere Truppenstärke. Die indischen Streitkräfte hatten im Jahr 2005 3.264 Kampfpanzer, 733 Kampfflugzeuge, 199 Hubschrauber, 21 Kriegsschiffe und 17 U-Boote. Im Jahr 2004 war Indien der zweitgrößte Waffenkäufer der Erde mit einem Anteil von 10 % an allen Waffenkäufen; so ging ein Viertel der gesamten russischen Waffenexporte nach Indien.[148] Die Militärausgaben im Jahr 2016 betrugen 55,9 Milliarden US-Dollar, das entsprach 2,5 % desBruttoinlandsproduktes. Nach den USA, Russland und China liegt Indien auf Platz 4 bei den weltweiten Militärausgaben.[149]
Seit 1974 ist Indien offiziellAtommacht. Es hat selbst entwickelteKurzstreckenraketen sowieMittelstreckenraketen mit Reichweiten von 700 bis 8000 km. 2012 standen 84 Nuklearsprengköpfe zur Verfügung. Bis heute hat Indien denAtomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, verzichtet jedoch laut seiner Nukleardoktrin auf den nuklearenErstschlag. Indiens einzige Militärbasis im Ausland ist seit 2004 der LuftstützpunktFarkhor inTadschikistan. Zudem besteht mitMosambik ein Militärabkommen, das Ankerrechte und Versorgung von indischen Kriegsschiffen vorsieht. MitMauritius bestehen zudem enge militärische Bindungen. Dieindischen Luftstreitkräfte kontrollieren den mauritischen Luftraum und es besteht eine Zusammenarbeit mit derindischen Marine (Stand 2007).[150]
Seit der Unabhängigkeit hat das indische Militär kaum Interesse an einer politischen Einflussnahme gezeigt. Es ist der Zivilverwaltung unterstellt; den militärischen Oberbefehl hat derPräsident.
Marktanteile Indiens am Rohstoffmarkt (Produktion 2002–2004)
Rohstoff
Prozent
Rinder und Büffel
36,0 %
Zucker
20,8 %
Weizen
16,8 %
Baumwolle
15,7 %
Kohle
9,8 %
Eisenerz
7,9 %
Bauxit
7,0 %
Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt in Indien nach Bundesstaat (2011)
Indien ist einegelenkte Volkswirtschaft, die seit 1991 zunehmenddereguliert undprivatisiert wird. Seither hat sich das Wirtschaftswachstum deutlich beschleunigt. Die Leistungsfähigkeit der indischen Wirtschaft hat nach Einschätzung vieler Beobachter in einigen Branchen (Informationstechnologie, Pharmazie) inzwischen internationales Spitzenniveau erreicht.
Behindert wird das Wachstum der Produktion der indischen Wirtschaft insbesondere durch Mängel der vielfach veraltetenInfrastruktur, vor allem durch Engpässe bei der Energieversorgung, die zu häufigen Stromausfällen führen. Trotz der 1991 begonnenenLiberalisierung der Wirtschaft leiden vor allem die Industrie und der Bankensektor nach wie vor unter häufigen staatlichen Eingriffen und den langsamen politischen Entscheidungsprozessen. Der Schutz ineffizienter Staatsunternehmen vor Wettbewerb bleibt ein Hemmschuh. Ein Belastungsfaktor ist auch die weitverbreiteteKorruption.[151] Zudem beeinträchtigen nach wie vor Arbeitsmarktregulierungen, die zum Beispiel Entlassungen von Arbeitskräften stark erschweren, das Investitionsklima. Ausländische Investoren werden so abgeschreckt. Indien verliert zudem eine große Zahl von qualifizierten Arbeitskräften ins Ausland (Braindrain). Andererseits ist es der größte Profiteur von Auslandsrücküberweisungen von Emigranten auf der Welt. 2016 betrugen sie 62,7 Milliarden US$ und trugen damit knapp 3 % der Wirtschaftsleistung bei.[152]
Die Integration Indiens in die Weltwirtschaft hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Das Land profitiert zunehmend von den Vorteilen der internationalenArbeitsteilung und derGlobalisierung. Die indische Wirtschaft ist aber noch sehr stark binnenwirtschaftlich orientiert. Ihr Anteil an derWeltwirtschaft liegt noch bei knapp 3 %, obwohl Ein- und Ausfuhren in den letzten Jahren kräftig gewachsen sind. Die niedrigen Anteile der Aus- und Einfuhren am Bruttoinlandsprodukt signalisieren noch beträchtliches Wachstumspotenzial. 2016 entsprachen die Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen nur gut 19,2 % des Bruttoinlandsprodukts, die Einfuhren 20,6 %.
Die mittel- und langfristigen Wachstumsperspektiven Indiens werden vielfach sehr günstig beurteilt. Einige Studien rechnen damit, dass Indien künftig sogar stärker als China wachsen wird. Abgesehen vom großen Nachholbedarf, insbesondere im Bereich der Infrastruktur, spricht vor allem die Altersstruktur der Bevölkerung für ein anhaltend starkes Wirtschaftswachstum. Der hohe Anteil junger Menschen an der Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten für einen hohen Anteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter sorgen. Die in Europa und auch in China zu erwartende „Vergreisung“ der Bevölkerung wird in Indien deutlich später einsetzen. Wachstumsstützen werden auch das schon heute große Angebot an qualifizierten Arbeitskräften und die enger werdende Integration in die Weltwirtschaft sein.
Die hohenWährungsreserven und relativ niedrigeAuslandsschulden dürften das Vertrauen ausländischer Investoren in die Entwicklung der indischen Wirtschaft stärken. Bisher waren dieausländischen Direktinvestitionen in Indien im internationalen Vergleich, insbesondere mit China, gering. Die als relativ wirtschaftsliberal eingeschätzte Regierung Narendra Modis versucht mit Reformen und Initiativen wie der Make-in-India-Kampagne ausländische Investitionen anzulocken.[153] ImEase of Doing Business Index derWeltbank belegte Indien 2017 Platz 100 von 190 Ländern. Indien konnte sich damit im Vergleich zum Vorjahr um 30 Plätze verbessern und gehörte erstmals zu den ersten 100 Ländern.[154]
Konfliktpotentiale bergen die teilweise große Armut, die ungleiche Einkommensverteilung und die hohe Arbeitslosigkeit. In Indien gab es 2017 104 Milliardäre, womit es hinter den USA, China und Deutschland die vierthöchste Anzahl an Milliardären weltweit hatte, während über 20 % der Bevölkerung in extremer Armut lebten und 96,2 % der Inder ein privates Vermögen von weniger als 10.000 US-Dollar besaßen.[155] Bisher verzeichnet Indien jedoch eine bemerkenswert große soziale Stabilität.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) weist in seinem Bericht von 2025 auf die Unzuverlässigkeit der offiziellen indischen Statistiken hin, insbesondere in Bezug auf Daten zum BIP, zum Konsum und zum Einkommensniveau.[158] Indische Ökonomen schätzen das realeBIP Indiens im Jahr 2025 auf 2,5 Billionen Dollar, während die Regierung von 3,8 Billionen Dollar ausgeht.[159]
Von 2005 bis 2015 wuchs dasBruttoinlandsprodukt (BIP) Indiens inflationsbereinigt um rund sechs bis 7 % jährlich. Trotz des deutlich beschleunigten Wachstums lag die offizielleArbeitslosenquote in jener Zeit aber noch bei 9 % – wobei mit einer erheblichen Zahl von Arbeitslosen zu rechnen ist, die von der Statistik nicht erfasst werden. Die Gesamtzahl der Beschäftigten wird für 2017 auf 521,9 Millionen geschätzt. Davon arbeitet ein großer Teil im informellen Sektor. 24,5 % der Arbeitskräfte sind weiblich, womit Frauen noch eine relativ geringe Arbeitsmarktbeteiligung aufweisen.[162]
Unbefriedigend bleibt auch die Entwicklung der Staatsfinanzen. Das gesamtstaatlicheHaushaltsdefizit bewegt sich bei leicht rückläufiger Tendenz zwischen neun und 10 % des Bruttoinlandsprodukts. Davon entfällt rund die Hälfte auf das Defizit der Zentralregierung.
Von den führenden Agenturen zur Bewertung von Kreditrisiken wird dieBonität Indiens vor dem Hintergrund der günstigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aber zunehmend besser eingeschätzt. Nach der Rating-AgenturMoody’s hob Anfang August 2006 auch die AgenturFitch ihre Bewertung der Kreditaufnahme des indischen Staates auf den niedrigsten sogenannteninvestment grade an.
Im Zuge der zunehmenden internationalen wirtschaftlichen Verflechtung Indiens war das Land ab 2008 ebenfalls von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen. Das stetige jährliche Wirtschaftswachstum brach ein. Als Gründe werden der junge, global agierende indische Kapitalmarkt, hohe private Kreditverschuldung, steigende Arbeitslosenzahlen sowie sinkende Binnennachfrage und Exportzahlen genannt. Zur Bekämpfung der Krise wurden staatliche Konjunkturpakete aufgelegt, unter anderem Infrastrukturprogramme, Steuersenkungen sowie Subventionen für die Exportindustrie.[163]
Indiens Wirtschaft hat in den letzten Jahren an Dynamik zurückgewonnen. Das Wirtschaftswachstum lag im Haushaltsjahr 2015 bei 7,9 %. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2016 im gleichen Zeitraum circa 2.251 Mrd. US-Dollar, das nominale BIP pro Kopf etwa 1.723 US-Dollar. DieInflation sank von zeitweise ca. 10 % auf ca. 5 % im Jahr 2018. Bei weiter wachsender Einwohnerzahl wird Indien laut Experten bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch zur drittgrößtenVolkswirtschaft der Welt (nach denUSA undChina) aufsteigen. Indien hat dennoch weiterhin mit einer hohen Armut in der Bevölkerung zu kämpfen. Etwa 30 % der Bevölkerung leben aktuell noch unterhalb der Armutsgrenze von 1 US-Dollar pro Kopf und Tag.[164]
Der weltweit zu beobachtende Wandel der Wirtschaftsstruktur von der Landwirtschaft zur Industrie und zum Dienstleistungssektor vollzieht sich auch in Indien, das aber im internationalen Vergleich, zum Beispiel mit China, immer noch sehr stark agrarisch geprägt ist. 59,4 % der Bevölkerung sind in derLandwirtschaft erwerbstätig. Die ländliche Bevölkerung bildet den ärmsten Teil der Bevölkerung. Vom Aufschwung der Wirtschaft profitiert bisher vorwiegend die Bevölkerung der Städte, wo sich eine kaufkräftige Mittelschicht oft hochqualifizierter Fachkräfte bildete. Dies birgt sozialen Konfliktstoff. Die Abwahl der letzten Regierung im Jahr 2004 wird wesentlich mit der Unzufriedenheit der ländlichen Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Entwicklung erklärt.
Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt ist indes stark rückläufig. Trug sie 1956 noch 56 % bei, so waren es 2016 nach Angaben der Weltbank noch rund 17,4 %. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit des jährlichen Wirtschaftswachstums von den Witterungsbedingungen. Ungünstige Erntebedingungen können es spürbar beeinträchtigen.
Seit der Unabhängigkeit wurden große technische Fortschritte gemacht, vor allem im Zuge der sogenannten „Grünen Revolution“ seit Mitte der 1960er Jahre. Die großflächige Einführung von Hochertragssorten, der Einsatz vonDünge- undSchädlingsbekämpfungsmitteln, die teilweise Mechanisierung der Landwirtschaft und die Ausweitung der Bewässerungsflächen haben dazu beigetragen, dass sich das Land heute mit Nahrungsmitteln weitestgehend selbst versorgen kann. Dennoch ist Indiens Landwirtschaft noch vergleichsweise ineffizient. Im ländlichen Raum sind viele Menschenunterbeschäftigt, und eine umfassende Industrialisierung der Landwirtschaft steht weiten Teilen des Landes erst noch bevor. Lediglich imPunjab, der „Kornkammer Indiens“, ist sie bereits weiter fortgeschritten.
Am wichtigsten ist der Anbau vonGetreide, vor allemReis. Dessen Hauptanbaugebiete liegen in den fruchtbaren Stromebenen des Nordens sowie entlang der Küsten und im östlichenDekkan. Indien ist nachChina der zweitgrößte Reisproduzent der Erde. Ungefähr ein Fünftel der weltweiten Erträge entfallen auf Indien. Auch beimWeizen, dem zweitwichtigsten Anbauprodukt, liegt Indien weltweit an zweiter Stelle. Weizen wird hauptsächlich in den nördlichen Bundesstaaten Punjab,Haryana undUttar Pradesh angebaut, aber auch im Norden und Nordwesten des Dekkans sowieGujarat undBihar. In trockeneren Landstrichen, wieRajasthan, Gujarat und großen Teilen des Dekkans, dominiert dieHirse.Mais undGerste spielen eine geringere Rolle. Zur Nahrungsmittelproduktion trägt zudem der Anbau vonHülsenfrüchten,Kartoffeln,Zwiebeln,Ölsaaten (besondersErdnüsse,Sojabohnen,Sesam,Raps,Kokosnüsse),Mangos undBananen bei.
Wenig effizient ist die indische Viehzucht, trotz des mit 222 Millionen Tieren (Stand: 2002) größten Rinderbestandes der Erde. Insgesamt 20 % der Inder sindVegetarier, dieFleischproduktion steht daher je nach Region nicht immer im Vordergrund.[165] Dafür werdenMilch und Molkereierzeugnisse in großen Mengen hergestellt.
Nach der erfolgreichen Ertragssteigerung der Landwirtschaft setzte ab den 1980er Jahren die Förderung derFischerei ein. Parallel zur „Grünen Revolution“ wurde dafür der Begriff der „Blauen Revolution“ geprägt. Nachdem zunächstKleinfischer mitAußenbordmotoren versorgt worden waren, begann der Aufbau einer modernenSchleppnetzflotte. Dies führte zwar zu einer wesentlichen Erhöhung der Erträge, aber auch zurÜberfischung vieler Küstenabschnitte. Indiens wichtigste Fischgründe liegen an der Westküste, wo rund 70 % der Fangerträge erzielt werden. 2001 lag Indien mit einer Fangmenge von 3,8 Millionen Tonnen weltweit an siebter Stelle. Fisch undGarnelen werden heute in großen Mengen exportiert. DieGarnelenzucht wird besonders gefördert. So stammt mittlerweile etwa die Hälfte der Garnelen ausAquakulturen, die seit den 1990er Jahren vor allem an der Ostküste angelegt worden sind.
Die traditionelle Binnenfischerei in Flüssen, Teichen und Seen spielt besonders im Osten undNordosten Indiens eine Rolle. Im Umland vonDelhi etabliert sich nun auch die kommerzielle Zucht von Fischen, vor allemKarpfen.
Indien hat reichliche Vorkommen an hochwertigenEisen- undManganerzen,Steinkohle,Bauxit undChrom. Die größten Rohstofflagerstätten befinden sich in Ostindien, vor allemJharkhand,Chhattisgarh undOdisha. Eisenerz, bei dessen Förderung das Land 2003 mit 100 Millionen Tonnen an weltweit vierter Stelle lag, kommt außerdem inGoa,Karnataka undTamil Nadu vor. Indien ist mit über zehn Millionen Tonnen der fünftgrößte Förderer von Bauxit, dem wichtigsten Rohstoff fürAluminium, der hauptsächlich in küstennahen GebietenGujarats undMaharashtras sowie inMadhya Pradesh und Jharkhand abgebaut wird. BeiKupfer ist Indien trotz gesteigerter Ausbeute weiterhin auf Importe angewiesen.
Obwohl Indien der weltweit drittgrößte Produzent von Steinkohle ist, deckt es einen Teil seines Bedarfs mit qualitativ hochwertigerer und billigerer Importkohle. Steinkohle ist der wichtigste Energieträger des Landes. Die Vorkommen anErdöl undErdgas reichen bei Weitem nicht aus, um die stetig steigende Nachfrage zu decken. Nennenswerte Ölvorkommen gibt es nur inAssam, Gujarat, imGolf von Khambhat und vor der Küste von Maharashtra. Die eigene Produktion deckt nur ein Drittel des Verbrauchs. Erdgaslagerstätten finden sich im Golf von Khambhat und werden erst seit den 1980er Jahren ausgebeutet.
Während der Kolonialherrschaft wurde die Entwicklung derIndustrie – mit Ausnahme der schon frühzeitig bedeutsamenTextilindustrie – eher gehemmt denn gefördert. Nach der Unabhängigkeit forcierte man daher besonders den Ausbau von kapitalintensiven Schlüsselindustrien. Dazu gehörtenStahl-,Maschinen- undchemische Industrie. DieKonsumgüterherstellung wurde vernachlässigt und sollte durch Kleinindustrien gedeckt werden. Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, setzte man nach dem Vorbild derSowjetunion auf den Ausbau der Schlüsselindustrien durch den Staat mittelsFünfjahresplänen. 2001 waren 21,9 % der erwerbstätigen Bevölkerung im Industriebereich tätig. Die Wertschöpfung der Industrie betrug 2016 nach Weltbankangaben 28,8 % des Bruttoinlandsproduktes, womit die Industrieproduktion Indiens inzwischen zu den größten der Welt gehört.[171] Ein Wachstumsmotor im Industriebereich sind die Deregulierungen auf den Energie-, Chemie- und Rohstoffmärkten. Wachstumsimpulse kommen auch von der rasch steigenden Inlandsnachfrage nach langlebigen Konsumgütern.
Die Textilindustrie zählt dank der riesigen Inlandsnachfrage und der Produktion für den Export auch heute noch zu den größten und wichtigsten Wirtschaftszweigen Indiens.Leder wird sowohl industriell als auch handwerklich in großen Mengen hergestellt und verarbeitet. DaHindus die Berührung und Verwertung von Tierkadavern als unreine Arbeit ansehen, sind die meisten Angestellten der LederbrancheMuslime oder „Unberührbare“. AuchKinderarbeit ist in der Branche verbreitet. Viele Beschäftigte sind häufig gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt, Unternehmen unterwanderten in der Vergangenheit mehrfach den gesetzlichen Mindestlohn.[172] Auch gewerkschaftliche Tätigkeiten werden unterdrückt.[173][174] Neben diesen eher traditionellen Industrien dominieren die Eisen- und Stahlerzeugung, Maschinen-, Kraftfahrzeug- und chemische Industrie. Unter ihnen ist der staatliche Anteil besonders hoch. Allerdings nimmt der Anteil privater Betriebe seit der Liberalisierung der Wirtschaft in den 1980er und vor allem frühen 1990er Jahren zu. Die indischePharmaindustrie gehört zu den größten und fortgeschrittensten unter denEntwicklungsländern. Im Jahr 2014 wurden mehr als ein Fünftel aller Generika in Indien hergestellt.[175] Wegen der indischenPatentschutzgesetzgebung, der Arzneimittel nur bedingt unterlagen, kam es immer wieder zu Streitigkeiten mit denIndustriestaaten, allen voran denVereinigten Staaten von Amerika. Mittlerweile hat Indien seine Patentgesetze angepasst. Ein wichtiger Träger des wirtschaftlichen Aufschwunges der letzten Jahre ist dieInformationstechnologiebranche, die teils dem industriellen, teils dem Dienstleistungssektor zuzurechnen ist. Vor allem derSoftwarebereich hat sich zu einembedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. Viele indische Städte verfügen inzwischen über „Softwareparks“. Auch die Herstellung vonHardware erlebt einen rasanten Aufschwung. Mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten gewinnt auch dieBiotechnologie an Bedeutung.
Ungewöhnlich hoch für ein Entwicklungsland ist der Beitrag derDienstleistungen zur gesamtwirtschaftlichen Produktion Indiens. Rund 53,8 % des Bruttoinlandsprodukts wurden 2016 bereits durch Dienstleistungen erbracht. Insbesondere bei Dienstleistungen im Bereich der Informationstechnologie, sonstigen Ingenieurleistungen, Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie Verwaltungsaufgaben hat Indien bedeutende Marktpositionen erreicht. 2005 wurde Indien zum weltweit führenden Exporteur von Software und IT-Services, 2007 kam bereits über ein Drittel aller Computer-Dienstleistungen von hier.[176] Diese Dienstleistungen erfolgen auch zunehmend im Auftrag ausländischer Kunden und werden häufig unter dem BegriffBusiness Process Outsourcing (BPO) bzw. auch als Knowledge Process Outsourcing (KPO) bezeichnet. Beispiele sindCallcenter und Dienstleistungen im Gesundheitswesen.
Im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft sind Indiens Außenhandelsverflechtungen eher gering. Dies ist in erheblichem Maße auf die starke Binnenmarktorientierung in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit zurückzuführen. Seit der wirtschaftlichen Öffnung Anfang der 1990er Jahre, die unter anderem auch die Aufhebung vieler Importbeschränkungen zur Folge hatte, verzeichnet der Außenhandel jedoch einen deutlichen Aufschwung. Zwischen 1991 und 2004 hat sich der Warenaustausch mit dem Ausland mehr als vervierfacht.
Indien ist ein wichtiger Exporteur von Rohstoffen und Fertigprodukten, aber auch Arbeitskräften und Dienstleistungen. Aus Indien kommenSoftwareprodukte undSoftwareentwickler; es verfügt über eine große Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte. Die wichtigstenExportgüter sindTextilien, Bekleidung, geschliffene und verarbeiteteEdelsteine,Schmuck,Chemikalien,Erdölerzeugnisse,Lederwaren und Softwareprodukte. Indienimportiert vor allem Rohöl, elektronische Erzeugnisse, Edelsteine (z. B.: Diamanten), Maschinen,Edelmetalle, Chemikalien undDüngemittel.
Nach ersten Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs der Handel zwischen Indien und Deutschland in den ersten sieben Monaten des Jahres 2006 noch einmal deutlich. Deutschland importierte Waren im Wert von 2,4 Milliarden Euro, 30,5 % mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum, und exportierte Waren für 3,3 Milliarden Euro, 39,7 % mehr als in den ersten sieben Monaten 2005. Bis 2016 stieg das gesamte Handelsvolumen auf 17,4 Milliarden Euro an, womit Indien auf Platz 24 der wichtigsten Handelspartner Deutschlands steht.[179]
Die EU und Indien paraphierten im Januar 2026 ein Handelsabkommen, das eine Freihandelszone von fast zwei Milliarden Menschen schaffen soll.[180] Es wird erwartet das nach einem in Kraft treten Deutschland von Platz 22 in der Rangfolge der Handelspartner[181] signifikant nach vorne rutscht.
Die folgenden Listen zeigen den Umfang und die Handelspartner von Indiens Außenhandel (Quelle:ITC):[182][183]
DerTourismus hat sich zu einem der wichtigstenDevisenbringer Indiens entwickelt. Im Jahr 2014 verzeichnete Indien mit 7,6 Millionen ausländischen Besuchern einen größeren Touristenzustrom als je zuvor.[184] Darunter sind allerdings auch vieleAusländer indischer Herkunft, die vor allem inNordamerika undGroßbritannien leben und ihren Verwandten in Indien regelmäßig längere Besuche abstatten. Nichtsdestoweniger erzielte der Fremdenverkehrssektor 2014 Einnahmen von 10,7 Milliarden US-Dollar aus der Ankunft ausländischer Gäste.[185] In Indien gibt es im Juli 2019 insgesamt 38 UNESCO-Welterbestätten, darunter 30 Weltkulturerben, 7 Weltnaturerben und 1 gemischtes Kultur- undNaturerbe.[186] Die mit Abstand meistbesuchte Touristenattraktion ist das weiße GrabmalTaj Mahal in der nordindischen GroßstadtAgra. Weitere beliebte Ziele sind im Norden der BundesstaatRajasthan mit seinen Wüsten und Kamelen, die HauptstadtNeu-Delhi, die ehemalige portugiesische KolonieGoa an der Westküste und ganz im Süden der BundesstaatKerala mit seinenBackwaters unter Kokospalmen. Neben dem Kultur-, Strand- und Naturtourismus gewinnen auch Abenteuerurlaub wieTrekking oderRafting und Gesundheitstourismus (Yoga,Ayurveda) zunehmend an Bedeutung.
DerStaatshaushalt umfasste 2016 Ausgaben von umgerechnet 283,1 MilliardenUS-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 200,1 Milliarden US-Dollar gegenüber. Daraus ergab sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 3,6 % desBIP, dieStaatsverschuldung betrug 1.177 Milliarden US-Dollar oder 52,3 % des BIP.[187]
2020 betrug der Anteil der Staatsausgaben (in Prozent des Bruttoinlandprodukts) folgender Bereiche:[188]
Am 2. August 2016 wurde im Oberhaus beschlossen, statt bisher regional geprägter Steuersätze in den 29 Bundesstaaten eine einheitliche Güter- und Dienstleistungssteuer (Goods and Services Tax, GST) einzuführen, um nahtlosen Warenverkehr zu fördern. Der Beschluss muss noch durch die Bundesstaaten ratifiziert werden und sollte Frühjahr 2017 in Kraft treten.[189] Ende März 2017 unterzeichnete der indische Präsident Pranab Mukherjee die Gesetze, die ab 1. Juli 2017 eine indienweit einheitliche Mehrwertsteuer wirksam werden lassen sollen.[190]
TäglicherÖlverbrauch in Indien sowie im südostasiatischen Raum,Barrels pro Tag
Indien hat weltweit den drittgrößten Energieverbrauch hinter China und den USA. Indien hatte ebenfalls die drittgrößtenCO2-Emissionen weltweit, die dazu auch noch stark anwachsen.[191]
2014 verfügten 79,2 % der indischen Haushalte über einenStromanschluss(im ländlichen Bereich 70,0 %, in den Städten 98,3 %).[192] Häufige Stromausfälle beeinträchtigen jedoch immer wieder die Verfügbarkeit von Elektrizität.
Der gegenwärtige Energiebedarf von 560 Kilowattstunden pro Einwohner und Jahr ist einer der niedrigsten der Welt. Die Hälfte der Energie liefernKohle, ein ViertelErdöl, -gas undWasserkraft, ein Fünftel wird durch Verbrennung von Viehdung, Feuerholz und anderen Materialien gedeckt.
Indien steht hinsichtlich der Entwicklung im BereichWindenergie weltweit an vierter Stelle.[193][194] Im Februar 2021 lag die Leistung der installiertenWindkraftanlagen bei 38,789 GW[195] (2017: 32,8 GW[193]; 2020: 38,625 GW[194], das waren 5,2 % der weltweiten Windkraftleistung). Im Vorfeld derUN-Klimakonferenz in Paris 2015 erklärte die Regierung, die Windenergieleistung bis 2022 auf 60 GW zu erweitern.[196] Auch dieSolarenergie wird seit Anfang der 2010er Jahre nennenswert ausgebaut. Noch im Herbst 2011 waren gerade einmal 45 MegawattPhotovoltaik-Leistung installiert[197], durch den starken Zubau wurde bereits im März 2018 die 20-Gigawatt-Marke erreicht.[198] Landesweites Ziel sind 100 GW installierter Leistung bis zum Jahr 2022.[199] Davon waren bis Februar 2021 39,54 GW erreicht.[195] Insgesamt hatte sich Indien das Ziel gesetzt, dieerneuerbaren Energien bis 2022 auf 225 GW auszubauen.[198] Davon wurden im Anfang 2021 mit großen Wasserkraftwerken 46,06 GW erreicht[200], und mit den weiteren Erneuerbaren 92,97 GW[195]. Für 2030 sind 500 GW geplant, wobei 2025 über 200 GW erreicht wurden.[201]
DieKernenergie hatte 2011 einen Anteil von etwa 3,7 % an der elektrischen Stromversorgung.[202] Im August 2012 befanden sich in Indien sechs Kernkraftwerke mit 21Reaktorblöcken und einer installierten Bruttogesamtleistung von 5780 MW am Netz. Sechs weitere Reaktorblöcke mit einer Bruttogesamtleistung von 4300 MW sind im Bau. Da Indien denAtomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, sind zahlreiche Länder bei der Beteiligung an der Konstruktion sehr zurückhaltend. Indien hatte 2009 zur friedlichen Nutzung der Kernenergie Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit Russland,[203] der Europäischen Union[204] und Kanada.[205]
Indien ist der drittgrößte Verbraucher vonErdöl weltweit und hatte einen Bedarf von 4,1 Millionen Barrel pro Tag (Stand 2015). Indien ist auf Ölimporte angewiesen, die aufgrund Indiens wachsender Bevölkerung und Wirtschaft in Zukunft vermutlich stark ansteigen werden.[191] Die größten indischen Petroleumkonzerne sindReliance Industries undIndian Oil Corporation.[206]
Auf Grund der riesigen Entfernungen innerhalb Indiens und der vielerorts noch immer unterentwickelten Landinfrastruktur kommt demLuftverkehr eine immer bedeutendere Rolle zu. Die wichtigstenDrehkreuze für Binnenflüge sind Delhi (Indira Gandhi International Airport),Mumbai (Flughafen Mumbai),Kolkata (Flughafen Kolkata) undChennai (Flughafen Chennai) als Kernpunkte ihrer jeweiligen Region. Flugverbindungen zwischen den größten Städten Indiens bestehen mehrmals täglich. Eine große Schwierigkeit stellen die geringe Größe und schlechte Anbindung der zunehmend überlasteten Flughäfen dar. Früher wurde der Luftverkehr von den beiden staatlichen Fluggesellschaften Air India (internationale Flüge) und Indian Airlines (Inlandsflüge) dominiert. Mittlerweile existieren mehrere private Fluggesellschaften, die innerhalb Indiens bereits einen Marktanteil von 40 % erobert haben.
Indiens erster Zug verkehrte am 16. April 1853 zwischen Mumbai undThane. Bereits vier Jahrzehnte später verband die Eisenbahn alle wichtigen Landesteile miteinander. Auch heute noch spielt sie eine wichtige Rolle bei der Güter- und Personenbeförderung. Knapp 30 % des Güter- und 15 % des Personenverkehrs werden über die Schiene abgewickelt, wobei allein dieMumbai Suburban Railway rund 40 % zum schienengebundenen Personenverkehr beiträgt.
Die indische StaatsbahnIndian Railways ist in 17 Regionalgesellschaften (Englisch: „Zonal Railways“) aufgeteilt und beschäftigt mit 1,6 Millionen Menschen mehr Angestellte als jedes andere Staatsunternehmen des Landes. Es gibt 7200 Bahnhöfe.[207] Das indische Eisenbahnnetz ist nach den Schienennetzen derUSA,China undRussland das viertgrößte Schienennetz der Welt, trotzdem ist das Land nur großmaschig und ungleichmäßig erschlossen. Das Streckennetz wird mit einemElektrifizierungsgrad von 99,1 % im Jahr 2025 praktisch vollständig elektrisch betrieben.[208] Das Schienennetz besteht zu 69.181 Kilometer Strecken inIndischer Breitspur mit dem Maß von 1676 Millimetern. VomMeterspurnetz sind nur noch wenige Reststrecken in Betrieb, von den Netzen in 610 mm- und 762 mm-Spur sind nur noch touristische Bergbahnen wie zum Beispiel dieDarjeeling Himalayan Railway vorhanden.
Indien legte sein Hauptaugenmerk in den letzten Jahren vor allem auf die Elektrifizierung, den doppelgleisigen Ausbau der Hauptstrecken, den Bau von Güterzugstrecken, die Umwandlung von Meterspurstrecken in Breitspur und die Modernisierung der technischen Einrichtungen. ZwischenMumbai undAhmedabad wird mit japanischer Hilfe einenormalspurigeSchnellfahrstrecke gebaut. Tatsächlich kann der Ausbau der Eisenbahn mit den steigenden Anforderungen durch Bevölkerungs- und Industriewachstum kaum Schritt halten, was zur schnellen Entwicklung des Straßenverkehrs beiträgt. Ein Versuch, den Schienenpersonenverkehr attraktiver zu machen, sind dieShatabdi Expresszüge, die die dreiMetropolenChennai, Mumbai undNeu-Delhi mit wichtigenGroßstädten und Wirtschaftsregionen verbinden. Die neuste Generation von Reisezügen sind dieVande-Bharat-Express-Züge.
Modernisierung des Straßennetzes: Die rund 100 km lange AutobahnMumbai Pune Expressway, ein Prestigeprojekt, wurde 2002 fertig gestellt.
Da Indien durch seine geografische Lage von den Handelspartnern in den NachbarregionenOst-,Südost- undVorderasien abgeschnitten ist, und die unmittelbaren Nachbarn beim gegenseitigen Güteraustausch aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen nur eine untergeordnete Stellung einnehmen, wird der Außenhandel fast ausschließlich überSeehäfen abgewickelt. Rund 90 % des Warenumschlags im Überseeverkehr entfallen auf Indiens zwölf größte Häfen. Daneben existieren viele mittlere und kleinere Häfen, die aber nicht für große Schiffe undContainerumschlag geeignet sind und daher fast nur von Küstenschiffen angelaufen werden.
Der wichtigste Verkehrsweg in Indien ist heute dieStraße. Schon in den 1970er Jahren hat der Straßenverkehr bei der Güter- und Personenbeförderung die Eisenbahn überholt. Heute werden rund 70 % des Gütertransports und sogar 85 % des Personenverkehrs auf der Straße abgewickelt. Indiens Straßennetz umfasst rund 3,3 Millionen Kilometer, wovon nur etwa die Hälfte asphaltiert ist. Am wichtigsten sind dieNational Highways, die 2024 über 146.000 Kilometer umfassen, 2014 waren es noch knapp 91.000 Kilometer gewesen.[209] Sie verbinden die größten Städte des Landes untereinander. Als Schlagader gilt dieGrand Trunk Road, die vonAmritsar an derpakistanischen Grenze überDelhi nachKolkata führt. Tatsächlich ist der weitaus größte Teil derNational Highways aber nur zweispurig und zudem oft in einem katastrophalen Zustand. Problematisch bleiben die mehr als 170.000 Kilometer (Stand: 2020)[210]State Highways der Bundesstaaten, die sehr unterschiedlichen Standards genügen und in ärmeren Staaten teilweise nur einspurig sind.
2013 kamen im indischen Straßenverkehr insgesamt 238.562 Menschen ums Leben, womit Indien, hinter der Volksrepublik China, das Land mit der zweithöchsten Anzahl an Verkehrstoten weltweit ist. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im selben Jahr 3.540 Tote im Straßenverkehr. Als Gründe für die hohe Unsicherheit gelten die ungenügende Infrastruktur und rücksichtslose Fahrweise.[211]
In Indien haben bereits mehr Menschen ein Mobiltelefon als einen Festnetzanschluss. Im Juni 2006 hat die Zahl der Handynutzer die 100-Millionen-Marke überschritten. 2011 waren bereits 900 Millionen Mobiltelefone im Umlauf. Die Abdeckung lag damit bei über 70 % und Indien war der zweitgrößte Markt für Mobiltelefone weltweit.[213]
Die Verbreitung von Telekommunikation und Computern ist in Indien auch heute noch von einem starken Stadt-Land-Gefälle geprägt.
Häufig sieht man in den Straßen ein sogenanntesPublic Call Office (PCO). Dies sind öffentliche Telefone, die in der Regel an einem kleinen Straßenstand betrieben werden. Dabei handelt es sich meist nicht um einen Münzfernsprecher, sondern um ein normales Telefon, für dessen Benutzung persönlich kassiert wird. Von den üblichen PCO sind nur nationale Gespräche (STD) möglich, weshalb für internationale Gespräche (ISD) besondere, internationale PCOs aufgesucht werden müssen.
2016 nutzten 462 Millionen bzw. 34,8 % der Einwohner dasInternet in Indien. Damit war Indien nach China das Land mit den zweitmeisten Internetnutzern weltweit.[214] 2021 waren es bereits 624 Millionen oder 45 % der Einwohner.[215]
Aufwändig besticktes und mit Spiegelscherben verziertes Tuch der Meqwar, DistriktKachchh (Gujarat)
Dieindische Kultur gehört zu den ältesten und mannigfaltigsten Kulturen der Erde. Sie war prägend für ganzSüd- undSüdostasien. Der Glaube spielt in Indien, dem Ursprungsland mehrerer Religionen (Hinduismus,Buddhismus,Jainismus,Sikhismus), von jeher eine herausragende Rolle und hat so auch die Kultur des Landes entscheidend geprägt. Die geradezu unüberschaubare Vielfalt an Sprachen und Völkern hat zudem regionale Besonder- und Eigenheiten hervorgebracht. Aber auch fremde Einflüsse wie etwa derIslam oder europäische Kolonialmächte hinterließen ihre Spuren. Indien verfügt über eine enorme kulturelle Vielfalt und regionale beziehungsweise lokale Identitäten, Bräuche und Kulturen können sich sehr stark unterscheiden.
Verschiedene Kulturwissenschaftler haben sich mit der typisch indischenMentalität befasst, Selbstbild und Fremdbilder verglichen und daraus sogenannteKulturstandards des Verhaltens formuliert.
Großer Stupa von Sanchi (Madhya Pradesh)Sonnentempel von Konark (Odisha)ViktorianischeSt. Paul’s Cathedral in KolkataLotustempel in Neu-Delhi
In derArchitektur Indiens spiegeln sich die verschiedenen kulturellen Einflüsse, die das Land prägten, wider. Neben Palast- und Festungsbauten ragt vor allem die Sakralarchitektur heraus.
In frühester Zeit wurden Holz, Lehm und gebrannte Ziegel als Baumaterialien verwendet. Die ältesten erhaltenen Überreste indischer Architektur stammen aus derInduskultur, die sich hauptsächlich auf dem Gebiet des heutigenPakistan, aber auch inGujarat und dem indischen Teil desPunjab ausbreitete.
Die ältesten vollständig erhaltenen Bauwerke sindbuddhistischeStupas. Stupas sind auf einer rechteckigen Plattform stehende kuppelförmige Bauten. Im Inneren wird in der Regel eineReliquie aufbewahrt. Tatsächlich entwickelte sich der Stupa aus Grabhügeln, wie sie schon invedischer Zeit üblich waren. Jeder Teil des Stupa hat eine symbolische Bedeutung, als Ganzes stellt er den WeltenbergMeru dar. Als herausragendstes Beispiel gilt der Große Stupa vonSanchi (Madhya Pradesh) aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Des Weiteren entstanden buddhistische Klosteranlagen mit Gebetshallen(Chaitya-Halle) und Wohnzellen für Mönche(Vihara), wie in den Höhlen vonAjanta undEllora (Maharashtra, 2. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert n. Chr.). Mit dem Niedergang des Buddhismus in Indien, mit Ausnahme derHimalayaregion, ab dem 10. Jahrhundert kam die Entwicklung der buddhistischen Architektur zum Ende. Sie wurde inOst- undSüdostasien sowieSri Lanka undTibet fortgeführt.
Zeitgleich zur buddhistischen Baukunst bildete sich diejainistische Architektur heraus. Jainistische Tempel sind meist nach außen geöffnet, um Licht einzulassen. Außerdem weisen sie besonders kunstvolle, filigrane Steinmetzarbeiten auf. Zu den schönsten Beispielen gehören der Tempel vonRanakpur (15. Jahrhundert) inRajasthan und die unzähligen Bauten der PilgerstadtPalitana inGujarat. In Südindien entwickelten sich eigenständige Stilelemente. Berühmt ist das eindrucksvolleMonolithstandbild eines Asketen inShravanabelagola (Karnataka) aus dem 10. Jahrhundert.
Fürhinduistische Tempel wurden bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte ausschließlich wenig dauerhafte Baustoffe, vor allem Holz und Lehm, verwendet. Die ersten Steintempel griffen jedoch den Stil ihrer Vorgänger auf. Grundsätzlich hat jeder Bestandteil eine symbolische Bedeutung. Alle hinduistischen Tempel versinnbildlichen den Kosmos, während der Tempelturm den mythologischen Berg Meru darstellt. Dennoch entstanden ab dem 7. Jahrhundert zwei verschiedene Hauptstilrichtungen, die sich am deutlichsten in der Form des Turmes unterscheiden. Der nordindischeNagara-Stil zeichnet sich durch den bienenkorbförmigen Turm über dem Allerheiligsten aus, der alsShikhara bezeichnet wird. In Südindien dominiert derDravida-Stil, der durch einenVimana genannten, treppenförmig aufsteigenden Turm gekennzeichnet ist. Später bildete sich als weiteres Merkmal das stilistisch ähnlicheGopuram (auchGopura) über dem Eingangstor heraus. Herausragende Baudenkmäler im Nagara-Stil sind der im 10. Jahrhundert erbaute Mukteshvara-Tempel inBhubaneswar (Odisha), derSonnentempel von Konark (Odisha) aus dem 13. Jahrhundert und derTempelbezirk von Khajuraho (Madhya Pradesh) aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Die berühmtesten Dravida-Tempel stehen in dentamilischen StädtenThanjavur (Brihadishvara-Tempel, 11. Jahrhundert) undMadurai (Minakshi-Tempel, 16. bis 17. Jahrhundert). InHampi (Karnataka) sind zahlreiche Sakral- und Profanbauten erhalten. Frühe Vorläufer des Dravida-Stils aus dem 7. und 8. Jahrhundert befinden sich inMamallapuram (Tamil Nadu).
Mit dem Vordringen desIslam nach Nordindien ab dem 12. Jahrhundert entstand dieindo-islamische Architektur. FrüheMoscheen wurden häufig anstelle hinduistischer Tempel errichtet oder bezogen sogar Teile davon mit ein. Das berühmteste Bauwerk dieser Zeit ist dasMinarettQutb Minar (12. Jahrhundert) inDelhi. Im Laufe der Zeit vermischte sich die islamische Architektur mit hinduistischen Elementen zu einer eigenständigen indisch-islamischen Baukunst, die unter denMoguln zu höchster Blüte gelangte. Die prunkvolle Mogularchitektur hat einige der bedeutendsten Bauwerke Indiens hervorgebracht, etwa dasTaj Mahal inAgra (Uttar Pradesh), dasShah Jahan im 17. Jahrhundert als Grabmal für seine Frau errichten ließ, oder die Paläste vonFatehpur Sikri. Auch in anderen muslimischen Staaten Indiens entstanden kunstvolle Bauten, etwa das MausoleumGol Gumbaz inBijapur (Karnataka) aus dem 17. Jahrhundert.
Die britische Kolonialzeit gab der indischen Architektur ab dem 19. Jahrhundert neue Anstöße. Aus der Verschmelzung europäischer, islamischer und indischer Elemente ging derindo-sarazenische Stil hervor. Beispiele dafür sind derChhatrapati Shivaji Terminus inMumbai, die meisten Gebäude derindischen High Courts und auch unzählige Bauten in der ehemaligen KolonialhauptstadtKolkata. InGoa stehen Kirchen und Klöster aus derportugiesischen Kolonialzeit, die bedeutendsten davon inVelha Goa. Unter europäischem Einfluss standen auch neuere Palastbauten indischer Herrscher, wie der Amba Vilas inMysuru (Karnataka).
Rabindranath Tagore, Literaturnobelpreisträger von 1913 (Aufnahme von 1909)
Die indische Literatur ist eine der ältesten der Welt. Allerdings ist zu beachten, dass es zu keiner Zeit nur eine „indische“ Literatur gegeben hat, sondern im Gegenteil viele Literaturen der zahllosen alten und modernen Sprachen Indiens.
Die ältesten Werke wurden inSanskrit,Pali undTamil verfasst. Zu den herausragendsten Sanskrit-Werken gehören dieVeden aus dem 13. bis 5. Jahrhundert v. Chr., dieUpanishaden (etwa 700 bis 500 v. Chr.) sowie die beiden großenEpenMahabharata undRamayana. Sie haben mythologisch-religiöse Themen desHinduismus zum Inhalt. Darüber hinaus entstanden viele andere bedeutende Werke auf den verschiedensten Gebieten, etwaReligion,Philosophie,Staatskunst undWissenschaft. Mit dem Aufstieg desBuddhismus ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert wurde Pali zu einer bedeutenden Literatursprache, die unter anderem die Schriften desTheravada-Buddhismus hervorbrachte.
In Südindien entwickelte sich als erstes Tamil zur klassischen Literatursprache. Die ältesten Werke entstanden vor rund 2000 Jahren. Aus der Blütezeit des frühen Tamil stammt dieSangam-Literatur. Sie enthält neben heroischen Werken über Könige und Kriege vor allem Liebeslyrik. Später tratenKannada,Telugu undMalayalam als bedeutende Schriftsprachen hervor.
Im Mittelalter trat mit demIslam eine neue Geistesströmung auf, die großen Einfluss auf die Literatur Indiens ausübte. Sanskrit verlor mehr und mehr an Bedeutung. Aus ihm bzw. den mittelindischenPrakritsprachen gingen neue Sprachen wieHindustani,Bengalisch,Panjabi undMarathi hervor, die allesamt ihre eigene Literaturtradition entwickelten. Religiöse Dichtungen des Hinduismus wurden nun in den Regionalsprachen verfasst, die auch vom Volk verstanden werden konnten, und widmeten sich zunehmend derBhakti, der hingebungsvollen Verehrung Gottes. Herausragende Vertreter dieser neuen Literatur sind unter anderemTulsidas,Kabir undMirabai im Hindi,Dnyaneshwar im Marathi oderNarasinh Mehta imGujarati.
Bemerkenswert ist die Verschmelzung von islamisch-persischen und indischen Elementen in derUrdu-Dichtung. Einige der schönsten Liebesgedichte wurden in dieser Sprache geschrieben, die schließlich zur Hofsprache derMoguln wurde und ab dem 17. Jahrhundert zur Blüte kam. Höchsten Ruhm erlangten dieGhaseln des DichtersMirza Ghalib und die Werke des heute vor allem inPakistan verehrtenMuhammad Iqbal.
Im 19. Jahrhundert verstärkte sich der westliche Einfluss auf die indische Literatur. Unter diesen Umständen erlebte vor allem diebengalische Literatur einen Aufschwung. Ihr bekanntester Vertreter ist sicherRabindranath Tagore, der heute als Nationaldichter verehrt wird und bisher als einziger Inder denNobelpreis für Literatur erhielt. Zwei seiner Gedichte wurden später die Nationalhymnen von Indien undBangladesch. Seit dem frühen 20. Jahrhundert verwenden viele indische Schriftsteller auch dasEnglische für ihre Werke.
Dieklassische indische Musik spaltet sich in zwei Hauptrichtungen mit denselben altindischen Wurzeln: diehindustanische und diekarnatische Musik. Die hindustanische Musik in Nordindien entfernte sich ab dem 16. Jahrhundert unterpersischen Einflüssen von Südindien, wo die karnatische Musik zum vorherrschenden klassischen Stil wurde. Beiden liegen als wesentliche KonzepteRaga undTala zugrunde. Der Raga stellt die melodische Grundstruktur dar. Jeder Raga beruht auf einer gewissen Tonfolge, die eine Gefühlsstimmung vermittelt. Gespielt wird er zu einem bestimmten Tala, einer Art Taktsystem, welches den Rhythmus des Musikstückes angibt. Typische Musikinstrumente sind Saiteninstrumente wieSitar,Vina,Sarod undSarangi sowie Blasinstrumente (Bansuri,Shehnai). Als Rhythmusinstrumente dienen beispielsweise dieTabla oder – in Südindien – dieMridangam. Der Sitarspieler und KomponistRavi Shankar gilt als berühmtester Interpret der klassischen indischen Musik.
Neben der klassischen Musik verfügt Indien über reiche Traditionen der unterhaltendenVolksmusik und der religiösen Musik in den verschiedenen Landesteilen. Bekannt sind dieBhangra-Musik aus demPunjab und die bengalischenBaul-Musiker. Heute ist die traditionelle Volksmusik eher auf ländliche Gebiete beschränkt.
Größter Beliebtheit unter der gesamten Bevölkerung erfreut sich die indische Popmusik, die Merkmale sowohl westlicher als auch der Volksmusik und der klassischen indischen Musik aufweist. Eingängige Ohrwürmer aus populären Kinofilmen finden besonderen Anklang. Zu den erfolgreichsten und bekanntesten Sängern indischer Filmmusik zählenLata Mangeshkar,Kishore Kumar,Mohammed Rafi,Manna Dey undAsha Bhosle.
Nritya (Sanskrit: नृत्य) bedeutet in den indischen Traditionen „tanzen, auf der Bühne agieren, handeln, schauspielen“
ImHinduismus habenTänze von jeher eine wichtige Rolle gespielt, einerseits als getanzte Version desGebetes, andererseits um mythologische Themen darzustellen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in Indien eine ungeheure Vielfalt von klassischen Tänzen, die meist Züge des Schauspiels tragen, herausgebildet hat. Der Tanz ist eine der am höchsten entwickelten Kunstformen Indiens. Oft haben selbst kleinste Bewegungen und Gesichtsausdrücke eine sinnbildliche Bedeutung. Klassische Tänze beruhen in der Regel auf literarischen Grundlagen. Unter den klassischen Stilen ragt derBharatanatyam hervor, ein im Ursprungtamilischer, heute aber in ganz Indien geschätzter Einzeltanz. Ihm ähnlich ist der ausAndhra Pradesh stammendeKuchipudi-Tanz, der jedoch mehr schauspielerische Bestandteile hat. Eine der ausdrucksstärksten Formen des Tanztheaters entstand inKerala mit dem von Männern ausgeübtenKathakali.Mohiniyattam, ein Fraueneinzeltanz, stammt ebenfalls aus Kerala.Odissi ist der klassische TempeltanzOdishas. Auch der nordindischeKathak war ursprünglich ein Tempeltanz, der aber unter denMogulherrschernislamischen Einflüssen ausgesetzt war und sich zum höfischen Tanz entwickelte. DerManipuri aus dem nordostindischenManipur weist dagegen Einflüsse aus dembirmanischen Kulturkreis und regionale Besonderheiten auf. Er wird in der Gruppe dargeboten.
Darüber hinaus besteht in Indien eine Vielzahl von regionalenVolkstänzen. Diese werden zu den unterschiedlichsten Anlässen dargeboten, etwa zu Hochzeiten, regionalen Festen, bei der Ernte oder zu Beginn desMonsuns. Sehr bekannt sind etwa derBhangra aus demPunjab und derGarba ausGujarat.
Obwohl die Bildhauerei in Indien lange Zeit als die höhere Kunstform galt, gab es schon früh eine hoch entwickelte Tradition der Malerei. Abgesehen von vorgeschichtlichen Malereien und verzierten Keramiken aus derInduskultur stammen die frühesten Beispiele aus derGuptazeit. Diebuddhistischen Felsmalereien in den Höhlen vonAjanta gelten als Meisterwerke dieser Epoche. Spätere Werke in Ajanta sowiehinduistische,jainistische und buddhistische Darstellungen in den Höhlen vonEllora setzten den Guptastil fort.
Mit dem Auftreten desIslams ab dem 12. Jahrhundert gewann die Malerei als höfische Kunst inpersischer Tradition allmählich an Bedeutung. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichte sie mit demMogulstil des 16. bis 18. Jahrhunderts. Vor allem dieMiniaturmalerei erlebte eine Blüte. Abgebildet wurden fast ausschließlich weltliche Dinge, daher überwiegenPorträts wichtiger Persönlichkeiten des Reiches sowie Darstellungen des höfischen Lebens und bedeutender geschichtlicher Ereignisse. Auch in anderen islamisch geprägten Teilen Indiens blühte die Miniaturmalerei. So entwickelte sich an den Höfen derDekkan-Sultanate eine eigenständige Stilrichtung.
Der Mogulstil nahm auch Einfluss auf die Entstehung derrajputischen Malerei an den Höfen der vielenFürstenstaatenRajasthans. Diese widmete sich allerdings vorwiegend hinduistischen Themen, etwa der Illustration der großen Hindu-EpenMahabharata undRamayana, derPuranas sowie der Literatur mit einem historischen Verfasser. Besonders beliebt waren Darstellungen aus dem LebenKrishnas. Auf Grund der Vielzahl der rajputischen Fürstenhöfe entstanden verschiedene Malschulen. Jede Schule entwickelte zwar eigene Besonderheiten, allen sind aber die großflächige Zeichnung und die leuchtenden Farben gemein. Figuren wurden oft ohne Schatten dargestellt. Eine thematisch eigene Gattung bildeten dieRagamala genannten musikinspirierten Miniaturen.
Im westlichenHimalaya blühte im 18. und 19. Jahrhundert diePahari-Malerei. Auch sie wird von hinduistischen Motiven beherrscht. Kennzeichnend sind Landschaftsdarstellungen mit nur wenigen Figuren.
Westliche Einflüsse während der britischen Kolonialzeit brachten umwälzende Veränderungen mit sich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die traditionelle indische Malerei im Niedergang. Stattdessen versuchten Maler wieRaja Ravi Varma europäische Stile, allen voran denRealismus, nachzuahmen. Erst nach der Jahrhundertwende fanden althergebrachte Stilelemente wieder Eingang in die Werke indischer Künstler, darunter derBengalischen Schule umAbanindranath Tagore.
Die moderne Malerei Indiens greift westliche Kunstrichtungen auf, führt aber auch indische Traditionen fort und entwickelt sie weiter. Der bekannteste moderne Künstler istMaqbul Fida Husain.
Außerdem hat es in Indien schon immer eine starke Tradition der volkstümlichen Malerei gegeben. Auf dem Land werden oft Häuser aufwändig bemalt. Besonders bekannt ist dieMadhubani-Malerei ausBihar. Zunehmend findet auch die Kunst der indischen Stammesbevölkerung Anerkennung.
Der Film ist zweifellos einer der wichtigsten Bestandteile der modernen Alltagskultur Indiens. Mit mehr als 1000 Produktionen jährlich ist die indische Filmindustrie die größte der Welt. Die kulturelle, vor allem sprachliche, Vielfalt spiegelt sich daher auch in diesem Genre wider. So hat jede der großen Regionalsprachen ihre eigene Filmindustrie. DerHindi-Film bringt die meisten Produktionen hervor. Er wird inMumbai produziert und ist bezüglich seines Kommerzkinos unter dem Namen „Bollywood“ bekannt.Shah Rukh Khan,Amitabh Bachchan undRani Mukerji sind beliebte und berühmte Bollywood-Schauspieler. Auch dasbengalische,Kannada-,tamilische,Telugu- undMalayalam-Kino sind sehr beliebt und haben große Massenwirksamkeit. Die wesentlichsten Merkmale der Unterhaltungsfilme ähneln einander in allen regionalen Produktionen. Die oft mehr als drei Stunden langen Filme enthalten viele Musik- und Tanzszenen, ohne die kein kommerzieller Film vollständig wäre. Bisweilen wird die Filmmusik schon im Voraus veröffentlicht. Ist sie ein Erfolg, wird auch der Film mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Kassenschlager. Von den Schauspielern wird erwartet, dass sie tanzen können, während die Gesangseinlagen von professionellen Sängern übernommen werden. Auffällig ist auch die Mischung aus komischen, romantischen, dramatischen und Actionelementen.
Darüber hinaus findet auch dasAutorenkino viel Anerkennung. International bekannt sind etwa die beiden bengalischen RegisseureSatyajit Ray undMrinal Sen.
Alte Dorf-VolkssportartKabaddi, eine Partie inKarnataka, 2005Die traditionelle Sportart Mallakhamb(a), Malkhamb order Malkhumb (मल्लखांब)
Lagori, eine Mischung aus Bauen und Abwerfen und das MannschaftsspielKabaddi, eine Mischung aus Sprinten, Catchen und Ringen, mit Angriffen, die 30 Sekunden dauern, in denennicht geatmet (Yoga-TechnikAnuloma Viloma (अनुलोमविलोम)) werden darf, sind uralte Sportarten aus Indien, die eine Renaissance erleben.[216] An der ersten Kabaddi-Weltmeisterschaft, die 2004 inMumbai stattfand, nahmen Nationalmannschaften aus Asien, Europa und Nordamerika teil.
Die Sportart Mallakhamba, mit seinen Vor-Aśokan-Ursprünge in dem uralten Säulenkult vonPrayagraj, einer der heiligsten Orte, an dem die drei großenFlussgottheitenGanga,Yamuna undSaraswati zusammenfließen, ist sowohl eine Kunstform als auch eine Demonstration körperlichen Könnens. Abgeleitet von den WörternMalla (Ringer) undKhamb (Säule), geht sie über die konventionellen Grenzen einer Sportart hinaus und verkörpert einen ganzheitlichen Ansatz für körperliche Fitness, geistige Disziplin und spirituelle Erleuchtung. Kombiniert werden Yogahaltungen, Gymnastikübungen und Kampfsport, es trainiert besonders Koordination, Gleichgewicht, Kraft und Orientierung im Raum.[217]
Die Körperstellungen (Asanas) des etwa 2000 Jahre alten Yoga sind der im Westen bekannteste Teil des Yoga (vgl.Hatha Yoga). Autogenes Training und andere verwandte Übungsarten sind daraus abgeleitet. Yoga bereitetMeditation vor und ergänzt Religionen, obwohl es selbst keine ist. Ein Beispiel: DerSonnengruß (auch Sonnengebet), ist eine dynamische Abfolge von Bewegungen, die auch der symbolischen indischen Sonnenanbetung (Surya) entspricht. Asanas undAyurveda sind ein Bestandteil alter indischer Praktiken, die weitaus mehr als westliche die ganzheitliche Gesundheit und spirituelle Erfahrung einschließen.
Die indische Küche spiegelt sowohl die regionale Vielfalt als auch die unterschiedlichen historischen und religiösen Prägungen des Landes wider. Von einer einheitlichen Kochkultur kann daher nicht die Rede sein. Vielmehr unterscheiden sich Zutaten und Essgewohnheiten ähnlich stark voneinander wie in Europa. Allgemein nimmt Fleisch einen geringeren Stellenwert als in den westlichen Küchen ein. Die meistverzehrte Fleischsorte ist Huhn. Am beliebtesten sind Fleischgerichte noch beiMuslimen, die aber kein Schweinefleisch zu sich nehmen, während einigeHindus ganzvegetarisch leben. Rindfleisch lehnen die meisten von ihnen – ebenso wie dieSikhs – strikt ab.Jainas ist sogar der Genuss jeglicher tierischer Nahrungsmittel strengstens untersagt. Als Bratfette sind Pflanzenöle weitaus üblicher als tierische Fette.
Als Grundnahrungsmittel dienen in Nord- und Westindien nebenReis verschiedene Weißbrotsorten (Roti), deren verbreitetste VarianteChapati, ein ungesäuertes Fladenbrot ausWeizenvollkornmehl, ist. Im Gegensatz dazu wird das im Nordwesten verbreiteteNaanbrot mit Hefe gebacken. In Süd- und Ostindien ist Reis das wichtigste Nahrungsmittel schlechthin. Als Beilagen sindHülsenfrüchte wieLinsen,Kichererbsen,Straucherbsen,Urdbohnen undMungbohnen üblich. Das in der westlichen Welt als Gewürzmischung bekannte und als Sinnbild der indischen Küche angesehene Wort „Curry“ ist in Indien ein Begriff für die Zubereitungsart einer Vielzahl vegetarischer oder fleischhaltiger Gerichte in einer oft stark gewürzten Soße. Tatsächlich sind dieMasala genannten Gewürzmischungen in der indischen Küche unentbehrlich, ihre Rezeptur und Verwendung variiert jedoch je nach Region beträchtlich. Zu Currys werden häufig gewürzte süß-saureChutneys aus Gemüse und Obst gereicht. Milchprodukte, beispielsweiseGhee (Butterschmalz) undJoghurt, sind ebenfalls gängige Zutaten vieler Speisen und Soßen.
Beliebte Getränke sindKaffee,Tee,Masala Chai (Milchtee mit Gewürzen), Fruchtsäfte und Getränke auf Milchgrundlage wieLassi (ein Joghurtgetränk). Alkoholische Getränke werden von vielen Indern aus religiösen Gründen abgelehnt. In einigen Bundesstaaten ist Alkohol sogar generell nicht erhältlich. IndiensWeinimporte wachsen gemäß Daten des Uiv-Vinitaly Wine Observatory mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 12 %. Der Weinmarkt im bevölkerungsreichsten Land der Welt wird bis 2028 voraussichtlich einen Wert von 520 Millionen US-Dollar erreichen, angetrieben durch eine aufstrebende Mittelschicht, die zwischen 1995 und 2021 um 6,3 % gewachsen ist, und ein steigendes Interesse an internationalen Lebensmitteln und Getränken.[224]
AlsNationalfeiertage werden derRepublic Day (Tag der Republik) am 26. Januar, dem Tag des Inkrafttretens derVerfassung im Jahre 1950, und derIndependence Day (Tag der Unabhängigkeit) am 15. August, der an das Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 erinnert, begangen. Letzterer wird jedoch nicht so aufwändig zelebriert wie der Tag der Republik, an dem inDelhi eine große Parade stattfindet, die vom Staatspräsidenten abgenommen wird. Auch der Geburtstag des Führers der UnabhängigkeitsbewegungMohandas Karamchand („Mahatma“) Gandhi am 2. Oktober (Gandhi Jayanti) sowie mehrere religiöse Feste sind landesweite gesetzliche Feiertage. Religiöse Festtage nehmen in Indien einen außerordentlich hohen Stellenwert ein. Zu den wichtigstenhinduistischen Feierlichkeiten gehören das LichterfestDiwali,Dashahara (der Tag des Sieges vonRama über den DämonenRavana), die FrühlingsfesteHoli undVasant Panchami,Ganesh Chaturthi zu EhrenGaneshas,Raksha Bandhan (Fest der „Schützenden Verbindung“ zwischen Geschwistern) sowie viele weiterePujas zu Ehren einzelner Gottheiten.Muslime feiern etwa das Opferfest(Id al-Adha) zum Höhepunkt der Pilgerfahrt (Haddsch) nachMekka undId al-Fitr zum Ende des FastenmonatsRamadan. Der wichtigste Feiertag derSikhs,Buddhisten undJainas ist der Geburtstag ihres jeweiligen Glaubensstifters (Nanak Dev bzw.Buddha bzw.Mahavira).Christen feiern vor allemOstern undWeihnachten.
Daneben existiert eine unüberschaubare Vielzahl regionaler Feste. In der Erntezeit feiert man in ländlichen GegendenErntedankfeste wie dastamilischePongal,Lohri im Punjab oderOnam inKerala (rund imKochi), während die Menschen in anderen Landesteilen am selben TagMakar Sankranti feiern. Das Onam-Festival war anfangs religiöser Natur, heutzutage steht die Kultur und Tradition Keralas im Mittelpunkt. Ende Februar bis Anfang März findet ein siebentägiges Tanzfestival vor der Kulisse derKhajuraho Tempel, die zum Weltkulturerbe derUNESCO gehören, statt.[225]
Gemäß der Verfassung von 1950 gelten in IndienMeinungs- undPressefreiheit, auch wenn diese in Krisengebieten wieKaschmir und TeilenNordostindiens eingeschränkt sind. Aufgrund seiner pluralistischen Gesellschaft besitzt Indien jedoch eine überaus breit gefächerte Medienlandschaft.
Bei der Rangliste der Pressefreiheit 2017, welche vonReporter ohne Grenzen herausgegeben wird, belegte Indien Platz 130 von 180 Ländern und war damit besser als die Nachbarn Pakistan (139) und Bangladesch (146).[226] Im Jahr 2017 sind vier Journalisten in Indien getötet worden. Laut dem Bericht von Reporter ohne Grenzen steht der Tod der Opfer in direktem Zusammenhang mit deren journalistischer Tätigkeit.[227]
Indiens erste Zeitung, die englischsprachigeBengal Gazette, erschien 1780 inKolkata. Heute weist Indien eine äußerst vielfältige Presselandschaft auf. Die indische Presse gilt als kritisch, auch die thematische Bandbreite ist außerordentlich groß. Im Land erscheinen etwa 55.000Zeitungen undZeitschriften – mehr als in jedem anderen Land der Welt – mit einer Gesamtauflage von über 140 Millionen. Darunter sind mehr als 5000 Tageszeitungen. Die meisten Printmedien werden aufHindi verlegt, das 45 % des gesamten Pressemarktes ausmacht.Englischsprachige Zeitungen haben einen Anteil von 17 %. Der Rest verteilt sich auf über 100 Sprachen und Dialekte.
Die folgende Liste zeigt die 10 meistgelesenen Tageszeitungen in Indien 2013, lautIndian Readership Survey (IRS) – die größte englischsprachige Zeitung istThe Times of India mit über 7 Millionen Lesern (vergleiche dieListe indischer Zeitungen):[228]
Bis in die frühen 1990er Jahre war derHörfunk das dominierende elektronische Medium. Mit knapp 200 Millionen Zuhörern erreicht er jedoch inzwischen nur noch halb so viele Menschen wie das Fernsehen. Auch die Monopolstellung des staatlichenAll India Radio, das in 23 Sprachen und 179 Dialekten sendet und im ganzen Land empfangen und darüber hinaus überKurzwellenrundfunk,Satellit und perLivestream über dasInternet gehört werden kann,[229] ist durch die steigende Zahl privaterUKW-Sender längst gebrochen. In den großen Städten haben private Hörfunksender das Staatsradio bereits überholt.
DasFernsehen wurde erstmals am 15. September 1959 im Raum Delhi eingeführt. Ein regelmäßiges Programm besteht jedoch erst seit 1965. Aus Anlass derAsienspiele im Jahre 1982 in Neu-Delhi wurde das Farbfernsehen eingeführt. Im selben Jahr begann die Ausstrahlung von Fernsehprogrammen überSatellit.
Zunächst blieb das Fernsehen einer kleinen, wohlhabenden Minderheit vorbehalten, erlebte aber in den 1980er Jahren einen rasanten Zuschauerzuwachs und ist heute das mit Abstand beliebteste Massenmedium in Indien. Dem StaatsfernsehenDoordarshan, das bis 1991 eine Monopolstellung innehatte, stehen mittlerweile zahlreiche privateSatelliten- undKabelsender gegenüber. Letztere finden ihr Publikum vor allem unter der jüngeren Stadtbevölkerung. Inzwischen verfügt etwa die Hälfte der rund 100 Millionen Fernsehhaushalte über einen Kabelanschluss. Die zuschauerstärksten Privatsender sindSTAR Plus,Sony Entertainment Television, Sab TV, India TV, Colors TV undZee TV.
Das Internet ist in der indischen Mittel- und Oberschicht stark verbreitet. 2016 hatten 34 % der Bevölkerung einen Zugang zum Internet. Die Zahl der Benutzer steigt allerdings rapide an, nicht zuletzt dank derInternetcafés, die sich zusehends verbreiten. Die größeren der indischen Tageszeitungen sind mit einer Online-Version im Internet präsent. Die Zahl der Social-Media-Nutzer liegt bei 153 Millionen und ist gemessen an der Bevölkerungsgröße noch recht gering, verzeichnet dafür mit über 45 % im Vergleich zum Vorjahr eine sehr hohe Wachstumsrate, und die Zahl der Nutzer steigt kontinuierlich.
In 12.000 Verlagen erscheinen jährlich rund 90.000 Titel in über 18 Sprachen. Indien ist der drittgrößte Markt für englischsprachige Publikationen, der stark vom Wegfall eines investitionsbeschränkenden Gesetzes profitiert. Zunehmend wird Verlagsarbeit vor allem aus den Abteilungen Herstellung, Englisch und Online aus Industrieländern nach Indien verlagert (gemäßValueNotes mit 122 Milliarden INR Umsatz) besonders im Bereich wissenschaftlicher, technischer und medizinischer Fachliteratur.
Arthur Llewellyn Basham:The wonder that was India. Band 1: A survey of the history and culture of the Indian sub-continent before the coming of the Muslims. Band 2:From the coming of the Muslims to the British conquest: 1200–1700. Sidgwick & Jackson, London 1954/1987,ISBN 0-283-35457-7.
Helmut Gregor:Das Indienbild des Abendlandes (bis zum Ende des 13. Jahrhunderts). Wien 1964.
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Michael Mann:Geschichte Indiens. Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert (=UTB. 2694). Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn u. a. 2005,ISBN 3-8252-2694-8.
Bernd Rosenheim:Die Welt des Buddha. Frühe Stätten buddhistischer Kunst in Indien. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2006,ISBN 3-8053-3665-9.
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↑„Nach offiziellen Statistiken gibt es rund 17 Millionen Brunnen in Indien, und diese entziehen dem Boden doppelt so viel Grundwasser, wie auf natürlichem Wege ergänzt wird. Das rasante Absinken des Grundwasserspiegels ist die unvermeidliche Folge.“ (Rothermund:Indien. Aufstieg einer asiatischen Weltmacht, München 2008, S. 176).
↑DerIndian Easements Act von 1882 sichert das Recht auf Ausbeutung des Wassers unter dem Grundbesitz zu. Angesichts von Pumpen, die mehrere hundert Meter tief abpumpen, ist es so möglich, Bauern ihr Grundwasser zu entziehen und es ihnen danach zu verkaufen. (Rothermund:Indien. Aufstieg einer asiatischen Weltmacht, München 2008, S. 174–175).
↑Kala Seetharam Sridhar:State of urban services in India's cities : spending and financing. Oxford University Press, Oxford 2010,ISBN 978-0-19-908126-4.
↑UNFCCC:Sixth compilation and synthesis of initial national communications from Parties not included in Annex I to the Convention. Addendum: Inventories of anthropogenic emissions by sources and removals by sinks of greenhouse gases(PDF)
↑UNFCCC:Sixth compilation and synthesis of initial national communications from Parties not included in Annex I to the Convention.Seite 10 (PDF)
↑ENVIS Centre on Wildlife & Protected Areas:Protected Areas of India. Wildlife Institute of India & Ministry of Environment, Forests & Climate Change, Government of India, Januar 2019, abgerufen am 4. März 2019 (englisch). → Hinweis: Die Gesamtfläche Indiens beinhaltet die offizielle Fläche des ehemaligen BundesstaatesJammu und Kashmir: 222.000 km² im Jahr 2011 – faktisch stehen nur rund 100.000 km² unter indischer Kontrolle.
↑Ursula Bauer-Hailer, Hans Ulrich Wezel: Indien: ein Land voller Gegensätze. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, August 2006, abgerufen am 5. April 2023.
↑Kritiker, Gegner, Nutznießer: Die Rahmenbedingungen des ökonomischen Globalisierungsprozesses in Indien, Angabe des suedasien.info für 2010, online auf:suedasien.info/…
↑„Unter den rund 2 Millionen Indern in den USA befinden sich etwa 200.000 Dollarmillionäre.“ (Rothermund:Indien. Aufstieg einer asiatischen Weltmacht, München 2008, S. 291).
↑„Die Gesamtüberweisungen der indischen Diaspora nach Indien betragen zurzeit etwa 23 Mrd. US-Dollar jährlich.“ (Rothermund:Indien. Aufstieg einer asiatischen Weltmacht, München 2008, S. 291).
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↑Andreas Babst:Teuerste Wahlen der Welt / Das Oberste Gericht ordnet Veröffentlichung von Parteispendern an In Neue Zürcher Zeitung vom 18. März 2024, Seite 4 / International
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↑Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Direktion Präsidium, Frauenreferat:100 Jahre Frauenwahlrecht. Linz 2018, S. 15 (PDF: 11,5 MB, 70 Seiten (Memento vom 5. August 2018 imInternet Archive)).
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↑vgl. Konthoujam Indrakumar:Mapping India’s Look East Policy: Shifting Alignments. In: Thingnam Kisham Singh:Look East policy and India’s North East: polemics & perspectives. Center for Alternative Discourse,Manipur 2009, S. 21 f.
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