AlsImamiten (arabisch إمامية,DMGImāmīya) werden in derislamischenDoxographie diejenigenSchiiten bezeichnet, die
Die meisten imamitischen Gruppierungen gingen schon imMittelalter unter, die einzige imamitische Gruppe, die bis in die Gegenwart fortbesteht, ist dieZwölfer-Schia. Deswegen wird der BegriffImamiten heute meist alsSynonym für die Zwölfer-Schiiten verwendet. In nicht-imamitischen Quellen werden die imamitischen Gruppen auch unter der abwertenden BezeichnungRāfiditen zusammengefasst. Der arabische Begriff derImāmīya erscheint zum ersten Mal in einerzaiditischen Quelle, die vonAbū l-Hasan al-Aschʿarī (gestorben 935) zitiert wird und wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts stammt.[2]
Asch-Schahrastānī zählt in seinem BuchReligionspartheien und Philosophen-Schulen[3] die folgenden Gruppen unter den Imamiten auf:
- die Bāqirīya und die stehenbleibende Dschaʿfarīya. Sie sind nachMuhammad ibn ʿAlī al-Bāqir und seinem SohnDschaʿfar as-Sādiq (gestorben 765) benannt und meinten jeweils von diesen Personen, dass sie nicht gestorben, sondern nur entrückt worden seien.
- die Nāwusīya. Die Anhänger dieser Gruppe nahmen ebenfalls an, das Dschaʿfar noch weiter lebt und alsMahdi zurückkehren werde.
- die Aftahīya. Sie verehrten den ältesten Sohn von Dschaʿfar, ʿAbdallāh al-Aftah, der derMurdschiʾa zuneigte,[4] als siebten Imam.
- die Schumaitīya. Sie waren die Anhänger von Yahyā ibn Abī Schumait und meinten, dass sich das Imamat nach Dschaʿfar über seinen vierten Sohn Muhammad ad-Dībādsch vererbe.[5]
- die Mūsāwīya und die Mufaddalīya. Sie behaupteten, dass das Imamat nach dem Tode Dschaʿfars auf seinen SohnMūsā al-Kāzim übergegangen sei. Einige ließen das Imamat bei ihm enden.
- die stehenbleibende Ismāʿīlīya. Nach ihrer Auffassung ging das Imamat nach Dschaʿfars Tod auf seinen Sohn Ismāʿīl über, endete aber mit ihm oder seinem Sohn Muhammad. Asch-Schahrastānī unterscheidet diese Ismailiten von den „bekannten“ späteren Ismailiten, die das Imamat über verborgene Personen weiterführten und diefatimidischenKalifen als Erben dieses Imamats betrachteten.
- dieZwölfer-Schia (al-Ithnāʿašarīya). Sie gehen aus denjenigen Imamiten hervor, die das Imamat über Mūsā al-Kāzim bis zuHasan al-Askari weiterführten. Als letzterer kinderlos gestorben war, machte sich große Verunsicherung unter den Schiiten breit. Es kam zu einer Reihe von unterschiedlichen Lehrmeinungen über die Nachfolge im Imamat. Asch-Schahrastānī zählt insgesamt elf verschiedene Gruppen auf. Die Zwölfer-Schiiten, bei ihm die sechste Gruppe, behaupteten, dass Hasan al-ʿAskarī einen kleinen Sohn zurückgelassen hätte, der sich allerdings aus Angst vor seiner Tötung in die Verborgenheit zurückgezogen habe. Dieser Sohn mit dem Namen Muhammad sei der erwartete Imam.
In der frühen Abbasidenzeit begannen verschiedene imamitische Gelehrte,Hadithsammlungen zu erstellen. Sie enthalten Worte, Taten und überlieferte Verhaltensweise desPropheten, der Imāme und der ProphetentochterFātima. Die ältesten schiitischen Hadithsammlungen sind die400 Uṣūl (Prinzipien), die von Schülern des sechsten Imams Dschaʿfar as-Sādiq kompiliert wurden. Von diesen400 Uṣūl existieren einzelne Auszüge, die noch zu Lebzeiten der Imame zusammengestellt wurden. Ein weiterer bekannter imamitischer Traditionarier war Yūnus ibn ʿAbd ar-Rahmān (743–821). Er gehörte zu den Anhängern von Mūsā al-Kāzim. Der imamitische Traditionist Abū l-Hasan ʿAlī ibn Ibrāhīm al-Qummī (gestorben nach 919) stellte einenTafsīr zusammen. Dieses Werk ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe imamitische Koranexegese. Es enthält auch lange Auszüge aus demTafsīr von Abū l-Dschārūd, dem Gründer derzaiditischen Sekte der Dschārūdīya.[6]
Mehrere imamitische Traditionarier waren schon in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts inAhvaz inChusistan aktiv. Auch die imamitische Gemeinde vonRaiy geht auf diese Zeit zurück.[7]
Um die Mitte des 8. Jahrhunderts begannen imamitische Gelehrte, sich auch stärker mit demKalām zu beschäftigen. Zu den führenden imamitischen Kalām-Gelehrten des späten achten Jahrhunderts gehörten Schaitān at-Tāq (gestorben 796; von Imamiten selbst oft „Mu'min at-Tāq“ genannt) undHischām ibn al-Hakam (gestorben nach 795).[8] Um die Mitte des neunten Jahrhunderts hieltenmuʿtazilitische Ansichten in der imamitischen Schia Einzug. Zu denjenigen, die diesen Trend beförderten, gehörten der philosophisch orientierte Gelehrteal-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī sowie die Gelehrten Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿAbdallāh Ibn Mumlak al-Isfahānī und Abū Dschaʿfar Ibn Qiba ar-Rāzī (gestorben vor 931), die beide als Muʿtaziliten begonnen hatten, dann aber zur imamitischen Schia übergingen.[9]
- Meir Bar-Asher:Scripture and Exegesis in Early Imāmī Shiism. Brill, Leiden 1999.
- Josef van Ess:Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. Band 1. de Gruyter Berlin u. a. 1991,ISBN 3-11-011859-9, S. 272–403.
- Toufic Fahd (ed.):Le Shî'isme imâmite. Paris, 1970.
- Heinz Halm:Die Schia. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988,ISBN 3-534-03136-9, S. 34–47.
- Etan Kohlberg:From Imāmiyya to Ithnā-ʿAshariyya inBulletin of the School of Oriental and African Studies 39 (1976) 521–534. – Wiederabdruck in Abdullah Saeed (ed.):Islamic Political Thought and Governance. Critical Concepts in Political Science. 4 Bde. Routledge, London and New York, 2011. Bd. I, S. 319–332.
- Etan Kohlberg:Belief and Law in Imami Shi'ism. Variorum Reprints, Aldershot, 1991.
- Hossein Modarressi:Crisis and Consolidation in the formative period of Shiʿite Islam. Abū Jaʿfar ibn Qiba al-Rāzī and his contribution to Imāmite Shīʿite thought. Darwin Press, Princeton, New Jersey, 1993.
- Moojan Momen:An Introduction to Shiʿi Islam. The History and Doctrines of Twelver Shiʿism. Yale University Press, New Haven CT u. a. 1985,ISBN 0-300-03499-7.
- W. Watt: "The Significance of the early stages of Imāmī Shiism" in Nikki Keddie (Hrsg.):Religion and Politics in Iran. Shiʿism from Quietism to Revolution. New Haven 1983. S. 21–33.
- ↑aš-Šaiḫ al-Mufīd:Awāʾil al-maqālāt fī l-maḏāhib wa-l-muḫtārāt. Dār al-Kitāb al-islāmī, Beirut 1983. S. 42.Digitalisat
- ↑Kohlberg:From Imāmiyya to Ithnā-ʿAshariyya, 2011, S. 328.
- ↑Vgl.Abu-'l-Fath' Muhammad asch-Schahrastâni's Religionspartheien und Philosophen-Schulen. Zum ersten Male vollständig aus dem Arabischen übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Theodor Haarbrücker. Erster Theil. Schwetschke und Sohn, Halle 1850, S. 184–199,hier online verfügbar.
- ↑Vgl. Momen:An Introduction to Shiʿi Islam. 1985, S. 54.
- ↑Vgl. Momen:An Introduction to Shiʿi Islam. 1985, S. 55.
- ↑Bar-Asher:Scripture and Exegesis in Early Imāmī Shiism. 1999, S. 33–56.
- ↑Wilferd Madelung:Religious Trends in Early Islamic Iran. Persian Heritage Foundation, Albany 1988. S. 84
- ↑Vgl. van Ess:Theologie und Gesellschaft. 1992, S. 336–382.
- ↑Vgl. Modarressi:Crisis and Consolidation. 1993, S. 115–117.