| Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 11. Revision | |
|---|---|
| Abkürzung | ICD-11 |
| Inkrafttreten | 1. Januar 2022[1] |
| Aktuelle Version | 2026-01[2] |
| Herausgeber | Weltgesundheitsorganisation |
| Serie | ICD |
| Vorgänger | ICD-10 |
| Zweck | MedizinischeKlassifikation undStatistik |
| Lizenz | CC BY-ND 3.0 IGO[3] |
| Offizielle Website | ICD-11 |
| Deutsche Vorabfassung | ICD-11 Browser (Deutsch) |
DieICD-11 ist die 11. Version derinternationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD:International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Die ICD ermöglicht die systematische Erfassung, Analyse, Interpretation und den Vergleich vonMortalitäts- undMorbiditätsdaten, die in verschiedenen Ländern oder Gebieten und zu verschiedenen Zeiten gesammelt wurden.[4] Von allen Mitgliedstaaten derWeltgesundheitsorganisation (WHO) wird erwartet, dass sie die aktuelle Version der ICD für die Meldung von Tod und Krankheit verwenden.[5]
Die ICD-11 trat am 1. Januar 2022 in Kraft; nach einer flexiblen Übergangszeit von fünf Jahren dürfen Todesursachen bei Meldung an die WHO ausschließlich mit der ICD-11 kodiert werden.[1] Der konkrete Zeitpunkt der Einführung der ICD-11 in den klinischen Alltag in Deutschland, Österreich[6] und der Schweiz[7] ist noch offen. LautBundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird die Evaluierung und Einführung – insbesondere für die Codierung von Krankheiten – mindestens fünf Jahre dauern. Eine durch das BfArM in Kooperation mit dem Schweizer Bundesamt für Statistik[7] erstellte deutsche Übersetzung wird momentan mit den wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften abgestimmt. Dies ist laut dem Bundesinstitut ein Prozess, der „voraussichtlich noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird“.[1][8] Mit Inkrafttreten der ICD-11-Klassifikation zum 1. Januar 2022 wird auch eineneue Klassifikation der Persönlichkeitsstörungen auf den Weg gebracht, die in Deutschland zeitlich versetzt zur Anwendung kommen wird.[9][10][11]
Die ICD ist eineKlassifikation der WHO-Klassifikationsfamilie (WHO Family of International Classifications, WHO-FIC).[12] Der geografisch und geschichtlich häufigste Anwendungsfall der ICD ist die Statistik der Todesursachen. Die ICD wird auch zur Klassifizierung der Klinischen Dokumentation und als Rahmen für die Gesetzgebung verwendet.[13] Die Entwicklungsgeschichte der ICD wird in Kapitel 3.13 Annex B des Referenzhandbuchs der ICD-11 beschrieben.[14]
Die ICD-11 ist unter derCC BY-ND 3.0 IGO lizenziert.[3]
Eine statistischeKlassifizierung von Krankheiten muss auf eine begrenzte Anzahl von sich gegenseitig ausschließenden Kategorien beschränkt sein, die das gesamte Spektrum krankhafter Zustände abdecken können. Folglich enthält jede Klassifikation Restkategorien für andere und sonstige Bedingungen, die nicht den spezifischeren Kategorien zugeordnet werden können. Die folgenden Kriterien bestimmen, ob eine Entität als eindeutige Kategorie eingestuft werden kann:
Falls ein höherer Detailgrad der Kodierung benötigt wird, können weitere Codes hinzugefügt werden.[15]
Die ICD ist eine Klassifikation mit variabler Achse. Die Kapitelstruktur geht auf einen Vorschlag vonWilliam Farr aus den Anfängen der internationalen Diskussion über die Klassifizierungsstruktur zurück. Die Kapitelstruktur hat sich in der Praxis bewährt und wird für allgemeine epidemiologische Zwecke nützlicher angesehen als jede der getesteten Alternativen.[16]
Nachfolgend ist eine Tabelle mit allen Kapiteln der ICD-11 mit den zugehörigen Codebereichen zu finden:[17]
| # | Bereich | Kapitel | # | Bereich | Kapitel |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 1A00–1H0Z | Bestimmte infektiöse oder parasitäre Krankheiten | 15 | FA00–FC0Z | Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems oder des Bindegewebes |
| 2 | 2A00–2F9Z | Neubildungen | 16 | GA00–GC8Z | Krankheiten des Urogenitalsystems |
| 3 | 3A00–3C0Z | Krankheiten des Blutes oder der blutbildenden Organe | 17 | HA00–HA8Z | Zustände mit Bezug zu sexueller Gesundheit |
| 4 | 4A00–4B4Z | Krankheiten des Immunsystems | 18 | JA00–JB6Z | Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett |
| 5 | 5A00–5D46 | Endokrine, Ernährungs- oder Stoffwechselkrankheiten | 19 | KA00–KD5Z | Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben |
| 6 | 6A00–6E8Z | Psychische Störungen, Verhaltensstörungen oder neuromentale Entwicklungsstörungen | 20 | LA00–LD9Z | Entwicklungsanomalien |
| 7 | 7A00–7B2Z | Schlaf-Wach-Störungen | 21 | MA00–MH2Y | Symptome, Zeichen oder klinische Befunde, anderenorts nicht klassifiziert |
| 8 | 8A00–8E7Z | Krankheiten des Nervensystems | 22 | NA00–NF2Z | Verletzungen, Vergiftungen oder bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen |
| 9 | 9A00–9E1Z | Krankheiten des Sehsystems | 23 | PA00–PL2Z | Äußere Ursachen von Morbidität oder Mortalität |
| 10 | AA00–AC0Z | Krankheiten des Ohrs oder des Warzenfortsatzes | 24 | QA00–QF4Z | Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen |
| 11 | BA00–BE2Z | Krankheiten des Kreislaufsystems | 25 | RA00–RA26 | Schlüsselnummern für besondere Zwecke |
| 12 | CA00–CB7Z | Krankheiten des Atmungssystems | 26 | SA00–SJ3Z | Ergänzendes Kapitel für Zustände gemäß der Traditionellen Medizin |
| 13 | DA00–DE2Z | Krankheiten des Verdauungssystems | V | VA00–VC50 | Ergänzender Abschnitt für die Einschätzung der Funktionsfähigkeit |
| 14 | EA00–EM0Z | Krankheiten der Haut | X | XA0060–XY9U | Zusatzkodes |
Erweiterungscodes haben als erstes Zeichen ein X und dürfen nicht allein verwendet werden.[18]
Die Basiskomponente der ICD-11 ist eine mehrdimensionale Sammlung aller ICD-Entitäten.[19] Alle Entitäten verfügen über einen eigenenUniform Resource Identifier (URI) und haben eine bestimmte Position in einer Hierarchie von Gruppen, Kategorien und engeren Begriffen.[20] Entitäten können mehr oder weniger weit gefasst sein, etwa „Verletzung des Arms“ oder „Hautverletzung des Daumens“. Die Basiskomponente enthält die erforderlichen Informationen, um mithilfe der Entitäten eine tabellarische Liste zu erstellen. Weiterhin ist in der Basiskomponente hinterlegt, ob in einer tabellarischen Liste die Entität eine Gruppierung, eine Kategorie in einem Stammcode oder ein Einschlussbegriff in einer bestimmten Kategorie wird. In einer tabellarischen Liste werden die Entitäten der Basiskomponente zu Kategorien. Die Kategorien schließen sich gegenseitig aus und erschöpfen sich gemeinsam.[19]
Es wurde ein standardisierter Revisionsprozess eingerichtet. Die Aktualisierung erfolgt auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichen Frequenzen. Jede Person kann dem ICD einen Vorschlag für ein Update unterbreiten. Alle Änderungsvorschläge müssen über den Online-Vorschlagsmechanismus eingereicht werden. Die Vorschläge werden von Experten geprüft und durchlaufen einen Workflow. Alle Änderungen werden in Form einer Änderungsliste veröffentlicht.[21]
Mit ca. 55.000 Codes für Krankheiten und Todesursachen erhebt die ICD-11 den Anspruch, eine gemeinsame Sprache für alle Mitarbeiter im Gesundheitsbereich zur Verfügung zu stellen. Damit soll dertransdisziplinäre Austausch von medizinischen Informationen gefördert werden.[22]
Es gab mehrere Gründe für eine erneute Reformierung der Kodifizierung:
„Wissenschaftliche Aktualisierung notwendig
- Technische Umstellung auf elektronische ontologische Infrastruktur zur
- Eignung für elektronische Dokumentation
- Verbesserung der Benutzerführung
- Verbesserung der Abbildbarkeit relevanter Details
- Unterstützung mehrsprachiger Anwendungen und Übersetzungen
- Vereinfachung der Pflege der Klassifikation
- Anbindung an andere Terminologiesysteme
- Anpassung an die De-facto-Anwendungsfälle
- Einbindung von mehr Definitionen“[23]
Vorkommnisse, die die Gesundheit beeinträchtigen, können mithilfe der ICD-11 besser erhoben werden, was die Sicherheit im Gesundheitswesen erhöhen soll. So sollen z. B. mangelhafte Prozessabläufe in Krankenhäusern identifiziert und verbessert bzw. behoben werden.[22]
Darüber hinaus fanden eine Reihe von psychischen Symptomen, die im Zusammenhang mit Suchtverhalten stehen, Eingang in die ICD-11, die in derICD-10 nicht erfasst wurden, wodurch der Zugang zu Therapien sowie die Übernahme der Therapiekosten durch die Kostenträger erleichtert werden. Das umgangssprachlich alsMessie-Syndrom bekannte Zwangshorten konnte bei der ICD-10 bislang nur über den Umweg als Symptom einer anderen Zwangsstörung diagnostiziert werden. In der ICD-11 wirdPathologisches Horten als eigenes Störungsbild geführt.[24] Auch dieTrennungsangststörung bei Erwachsenen, die bisher in der ICD-10 nur im Kindesalter kodierbar war, wurde aufgenommen.
Auch die Aufnahme derComputerspielstörung oder dasBurnout-Syndrom fanden im Zuge der Revision der ICD-10 Eingang in die neue ICD-11.[25] Keine Aufnahme fand die Abhängigkeit vonsozialen Medien wieFacebook,Instagram etc. sowie die Diagnose einerInternetabhängigkeit.[25]
Die KategorieStörungen der Geschlechtsidentität, welche insbesondere aus den DiagnosenTranssexualismus undStörung der Geschlechtsidentität des Kindesalters bestand, wurde im Rahmen der Rekonzeptualisierung durch die FachbezeichnungGeschlechtsinkongruenz[26] ersetzt. Diese ist nicht alspsychische Störung eingeordnet, sondern unter Kapitel 17 als „Zustände mit Bezug zusexueller Gesundheit“.[27][28] Die DiagnoseTransvestitismus wurde nicht in die ICD-11 übernommen.[29]
Das KapitelSupplementary Chapter Traditional Medicine Conditions – Module I wurde dem ICD-11 hinzugefügt und inkludierttraditionelle chinesische Medizin (TCM), wobei die Weltgesundheitsorganisation meist die neutralere FormulierungTraditional Medicine (TM) verwendet. Die Entscheidung, T(C)M in die ICD-11 aufzunehmen, wurde weltweit von den Wissenschaftlern scharf kritisiert, die sie alsPseudowissenschaft bezeichneten. In Leitartikeln der ZeitschriftenNature undScientific American wurde erläutert, dass einigen TM-Techniken und -Kräuter eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit besäßen, dass jedoch auch TM im ICD-11 enthalten seien, die entweder keine Wirksamkeit besäßen oder sogar ausgesprochen schädlich seien. Die Aufnahme des TM-Kapitels stünde im Widerspruch zu den wissenschaftlichen, evidenzbasierten Methoden, die normalerweise von der WHO verwendet werden. Beide Leitartikel beschuldigten die chinesische Regierung, die WHO zu drängen, die TCM einzubeziehen; die TCM ist ein milliardenschwerer, globaler Markt, der von China dominiert wird.[30][31]
Im Februar 2025 folgte die Implementierung des zweiten Moduls, namens TM2. Dieses Modul beinhaltet Konzepte der traditionellen HeilverfahrenAyurveda,Siddha undUnani.[32] Es ist geplant, ein drittes Modul (TM3) zu implementieren, das sich mitHomöopathie befasst. Darüber hinaus ist die Implementierung eines vierten Moduls (TM4) vorgesehen, das „andere TM-Systeme mit unabhängigen diagnostischen Bedingungen“ abdeckt. TM3 und TM4 wurden zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht.[33]
Portale:
ICD-11 Browser und Kodiertool: