Hypertext (IPA:ˈhaɪ̯pɐˌtɛkst,anhörenⓘ/?; Wortbildung ausaltgriechischὑπέρhyper-, deutsch‚über, oberhalb, über … hinaus‘ undlateinischtexere‚weben, flechten‘) ist einText mit einernetzförmigen, dynamischen Struktur, in der die gewohnte Ordnung (lineare Sequenzialität) statischer gedruckter Publikationen technisch aufgebrochen wird.
Vom typischen Buch unterscheidet er sich dadurch, dass er nicht dafür geschrieben ist, von Anfang bis Ende in der veröffentlichten Reihenfolge gelesen zu werden. Er wird inAuszeichnungssprachen geschrieben, die neben für den Leser nicht sichtbarenGestaltungsanweisungen auchHyperlinks enthalten, alsoQuerverweise zu entfernten Textpassagen oder anderen Dokumenten imNetzwerk. Die gebräuchlichste Auszeichnungssprache für Internetdokumente ist dieHypertext Markup Language (HTML), die allgegenwärtig ist. Ein Hypertext kann informatisch als Netz ausHypertext-Knoten beschrieben werden, die durchHyperlink-Kanten verbunden sind.
Jeffrey Conklin untersuchte 1987 systematisch die Eigenschaften von 18 Hypertext-Systemen und bildete aufgrund typischer Anwendungsfälle vier Systemklassen:[2]
makro-literarische Systeme, die maschinenunterstützt den Umgang mit großen Online-Bibliotheken erleichtern und als Plattform für alle relevanten Arbeitsschritte wie Veröffentlichen, Lesen, Zusammenarbeiten und Kritisieren dienen sollen.
Heuristische Werkzeuge (problem exploration), mit deren Hilfe die erste unstrukturierte Ideenfindungsphase eines Arbeitsprozesses überführt werden kann in Entwurfserstellung, Problemlösen, Programmierung oder Design.
Lese-Systeme (browsing systems), die vor allem niedrigschwellig nutzbar sein sollen, um in der Lehre, zum Nachschlagen oder an öffentlichen Orten eingesetzt zu werden.
Generelle Hypertext-Technologie, die vor allem experimentellen Zwecken dienen soll.
Nicht jede Eigenschaft des Hypertextes ist eine Innovation des 20. Jahrhunderts. Bereits einige imAufschreibesystem derNeuzeit eingeführten und verwendeten Erschließungshilfen für traditionelle lineare Texte wieInhaltsverzeichnisse,Indizes,Querverweise undFußnoten und andereVerweissysteme lassen sich funktional bestimmten Schreib- und Editionstechniken des Hypertextes zuordnen. Im Unterschied zudigitalen Hypertext-Systemen müssen bei materiellen Texten jedoch die Verweisziele vor Ort präsent sein, damit der Leser dem Verweis folgen kann, und das Verfolgen der Verweise kann nicht mechanisiert vorgenommen werden.
Paul Otlet, 1895 Mitgründer desOffice International de Bibliographie in Brüssel, Herausgeber der Universalklassifikation und ein Vordenker desVölkerbunds, gilt aufgrund seiner systematischen Bemühungen um eine Universalbibliothek mit einer Universalbibliographie (demMundaneum) als früher Pionier des Hypertextes.[3]
Das moderne Hypertext-Konzept wurde 1945 vom US-amerikanischen Wissenschaftsorganisator und PolitikberaterVannevar Bush in dem AufsatzAs We May Think vorgestellt, der in der ZeitschriftThe Atlantic Monthly erschien.[4] Ausgehend von der forschungspolitischen Forderung, im Dienste der globalen und friedlichen Verbesserung der Lebenszustände der Menschheit die wissenschaftliche Zusammenarbeit zu verbessern und geschickter zu koordinieren, stellt Bush das Konzept für denMEMEX (Memory Extender) vor, eine vernetzte Schreib-/Lesemaschine, die niemals tatsächlich konstruiert wurde. ImMEMEX kann die gesammelte Literatur eines bestimmten Gebietes elektronisch aufbereitet leicht zugänglich dargestellt, zitiert und annotiert werden. Zitationen und Annotationen können hierbei zwischen einzelnen Geräten und Nutzern ausgetauscht werden. Eine zentrale Funktion ist der Wechsel zwischen Texten, um zum Beispiel Fußnoten undVerweisen zu folgen, wobei die „Lesespur“ des MEMEX-Nutzers elektronisch festgehalten und jederzeit nachverfolgt werden kann. Eine der Prognosen Bushs ist, dass auf diesem Weg auch „Enzyklopädien ganz neuen Typs“ entstehen würden.
Eine Dateistruktur für das Komplexe, das Veränderliche und das Unbestimmte
Folie von Jacob Voss, WikiMania 2010 – Gdańsk. Enthält passende Abbildungen.
DerPhilosoph undInformatikerTed Nelson (Projekt Xanadu) prägte den BegriffHypertext im Jahr 1965 in einem veröffentlichten Vortrag vor der AmerikanischenAssociation for Computing Machinery (ACM) mit dem TitelA File Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate (deutschEine Dateistruktur für das Komplexe, das Veränderliche und das Unbestimmte). Ausgehend von den Verrichtungen, Verfahren und Werkzeugen, die in der bekannten analogen Textproduktion eingesetzt werden, beschreibt er eine computerbasierte Schreibmaschine, die alle bisher bekannten und genutzten Techniken als Universalwerkzeug vereint und sinnvoll erweitert. Als Erweiterungen schlägt er einVersionierungssystem, technische Unterstützung kollaborativer Textproduktion, Zitationsobjekte und ein System der bedarfsabhängigen Textmontage vor. Seine technologischen Vorschläge fußen hierbei auf der philosophischen Überzeugung, dass sich selbst kognitive Kategorien dynamisch verändern, und deshalb ein Schreibsystem dynamisch angepasst werden können sollte.[5] Man kann zu Recht Nelsons Entwurf mit der realisiertenWikipedia (oder derMediaWiki-Software) vergleichen.[6] Nelson selbst nennt sein ideales kollaboratives dynamisches System denDream File, dessen technische Seite einEvolutionary List File (ELF) auf Grundlage von sehr einfach strukturierten „gezipperten“ Listen sei.
Der ersteWebserver der Welt, entwickelt und implementiert von Berners-Lee auf einemNeXTcube-ComputerTypen von HyperlinkstrukturenEin sehr simples HTML-Dokument
Das erste Hypertextsystem, das aufgrund seiner Praxistauglichkeit handhabbar war, wurde 1989 vom britischenPhysiker und Informatiker SirTim Berners-Lee an derEuropäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf entwickelt. Berners-Lee schlug der Leitung des CERN erfolgreich vor, durch ein verbessertes Informationsmanagement rund um die durchgeführten Experimente Datenverlust und Mehrfacharbeit zu verringern. Technisch sollte dieses neue Informationsmanagement mit Hilfe von einer netzwerkförmigen Datenstruktur mit einemClient-Server-Modell umgesetzt werden, deren Sprache Hypertext sein sollte. Berners-Lee hoffte, auf diese Weise die Beschränkungen und Probleme von hierarchischen„Baum-Systemen“ und„Schlagwortkatalogen“ (keywords) zu umgehen.[7] Aus diesem historischen Vorschlag entwickelte sich dasWorld Wide Web (WWW), dessen Struktur und dessen Beschreibungssprachen bis heute vomWorld Wide Web Consortium unter der Leitung von Berners-Lee gepflegt und weiterentwickelt werden.
Hypertext codiert im Vergleich zu linearen Informationsdarstellungen komplexe Informationen vergleichsweiseredundanzarm. Redundanzfreiheit spart Speicher und Übertragungsbandbreite und vereinfacht die Wartung und Aktualisierung von Inhalten, weil ein zentral hinterlegter Wert nur einmal geändert werden muss, um an allen Stellen angezeigt zu werden, die mit dem Wert verknüpft sind.
Dieassoziative Struktur eines Hypertextes scheint mehr der Funktionsweise des menschlichenDenkens zu ähneln als reinlineare Texte. Der PädagogeRolf Schulmeister verweist in diesem Zusammenhang auf die „kognitive Plausibilitätshypothese“.[8]
Konkrete Hypertextsysteme und technische Vorläufer
Das in der Gegenwart am weitesten verbreitete Hypertext-System ist derInternetdienstWorld Wide Web (WWW), der 1989 von SirTim Berners-Lee am CERN vorgeschlagen wurde. Die Auszeichnungssprache, diestandardisiert verwendet wird, ist dieHypertext Markup Language (HTML). Die technischen Spezifikationen und versionierten Weiterentwicklungen werden vom international anerkanntenWorld Wide Web Consortium (W3C, unter Vorsitz von Sir Tim Berners-Lee) vorgeschlagen und typischerweise in internationale und nationale Normgebungsverfahren übernommen. Das WWW erlaubt auch das Einbinden von nichtsprachlichen Datentypen wie Bildern, ist also streng genommen einHypermedia-System.
Emanuel Goldberg patentierte 1931 in den USA die „Statistische Maschine“, die mit Hilfe von Lichtstrahlen und photoelektrischen Röhren addieren, sortieren und andere „statistische Operationen“ ausführen sollte.[9] Diese Erfindung kann mit der Entwicklung des MEMEX in Verbindung gebracht werden.
Roberto Busa gilt als einer der Pioniere der wissenschaftlichen Anwendung der EDV in den Geisteswissenschaften (Digital Humanities) und war ab 1946 Herausgeber des Index Thomisticus, einer 56-bändigen Erschließungshilfe für die WerkeThomas von Aquins mit 70.000 Seiten.[10] Busa konnte durch den Einsatz von IBM-Technik die Dauer der Edition von vermuteten vierzig auf sieben Jahre reduzieren. Sein System kann als hypertextförmig beschrieben werden.[11]
HyperCard vonApple wurde als Teil der Softwareausstattung desMacintosh ausgeliefert und war damit früh einer größeren Nutzergruppe zugänglich.
Als literarischer Vorreiter des Hypertextes gilt der österreichische SchriftstellerAndreas Okopenko, der mit seinemLexikon-Roman den ersten literarischen Hypertext in Buchform bereits 1970 vorlegte.[12] DerLexikon-Roman wurde 1998 in Zusammenarbeit zwischen dem Autor, dem KollektivLibraries of the Mind und dem KomponistenKarlheinz Essl junior alsELEX – Elektronischer Lexikon-Roman auf CD-ROM veröffentlicht.[13]
Einefiktionale Erzählung, welche mit und für die Hypertextstruktur geschrieben wird, bezeichnet man alsHyperfiction. Diese kann wieAfternoon – A story (1987) vonMichael Joyce auch in Printform alsOffline-Hyperfiction veröffentlicht werden.
Ein Problem beim Arbeiten mit Hypertext ist dasgezielte Auffinden von Informationen. Währendliterate Menschenüber Jahrhunderte in der Rezeption vonlinearen Texten geschult worden sind, begann man erst mit der zunehmenden Verbreitung desWorld Wide Web seit Mitte der 1990er Jahre den Umgang mit komplexen Hypertexten zu erlernen. Hilfsmittel wieSuchmaschinen und Suchfunktionen auf den Webseiten unterstützen den Nutzer.
Technisch fehlen dem WWW wichtige Funktionen früherer Hypertextsysteme. So ist zum Beispiel das Problem der so genanntentoten Links im WWW ungelöst, die nicht oder nicht mehr zum gewünschten Ziel führen. Auch die Einführung derUniform Resource Identifiers (URIs) ist über die im Web gebräuchlichenURLs nur unvollständig erfüllt.
Ein weiteres Problem ist das Navigieren in Hypertexten, da vor allem in den Anfangsjahren häufig eine vom Autor vorgegebene Lesestruktur (zum Beispiel eineGuided Tour) fehlte. Heute verfügen Hypertexte in der Regel über eine ausgefeilteNavigation. Als Folge eines Übermaßes an Querverweisen kann ein sogenannterInformation Overload, die Überflutung mit ungeordneten Informationen und eine Desorientiertheit im weit verzweigten Netz von Texten (Lost in Hyperspace) entstehen. Die Lesegewohnheiten spielen hierbei eine wichtige Rolle. So haben online-affine Nutzer weniger Schwierigkeiten damit, das Lesen eines Textes zu unterbrechen, um einem Querverweis zu folgen. Problemlösungsansätze bieten virtuelleMindmaps und Web-Ontologien. Erst in Ansätzen gelöst ist das Problem derVisualisierung von Hypertexten, also die grafisch aufbereitete Darstellung der typischerweise netzwerkförmigen und daher nicht hierarchisch präsentierbaren Struktur eines Hypertextes (siehe auchHyperbolic Tree).
In Hypertext ist die Reihenfolge variabel, in der Wortschaftbestandteile (lexia) präsentiert werden. Marie-Laure Ryan vertritt die Ansicht, dass die Beschreibung von Hypertext alsnicht-linear nicht ganz zutreffend sei, denn was im Leseprozess ausgewählt wird, behalte dennoch eine lineare Ordnung (sequential order). Stattdessen schlägt Ryan für diese Eigenart der Hypertexte den Begriffmultilinear vor.[14]
Theodor Holm Nelson:Complex Information Processing: A File Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate. ACM, New York NY 1965,S.84–100,doi:10.1145/800197.806036.
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Tilman Baumgärtel (Hg.):Texte zur Theorie des Internets. (=Reclams Universal-Bibliothek 19476). Reclam, Ditzingen 2017,ISBN 978-3-15-019476-8.
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↑Marie-Laure Ryan:Narrative and Digitality: Learning to Think With the Medium. In: James Phelan, Peter J. Rabinowitz (Hrsg.):A Companion to Narrative Theory. Blackwell Publishing, Malden MA / Oxford 2005; paperback edition: 2008,ISBN 978-1-4051-1476-9, S. 515–528;Inhaltsverzeichnis (PDF).