Harold Radford Coachbuilders (kurz:Radford) war ein britischerKarosseriehersteller, der zwischen 1948 und 1975 Sonderaufbauten fürRolls-Royce,Bentley undAston Martin produzierte. Besondere Bekanntheit erlangten Radfords Shooting-Brake-Versionen auf der Basis früher Aston-Martin-Coupés. Ein über Jahrzehnte einträgliches Geschäft waren außerdem die Konversionen diverserMinis.

Das Unternehmen hat seinen Ursprung in der Londoner Karosseriewerkstatt Seary & McReady. 1948 hatte derLondoner Rolls-Royce- und Bentley-Händler Harold Radford eine Sonderkarosserie für ein Bentley-Chassis entworfen, mit deren Herstellung er Seary & McReady beauftragte. Das Fahrzeug – ein als BentleyCountryman bezeichneterKombi – erwies sich als so erfolgreich, dass Radford mehrere Nachbauten herstellen ließ. 1950 übernahm Radford schließlich die Mehrheit an Seary & McReady und änderte den Firmennamen in Harold Radford Coachbuilders. In den folgenden Jahren stellte das Unternehmen zahlreiche weitere Countryman-Modelle her, die allerdings erheblich von der ursprünglichen Konzeption abwichen. Ab 1958 wurde das Unternehmen vorübergehend in die Swain Gruppe eingegliedert, bevor sie 1965 an die Unternehmensgruppe Bremer verkauft wurde.[1]
Mit der Einführung desRolls-Royce Silver Shadow endete die Produktion von Countryman-Modellen. Radford wandte sich ab 1963 schwerpunktmäßig der Veredelung von Mini-Fahrzeugen zu, die bis 1975 ein wesentliches Standbein des Unternehmens darstellte. Daneben entstanden einzelne Sonderaufbauten für Aston Martin. 1967 folgte dieInsolvenz. Das neu gegründete Nachfolgeunternehmen firmierte, nachdem es den ehemaligen KonkurrentenFreestone & Webb übernommen hatte, wenig später unter Radford Freestone & Webb und setzte die Produktion von Mini-Konversionen fort. Zu Beginn der 1970er Jahre stand Radford durch erfolgreiche Konkurrenten zunehmend unter dem Druck, allen voranWood & Pickett, die ihrerseits Mini-Konversionen anboten, im Gegensatz zu Radford aber auch andere Fahrzeuge veredelten. 1975 stellte Radford den Betrieb ein, 1977 wurde das Unternehmen aufgelöst.
Zwischen 1990 und 2000 kehrte der Name Radford auf den Automobilmarkt zurück. Der britische DesignerChris Humberstone hatte die Namensrechte übernommen und vermarktete unter der alten Radford-Bezeichnung De Ville aufgewertete Minis. Die handwerkliche Herstellung wurde allerdings von externen Betrieben übernommen.[2]

Das erste Fahrzeug, das die BezeichnungRadford Countryman trug, war ein 1948 vorgestellter zweitüriger Kombiwagen auf Basis desBentley Mark VI bzw. desRolls-Royce Silver Dawn. Der später „Mark I“ genannte Typ hatte Holzverkleidungen an den Seitenteilen der Karosserie und wies einen langen hinteren Überhang auf. Der Countryman gewann 1948 beim Concours d´Elegance inCannes den ersten Preis. Bis 1950 wurden insgesamt acht Exemplare dieses Typs bei Seary & McReady hergestellt.[3]
Nachdem Radford durch die Übernahme von Seary & McReady selbst zum Karosseriehersteller geworden war, änderte er das Konzept des Countryman grundlegend. Anlass dafür war der Umstand, dass Rolls-Royce inzwischen nicht mehr nur bloße Fahrwerke, sondern auch werksseitige Aufbauten anbot. Der serienmäßige Stahlaufbau der Silver Dawn- bzw. Mark VI-Limousine blieb weitgehend unverändert; allerdings installierte Radford eine große Heckklappe, die sich zweigeteilt nach oben und nach unten öffnete. Der auf diese Weise voll zugängliche Kofferraum konnte auf Wunsch mit Picknick-Utensilien oder auch mit ausklappbaren Sesseln ausgerüstet werden. Hiervon entstanden 37 Fahrzeuge.[4]
Auch Fahrzeuge der Bentley-S-Series bzw. desRolls-Royce Silver Cloud wurden in unterschiedlichem Ausmaß von Radford überarbeitet. Von dem Modell Silver Cloud entstanden insgesamt vier Umbauten. Einzelne erhielten ein Kombi-Heck,[5] andere wurden nur im Innenraum mit Picknick-Utensilien ausgestattet.[6][7] Sofern die Wagen ein Kombi-Heck erhielten, erfolgte der Karosserieumbau beiH. J. Mulliner & Co., während Radford jeweils den Innenausbau vornahm.[8]

Von 1963 bis 1975 stellte Radford in größerer Zahl Umbauten desMini her, die alsMini De Ville vermarktet wurden. Die Fahrzeuge erhielten einen aufgewerteten Innenraum mit einer Leder- und Holzausstattung; auch die Karosserie wurde durch einige Anbauteile wie z. B. spezielle Stoßstangen überarbeitet. Einige Fahrzeuge wurden außerdem mit übereinander stehenden Doppelscheinwerfern ausgerüstet, die überwiegend vonMercedes-PKWs kamen.[9] Radford verbesserte zudem die Geräuschisolierung. In seiner hochwertigsten Version alsDe Ville GT erhielt der Mini außerdem eine große einteilige Heckklappe, die seine Praktikabilität gegenüber dem Serienfahrzeug erheblich erhöhte.[10]
Abgesehen von den De Ville-Versionen erfüllte Radford beim Umbau von Minis auch spezielle Kundenwünsche. Für den autobegeisterten SchauspielerPeter Sellers und dessen EhefrauBritt Ekland etwa konstruierte das Unternehmen einen Mini mitSchrägheck.

1964 und 1965 stellte Radford in 12 Exemplaren einen zweitürigen Kombi auf der Basis desAston Martin DB5 her, der die BezeichnungShooting Brake (Jagdfahrzeug) erhielt. Die Fahrzeuge hatten eine verlängerte Dachlinie, ein Steilheck und eine lange Seitenscheibe zwischen der B- und der C-Säule. Auch andere Karosseriebauunternehmen produzierten Shooting Brakes auf dieser Basis – unter ihnenCoachwork FLM Panelcraft –, die Radford-Versionen wurden aber zumeist als die gelungensten Entwürfe angesehen.[11] Die DB5-Shooting Brakes von Radford galten als die schnellsten, luxuriösesten und teuersten Kombis ihrer Zeit.[12]
Ab 1966 entstanden sieben Shooting Brakes auf der Basis des neu vorgestelltenAston Martin DB6. Sie unterschieden sich von der DB5-Version durch eine steiler stehende, mit einer Abrisskante versehene C-Säule.[13]
Radford war außerdem alsSubunternehmer für andere Werke tätig und fertigte daneben auch kleinere Konversionen im Kundenauftrag. So baute das Unternehmen einige Prototypen auf, unter ihnen 1966 denAlvis GTS „Gladys“ fürRover.[14] EinigeAlvis TD 21 baute Radford zuFisherman-Versionen um, sodass sie eine komplette Angelausrüstung im Kofferraum transportieren konnten.[15]
Mitte der 1960er-Jahre überarbeitete Radford auch einige Coupés der BaureiheAlfa Romeo Giulia GT. Sie wurden mit einer hochwertigen Innenausstattung versehen und äußerlich geringfügig verfremdet. Einer der Kunden war der Schauspieler und AutomobilliebhaberPeter Sellers.[16][17]