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Handel

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Dieser Artikel behandelt den Güteraustausch – zu anderen Bedeutungen sieheHandel (Begriffsklärung).
Wojciech Gerson:Hansischer Handel des 17. Jahrhunderts in Danzig, 1865

AlsHandel, veraltet auchKommerz, wird die wirtschaftlicheTätigkeit des Austauschs vonmateriellen oderimmateriellen Gütern (Handelsobjekten) zwischenWirtschaftssubjekten von derProduktion bis zumKonsum oder einer anderweitigen Güterverwendung bezeichnet. Als natürliche Erweiterung derArbeitsteilung, die sich zuBerufen entwickelte, ist der Handel für alle Kulturen der Welt nachweisbar und ein essentieller Bestandteil der menschlichen Gemeinschaft und Entwicklung.

Allgemeines

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Jacques Accarias de Sérionne:Intérêts des Nations de L’Europe, dévélopés relativement au Commerce. 1766

Materielle Güter sind insbesondereWaren undCommodities, immaterielle Güter sindDienstleistungen (Handelsvertreter),Forderungen (Kredithandel),Finanzprodukte (Devisenhandel) oderKonzessionen,Lizenzen,Patente,Warenzeichen,Markenzeichen, gewerblicheSchutzrechte,Firmenwerte undUrheberrechte. DerGroß- oderEinzelhandel mit materiellen Gütern ist typischerweise sehrvorratsintensiv, sodass hiermit hoheLagerrisiken undKapitalbindung verbunden sind. Als am Handel teilnehmende Wirtschaftssubjekte kommenUnternehmen,Privathaushalte oder derStaat mit seinen Untergliederungen in Frage.

Handel ist in dieser Form der Austausch von Gütern und Dienstleistungen ohne derenBe- oder Verarbeitung zwischen Wirtschaftssubjekten.[1] Handel oder speziell derWarenhandel umfasst denAnkauf von Waren von verschiedenenHerstellern bzw.Lieferanten, dieBeförderung, Bevorratung und Zusammenführung der Waren zu einem Sortiment sowie ihren Verkauf an gewerbliche Abnehmer (Großhandel) oder an nicht-gewerbliche Abnehmer (Einzelhandel), ohne dass die Waren wesentlich verändert oder verarbeitet werden. Die Handeltreibenden (Handelsunternehmen) werden in der Regel in der Absicht derGewinnerzielung tätig. Diemarktwirtschaftliche Leistung des gesamten Handels wie jedes einzelnen Handelsbetriebs liegt in der permanenten Gestaltung und Organisation von vier Märkten, das sind der Absatzmarkt, der Beschaffungsmarkt, der Konkurrenzmarkt und der interne Markt. Die Tätigkeit der Handelsbetriebe stellt eine produktiveDienstleistungsui generis dar. Im Unterschied zu Produktionsbetrieben werden im Handel – abgesehen von gewissen branchenüblichen Veredelungen – keine neuen materiellen Güter hergestellt; von reinen Dienstleistungsbetrieben unterscheiden sich die Handelsbetriebe durch das Warengeschäft und die damit einhergehendeLagerhaltung.

Häufig tritt der Handel in Verbindung mit produzierenden Tätigkeiten (z. B. Handwerkshandel) oder Dienstleistungen (z. B. Wertpapierhandel) auf. Neben dem Warenhandel können handelsähnliche Geschäfte auch mit anderenGütern wieKapital,Dienstleistungen oderWissen betrieben werden. Gehandelt werden meistknappe Güter. Diese Knappheit ist u. a. darin begründet, dass ein natürlicherRohstoff nur in manchen Gegenden vorkommt, dass Produktion und Konsum zeitlich oder mengenmäßig auseinanderfallen oder dass bestimmte Waren nur von vielen Menschen in einemarbeitsteiligen Geflecht hergestellt werden. Mit zunehmender Globalisierung und Differenzierung der Gesellschaft wächst die Notwendigkeit, dass die „Beschaffungs- und Absatzspezialisten“ des Handels märkteorganisierend tätig werden.

Der Handel istErkenntnisobjekt der speziellenBetriebslehre derHandelsbetriebslehre.[2]

Arten

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Obsthandel auf einem lokalenMarkt inDhaka, Bangladesch

Man unterscheidet allgemein zwischenPräsenzhandel,Versandhandel,Fernabsatz undOnline-Handel. Während sich beim Präsenzhandel (etwa derSupermarkt)Kunde undHändler unmittelbar gegenüberstehen und Waren undZahlung direkt miteinander austauschen, benötigen die anderen Handelsarten noch Vermittlungsinstitutionen wieSpediteure (für dieWarensendung) oderKreditinstitute (für dieBezahlung). Hierdurch entstehen für beideVertragspartnerErfüllungsrisiken, die durch bestimmte Maßnahmen vermindert oder ganz ausgeschaltet werden können (sieheSettlement).

Rechtlich gesehen werden unter HandelspartnernVerträge geschlossen. Zwischen den am Handel beteiligten Partnern besteht eineHandelsbeziehung. Es kann zwischenBinnenhandel (lokaler, regionaler, nationaler Handel) undAußenhandel (Fernhandel) unterschieden werden. DerLändergrenzen überschreitende Handel zwischen Handelspartnern in der Europäischen Union zählt zum EU-Binnenhandel.

Handelsfunktionen

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Als Bindeglied zwischenProduktion undVerwendung erfüllt der Handel nachKarl Oberparleiter (1955) folgende Funktionen:[3]

Damit übernimmt der Handel die Überbrückung räumlicher, zeitlicher, mengenmäßiger und qualitativer Spannungen zwischen Produktion und Konsum.[10]

Begriffsgeschichte

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Bei der Definition von Handel ist es nach Rudolf Seyffert unerheblich, ob diese Funktion von selbständigen Institutionen (Handelsunternehmen,Handelsbetrieben, Handlungen) oder von angegliederten Institutionen (Produzentenhandel, Handwerkshandel, landwirtschaftlicher Handel, Konsumentenhandel, staatlicher Handel) erfüllt wird.

Während in frühen primitiven Gesellschaften dieser Güteraustausch als Tausch von Ware gegen Ware (Tauschhandel,Naturaltausch) stattfand, kennen die entwickelten modernenGeldwirtschaften praktisch nur noch den Handel in der Form des Ankaufs und Verkaufs vonWare gegen Geld (Handelsgeschäft). Der Begriff „Handel“ (auch „Kramhandel“) taucht zwar schon im 15. Jahrhundert auf, tritt jedoch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts – und somit in der Entstehungs- und ersten Blütezeit des städtischen Handels und des Fernhandels – hinter andere Begriffe wieKaufmannschaft, Handlung, Commercien oderKommerz zurück.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird Handel in dem heute auch von derHandelsbetriebslehre verwendeten engeren Sinn verstanden als der gewerbsmäßige Ankauf von materiellen Gütern (Handelsware) und deren Verkauf ohne wesentliche Be- oder Verarbeitung (Warenhandel). „Warenhandel ist Warenumsatz, Warenverkehr, Warenumschlag. Diese Umsatzleistung ist die den Handel bestimmende Grundfunktion.“ (Rudolf Seyffert) Handelsunternehmen sind diejenigen Institutionen, die diese Grundfunktion (und weitere Handelsfunktionen)[11] a) gewerbsmäßig, b) ausschließlich oder überwiegend, c) im eigenen Namen sowie d) auf eigene Rechnung und eigenes Risiko ausüben. Sie sind damit die Spezialisten der Beschaffungs- und der Absatzwirtschaft.

Die genannten Definitionen lassen jedoch die spezifische Bedeutung des Handels für die Marktwirtschaft noch nicht erkennen. Diese wird in folgender Umschreibung deutlicher: „Handel ist permanente und simultane Organisation von Absatzmärkten für verschiedene Anbieter von Waren und von Beschaffungsmärkten für verschiedene Nachfrager nach Waren und Diensten.“[12] Damit leistet der Handel etwas Konstitutives für dieMarktwirtschaft, das kein anderer gewerblicher Sektor leistet: Handel generiert Märkte, und zwar keine abstrakt-gedanklichen, sondern konkrete Orte des Waren- und Diensteaustauschs. Das gilt für den stationären Handel wie für denVersandhandel und denOnline-Handel mit ihren zeit- und ortsungebundenen Absatz- und Beschaffungsgelegenheiten.

Außer den im engeren Sinn Handel treibenden Institutionen sind handelsähnliche Institutionen am Güteraustausch beteiligt, z. B. Handelshilfsgewerbe,Handelsvertretungen, Kommissionsagenturen undKommissionäre.

Vorgeschichte

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Die Verbreitung von Produkten sagt nichts über die Art und Weise ihres Transports aus. In der Betrachtung derUr- und Frühgeschichte wird Handel daher mangels ausreichender Befundlage gleichgesetzt mit dem Ferntransport von Gütern, meist Rohstoffen, welche am Fundort natürlicherweise nicht vorkommen und (nach langer Zeit) durch Archäologen noch identifizierbar sind, wieFeuerstein oderMuschelschalen undSchneckenhäuser (siehe auchKaurigeld). Dieser Definition entsprechend betrieb derHomo sapiens Handel schon sehr lange.[13][14][15] Im Gegensatz dazu fehlt fürNeandertaler jeder Nachweis des Gebrauchs von Gegenständen aus einer Entfernung von über 50 Kilometern.[13] Daher kann angenommen werden, dass dem Neandertaler die Befähigung zum Handel fehlte.[13] Es wird vermutet, dass sich dieser Unterschied für Neandertaler eher nachteilig auswirkte[13][16]; dies unterstreicht die Bedeutung des Handels für den modernen Menschen.

Einen deutlichen Beleg des bereits entwickelten Handels aus derJungsteinzeit stellenFeuersteinstraßen dar.

Eines der ersten Schriftstücke der Menschheit – der mesopotamischeCodex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. – behandelt vorzugsweise Eigentum und Handel, etwa ein Drittel der Textstellen enthält Regeln zum Handel und zur Behandlung vonSklaven, einem kostbaren Handelsgut.[17][18] Bereits in derEisenzeit zeigt sich entlang der Mittelmeerküste ein positiver statistischer Zusammenhang zwischen der Erreichbarkeit eines Ortes für Seehandel und der Präsenz archäologischer Funde. Dies legt nahe, dass bereits zu diesem Zeitpunkt das Handelspotential eines Ortes ein wichtiger Faktor für die Existenz menschlicher Siedlungen war.[19] Der griechische HistorikerHerodot beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. als erster eine Handelsform derKarthager in Westafrika, die später alsstummer Handel bekannt und in vielen Regionen der Welt beschrieben wurde. Beim stummen Handel deponieren beide Handelspartner ihre Waren an einer Stelle und tauschen diese aus, ohne sich gegenseitig zu sehen und zu hören. Unklar ist, inwieweit diese mutmaßlich sehr frühe Handelsform als historisch oder durchweg legendär verstanden werden soll.

Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung des Handels

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Den Warenverkehr zwischen dem Hersteller und den Verwendern seiner Produkte bewerkstelligt seit Alters her der Handel. Händler beschafften und lieferten die Produkte, in kultureller Frühzeit zunächst alsFernhändler. Sofern sie als Überbringer der Wirtschaftsgüter (Rohstoffe, Betriebsmittel, Investitions- und Konsumgüter) den Warentransport nicht in eigener Regie betrieben, organisierten sie jedoch den Warenverkehr. Mit den Hochkulturen und Staaten verdichteten sich die Fernhandelsbeziehungen. Erst imMittelalter bildete sich ein regionaler und lokaler Handel heraus, der dank seiner ständischen Struktur und des jahrhundertelang in Kaufmannsfamilien tradierten Wissens auch an der Ausdehnung derMarktplätze und Städte beteiligt war. Das Auf und Ab der Reiche führte zu Schwankungen der regionalen und überregionalen Verflechtung. So bestanden über Jahrhunderte vergleichsweise intensive Handelsbeziehungen zu Wasser zwischen der bereits hoch differenziertenedelsteinreichenInduskultur (2600–1900 v. Chr.) und dersumerischen Kultur; mit dem Zerfall der Induskultur brachen sowohl ihr Binnenhandel als auch der Außenhandel ein. Im damalsperipherenEuropa ist für dieBronzezeit bereits ein Tauschhandel nachgewiesen. Beispiel für einen frühgeschichtlichenHandelsweg ist dieBernsteinstraße.

In derAntike bildeten sich neue Reiche und Imperien (so dasminoische Kreta, die Handelsniederlassungen derPhönizier undKarthager sowie der verschiedenengriechischen Stadtstaaten und schließlich dasRömische Reich im Westen,Han-China im fernen Osten), entlang dereurasischen Achse intensivierte sich der Fernhandel. Beispielsweise wurde in Rom chinesische Seide getragen, ein Beleg für den Austausch über dieSeidenstraße. Mit der eurasischenVölkerwanderung brachen diese Pfeiler des Fernhandels ganz oder zeitweise zusammen, imRömischen Reich kam es mit dem Zerfall der Zentralgewalt auch zu einer internenEntdifferenzierung und dem Zusammenbruch zahlreicher Städte.

Im eurasischenHochmittelalter stabilisierten sich die Reiche bzw. bildeten sich neue Imperien (z. B. die riesigen, aber kurzlebigenMongolenreiche). Der eurasische Fernhandel nahm wieder zu, wurde wiederum intensiver und systematischer als in der vorhergegangenen Phase. Europa beschleunigte das Entwicklungstempo und entwickelte sich allmählich von einer peripheren Region zu einem Zentrum. Der europäische Seehandel im Übergang vomMittelalter zurNeuzeit wurde wesentlich von Stadtrepubliken (z. B.Venedig,Genua,flämische undniederländische Städte sowieHansestädte) beherrscht. Damals operierten erstmals „Fernkaufleute“, nach demSoziologenFerdinand Tönnies überhaupt als diejenige Berufsgruppe anzusehen, die in die traditionellen „Gemeinschaften“ das rechenhafte Zweckdenken bringen und sie damit global„vergesellschaften“. Besondere Bedeutung erlangten hierbei dieKaufmannsgilden (Zusammenschlüsse von Kaufleuten) wie z. B. dieHanse. Die Suche nach neuen Seewegen nachIndien undChina (sieheIndienhandel) war eine wesentliche Motivation für dieEntdeckungsreisen am Ende des Mittelalters bzw. am Anfang der Neuzeit. So warChristoph Kolumbus davon überzeugt, Indien erreicht zu haben, was auch das eigentliche Ziel seiner Reise gewesen war.

Mit dem Aufblühen der auf Autarkie bedachten mittelalterlichen Städte mit eigenem Münzwesen und von Zünften und Gilden getragenen eigenenMarktordnungen bildet sich ein glanzvoller städtischer Einzelhandel heraus, getragen von so erfolgreichen Kaufmannsdynastien wie denen derFugger,Welser, Paumgartner und Tucher inAugsburg oderNürnberg. Erst mit Beginn der Industrialisierung kommt es zu einer institutionellen Spezialisierung und Aufteilung inGroß- undEinzelhandel.

Von derInstitutionengeschichte des Handels, der Geschichte seiner Institutionen, Tätigkeiten und Erscheinungsformen, ist dieIdeengeschichte des Handels zu unterscheiden. Sie wird traditionell wenig treffend auch „Dogmengeschichte“[20] genannt, da es sich bei den neu aufkommenden Ideen im Handel nicht um dogmatische Lehrsätze, sondern um neues praktikables Kaufmannswissen und neue kaufmännische Techniken handelt – ein weites Feld von der Entwicklung des Münz- und Messwesens oder den Anfängen der doppelten Buchführung bis hin zur Einführung moderner Technologien im Handel wie webbasierte globale Geschäftskontakte oder die RFID-Technologie. Die vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts währende Epoche der „Handlungswissenschaft“ brachte eine Fülle von Lehrwerken hervor, durchaus systematisch im Aufbau. Mit dem späteren und heutigen Verständnis vonHandelswissenschaft hatten sie als Sammlungen von Rezepten und Moralanweisungen für den Kaufmann jedoch wenig gemein und stellten eher „Bücher zur Belehrung des Kaufmanns, Bücher für die Praxis“ dar (Eduard Weber).[21]

Diegesellschaftliche Bedeutung des Handels ist äußerst vielgestaltig und unterliegt im Verlaufe der Jahrhunderte unterschiedlichen Beurteilungen. Einerseits und durchaus überwiegend erfährt die Bedeutung des Handels für die Gesellschaft positive Bewertungen. Sie reichen etwa von der frühen Pflege des (kaufmännischen) Bildungswesens – bis zur Erfindung des Buchdrucks waren im Wesentlichen nur der Klerus, Teile des Adels und Kaufleute des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig –, über die Mehrung des allgemeinen Wohlstands sowie die Normierung von Rechtsregeln für den Geschäftsverkehr und das Zahlungswesen bis hin zur neuzeitlichen „Demokratisierung des Konsums“. Besonders der stationäre Einzelhandel prägt mit seinem vielfältigen Warenangebot und immer neuen „Events“ als „Erlebnisbühne“ (Karl Kaufmann) nicht nur den Konsumstil, sondern auch weitgehend das gesellschaftliche Leben, sei es in der Symbiose von Klein- und Mittelbetrieben mit Warenhäusern in den Innenstädten, sei es durch Eleganz und Luxus in Shopping Malls oder durch günstige Versorgung in außerstädtischen Shopping Centern. Im langjährigen Slogan eines Warenhauskonzerns „Die Welt bei uns zu Gast“ spiegelt sich die „kulturelle Funktion des Handels“ (Karl Oberparleiter): Verschaffung des unmittelbaren Zugangs zu Konsumgütern aus allen Kulturen für jedermann. – Andererseits kennzeichnet die gesellschaftliche Beurteilung des Handels als Negativum eine anhaltende „Tradition der Vorurteile“ (Hans-Otto Schenk). Abwertende Urteile über den Handel bzw. die Handelskaufleute sind schon in der Antike und in der mittelalterlichen Lehre der Kirchenväter (Patristik) verbreitet, die sich vor allem auf die „wucherische“ Geldvermehrung und Schuldverzinsungen der Kaufleute bezogen. In dieser Denktradition und auf der Grundlage einesjakobinischen Staatsverständnisses desDeutschen Idealismus entwarf der deutsche PhilosophJohann Gottlieb Fichte im Jahr 1800 dasetatistische Konzept einesgeschlossenen Handelsstaats, in dem der von ihm als schädlich verworfene marktwirtschaftliche Handel durch eine hermetisch nach außen abgeschottetePlanwirtschaft ersetzt ist. Im 20. Jahrhundert sorgten vor allem diemarxistisch-leninistische Fehlinterpretation[22] einer vermeintlichen Unproduktivität des Handels und der Nationalsozialismus mit seiner verächtlichen Ideologie gegenüber dem „jüdischen Großkapital“ der Warenhäuser für eine handelsfeindliche Stimmung. Selbst die DDR-Ökonomik des Binnenhandels ließ in ihrem Verbot freier Preiskalkulation, in der Abschaffung des privaten Großhandels und in Behinderungen des privaten Einzelhandels Geringschätzung des Handels für die Gesellschaft erkennen. Aber auch in der Gegenwart sind Vorurteile gegenüber „dem“ Handel virulent, sei es in Negativberichten über vermeintliche „Manipulationen“ der Kunden im Ladengeschäft, sei es in kommunalen Eingriffen in die Standort- und Sortimentswahl von Handelsbetrieben anhand von „Sortimentslisten“ oder sei es – sublimiert – in abschätziger Ausdrucksweise. „Am Ende […] bleibt zu vermuten, dass weitgehende oder gar vollständige Vorurteilslosigkeit gegenüber dem Handel eine Illusion bleiben muss, in der Theorie wie in der politischen und betrieblichen Alltagspraxis.“[23]

Handelssprachen

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Fernhändler, die mit fremden Völkern Handel trieben, konnten sich nicht in ihrer Muttersprache mit den ausländischen Kaufleuten verständigen. Deshalb haben sich Sprachen herausgebildet, die zur gegenseitigen Verständigung anlässlich von Handelsbeziehungen verwendet wurden. Das waren einerseits Sprachen mit überregionaler Bedeutung wiePersisch oderHaussa, andererseits Behelfssprachen, die ausschließlich dem Handelsgebrauch dienten und über keine Muttersprachler verfügten (Pidginsprachen). BekannteHandelssprachen waren etwa dieLingua franca (Sabir) undRussenorsk.

Aspekte des modernen Handels

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Der Handel ist eine der bestimmenden Größen für eineVolkswirtschaft. Das gilt gleichermaßen für denBinnenhandel, der innerhalb der nationalen Grenzen oder einer Staatengruppe wie z. B. derEU abläuft, wie für den grenzüberschreitendenAußenhandel und den durchlaufendenTransithandel. Werden Waren ins Ausland verkauft, so spricht man vonExport, im umgekehrten Fall vonImport.

Nach der ausschließlichen oder überwiegenden Kundengruppe lassen sich im BinnenhandelGroßhandel (mit Großverbrauchern,Wiederverkäufern) undEinzelhandel (mitEndverbrauchern bzw.Konsumenten) unterscheiden, nach dem Grad der Selbständigkeit unabhängiger und vertraglich gebundener (vertikal oder horizontalkooperierender) Handel. In Abhängigkeit vom Standort der Handelstätigkeit ist derstationäre Handel vomambulanten Handel und vomelektronischen Handel (bzw. E-Commerce) zu unterscheiden.

Übersteigt derExport eines Landes denImport, so spricht man von einemAußenhandelsüberschuss. Exporte haben den Vorteil, dass Geld ins Land „fließt“, aber den Nachteil, dass man stark vom wirtschaftlichen Wohlergehen der Länder abhängig ist, in die man exportiert. So kann eineWirtschaftskrise in einem Land auf ein anderes Land „überschwappen“. Auch haben Importe aus sog. Billiglohnländern eine ambivalente Wirkung: Einerseits kann dadurch die inländische Versorgung verbilligt werden, andererseits können den konkurrierenden inländischen Produzenten entsprechende Marktanteile verloren gehen. Übersteigen die Importe eines Landes seine Exporte, so spricht man von einemAußenhandelsdefizit. Importe haben grundsätzlich den Vorteil, dass man so Waren erlangt, die im eigenen Land nicht vorhanden sind (z. B.Rohstoffe oder Früchte, die nicht im eigenen Land wachsen). Dies hat aber den Nachteil, dass man sich von anderen Ländern und deren Lieferungen abhängig macht. Dies wurde insbesondere in derÖlkrise deutlich, als dieOrganisation Erdöl exportierender Länder die Fördermengen vonErdöl drastisch reduzierte, was eine weltweiteEnergiekrise auslöste.

Für die Erklärung der Bedeutung und der Vorteile desAußenhandels lässt sich einerseits das Konzept derkomparativen Kostenvorteile, z. B. aufgrund von Technologieunterschieden(Ricardo) oder Ressourcenausstattung (Heckscher-Ohlin-Theorem), heranziehen, andererseits die Theorie des unvollständigen Wettbewerbs sowie viele weitereAußenhandelstheorien.

Für die Erklärung der Bedeutung und der Vorteile desBinnenhandels wurden zahlreiche Konzepte entwickelt. Als die wichtigsten gelten (nachSchenk): das Arbeitsteilungskonzept, die Theorie der komparativen Kostenvorteile, die Theorie der komparativen Nutzenvorteile, dasSchärsche Gesetz, die Theorie der Handelsfunktionen, die Theorie der Märkte- und Wettbewerbsgenerierung, dieTransaktionstheorie, wirtschaftsgeometrische Konzepte und dieGate-keeper-Theorie.

Insgesamt zeichnet den modernen Handel ein rasanter Strukturwandel und eineDynamik aus („Wandel im Handel“) wie kaum einen anderen Wirtschaftsbereich. Als augenfälliges Kennzeichen dieses Wandels hatte RobertNieschlag das Aufkommen immer neuerBetriebsformen bzw. -typen vor allem des Einzelhandels als eine Quasi-Gesetzmäßigkeit mit „Dynamik im Handel“ beschrieben. In den letzten Jahrzehnten kennzeichnen die gesamtwirtschaftliche Handelsdynamik folgende Umbrüche:

  • ökonomische Umbrüche (z. B.Kooperation undKonzentration, Rationalisierung,Betriebsvergleich und Betriebsberatung, Selbstbedienung, Betriebstypendifferenzierung, Emanzipation und eigenständigesHandelsmarketing)
  • technologische Umbrüche (z. B. Technisierung undComputerisierung, Modernisierung,Electronic Commerce)
  • organisatorische Umbrüche (z. B. betriebliche, zwischenbetriebliche und überbetriebliche Reorganisation)
  • informatorische Umbrüche (z. B. EDV-gesteuerte Informationsbeschaffung und -verwertung, inner- und zwischenbetriebliche Nutzung von elektronischen Medien)
  • soziale Umbrüche (z. B. soziales Engagement, Flexibilisierung, kooperativerFührungsstil)

Ethische Aspekte

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Wie bei allem menschlichen Handeln werden auch beim kaufmännischen Handelethische Gesichtspunkte diskutiert. Sie prägen beispielsweise den so genanntenFairen Handel als ein Modell eines sozial und ökologisch verträglichen Handels, bei dem alleHandelsstufen von den Produzenten bis zu den Verbrauchern bewusst unter ethischen Gesichtspunkten („fair“ im Sinne vongerecht) betrachtet werden und bei dem – vor allem – den landwirtschaftlichen Erzeugern in Entwicklungsländern ein faires Entgelt gewährt werden soll. Diese Begriffswahl beinhaltet jedoch die Gefahr, dass der „normale“ Handel als nicht oder weniger fair betrachtet wird und dass die „Tradition der Vorurteile“ gegenüber dem Handel(Schenk) perpetuiert wird. Ohne Zweifel wendet das moderne Handelsmanagement geschickte Maßnahmen psychotaktisch und -strategisch abgesicherten Handelsmarketings an, um die Marktteilnehmer zu bestimmten(Verkaufs- oder Kauf-)Entscheidungen zu veranlassen. Grifflücken im SB-Regal, Platzierung preisgünstiger Artikel in derBückzone, überdimensionierte Einkaufswagen, suggestive Hintergrundmusik und tausend andere Praktiken begegnen uns täglich. Derartige Verkaufs„tricks“ können jedoch nicht per se als ethisch bedenklich, gar als entmündigende Manipulation angesehen werden, jedenfalls solange nicht, wie die (Kauf-)Entscheidungen nicht auf Überrumpelung, sondern auf Überzeugung und freier willentlicher Entscheidung der Käufer beruhen.

Spezialhandel

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Der Begriff Spezialhandel wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet. ImAußenhandel bezeichnet zum Beispiel das Statistische Bundesamt den grenzüberschreitenden Warenverkehr des Erhebungsgebietes mit dem Ausland als Spezialhandel. Ausland im Sinne der Außenhandelsstatistik ist das Gebiet außerhalb des Erhebungsgebietes. Das Erhebungsgebiet der Außenhandelsstatistik umfasst die Bundesrepublik Deutschland (ohne denZollausschluss Büsingen). ImBinnenhandel werden diejenigen Betriebsformen bzw. Betriebstypen des Handels als Spezialhandel bezeichnet, die sich durch extreme Sortimentsspezialisierung (meist mit tendenziell schmalem und sehr tiefemSortiment) von anderen Betriebsformen, auch vom Fachhandel, unterscheiden. Beispiele wären Großhandel mit Lebendfischen oder Großhandel mit Schiffsausrüstungsbedarf und Einzelhandel mit Wolle oder Einzelhandel mit Babybedarf.

Globalisierung

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Heute steht der Welthandel im Kontext derGlobalisierung. Unter Federführung der Welthandelsorganisation (WTO) sollen internationaleZollschranken abgebaut und der freie Waren- (GATT) und Dienstleistungsverkehr (GATS) gefördert werden. Diese Politik des Freihandels ist umstritten;Globalisierungskritiker sehen darin eine Zementierung der Benachteiligung der Länder in der so genannten unterentwickeltenDritten Welt und auch eine Beeinträchtigung der hoheitlichen Verwaltung der Staaten („Souveränitätsverlust“).

Allerdings hat neben der Theorie (s. o.) auch die Empirie belegt, dass internationaler Warenaustausch zu Wohlstand führt. So ist seit den 1950er Jahren dieArmut (siehe dort) der Welt kontinuierlich gesunken, auch sank die Anzahl der vomHunger bedrohten Menschen. Diese Grundidee einer freien Marktwirtschaft ist vielfach aber durch Krisen, Korruption und staatliche Eingriffe in den Staaten beschränkt. Statt Handel zuzulassen verschließen sich viele Gebiete den Vorteilen des freien Handels. Andererseits gehen einige Ökonomen davon aus, dass die dritte Welt nur mit Starthilfe, etwa überEntwicklungshilfe, einen Aufstieg in die erste Welt schaffen könnten. So müssten Infrastrukturen erst aufgebaut,Humankapital erst angesammelt werden.

Heute hat der Globalisierungsgedanke auch Einzug in den Binnenhandel gehalten. Unter dem Eindruck sich verschärfenden Wettbewerbs im Inland und begünstigt durch modernes Verkehrs- und Transportwesen, sicheren Zahlungsverkehr und die weltumspannende Internet-Kommunikation erschließen auch immer mehr inländische Großhandels- und Einzelhandelskonzerne weltweit neue Märkte. Die in den 80er Jahren einsetzende Phase der „Transnationalisierung“ (U.C. Täger) bzw.Internationalisierung (Gründung von Filialen im benachbarten Ausland) ist auch für größere Handelsunternehmen, die traditionell schon weltweit einkaufen, in eine Phase der Globalisierung (mittels Übernahme, Errichtung von Filialen oder Aufbau des neuen Handelssystems in weit entlegenen Staaten) übergegangen.

Über 90 Prozent des allgemeinen Welthandels und mehr als 65 Prozent des Handels mitErdöl wurden im Jahr 2010 auf dem Seeweg betrieben.[24]

Literatur

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Weblinks

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Commons: Handel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Handel – Quellen und Volltexte
Wiktionary: Handel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikiquote: Handel – Zitate

Einzelnachweise

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  1. Ludwig G. Poth/Marcus Pradel/Gudrun S. Poth,Gabler Kompakt-Lexikon Marketing, 2003, S. 168
  2. Willy Schneider,Grundlagen der Handelsbetriebslehre - Dozentenedition, 2017, S. 3 ff.
  3. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 7 ff.
  4. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 7
  5. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 20
  6. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 33
  7. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 43
  8. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 55
  9. Karl Oberparleiter,Funktionen und Risiken des Warenhandels, 1955, S. 50
  10. Eggert Winter/Katrin Alisch/Ute Arentzen,Gabler Wirtschafts-Lexikon, Band 3, 2004, S. 1340
  11. Näheres hierzu bei Hans-Otto Schenk:Geschichte und Ordnungstheorie der Handelsfunktionen, Berlin 1970.
  12. Schenk 2007, S. 16.
  13. abcdJared M. Diamond:The Great Leap Forward. In: Linda S. Hjorth, Barbara A. Eichler u. a.:Technology and Society: Issues for the 21st Century and Beyond. 3. Auflage. Prentice Hall 2008, S. 15–23, hier S. ?? (Nachdruck von 1989;PDF-Datei; 114 kB; 10 Seiten).
  14. Colin Renfrew:Trade and Culture Process in European Prehistory. In:Current Anthropology Band 10, Nr. 2–3, April 1969, S. 151–169, hier S. ??.
  15. Marshall David Sahlins:Stone Age Economics. Transaction Publishers, 1972, S. ?? (Leseprobe in der Google-Buchsuche).
  16. Richard D. Horan, Erwin Bulte, Jason F. Shogren:How Trade Saved Humanity From Biological Exclusion. An Economic Theory of Neanderthal Extinction. In:Journal of Economic Behavior & Organization. Band 58, Nr. 1, 2005, S. 1–29, hier S. ?? (doi:10.1016/j.jebo.2004.03.009).
  17. Martha T. Roth:Mesopotamian Legal Traditions and the Laws of Hammurabi. In:Chi.-Kent L. Rev. Band 71, 1995–1996, S. 13 (Seitenansicht auf heinonlinebackup.com).
  18. Erwin J. Urch:The Law Code of Hammurabi. In:American Bar Association Journal. Band 15, Nr. 7, 1929, S. 437–441, hier S. 437 (Seitenansicht aufJSTOR).
  19. Jan David Bakker, Stephan Maurer, Jörn-Steffen Pischke, Ferdinand Rauch:Of Mice and Merchants: Connectedness and the Location of Economic Activity in the Iron Age. In:Review of Economics and Statistics, Band 103, Nr. 4, Oktober 2021.doi:10.1162/rest a 00902
  20. Hans-Otto Schenk:Dogmengeschichte des Handels, in: Handwörterbuch der Absatzwirtschaft, Stuttgart 1974, Sp. 487–504
  21. Näheres bei Hans-Otto Schenk:Geschichte und Ordnungstheorie der Handelsfunktionen, Berlin 1970, S. 26ff.
  22. Karl Marx unterscheidet in seinem Modell des „gesellschaftlichen Produktionsprozesses“ vier Phasen: Produktion (Herstellung), Zirkulation (Handel), Distribution (Verteilung) und Konsumtion (Verbrauch). Marx bezieht sich in seiner Definition derArbeit auf Tätigkeiten in allen diesen vier Phasen gleichermaßen, ohne dabei die „Zirkulation“ bzw. den Handel abzuwerten.
  23. Hans-Otto Schenk:Der Handel und die Tradition der Vorurteile. In:Handel in Theorie und Praxis. Festschrift für Dirk Möhlenbruch, hrsg. von Gesa Crockford, Falk Ritschel und Ulf-Marten Schmieder, Wiesbaden 2013, S. 23.
  24. vgl.Kaplan, Robert D.:Center Stage for the Twenty-first Century: Power Plays in the Indian Ocean, in:Foreign Affairs, März/April 2010, Bd. 88, Nr. 2, S. 17.
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