
Gustav Ginzel (*28. Februar1932 inReichenberg,Tschechoslowakei; †28. November2008 inKempten (Allgäu)) warGeologe,Bergsteiger,Bergführer, Skiläufer, Höhlenforscher,Naturschützer,Buchautor,Lebenskünstler undNaturfotograf. Er kaufte ein verfallendes, als Stall genutztes Wohnhaus (Jizerka/Klein-Iser 8), schwemmte mittels eines umgeleiteten Bächleins zentnerweise den Mist aus dem Gebäude und machte es so zum berühmtenMisthaus.
Der einerdeutschböhmischen Familie entstammende Ginzel wardeutscher undtschechoslowakischer Staatsbürger. Er wuchs in einer neunköpfigen Familie auf. Nach demZweiten Weltkrieg konnte die Familie in derTschechoslowakei verbleiben, da sein Vater ein technischer Spezialist für Textilmaschinen war. Die Aufnahme eines Direktstudiums blieb ihm als Deutscher verwehrt, sodass er sich seine Kenntnisse im Fernstudium undautodidaktisch aneignete.
1968 organisierte Gustav Ginzel mit Freunden eine internationale Expedition, an der unter anderem auchGeorg Renner aus derDDR teilnahm, in denOstsajan (Sibirien). 1969 war er Teilnehmer einer vulkanologischen Expedition zumStromboli. Aus politischen Gründen durfte er im Jahre 1970 nicht mit nach Südamerika reisen. Alle Mitglieder dieser Anden-Expedition starben amHuascarán in Peru durch eine große Eislawine, die durch ein Erdbeben ausgelöst wurde und dort den OrtYungay völlig auslöschte. Ginzel war von diesem Ereignis sehr betroffen und sorgte für regelmäßiges Gedenken. Er war Hauptorganisator des jährlich stattfindendenIsergebirgslaufes („Jizerská Padesatka“), der seitdem den Verunglückten gewidmet ist.[1]
1972 nahm Ginzel an der erfolgreichen polnisch-tschechischenCotopaxi-Expedition teil. Von 1973 bis 1975 bereiste er dieSahara. Zwischen 1990 und 1995 war er ohne Unterlass auf Reisen, u. a. inNepal,Neuseeland undAustralien. Genau zu dem Zeitpunkt, als er denAyers Rock, den heiligen Berg derAborigines, bestieg, brannte sein Haus mit seinen nicht nur ideell wertvollen Sammlungen und seinem gesamten Bildarchiv, vermutlich durch Brandstiftung, ab.

1963 erwarb Ginzel für 350 Tschechoslowakische Kronen sein neues Domizil. Dieses urigeMisthaus befindet sich inJizerka (Klein Iser), einem Ortsteil vonKořenov, dem höchstgelegenen Ort desIsergebirges. Wenn Gustav Ginzel nicht auf Reisen war, empfing er dort gern Tagesbesucher und übernachtende Hausgäste mit seinen legendären Hausführungen. Ginzel sammelte in seinem Haus allerlei Schilder, Bücher, Zeitschriften, Kuriositäten. Seine populärwissenschaftlichenLichtbildervorträge über seine Heimat, die Flora und Fauna des Isergebirges, und insbesondere die Expeditionen waren bei DDR-Bürgern, denen diese Weltreisemöglichkeiten verwehrt waren, beliebt.
Aufgrund seiner Popularität erlebte Jizerka einen starken Besucherandrang, der jedoch in erster Linie Ginzel und demMisthaus galt. Im Jahre 1981 musste Gustav Ginzel mehrere Monate in Haft verbringen, daNeider aus seinem Ort ihn bei der tschechoslowakischen Staatssicherheit denunziert hatten.
Zahlreiche Reiseveranstalter wählten das Misthaus als Ziel für Tagesreisen. Nach demFall der Mauer sank die Besucherzahl deutlich.
Seit 2000 war die Gesundheit Gustav Ginzels zunehmend eingeschränkt; das Misthaus war für den öffentlichen Besucherverkehr geschlossen. Gustav Ginzel lebte fortan bei seiner Schwester in Kempten (Allgäu). Sein als Verwalter des Misthauses agierender BruderWolfgang Ginzel starb im Frühjahr 2004.
Am 28. November 2008 verstarb Ginzel im Alter von 76 Jahren im Allgäu.[2] Er blieb Zeit seines Lebens unverheiratet und hinterließ keine Kinder. Seine letzte Ruhestätte fand Ginzel im März 2009 auf dem Friedhof desLiberecer Stadtteils Rudolfov. Am 31. Mai 2009 fand auf dem Bergsteigerfriedhof inHrubá Skála eine öffentliche Trauerfeier mit zahlreichen Gästen aus Tschechien, Deutschland und dem übrigen Europa statt. Auf der protestantischen Messe wurden Trauerreden in verschiedenen Sprachen gehalten, die deutsche Rede trug der sächsische PolitikerHeinz Eggert vor.[3]
Ginzel engagierte sich seit den 1960er Jahren stark für Maßnahmen des Umweltschutzes. Er machte insbesondere auf das durch dieRauchgase derBraunkohlekraftwerke verursachte verheerendeWaldsterben auf den Kämmen des Isergebirges aufmerksam und betreute eine meteorologische Umweltmessstation des hydrometeorologischen Dienstes derČSSR, deren Klima- undSchwefeloxidwerte in Prag ausgewertet wurden. Ebenso wirkte er an der Restaurierung des ehemaligen Herrenhauses der Glasmacherfamilie Riedel in Jizerka sowie an der Nutzung des ehemaligen Schulgebäudes als Außenstelle des IsergebirgsmuseumsLiberec mit.
Wegen seiner Kontakte zu Persönlichkeiten der Opposition in derČSSR und DDR, die sich oft bei ihm trafen, wurde Gustav Ginzel sowohl von derStaatssicherheit der DDR als auch von tschechoslowakischen Behörden überwacht und erhielt zeitweilig Reiseverbot.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ginzel, Gustav |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-tschechischer Bergsteiger und Reisender |
| GEBURTSDATUM | 28. Februar 1932 |
| GEBURTSORT | Reichenberg, Tschechoslowakei |
| STERBEDATUM | 28. November 2008 |
| STERBEORT | Kempten (Allgäu) |