
Großserbien (serbischВелика СрбијаVelika Srbija) bezeichnet ein theoretisches Staatsgebilde, das in derserbischen Geschichte von einigennationalistischen Gruppen angestrebt wurde und noch heute politisches Ziel derSerbischen Radikalen Partei ist.
Dabei sollten alleSerben in einem einzigen, unabhängigen Staat vereinigt werden, der alle serbischen Siedlungsgebiete umfassen sollte, auch diejenigen, in denen die Serben in der Minderheit waren. Dabei gab es verschiedene Ansichten darüber, welche Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Abstammung, Konfession oder Sprache zu den Serben zu rechnen seien. Diese politische Idee entstand im 19. Jahrhundert und wurde vor allem durch ethnische Mehrheitsvorstellungen genährt, welche wiederum darauf zurückzuführen sind, dass die Volksgruppe der Serben im 20. Jahrhundert innerhalb des ehemaligenJugoslawiens, gesamt gesehen, die relative Bevölkerungsmehrheit stellte.
Die Bezeichnung Großserbien wurde während derJugoslawienkriege häufig erwähnt.[1][2][3][4][5] Die meisten serbischen Gruppierungen, denen „Großserbien“ als Ziel zugeschrieben wurde, verwendeten dieses Wort selbst allerdings nicht. Auch ist umstritten, inwiefern zwischen den unter diesem Begriff zusammengefassten politischen Bestrebungen eine inhaltliche Identität oder politische Kontinuität besteht.

Die westliche Grenzziehung eines Großserbiens erfolgt zumeist an der geografischen Linie entlang der kroatischen StädteVirovitica,Karlovac undKarlobag. Die Gebiete östlich dieser Linie seien demnach Großserbien, während westlich davon gelegene GebieteKroatien undSlowenien überlassen blieben.
Die Virovitica-Karlovac-Karlobag-Linie wurde auch vomTschetnik-OffizierStevan Moljević aufgegriffen.[6] In den 1990er Jahren wurde diese Linie häufig vonVojislav Šešelj als „Westgrenze Großserbiens“ beschrieben, dessenSerbische Radikale Partei noch heute eine Grenzziehung entlang dieser Linie als strategisches Ziel betrachtet.[7]
Mehrere Herrscher des mittelalterlichen Serbien, wie beispielsweiseLazar Hrebeljanović,Stefan Nemanja oderRastko Nemanjić (Sava von Serbien) wurden von derOrthodoxen Kirche zuHeiligen erklärt. Insoweit wurden die Könige als Abgesandte für ein „auserwähltes Volk“ angesehen. Etwa zwei Jahre vor dem Ausbruch derJugoslawienkriege wurden im Rahmen der Vorbereitungen zur 600-Jahr-Feier derSchlacht auf dem Amselfeld die sterblichen Überreste des serbischen Königs Lazar Hrebeljanović durch das Land zu Massenveranstaltungen getragen.
Der serbische LinguistVuk Karadžić vertrat die Ansicht, wonach alle Slawen, die einenštokavischen Dialekt sprechen, Serben seien und dieSerbische Sprache sprechen. Gemäß dieser Definition wären große Teile Kroatiens sowieBosnien-Herzegowina serbisches Siedlungsgebiet, und die dort lebenden Kroaten und Bosniaken wären Serben. Nach Karadžićs linguistischer Definition der Serbischen Nation wären jedoch dietorlakisch sprechenden Bewohner Südserbiens keine Serben. Diese Sichtweise wird als sprachlicherPanserbismus bezeichnet.

Die älteste Quelle über das Ziel, ein Großserbien zu bilden, stammt aus dem Jahr 1683.[8]Đorđe Branković, ein siebenbürgischer Gesandter und Graf, machte den Habsburgern während derZweiten Wiener Türkenbelagerung ein schriftliches Angebot, das beinhaltete, dass die Befreiung und Vereinigung aller serbischen Länder die weitere Vergrößerung desOsmanischen Reiches Richtung Mitteleuropa verhindern würde. Das Programm einer Vereinigung aller serbischen Länder passte den Habsburgern, da sie von den Osmanen eingekreist worden waren. Mit dem Sieg desHeiligen Römischen Reiches und seiner Verbündeten über die Osmanen geriet der Plan in Vergessenheit. Die Habsburger verfolgten nicht mehr das Ziel der Schaffung eines großen serbischen Staates, da sie nicht mehr von den Osmanen bedroht waren. Vielmehr wollten sie über den ganzenBalkan regieren. Đorđe Branković war in dieser ZeitDespot desBanates,Syrmiens und derHerzegowina unterLeopold I. Als die Habsburger imGroßen Türkenkrieg 1683–1699 tief in das serbische Hinterland vordrangen, rief er die Serben zum Freiheitskampf gegen die Osmanen auf, mit ihm als ihrem Fürsten. Das deckte sich nicht mit den StaatsinteressenÖsterreichs, weshalb den militärischen Befehlshabern angeordnet wurde, ihn zu verhaften und nach Wien zu bringen. In Wien wurde Branković bis 1702 im Gasthaus „Zum goldenen Bären“ unter ständiger Bewachung inhaftiert, anschließend nachEger inBöhmen verlegt, wo er 1711 starb.
1807 schrieb dermontenegrinische FürstbischofPetar I. an denrussischenZarenAlexander I., er möge die serbischen Freiheitsbestrebungen gegen die Osmanen unterstützen und ein serbisches Zarenreich ausrufen, das Montenegro, Dalmatien, Bosnien und die Herzegowina umfassen würde, mit ihm, Alexander, als serbischem Zaren.

Im aufständischen Serbien unterKarađorđe formulierte der Minister (und österreichische Agent)Ivan Jugović 1808 das Projekt des zukünftigen serbischen Staates. Dieser serbische Staat sollteZentralserbien, dasKosovo, Bosnien, Herzegowina und Montenegro umfassen.

Ilija Garašanin (1821–1875), von 1843 bis 1854 Innenminister des damaligen Fürstentums Serbien unterAleksandar Karađorđević, gilt als der geistige Schöpfer der Idee der Schaffung Großserbiens. Andererseits kann man in Garašanin auch den ersten serbischen Vertreter der jugoslawischen Idee sehen. Inspiriert von Ideen des konservativenpanslawistischen polnischen EmigrantenAdam Jerzy Czartoryski schrieb er Anfang 1844 seine AbhandlungConseils sur la conduite à suivre par la Serbie. Unterstützt durch die damalige Konzeption der französischen Diplomatie zur Lösung der „südosteuropäischen Frage“, schrieb er Ende 1844 das WerkNačertanije, das erste außenpolitische Programm Serbiens, das von vielen als Beginn des großserbischen Programms gesehen wird[9].
Garašanin beschrieb in dem geheimen DokumentNačertanije („Programm“) ein Szenario zur Vereinigung aller Serben (einschließlich der von Garašanin als Serben definierten meisten anderen Südslawen – so wurden zum Beispiel dieKroaten inDalmatien von ihm als „Serben katholischer Glaubensrichtung“ betrachtet) in einem einzigen panslawistischen Staat nach einem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Zurückdrängung Österreichs vom Balkan. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs in Europa sollte so eine weitere Expansion derHabsburgermonarchie in diese Gebiete verhindert werden.
Die Grundaussage dieses Memorandums bestand darin, dass der junge, aber kleine serbische Staat, damals noch ein autonomes Fürstentum innerhalb des Osmanischen Reiches, eingekreist zwischen den Imperien derHabsburger und der Osmanen, auf Dauer keine Überlebenschance hätte. Der einzige Ausweg sei die „Vernichtung“ dieser beider Imperien und die Befreiung und Vereinigung der Südslawen. Die damals noch unter osmanischer Herrschaft stehenden LänderBosnien,Herzegowina,Montenegro, Süd-Serbien,Sandschak, Nord-Albanien, Südwest-Bulgarien, Dalmatien,Kroatien undSlowenien sollten eine unteilbare Einheit bilden, weil diese Gebiete mit Völkern des „nahezu gleichen Stammes“ besiedelt seien.
Dieses erste schriftlich verfasste Programm der serbischenAußenpolitik wurde seinerzeit von derfranzösischen undbritischen Regierung unterstützt, um einer möglichenrussischen Expansion bis zumMittelmeer entgegenzuwirken.
Die Ideen von Garašanin waren jedoch nicht gewaltorientiert und forderten keineterroristischen Methoden, um die serbische Idee auszuweiten.
Unter der Führung vonDragutin Dimitrijević Apis wurde die GeheimorganisationSchwarze Hand zu einer terroristischen Bewegung: Unter dem Motto „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod) stand diese Organisation hinter dem Mord am HabsburgerErzherzog Franz Ferdinand beimAttentat von Sarajevo, das denErsten Weltkrieg auslöste. Die Hauptzielsetzung dieser Organisation war, alle Gebiete, in denen Serben lebten, territorial mit demKönigreich Serbien zu vereinigen. Dieseexpansionistische Zielsetzung bezog sich auf die seinerzeit zuÖsterreich-Ungarn gehörenden Teile Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens.

DerLondoner Vertrag aus dem Jahre 1915 war ein geheimer Vertrag zwischenItalien auf der einen und denAlliierten Mächten (Großbritannien,Frankreich und Russland) auf der anderen Seite, der am 26. April 1915 inLondon geschlossen wurde. Der Vertrag besagte, dass Italien das nördliche und mittlere Dalmatien mit den vorgelagerten Inseln bis zur Küste anKap Planka bekommen sollte. „Kroatien, Serbien und Montenegro“ sollten als Entschädigung die HafenstadtRijeka mit der InselKrk,Sv. Grgur,Prvić,Goli otok undRab, wie auch „Gebiete, welche Serbien und Montenegro interessieren“, v. a. südlich von Kap Planka (mitTrogir undSplit) bis zuUlcinj bekommen. Des Weiteren sollten Bosnien und die westliche Herzegowina Serbien zugesprochen werden, Süddalmatien mitDubrovnik und die östliche Herzegowina an Montenegro gehen. Im Norden sollte Serbien dieBatschka und Srem bekommen, während beim Banat sich Serbien undRumänien miteinander alleine verständigen sollten. Im Falle einer Besetzung Albaniens durch Italien sollte auch Nordalbanien zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt werden. Da die Alliierten versuchten, Bulgarien auf ihre Seite zu bringen, wurde Serbien, sollte es aufMazedonien zugunsten Bulgariens verzichten, als Entschädigung Slawonien versprochen.
Der Präsident derSerbischen Akademie der Wissenschaften und KünsteJovan Žujović, welcher sich als Gesandter der serbischen Regierung inParis aufhielt, hatte die Aufgabe, in mächtigen Pariser Kreisen eine Propaganda für die Schaffung eines südslawischen Staates zu machen. Am 27. Mai 1915 forderten Gesandte, dass er die „Grenzen der serbischen Länder ohne Kroatien“ hinterlegt.:
Für das kroatische Küstenland sagte er:
Auf das Angebot, einen Teil von Albanien zugesprochen zu bekommen, antwortete er:
Eine Menge von Franzosen sagte daraufhin:
Nur einen Tag nach der Unterzeichnung des Londoner Vertrags wiederholte der serbische MinisterpräsidentNikola Pašić in einer Sitzung der Nationalversammlung Serbiens seine Pläne für die Vereinigung aller südslawischen Länder auf Basis derNišer Deklaration. Am 5. Mai 1915 forderte er von derEntente, die Gründung eines südslawischen Staates zu garantieren. Aus den Gesprächen mit Italien, die kurz nach der Forderung folgten und schnell erfolglos endeten, erfuhr Pašić, dass die Russen zwei südslawische Staaten gründen wollten: Einen katholischen aus den kroatischen und slowenischen Ländern und einen zweiten orthodoxen aus der Erweiterung von Serbien und Montenegro.
Der Außenminister Russlands,Sergej Sazonov, garantierte den Serben Folgendes:
Derbritische AußenministerSir Edward Grey sprach sich ebenfalls für eine Erweiterung Serbiens aus:
Sergej Sazonov wird seine Meinung bis zum Ende seiner politischen Karriere nicht ändern:
Am 7. März 1937 legteVasa Čubrilović (1897–1990), damals Professor an der Philosophischen Fakultät derUniversität Belgrad, der Regierung eine vertrauliche Denkschrift mit dem TitelIseljavanje Arnauta („Aussiedlung der Albaner“) vor, in der er detaillierte Pläne zur systematischen Umsiedlung aller Albaner aus dem heutigen Gebiet des Kosovo aufzeigt.
Čubrilović galt als Anhänger der Ideen von Ilija Garašanin und empfahl in seiner Denkschrift die Massenumsiedlung der albanischen Bevölkerung des Kosovo nach Albanien und in dieTürkei, da alle Bemühungen, die Anzahl der Albaner durch Kolonisierung zu verringern, bisher wirkungslos geblieben seien. Zur Durchsetzung dieses Vorhabens sah sein Memorandum drastische Maßnahmen (die von der Belgrader Regierung zurückgewiesen wurden) vor, zum Beispiel Geld- und Haftstrafen, Nichtanerkennung der alten Grundbuchauszüge, Außerkraftsetzen vonKonzessionen sowieBerufsverbote und Entlassungen – jenen Albanern aber, die mit ihrer Aussiedlung in die Türkei einverstanden seien, sollte der Staat seiner Meinung nach großzügig unter die Arme greifen.
1938 schloss die Regierung in Belgrad mit der türkischen Regierung (nach dem Vorbild desgriechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches von 1923) ein Abkommen über die Aussiedlung von 40.000 als „türkisch“ eingestuften (nach heutiger Bezeichnung: muslimischen) Familien in die Türkei, das allerdings dann wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr in die Tat umgesetzt wurde.

Während desZweiten Weltkrieges kämpften die größtenteils royalistischenTschetnik-Truppen unter der Führung vonDraža Mihailović für die Befreiung bzw. Erneuerung des Königreichs Jugoslawien. Einer der politischen Aktivisten unter den Anhängern Mihajlovićs,Stevan Moljević, veröffentlichte in seinem im Jahr 1941 erschienenen Papier „Homogenes Serbien“, dass „ein großes Serbien geschaffen werden sollte, und nicht nur Bosnien-Herzegowina und den größten Teil Kroatiens, sondern auch Teile Ungarns, Bulgariens und Rumäniens umfassen sollte“. Dieses Großserbien wäre weiters Teil eines Großjugoslawiens mit einem stark vergrößerten Slowenien auf Kosten Österreichs und Kroatiens gewesen.
Moljevićs Ideen wurden jedoch nicht umgesetzt, da die Alliierten begannen, dieTito-Partisanen zu unterstützen, die sie mit derTeheran-Konferenz Ende 1943 letztendlich als einzig legitime Vertreter Jugoslawiens anerkannten.
Moljevićs kartografische Exkursionen werden jedoch bis in die heutige Zeit zum modernen serbisch-nationalistischen Repertoire gezählt. Dies gilt auch für das Programm derSerbischen Radikalen Partei.

1986 erstellte die Serbische Akademie der Wissenschaften (SANU) ein internes, 74-seitigesSANU-Memorandum (sieheenglische Übersetzung (Memento vom 9. Februar 2008 imInternet Archive)), verfasst von maßgeblichen Personen der Akademie unter Leitung vonDobrica Ćosić, einer damals führenden Figur der serbischen Innen-, Außen-, Kultur- und Wissenschaftspolitik.
Dieses Dokument kann als der neuerliche programmatische Entwurf eines Großserbien interpretiert werden. Es sah die Lösung der „Kosovo-Frage“ als eine Überlebensfrage des gesamten serbischen Volkes, die Zurückdrängung der Arbeiterselbstverwaltung und dieRevision derVerfassung von 1974 vor. Laut diesem Papier war es eine angebliche „slowenisch-kroatisch antiserbischeKoalition“, die das serbische Volk entrechtete und es zwang, über mehrere Republiken verteilt zu leben und damit seine geistigen und kulturellen Wurzeln einzuschränken, so dass Serbien damit letztlich die eigentliche unterdrückte Nation Jugoslawiens sei.
Erst ein gemeinsamer Staat, der unter Einschränkung der Mitspracherechte anderer Nationalitäten alle serbischen Gebiete auch außerhalb der Republik Serbien umfasse, würde dieGleichberechtigung Serbiens mit den anderen Republiken ermöglichen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Serbien die autonomen Provinzen Kosovo undVojvodina mit weitreichenden Mitsprache- und Vetorechten, die für ethnische Gruppen (Albaner bzw.Ungarn u. a.) eingerichtet worden waren, denen keine eigene Teilrepublik in Jugoslawien zugestanden worden war.
Im Jahr 1989 hielt der damalige serbische PräsidentSlobodan Milošević anlässlich einer Feier auf dem historischen Boden desAmselfeldes (wo 600 Jahre zuvor das damalige Serbische Reich von den Osmanen geschlagen worden war)die historische Rede, die vielfach als „Brandrede“ bezeichnet wurde, da sie ein starkes Serbien propagiert habe und eine der Ursachen für die Jugoslawienkriege gewesen sein soll. Dem widersprechen allerdings Aussagen in dieser Rede wie der folgende Satz, der in den meisten Übersetzungen nicht erwähnt wurde: „Jugoslawien ist eine multinationale Gemeinschaft und kann nur überleben auf der Basis völliger Gleichberechtigung aller Nationen, die in ihr leben.“ Zum Inhalt dieser Rede siehe Linkangaben.
Sein SatzNiko nesme da vas bije! („Niemand darf euch mehr schlagen“), den er 1987 serbischen Demonstranten beiPriština (nach Übergriffen auf serbische Zivilisten im Kosovo) zurief, soll den aufkeimendenNationalismus auf allen Seiten weiter angeheizt haben. Manche politischen Beobachter jener Zeit waren vielfach der Meinung, dass Milošević den serbischen Nationalismus bewusst schürte, um seine Macht in Serbien zu stärken. Wenige Jahre später kam es zu einer Reihe von Kriegen, die allein in Bosnien gut 100.000 Menschenleben forderten und zu den größten Gräueltaten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führten.
Das neue serbische Konzept wurde sowohl von den anderen Völkern Jugoslawiens als auch ausländischen Beobachtern als „großserbisch“ kritisiert. Fragwürdige historische Rechtfertigungen für Gebietsansprüche, etwa den Versuch der Eroberung der Stadt und Region um Dubrovnik und anderer Teile Dalmatiens die als historische Teile Serbiens betrachtet wurden. Diese Behauptungen wurden von den Bewohnern dieser Gebiete, der kroatischen Regierung und der internationalen Staatengemeinschaft abgelehnt.
Auf dem Kongress derSozialistischen Partei Serbiens von Slobodan Milošević, die inPeć (Kosovo) am 9. Oktober 1991 stattfand, beschrieb der Vizepräsident der Partei, der PhilosophMihailo Marković, das neue serbische bzw. großserbische Konzept sehr genau: Im neuen jugoslawischen Staat sollte es zumindest drei föderale Einheiten geben: Serbien, Montenegro und eine vereinigte Region Bosnien-Knin (also ein Gebiet, das serbische autonome Gebiete in Bosnien und Kroatien umfassen sollte). Bosnien solle ebenfalls bewusst sein, dass dieser Staat im Falle einer Abspaltung von Jugoslawien von serbischem Territorium umzingelt sein würde. Dem HistorikerNoel Malcolm zufolge „reduzierte sich somit die Bedeutung Bosniens innerhalb Jugoslawiens auf ein schwaches muslimischesBophuthatswana“.[10]
In einem Interview mit dem deutschen MagazinDer Spiegel präsentierteVojislav Šešelj von der Serbischen Radikalen Partei 1991 seine Vision eines „Großen Serbiens“, die vorsah, ganz Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Montenegro an Serbien anzugliedern, zuzüglich des Großteils von Kroatien. Den Kroaten bliebe somit soviel übrig, „wie man vom Turm der Zagreber Kathedrale aus übersehen kann“. Ebenso seien die bosnischen Moslems in Wirklichkeit „islamisierte Serben“. Ein Teil der sogenannten Kroaten seien „katholische Serben“.[11] DieMazedonier betrachtet Šešelj alsSerben mit Sprachfehler oder auch alsSüdserben.[12] Die Idee einer mazedonischen Nationalität haben Vojislav Šešelj undVuk Drašković widersprochen und die Zugehörigkeit Mazedoniens zu Serbien beansprucht.[13]
Der Versuch, das auseinanderbrechende Jugoslawien gewaltsam zusammenzuhalten und aus den auch von Serben bewohnten Gebieten einen gemeinsamen Staat zu schaffen, ist gescheitert. Die Jugoslawienkriege haben sogar dazu geführt, dass die serbischen Siedlungsgebiete geschrumpft sind: Ein großer Teil der Serben floh aus Kroatien und demKosovo, um in Serbien Zuflucht zu finden, die bosnischeRepublika Srpska ist dem StaatBosnien und Herzegowina angegliedert undMontenegro ist seit dem Jahr 2006 ein souveräner Staat. Das seit demKosovokrieg fast nur noch von Albanern bewohnte Kosovo hat sich am 17. Februar 2008 von Serbien unabhängig erklärt.
Slobodan Milošević, der sich seit dem 29. Juni 2001 bis zu seinem Tod am 11. März 2006 vor demUN-Kriegsverbrechertribunal inDen Haag als einer der Hauptverantwortlichen für die Jugoslawienkriege verantworten musste, wurde vorgeworfen, ein Großserbien angestrebt und dieJugoslawische Volksarmee mit dem Ziel eingesetzt zu haben, jene Grenzen zwischen den Teilrepubliken, die nach dem Zweiten Weltkrieg von einer speziellenKommission unter dem Vorsitz vonMilovan Đilas größtenteils nach ethnischen und historischen Kriterien definiert worden waren, zu Serbiens Gunsten neu zu ziehen.
Bei denParlamentswahlen am 11. Mai 2008 bekam die nationalistischeSrpska Radikalna Stranka (Serbische Radikale Partei, SRS) 1.219.436 Stimmen, das sind 30,1 % der abgegebenen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 61 %. Sie tritt für ein Großserbien entlang derVirovitica-Karlovac-Karlobag-Linie ein.
2012 wurde der ehemalige Vizepräsident der SRS,Tomislav Nikolić, zum Präsidenten Serbiens gewählt. In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ aus dem Jahr 2008 bezeichnete er Großserbien als seinen „Traum und Wunsch“. Zuvor hatte die SRS bei denParlamentswahlen erstmals den Einzug ins serbische Parlament verfehlt, dafür kam aber die von ihr abgespalteneSerbische Fortschrittspartei (SNS) unter Nikolić in die Regierung.