Grammatikalisierung (auch: Grammatikalisation) ist ein Prozess dersprachlichen Variation und desSprachwandels, in dem ein sprachliches Zeichen schrittweise grammatischen Regeln unterworfen wird. Ein einfaches Zeichen wird so zum grammatischen Formativ (auch: Grammem oder Funktionswort), ein komplexes zu einer grammatischen und dann zu einer morphologischenKonstruktion. Z.B. isthaben sowohl ein lexikalischesVerb der Bedeutung „besitzen“ als auch einHilfsverb mit der Funktion, das Perfekt zu bilden. Letzteres tut es in einer Konstruktion, nämlich einerperiphrastischen Verbform, die aus einer konjugierten Form vonhaben und einem Partizip Perfekt besteht, z. B.habe geschlafen. Am Ursprung dieser Bildung steht im Althochdeutschen eine syntaktische Konstruktion des Typs 'habe den Preis gewonnen' in der Bedeutung „habe den Preis, und zwar als gewonnenen“, wohaben noch seine lexikalische Bedeutung hat. Diese Konstruktion wird als ganzereanalysiert und grammatikalisiert, und dabei wird das Vollverbhaben zum Hilfsverb grammatikalisiert. Der Ursprung der grammatikalisierten Konstruktion liegt in der Textbildung; der Ursprung des grammatikalisierten Formativs ist ein lexikalisches Wort. Die Bedeutung des betroffenen einfachen Zeichens wird dabei allgemeiner und formaler; sein Ausdruck wird häufig verkürzt. Da der Prozess graduell ist, kann auch ein bereits grammatisches Zeichen noch weiter grammatikalisiert werden. Der Endpunkt der Entwicklung ist sein Verschwinden.
Grammatikalisierung findet in allen Bereichen der Grammatik statt. Ein weiteres Beispiel der Grammatikalisierung eines Vollverbs zu einem Hilfsverb ist die englische Verbalperiphrase vom Typis going to melt „wird (gleich) schmelzen“. Sie geht auf eine syntaktische Konstruktion zurück, wie sie inis going to the market vorliegt. Die lexikalische Bedeutung des Gehens schwindet in der Periphrase, die lediglich unmittelbares Futur bedeutet. Dasaltenglische Verb *willan drückte noch eine Intention aus; im modernen Englischen istwill das Hilfsverb des Futurs.
Ein rekonstruiertes Beispiel für eine solche Entwicklung ist die Entstehung der deutschen Präteritalendung-te (inlach-te). Im Germanischen, einer Vorstufe des Deutschen, wurde die Präteritalform vontun mit dem Infinitiv des Vollsverbs, wie in '*salben tat', kombiniert; sodann reduzierte sichtat zur Präteritalendung-te.[1] Diese Rekonstruktion ist allerdings nicht sicher.[2]
Häufig werden Substantive, die Raumregionen bezeichnen, zu Verhältniswörtern (Präpositionen oder Postpositionen) grammatikalisiert. Beispiele sind engl.top „Oberseite“ undback „Rückseite“, die in den Fügungenon top of X „auf X“ undin back of X „hinter X“ komplexe Präpositionen ergeben.Demonstrativpronomina werden in zahlreichen Sprachen zudefiniten Artikeln grammatikalisiert. So sind u. a. deutschder, engl.the und franz.le entstanden. Ebenso wird in den genannten und vielen anderen Sprachen dasZahlwort 'ein(s)' zumindefiniten Artikel grammatikalisiert.
Auf dem Weg zur Grammatikalisierung wirken auf eine sprachliche Einheit verschiedene Mechanismen, deren Folgen nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Man sagt, Grammatikalisierung ist unidirektional. Diese vier Mechanismen werden auch als die „vier Hauptphasen der Grammatikalisierung“ bezeichnet (Heine/Kuteva 2002, S. 2).
Grammatikalisierung beginnt mit dem Verlust lexikalischen Inhalts der grammatikalisierten Einheit (Desemantisierung): das englische Hilfsverbto go imgoing-to-future hat die Bedeutung 'gehen' abgelegt. Dies ist erklärbar mit dem Konzept, dass sich Bedeutungen aus verschiedenen Semen (Bedeutungsanteile) zusammensetzen. Enthält das Verb „to go“ in der Bedeutung „gehen“ ein Sem für (Weiter-)Bewegung und ein Sem für den Bezug auf die Räumlichkeit (unter anderen), so ist letzteres unnötig oder sogar störend für den Ausdruck der grammatischen Kategorie Tempus und wird für die Futur-Bedeutung aufgegeben. Das Sem für (Weiter-)Bewegung erlaubt bei Wegfall des Räumlichkeits-Sems den Gebrauch als Baustein der Futur-Bildung.
Durch den Verlust einer lexikalischen Eigenbedeutung fallen auch Gebrauchsbeschränkungen der grammatikalisierten Einheit weg, so dass diese in breiteren Kontexten Verwendung finden kann (Extension), oft auch zusammen mit dem Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung.
In ihrer neuen Funktion brauchen die grammatikalisierenden Einheiten manche ursprünglichen Eigenschaften nicht mehr und bauen diese ab.
Nicht immer gehen alle diese Eigenschaften verloren, manchmal ist es durchaus sinnvoll, sie zu erhalten. Ein neu entstandenes englisches oder deutsches Auxiliar kann etwa nach wie vor flektiert werden. Oder der Prozess der Dekategorialisierung läuft noch und manche Eigenschaften sindnoch erhalten.
Der Verlust an lexikalischem Inhalt und der häufigere Gebrauch führen oft zum Verlust an lautlicher Masse, Vereinfachung oder Betonungsschwund. Dieser Verlust wird alsphonetische Erosion bezeichnet. Er kann sogar bis zum völligen Schwund der Einheit führen.
Eine Einheit, die grammatikalisiert wird, macht auf ihrem Weg verschiedene Stadien im Bereich der Grammatik einer Sprache durch. Je weiter die Einheit auf der Skala fortgeschritten ist, desto stärker ist sie grammatikalisiert.
Am Anfang wird eine häufig auftretendesyntaktische Konstruktion umgedeutet (Reanalyse). Die Desemantisierung setzt ein und durch die Extension ändert sich die Möglichkeit der Satzumstellung und/oder der Ergänzung.
Extension:He’s going to come
Die Morphologisierung kann in zwei Teilprozesse aufgespalten werden: dieKlitisierung und dieFusion.Während der Klitisierung wird die lautlich reduzierte Einheit aufgrund der Frequenzzunahme zumKlitikon. Anfangs besteht zwischen der klitisierten und der getrennten Form kein Bedeutungsunterschied.
Mit der Zeit können sich jedoch unterschiedliche Bedeutungen entwickeln.
Durch den Prozess der Fusion wird eine Abtrennung der grammatikalisierten Einheit (des Klitikons) unmöglich, an deren Ende ist sie einAffix. Beispielsweise nimmt man an, dass das Suffix-te zum Ausdruck der Vergangenheit im Deutschen aus einer Verbindung eines Verbs mit dem Hilfsverbtun entstanden ist (salben-tat, salbe-tat, salb-te). Das Suffix-te kann nicht mehr abgetrennt werden.
Einheiten, die den Status eines Affixes erreicht haben, können lautlicheAssimilationen wie zum BeispielUmlaut hervorrufen. Die Information der grammatikalisierten Einheit wird hierbei in die Wurzel einer anderen Einheit integriert. Schwindet nun das Suffix durch Erosion, wird die Information nicht mehr durch ein einzelnesMorphem ausgedrückt, es hat eineDemorphemisierung stattgefunden (z. B.Mutter – Mütter).
Führt die Erosion so weit, dass die grammatikalisierte Einheit nicht mehr vorhanden ist, spricht man vomSchwund. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine neue Einheit zum Ausdruck der Information herbeigrammatikalisiert wird, und die Grammatikalisierung beginnt von Neuem.
Da Sprache ständig im Wandel begriffen ist und Grammatikalisierung Schritt für Schritt stattfindet, gibt es viele Fälle, in denen schwer entschieden werden kann, ob ein Element nun schon „grammatisch“ oder noch „lexikalisch“ ist, da die Reanalyse im vollen Gange ist. Dies ist beim sogenanntenRezipientenpassiv im Deutschen der Fall.
Dass solche „in der Schwebe“ befindlichen Fälle formal nicht entscheidbar sind, stellt die Korrektheit der theoretischen Voraussetzungen des Begriffs der Grammatikalisierung infrage. Lexikalisch = produktiv-offen und grammatisch = abgeschlossen-konventionalisiert sind polare Gegensätze. Mit ihnen allein kann man nur bereits abgeschlossenen Sprachwandel erfassen.
Entscheidbar wird der obige Fall erst durch Rückgriff auf dasmetasprachliche Bewusstsein der Sprecher einer Sprache, die damit einschätzen können, ob eine solche Konstruktion als noch metaphorisch-lebendig oder bereits als formal-erstarrt „empfunden“ wird.
Obwohl die Grammatikalisierung ein Haupttrend moderner Sprachen ist, gibt es auch Gegenbeispiele. VonDegrammatikalisierung spricht man, wenn Funktionswörter semantisch aufgeladen und sich verselbstständigen, indem sie z. B. als Verben verwendet werden (to up the bid = das Gebot erhöhen).
Die Grammatikalisierung von Bewegungsverben zum Ausdruck der Zukunft findet sich in vielen Sprachen der Erde, ohne dass diese miteinander verwandt wären oder jemals in Kontakt zueinander gestanden hätten. Deshalb handelt es sich womöglich um eine universale Erscheinung, die möglicherweise mit der Beschaffenheit der menschlichenKognition zusammenhängt. Die Untersuchung universaler Entwicklungstendenzen bei der Grammatikalisierung und die Aufdeckung von typischen sogenanntenGrammatikalisierungspfaden (also z. B. Bewegungsverb → Futurum), die alsosprachliche Universalien sein könnten, führte zu Versuchen, allgemeine Theorien der Grammatikalisierung zu postulieren. DieGrammatikalisierungstheorie – also die systematische Beschäftigung mit dem Universaliencharakter der Grammatikalisierung – ist ein wichtiges Teilgebiet derSprachtypologie.