
DieGeschichte Nigers umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet derRepublik Niger von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
In Zeiten, in denen die heutigeSahara feuchter war, war das Gebiet des heutigenNiger dicht besiedelt. Die Gräber vonGobero in Zentralniger stammen aus zwei Epochen: aus derKiffian-Kultur von 7700 bis 6200 v. Chr., einer Jägerkultur, deren Angehörige, die Proto-Bantu, aus dem westlichen subsaharischen Afrika zugewandert waren,[1] und aus der so genanntenRinderzeit, die hier abweichend von anderen Regionen um 5200 v. Chr. begann und bis 2500 v. Chr. dauerte und derTeneré-Kultur, einer Kultur von Viehzüchtern und Fischern, zuzuordnen ist.[2] Es handelt sich um die ältesten bekannten Gräber des heutigen Sahara-Gebietes. Mit der Austrocknung und Verwüstung der Landschaft, die schon um 100 n. Chr. ihren Abschluss fand, zogen die Menschen weiter nach Süden, sodass der Norden Nigers heute nur dünn vonTuareg-Nomaden besiedelt ist.
Im Gebiet des heutigen Niger setzte sich seit dem 8. Jahrhundert derIslam langsam, im 11. Jahrhundert jedoch endgültig durch, wodurch frühe christlicheBerbergemeinden erloschen. Die Region am östlichen Nigerbogen stand lange unter dem Einfluss benachbarter Staatswesen wie demSonghaireich (im 9. Jahrhundert v. Chr.) sowieGao (seit 1010) und demMalireich (14. Jahrhundert). Seit dem 11. Jahrhundert wurde Fernhandel mit dem Mittelmeerraum betrieben; um 1450 wurdeAgadez von Berbern als Handelsplatz und Karawanenstation begründet. Die Stadt wurde zum Mittelpunkt desSultanats Aïr.
Die Songhai bauten seit Ende des 15. Jahrhunderts ein mächtiges islamisches Reich auf, das Ende des 16. Jahrhunderts nach Kämpfen mitMarokko zusammenbrach. Agadez geriet unter den Einfluss der Tuareg. der Süden Nigers seit dem 17. Jahrhundert unter den Einfluss des ReichsKanem-Bornu, desEmirats Katsina, vonGobir und diversen anderenHausastaaten.

InZinder entstand 1731 das von Hausa und Tuareg getragene große und mächtige SultanatDamagaram, das von Abgaben auf den Karawanenhandel lebte. Seine Sultane üben bis heute eine zeremonielle Funktion aus. Um 1820 war SultanSélimane dan Tintoum von Zinder Oberhaupt des mächtigsten Staatsgebildes in der Region. Die Hausa-Dynastien wurden jedoch seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend von arabischen Dschihadisten und demKalifat von Sokoto in Nord-Nigeria bedroht, die den Emiren einen nur nominellen Übertritt zum Islam vorwarfen und nach kriegerischen Auseinandersetzungen die Hausa-Emirate übernahmen. In dieser Zeit konnte sich jedoch einZarma-Staat inDosso etablieren.[3]
1898 wurde der Leiter einer französischen Expedition inZinder im Auftrag des Sultans von Damagaram ermordet. Der Vergeltungsschlag war durch extreme Graumsamkeit gekennzeichnet. Die Hauptleute zahlten ihren Soldaten sogar Sold in Form von Sklaven aus.[4]England undFrankreich einigten sich im gleichen Jahr endgültig auf die willkürlich gezogenen künftigen Grenzverläufe ihrer Kolonien im Oberen Senegal, wie das Gebiet damals genannt wurde. 1899/1900 kam es zu weiteren erbitterten Kämpfen gegen die Kolonialtruppen. 1901 etablierten sich diese endgültig in Zinder, das 1903 durchNiamey als Hauptstadt abgelöst wurde (bis auf die Zeit von 1910–26). Seit 1912 war das Nigerterritorium Bestandteil vonFranzösisch-Westafrika. In den 1930er Jahrenmissionierten katholische Geistliche das Land. 1945 wurde Niger französisches Überseeterritorium und entsandte Abgeordnete in die französische Nationalversammlung.[5]DasFrauenwahlrecht wurde 1956 eingeführt.[6]Der erste gewählte Regierungschef des Niger, der SozialistDjibo Bakary (1922–1998) von der ParteiSawaba, stellte 1957 die erste Regierung zusammen. Im Vorfeld der Unabhängigkeit kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Bakary, der eine schnelle Unabhängigkeit forderte, und der Kolonialverwaltung, die sich mit ihren Verfassungsvorschlägen durchsetzte. Bakary trat 1958 nach einem Generalstreik zurück, weil seine Partei am 28. September 1958 dasVerfassungsreferendum in Niger 1958 gegen die Konservativen verloren hatte, die den Zeitpunkt der vollständigen Unabhängigkeit hinausschieben wollten.Hamani Diori wurde Präsident. Er ließ die Sawaba verbieten; Bakary ging bis 1974 ins Exil.Niger wurde 1960 (das alsAfrikanisches Jahr in die Geschichte einging) unabhängig.

Am 18. Dezember 1958 wurde Niger eine autonome Republik innerhalb derFranzösischen Gemeinschaft (Communauté française, zuvorUnion française).[7] Am 3. August 1960 erlangte das Land die Unabhängigkeit. Erster Präsident wurdeHamani Diori, ein führender Gewerkschafter, der – von den Franzosen und den traditionellen Stammesoberhäuptern unterstützt – die Neuwahlen 1958 gewonnen hatte. Allerdings kontrollierten die Franzosen die Regierung weitgehend durch „Berater“; auch blieben große Teile der Bevölkerung bis 1974 von der politischen Macht ausgeschlossen, so die Hausa, Tuareg undFulbe. Die Regierung stützte sich weitgehend aufZarma undSonghai, die nur 20 % der Bevölkerung ausmachte.[8]
1971 begann derUranbergbau in Niger, der trotz relativ geringer Förderabgaben immer noch die größten Einnahmequelle des Landes ist und im 21. Jahrhundert noch stark ausgebaut wurde. Die Minen sind überwiegend in französischem, aber auch in nigrischem,chinesischem,südkoreanischem undjapanischem Besitz. Frankreich bezieht 70 % seinesUrans aus Niger. 1972/73 wurden bei der Saheldürre etwa 80 % der Viehbestände vernichtet; die Nomaden flohen massenhaft in den Süden des Landes.
1974 wurde Diori in einemweitgehend friedlichen Militärputsch gestürzt, da ihmKorruption vorgeworfen wurde und zudem dieDürre und Hungersnot für Unzufriedenheit sorgte. Es wurde einOberster Militärrat gebildet, der das Land regierte. An dessen Spitze stand OberstSeyni Kountché, der sich außenpolitisch stärker auf die USA als auf Frankreich sowie im Innern auf das traditionelle Häuptlingswesen stützte und neue Wege in der Entwicklung des Landes und bei der Bekämpfung des Hungers anstrebte.
1983 scheiterte ein vonLibyen unterstützter Putsch. Nach dem Tod Kountchés im November 1987 wurde GeneralAli Saibou sein Nachfolger. Eine 1989 neugegründete Einheitspartei konnte ihr Monopol nur bis 1993 wahren.
Erst 1990 führte eine Welle von Streiks und Demonstrationen zur Zulassung von Oppositionsparteien. In diesem Jahr kam es auch zu einem Massaker an Tuareg-Nomaden bei einer „Strafexpedition“. Bei einer im Juli 1991 einberufenen Verfassungskonferenz wurden die Machtbefugnisse des Präsidenten für nichtig erklärt und eine Übergangsregierung unterAndré Salifou einberufen. Nach jahrzehntelanger Einparteien- und Militärregierung wurde erstmals eine Mehrparteiendemokratie eingeführt.
Schließlich wurde 1992 eine neueVerfassung per Volksentscheid angenommen. 1993 fanden Parlamentswahlen statt, aus der dieAllianz der Kräfte des Wandels (AFC), eine Koalition von acht Parteien, als haushoher Sieger hervorging. Einen Monat später wurdeMahamane Ousmane, der Führer der AFC, zum Präsidenten gewählt. Der erste AFC-Premierminister trat im September 1994 zurück, nachdem seine Partei die Allianz verlassen hatte.
Es gelang seinem Nachfolger nicht, eine Parlamentsmehrheit zu führen, so dass für Januar 1995 Neuwahlen angesetzt wurden. Daraus ging derMouvement National de la Société de Développement (MNSD, die ehemalige Einheitspartei) mit 29 Sitzen als stärkste einzelne Partei hervor. Es wurde eine Mehrparteienkoalition gebildet.
Am 24. April 1995 wurde das Abkommen vonOuagadougou zwischen der Regierung Nigers und denTuareg-Rebellen derOrganisation des bewaffneten Widerstands unterzeichnet, das einen dreijährigen Bürgerkrieg vorerst beendet. Das Friedensabkommen wurde unter Vermittlung Frankreichs, Burkina Fasos und Algeriens ausgehandelt. Da die Regierung Nigers das Abkommen nie richtig umsetzte, bemühten sich die Tuareg-Rebellen um weitere Gespräche. Am 15. Dezember 1995 kamMano Dayak, der Anführer derKoordination des bewaffneten Widerstands, ums Leben, als sein Flugzeug auf dem Weg zu Verhandlungen mit dem nigrischen Premierminister explodierte.
Im Januar 1996 kam es zu einem weiteren Militärputsch und die bestehende Verfassung wurde außer Kraft gesetzt. Neuer Präsident wurde OberstIbrahim Baré Maïnassara. Der von den Putschisten ernannte RegierungschefBoukary Adji bildete ein Übergangskabinett, dem nur Zivilisten angehörten.
1996 wurde durch ein Referendum eine neue Verfassung angenommen. Im November 1997 erklärte Präsident Maïnassara die seit Ende Dezember 1996 amtierende Regierungsmannschaft für inkompetent. Maïnassara löste die Regierung vonAmadou Boubacar Cissé auf und ernannte zwei Tage späterIbrahim Hassane Mayaki zum neuen Ministerpräsidenten.
Am 9. April 1999 starb Maïnassara bei einem Militärputsch. Wenige Tage danach wurde als Regierungsgremium ein ausMilitärs bestehender Nationaler Versöhnungsrat mit GeneralDaouda Malam Wanké als Vorsitzendem eingesetzt. Da Wanké möglichst rasch die Regierungsverantwortung an eine Zivilregierung übertragen wollte, fanden am 26. November Präsidentschaftswahlen statt. Dabei wurde der ehemalige OberstMamadou Tandja, der Kandidat desMouvement National pour la Société de Développement (MNSD), zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Neuer Regierungschef wurdeHama Amadou vom MNSD.
Erst 2003 wurde dieSklaverei in Niger verboten, doch wurden nur einige 100 Menschen freigelassen, während vermutlich noch Zehntausende – auch Kinder – als Haussklaven gehalten werden.[9]
2005/2006 kam es zu einerHungerkrise in Niger. Das Saatgut musste verzehrt werden, während gleichzeitig Getreide ins benachbarte Nigeria exportiert wurde.
Da die Regierung des Niger das Friedensabkommen vonOuagadougou nie ganz umgesetzt hatte, brach Anfang 2007 erneut ein Aufstand der Tuareg-Rebellen (Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit, MNJ) aus. Der MNJ fordert von der Regierung inNiamey vor allem, ihre traditionellen Weidegebiete nutzen zu können. Die Regierung Nigers erlaubte Firmen aus Frankreich, USA, China und Kanada, in den Weidegebieten derTuareg Uran abzubauen. Im August 2007 griff der Konflikt auf das benachbarteMali über.
Beieinem Putsch am 18. Februar 2010 wurde Mamadou Tandja, der seine Amtszeit über das von der Verfassung her vorgesehene Maximum ausgedehnt hatte, von einer Militärjunta unter Führung des GeschwaderkommandeursSalou Djibo abgesetzt und die Verfassung außer Kraft gesetzt.[10]
Bei denParlamentswahlen im Januar 2011 gewann dieNigrische Partei für Demokratie und Sozialismus (PNDS) die meisten Sitze. Bei denPräsidentschaftswahlen setzte sich der Spitzenkandidat der PNDS und langjährige Gegner Tandjas,Mahamadou Issoufou, durch. Mit seiner Amtseinführung am 7. April 2011 kehrte das Land zu einer zivilen Regierung zurück.[11]
Im Dezember 2013 kam es inNiamey zu einer großen Demonstration von Nigrern, die unzufrieden mit der Politik Issoufous waren. Einige protestierten auch gegen dieMedienzensur und angebliche Korruption in der Regierung. Die Demonstrationen wurden vom OppositionsführerOumarou und dem ehemaligen Premierminister Hama Amadou unterstützt.[11]
Seit Issoufous Amtsantritt verstärkten verschiedene islamische militante Gruppen ihre Aktivitäten in der Region. Am stärksten war die Bedrohung durch die TerrororganisationBoko Haram, die im benachbarten Nigeria ansässig war und dieses Land jahrelang terrorisiert hatte, bevor sie Angriffe in benachbarte Länder startete. 2015 verübte sie drei Anschläge im südlichen Niger. Niger schloss sich 2014 mit anderen Ländern in der Region zur GruppeG5 du Sahel zusammen, um den Terrorismus zu bekämpfen, und bemühte sich auch um die Aufnahme von zehntausendenFlüchtlingen, die vor Boko Haram vom Norden Nigerias in den Süden Nigers geflohen waren.[11]
Im Dezember 2015 verkündete Issoufou, dass die Regierung einen Putsch vereitelt habe, wobei mehrere Militäroffiziere verhaftet wurden. Bei denPräsidentschaftswahlen 2016 holte Issoufou erneut die meisten Stimmen.[11]
Im Dezember 2020 fand die erste Runde der Neuwahlen statt, zu denen Issoufou nicht mehr antrat. Erst in der Stichwahl im Februar 2021 wurdeMohamed Bazoum, der wie Issoufou der PNDS angehört und gegen Mahamane Ousmane antrat, zu seinem Nachfolger gewählt. Danach kam es zu Demonstrationen.Ein erfolgloser Putschversuch fand in der Nacht vom 30. auf den 31. März 2021 statt, zwei Tage vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten. Am 2. April 2021 wurde dieser vereidigt und trat sein Amt an.
Ende Juli 2023 wurde Präsident Mohamed Bazoum von Teilen der eigenen Präsidentengarde bei einemMilitärputsch verhaftet, und am Abend des 26. Juli verkündete eine Gruppe von Offizieren im Fernsehen die Machtübernahme.[12] GeneralAbdourahamane Tiani erklärte sich wenig später in einer Fernsehansprache zum neuen Präsidenten.[13]