Wallace wurde in seinenHigh-School-Tagen ein regional erfolgreicher Boxer. Später studierte er Jura. Nach seinem Studienabschluss 1942 ging er zu denUnited States Army Air Forces (Vorgängerin derU.S. Air Force). Er wurdeStaff Sergeant und flog imZweiten Weltkrieg an Bord einerB-29 der 58th Bombardment Group des XX Bomber Command Kampfeinsätze über Japan. Sein Kommandeur war GeneralCurtis E. LeMay, der 1968 als Vizepräsidentschaftskandidat mit ihm zusammen in den Präsidentenwahlkampf zog. Während seiner Militärzeit wäre Wallace fast an einem Gehirnfieber gestorben, was sein Gehör und sein Nervensystem dauerhaft schädigte. Er wurde aus der Air Force mit einer Teilrente wegen Behinderung entlassen.
Im Mai 1946 gewann er seine erste Wahl, um Abgeordneter imRepräsentantenhaus von Alabama zu werden. Zum damaligen Zeitpunkt gehörte er zu den vergleichsweise progressiven Stimmen, was Rassenthemen betraf. Als Delegierter zurDemocratic National Convention 1948 weigerte er sich beispielsweise mitzumachen, als einige Delegierte aus denSüdstaaten den Saal verließen, obwohl auch er gegenHarry S. Trumans Position bezüglich derBürgerrechte war, aber hauptsächlich, weil er Bundesgesetze gegen Rassendiskriminierung als Einschränkung der Rechte der einzelnen Bundesstaaten (States’ Rights) betrachtete; zu den Befürwortern dieser Linie gehörten auchHarry Byrd oderStrom Thurmond. Bei seiner Amtseinführung als Gouverneur 1963 rechtfertigte er diese Aktion jedoch mit politischen Argumenten.
1953 wurde er als Richter des dritten Gerichtsbezirks von Alabama gewählt. Dort wurde er als der „kleine kämpfende Richter“ bekannt, eine Anspielung auf seine Tage als Boxer.
1958 unterlag erJohn Malcolm Patterson in der demokratischen Vorwahl zur Nominierung als Gouverneurskandidat. Da zu dieser Zeit Alabama so gut wie immer von Demokraten regiert wurde, war die Vorwahl auch die entscheidende Wahl. Diese Niederlage war entscheidend für Wallaces künftige politische Ausrichtung: Patterson hatte die Unterstützung desKu-Klux-Klan, einer Organisation, an der Wallace im Wahlkampf Kritik geübt hatte; Wallace hingegen hatte die Unterstützung der BürgerrechtsorganisationNAACP. Nach der Wahl versprach Wallace: „I’ll never be outniggered again“ (Ich werde mich nie wieder überniggern lassen).
Nach seiner Niederlage wurde Wallace ein Hardliner in „Rassenfragen“ und dieser Standpunkt half ihm bei der nächsten Gouverneurswahl die Stimmen der weißen Bevölkerung zu gewinnen. 1962 wurde er als Gouverneur gewählt, mit einem Pro-Rassentrennungs-Wahlprogramm, das auch die Rechte der einzelnen Bundesstaaten gegenüber dem Bund betonte.
Katzenbach (rechts) vor Gouverneur George Wallace (links in der Tür) vor der University of Alabama
In seiner Rede zur Amtseinführung 1963 erklärte Wallace: „Rassentrennung heute, Rassentrennung morgen und Rassentrennung für immer!“ Diese Zeilen wurden von Wallaces neuem Redenschreiber,Asa Carter, geschrieben. Wallace behauptete später, er habe diesen Teil der Rede nicht gelesen, bevor er sie hielt, und dass er es unmittelbar danach bedauert habe.
Am 2. September 1963 setzte George Wallace dieStaatspolizei in Marsch, um das Betreten integrierter Schulen durch schwarze Kinder zu unterbinden.
Ein weiteres Ereignis seiner ersten Amtszeit war der Bombenanschlag auf die16th Street Baptist Church inBirmingham 1963, bei dem vier afroamerikanische Mädchen getötet wurden. VieleBürgerrechtler sahen Wallace und Birminghams PolizeichefEugene „Bull“ Connor mitverantwortlich für die hasserfüllte Atmosphäre, die zum Anschlag führte.Martin Luther King nahm diese Vermutung zum Anlass, Wallace anzurufen, um ihm zu sagen, das Blut der ermordeten Kinder sei an seinen Händen.
Durch die Bekanntheit, die er in der University-of-Alabama-Kontroverse gewonnen hatte, war er in der Lage, seine erste Kandidatur für das Präsidentenamt 1964 durchzuführen. Dabei zeigte er eine überraschende Stärke in denVorwahlen inWisconsin,Maryland undIndiana, wo er bis zu einem Drittel aller Stimmen gewann. Sein Image als Außenseiter und seine Botschaft von den Rechten der Bundesstaaten gegenüber derBundesregierung schienen landesweit auf Zuspruch zu stoßen. Dennoch hatte er auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten keine Chance gegen den amtierenden PräsidentenLyndon B. Johnson, der sich um eine Wiederwahl bemühte.
Die Landesverfassung von Alabama ließ zu diesem Zeitpunkt die Wiederwahl eines amtierenden Gouverneurs nicht zu. Erst später wurde diese Vorschrift abgeschafft, insbesondere aufgrund der Initiative des Wallace-Lagers.Als Behelfsmaßnahme ließ Wallace seine EhefrauLurleen für die Amtszeit ab 1966 kandidieren. Es war allgemein bekannt, dass im Falle ihres Wahlsieges George Wallace selbst das Geschick des Bundesstaates lenken würde. Diese Strategie einer Ersatzkandidatur hatte schonJames E. Ferguson in den Gouverneurswahlen von Texas 1924 verfolgt, nachdem er wegen Amtsenthebung von einer weiteren Kandidatur abgehalten wurde und stattdessen die Wahl seiner FrauMa Ferguson unterstützte.
Lurleen Wallace gewann die Wahl, wurde 1967 die erste Gouverneurin Alabamas und die einzige bis zur Ernennung vonKay Ivey im April 2017.[2] Sie starb jedoch schon 1968 an Krebs.VizegouverneurAlbert Brewer folgte ihr im Amt des Gouverneurs nach, so dass Wallace vorübergehend den direkten Zugang zur Macht verlor. 1970 konnte er eine erneute eigene Kandidatur anstreben und erreichte seine zweite Amtszeit.
Als Wallace sich 1968 um das Amt des US-Präsidenten bewarb, kandidierte er nicht für die Demokraten, sondern für dieAmerican Independent Party. Sein Kandidat für das Amt desVizepräsidenten war der Air-Force-GeneralCurtis E. LeMay. Er hoffte genug Wahlmänner imElectoral College zu gewinnen, so dass keiner der Kandidaten eine Mehrheit erreichen würde und der Präsident vom US-Repräsentantenhaus gewählt werden müsste. Damit käme ihm die Rolle eines Züngleins an der Waage zu, und er hoffte, dass dieSüdstaaten dies imKongress taktisch ausnutzen könnten, um ihre Stimmen gegen ein Entgegenkommen der anderen Staaten zu tauschen, was eine Lockerung der Bemühungen des Bundes, die Rassentrennung zu beenden, ergeben könnte.
Dies kam jedoch nicht zustande. Wallace konnte nur die Wahlmännerstimmen vonAlabama,Arkansas,Georgia,Louisiana undMississippi (so genannterDeep South) gewinnen und erhielt insgesamt nur 9.901.151 Stimmen (13,5 %) und 46 Wahlmänner. Im selben Jahr wurde auf Drängen von VizepräsidentHubert H. Humphrey derCivil Rights Act vom Kongress verabschiedet.
Thematisch betonte Wallace in seinem WahlkampfLaw and Order, ähnlich wie derrepublikanische Kandidat, der ehemaligeVizepräsidentRichard Nixon (sieheSouthern strategy). Die Kandidaten der beiden großen Parteien waren daher beide besorgt, da Wallace im Süden Nixon Stimmen abnehmen könnte, aber auch in nördlichen Bundesstaaten mit einem hohen Anteil angewerkschaftlich organisierten Arbeitern wieMichigan,Ohio undNew Jersey könnte er dem demokratischen Kandidaten, dem amtierenden Vizepräsidenten Humphrey, Stimmen wegnehmen.
Der Außenseiterstatus von Wallace erwies sich erneut als populär unter den Wählern, insbesondere in den ländlichen Südstaaten, und er erhielt in fünf dieser Staaten die meisten Stimmen, so dass er das Ziel nur knapp verfehlte, die Wahl im Repräsentantenhaus entscheiden zu lassen. Er ist die bislang letzte Person, die Stimmen imElectoral College erhielt, die nicht von einer der beiden Volksparteien nominiert wurde, und war die erste seitDixiecratStrom Thurmond, der 20 Jahre vor ihm einen ähnlichen regionalen Anti-Integrations-Wahlkampf führte. Über die ihm zugesagten Stimmen hinaus erhielt er auch die Stimme eines Wahlmannes ausNorth Carolina, der für Nixon gewählt worden war.
Für viele war Wallace ein unterhaltsamer Wahlkämpfer, unabhängig davon, ob sie seine Meinungen teilten. AufHippies, die ihm vorwarfen, einNazi zu sein, antwortete er: „Ich habe schonFaschisten getötet, als ihrPunks noch in denWindeln lagt.“ An andere Hippies richtete er die Botschaft: „Ihr ruft mirfour-letter words (engl.: Schimpfwörter, wörtlich: Wörter mit vier Buchstaben) nach; ich habe für euch ebenfalls ein paar: S-O-A-P (engl: Seife) und W-O-R-K (engl: Arbeit).“ Als die StadtWashington einen Bevölkerungsrückgang durch dieSuburbanisierung vornehmlich weißer Bewohner erlebte, während Afroamerikaner in der Stadt blieben, kommentierte er dies: „Sie bauen eine Brücke über denPotomac für die ganzenweißenLiberalen, die nachVirginia flüchten.“ Wallace wollte damit andeuten, dass viele Befürworter der Integration es vorziehen würden, von ihren schwarzen Nachbarn wegzuziehen. Wallace sagte ferner, dass er mitAbraham Lincoln nicht darin übereinstimme, ob Afroamerikaner wählen, inGeschworenengerichten dienen oder öffentliche Ämter innehaben sollten – auch wenn er mit Lincoln darin übereinstimme, dass die Gleichberechtigung für sie mit Bildung, Wohlstand und Zeit kommen könnte.[3]
1970 wurde er zum zweiten Mal zum Gouverneur von Alabama gewählt.
Der republikanische US-Präsident, Richard Nixon, versuchte Wallace’ Chancen auf eine weitere Präsidentschaftskandidatur zu schmälern. Daher unterstützte Nixon bei der Vorwahl zu den Gouverneurswahlen 1970 den amtierenden Gouverneur der Demokraten,Albert Brewer. Außerdem ließ Nixon dieSteuerbehörde der Frage nachgehen, ob der Wallace-Wahlkampf von illegalen Spenden profitiert habe. Eine Umfrage des MeinungsforschungsinstitutsGallup aus dieser Zeit zeigte, dass Wallace der siebtmeistrespektierte Mann bei den US-Amerikanern war, noch vorPapstPaul VI., der auf den achten Platz kam.
Bei den Vorwahlen um die demokratische Kandidatur zwischen Wallace und Brewer zeichnete sich ein knappes Rennen ab. Wallace führte eine aggressive und negative Wahlkampagne gegen Gouverneur Brewer. Unter anderem ließ er Gerüchte streuen, Brewer seihomosexuell und dessen EhefrauAlkoholikerin. Er porträtierte Brewer als führungsschwach, als Marionette vonLinken undSchwarzen, der diesen den Staat ausliefere. In einem der letzten offen rassistischen Wahlkämpfe derUS-Geschichte setzte sich Wallace schließlich knapp durch. Historiker betrachten die demokratischen Vorwahlen von Alabama 1970 als „schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten“.[4] Albert Brewer sagte später, wenn ein solcher Wahlkampf notwendig sei, um Gouverneur zu werden, dann verzichte er gerne darauf.
Im Frühjahr 1972 erklärte Wallace seine erneute Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten; diesmal wollte er jedoch wieder für die Demokraten nominiert werden. InFlorida gewann er bei den Vorwahlen in jedemCounty des Staates mit insgesamt 42 % der Stimmen gegen den linken KandidatenGeorge McGovern, gegen den schon 1968 nominiertenHubert H. Humphrey und gegen neun weitere Kandidaten. Trotzdem wurde letzten Endes McGovern als Herausforderer von PräsidentNixon nominiert. Im Vorfeld seiner Nominierung erklärte er, seine Meinung zur Rassentrennung geändert und schon immer moderate Ansichten vertreten zu haben.
Während eines Wahlkampfauftritts inLaurel (Maryland) im Mai 1972 wurde Wallace bei einemAttentat vonArthur Bremer angeschossen. Drei weitere Personen wurden bei der Schießerei verletzt; alle überlebten. Das Tagebuch von Bremer, das nach seiner Verhaftung unter dem TitelAn Assassin’s Diary veröffentlicht wurde, zeigte, dass die Tat nicht durch Politik motiviert wurde, sondern vom Verlangen danach, berühmt zu werden. Auch Präsident Nixon wurde als mögliches Ziel von Bremer in Betracht gezogen. Das Attentat ließ Wallacegelähmt zurück, da eine der Kugeln in seinemRückenmark verblieb.
Nach dem Attentat auf ihn gewann Wallace die Vorwahlen inMaryland,Michigan,Tennessee, undNorth Carolina. Im Rollstuhl sprach er auf derDemocratic National Convention inMiami im Sommer 1972. Der letztlich nominierte Kandidat der Demokraten,Senator George McGovern ausSouth Dakota, unterlag Amtsinhaber Nixon deutlich, er verlor in 49 von 50 Staaten.
Wallace erholte sich in einem Krankenhaus in Maryland, also außerhalb seines Heimatstaates. Der Verfassung des Staates Alabama zufolge diente darum der Vize-Gouverneur,Jere Beasley, vom 5. Juni bis zum 7. Juli als amtierender Gouverneur.
Im November 1975 kündigte Wallace seine vierte und letzte Bewerbung für das Präsidentenamt an. Die folgende Kampagne wurde aber von den Befürchtungen der Wähler wegen seiner gesundheitlichen Probleme überschattet. Seine Unterstützer meinten, die Medien würden wegen Vorurteilen ein Bild von Wallace’ Hilflosigkeit zeichnen, und verwiesen auf die Lähmung des demokratischen PräsidentenFranklin D. Roosevelt drei Jahrzehnte früher. Nachdem Wallace mehrere Vorwahlen in seiner Hochburg, den Südstaaten, gegen den früheren Gouverneur vonGeorgia und späteren WahlsiegerJimmy Carter verloren hatte, stieg er im Juli 1976 aus dem Rennen aus.
Während seiner letzten Amtsjahre in den späten 1970er Jahren wandelte er sich zum „wiedergeborenen Christen“, entschuldigte sich bei ehemaligen Führern derBürgerrechtsbewegung für seine früheren Ansichten hinsichtlich der Rassentrennung und bezeichnete sie als falsch. Er sagte auch, dass er früher Macht und Ruhm angestrebt habe, nun aber einsehe, dass er Liebe und Vergebung suchen solle. Wallace bekannte, dass seine rassistischen Ansichten und seine rassistische Rhetorik Schwarzen psychische Schmerzen bereitet haben könnten. In seiner letzten Amtszeit als Gouverneur (1983–1987) ernannte er eine nie dagewesene Zahl von Afroamerikanern in Regierungspositionen.
George Wallace war nach dem Tod seiner Frau noch zweimal verheiratet, beide Ehen endeten mit der Scheidung. 1971 heiratete er Cornelia Ellis Snively, eine Nichte des früheren Gouverneurs von Alabama,Jim Folsom (Big Jim), das Paar wurde 1978 geschieden. Im Jahre 1981 heiratete erLisa Taylor, eineCountry-Sängerin; die Beziehung endete 1987.
Für den FilmForrest Gump wurde der SchauspielerTom Hanks nachträglich in Fernsehaufnahmen von der Einschreibung der ersten schwarzen Studierenden an der University of Alabama am 11. Juni 1963 eingefügt.
In Stephen Kings RomanDer Anschlag wird Wallace in einer alternativen Zeitschiene Nachfolger des nicht ermordetenJohn F. Kennedy als US-Präsident. In dieser Funktion lässt er mehrere Atombomben zünden.
In dem FilmSelma von 2014, der während der Bürgerrechtsbewegung spielt, gegen die sich der damalige Gouverneur Wallace öffentlich aussprach, wurde Wallace von dem SchauspielerTim Roth porträtiert.
Ina Ketelhut:Rechtsextremismus in den USA und Frankreich. Eine Fallstudie über das Wählerpotential vonJean-Marie Le Pen und George Wallace (= Kieler Schriften zur politischen Wissenschaft, Bd. 11). Lang, Frankfurt/M. 2000,ISBN 3-631-35642-0.
↑Zitat:I have a dream that one day, down in Alabama, with its vicious racists, with its governor having his lips dripping with the words of interposition and nullification; one day right there in Alabama, little black boys and black girls will be able to join hands with little white boys and white girls as sisters and brothers.