Mitte des 19. Jahrhunderts sah sich dasKhmer-Reich durchVietnam undSiam von der Auslöschung bedroht, so dass der kambodschanische KönigAng Duong im Jahr 1853Frankreich als Kolonialmacht um Schutz bat.[1] Während der Kolonialherrschaft Frankreichs wurden die vergangenen Gebietsverluste an Vietnam wie die des von vielenKhmer bewohntenMekong-Deltas (Kampuchea Krom) bestätigt, was in Kambodscha die Basis für einen zukünftigen nationalistischen Befreiungsdiskurs legte.[2]
Hinzu kam, dass sich während der Kolonialherrschaft im durch agrarischeSubsistenzwirtschaft undBuddhismus geprägten, ethnisch relativ homogenen Kambodscha der Wohlstand bei städtischen Kaufleuten konzentrierte, die zum großen Teil zugewanderteVietnamesen undChinesen waren. In der Verwaltung vonFranzösisch-Indochina setzten die Kolonialherren bevorzugt Vietnamesen ein, die sie für fleißiger und gebildeter als die Khmer hielten. Aus den hier wurzelnden Spannungen entstanden zum Teil das Rekrutierungspotenzial der Roten Khmer und die Motive für die späteren Verbrechen des Pol-Pot-Regimes.[3]
Bereits seit Ende 1970 standen weite Gebiete im Norden und Osten Kambodschas unter Kontrolle der Roten Khmer oder vietnamesischer Einheiten.
Vom Sturz des PrinzenNorodom Sihanouk 1970 bis zum Einmarsch der Roten Khmer inPhnom Penh am 17. April 1975 herrschte inKambodscha ein Bürgerkrieg zwischen der pro-amerikanischenKhmer-Republik unterLon Nol und derFront uni national du Kampuchéa (FUNK), zu der auch die Roten Khmer gehörten. Bereits in dieser Zeit beging die kommunistisch-nationalistische Guerilla in ihren „befreiten Zonen“, die ab Ende 1971 oder Anfang 1972 mehr als die Hälfte des Landes umfassten, schwere Menschenrechtsverletzungen. So wurden 1973 die Bewohner der StadtKratie, unabhängig von ihrem sozialen Status, in ein abgelegenes, malariaverseuchtes Gebiet im Nordosten des Landes deportiert.[4] Als die Roten Khmer im April 1974 die einstige KönigsstadtUdong einnahmen, zerstörten sie diese, verschleppten Lokalbeamte, Lehrer und andere Mitglieder der örtlichen Elite in den Dschungel und töteten sie dort.[5]
Bis zum Ende des Pol-Pot-Regimes am 6. Januar 1979 fanden laut gängigsten Schätzungen zwei Millionen Menschen den Tod, wobei möglicherweise 40 % von ihnen an Hunger und Krankheiten starben. Dies war eine Folge derLandwirtschaftspolitik imDemokratischen Kampuchea, die die traditionellen Anbaumethoden und sozialen Strukturen zugunsten einerZwangskollektivierung zerschlug. Die historisch gewachsene Anordnung derReisfelder wurde einem System aus Gitternetzlinien geopfert,Märkte verboten, Kanäle und Dämme ohne technische Hilfsmittel gebaut sowie ans Fantastische grenzende Planziele für die Ernte vorgegeben. Ein großer Teil der Reisproduktion wurde zudem nicht an die lokale Bevölkerung verteilt, sondern hauptsächlich in dieVolksrepublik China exportiert.
Bestimmte ethnische, religiöse und soziale Gruppen hatten unter der Herrschaft der Roten Khmer besonders zu leiden. Die Gesamtbevölkerung wurde in „neue Menschen“ oder „Menschen des 17. April“ und „einfache Menschen“ eingeteilt, von denen die letzteren zwar im Vergleich privilegiert waren, aber trotzdem in großer Zahl Opfer des Genozids wurden. Die Bewohner der Städte wurden als „neue Menschen“ auf das Landdeportiert, wo sie Zwangsarbeit verrichteten. Familienstrukturen wurden zerschlagen und nahezu jeder Aspekt des Lebens durch die allgegenwärtigeAngka, eineFrontorganisation der Kommunistischen Partei Kambodschas, kontrolliert. Außerdem wurde das Gesundheits- und Bildungssystem praktisch abgeschafft. Die Einteilung der Bevölkerung in unterschiedliche Gruppen wurde zum Teil durch Symbole kenntlich gemacht. So musste die aus denöstlichen Provinzen verschleppte Bevölkerung blaue Halstücher tragen, um sie als potenzielle „Khmer mit vietnamesischem Geist“ kenntlich zu machen.Politische Säuberungen, die für die Betroffenen in Foltergefängnissen wieTuol Sleng und denKilling Fields endeten, wurden damit begründet, „innere Feinde“ und „Mikroben“ zu vernichten, um die Gesellschaft zu „reinigen“.[6]
Insbesondere in derRechtswissenschaft ist bis heute umstritten, ob die Massenmorde tatsächlich als Genozid gewertet werden können. Da die Mehrheit der OpferKhmer waren, die die mit Abstand größte Ethnie in Kambodscha bilden, greift in diesem Falle nicht die enge Definition derKonvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Daher wird dieses Ereignis zum Teil als Autogenozid bezeichnet, um es von anderen Völkermorden abzugrenzen.[7] Im Allgemeinen wird sowohl journalistisch als auch wissenschaftlich vom Genozid in Kambodscha gesprochen.
Ein weiteres Problem bei der Eingrenzung des Begriffs ist die Zeitachse: Massenverbrechen in Kambodscha erfolgten zum einen vor dem Pol-Pot-Regime, also während des Kambodschanischen Bürgerkriegs und durch amerikanische Flächenbombardements wie dieOperation Menu, bei denen insgesamt ein Drittel der Bevölkerung vertrieben wurde und mehrere Hunderttausende getötet wurden, zum anderen danach während des langen Bürgerkriegs von 1979 bis 1998.[8]
Unterstützung durch die Kommunistische Partei Chinas
1970 wurdeKönig Sihanouk vonLon Nol gestürzt und floh nachPeking, wo auch Pol Pot zu Besuch war.[15] Auf Anraten der KPCh änderten die Roten Khmer ihre Position, um Sihanouk zu unterstützen, und richteten die „Front uni national du Kampuchéa (FUNK)“ ein.[15] Allein 1970 gewährte die KPCh der FUNK 400 Tonnen Militärhilfe.[16] Im April 1974 traf sich Mao Zedong in Peking mit König Sihanouk,Ieng Sary undKhieu Samphan (zwei Führer der Roten Khmer). Mao stimmte der Politik der Roten Khmer zu, lehnte es jedoch ab, König Sihanouk nach dem Gewinn des Bürgerkriegs auszulassen.[15][17] 1975 besiegten die Khmer Rouge dieKhmer-Republik, riefen das Demokratische Kampuchea aus und begannen den kambodschanischen Genozid mit der Deportation der Stadtbevölkerung.
Im Juni 1975 trafen sich Pol Pot und andere Beamte der Roten Khmer mit Mao Zedong in Peking, wo Pol Pot von Mao die „Theorie der fortgesetzten Revolution unter der Diktatur des Proletariats“ lernte.[10][11][13][15] Mao empfahl auch zwei weitere Artikel vonYao Wenyuan und gab Pol Pot über 30 Bücher, die vonKarl Marx,Friedrich Engels,Wladimir Lenin undJosef Stalin verfasst wurden.[10][11][13][15] Andererseits warnte der chinesische MinisterpräsidentZhou Enlai bei einem weiteren Treffen im August 1975 Sihanouk sowie die Führer der Roten Khmer, darunter Khieu Samphan und Ieng Sary, vor der Gefahr einer radikalen Bewegung in Richtung Kommunismus und verwies auf die Fehler in Chinas “Großem Sprung nach vorn”.[18][19][20]
Hochrangige KPCh-Beamte wieZhang Chunqiao besuchten später Kambodscha, um Hilfe anzubieten.[10][11][14][21] Pol Pot und andere wurden von derchinesischen Kulturrevolution beeinflusst, starteten den „Maha Lout Ploh“ und kopierten Chinas Großen Sprung nach vorn, der bei derGroßen Chinesischen Hungersnot 15–55 Millionen Todesfälle verursacht hatte.[10][14][22][23] Während des Völkermords war China der wichtigste internationale Schutzpatron der Roten Khmer und versorgte „mehr als 15.000 Militärberater“ und den größten Teil seiner Außenhilfe.[9] Es wird geschätzt, dass mindestens 90 % der Auslandshilfe für die Roten Khmer aus China stammte. Allein 1975 wurden zinslose wirtschaftliche und militärische Hilfe in Höhe von 1 MilliardeUS-Dollar geleistet, „die größte Hilfe, die China jemals einem Land gewährt hat“.[12][24][25]
Schätzungen über die Gesamtzahl der Opfer divergieren stark,Ben Kiernan vomGenocide Studies Program derYale University gibt sie mit mehr als 1,6 Millionen von knapp 8 Millionen Gesamtbevölkerung an.[26] Eine konservative Schätzung durchMichael Vickery anhand von Bevölkerungsstatistiken vonAngus Maddison geht von 750.000 aus.[27]David P. Chandler führt als untere Grenze 800.000 bis 1 Million Opfer aus, wobei die Toten des Krieges gegen Vietnam nicht mitgezählt werden. Als wahrscheinlich gibt er an, dass beim Genozid in Kambodscha mehr als 1 Million Menschen an den Folgen der Massenvertreibung, also an Hunger, Überarbeitung und mangelhafter medizinischer Versorgung starben. Mehr als 100.000 weitere Kambodschaner wurden als Staatsfeinde hingerichtet. Von diesen Exekutionen waren insbesondere auf dem Land etliche impulsiven Überreaktionen junger Parteikader geschuldet, während die Morde in Tuol Sleng und anderen Foltergefängnissen planvoller erfolgten. Im Krieg mit Vietnam starben zusätzlich Zehntausende Kambodschaner.[28] DerDemograph Marek Sliwinski sowie statistische Analysen von Vincent Heuveline und Bruce Sharp kommen auf eine Opferzahl von über 2 Millionen. Der frühere PremierministerLon Nol sprach später von 2,5 Millionen Toten undPen Sovan, der erste Generalsekretär derKampucheanischen Revolutionären Volkspartei, nannte 3,1 Millionen Opfer, was die offizielle Position Hanois widerspiegelte.[29] Der amerikanische PolitikwissenschaftlerRudolph Joseph Rummel definiert die Gewaltherrschaft der Roten Khmer als einenDemozid und gibt für den Zeitraum von 1975 bis 1987 eine Opferzahl von 2,85 Millionen an.[30] Schätzungen aus den 2010er Jahren, die auf der Arbeit desRote-Khmer-Tribunals beruhen, gehen von einer Opferzahl zwischen 1,6 Millionen und 2,2 Millionen Menschen aus.[31]
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