Kainz legte 1914 am Staatsgymnasium Wien im 8. Bezirk dieMatura ab. Von 1915 bis 1918 nahm er als Freiwilliger amErsten Weltkrieg in Russland, Belgien, Italien und Frankreich teil und wurde zweimal verwundet. Nach seiner zweiten Verwundung musste Kainz nicht mehr kämpfen und begann mit dem Studium derPhilosophie,Germanistik,Kunstgeschichte undMusikwissenschaft an derUniversität Wien. 1921 promovierte er zum Thema Kunstgeschichte undÄsthetik. Es folgte ein Medizinstudium mit Fokus auf psychiatrische Vorlesungen, wobei Kainz sich auf Sprachstörungen spezialisierte. Neben lebenslanger Lehrtätigkeit am Pädagogischen Institut Wien ab 1923 lehrte Kainz in den 1920er Jahren auch an verschiedenen Volkshochschulen.[2]
Kainz habilitierte sich 1925 für Ästhetik an der Universität Wien. Er war zunächst Privatdozent an derUniversität Wien und wurde dort 1938 Leiter des Psychologischen Instituts und mithin Nachfolger des von den Nationalsozialisten verhaftetenKarl Bühler. Kainz wurde 1939 zum außerordentlichen Professor für „Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Ästhetik und der Sprachpsychologie“ und 1950 zum Ordinarius für Philosophie ernannt. Er stellte zwar einen Antrag auf Mitgliedschaft in derNSDAP und erneuerte ihn mehrfach, wurde jedoch nicht in die Partei aufgenommen.[3] Dennoch verkehrte Kainz mit den gerade in seinem wissenschaftlichen Bereich zahlreichen jüdischen Gelehrten und Kollegen, unter anderem mitCharlotte Bühler; zur zweiten, unveränderten Auflage derSprachtheorie ihres Ehemanns Karl Bühler schrieb Kainz ein Geleitwort.[4] Nach demZweiten Weltkrieg leitete Kainz im Anschluss an Eduard Castle (bis 1949) auch das 1943 im Zuge der nationalsozialistischen Kulturpolitik unterBaldur von Schirach gegründete Institut für Theaterwissenschaft (bis 1954), da der erste Ordinarius des Instituts,Heinz Kindermann, wegen des NS-Verbotsgesetzes 1945 seines Dienstpostens enthoben worden war, dem Institut jedoch von 1955 bis zu seiner Emeritierung 1966 wieder vorstand.[5][6] Zum Kreis seiner Schüler zählen etwa auch der spätere RabbinerMeir Koffler,[7] der PhilosophWolfdietrich Schmied-Kowarzik[8] und der SprachwissenschaftlerGeorg Schmidt-Rohr (1890–1945).[9]
Kainz trat früh mit sprachpsychologischen Forschungen in Erscheinung und wurde vonWilhelm von Humboldt und Karl Bühler beeinflusst. Er vertrat eine induktive Methodologie und ging von universalen und unveränderlichen Prinzipien im Gebrauch von Sprache aus. International bekannt wurde er durch seine fünfbändigePsychologie der Sprache, deren zentrale Aussagen die Konzepte Sprech- und Sprachhandlung, Sprache als Superstruktur, das Verhältnis von Denken und Sprache, ferner Urteilsausdruck, Diktion, Artikulation, abstraktive Relevanz, Sprachrelativismus und Sprachverführung[13][14] betreffen. In diesem Werk unterscheidet Kainz auch die vierI-Funktionen der Sprache, die als Vorläufer derSprechakte angesehen werden können:[15][16]
Band: interjektive Sprachfunktion
Band: imperative Sprachfunktion
Band: informativ-indikative Sprachfunktion
Band: interrogative Sprachfunktion
In seinen späteren Werken zur Philosophischen Etymologie und zur Sprachverführung wandte Kainz sich einer philosophiekritischenSprachkritik zu. Indem er sich jedoch der Metapher Humboldts vom organischen Wachstum des Geistes in der Sprache anschloss, ist er vielleicht selbst Opfer einer Sprachverführung geworden. Sein literaturpsychologischer Begriff der Steigerung wird in der Metapherntheorie rezipiert. Mit Kainz kam die Einheit von Philosophie und Psychologie in der Erforschung sprachlicher Phänomene zu einem Ende. Nach Gerhard Gelbmann bieten die Arbeiten von Kainz alternative Ansätze zum Neopositivismus und zur analytischen Philosophie.[17]
Das Steigerungsphänomen als künstlerisches Gestaltungsprinzip. Eine literarpsychologische Untersuchung. In:Zeitschrift für angewandte Psychologie, 1924, Beih. 33. J. A. Barth, Leipzig.
Geschichte der deutschen Literatur. Band 2:Von Klopstock bis zum Ausgang d. Romantik. Band 3:Von Goethes Tod bis zur Gegenwart. W. de Gruyter, Berlin 1929.
Personalistische Ästhetik. J. A. Barth, Leipzig 1932.
Zur Entwicklung der sprachstilistischen Ordnungsbegriffe im Deutschen. In:Zeitschrift für deutsche Philologie, 1936, 61. Nachdruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1967
Die Sprachästhetik der Jüngeren Romantik. In:Deutsche Vierteljahresschrift, 1938, 16, S. 219–257.
Über das Sprachgefühl. Ohm, Berlin 1944.
Psychologie der Sprache (fünf Bände, der fünfte Band in zwei Teilbänden). Enke, Stuttgart 1941–1969.[18]
Band:Grundlagen der allgemeinen Sprachpsychologie. 1941. 3. Auflage: 1962.
Band:Physiologische Psychologie der Sprachvorgänge. 1954. 2. Auflage: 1965.
Band:Spezielle Sprachpsychologie. 1956.
Band:Psychologie der Einzelsprachen. Teil 1: 1965, Teil 2: 1969.
Einführung in die Sprachpsychologie. A. Sexl-Verlag, Wien 1946.
Vorlesungen über Ästhetik. A. Sexl-Verlag, Wien 1948.
Einführung in die Philosophie der Kunst. Bellaria-Verlag, Wien 1948.
Linguistisches und Sprachpathologisches zum Problem der sprachlichen Fehlleistungen. In: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse,Sitzungsberichte, 230, Band 5. Wien 1956
Die Sprache der Tiere: Tatsachen, Enke: Stuttgart 1961
Das Denken und die Sprache. In: R. Bergius (Hrsg.):Handbuch der Psychologie. Band I 2:Lernen und Denken. 1964.
Richard Meister (Nachruf). In:Almanach d. Österreichischen Akademie d. Wissenschaften, 1964, 114, S. 267–311.
Dialektik und Sprache. In:Studium Generale, 1968, 21, S. 117–183.
Philosophische Etymologie und historische Semantik. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse,Sitzungsberichte, 262, Band, 4. Wien 1969. Auch: Böhlau, Graz / Wien / Köln 1969,[19]
Über die Sprachverführung des Denkens. Erfahrung und Denken. Duncker & Humblot, Berlin 1972 (Schriften zur Förderung der Beziehungen zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften, Band 38)
Die Sprachentwicklung im Kindes- und Jugendalter. E. Reinhardt, München 1964. 3. Auflage: 1973.
Grillparzer als Denker. Der Ertrag seines Werks für die Welt- und Lebensweisheit. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse,Sitzungsberichte, 280, Band 2. Wien 1975.
Hauptprobleme der Kulturphilosophie. Im Anschluß an die kulturphilosophischen SchriftenRichard Meisters. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1977.
Kurt R. Fischer, Franz M. Wimmer:Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien 1930–1950. WUV – Universitätsverlag, Wien 1993.
Leo Gabriel:Friedrich Kainz – 70 Jahre. In:Wissenschaft und Weltbild, 1967, 20.2, S. 82–83.
Gerhard Gelbmann:Sprachphilosophie und Sprachpsychologie. Der sprachkritische Ansatz von Friedrich Kainz. Peter Lang, Frankfurt am Main 2004 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 20, Philosophie, Band 681). Dazu:Erratum und Memorandum. (PDF; 24 kB) sammelpunkt.philo.at
Helmut Gipper, Peter Schmitter:Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie im Zeitalter der Romantik. Ein Beitrag zur Historiographie der Linguistik. Narr, Tübingen 1979, insbesondere S. 134–137;books.google.com
Erich Heintel:Nachruf auf Friedrich Kainz. In:Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1977, S. 510–516.
Willem J.M. Levelt:A History of Psycholinguistics. The Pre-Chomskyan Era. Oxford UP, Oxford 2013. Insbesondere das Kapitel „Friedrich Kainz“, S. 533–545.
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik:Wirklichkeitsphilosophie und ihre metaphysischen Ränder. Walther Schmied-Kowarzik zwischen Friedrich Jodl und Friedrich Kainz. In: Michael Benedikt, Reinhold Knoll, Cornelius Zehetner (Hrsg.); unter Mitarbeit von Endre Kiss:Verdrängter Humanismus – verzögerte Aufklärung. Band V:Im Schatten der Totalitarismen. Vom philosophischen Empirismus zur kritischen Anthropologie, Philosophie in Österreich (1920–1951). Facultas, Wien 2005.
Herbert M. Schueller:Friedrich Kainz as Aesthetician. In:The Journal of Aesthetics and Art Criticism, 1961, 20.1, S. 25–36.
Christian Tilitzki:Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Dissertation, FU Berlin 1989/1999. Akademie-Verlag, Berlin 2002, insbesondere S. 774–779;books.google.com
Stefan Willer:Poetik der Etymologie. Texturen sprachlichen Wissens in der Romantik. Dissertation, Münster, 2003.
Buchvorschau: Friedrich Kainz, Klassik und Romantik. In: Friedrich Maurer, Heinz Rupp (Hrsg.):Deutsche Wortgeschichte. 3., neu bearb. Auflage. Band II. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1974, S. 245 ff.;books.google.com
Andreas Cesana:Geschichte als Entwicklung? Walter de Gruyter, Berlin 1988, S. 19 ff. (zum Begriff der Sprachverführung);books.google.com
↑Karl Bühler:Sprachtheorie: Die Darstellungsfunktion der Sprache. Mit einem Geleitwort von Friedrich Kainz. 2., unveränd. Auflage. Fischer, Jena 1934. G. Fischer, Stuttgart 1965. Nachdruck: Lucius & Lucius, Stuttgart 1999.
↑Kampitz, Peter (2003):Kainz, Friedrich. In: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.:Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2:H–Q. De Gruyter, Berlin / New York 2003,ISBN 3-11-015485-4, S. 880–881.
↑Harald Weinrich:Linguistik der Lüge. C.H.Beck, München 2006, S. 10–11; über Kainz’ Begriff der Sprachverführung;books.google.com
↑Eckard Rolf:Metaphertheorien: Typologie, Darstellung, Bibliographie. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, S. 298; über die Metaphorik der Kainz’schen Begrifflichkeit;books.google.com
↑Psychologie der Sprache. Band 5.1. Stuttgart 196.5