Friedrich Altrichter (*3. September1890 inBerlin; †10. Dezember1948 in der Lagerabteilung Nr. 13 Karaganda beiBidaik,Oblast Karaganda,Kasachische SSR)[1] war ein deutscherGeneralleutnant derWehrmacht und einflussreicher Militärschriftsteller. Er war u. a. von 1936 bis 1939 Lehrer an derKriegsschule in Dresden und 1941 Kommandeur der1. Infanterie-Division.
Beförderungen
Friedrich Altrichter, aus Berlin stammend, trat im März 1910 alsFahnenjunker in dasGrenadier-Regiment „König Friedrich Wilhelm II.“ (1. Schlesisches) Nr. 10 derPreußischen Armee inSchweidnitz ein und wurde noch im selben Jahr zurKriegsschule inNeiße kommandiert. Im Mai 1914 wurde er dann kurzzeitig zur GewehrfabrikDanzig kommandiert.
Nach Ausbruch desErsten Weltkrieges wurde erAdjutant des Ersatz-Bataillons seines Stammregiments. Eine gleiche Aufgabe folgte 1914 bei derEtappen-Inspektion der9. Armee und 1915 bei der 99. Reserve-Infanterie-Brigade. Im November 1917 war er beim Stab des I. Bataillons im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 230; er wurde schließlich Kompanieführer. Ab Januar 1918 wurde er als Batterieführer im Reserve-Artillerie-Regiment Nr. 50 verwendet. Daneben war Altrichter wechselweise alsZweiter Generalstabsoffizier beim Stab der50. Reserve-Division tätig. Mit Kriegsende wurde er in das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 229 versetzt.
In derReichswehr folgten weitere Verwendungen in Infanterieregimentern, bis er 1929 Lehrer an derInfanterieschule wurde. In dieser Zeit begann auch seine militärschriftstellerische Tätigkeit.
Im Oktober 1933 wurde er Offizier zur besonderer Verwendung beimChef der Heeresleitung im Reichswehrministerium,General der InfanterieKurt von Hammerstein-Equord, in Berlin. Außerdem wurde er Dozent fürWehrwissenschaft undWehrpsychologie an derUniversität Frankfurt am Main. Im März 1934 kam er alsBataillonskommandeur zum9. (Preußisches) Infanterie-Regiment nachPotsdam. Zu seinen Adjutanten gehörten u. a.Henning von Tresckow undWolf Graf von Baudissin.[2]
1936 wurde er an derRuprecht-Karls-Universität Heidelberg zumDr. phil. promoviert (Thema:Die seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege). Im Oktober 1936 wurde er Lehrgangsleiter (D) an derKriegsschule inDresden.[3] Er unterrichtete eine nicht unbeachtliche Zahl von jungen Offizieren unter dem empfundenen „Schock“ der Kriegsniederlage im Ersten Weltkrieg[4], er war allerdings kein Vertreter derDolchstoßlegende.[5] 1938 war er außerdem Kommandeur des Infanterie-Regiments 54 derWehrmacht. Ende des Jahres erfolgte seine Verwendung als Lehrgruppenkommandeur (A) an der Kriegsschule.
Nach Beginn desZweiten Weltkrieges war er zunächst Kommandeur des Infanterie-Regiments 188 der68. Infanterie-Division. Von Januar 1940 bis März 1941 war er für Infanterie-Lehrgänge zuständig und in derFührerreserve geparkt. Im Juli 1941 wurde er mit der Führung der1. Infanterie-Division betraut. Von September 1941 bis April 1942 war er Kommandeur der58. Infanterie-Division und erhielt am 23. Januar 1942 dasDeutsche Kreuz in Gold. Vom 3. April bis 31. Mai 1942 befand Altrichter sich erneut in der Führerreserve und wurde anschließend Kommandeur der Division Nr. 154, ebenso der daraus hervorgegangenen154. Reserve-, der154. Feldausbildungs- und154. Infanterie-Division. Im April 1945 wurde er noch Kommandeur des Feldausbildungskorps Mitte.
Als solcher geriet er im Mai 1945 insowjetischeKriegsgefangenschaft. ImKriegsgefangenenlager 5110/48 Woikowo beiIwanowo kam er in Kontakt mit „antifaschistischen Offizieren“ desNationalkomitees Freies Deutschland (NKFD), ohne sich ihnen jedoch anzuschließen.[6] Ende 1948 verstarb er an Herzversagen in dem Gefangenenlager Bedaik in der Nähe vonBidaik in derKasachischen SSR.[1]
Bereits sein WerkDie kampfbereite Kompagnie (1929) wurde durch den deutschfreundlichen Schweizer OffizierGustav Däniker als „wertvoll“ für Truppenführung und Ausbildung beschrieben.[7]
Insbesondere seine soziologische StudieDie seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege (1932) gehört nach Meinung des MilitärsoziologenPaul Klein u. a. (1998) zu den wichtigen militärpsychologischen Veröffentlichungen in der Zeit der Weimarer Republik,[8] sie wurde bisweilen mitCarl von Clausewitz’ Hauptwerk verglichen und auch seinerzeit im angloamerikanischen Raum durchPaul F. Douglass gewürdigt.[9] Dem britischen MilitärhistorikerHew Strachan (2002) gilt sie als „einzige ernstzunehmende Analyse“ derKampfmoral des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg.[10] Auch der deutsche MilitärhistorikerChristian Stachelbeck (2013) nahm eine vergleichbare Einschätzung vor.[11] Strachan (1996) bezeichnete Altrichter als einenpatriotischen, aber nicht unkritischen Beobachter dieser Zeit.[12] Die Redaktion derAllgemeinen Schweizerischen Militär-Zeitung (ASMZ) schrieb bereits 1934 in einer Rezension von „einer der bedeutungsvollsten Erscheinungen auf dem Gebiet der Militärpsychologie“.[13]
Altrichters nächstes WerkDas Wesen der soldatischen Erziehung (1935) befasste sich mit der soldatischen Erziehungslehre. Auch dieses wurde zum Teil durchaus positiv aufgenommen, so befand der deutschfreundliche OffizierEugen Bircher, dass es „viel Anregung für den soldatischen Unterricht gebe“.[14] Anderseits gab es auch viele Kritiker wie den GeschichtsdidaktikerErich Weniger, der vor allem anmahnte, dass die Arbeit eine „Entpersönlichung“ des Soldaten zur Folge habe.[15] Das Werk war nach der „Machtergreifung“ zunächst sprachlich so verfasst, dass es für „die NSDAP akzeptabel“ war, so Strachan.[10] Altrichter schrieb u. a., dass soldatische Erziehung „nicht nur Vermittlung technischer Kenntnisse und körperlicher Fertigkeiten“ sei, sondern „das wahre Soldatentum“ habe „seine Wurzeln im Bereich desSittlichen, es äußert sich in einer bestimmten seelischen Haltung und erfüllt sich in einer auf das höchste gesteigerten Staatsgesinnung, die aus Liebe zuVolk undVaterland jederzeit zum Opfer des Lebens bereit ist.“[16] Der Band wurde mehrfach aufgelegt, zuletzt auch unter dem Eindruck derVolksgemeinschaft des Nationalsozialismus.[17] Es hieß beispielsweise, dass man sich auf „rassenmäßige[] Grundlagen beziehen“ müsse.[18] Der MilitärhistorikerManfred Messerschmidt (1969) – der Altrichter zu den „produktivsten Theoretiker[n] auf dem Felde des militärischen Erziehungswesens“ rechnete[19] – setzte sich eingehend mit „Überbewertungen“ Altrichters und vor allem den problematischennationalsozialistischen Komponenten auseinander.[20]
Als Nachfolger vonAlbert DiltheysStandardwerkDer Einjährig-Freiwillige der Reserve-Offiziersaspirant und der Offizier des Beurlaubtenstandes der Infanterie, das 1918 in 54. Auflage erschien, galt dem VerlagE.S. Mittler & Sohn in seiner Festschrift[21] von 1939 AltrichtersDer Offizier des Beurlaubtenstandes. (1935), welches zuletzt zum 15. Male aufgelegt wurde.[20]
Bircher, der bereits 1935 ein Werk Altrichters rezensierte, befand, dass es sich beiDer soldatische Führer (1938) um „ein ganz ausgezeichnete[s] Buch“ handle, welches er jedem Offizier aller Streitkräfte empfehlen und von dem er sehr viel lernen könne. Gleichzeitig distanzierte er sich von einzelnen Kapiteln mit einer „spezifisch deutschen nationalsozialistischen Weltanschauung“.[22]
Der Schweizer Offizier und JuristHans Ulrich von Erlach würdigte Altrichters BeitragEntwicklung der Erziehungsgrundsätze des Offiziersnachwuchses im preußisch-deutschen Heere (1938) in einer Rezension zumVerinnerlichtes Soldatentum.[23]
Wie aus Fachrezensionen vonErich Weniger, erschienen u. a. inWissen und Wehr,Die Erziehung undZeitschrift für Kinderforschung der 1930er und 1940er Jahre hervorgeht, gehörte Altrichter nebenMax Simoneit zu den richtungsweisenden Wehrpsychologen des Dritten Reiches.[24] Sämtliche Einzelwerke (überwiegend die Auflagen der 1940er Jahre) wurden 1946 durch dieDeutsche Verwaltung für Volksbildung in derSBZ auf dieListe der auszusondernden Literatur gesetzt, wo u. a. militaristische Werke auftauchten.[25]
1984 bemerkte der promovierte Historiker und MinisterialbeamteHans Karl Fritzsche, einstWiderstandskämpfer des 20. Juli 1944, in seinen Lebenserinnerungen: „Der Oberstleutnant von Altrichter hielt sich für einen Nationalsozialisten, weil er gegen rückständigen Kommiß schrieb und den Ausbildungsbetrieb entkrampfen wollte. Noch heute wird er von älteren Überlebenden des Regiments als Nazi denunziert. Aber er war es gar nicht. In einigen seiner Schriften kann man das Adjektiv ‚nationalsozialistisch‘ getrost streichen und dafür ‚reformerisch‘ einsetzen und man hat den Grafen Baudissin, der ja damals Regimentsadjutant bei IR 9 war. Damit soll noch gar nichts über ‚Innere Führung‘ gesagt sein, nur soviel, daß gerade in Potsdam Reformideen schon zur Reichswehrzeit in der Luft lagen“.[26]
EineKleine Anfrage der AbgeordnetenUlla Jelpke,Sevim Dağdelen,Hakkı Keskin, weiterer Abgeordneter und derFraktion DIE LINKE imDeutschen Bundestag thematisierte 2009 die Recherchen des politischen FernsehmagazinsKontraste (RBB) zum ThemaTraditionspflege in der Bundeswehr.[27] So werden in dem AusbildungsbuchÜben und Schiessen, Hilfen für den Gefechtsdienst desHeeresamtes einzelne Passagen von Altrichters WerkDas Wesen der soldatischen Erziehung abgedruckt, was der PolitikwissenschaftlerWolfgang Gessenharter in dem Bericht vonCaroline Walter undAlexander Kobylinski kritisierte. BrigadegeneralWalter Spindler, Leiter der Abteilung II (Ausbildung) im Heeresamt, kommentierte: „Gleichwohl gibt es militärische Grundweisheiten, die Einzelschützen, die Führer von Verbänden zu verinnerlichen haben. Und militärische Grundweisheiten existierten auch während der 12 Jahre eines totalitären Regimes.“[28] Die damaligeschwarz-gelbe Bundesregierung beantwortete die Kleine Anfrage mit: „Die in Rede stehenden Inhalte sind nicht in dem Verständnis von ‚Wehrmachts-/Landsergeschichten‘ in die Unterlagen aufgenommen worden.“[27]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Altrichter, Friedrich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Generalleutnant, Militärschriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 3. September 1890 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 10. Dezember 1948 |
| STERBEORT | Lagerabteilung Nr. 13 Karaganda beiBidaik,Oblast Karaganda,Kasachische SSR |