Franz West wuchs als Sohn einer Zahnärztin und einesKohlenhändlers in einer Wohnung imKarl-Marx-Hof im 19. Wiener Gemeindebezirk auf, in welchem seine Mutter ihre Zahnarztpraxis betrieb. Wests um 17 Jahre älterer Halbbruder väterlicherseits war der Wiener „Arbeiterdichter“, Schauspieler und PerformancekünstlerOtto Kobalek (1930–1995), einWiener Original im Umfeld vonHelmut Qualtinger.Durch die brüderliche Freundschaft verbrachte Franz West häufig Zeit in Wiener Lokalen und Cafés, die von anderen Künstlerschaffenden frequentiert wurden.[2] Der Einstieg in sein künstlerisches Schaffen erfolgte zunächst autodidaktisch. Mittels der abonnierten Kunstzeitschriften sowie -bücher seiner Eltern verschaffte er sich einen Einblick in die Kunstwelt. Ab 1977 studierte West an derAkademie der bildenden Künste Wien beiBruno Gironcoli. Er war mit der KünstlerinTamuna Sirbiladze verheiratet.
Erste Ausstellungen erfolgten in den 1980er-Jahren, aber seine Beschäftigung mit derSkulptur hatte schon früher mit den sogenanntenPassstücken begonnen. Es handelte sich um freie, transportable, undefinierbare Formen ausGips, Papiermaché oderMetall, die als Stützen,Prothesen oder Gewächse an den Körper gelegt werden konnten. So wollte er unter anderemNeurosen verbildlichen:
„Ich behaupte, wenn man Neurosen sehen könnte, sähen sie so aus.“
Kommunikation undInteraktion mit und durch die Kunst war stets ein Grundthema seiner Arbeiten. Ab 1987 entstanden Sitzmöbel aller Art, verfremdet, ironisiert, aus Fertigteilen oder mit Stoff bespannt. Auch die Möbelstücke der letzten Jahre thematisieren die Frage der Grenze zwischen Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand, die seit dem frühen 20. Jahrhundert ein stets für Diskussionen sorgendes Thema der Bildenden Kunst geworden ist.1993 gestaltete West den österreichischen Beitrag für dieBiennale Venedig. Von 1992 bis 1994 hatte er eine Professur an derStädelschule, Frankfurt am Main, inne.[3] Werke des Künstlers waren 1992 auf derdocumenta IX und 1997 auf derdocumenta X inKassel zu sehen.
Eine derVier Larven (Aluminium und weiße Lackfarbe) auf derStubenbrücke in Wien
Ab den 1990er Jahren produzierte Franz West farbige Außenskulpturen aus Aluminium und Epoxydharz, welche zu einem charakteristischen Bestandteil seines Werkes werden sollten. Die amorphen Figuren wurden sowohl in Innenstädten als auch in ländlichen Gegenden aufgestellt und können als Erweiterung von Franz Wests Idee, die betrachtende Person auf einenDialog einzuladen, gesehen werden. So sollten die Skulpturen ohne Podest oder sonstige Abtrennung meist zugängiglich platziert werden.Zu seinen frühesten Außenskulpturen gehört dieEtude de couleur (1991–93), ein bunt gestaltetesPissoir, welches anlässlich der gleichnamigen Ausstellung auf dem Dach derVilla Arson installiert wurde und den Besuchern die Möglichkeit gab, mit Blick überNizza auf dem Ausstellungsgelände zu urinieren.[4]Besondere Bekanntheit erlangten WestsVier Larven aus dem Jahr 2001. Die mehrteilige Aluminiumskulptur inkludiert eine Texttafel mitHeraklit-Zitat („Denen, die in dieselben Flüsse steigen, fliessen immer neue Wasser zu und (immer neue) Seelen entsteigen dem Nass.“), sowie vier über 2,5 Meter große, abstrahierte Köpfe, jeweils mit andererMimik. DieVier Larven wurden an jedem Eckpfeiler derStubentorbrücke in Wests HeimatstadtWien installiert, wo sie bis 2021 ausgestellt waren.[5] Eine seiner größten Außenskulpturen ist die bis zu über acht Meter hohe, mehrteilige SkulpturengruppeLes pommes d'Adam, welche unter anderem anlässlich derFoire internationale d’art contemporain (FIAC) 2007 auf demPlace Vendôme inParis gezeigt wurden.[6]
Franz West publizierte im Jahr 1995 anlässlich der Frankfurter Buchmesse das KünstlerbuchOtium, welches durch denEdition Unikate-Verlag herausgegeben wurde.[7] Darin befinden sich über einDiktaphon aufgenommene und durch eine Schreibmaschine transkribierte Überlegungen des Künstlers. Dabei entstandene Fehler überarbeitete er mit Farbe undTipp-Ex, sodass eine Art skulpturaler, mehrschichtiger Text entstand. Das Künstlerbuch beinhaltet ebenfalls Gedichte des Halbbruders Otto Kobalek und wurde im Auftrag desORF im Jahr 2017 als Hörspiel umgesetzt. Der TitelOtium bezieht sich auf das Zitat „Mihi otium est“, was ins Deutsche etwa mit „Der Müßiggang ist mir eigen“ übersetzt wird und für Franz West bereits in den frühen 70er Jahren zu einer ArtMindset wurde.[8]
Für die Saison 2009/2010 in derWiener Staatsoper gestaltete Franz West im Rahmen der vonmuseum in progress konzipierten Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ das Großbild „Drei – Vom Vorgang ins Temperament“.
Franz West erhielt einEhrengrab der Stadt Wien auf demZentralfriedhof (Gruppe 33 G).[10] Die rosarote Grabskulptur wurde von ehemaligen Assistenten des Künstlers angefertigt. Zu diesem Zweck wurde eine viel kleinere von Franz West geschaffene Skulptur vergrößert. Die Entscheidung dazu war nach dem Tod von Franz West von dessen Witwe und der Franz West Privatstiftung getroffen worden.[11]
Im Januar 2021 erging vom OGH ein Urteil zum Nachlass des Künstlers. Seine Werke sollten endgültig an die, vom Künstler gegründete, Privatstiftung übertragen werden. Am 20. Juli 2012 hatte er „am Krankenbett eine Unterschrift unter jenes Dokument gesetzt, das die Franz West Privatstiftung begründete. Denn die Erhaltung, die wissenschaftliche Betreuung und Verbreitung seines künstlerischen Lebenswerkes wollte er explizit Professionisten überlassen – nicht jedoch seiner Familie, die er aber als Begünstigte einsetzte.“[12] Die Verlassenschaft Wests hatte dagegen geklagt. Bis sein letzter Wille umgesetzt werden konnte, „bedurfte es nicht eines oder zweier, sondern sogar dreier Urteile des Obersten Gerichtshofs (OGH). Das jüngste datiert vom 21. November 2023 und zieht nun endgültig“ einen Schlussstrich unter den Erbrechtsstreit, „wie die Franz West Privatstiftung aktuell auf ihrer Website bekanntgab.“[13] Somit ist die von West gegründete Stiftung für den Nachlass zuständig. Ob die Ansprüche der Kinder, die jetzt auf den Pflichtteil klagen, womöglich verjährt sind, bleibt zu klären.[14]
Kristine Bell (Hrsg.):Franz West – Early work [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Zwirner & Wirth (ab 2010 lediglich als Galerie David Zwirner geführt), 30. Oktober 2004 – 8. Jänner 2005.] Zwirner & Wirth, New York 2004.
Franz West:Franz West – Displacement and Condensation. [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Gagosian Gallery London, 12. September – 21. Oktober 2006.] Gagosian Gallery, London 2006,ISBN 1-932598-36-7
Franz West,Benedikt Ledebur:Extroversion – a Talk / ein Gespräch.[23] [Erschienen anlässlich der Beteiligung von Franz West an der Ausstellung ILLUMInations, kuratiert vonBice Curiger im Rahmen der 54. Biennale di Venezia 2011, an der West den goldenen Löwen für sein Lebenswerk verliehen bekommen hat.] Schlebrügge.Editor, Wien 2011,ISBN 978-3-902833-00-6
Kasper König (Hrsg.):Franz West – Autotheater. [Publikation zur gleichnamigen Retrospektive in Köln, Neapel und Graz; Museum Ludwig, 11. Dezember 2009 – 14. März 2010; Madre – Museo d'Arte Contemporanea Donnaregina, 15. Mai – 23. August 2010; Kunsthaus Graz, 24. September 2010 – 9. Januar 2011.] DuMont, Köln 2009,ISBN 978-3-8321-9280-8.
Franz West in:Internationales Biographisches Archiv 03/2012 vom 17. Januar 2012, imMunzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
Klaus Thoman (Hrsg.):Franz West – Die Aluskulptur im Schlosspark Ambras [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Schlosspark Ambras, Juni – Oktober 2000.] Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck 2000,ISBN 3-88375-439-0
Otium, nach dem gleichnamigen Künstlerbuch von Franz West, Hörspiel vonOliver Augst, mit Rüdiger Carl undHeimo Zobernig,ORF 2017. 2018 erschienen als LP beiKoenig Books London. Hrsg. von Astrid Ihle. Text vonBenedikt Ledebur. Konzept u. Gestaltung: Heimo Zobernig. Schuber mit einer Schallplatte in Hülle & 2 Booklets (12 S. & 32 S.) – Text in dt. & engl. Sprache.
Eva Badura-Triska (Hrsg.): 'Franz West. Proforma'. [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, 20er Haus Wien, 16. März – 19. Mai 1996.] MMKSLW, Wien, 1996.
Francisco de la Torre Prados, Francisco Ruedo:Franz West. Últimas Décadas [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung imZentrum für zeitgenössische Kunst Málaga, Juni – August 2021.], Zentrum für zeitgenössische Kunst Málaga (Hrsg.), Málaga 2021.
Tim van Laere, Andreas Reiter Raabe:Franz West [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung], Tim van Laere Gallery (Hrsg.), Antwerpen 2018.
Hans Ulrich Obrist (Hrsg.), Ines Turian (Hrsg.):Franz West Notes. Writings 1975-2011, Wien 2018.
Hans Ulrich Obrist (Hrsg.), Ines Turian (Hrsg.):Franz West SCHRIEB. Texte von 1975-2010, Köln 2011.
Benedikt Ledebur (Hrsg.):Der Ficker [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck, 12. Februar – 23. April 2005], Wien 2005,ISBN 3-85160-050-9
Benedikt Ledebur (Hrsg.), Galerie Elisabeth & Klaus Thoman (Hrsg.):Der Ficker [Publikation zur Ausstellung Der Ficker N.2, Wittgensteinhaus Wien (05. – 27. April 2006)], Wien 2006.
Ines Turian (Hrsg.), Johannes Schlebrügge (Hrsg.):Gesammelte Gespräche und Interviews, Köln 2005,ISBN 3-88375-607-5
Sarah Lukas, Benedikt Ledebur:Franz West. Displacement and Condensation [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung derGagosian Gallery London], Gagosian Gallery (Hrsg.), Ostfildern 2006,ISBN 1-932598-36-7
Veit Loers:Franz West, Friedrich Christian Flick Collection (Hrsg.), Köln 2006.
Melitta Kliege:Franz West. Sisyphos: Litter & Waste [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung derGagosian Gallery New York, 22. Februar – 29. März 2003], Gagosian Gallery (Hrsg.), New York 2003,ISBN 1-880154-89-7
Veit Loers:Abriss der Farbenlehre. Martin Kippenberger / Franz West [Publikation zur Ausstellung der Sammlung Förg im Städtischen Museum Abteiberg], Städtisches Museum Abteiberg (Hrsg.), Mönchengladbach 2003.
Wilfried Skreiner:Franz West. Legitime Skulptur [Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz, 06. Februar - 02. März 1986.] Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum (Hrsg.), Graz 1986.